nmaMnmmai DIE ROHSTOFFE DES PFLANZENREICHES VOM Dr. JULIUS VON WIBSNER 10. BAND g miTiE A^WI MliR 3 J'%*J± i^-JVtM iSJ VERLAG VON UlHEIl! EMiSJ^iAHN lEimä mk:j.mMmMmmm'ä mmmm iift ■^™^^" ^ ' — ^M^— m j LH □ m o^^^s IT J r-q ^t— — O ^^=^= □ W^^i ;« v/ i DIE ROHSTOFFE DES PFJLANZENEEICHES VERSUCH EINER TECHNISCHEN RdllSTOFFLEHRE DES PFLANZENREICHES UNTER MITWIRKUNG Hofrat Proi iK Wien; Re' Prof. Dr. Y. Dr. G. van 1 Prof. Dr. F Prof. Dr. K. Hofrat Prof Dr. K. WI vox Dr. MAX BAMBERGI:R in Wien; Prof. Dr. WILH. FIGDOR erungsrat Prof. Dr. T. F. HANAUSEK i in Wien; Hofrat V. HÖHNEL IN Wien; Prof. Dr. M. HONIG in Brunn; Prof. ERSON in Delft; Prof. Dr. F. KRASSER in Prag; Hofrat AFAR IN Wien; Prof. Dr. K. LINSBAUER in Graz; Hofrat OSCH + IN Brunn; Hofrat Prof. Dr. J. MOELLER in Wien; Dr. H. molisch in Wien; Pro£\ J. WEESE; Hofrat Prof. HELM in Wien und Hofrat Prof. Dr. S. ZEISEL in Wien VON D" JULIUS VON WIESNERt MIE UND PHYSIOLOGIE DER PFLANZEN UND DIREKTOR DES PFLANZENPHYSIOL. INSTITUTES JSITÄT I. R., WIBKL. MITGL. DER KAISERL. AKAD. DER VVISS. IN WIEN, KORR. BZW. AUSWÄRT. AKAD. DER WISS. IN BERLIN, MÜNCHEN, PARIS, ROM, STOCKHOLM, KOPENHAGEN, ST. PETERSBURG UND TURIN USW. DRITTH UMGEARBEITETE UND ERWEITERTE AUFLAGE NACH DEM tUe J. VON WIESNERS UND T. F. HANAUSEKS FORTGESETZT VON J. MOELLER O. O. PROF. DER ANAT AN DER WIENER UNIV MITGLIED DES DRITTER BAND MIT 332 T E X T F I G U R E N LEIPZIG VERLAG VON WILHELM ENGELMANN 1921 Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. Copyright by Wilhelm Engelmann 1921. / Vorbemerkimg zum dritten Bande der dritten Auflage. Auch Hanausek, dem Wiesner neben mir die Fortsetzung dieses Werkes anvertraut hatte i), ist aus dem Leben geschieden; am 4. Fe- bruar 1918 erlag der Nimmermüde einem langjährigen Herzleiden. So blieb mir, der ich auch am Ende meiner Tage stehe, die Aufgabe, das literarische Vermächtnis des Altmeisters zu vollstrecken. Die Kriegsnot erschwerte und verzögerte die Arbeit. Die bereits abgelieferten Beiträge waren z. T. veraltet und bedurften namentlich mit Rücksicht auf die neue Literatur mancher Ergänzung. Dieser mühevollen Aufgabe unter- zog sich bezüglich der Beiträge Wiesners und Hanauseks Herr Prof. Weese, der auch die z. T. nur in Skizzen vorliegenden Figuren zeichnete und das Register bearbeitete. Ihm gebührt auch an dieser Stelle mein und der Leser Dank. Wien, im September 1950. J. Moeller. 1) S. die Vorbemerkungen zum zweiten Bande. Inhaltsübersicht. Siebzehnter Abschnitt. Fasern von J. Wiesner ■{• und S. Zeisel, ergänzt von J. Weese I I. Anatomischer Bau 2 II. Physikalische Eigenschaften . 9 III. Chemische Charakteristik . . 25 IV. Kennzeichen 36 V. Übersicht der Faserpflanzen . 62 VI. Spezieller Teil 97 1. Baumwolle 100 2. Wolle der Wollbäume . . .139 3. VegetabiHsche Seide . . . .146 4. Flachs 154 3. Hanf 184 6. Gambohanf 195 7. Faser von Crotalaria juncea . 200 8. > » Sida retusa. . . . 204 9. » > Calotropis gigantea 207 10. Boehmeriafaser 208 II. Nesselfaser 223 12. Jute 238 13. Abelmoschusfaser 251 14. Urenafaser 254 15. Bauhiniafaser 257 16. Thespesiafaser 258 17. Gordiafaser 261 18. Lindenbast 264 19. Sterculiabast 267 20. Holopteleabast 269 21. Kydiabast 271 Seite 22. Gnidiabast 272 23. Tremabast 275 24. Musafasern 277 25. Agavefasern (Pite, Sisal) ... 286 Sisalhanf 297 Kantalahanf 302 Henequen 308 26. Mauritiushanf 313 27. Neuseeländischer Flachs. . . .314 28. Aloefaser 318 29. Bromeliafaser 320 30. Sansevieriafaser 323 31. Esparto 327 32. Piassave 334 33. Pandanusfaser 342 34. Raphiafaser 344 33. Posidoniafaser 347 36. Tillandsiafaser 350 37. Kokosfaser 337 38. Torffaser 362 Papierfasern 367 39. Strohfaser 371 40. Espartofaser 377 41. Bambuspapiere 379 42. Holzfaser 381 43. Papiermaulbeerfaser 384 44. Edgeworthiafaser 387 45. Torffaser 389 Anhang: Arahamark 390 Geschichtliches .... 392 Inhaltsübersicht. Achtzehnter Ahschnitt. Unterirdische Pflanzenteile von J. Moeller 406 Übersicht 4 07 Besonderer Teil 429 1. Vetiverwurzel 429 2. Kalmus 431 3. Veilchenwurzel 4 35 4. Ingwer 439 Seite 5. Gelbwurzel 443 6. Canaigre 447 7. Seifenwurzel 430 8. Bodawurzel . 45G 9. Süßholz 437 10. Alkannawurzel 463 11. Krapp 467 12. Morinda 470 Zuckerrübe von F. Krasser 473 Neunzehnter Abschnitt. Seite Blätter und Kräuter von T. F. Ha- nausekf, ergänzt vonJ. Weese 490 Übersicht 492 Besonderer Teil 524 1. Wau 524 2. Weichselblätter 526 3. Färberginster 530 4. Sumach 531 Zuckerrohr von G. van Iterson jr. Seite ö. Shiniablätter 543 6. Henna 347 7. Rosmarin 549 8. Pfeffei'minze .t51. 9. Krauseminze 353 10. Patschuü 357 11. 'I abak 365 12. Triiisablätter 380 583 Zwanzigster Abschnitt. Seite Blüten u. Blütenteile von K. Lins- bauer 397 Übersicht 597 Besonderer Teil 609 1. Safran 609 Calendula-Blüten . . . . . . 617 2. Champaca-Blüten 618 3. Ylang-Ylang 619 Seite 4. Rosenblätter 622 3. Orangenblüten 629 6. Malvenblüten 632 7. Gewürznelken 634 8. Jasminblüten 641 9. Lavendelblüten G42 10. Insektenpulverblüten 649 11. Saflor 656 Einnndzwanzigster Abschnitt. Samen von T. F. Hanaus ek f, er- gänzt von J. Weese .... . . 662 Übersicht . . 662 Besonderer Teil . . 673 1. Vegetabilisches Elfenbein . . 675 2. Kokosnußkerne .... . . 691 3. Palmkerne . . 696 4. Muskatnuß und Macis . . . 701 5. Mohnsamen . . 707 6. Senfsamen . . 712 Seite 7. Raps- und Rübsensamen. . . . 724 8. Mandeln 729 9. Erdnuß 734 10. Tonkabohnen 744 11. Leinsamen 732 i 12. Ricinussamen 736 I 13. Baumwollsamen 760 j 14. Kakaobohnen 763 13. Sesam .776 I 16. Flohsamen 786 Inhaltsübersicht. Zweiundzwauzigster Abschnitt. Früchte von T. F. H anause kf und 8. J. Weese. . . . . . 791 9. Übersicht . . . . . 791 10. Besonderer Teil . . . 807 11. ■). Kokosnußschalen . . . 807 12. 2. Vanille . . . . . 812 13. 3. Buchnüsse . . . 820 14. 4. Valonea . . . . 823 15. 5. Hopfen . . . . . 834 16. 6. Sternanis . . . . 844 17. 7. Bablah . . . . . 850 18. Seite 858 Dividivi Tari 863 Algarobillo . 869 Seifenbeeren 873 Gelbbeeren 884 Myrobalanen 8*<9 Chines. Gelbschoten 895 Sonnenblumenkerne 898 Saflor . „ 903 Nigerfrüchte 907 Madifrüchte 90 Bast- belege« als Libriform gedeutet werden sollten. Da sie aber mit den »Bastbelegen« des Phlocms vollständig übereinstimmen, so ist es namentlich von unserem Stand- punkte aus gerechtfertigt, den hier statthabenden, bloß topographischen Unterschied unbeachtet zu lassen. 6 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. von den übrigen Gefäßbündelteilen getrennt (z. B. bei allen Fasern diko- tyler Pflanzen), im letzteren Falle dient das ganze Gefäßbündel als Faser (Kokosnuß). Ausnahmsweise kommt es vor, daß sämtliche Gefäßbündel eines Stengels, untereinander durch mechanische Zellen verbunden, als Faser auftreten (Tillandsiafaser). Die diese Faser zusammensetzenden Gefäß- bündel sind kollateral gebaut. Die Textilfasern werden, von Haarbildungen abgesehen, in der Regel nur aus Stengeln dikotyler oder aus Blättern monokotyler Pflanzen dargestellt. Seltener dienen Stengel mono- kotyler Gewächse oder Früchte zu derlei Fasern. Die Tillandsiafaser ist ein Beispiel für den ersteren. die Kokosfaser für den letzteren Aus- nahmsfall. Der Stengel der Dikotylen besteht, im Querschnitt gesehen (Fig. 1), aus einem Kreis von kollateralen Gefäßbündeln, welche nach außen zu von Rindenparenchym (z. B. im Stengel des Lein, s. Fig. 1 , r) oder von diesem und Kollenchym (Ramiestengel), nach innen zu vom Marke (Fig. 1, 7n) begrenzt sind. Zwischen den Gefäßbündeln liegen die Markstrahlen. Der Stengel ist anfangs stets von einer Oberhaut begrenzt. Diese Oberhaut bleibt entweder bis ans Lebensende des Stengels erhalten (z. B. beim Flachs; Fig. 1, o) oder sie wird später durch ein Periderm ersetzt (z. B. bei Ramie). Die Gefäßbündel des Stengels der Dikotylen gliedern sich in den nach der Rinde gekehrten Rindenteil (Phloem) und den nach dem Marke gewendeten Holzteil (Xylem). Bei der Fasergewinnung aus dikotylen Stengeln (Flachs, Hanf, Jute, Ramie usw.) handelt es sich darum, die Bastbündel von allen übrigen Geweben des Stengels zu befreien. Es gehngt dies bei Stengeln viel leichter als bei Blättern, wie aus den anatomischen Verhältnissen hervorgeht. Die aus den Stengeln dikotyler Pflanzen dar- gestellten Fasern bestehen in ihren reinsten Formen bloß aus Bastzellen (Flachs). Doch können an solchen Fasern, namentlich an gröberen, noch andere Phloembestandteile (Bastmarkstrahlen, ßastparenchym, selten Sieb- rühren), ja bei unvollkommener Zubereitung auch Rindenteile (Rinden- parenchym oder Kollenchym, sogar auch Oberhaut) und Fragmente von Holzteilen (aus dem Xylem des Gefäßbündels) anhaften. Die Blätter der Monokotylen bestehen aus Haut-, Grund- und Stranggewebe (Fig. 3). Als Hautgewebe tritt eine Oberhaut auf. Das Grundgewebe ist, insbesondere in den fleischigen Blättern (z.B. dem Agaven- blatt), sehr reich entwickelt. In diesem Gewebe liegen die Stranggewebe. Letztere sind entweder nur (kollaterale oder hemikonzentrische) Gefäßbündel Siebzehnter Abschnitt. Fasern. oder es gesellen sich hinzu noch ein- fache Baststrängel) (pig. 3; 1—4 Gefäßbündel, öeinfacheBaststränge). Bei der Fasergewinnung aus Monokotylenblättern (Manilahanf, Si- sal, usw.) handelt es sich darum, die Bastbündel von den übrigen Ge- weben des Blattes zu befreien. Die »einfachen Baststränge« sind wohl leicht zu isolieren, da sie ohne weitere Anhänge im Parenchym des Grundgewebes liegen. Aber die »ein- fachen Baststränge« fehlen entweder in den Blättern gänzlich oder sie '-^-C bündeln an Zahl und Masse (Fig. 3). Die Bastbündel des Phloems von den übrigen Gefäßbündelanteilen zu befreien, gelingt bei Monokotylen- blättern beinahe niemals vollständig, so daß der technischen Faser fast immer noch Xylembestandteile (Ge- fäße usw.), ja manchmal auch Sieb- rühren oder auch noch Grund- gewebszellen anhaften. 1) Einfache Baststränge bestehen bloß aus Bastzellen. Man findet diese Art von mechanischem Gewebe sowohl in Blättern monokotyler Pflanzen (Agave, Sansevieria usw.) als in Stengeln mono- kotyler Pflanzen (z. B. im Schafte von Oy- perus Papyrus, aus welchem der Papyrus der Alten erzeugt wurde). Sie dienen der Biegungsfestigkeit der Organe, gleich den Bastbündeln der Gefäßbündel, und kommen deshalb hauptsächlich in der Peripherie der Organe vor. Die einfachen Baststränge sind wohl Stranggewebe, können aber nicht als Gefäßbündel in dem oben definierten Sinne betrachtet werden. Vom phylo- genetischen Standpunkte aus — der aber Fig 3 Vergi.50. Duichscbintt durch das Blatt der Agave americana (unteres Drittel), oo Olier- haut, nimm parenchymatisches Grundgewebe des Blattes (Mesophyll), 1, 2, 3, 4, 5 Stranggewehe {1—4 Gefäßbündel, 5 einfache Baststränge). Die Gefäßbündel sind durchweg koUaleral und wenden ihre Phloeme (6 Baststraug, p Siebteil des Phloems), sowohl an der Ober- als Unterseite des Blattes gegen die Oberhaut, ihre Xyleme (x) gegen das Blattinnere hin. Im mittleren Blatteile ist das Gefäßbündel [2) nach außen und innen mit Bast- beleg versehen. hier nicht eingenommen wird, da er für unsere Betrachtungsweise keinen Vorteil gewährt — sind wohl viele, wenn auch nicht alle einfachen Baststränge als reduzierte Gefäßbündel zu deuten. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Wenn das Gefäßbündel des Rohmaterials der Faser hemikonzen- trisch ist (p. 5). so lassen sich die Bastzellen von den übrigen Ge- tier. 4. Vergr. 300. Kin tiefäßbühdel ans dem unteren Teile des Blattes von Ayave americanu \m Querschnitt. P parencliymatisches Grnndgewebe (Mesophyll), in welchem das (kollaterale) Gefäßbündel eingebettet ist. p + 6 Phloem, x Xylem, h Bastbündel, p Siebteil des Phloems. s von den Gefäßen abgelöste Schraubenbänder. k Kristall von osalsaurem Kalk in Bastpareuchymzellen liegend. fäßbündelbestandteilen gar nicht trennen. Dieser Fall kommt bei Blättern der Monokotylen nur selten, hingegen häufig bei monokotylen y, ,..,-, Stämmen (Fig. 2i und nicht selten auch hei den Früchten ^ jf?^ "\ der Monokotylen, z. B. bei der Kokosnuß, vor. Die aus fi der Kokosnuß gewonnene i : ;. Faser (Goir) besteht noch aus t- / i dem ganzen Gefäßbündel, der Bastmantel ist intakt, desgleichen das ganze Xylem. Hingegen ist der sog. Weich- bast, d. i. der weiche er- nährungsphysiologische Teil des Phloems (Siebröhren und Phloemparenchym), an der technischen Faser nicht mehr zu sehen ; an seiner Stelle erscheint ein Hohlraum (Fig. 5,_p/<). Die zarten Ele- mente des Phloems trockneten bei der Darstellung der Faser ein, schrumpf- ten und zerstäubten, so daß sie in der Faser nicht oder nur in kleiner Menge und dann nur sehr schwer nachweisbar sind M. — Auch an Fig. 5. Vergr. 300. Querschnitt durch die Kokosnuß faser. Hemikonzentrisches Gefäßbündel mit kollateralem Mestom (x Xylem, ph Stelle, wo da» zarte PhloPm sich befand), das von einem mächtigen ßastraantel (6) umgeben ist. p Reste des Grundgewebes, in welchem das Gefäßbündel liegt. \) Siehe hieiüber weiter unten bei Kokosnußl'asern. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 9 anderen technischen Fasern, z. B. an den Fasern bestimmter Agave- und Sansevie7'ia- Avien, kommen gleichfalls solche Aushöhlungen vor. In all diesen Fällen ist die Faser von einem luftführenden Kanal durch- zogen. Bei der mikroskopischen Charakteristik der Fasern wird auf die histologische Zusammensetzung derselben Rücksicht zu nehmen sein, so wie auf Form, GrOße und den feineren Bau der die Faser zu- sammensetzenden Zellen (Bastzellen, Bastparenchymzellen, Bastmark- strahlen usw.) und Gefäße. Einige in der Charakteristik der Fasern besonders wichtige Eigentümlichkeiten ihrer histologischen Bestandteile werden weiter unten (Kennzeichen der Fasern) noch hervorgehoben werden. II. Die physikalisclien Eigenschaften der Fasern. Wenn auch die physikalischen Eigenschaften der Pflanzenfasern bis- her noch keine durchgreifende, dem heutigen Standpunkt der Natur- wissenschaften durchweg entsprechende Bearbeitung gefunden haben, so schreitet das Studium dieses wichtigen Gegenstandes doch unaufhörlich weiter, was sich auch in diesem Werke ausspricht, wenn die aufeinander- folgenden Auflagen nach dieser Richtung hin verglichen werden. Die Farbe der meisten Fasern ist eine weißliche, ins Gelbe, Grüne oder Graue geneigte. Nur selten haben die Fasern eine andere natür- liche Färbung, die dann fast immer für die betreffende Faser charakte- ristisch ist. So ist die kotonisierte Ramiefaser schneeweiß, der Kordia- bast blaßgelblich, die Bauhiniafaser rostbraun, die Kokosfaser braun in verschiedenen Nuancen, die brasilianische Piassave zimt- bis schokolade- braun, die afrikanische Piassave strohgelb bis tiefbraun, die Tillandsia- faser und die Caryota-Piassave (Kitool) braunschwarz bis schwarz usw. Glanz. Die Pflanzenfasern zeigen in bezug auf Glanz alle Grade, von völliger Glanzlosigkeit angefangen bis zum lebhaftesten Seidenglanz. So ist die Kordiafaser und die Bastfaser von Calotropis gigantea matt im Aussehen, die Jute deutlich seidenglänzend; die vegetabilische Seide besitzt einen starken, von der Seide nicht übertroffenen Glanz. Doppelbrechung der Fasern. Die Doppelbrechung (Anisotropie) der vegetabilischen Zellhaut wurde zuerst von Kindt, und zwar an der Baumwolle nachgewiesen i). Die Membran der Pflanzenzelle ist in der Regel doppeltbrechend, doch gibt es Ausnahmen, z. B. die Membranen der Myzelfäden von Tremella fimbriata Pers., welche erst durch Zug \) Poggendorffs Annalen, LXX (1847), p. 167. 10 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. oder Druck doppeltbrechend werden i). Aber die Zellhäute der Pflanzenfasern sind immer anisotrop^). Bringt man eine Pflanzen- faser zwischen die gekreuzten Nikols eines Polarisationsmikroskops, so erscheint sie immer hell im dunkeln Gesichtsfelde. Der Grad der Doppelbrechung ist bei verschiedenen Fasern ein ver- schiedener. Beispielsweise ist die Bastzelle der Kokosfaser (Coir) so außerordentlich schwach anisotrop, daß sie das Gesichtsfeld nur sehr wenig aufhellt. Viele Pflanzenfasern sind aber so stark doppellbrechend, daß sie in allen prismatischen Farben erscheinen z. B. die Bastzellen von Flachs und Hanf. Man kann also von einer spezifischen Doppel- brechung der Pflanzenfasern sprechen. H. Behrens^) hat zuerst den Versuch gemacht, die spezifische Doppelbrechung zur Charakterisierung der technisch wichtigsten Fasern heranzuziehen. Es folgt hier eine Übersicht der Polarisationsfarben der von Behrens untersuchten Pflanzenfasern 4). ' Art der Faser bez. der Pflanzenbestandteile Beobachtete Polarisationsfarben Gefäße und Parenchymzellen von Holz und Stroh Epidermiszellen von Stroh und Esparto Kokosfaser . ■ Dunkelgrau, grau. Baumwolle, FaserzeUen von Holz „ , ^ r\, ■ ' i schon weißlich bis gelb. Bastfaser von Fhorinia'ni tenax . J i) V. V. Ebner, Untersuchungen über die Ursachen der Anisotropie organi- scher Substanzen. Leipzig 1882, p. 2H. Über das Zustandekommen der Doppel- brechung siehe hauptsächlich Nägeli nnd Schwendener, Das Mikroskop 2. Aufl. Leipzig 1877, und v. Ebner, 1. c. Ferner Schwendener in den Sitzgsber. d. Ber- liner Akademie, 1887, L 2) Von Haller, Beiträge zur Kenntnis der toten Baumwolle, Chemikzeitg. (1908) ist behauptet worden, daß die tote Baumwolle einfach lichtbrechend sei. Brieflichen Mitteilungen des Herrn Prof. Herzog an mich zufolge ist diese Behauptung unrichtig. Siehe weiter unten p. 12 und bei Baumwolle. 3) Anleitung zur mikroskopischen Analyse, Hamburg und Leipzig, 1896, 2. Heft, p. 543 fr. Schon vor Behrens hat W. Lenz (Zeitschr. f. analyt Chemie, 1890, p. 133) gezeigt, daß man Jute von Hanf oder Flachs im polarisierten Lichte unter- scheiden könne. Auf die Unterscheidung von Baumwolle und Leinenfasern im Pola- risationsmikroskop hat zuei'st Valentin (Untersuch, der Gewebe im polarisierten Lichte, 1861) hingewiesen. 4) 1. c, p. 30 — 37. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. \\ Faserzelle von Esparto und Jute Bastzellen von Flachs und Hanf [ Dunkelgrau, grau, hellgrau, weiß- \ gelb; doch auch schon bis rot. Weiß, gelb I, orange, rot, violett, blaugrau, gelb II; wechselt zu- meist von gelblich weiß und gelb II, am häufigsten violett. Sehr eingehende, auf eine größere Zahl von Pflanzenfasern bezug- nehmende Untersuchungen über spezifische Doppelbrechung hat B. Ke- rn ec*) im Wiener pflanzenphysiologischen Institut ausgeführt. Er zeigte zunächst, daß chemisch identische Fasern selbst bei gleicher Dicke eine sehr verschiedene spezifische Doppelbrechung zeigen können. So ist bei gleicher Dicke die Ramiefaser schwach, die Flachsfaser sehr stark doppelt- brechend, obgleich beide nahezu aus reiner Zellulose bestehen. Er fand ferner, daß die Verholzung auf den Grad der Doppelbrechung keinen merklichen Einfluß ausübt 2). Es geben rohe und ihrer Holzsubstanz völlig beraubte Fasern von Hanf bei gleicher Dicke der Membran die gleichen Polarisationsfarben. Ein gleiches Verhalten zeigt die rohe und die von ihrer Holzsubstanz befreite Manilahanffaser. Eine 1 [x dicke Hanfbastzelle gibt in beiden Zuständen als höchste Farben blau bis grün, die Bastzelle des Manilahanfes in beiden Zuständen bei derselben Dicke als höchste Farbe gelb 3). Hingegen ist erwiesen, daß die Gegenwart von Gutin oder Suberin, also fettarliger Substanzen, in der Zellhaut den Grad der Doppelbrechung herabsetzt, was zuerst von DippeH) beobachtet, später von Am- bronn^) eingehend dargelegt wurde. Ganz speziell mit Rücksicht auf Pflanzenfasern wurde dieses optische Verhalten der Zellhaut von Remec^) untersucht, wobei die Beobachtungen von Dippel und Ambronn be- stätigt wurden. Es ist selbstverständlich, daß eine und dieselbe Substanz, also auch eine und dieselbe Faser, desto höhere Polarisationsfarben zeigen wird, je dicker sie ist. Im großen ganzen werden, wie obige Tabelle lehrt, die höchsten Polarisationsfarben bei den dicksten Fasern auftreten. So hat ja auch schon Behrens gezeigt, daß ein Bastbündel der Jute höhere Polarisationsfarben gibt als eine isolierte Jutebastzelle. Remec be- 1) Sitzungsber. der Wiener Akad. 1901. 2) Siehe auch Schacht, Anat. und Physiol. der Gewächse, 1, 1856, p. 430. 3) Die angegebenen Farben beziehen sich stets auf den mittleren Teil der Längsansicht der Faser, also nicht auf den Rand. 4) Dippel, Das Mikroskop II. Teil (1872), p. 306. 5) H. Ambronn, Über das optische Verhalten der Kutikula an den verkorkten Membranen. Berichte der Deutschen Botan. Gesellschaft Bd. 6 (1888), p. 226 ff. 6) 1. c, p. 361 (Sep.-Ab. p. 6). 12 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. obachtete an einer und derselben Pflanzenfaser in dem angeführten Sinne ein Ansteigen der Polarisationsfarbe je nach der Dicke der Zell- haut wie aus folgenden Daten hervorgeht i). a) Jute. Zellbreite Membrandicke Polarisationsfarbe 8 jx 1 |X grau I 10 2 14 4 graublau I 8 3,5 gelb I 22 5 » 18 7 orange 1 26 10 rot 1 b) Faser von Musa froglodytarum. Zelibreite Membrandicke Polarisationsfarbe 10 [j. 2 [JL graublau \ 10 3 12 4 16 5 gelb I 16 6 » 16 7 orange I c) Hanffasern. Zellbreite Membrandicke 1 Polarisationsfi 12 fx 2 jx grau I 8 2 weiß I 26 4 » 12 2 gelb I 12 4 , 28 8 16 4 orange I 14 5 ^ 14 6 rot I 14 5,5 » 18 8 ^ 1) Die irrige Angabe Hallers (siehe oben p. 40, Note 2), daß die tote Baum- wolle einfach lichtbrechend sei, erklärt sich durch die ungemeine Dünnheit der Mem- bran solcher Baumwollenhaare. Wie Herzog zeigte, ist auch die Membran der toten Baumwolle doppelt lichtbrechend, aber wegen der geringen Dicke der Membran ist in der Lüngsansicht der Faser der Grad der spezifischen Doppelbrechung ein außerordentlich niedriger. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 13 Zell breite Membrandicke Polarisationsfarbe 18 6 indigo n 24 7 > 22 7 blau 11 i4 , 5,5 grün II 26 6 > 24 8 » Wie man sieht, ist es nicht die Breite, sondern die Dicke einer Faser, welche ceteris paribus die Höhe der Polarisationsfarbe bedingt. So liefert eine Baumwollenfaser, welche die Breitseite dem Beobachter zuwendet, grau oder weiß, während die Schmalseite in hohen Farben (bis grün II) leuchtet. Aber nicht nur die Dicke der Membran einer Faser, sondern auch ihre innere Organisation oder, wenn man will, ihre speziQsche Molekular- struktur, bedingt die spezifische Doppelbrechung einer Faser. Dies lehrt ja wohl schon das bezüglich der Hanffaser angeführte Verhalten. Die Polarisationsfarben steigen hier nicht stetig mit der Membrandicke. Die in der Organisation selbst einer und derselben Faser gelegenen Ver- schiedenheiten können ungleiche Doppelbrechung bedingen. Besonders auffallend ist aber das verschiedene Verhalten verschiedener Fasern bei gleicher Wanddicke. So erreichen die Tillandsiafasern bisweilen eine Membrandicke von 6 ;x und geben dazu im Polarisationsmikroskop grau, während Hanffasern von derselben Wandstärke rot I, indigo III oder grün II erkennen lassen. Die Polarisationsfarben der einzelnen Faserarten sind, wie die Be- obachtung lehrt und die verschiedene Verursachung der spezifischen Doppelbrechung es nur erklärlich erscheinen läßt, nicht absolut, aber innerhalb fester Grenzen konstant, so daß man diese optische Eigen- schaft in der Charakteristik der Fasern, wenigstens in einzelnen Fällen, mit Vorteil wird benutzen können. Es handelt sich nur darum, die Farben, beziehungsweise die Farbentöne (z. B. rot I, rot II), welche die einzelnen Fasern im Polarisationsmikroskop erreichen, richtig zu be- stimmen. Zur genauen Ermittelung der Polarisationsfarben kann man sich mit Vorteil des Gipsplättchens Rot I (Rot erster Ordnung) bedienen. Wenn die optische Hauptachse ^j dieses Gipsplättchens mit jener der Faser zusammenfällt, so erhält man bestimmte Additions färben. Wenn aber die optische Hauptachse des Gipsplättchens senkrecht auf der op- tischen Hauptachse der Faser steht, so erhält man bestimmte Subtrak- tion sfarben. 1) Unter optischer Hauptachse ist hier immer die längste Achse des Elasti- zitätsellipsoids zu verstehen. 14 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Nach den von Remec angestellten Beobachtungen geben die meisten Fasern (Flachs, Hanf, Jute, Ramiefasern, Manilahanf, Pitefaser, afrika- nische Piassave) zu grau I als Additionsfarbe indigo II und als Sub- traktion sfarbe orange I. Bei diesen Fasern fällt die optische Hauptachse mit der Faserrichtung zusammen. Nach den Unter- suchungen von J. Schiller 1) trifft diese Orientierung der optischen Achsen bei allen Pflanzenfasern zu. Hingegen wurde von Remec ein entgegengesetztes Verhalten bei der Kokosnußfaser, bei der brasilia- nischen Piassave und bei der Tillandsiafaser gefunden. Bei diesen Objekten steht nach Remec die optische Hauptachse senk- recht zur Längsrichtung der Faser. (S. auch unten bei der »Cha- rakteristik der Fasern«.) Was die Höhe der Doppelbrechung der Pflanzenfasern anlangt, so ist zu bemerken, wie enorm verschieden dieselbe bei verschiedenen Arten ist, weshalb man sich in manchen Fällen der Unterscheidung dieses optischen Charakters mit Vorteil be- dienen kann. Schon V. v. Ebner^) hat auf die merkwürdige Tatsache aufmerksam gemacht, daß die Bastfasern von Flachs und Hanf rück- sichtlich der Höhe der Doppelbrechung, Gips und Quarz bedeutend über- ragen. J. Schiller hat diesen Vergleich zahlenmäßig durchgeführt . und fand für Lein . . 7— a = 0,0395 Hanf . . Y— a = 0,0550 Quarz . -'— a = 0,0091 Gips . . Y— a = 0,0098 Orthoklas y— ^- = 0,0070 Unter y ist der Brechungsexponent zu verstehen, wenn die Bestimmung parallel, unter a, wenn die Bestimmung senkrecht zu dieser Richtung vorgenommen wird; z. B. bei Lein 'i—o. = 1,5757 — 1,5362 = 0,0395. Man sieht, wie sehr die Höhe der Doppelbrechung der beiden Pflanzenfasern die der angeführten Mineralkristalle überragt. Nun ist zu beachten, daß unter den Pflanzenfasern auch solche vorkommen, welche sich durch exorbitant niedere Höhe der Doppelbrechung auszeichnen, z. B. die Faser von Agave americana, bei welcher nach der Unter- suchung von Schiller Y—a = 1,530— 1,522 = 0,008 ist. Dichroismus der Pflanzenfasern. Die ersten eingehenden Untersuchungen über den Dichroismus der vegetabilischen Zellhaut sind 1) J. Schiller, Optische Untersuchungen von Bastfasern. Sitzgsber. d. Wiener Akad. d. Wiss. Bd. 115 (1906), p. 4 623 ff. 2) Ebner, V. v., Untersuchungen über die Ursache der Anisotropie organischer Substanzen. Leipzig, Engelmann. 1882, p. 211. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 15 H. Ambronni) zu danken. Er studierte den Dichroismus von pflanz- lichen Zellhäuten, welche entweder natüriich gefärbt waren oder auf künstlichem Wege gefärbt wurden. Solche gefärbte Zellhäute verhalten sich so wie gefärbte doppeltbrechende Kristalle, deren Dichroismus schon vor langer Zeit von Haidinger festgestellt wurde. Wie in solchen gefärb- ten doppeltbrechenden Kristallen, erfahren auch in den gefärbten vegetabili- schen Zellhäuten, welche, wie wir gesehen haben, doppeltbrechend sind, die beiden durch Doppelbrechung entstandenen polarisierten aufeinander senk- recht schwingenden Strahlen eine bestimmte Farbenabsorption, welche für die betreffende Zellhaut und den färbenden Körper charakteristisch ist. SpezialStudien über den spezifischen Dichroismus der Pflanzen- und Tierfasern wurden von Behrens 2) durchgeführt, welcher neue Gesichts- punkte zur Unterscheidung der Faserstoffe eröffnete und zu manchen praktischen Unterscheidungsmerkmalen führte. Zur Färbung eignen sich nach jetzigen Erfahrungen am besten die sogenannten Kongofarbstoffe (Benzidinfarbstoffe), welche sich auch auf ungeheizter Faser in Form von Alkalisalzen fixieren, während Säurefarbstoffe für die Ermittelung des Dichroismus der Faser ganz ungeeignet sind. Nach den Untersuchungen von Behrens ist (tierische) Wolle mit keinem Farbstoff dichroitisch zu machen, Seide — nach bisherigen Er- folgen — - bloß mit Benzoazurin und mit diesem auch nur sehr schwach. Die Pflanzenfasern sind hingegen durchweg dichroitisch zu machen, aber in verschiedenen Graden: am schwächsten, aber doch stärker als Seide, Gefäßhäute von Holz und weiters Markstrahlen, Epidermiszellen, Baum- wolle, Jute, Stroh, am stärksten Flachs und Hanf. Andere, z. T. sehr scharfe Unterschiede ergeben sich, wenn man die Orientierung der zu untersuchenden Faser zur Richtung der Polari- sationsebene des wirkenden Nicoischen Prismas beachtet, aber zwischen dichroitischer Achsen- und dichroitischer Basisfarbe unterscheidet. Beispielsweise gibt Kongorot auf Leinfaser als Achsenfarbe dunkel- rot, als Basisfarbe ein schwaches Rot bis zur Farblosigkeit. Baumwolle läßt hingegen fast gar keinen Unterschied zwischen Achsen- und Basis- farbe erkennen; sie erscheint bei jeder Orientierung gelblichrosa. Auch Epidermiszellen lassen fast gar keinen Unterschied zwischen Achsen- und Basisfarbe erkennen. ■1) H. Ambronn, Pleochroismus gefärbter Zellmembranen. Ber. Deutsch. Bot. Ges., 1888. Ders., Anleitung z. Benutzung d. Polarisationsmikroskopes. -1892. 2) Behrens, 1. c; Höhnel, Mikrosiiopie der techn. verw. Faserstoffe, Wien u. Leipzig. 2. Aufl., 1905. Aisslinger (Beitr. z. Kenntn. wenig bek. Pflanzenfasern, Zürich, 1907) beschäftigt sich neben andern auch mit dieser Frage, doch konnte ich nach Fertigstellung des Satzes die Ergebnisse seiner Studien nicht mehr in den Text einfügen. — J. Weese (Wien). 16 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Die Wärmeleitung 1) der Pflanzenfasern scheint nach meinen Ver- suchen in der Richtung der Faser stets eine größere als senkrecht dar- auf zu sein. Ich habe den Bast der Linde und zahlreicher anderer Pflanzen, welche Fasern liefern, mit einer Wachsschicht überzogen und von rückwärts mit der Spitze einer heiß gemachten Nadel berührt. Es schmolz das Wachs stets in Form einer deutlichen Ellipse, deren große Achse in die Längsrichtung der Fasern zu liegen kam. Die kleine Achse der Ellipse verhielt sich zur großen Achse fast immer wie 3 : 4 bis 3 : 5, woraus sich ergibt, daß die Wärmeleitung der Fasern in der Faser- richtung bedeutend grüßer als in der darauf senkrechten sein müsse. Hygroskopizität. Eine nicht nur für die Charakterisierung, son- dern auch für die Wertbestimmung der Fasern sehr bemerkenswerte physikalische Eigenschaft ist deren Hygroskopizität. Es liegen hierüber nur bezüglich sehr weniger Fasern genauere Versuche vor und doch ist die Kenntnis des Umstandes, in wie weit eine Pflanzenfaser die Fähig- keit besitzt, Wasserdampf aus der Atmosphäre aufzunehmen, für alle käuflichen Fasern von praktischem Werte. Da die Fasern fast stets nach dem Gewichte verkauft werden, so sollte der Käufer wohl beachten, wie viel Wasser seine Ware enthält. Obschon nun hierauf bei der Wert- bestimmung von Wolle und Seide Rücksicht genommen wird und gegen- wärtig in den meisten Städten, welche ausgedehnteren Seiden- oder Wollehandel betreiben, in besonderen Anstalten (Konditionierungsanstalten) die Wassermenge von Kaufproben der Wolle und Seide bestimmt wer- den, wird die Wassermenge der käuflichen Pflanzenfasern- kaum noch beachtet, obwohl die nachfolgenden Zahlen lehren werden, daß die ver- schiedenen Pflanzenfasern in verschiedenem Grade hygroskopisch sind und einige darunter vorkommen, welche viel und begierig Wasser auf- nehmen 2). Um einen Maßstab für den Grad der Hygroskopizität der verschie- denen Fasern zu gewinnen, habe ich die Wassermenge ermittelt, welche sie bei mittlerer Temperatur und mittlerer (relativer) Luftfeuchtigkeit im , 1) Siehe erste Auflage dieses Werkes, p. 292. 2) Die Wertbestimmung der Baumwolle wird in großen Handelsstädten in höchst rigoroser "Weise vorgenommen. Siehe beispielsweise die Bestimmungen der Bremer Baumwollenbörse (Semler, Tropische Agricult., III, p. 517). In dem be- treffenden Regulativ ist aber bezüglich des "Wassergehaltes des Kaufgutes keine Norm angegeben. Nur ganz allgemein heißt es (I.e., p. 521): »Irgendwelche Ver- gütungen im Gewichte für Feuchtigkeit, Beschädigungen usw. sind in der Faktm'a besonders abzusetzen«. Nach Pfuhls (Die Jute und ihre Verarbeitung, Berlin I [188 Sj, p. 83) Vorschlag möge bei Handel mit Jute ein Wassergehalt von 1 4 Proz. zugrunde gelegt werden. Über die ersten mit Gründhchkeit von A. Herzog durchgeführten Konditionierungsversuche von Pflanzenlasern wird unten bei Abhandlung des Flachses berichtet werden. siebzehnter Abschnitt. Fasern. ]^7 lufttrockenen Zustande führen, und hierauf bei mittlerer Temperatur in einem mit Wasserdampf völlig gesättigten Räume so lange belassen, bis sie sich eben mit Wasserdampf völlig sättigten. Häufig erfolgte bei ge- nügend feiner Verteilung der Faser die völlige Sättigung schon nach 24 Stunden. Bei manchen Fasern genügt dieser Zeitraum nicht. Nament- lich bei dicken, aus zahlreichen dictt verbundenen histologischen Ele- menten bestehenden Fasern (z. B. bei Piassave) ist ein Zeitraum von einer Woche und mehr erforderlich, bis völlige Sättigung eingetreten ist. Wassermenge im Bezeichnung der Faser lufttrockenen ^^^^ßte aufgenommene Zustande Wassermenge Sunn 5,31 Proz. i0,87 Proz. Frische Bastfaser von AbelmoscJius tetraphyllos G,80 » 13,00 Bast von Calotropis gigantea . . 5,67 » 13,13 ^ Espartofaser 6,95 » 13,32 Belgischer Flachs ...... 5,70 > 13,90 BasUdiser \on Hibiscus cannabinus 7,38 > 14,61 > Frische Bastfaser von ZJre^a smM(7ir/ 7,02 » 15,20 » Piassave (brasilianische) .... 9,26 » 16,98i) » Bastfaser von Sida retusa . . . 7,49 » 17,11 > BMliaser \on Aloe perfoUata . . 6,95 * 18,03 » Kotonisiertes Chinagras .... 6,52 » 18,15 » Blattfaser von Bromelia Karatas . 6,82 » 18,19 » Bastfaser von Thespesia Lampas . 10,83 » 18,19 » » Cordia latifolia . . 8,93 . 18,22 » Kotonisierte Ramiefaser .... 6,68 » 18,55 » Bastfaser von Bauhinia racemosa. 7,84 » 19,12 » Tillandsiafaser 9,00 > 20,50 » Baumwolle . 6,66 » 20,99 » Frische Jute 6,00 » 23,30 Pite ... 12,3 » zirka 30—36 » Manilahanf . 12,5 : zirka bis 50,00 » Afrikanische Piassave 15,4 » 50,04 » Jüngsthin wurden sehr eingehende Untersuchungen über die Hygro- skopizität von Kapok (Fruchthaare von Eriodendron anff'actuosum) und Akon (Samenhaare von Calotropis gigantea und C. procera) von E. A. Lincke2) angestellt, welche ergaben, daß Kapok bis 28,5, Akon bis 26 Proz. hygroskopisches Wasser aufnimmt. 1) Einzelne Sorten bis 20 Proz., siehe unten bei Piassave. 2) Kapok, Dresden -1912, p. 79. iesn er, Rohstoffe. III. Band. 3. Aufl. 18 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Mit steigender Luftfeuchtigkeit nimmt die von einer bestimmten Faser aufgenommene Wassermenge zu. Eingehende Untersuchungen hier- über wurden von Pfuhl i) und von Lincke (1. c.) angestellt. Nach Unter- suchungen von Pfuhl enthält die Jute bei 71 Proz. rel. Luftfeuchtigkeit 14 Proz., bei 98 Proz. rel. Luftfeuchtigkeit 32, im mit Wasserdampf ge- sättigten Räume 34,25 Proz. Wasser, also beträchtlich mehr, als ich be- obachtete. Eine analoge Zunahme der Hygroskopizität mit der Feuchtig- keitszunahme der Luft hat Lincke bei Kapok und Akon nachgewiesen. Fasersorten, welche von verschiedenen Kulturvarietäten einer und derselben Pflanze herrühren, so z. B. Flachs, zeigen oft einen verschie- denen Grad von Hygroskopizität. Ich fand, daß der Flachs (holländischer, belgischer, preußischer, mährischer), mit Wasserdampf gesättigt, etwa 1 4 bis 1 7 Proz. Wasser führt, daß hingegen der ägyptische Flachs viel hygro- skopischer ist, nämlich im aufs Maximum durchfeuchteten Zustande 23,36 Proz. W^asser enthält. Herzogt) untersuchte acht auf verschiedene Weise gerüstete belgische und böhmische Flachse und fand den Wassergehalt dieser Sorten im lufttrockenen Zustande zwischen 7,7 (Gourtray, Wasser- röste) und 9,3 Proz. (Trautenau, Tauröste). An manchen Fasern habe ich die Beobachtung gemacht, daß ihre Hygroskopizität mit der Zeit eine größere wird. Ich konstatierte dies an mehreren an der Luft dunkler werdenden Fasern und glaube nicht zu irren, wenn ich annehme, daß alle jene Fasern, welche durch partielle Umsetzung ihrer Zellhautbestandteile in Huminkörper dunkler werden, diese Eigentümlichkeit zeigen werden. An braun gewordenen Proben der folgenden Fasern habe ich das Auftreten von Huminkörpern direkt beobachtet. Wassermenge Größte Bezeichnung der Faser im lufttrockenen aufgenommene Zustande Wassermenge Frischer Sunn 5,31 Proz. 10,87 Proz. Alte stark gedunkelte Sorte . . . 5,84 > 19,10 Frische Jute . 6,00 » 23,30 > Gebräunte Jute (verschiedene Sorten) 7,11 » 24,01 — 33,2 » Frische Abelmoschusfaser .... 6,80 » 13,00 Gebräunte » .... 9,70 • 22,70 ^ Frische Urenafasern 7,0^ » 15,20 Gebräunte > 8,77 » 1 6,20 Quellbarkeit der Pflanzenfasern und Dimensionsänderun- g^en derselben nach den Achsenrichtungen der Fasern infolge des Quellens. Es ist lange bekannt, daß die Zellmembranen der Pflanzen- <) 1. c. I, p. 18. 2) Die Flachsfaser. Trautenau 1896. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 19 gewebe in mehr oder mioder hohem Grade im Wasser quellen, desgleichen, aber bedeutend stärker, in anderen Flüssigkeiten, insbesondere stark in Kupferoxydammoniak, Schwefelsäure und Ghlorzinkjodlüsung. Von besonderer physiologischer Wichtigkeit ist die Kenntnis der Quellbarkeit der Pflanzenfasern im Wasser. Wie ich vor langer Zeit zeigte, ist diese Quellung mit einer Verdichtung des Wassers in der Substanz der Zellwand verbunden, was zu einer Temperaturerhöhung führt*). Für die Unterscheidung der Pflanzenfasern ist aber auch deren Ver- halten starken Quellungsmitteln gegenüber von Wichtigkeit. Über den Grad der Quellung der Fasern je nach den Achsenrichtungen sind von F. v. Höhnel eingehende Untersuchungen angestellt worden, welche unter anderem zu einer Erklärung der Verkürzung der Seile nach ihrer Besprengung mit Wasser führten^), v. Höhnet fand ferner, daß das Quellungsvermögen der Pflanzenfasern nach den Richtungen ihrer Achsen ein verschiedenes ist. Als Haupt- resultat seiner Untersuchungen ist die Feststellung der Tatsache zu be- trachten, daß die Quellung der Pflanzenfasern nach der Dicke sehr groß, nach der Länge sehr gering ist, und daß bei starker Quellung nach der Dicke selbst eine Verkürzung in der Längs- richtung eintritt. Trockene Fasern verdicken sich bei der Quellung im Wasser gewöhnlich um 20^ — 30 Proz. und verlängern sich gewöhn- lich bloß um 1/2 Proz. v. Höhnel fand ferner, daß Tier haare weniger rasch und weniger stark im Wasser quellen als Pflanzenfasern, und daß erstere hierbei bloß um 10 — 14 Proz. dicker werden. SpezialStudien über das Verhalten gedrehter und ungedrehter Tier- und Pflanzenfasern, ferner über die Volumänderungen der Fasern bei Quellung in Schwefelsäure wurden von v. Höhnel in ausgedehntem Maße angestellt. Ich teile hier noch die Ergebnisse einiger leicht anzustellender Ver- suche mit, welche sich auf die bei starker Quellung sich einstellenden Dimensionsänderungen beziehen. Die Ergebnisse dieser Versuche sind für das Verständnis jener morphologischen Veränderungen sehr lehrreich, welche Pflanzenfasern erleiden, deren Zellwände aus Schichten ver- schiedener Quellbarkeit bestehen^). — Es handelt sich hierbei hauptsäch- 1) Wiesner, Sitzungsberichte der Wiener Akademie d. Wiss. Bd. 64 (nn). 2) F. V. Höhnel, tjber einige technisch wichtige Eigenschaften der Textilfasern und über die Verkürzung der Seile im Wasser. Dingler, polyt. Journal, Bd. 262 (1884). Derselbe, Die Mikroskopie der technisch verwendeten Faserstoffe. 2. Aufl. Wien u. Leipzig 1905, p. 20 — 23. 3) Über diese in diagnostischer Beziehung wertvollen morphologischen Ver- änderungen siehe weiter unten. 2* 20 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. lieh um die Verkürzung der Fasern in der Längsrichtung beim Quellen nach der Dicke. Es wurden Faserstücke von annähernd gleicher Dicke auf den Ob- jektträger gebracht, behufs Geradestreckung mit Wasser befeuchtet und mit dem Skalpell so zugeschnitten, daß jedes Faserstück eine Länge von 20 mm hatte. Nun wurde die feuchte Faser mit einem Deckgläschen überdeckt, mit destilliertem Wasser versehen und hierauf mit Kupfer- oxydammoniak so lange behandelt als die Verkürzung fortschritt. Von Zeit zu Zeit wurde unterm Mikroskop der Fortschritt der Quellung bzw. der Verkürzung gemessen. Bei Eintritt der Lösung der Faser im Kupfer- oxydammoniak hatte der Versuch natürlich sein Ende erreicht. Länge der Faser nach vollständiger Kontraktion Kontraktion in Proz. Leinenfaser . . 15,3 mm 4,7 mm 23,5 Hanffaser . . 16,0 » 4,0 » 20,0 Jutefaser . . 19,4 » 0,6 » 3,0 Posidoniafaser . 20,0 >' — » — Festigkeit und Elastizität der Fasern. In seinem grund- legenden Werke über das mechanische Prinzip im Aufbaue der Mono- kotylen i) hat Schwendener nachgewiesen, daß in der Pflanze Zellen besonderer Art ausgebildet sind, welche in ihr zu biegungs-, druck- und zugfesten Konstruktionen vereinigt sind und dem zweckmäßigen mecha- nischen Aufbau der Gewächse dienen. Schwendener hat diese Zellen, welche sich gegenüber den anderen Elementen des Pflanzenkörpers durch hohe Festigkeit auszeichnen, als mechanische Zellen bezeichnet. Die Hauptrepräsentanten dieser mechanischen Zellen sind die Bastzellen, also jene Zellen, aus welchen viele Gespinstfasern zusammengesetzt sind (Flachs, Hanf, Jute usw.) oder den Hauptbestandteil von technisch ver- wendeten Pflanzenfasern bilden (Manilahanf, Kokosfaser usw.). Pflanzenhaare fungieren in der Natur niemals als mechanische Zellen, Die technisch verwendeten Pflanzenhaare sind gewöhnlich so wenig fest, daß sie als Gespinstfasern nicht wohl geeignet sind, trotz ihrer sonstigen, oft sehr empfehlenswerten Eigenschaften, wie die Wolle der Wollbäume und die vegetabilische Seide. Eine Ausnahme bildet die Baumwolle, welche fest genug ist, um zu textilen Zwecken benutzt werden zu können. Es spricht sich die merkwürdige Eigentümlichkeit in einigen Kulturvarie- täten der Baumwolle besonders auffallend aus. Wenn nun auch Schwendener seine Untersuchungen über die Festigkeit und Elastizität der mechanischen Zellen nur vom rein wissen- schaftlichen Standpunkte und nicht mit Rücksicht auf die Praxis durch- 1) Leipzig, W. Engelmann, 1874. T pro qmm in kg E . 16—20 M 40-1540 20 1580 25 1720 19 2550 22 2000 . 15—20 3450 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 21 führte und als Prüfungsmaterial Organe von Pflanzen wählte, welche, abgesehen von den Blättern von Phormium tenax, deren Fasern den neuseeländischen Flachs liefern, keine Beziehung zur Technik haben, so dürfen die Ergebnisse der Versuche des genannten Forschers hier nicht übergangen werden, da sie uns mit allgemein gültigen Eigenschaften der in technischer Beziehung so wichtigen Bastzellen bekannt machen i). In der nachfolgenden Zusammenstellung sind die von Seh wendener ermittelten Zahlenwerte über das Tragvermögen (T) und den Elastizitäts- modul (E) der Bastzellen einiger Pflanzen enthalten. Unter Elastizitätsmodul (Dehnungsmodul) ist das Gewicht (in Kilogrammen) zu verstehen, welches erforderlich ist, um. einen Stab von einem Quadratmillimeter Querschnitt auf die doppelte Länge zu dehnen. Unter Tragvermögen ist die absolute Festigkeit innerhalb der Grenzen vollkommener Elastizität zu verstehen. Phormimn tenax (Blatt) . . Jubcea spectabüis (Blatt) . Pincenectia recurvata (Blatt) Lilium auratum (Stengel) Molinia caerulea (Stengel) Seeale cereale (Stengel) . . Vergleicht man das Tragvermögen der mechanischen Zellen mit dem der festesten Metalle (Schmiedeeisen, Stahl), so gewahrt man zwischen beiden keinen wesentlichen Unterschied 2). Aber nach den bisherigen Untersuchungen besitzen die festesten Bastzellen (von Pincenectia recur- vata) ein etwas höheres Tragvermögen als die besten Stahlsorten. Hingegen bleibt der Elastizitätsmodul der Bastzellen weit hinter dem der Metalle zurück. Mit anderen Worten ausgedrückt: Zur Dehnung der mechanischen Zelle sind geringere Gewichte als zur Dehnung der Metalle erforderlich. Es beträgt der Elastizitätsmodul nach Weisbach für Schmiedeeisen in Stäben 19 700, für Schmiedeeisen in Blech 21900, für Schmiedeeisen in Drähten 18300 und für deutschen gehämmerten und angelassenen Stahl 20 500. Aus nachfolgender Zusammenstellung ist aber zu ersehen, daß die zulässige (nämlich die innerhalb der Grenzen vollständiger Elastizität stattfindende) Dehnbarkeit bei den mechanischen Pflanzenzellen größer ist als bei den Metallen. 4) Weitere Untersuchungen über die Zugfestigkeit von bastreichen Pflanzenteilen Hegen von Kalinnikow und Rasdorsky (Bull. Soc. Imp. Nat. Moscou, 1911 [1913] p. 406—523) vor. — J. Weese. 2) Nach Weisbach (Ingen.- u. Maschinenmech., 5. Aufl.) hat Schmiedeeisen in Drahtl'orm ein Tragvermögen = 21,9 kg, deutscher Stahl, gehämmert und an- gelassen = 24,6 kg. 22 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Verlängerung der Faser bez. der Metalle innerhalb der Elastizitätsgrenze in Prozenten ausgedrückt. nach Schwendener nach Weisbach Phormium tenax . . . 1,3 — 1,4 Schmiedeeisen in Stäben . 0,067 JubcEa spectabüis .... 1,26 Blech . 0,080 Pincenectia recurvata . . 1,45 Drähten . 0,010 Lüium auratum . . . . 0,75 Deutscher gehämmerter und Molinia caerulea . . . . 1,1 angelassener Stahl . . 0,012 Seeale cereale 0,44 Über die Festigkeitsverhältnisse der wichtigsten Gespinstfasern liegen in praktischer Beziehung wichtige Versuche von K. E. Hartigi), PfuhP), E. Hanausek^) u. a. vor. Es wurden Faserbündel bei 50 bis 0,5 mm Einspannlänge zerrissen und hieraus die absolute Festigkeit ab- geleitet. Aus diesem Werte wurde unter Zugrundelegung der Dichte der, Faser die Reißlänge bestimmt, worunter jene berechnete Länge zu ver- stehen ist, bei welcher durch ihr eigenes Gewicht das Abreißen in der Nähe der Aufhängestelle erfolgen müßte. Die Reißlänge wird in Kilo- metern ausgedrückt. In nachstehender Tabelle sind die Festigkeitsverhältnisse der wich- tigsten vegetabilischen Fasern nach den Untersuchungen von H artig und Pfuhl ziffernmäßig ausgedrückt. Zum Vergleiche wurde auch Seide heran- gezogen. Die Reißlängen sind auf eine Einspannlänge = berechnet. Bruchmodul Faserstoff Kokosfaser . . Reißlänge in km R 17,8 Spezifisches Gewicht s od. Festigkei auf \ qmm in kg K4) L Nach Hartig Baumwollenfaser . . 23,0 1,49 34,27 . Flachsfaser s) . . 24,0 1,50 36,00 • > Rohseide . . . 30,8 1,30 40,04 » Manilahanf . . 31,8 — — » Chinagras . . . Polnischer Reinha . 20,0 [if 52,0 1,5 ■ 78,00 : Jutefaser . . . . 34,5 6) 1,436 49,51^) Nach Pfuhl») A) Dinglers polytechn. Journal (4 879 und 4 883). 2) 1. C. I (1888). 3) S. unten bei Baumwolle. 4) K = R. s. 5) Über die neuesten Untersuchungen der Reißlänge des Flachses, welche von A. Herzog ausgeführt wurden, s. unten bei Abhandlung des Flachses. 6) Für Einspannlänge = 1 mm ist R = 20 km. 7) Für Einspannlänge = 10 mm ist K = 28,72 kg. 8) Pfuhl hebt ausdrücklich hervor, daß der Bruchmodul bei geringeren Jute- Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 23 Eine systematische Untersuchung der Festigkeitsverhältnisse technisch verwendeter Pflanzenfasern ist bis jetzt noch nicht durchgeführt worden^). Manche Einzelheiten finden sich in der Literatur und wird im speziellen Teile hierauf zurückzukommen sein. Hier will ich nur eine alte, von Roxburgh2] herrührende Versuchsreihe vorführen, welche vergleichs- weise die Festigkeit verschiedener indischer Bastfasern veranschaulicht. Bezeichnung der Faser Belastung Bastfaser von Marsdenia tenacissima . . 2483) » » Urtica tenacissima ... 240 » Corchorus capsularis . . 143 — 164 » » Grotalaria juncea. . . . 112 — 160 » ^ Äeschynomene cannabina . 138 Hibiscus cannabinus . . 115 » >' Hibiscus abelmoschus . . 107 » " Abroma angiista .... 100 > » Guazuma ulmifolia . . . 100 » » Hibiscus sabdariffa ... 89 » » Hibiscus furcatus ... 89 » Hibiscus esculentus ... 79 Härte der Fasern. Über die Härte der vegetabilischen Zell- membran lagen bis vor 2 Jahrzehnten keinerlei Untersuchungen vor. Auf meine Veranlassung führte Emma Ott im Wiener pflanzenphysio- logischen Institute eine Reihe hierauf bezüglicher Versuche durch*), bei welchen auf vegetabilische Fasern gebührend Rücksicht genommen wurde. Es ergab sich, daß die Härte der vegetabilischen Zellhaut, falls nicht reichliche mineralische Einlagerungen in dieselbe stattgefunden hatten, stets dieselbe ist, nämlich der des Muskovits nahe kommt. Durch mine- rahsche Einlagerungen steigert sich die Härte bis auf die des Calcit (Oberhaut von Equisetum silvaticum, variegatum und pratense, Ober- arten bedeutend niedriger, als oben angegeben, sein kann, und tatsächlich fand Hartig für Jute: R = 10 km. Nach Pfuhl muß es eine geringere oder verdorbene Faser gewesen sein, welche Hartig prüfte. 1) Nach Abschluß des Manuskriptes erhielt ich von Prof. Lyster Dewey (Washington) eine Abhandlung über die Festigkeit der Pflanzenfasern, welche sehr interessante Daten über die absolute Festigkeit von Baumwolle und Hartfasern enthielt, auf welche ich hier aber nicht mehr eingehen kann. Im speziellen Teile werde ich noch Gelegenheit finden, einige seiner Forschungsergebnisse mitteilen zu können. 2) Siehe Royle, in dem unten zitierten Werke, p. 200. 3) Gewichtseinheiten auf gleiche Querschnitte bezogen. Die absoluten Gewichte und die absolute Größe der Querschnitte sind a. a. Orte nicht namhaft gemacht. 4) Beiträge zur Kenntnis der Härte vegetabilischer Zellmembranen. Österr. botan. Ztschr., 1900, Nr. 7. 24 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. haut des Blattes A^on Deutxia scahra^ Stammoberhaut von Calamus Rotang, Fruchtschale von Pinus Pinea), des Fluorits (Oberhaut von Equisetum hiemale und Telmateja^ Fruchtschale von Lithospermum of- ficinale)^ ja sogar auf die des Opals (Fruchtschale von Coix Lacryma). Von Fasern wurden auf ihre Härte geprüft: Baumwolle, Wolle der Wollbäume, vegetabilische Seide (verschiedene Asclepias-kviexi), Leinen, Hanf- und Jutefaser, ferner die Fasern von Musa textilis, Aloe per foliafa, Boehmeria nivea, Agave americana, Attalea funifera, Cocos nucifera, Sansevieria sp., Yucca sp., Arenga sp. und Stipa teiiacissima. Alle diese Fasern besitzen die Härte des Muskovits, bis auf die folgenden, welche erheblich härter waren, nämhch die Härte von Kalium- dichromat aufwiesen: Cocos n^Lcifera, Areiiga sp. und Stipa tena- cissima^). Im Anschlüsse an diese Angaben über die Härte der Pflanzenfasern sei der in der Praxis gebrauchte Kunstausdruck Hartfasern erläutert. Man versteht hierunter die Pflanzenfasern, die sich durch Dicke und Steifheit von den spinnbaren Fasern unterscheiden, zur Herstellung von Garnen und Geweben nicht oder nur in geringem Grade geeignet sind und nur zur Herstellung von Seilerwaren und als Ersatz für Borsten oder Roßhaare Verwendung finden. Zu diesen Hartfasern gehören: Kokosfaser, Piassave, Agavefaser, Manilahanf, die verschiedenen Arten von vegetabilischen Roßhaaren usw. Die Härte dieser sog. Hartfasern stimmt in der Regel mit denen der Spinnfasern überein und nur aus- nahmsweise, z. B. bei der stark verkieselten Kokosfaser, macht sich eine 1) Anmerkungsweise sei hier auf das magnetische Verhalten der Pflanzen- gewebe, bzw. der Pflanzenfasern, hingewiesen, welche bisher in der Charakteristilc der Fasern nicht berücksichtigt wurde, möglicherweise aber später doch zu Unter- scheidungen mit Erfolg herangezogen werden könnte. Wie ich vor langer Zeit zeigte, ist die vegetabihsche Zellhaut selbst bei hohem Eisengehalt gewöhnhch diamagnetisch. Später hat einer meiner Schüler, Dr. J. Pauksch, gefunden, daß manche vegetabihsche Gewebe mit hohem Eisengehalt der Zellmembran sich paramagnetisch verhalten (z. B. das Parenchym aus den Früchten von Lunaria biennis, einige Periderme usw.), indem in diesen Geweben das Eisen in den Zellmembranen in seinen gewöhnlichen paramagnetischen Formen auftritt, während bei diamagnetischem Verhalten eisenreicher Gewebe anzunehmen ist, daß das Eisen in den Zellmembranen nur in diamagnetischer Form vorhanden sei, wie z. B. im gelben Blutlaugensalz (im roten Blutlaugensalz ist es in paramagnetischer Form vorhanden). So wird man vielleicht Pflanzenfasern von konstant paramagnetischem Charakter finden, was möglicherweise für die Zwecke der Unterscheidung von Wert sein könnte. In den Pflanzengeweben, also auch in den Fasergeweben und Fasern der Pflanzen werden magnetische Achsen nachgewiesen, welche nach bisherigen Be- obachtungen, mit den geometrischen Achsen der Gewebe übereinstimmen. Siehe hier- über J. Pauksch, Das magnetische Verhalten der Pflanzengewebe. Sitzungsber. der Wiener Akad. d. Wiss. Bd. 115 (l906). Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 25 größere Härte bemerkbar. Von größerer Härte kann bei den sog. Hart- fasern im Vergleiche zu den Spinnfasern ebensowenig die Rede sein wie bei den Holzarten, von denen man harte und weiche unterscheidet, die aber in der physikalischen Härte miteinander übereinstimmen. Ich will aber nicht unerwähnt lassen, daß manche Fachmänner auf textilem Gebiete unter Hartfasern nur die in der Seilereiindustrie verwendeten Fasern monokotyler Gewächse verstehen, also vegetabilisches Roßhaar und Piassaven nicht zu den Hartfasern rechnen i). III. Chemische Charakteristik der Pflanzenfasern. An der Zusammensetzung der rohen Faser nehmen teil: Kohle- hydrate, Ligninstoffe, Pektinsubstanzen, Lipoide, stickstoffhaltige Ver- bindungen, Farbstoffe, Mineralstoffe und Wasser. Aus der Gruppe der Kohlehydrate werden immer Zellulosen und Pentosane, häufig Gummi, mitunter Stärke und Zucker vorgefunden. Das allgemeinere Vorkommen von Hemizellulosen ist wahrscheinlich. Wirklich erwiesen ist es nur bei der Jute. Von den Zellulosen fehlt die Glukozellulose (a- Zellulose von Gross und Bevanj nie. Sie bildet vielmehr der Menge nach den Haupt- bestandteil der Fasern und bedingt, soweit hierbei die chemische Zu- sammensetzung in Betracht kommt, in entscheidender Weise deren tech- nischen Wert. Sie wird vielfach von weniger resistenten Zellulosen (nach Gross und Bevan [3 -Zellulose, vielleicht Oxyzellulose) begleitet. Der Ligninkomplex fehlt in manchen Fasergattungen vollständig. Dafür findet man als Interzellularsubstanz die Faserzüge untereinander und mit den umgebenden Gewebselementen verkittend die »Pektose« vor. Von Lipoiden sind in den Fasern feste und flüssige Fette, freie Fett- säuren, Wachsarten^ Wachsalkohole, Phytosterine und Harze angetroffen worden. Sie sind insofern nicht ohne technische Bedeutung, als ihre Gegenwart den manchen Fasern eigentümlichen Glanz bedingt, der in solchen Fällen durch Extrahieren mit Fettlösungsmitteln verloren geht. Die stickstoffhaltigen Substanzen der Fasern sind Protoplasmareste, so- mit vorwiegend Proteine und diesen nahestehende Verbindungen. Die Pigmente, welche den Fasern im natürlichen Zustande oft gelbe bis braune Färbungen erteilen, sind nicht genügend untersucht. Einige von ihnen könnten nach ihrem Verhalten gegen Säuren und Basen dem 1) Lyster H. Dewey in den Berichten des Ackerbaudepartement der amerika- nischen Regierung zu Washington, wo eine Übersicht der Weltproduktion der Pflanzenfasern gegeben wird. Nach dieser Übersicht sind die wichtigsten Hart- fasern des Welthandels: Manilahanf [von Miisa textilis), Henequen (von Agave fourcroydes], Sisal (von Agave sisalana) und Neuseeländischer Flachs (von Phor- tenax). 26 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Anthokyan nahestehen, während andere, so die der Getreidestroharten, vermutungsweise der Karotingruppe beigezählt werden. Meist fehlt der- zeit jeder Anhaltspunkt zur Beurteilung der natürlichen Faserfärbungen. Die Mineralstoffe der Fasern sind dieselben, welche allgemein in den Aschen der Pflanzen und Pflanzenteile auftreten. Gross und Bevani) sind der Ansicht, daß die Zellwände der Ge- M^ebe höher organisierter Pflanzen nicht die Zellulose als solche, son- dern esterartige Verbindungen derselben mit Lignin-, Pektin-, Fett- und Kutinstoffen enthalten. Sie bezeichnen derartige Zelluloseverbindungen al^ zusammengesetzte Zellulosen und sprechen im Sinne dieser Vor- stellungen beim Holze und den Fasern, welche die Ligninreaktionen zeigen, von Lignozellulosen, bei Fasern mit einem Gehalte an Pektin- stofl'en von Pektozellulosen, bei lipoidhaltigen Fasern von Adipozellu- losen usw. Zu den Lignozellulosen würden somit zu zählen sein: die Jute, die Getreidestroharten, die Fasern anderer Gramineen, die Esparto- faser und andere ähnliche, zu den Pektozellulosen: die Baumwolle, die Bombaxwolle (Kapok), Ramie, Flachs, Hanf, Neuseelandflachs, Manila- hanf, Sunnhanf und dergl. Da einige der zuletzt aufgezählten Fasern neben Pektinsubstanz mehr oder weniger Lignin enthalten z. B. die Espartofaser, andere noch überdies einen Gehalt von zum Teil schwer extrahierbaren Lipoiden aufweisen, so die Flachsfaser, so ist die von Gross und Bevan versuchte Einteilung, weil unscharf, nicht zweckmäßig. Aber es ist auch die Existenz von zusammengesetzten Zellulosen im Sinne der Definition von Gross und Bevan bei den Fasern ebensowenig sichergestellt wie bei den Hölzern, wie aus der Beschreibung der ein- zelnen Fasergattungen zu entnehmen ist, in welchen die Gegenwart von freier Zellulose durch die spezifischen Reagentien (Jod-Schwefelsäure, Jod-Chlorzink, Kupferoxydammoniak) ohne weiteres nachgewiesen werden kann. Andererseits lassen sich die Lipoide den Fasern durch indifferente Lösungsmittel entziehen, wenn auch nicht leicht vollständig. Dies deute eher auf Gemenge von Zellulose mit ihren Begleitern als auf Zellulose- verbindungen hin. Von den aufgezählten Bestandteilen der Pflanzenfasern mögen als die wichtigsten die Zellulosen, Ligninsubstanzen und Pektinstofi"e ein- gehender beschrieben werden. Die Zellulosen der Fasern. Die Baumwollzellulose soll aus- schließlich aus Glukozellulose bestehen 2). Der bezüglichen Angabe von 4) Zellulose, 1903, p. 89. 2) Flechsig, Ztschr. f. physiol. Ghem. 7, 524 (1882); Ost u. Wilkening, Chem. Ztg. 36, 461 (1910); Schwalbe u. Schulz, Ber. d. dtsch. ehem. Ges. 43, 913 (1910); Briggs, Journ. Soc. Chem. Ind. 28, 340 (1909); Stern, Journ. Soc. Chem. 67, 74 (1893\ Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 27 Flechsig;, welche sich auf Darstellung der d-Glukose in Substanz aus jener Zellulose ohne Ausbeuteermiltelung und auf analytische Bestimmung des gebildeten Zuckers mittelst des Verfahrens von Soxleth— Tollens — AUihn gründet, steht die Vermutung Sterns gegenüber, daß Flechsig nur etwa 3 Proz. der Baumwollzellulose in Traubenzucker übergeführt habe. Schwalbe und Schulz konnten nach Flechsig arbeitend 20 Proz. der Baumwollzellulose an Dextrose gewinnen, hingegen 44 Proz. wenn sie die Verzuckerung der intermediär erhaltenen Azidzellulose nach Eckström im Autoklaven unter Druck vollzogen, und Briggs erzielte eine maximale Zuckerausbeute von 50 Proz. Ost und Wilkening ver- mochten analytisch eine Umwandlung von 80 — 83 Proz. der Zellulose in Zucker nachzuweisen. Bei der Verzuckerung unter Druck entstehen nebenher 3,3 — 10,8 Proz. organischer Säuren. Daß die analytischen Werte mit dem Ergebnisse der präparativen Verzuckerung nicht über- einstimmen, wird teils durch die Bildung von Kristallisationsstörern (Dextrine), tieils durch Entstehung von Produkten unvollständigen Ab- baues mit höherem Kupferreduktionsvermögen, vielleicht auch von stärker reduzierenden Reversionsprodukten der Glukose, endlich durch .\uftreten von nichtzückerartigen Zersetzungsprodukten des Traubenzuckers erklärt. Anzeichen für die primäre Bildung eines anderen " Monosacharids als d-Glukose aus Baumwollzellulose wurden niemals beobachtet. Die elemen- tare Zusammensetzung entspricht der Formel CgHioOs, für welche sich 44,41 Proz. G und 6,25 Proz. H berechnen, während sich als Mittel von neun Analysen dreier Autoren^) 44,39 Proz. C und 6,29 Proz. H ergeben. Allerdings darf die Baumwollzellulose, um genau diese Zu- sammensetzung zu zeigen, keiner zu energischen Bleiche mit Oxydations- mitteln oder Chlor unterworfen worden sein, da diese die Bildung von Oxyzellulose veranlassen. Die Flachszellulose2) ist nach der Vollbleiche ebenso zusammen- gesetzt wie die Zellulose der Baumwolle. Die Spuren wachsarliger Sub- stanz, welche sie enthält und welche den eigenartigen Glanz der ge- bleichten Leinenfaser bedingen soll, scheint auf die Analysenwerte keinen Einfluß auszuüben. Auch sonst sind die beiden Zellulosearten sehr ähn- lich. Doch ist die Flachszellulose leichter angreifbar durch Salzsäure, aber weniger empfindlich gegen konzentrierte Schwefelsäure als die BaumwoUzellulose^), wird von alkalischen Agentien (Soda) und von Chlor- kalk leichter angegriffen und adsorbiert aus einer Kupfersulfatlösung i) Klason, Ztschr. f. angew. Ghem. 22, 1207 (1909); ßumckeu. Wolffen- stein, Ber. d. dtsch. chera. Ges. 32, 2495 (1909); Ost, Zeitschr. f. angew. Ghem. 19, 993 (1906), Ghem. Ztg. 33, 197 (1909). 2) G. G. Schwalbe, Die Ghemie der Zellulose, Berlin 1911, p. 581. 3) Herzog in Sorau, Unterscheidung von Leinen u. Baumwolle 1904, p. 12. 28 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. etwa doppelt so viel Kupfer als diese, ohne daß diese Unterschiede durch Verunreinigungen zu erklären wären. Die vorhandenen Angäben bezüglich Verhaltens beider Zellulosegattungen gegen Farbstoffe stimmen nicht immer überein, so über die ungleich starke Anfärbung durch Methylenblau ^). Kochenilletinktur färbt Baumwolle hellrot, Leinen vio- lett, Krapptinktur erstere hellgelb, letztere orange, mit Fuchsin gefärbte Baumwolle wird durch Ammoniak rascher entfärbt. Bei all diesen Unterschieden dürfte es sich wohl um die Wirkung kleiner aber un- gleicher Mengen von Oxyzellulose handeln. Diese dürfte auch die gelb- liche Färbung der Flachszellulose durch Alkalien sowie Reduktion von neutraler Silbernitratlösung beim Kochen mit dieser Art von Zellulose verursachen. Die Jute2) liefert mit allen Entholzungsmethoden (Bisulfit, Salpeter- säure, Permanganat, Bromwasser, Alkali) mit Ausnahme des Ghlorverfah- rens a-Zellulose, nach letzterem 70 — 7b Proz. eines Gemenges von a- und ß-Zellulose (im Verhältnisse 4:1) mit 12,8—^3,8 Proz. G und 5,8— 5,9 Proz. H. Ohne Zweifel enthielt die von Gross und Bevan dar- gestellte a-Zellulose beträchtliche Mengen von Oxyzellulose, da sie bei der Salzsäure 6 Proz. Furfurol lieferte, nicht weniger als das durch Chlorierung gewonnene Gemenge der beiden Zellulosen. Bemerkens- werterweise erhielt Beltzer^) aus der Jute mittelst Natriumbisulfitlösung bei 160° G gerade soviel (60 — 65 Proz.) Zellulose wie Gross und Bevan mittelst der Müll er sehen Bromwassermethode, anscheinend a-Zellulose, löslich in Ghlorzink- und in Kupferoxydammoniaklösung und aus letzterer nicht mehr vollständig fällbar. Das Gemenge der Jutezellulosen wird durch Phenylhydrazin gelb^ durch Fuchsin rot gefärbt. Gegen hydro- lytische Agentien ist die a-Zellulose der Jute weniger resistent als die Baumwollzellulose. Die ß-Zellulose enthält 6 Proz. Methoxyl. Ob der Methoxylgehalt im Sinne der Anwesenheit einer methoxylierten Zellu- lose zu deuten ist oder vielleicht bloß von Ligninbestandteilen der Jute herrührt, ist nicht genügend festgestellt. Die Zellulose der Getreidestroharten*)^ durch energische alka- lische Hydrolyse und Ghlorkalkbleiche (technisch) gewonnen und mittelst wässeriger Fluorwasserstoffsäure gereinigt, ist kohlen- und wasserstofT- i) Herzog, Ztschr. f. d. ges. Textilind. 11, 437 (1908); Schwalbe, Chenaie der Zellulose 1911, 582. 2) Gross u. Bevan, Ber. dtsch. ehem. Ges. 26, 2522 (1893), Researches on Gellulose I, 146 u. Cellulose 1903, 83,- 37. 3) Bull. soc. China. [4], 7-8 295 (1910). 4) Gross, Bevan u. Smith, Ber. dtsch. ehem. Ges. 29, 1457 (1896); vergl. Gross, Bevan u. Beadle, ibid 28, 1061 (1895); Ghem. Soc. J. 66, 472; 67, 4 33; Journ. Am. Soc. 1896, 8. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 29 ärmer als normale Zellulose. Cross, Bevan und Beadle fanden im Hafer- stroh 42,4 Proz. G und 5,8 Proz. H. Sie sprechen sie als eine Oxy- zellulose an. Sie liefert bei der Destillation mit Salzsäure 12 — 13 Proz. Furfurol, ohne nach dem Erwärmen mit Phlorogluzinsalzsäure die für die Pentosen charakteristische Rotfärbung zu zeigen, wird durch Phenyl- hydrazinsalze gelb, durch fuchsinschwefelige Säure magentarot, durch Kochen mit neutralen Anilinsalzlösungen rosenrot gefärbt und reduziert alkalische Kupferlösung. Durch saure Hydrolyse, am besten durch Er- hitzen mit der sechsfachen Menge einprozentiger Schwefelsäure im Auto- klaven bis drei Atmosphären und Belassen bei diesem Drucke durch 15 Minuten, spaltet sich diese Stroh-»Oxyzellulose« in 66 — 70 Proz. »normaler Zellulose« (mit 45,2 G und 5,6 Proz. H!), welche bloß 1 ,06 Proz. Furfurol gibt, und eine licht gefärbte Lösung, welche 90 bis 95 Proz. der »furfuroiden Bestandteile« der Strohzellulose enthält. Diese Lösung enthält keine Hexosen, denn sie liefert mit Salpetersäure keine Zuckersäuren. Das Reduktionsvermögen von ein Gewichtsteil d-Glu- kose=100 gesetzt, beträgt das Kupferreduktionsvermögen von ein Ge- wichtsteil der schwefelsäurefreien Trockensubstanz dieser Lösung 120 bis 130, was auf eine Pentose hindeuten würde. Die Reaktion mit Phloro- gluzinsalzsäure ist jedoch nicht kirschrot, sondern tief violett, Phenyl- hydrazinazetat gibt ein kristallisiertes Phenylosazon C5H803(IN'2HG6H5)2, zwischen 146 und 153" G schmelzend, ähnlich wie Phenylxylosazon. Nach Beseitigung der Schwefelsäure mit Baryumkarbonat wurde ein gummiartiger Abdampfrückstand GgHioOs erhalten, welcher mit Salzsäure 39 — 42,5 Proz. Furfurol und mit Wasserstoffsuperoxyd 19,5—20,5 Proz. Kohlendioxyd neben dem Gerüche von Formaldehyd lieferte. Hieraus schließen die Autoren, daß sich die durch alkalische Hydrolyse des Strohs gewonnene Zellulose beim Erhitzen mit ver- dünnter Schwefelsäure in resistente Glukozellulose und ein Pentose- monoformal C5H803<' 7GH2 spaltet. Letzteres sollte 44,4 Proz. Fur- \o/ furol und bei vollständiger Oxydation der Methylengruppe 27 Proz. GO2 geben. Diese Schlußfolgerungen sind jedoch in manchen Belangen an- greifbar. Solche Pflanzenstoffe, welche bei der Destillation mit Salz- säure Furfurol entstehen lassen, aber im übrigen nicht das Verhalten von Pentosanen oder Pentosen zeigen, wurden allgemein als »Furfuroide« oder »Furo'ide« bezeichnet. Sie sollen sich auch in der ß- Zellulose anderer Pflanzenfasern und der Hölzer vorfinden. Ob sie auch dort das geschilderte Verhalten eines Pentosemonoformals zeigen, ist nicht be- kannt Nach E. Schulze 1) entsteht durch energische Hydrolyse der 1) Zeitschr. f. physiol. Gh. 16, 418 (1892). 30 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Roggenstrohzellulose mittelst des Verfahrens von Flechsig Trauben- zucker, jedoch weder Galaktose noch Mannose. Die Esparto- oder Haifagras-Zellulose i) enthält 41,0 bis 41,8 Proz. C und 5,8—5,4 Proz. H, gibt 12,2 Proz. Furfurol und scheint somit der Zellulose aus Getreidestroh ähnlich zu sein. Hingegen ist sie wesentlich verschieden von der Baumwoll- und Flachszellulose, welche keine oder fast keine FuroTde enthalten. Die mittelst Alkalien isolierte Ramiezellulose steht in bezug auf ihre chemische Resistenz und ihre genetische Beziehung zur d- Glu- kose 2) der Baumwollzellulose nahe. Gegen Chlorkalk ist sie sogar noch viel widerstandsfähiger als diese^). Wie beim Holze die kleinen Mengen von Galaktose und Mannose, welche bei schonender Hydrolyse auftreten, als Merkmale für die Präexistenz von Hemizellulosen gedeutet werden können, wäre aus der Auffindung der Mannose^) unter den Produkten der Säure- hydrolyse der rohen Jute der analoge Schluß zu ziehen. Andere Fasern scheinen nach dieser Richtung nicht oder mit negativem Ergebnis unter- sucht worden zu sein. Bezüghch der pektosehaltigen Fasern muß aller- dings bemerkt werden, daß sie eine Erkennung der Hemizellulose mit den gegenwärtig bekannten Mitteln kaum gestatten, da ja die Pektin- stolTe mit den Hemizellulosen die Lüslichkeit in Alkalien und die Ab- spaltbarkeit von Galaktose durch Säurehydrolyse teilen. Das gleiche gilt auch wegen der hydrolytischen Entstehung von Pentosen (Arabinose, vielleicht auch Xylose) aus Pektinsubstanzen bezüglich Unterscheidung dieser von den Pentosanen. Letztere hingegen können, falls man die Furfurolbildung bei Destillation mit Salzsäure als Maßstab für ihre Menge ansieht, ganz oder teilweise auch mit den oben besprochenen Furoiden verwechselt werden, welche Gross und Bevan in den Stroharten glau- ben nachgewiesen zu haben und welchen sie auch sonst eine weitere Verbreitung im Pflanzenreiche zuschreiben. Aus diesem Grunde sind die Pentosan werte in der tabellarischen Zusammenstellung auf Seite 3 5 f., weil aus Furfurolbestimmungen abgeleitet, mit entsprechender Vorsicht aufzunehmen. Doch ist festzuhalten, daß die alkalischen Ablaugen der technischen Gewinnung von Strohzellulose nach Stone und Test^) ein besonders geeignetes Ausgangsmaterial zur Darstellung des Xylans ab- seben. 1) Gross, Bevan u. Beadle, Ber. dtsch. ehem. Ges. 27, 1061 ff. 2) Ernest, Ber. dtsch. ehem. Ges. 39, 1947 (1906). 3) Witz, Bull, de la soc. industr. de Ronen 10, 461 (1882). 4) Beltzer, Bull. soc. chim. [4] 7/8, 366 (1910). 5) Am. Chem. Journ. Soc. 15, 195 (1893). Siebzehnter Abschnitt. Fasern, 31 Angaben über das Vorkommen von Metliylpentosanen in Pflanzen- fasern, beziehungsweise über die Entstehung von Methylfurfurol aus diesen liegen nicht vor^). Vom Ligninanteile der verholzten Fasern ist am eingehendsten der der Jute studiert worden, und dieser insbesondere bezüglich seines Verhaltens gegen Chlor 2). Das Ergebnis dieser Untersuchungen läßt sich bis zu einem gewissen Grade auch auf die Ligninstoffe anderer verholzter Fasern und auch des Holzes anwenden. Nach Behandlung der feuchten Jutefaser mit Chlorgas läßt sich durch Auslaugen mit Alkohol und Ver- setzen der alkoholischen Lösung mit Wasser in gelben Flocken das »Ligninchlorid« CigHigC^O.j abscheiden, welches nach Gross und Bevan ein dem Mairogallol aus Pyrogallol GisHvCluOio^) vergleichbares Produkt yCH = CHv und wie dieses ein Abkömmling des Chinonchlorids CO CCI2 ^cn = GW sein soll. Die dem Ligninchlorid entsprechende (hypothetische) halogen- freie Muttersubstanz G19H22O9, das »Lignon«, soll den zyklischen Komplex /CH = CHx CO GH2, den >Keto-R- Hexenbestandteil« enthalten, den ^CH = CH^ Hantsch und Schniter^) dem Mairogallol zugrunde legen. Diese Vor- stellung wird gestützt durch die Bildung gechlorter Chinone bei der trockenen Destillation des Ligninchlorids, durch teilweise Überführung des Ligninchlorids in Trichlorpyrogallol mittelst naszierenden Wasserstofl's und durch das Auftreten einer Purpurfärbung bei Einwirkung einer Lösung von neutralem Natriumsulfit, Na2S03, auf Ligninchlorid, wie sie auch Mairogallol unter gleichen Umständen zeigt. Da bei der Chlori- sierung der feuchten Jute annähernd ebensoviel Chlor als Chlorwasser- stoff auftritt, wie ins Ligninchlorid eingeht, so vollzieht sich bei dieser Ghlorisierung nebenher kein Oxydationsprozeß, sondern die Bildung des Chlorids und dessen hydrolytische Abspaltung vom Zelluloseanteile sind als Hauptreaktionen zu betrachten. Der Keto-R-Hexenbestandteil soll durch Vermittlung der Hydroxyl- gruppen mit einem hypothetischen Ligninbestandteile, CiiHio(OGH3)204, 1) Während des Druckes dieses Werkes hat Mag. pharm. Bela Wolf in meinem Laboratorium an einer kleinen von Hofrat v. Wiesner herrührenden Probe Posidonia- faser neben anderem auch eine Methylpentosan-Bestimmung ausgeführt. Es wurden 4,380/0 Methylpentosan vorgefunden. Die übrigen analytischen Werte finden sich am Schlüsse der Tabelle p. 36. 2) Gross u. Bevan, Journ. Chem. Soc. 55, 213 (1889); Zellulose 1903, p,9G. Ber. dtsch. chem. Ges. 26, 2528 (1893). 3) Hantsch u. Schniter, Ber. dtsch. chem. Ges. 20, 2033 (1887). 32 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. kondensiert sein, welcher, weil mit Salzsäure gleichfalls Furfurol liefernd, als >Furfurolkomplex des Lignins« bezeichnet wird. Aus quantitativen Bestimmungen der beiden Zellulosen und des Ligninchlorids und Bestim- mungen des Furfurols und Methoxyls in der Jute und in ihren einzelnen Bestandteilen schließen Gross und Bevan, daß die Jutefaser sich zu- sammensetzt aus 60 — 65 Proz. a-Zellulose, 15 — 20 Proz. ß-Zellulose, <8— 22 Proz. Furfurolkomplex CigHigOe und 7—9 Proz. Keto-R-Hexen- derivat, und daß diese Anteile nach konstanten Verhältnissen chemisch miteinander verbunden sind. Wenn hierfür auch andere Beobachtungen ins Treffen geführt wurden, wie Löslichkeit der gesamten Jutesubstanz in Zinkchlorid und in Kupferoxydammoniak ^), Gleichartigkeit des Ver- haltens der aus solchen Lösungen durch Verdünnen oder dui;ch Säuren fällbaren und der 15 — 25 Proz. in Lösung bleibenden Substanz mit dem der ursprünglichen Jutefaser und identisches Verhalten des bei Einwirkung von Alkalien auf nitrierte Jute sich lösenden Anteiles und des Lösungs- restes 2), so erscheint doch die Existenz von Lignozellulosen als bestimmter chemischer Verbindungen von Zellulosen und Lignin und auch die Homo- genität des Lignins selbst keineswegs über jeden Zweifel sicher festgestellt. Das Verhalten der anderen verholzten Fasern und auch das des Holzes im feuchten Zustande gegen Chlor gleicht einigermaßen dem der Jute: Gelbfärbung bei der Chlorierung, Rotfärbung bei nachfolgender Behandlung mit Natriumsulfit, Möglichkeit der Isolierung von Substanzen mittelst Alkohols, welche in bezug auf Eigenschaften und Zusammensetzung dem Ligninchlorid aus Jute ähnlich sind. So enthält das Ligninchlorid aus einem spanischen Mahagoniholz 30,4 Proz. Chlor, während die Formel C,9Hi8Cl409 26,7 Proz. verlangt. Ähnliches liegt bezüglich der Chlorierung des Holzes der Kiefer, Buche und Birke vor. '-Doch findet bei Einwirkung des Chlors auf Hölzer im allgemeinen neben der Chlorierung auch im größeren Umfange Oxydationswirkung statt^). Das Studium der Chloreinwirkung auf andere Fasern als Jute ist bis jetzt ein bloß qualitatives geblieben. Bezüglich des Nachweises der Ligninsubstanzen in den Fasern be- dient man sich der in der chemischen Charakteristik des Holzes (p. 336) angegebenen Farbenreaktion, insbesondere der Phlorogluzinreaktion. Hier sei bloß im allgemeinen bemerkt, daß nur wenige Fasern sich als lignin- frei erwiesen haben (z. B. Baumwolle, Flachs); weitaus die meisten zeigen die Lisninreaktion in mehr oder minder starkem Grade 4). i) Gross u. Bevan, Zellulose, <903, p. 114. 2) Mühlhäuser Dinglers Polytechn. Journ. 283, 88, 137 (1842), Gross u. Bevan, Zellulose 1903, 132 u. Researches on Gellulose I, 130. 3) S. auch unter IV (Kennzeichen der Faser) d. 4) Gross u. Bevan, Zellulose 1903, 104 u. 195. S. auch unten Wiesner; und Gräfes einschlägige Beobachtungen p. 4 4 ff. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 33 Die in pflanzlichen Geweben der verschiedensten Art vorwiegend als Bestandteile der Mittellamelle verbreiteten Pektinstoffe*), welche, wie bereits am Beginne dieses Abschnittes erwähnt, auch als Bestand- teile einer Anzahl von rohen Fasergattungen auftreten und als Inter- zellularsubstanzen speziell die Bastfasern teils mit ihrem Nachbargewebe, teils auch untereinander verkitten, sind polysaccharidartig zusammen- gesetzte Kolloide, welche ihrem physikalischen und chemischen Ver- halten zufolge nur sehr unscharf von den Hemizellulosen, Pentosanen, Pflanzenschleimen und Gummiarten abgegrenzt erscheinen, derart, daß wiederholt in Frage gestellt werden durfte, ob sie eine besondere Stoff"- klasse vorstellen. Nur mit diesem Vorbehalte kann hier an eine kurze Beschreibung dieser Stofi'e geschritten werden. Die Pektinstoffe sollen in ihrem ursprünglichen Zustande in Wasser unlöslich sein (Fremy's Pektose). Sie enthalten in dieser Form immer Kalzium und sind daher Kalziumsalze von irgendwelchen Säuren (Mul- ders Pektinsäure) oder enthalten wenigstens solche (Beijerincks Pektose, Tschirchs Protopektin). Pektose hinterbleibt als unlösliches Zellhaut- skelett (vielleicht als Cupripektat) nach Behandlung mikroskopischer Schnitte von pektoseführenden Geweben mit Kupferoxydammoniak. Nach Waschen mit Wasser zeigt der Lösungsrückstand keine von den früher ^i beschriebenen Reaktionen der Zellulose, wird nicht von den spezifischen Zellulosefarbstoft'en, wohl aber von Hämatoxylin nach Delafield, ferner von Fuchsin, Hoffmanns Violett, Jodgrün, Bismarckb.raun, Malachitgrün, Au ramin, Nilblau, Naphtylenblau R, Methylenblau usw. gefärbt. Die an- fänglich für die Pektose im natürlichen Zustande von Mangin^) für be- sonders charakteristisch gehaltene Rotfärbung durch ammoniakalisches Rutheniumrot Ru(OH)2Glii(NH3)7-l-3H20 hat ihren Wert als Erkennungs- mittel für jene verloren, seitdem festgestellt wurde, daß auch Glykogen, Isolichenin, Pflanzenschleime und Gummiarten durch das Reagens in ähnlicherweise gefärbt werden^). Durch aufeinanderfolgende Einwirkung i) Bezüghch der umfangreichen Literatur der Pektinstoffe sei auf umfassende Zusammenstellung in Czapeks Biochemie der Pflanzen, 1913, p. 665 ff. hingewiesen, wo sich auch eine sehr eingehende Beschreibung dieser Substanzen findet. Eine ge- drängtere rein chemische Darstellung bringt ToUens in »Kurzes Lehrbuch der Kohlen- hydrate«, 1914, p. 491 ff. In Lafars Handbuch der Technischen Mykologie, 1904 — 1906, Band 3, p. 269 if. handelt ein Beitrag von J. Behrens über Pektingärung. Diese ist für die Ver- edelung der Gespinstfasern sehr wichtig. 2) Siehe Seite 323 ff. des IL Bd. vorhegenden Werkes. 3) L. Mangin, Compt. rend. de l'Acad. des Sc. 107, 144 (1888); 109, 579 (1889); 110, 295 (1890); 116, 653 (1893). 4) Tobler, Zeitschr. f. wissensch. Mikrosk. 23, 182 (1906). Wiesner, Eoli Stoffe. III. Band. 3. Anfl. 3 34 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. von kalter verdünnter Salzsäure und kochenden Alkalien entstehen aus Pektose die im freien Zustande in kaltem Wasser unlösliche Pektinsäure und dann ihr lösliches Alkalisalz oder vielleicht auch Alkalisalze von hydrolytischen Spaltungsprodukten der Pektinsäure. Wird auch das Alkali kalt verwendet, so unterbleibt die Hydrolyse. Schon das Kochen .mit Wasser scheint beginnende Hydrolyse der nativen Pektose zu be- wirken. Hierbei entstehen in heißem Wasser, besonders bei Gegenwart von Zucker, lösliche, beim Erkalten sich gallertig ausscheidende Pektine (Gelee der mit Zucker eingekochten Früchte), deren Hydrolyse mit zu- nehmender Dauer des Kochens unter Einbuße an Gelatinierfähigkeit vor- zuschreiten scheint. Die durch kurzes Kochen mit stärkeren Basen entstehenden Produkte wurden von Fremy als Parapektin und Meta- pektin bezeichnet. Diese wandeln sich bei weiterer Einwirkung der kochenden Laugen in Salze der Parapektinsäure und Metapektinsäure (Fremy und Ghodnew) oder der Arabinsäure (?) (Scheibler) um. Die hydrolytische Überführung der nativen Pektose in lösliche Produkte, darunter reduzierende Zuckerarten, soll nach Bourquelot und Herissy^j durch die im Malzextrakte vorkommende Pektinase beschleunigt werden. Andererseits bilden sich in neutralen pektinhaltigen Extrakten auf Zu- satz von vielen Pflanzensäften Gallertausscheidungen, wie Fremy^) an- nimmt, unter dem Einflüsse eines lösliche Pektinstoffe koagulierenden Enzyms, der Pektase. Vielleicht handelt es sich hierbei bloß um die Ausscheidung von unlöslichen Kalziumpektaten. In Gegenwart der Pek- tinase bleibt die Pektase-Wirkung aus. Durch die >Pektosinase«, welche verschiedene bei der Flachsröste wirksame Granulobakter-Formen pro- duzieren, wird nach Beijerinck und van Delden*) die unlösliche Pektose in der Mittellamelle der Leinpflanze in lösliche Pektine und weiterhin in Zuckerarten übergeführt. Nach älteren Angaben entfernt sich die elementare Zusammensetzung der Pektinstofi"e von der der Kohlenhydrate insofern, als das Gewichts- verhältnis zwischen Wasserstoff und Sauerstoff vom normalen 1:8 stark abweicht. Es erreicht sogar den Wert 1:12, Neuere Analysen \] Mangin, 1. c, Boresch, Sitzungsber. Akad. d. Wiss. Wien 117, I, 32 1908; Tumann, Pflanzenmikrochemie, Berhn 1913, p. 564; Molisch, Mikrochemie d. Pflanze, Jena 4 913, 315. 2) Compt. rend de l'Acad. sc. Paris 127, 191 (1898). 3) Journ. f. pr. Ghem. 21, 1 (1840); Liebigs Ann. d. Chem. u. Pharm. 07, 257 (1848). 4) Arch. Neerland. Sei. exact. [2.] 9, 418 (1903), zit. in Czapek, Biochemie d. Pflanzen 1913, p. 669. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 35 an sorgfältiger gereinigtem Material i) führten zum Verhältnisse 1 : 7,9 bis 1 : 9,0. Die hydrolytische Überführbarkeit der Pektinstoffe in Pektin- säuren machen die Gegenwart einer unter Umständen intramolekular veresterten Karboxylgruppe wahrscheinlich, die jedoch wegen der be- trächtlichen Molekulargrüße der Pektinstoffe deren elementare Zusammen- setzung nicht sehr beeinflußt. Als einfachste hydrolytische Spaltungsprodukte der Pektinstoffe wurden Galaktose, d-Glukose und 1-Arabinose aufgefunden. Die unzweifel- haft daneben entstehende einfachere Karbonsäure (vielleicht Glukonsäure) wurde bisher nicht isoliert. Aus nachstehender Tabelle ist die Zusammensetzung der wichtigsten Fasern zu entnehmen. Fasergattnng 3> 1 1 1 1 Zellulose iil 1 Mi'thylziihl Furoide oder Pontosan i. Mittel Proz. Proz. Proz. Proz. Proz. Proz. Pro/,. Proz. Jute, fast farblos 2) . . 0,68 9,93 1,03 64,24 24,41 0,39 __ > rehfarbenS). . . — 9,64 1,63 63,03 23,36 0,32 — — — cuttings, braun . — 12,58 3,94 61,74 21,29 |0,45 — — — Winterroggenstroh 3) . 3,2 4 4,3 9,34 49,22 • 27,70 1,99 1,5 — 1 23 Wintergerstenstroh 3) . 5,3 14,3 — — — 2,0 2,0 — 1 25 Winterweizenstroh 3) . 5.5 14,2 8,32 49,17 30,34 1,58 2,0 -| 23 Sommergerstenstroh 3; . 7,0 14,3 — — I'l,* 3,0 Haferstroh 3) 5,0 14,3 — 46,5—42,0 — i 2,0 2,5 — ; 27 Maisstroh 3) 4,0 14,0 — — — 1,1 3,0 — j über 4 Bambus*) 5,13 9,03 11,16 33,84 26,17 0,83 — — ~ Esparto , span. fein- blättrig &) 3,72 9,75 10,68 50,19 27,23 2,13 — — — Esparto, span. grob- blättrig 5) 3,43 10,30 12,02 49,52 25,73 2,43 — — ~ Esparto, afrikan. dick- t blättrig 5) 3,34 8,45 10,05 50,16 28,83 2,51 — - 1) Tromp de Haas u. Tollens, Ann. d. Chem. 286, 278 1893. 2) H. Müller, Ber. über die Weltaussteilung Wien 1873, Abt. Pflanzenfaser, p. 39. 3) E. Wolff, zitiert bei H. Müller, 1. c, p. 67. 4) H. Müller, 1. c, p. 113; siehe auch Sindall, Bambos for papermaking London 1910, zitiert in C. G. Schwalbe, Die Chemie der Zellulose, Berhn 1911, p. 392. 5) H. Müller, 1. c, p. 104. 3* 36 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Fasergattuug 1 1 1 ,1 Zellulose ■2 -So 1 • 1 i II ? S i Proz. Proz. Proz. Proz. Proz. Proz. Proz. Proz. Rohbaumwolle, 1 Surall) 0,22 ■ 7,50 — 91,33 0,53 0,40 — — — Rohbaumwolle, Ame- i rika 1) 0,12 8,00 — 91,00 0,53 0,33 — — — Rohbaumwolle, Ägyp- \ ten i) 0,25 7,83 — 90,80 0,68 0,42 — — — Kapok, roh 2) .... 3,58 8,6—9,3 — 64,3—71,1 — 5,77 — 8,18 23—23 Chinagras 3) .... 2,87 9,05 6,47 78,07 6,10 0,21 — — — RheaS) 5.65 10,15 10,34 66,22 12,70 ' 0,59 — — — Flachs (Lin bleu de Lockeren)*) . . . 0,70 8,63 3,63 82,57 2,39 2,39 — — — Flachs (Lin Wallon)*) 1,32 10,70 6,02 71,50 9,41 2,37 — — — Roher Flachs 5) . . . 1,00 — — 63—70 20—25, — — — — Hanf 6) 0,82 8,88 3,48 77,70 9,31 0,56 — — — Neuseelandflachs": . 0,63 11,61 21,99 63,00 1,69 1,08 — — — Manilahanfs) . . . 1,02 11,85 0,97 64,72 21,80 ! 0,63 — ; — — SunnhanfS) .... 6,61 9,63 2,84 80,49 6,46 0,56 1 — — — Posidoniafaserio) . . 3,08 — — 38,41 — — — — 11,13 IV. Die Kennzeichen der Pasern. Bei der vielfachen Übereinstimmung der Fasern in den äußeren Eigenschaften ist es begreiflich, daß eine durchgreifende Unterschei- dung derselben auf dem bloßen Augenschein nicht beruhen könne. Daß in vereinzelten Fällen chemische und in immerhin nur beschränktem Maße auch physikalische Merkmale zur Unterscheidung herangezogen werden können, wird weiter unten dargelegt werden, ist übrigens oben be- reits mehrfach angedeutet worden. Da aber die Beobachtung gelehrt hat, daß die Fasern und die dieselben zusammensetzenden Elementarorgane eine 1) Bowman, The structure of cotton fibre, London 1908, p. 147, zitiert in G. G. Schwalbe, Die Chemie der Zellulose, Berlin 1911, p. 4 66. 2) C. G. Schwalbe, I.e. 469. 3) H. Müller, 1. c. 49; Wit, Chem. Technologie d. Gespinstfaser, p. 158, zitiert in G. G. Schwalbe, 1. c. 471. 4) Fein gehechelt. H. Müller, 1. c, p. 38. 3) Tassel, Revue general de matieres colorantes 4, 127 (1900) zit. in C. G. Schwalbe, 1. c. 477. 6) H. Müller, 1. c, p. 38. 7) Church, zit. bei H. Müller, 1. c. 69. 8) und 9) H. Müller, 1. c, p. 71. 10) Methylpentosan siehe p. 31, Fußnote 1. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 37 große Verschiedenartigkeit und dabei doch eine große Konstanz in morpho- logischer Beziehung darbieten, ja daß die Eigenschaften, um derent- willen wir die Fasern zu diesem oder jenem Zwecke benutzen, vorwiegend auf für die Faserart konstanten Struktureigentümlichkeiten be- ruhen, so muß wohl einleuchten, daß, wenn überhaupt eine Unter- scheidung der Fasern möglich ist, dieselbe in erster Linie nur auf die mittelst des Mikroskops festzustellenden morphologischen Verhältnisse der Fasern gestützt werden könne. Die Frage, ob eine Unterscheidung der Fasern auf mikroskopischem Wege mit Sicherheit durchführbar ist, muß ich, eine wissenschaftliche Untersuchungsmethode vorausgesetzt, für die überwiegende Mehrzahl der Fälle bejahen. Die Unterscheidung gelingt allerdings nicht immer leicht und auch nicht bloß auf Grund weniger Merkmale. Man darf sich nicht vorstellen, daß die Auffindung der Art einer Faser auf so einfache Weise erfolgt, wie etwa die Nachweisung der bekannteren Metalloxyde oder Mineralsäuren. Jene analytische Methode, die in der Chemie so rasch und sicher zur Auffindung der in einer Substanz enthaltenen chemischen Individuen führt, kann in der Untersuchung der Fasern nicht ausreichen ; die morphologischen Verhältnisse sind hier oft so verwickelt, daß man nicht durch ein einfaches Schema auf die Art der Fasern geleitet wird, sondern erst aus einem ganzen Bild von Erscheinungen hierauf schließen kann. Alle Versuche, die Kennzeichen der Fasern in ein Schema zusammenzustellen und hieraus in einem gegebenen Fall die Art einer Faser zu bestimmen, sind bis jetzt mißglückt. Unsere heutigen Kennt- nisse über die Morphologie der Fasern würden wohl die Aufstellung eines halbwegs ausreichenden Schemas gestatten; aber es würde außerordent- lich kompliziert ausfallen. Es ist heute gewiß noch geratener, auf eine scharfe Charakteristik der Fasern zu verzichten und auf Grund ge- nauer Physiographien die Ableitung der Abstammung vorzunehmen. Die nachfolgende Zusammenstellung der wichtigsten Kennzeichen der Fasern wird zur ersten Orientierumg über die Art einer zu untersuchen- den Faser insofern dienen, als sie die Frage, welche Faser vorliegt, auf einen engen Kreis beschränkt. Mit Zuhilfenahme der im speziellen Teile dieses Abschnittes gegebenen Beschreibungen wird sich die Art der Faser wohl fast stets ermitteln lassen. Die Unsicherheit, welche noch hier und dort in der Auffindung der Unterscheidungsmerkmale der Fasern besteht, liegt nicht in dem Mangel der Untersuchungsmethode, vielmehr in dem Umstände, daß die Kennzeichen, ja Eigenschaften mancher Fasern bis jetzt noch nicht oder noch nicht genau studiert wurden. Wie wichtig eine methodische Prüfung der Fasern ist, wird jeder leicht einsehen, der irgendeine rohe Faser unters Mikroskop bringt und gleich an diesem Objekt, wie dies in der Tat noch in manchen neueren 38 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Technologien geschieht, die Kennzeichen aufzufinden versucht. Hanf, Flachs, Sunn, Jute und viele andere Fasern lassen in diesem Zustande gar keinerlei Unterschiede wahrnehmen, und derjenige, dem die histo- logischen Untersuchungsmethoden fremd sind, möchte nicht glauben, welche große Mannigfaltigkeit höchst charakteristischer Formbestandteile sich hinter dieser scheinbaren Gleichartigkeit birgt; der spezielle Teil dieses Abschnittes wird dies genügend belegen. Unsere bisherigen Kenntnisse über die Morphologie der Fasern sind aber noch nicht so weit gediehen, um alle bereits in Verwendung ge- nommenen Fasern mit aller Bestimmtheit erkennen zu können. Die Morphologie der gewöhnlichen Spinnfasern ist allerdings bereits so gründ- lich erkannt, daß es heute wohl keine Schwierigkeiten mehr machen kann, Baumwolle, Hanf, Flachs, Jute, Sunn und noch zahlreiche andere mit aller Bestimmtheit im rohen Zustande und im Gewebe zu ermitteln. Aber über die echte Äloe-^ Bromelia- Hibiscus-^ Slda-, Co)-dia-¥&seT, über die in der Papierfabrikation benutzten Gramineenfaser (abgesehen von Reis-, Getreidestroh, Espartofasern und weniger anderer) wissen wir noch zu wenig, um selbe auch selbst nur im rohen Zustande genau erkennen zu können. Soweit eben auf Grund wissenschaftlicher Methode nach stichhaltigen Kennzeichen der Fasern gefahndet wurde, haben sich solche in der Regel auch gefunden. Ein weiteres Vorgehen auf dem- selben Wege wird nicht nur die bis jetzt noch ungelösten Fragen klären, sondern gewiß auch eine Vereinfachung in der mikroskopischen Er- kennung der Fasern herbeiführen. Wie die früher mitgeteilten physikalischen Eigenschaften gelehrt haben , so wohnt denselben allerdings nicht jene unterscheidende Kraft inne wie den morphologischen, aber in manchen Fällen leisten sie doch überraschend gute Dienste, wie oben rücksichtlich des optischen Verhaltens dargelegt wurde. Tieferes Eindringen in die physikalischen Eigenschaften der Fasern wird gewiß zu weiteren Unterscheidungsmerkmalen führen. Derzeit liegt aber die Sache doch so, daß die physikalischen Eigenschaften nur zur Unterscheidung einzelner Fasern mit Vorteil anzuwenden sind und daß heute noch nicht daran gedacht werden kann, auf diesem Wege alle Fasern zu unterscheiden. Doch lassen die Resultate der bis- her durchgeführten Untersuchungen hoffen, daß bei fortgesetzten ein- schlägigen Studien weitere brauchbare Materialien zur Unterscheidung der Fasern herbeizuschaffen sein werden. Chemische Reaktionen, mikro- oder makrochemisch angewendet, leisten seit längerer Zeit in der Unterscheidung der Fasern, zumal der rohen, ungebleichten, gute Dienste, wenngleich sie doch mehr den Charakter von Klassenreaktionen an sich tragen. Die wichtigsten dieser Reaktionen sind noch immer die auf reine Zellulose (mit Jod + Schwefel- Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 39 säure oder Chlorzinkjod) und auf Verholzung (mit Anilinsulfat oder Phloro- gluzin + Salzsäure). Den gebleichten Fasern gegenüber sind die chemischen Reagentien fast durchaus ohne Bedeutung, da sie eben nur die Reaktion der reinen Zellulose liefern. Bei sonst gleichen Eigenschaften ist eine Faser desto besser, je weniger sie durch Anilinsulfat oder durch Phlorogluzin -j- Salz- säure gefärbt, je rascher sie durch Kupferoxydammoniak in Lösung ge- bracht wird; sie ist besser, wenn sie durch Jod- und Schwefelsäure ge- bläut wird, als wenn sie, mit diesen Reagentien behandelt, eine grüne, braune oder gelbe Farbe annimmt. a) Spezifische Doppelbrechung^). Zu einer systematischen Unterscheidung der Pflanzenfasern kann deren spezifische Doppelbrechung nicht herangezogen werden, wohl aber leistet sie in der Charakteristik mancher Fasern gute Dienste und kann atich als Hilfsmittel benutzt werden, um zwischen bestimmten Fasern zu unterscheiden, z. B. zwischen Baumwolle und Flachs, Flachs und Ramie, Hanf oder Flachs und Jute und einigen anderen. Hier folgt eine Zusammenstellung der spezifischen Doppelbrechung der wichtigsten Pflanzenfasern 2) von charakteristischem Verhalten nach den von Remec angestellten Beobachtungen: a) Polarisationsfarbe bis Weiß I. Baumwollenfaser, Ramiefaser, ferner Fasern von Yucca gloriosa, Sansevieria xeylanica, Aloe perfoliata, Adansonia digitata, Bromelia sp. b) bis Gelb I. Afrikanische Piassave, Manilahanf, Cordia latifoUa. c) bis Rot I oder Indigo H. Jute, Esparto, Urena sinuala, Abel- moschus tetraphyllos. d) bis Grün H. Lein, Hanf, ferner die Bastfasern von Calotropis gigantea, Crotalaria Juncea, Bauhinia racemosa, Pandanus odoratissimus. Es sei hier auch daran erinnert, was bereits oben betont wurde, daß die Hübe der spezifischen Doppelbrechung bei verschiedenen Fasern im höchsten Grade verschieden ist, wie etwa der Vergleich von Flachs- und Hanffaser mit der Agavefaser lehrt (s. oben p. \ 4). b) Verhalten der Fasern gegen Jod und Schwefelsäure. Mit Recht wird dem Verhalten der Pflanzenfasern zum Jod bei deren Unterscheidung eine besondere Wichtigkeit beigelegt. Die Färbungen, welche die Pflanzenfasern bei Einwirkung bestimmter Jodreagentien 1) Über die spez. Doppelbrechung siehe auch die in der Fußnote 2 auf p. 15 angeführte Arbeit von Aisslinger. 2) Es wurden stets die isolierten Zellen der betreffenden Faser geprüft und die Polarisationsfarbe am mittleren Teile der Längsansicht der Faser ermittelt. 40 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. annehmen, sind für dieselben charakteristisch und hängen von der che- mischen Beschaffenheit der Zellwand der betreffenden Fasern ab. Am häufigsten verwendet man ein Gemenge von gelöstem Jod mit Schwefelsäure. Die un verholzte und nicht kutinisierte, also vorwie- gend aus reiner Zellulose bestehende Faser wird durch diese Flüssig- keit blau gefärbt. Die verholzte oder kutinisierte Faser nimmt, mit diesem Reagens behandelt, eine gelbe oder braune Farbe an. In besonderen Fällen stellt sich bei verholzter Faser eine Grünfärbung ein. Zur Her- vorbringung der Farbenreaktion kann nicht jedes beliebige Gemenge von Jod und Schwefelsäure verwendet werden, es ist vielmehr die Ein- haltung bestimmter Mischungsverhältnisse erforderlich. Nach V. Höhnel haben sich folgende Konzentrationen der Reagentien am besten bewährt. Für die Jodlösung: 1 Gramm Jodkalium wird in \ 00 Gramm destilliertem Wasser gelöst, worauf Jod bis zur Sättigung der Lösung zugefügt wird. Für die Schwefelsäure: Zwei Volumteije Glyzerin, ein Volumteil destilliertes Wasser und drei Volumteile konzen- trierte englische Schwefelsäure. Werden die Fasern auf dem Objekt- träger hintereinander mit der genannten Jodlösung befeuchtet und dann ein oder zwei Tropfen des Schwefelsäuregemisches hinzugefügt, so tritt kein Aufquellen der Faser auf und diese färbt sich, wenn sie aus unverholzter oder nicht kutinisierter Zellulose besteht, tief himmelblau. Bei zu starker Konzentration der Schwefelsäure quellen die Fasern oder lösen sich auf. Bei zu verdünnter Jodlüsung werden die Fasern nicht blau, sondern violett oder rosa gefärbt. Blau werden gefärbt: Baumwolle. Rohe Bastfaser von Hibiscus cannabinus. Rohe Bastfaser von Caloto-opis gigantea (grünlichblau bis blau). Rohe Flachsfaser. Kotonisierte Ramiefaser (blau) 2). Rohe Hanffaser (grünlichblau bis reinblau). Gelb bis braun werden gefärbt: Die Haare der Bombaxwolle. Die Haare der vegetabilischen Seide (selten grünlich oder grünlichblau). Rohe Jute. Die rohe Bastfaser von Abelmoschus tetraphyllos. » > > » TJrena sinuata. 4) F. V. Höhnel, Mikroskopie der techn. verwendeten Faserstoffe. Wien und Leipzig. 2. Aufl. (1905). p. 28. 2) Über das merkwürdige und ganz exzeptionelle Verhalten dieser Faser gegen wässerige Jodlösung siehe unten bei Boehmeriafaser. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 41 Die rohe Bastfaser der Bauliinien (schwärzlichbraun). » » von Thespesia Lampas. Pandanusfaser (lichtbräuniich). Die rohe Espartofaser (rostrot). Die rohe Bromeliafaser (rotbraun). Die rohe Aloefaser (die Mehrzahl der Fasern rotbraun, ver- einzelt grünlich, sogar blau). Der neuseeländische Flachs (wird je nach dem Grade der durch die Rüstung vollzogenen Reinigung der Faser gelb, grün, bis blau gefärbt). Grasgrün durch Jod und Schwefelsäure werden jene Fasern, deren faserige Zellen durch Jod gelb oder bräunlich gefärbt werden und die stärkeerfüllte Bastmarkstrahlen führen. Die grüne Farbe, welche im schwächeren Grade auch durch Jodlüsung allein hervorgebracht werden kann, ist hier eine Mischfarbe aus Blau (durch Jod gefärbte Stärke- körner) und Gelb (durch Jod gelb gefärbte Membranen aller an der Zu- sammensetzung der Fasern Anteil nehmenden Zellen. Je nach der mehr oder minder feinen Verteilung des stärkeführenden Gewebes erscheinen die Fasern gänzlich oder nur stellenweise grün. Diese Reaktionen nehmen an: die Bastfaser von Sida retiisa » ^ » Cordia latifolia » » > Sterculia villosa » > » Holoptelea integrifolia y> » » Kydia calycina. c) Verhalten gegen Kupferoxydammoniak. Kupferoxydammoniak ist eines der wichtigsten Reagentien für die Erkennung der Pflanzenfasern. Es ist das einzige Reagens, welches Zellulose löst. Je nach dem Gehalt an Zellulose und der Beschaffen- heit der neben der Zellulose auftretenden chemischen Bestandteile wird die Faser entweder gelöst oder sie quillt bloß auf oder sie quillt nicht. Die quellende oder auch die ungequollene Faser nimmt je nach ihrer Art im Kupferoxydammoniak eine bestimmte Färbung an. Es muß stets darauf geachtet werden, daß das Reagens in wirk- samem Zustande sich befindet, was am einfachsten durch sein Verhalten gegen reine Zellulose zu konstatieren ist. Nach meinen Erfahrungen ist es am zweckmäßigsten, das Reagens durch Einwirkung von hoch- prozentigem Ammoniak auf Kupferdrehungsspähne zu bereiten *). 1) In seiner Abhandlung >Über das mikroskopische Verhalten der Baumwolle im Kupferoxydammoniak< Zeitschrift für Kunststoffe, München 4 911, p. 2 sagt Prof. Herzog >Bei Durchsicht der in der Literatur enthaltenen Angaben über die Her- 42 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Durch Kupferoxydammoniak werden rasch angegriffen und fast ganz gelöst 1) : Baumwolle. Kolonisierte Ramiefaser. Die rohe Bastfaser von Hibiscus cannahinus. » » » > Calot7'opis gigantea. Roher Flachs. Roher Hanf (bloß die Bastzellen; die häufig noch anhaften- den Parenchymzellen bleiben ungelöst). Roher Sunn. Kupferoxydammoniak wirkt bläuend und mehr oder weniger deut- lich quellend auf: Rohe Jute. Rohe Bastfaser von Abelmoschus tetraphyllos. •> » » Urena sinuata. > » » Bauhinia racemosa (einzelne Stellen der Bastfaser werden stark aufgetrieben). Rohe Bastfaser von Thespesia Lampas. Roher neuseeländischer Flachs. Rohe Faser von Aloe pterfoUata (schwache Quellung). » » » Bromelia Karatas (starke Quellung). Rohe Bastfaser von Sida retusa (wird anfangs grünlich, dann blau, und quillt schließlich auf). Kupferoxydammoniak wirkt bloß färbend auf: Vegetabilische Seide (blau). Bombaxwolle (blau). Rohe Espartofaser (lebhaft grün). Da Ammoniak die Faser gelb färbt, deuten. Rohe Faser von Cordia latifolia (blau). » » » Sterculia villosa (blau). Pandanusfaser. Stellung des zu mikroskopischen Arbeiten bestimmten K.upl'eroxydammoniaks ist nicht recht einzusehen, warum außer der einfachsten und stets sicheren Methode von Wiesner (Technische Mikroskopie 1867) noch andere recht umständliche und zudem nicht immer brauchbare Verfahren empfohlen werden. Die häufige Unwirk- samkeit solcher Lösungen ist fast immer Ursache der auseinandergehenden Angaben verschiedener Autoren. € -1) Nämlich bis auf Kutikula (bei Baumwolle), Reste von Mittellamellen (Hanf), Innenschlauch und Protoplasmareste. Über die morphologischen Veränderungen, welche die Fasern durch Einwirkung von Kupferoxydammoniak erfahren, siehe den folgenden Paragraphen dieses Kapitels. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 43 d) Verhalten gegen Reagentien, welche Verholzung anzeigen. (Anilinsulfat und Phlorogluzin -|- Salzsäure '). Ungefärbt oder fast ungefärbt bleiben: Baumwolle. Bombaxwolle (wird kaum merklich gefärbt). Kotonisierte Ramiefaser. (Auch die Bastzellen der rohen Ramie bleiben ungefärbt oder werden kaum merklich gefärbt). Roher Flachs (nur die geringsten Sorten werden etwas gefärbt). Rohe Bastfaser von Hibiscus cannahiniis (wird nur sehr schwach gefärbt). Rohe Bastfaser von Calotropis gigantea (wird nur sehr schwach gefärbt). Roher Sunn. Roher neuseeländischer Flachs (wird nur sehr schwach, manchmal gar nicht gefärbt). Manilahanf (sehr schwach gefärbt). Dispopo (Agave cocui) sehr schwach gefärbt. Raphiabast (sehr schwach gefärbt). Deutlich oder stark werden gefärbt: Vegetabilische Seide (durch Anilinsulfat intensiv zitrongelb, selten blaßgelb). Rohe Jute (durch Anilinsulfat goldgelb bis orange). Sisal und Kantala (beide intensiv goldgelb). Rohe Bastfaser von Abelmoschus tetraphyllos (durch Anilin- sulfat goldgelb). Rohe Bastfaser von Urena siruiiata (durch Anilinsulfat gold- gelb). Rohe Bastfaser von Sida retusa (durch Anilinsulfat gelb, mit einem Stich ins Zimtbraune). Rohe Bastfaser von Thespesia Lampas (durch Anilinsulfat goldgelb). Rohe Bastfaser von Cordia latifolia (durch Anilinsulfat isa- bellgelb). Roher Hanf (durch Anilinsulfat schwach gelb). Rohe Espartofaser (durch Anilinsulfat eigelb). Rohe Faser von Bromelia Karatas (durch Anilinsulfat gold- gelb). Rohe Pandanusfaser (durch Anilinsulfat eigelb). \) Siehe oben p. 31. 44 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Zur Charakteristik mancher verholzter Fasern trägt es bei, den Grad der Verholzung vergleichsweise durch Zahlen auszudrücken. Dabei han- delt es sich strenge genommen nicht um den faktischen Gehalt an Lignin, sondern um die relative Menge der Leitsubstanz, welche durch Phloro- glucin + Salzsäure angezeigt wird. Man bedient sich am besten des von Gräfe') angegebenen Verfahrens, welches im wesentlichen darin besteht, daß man durch Zurücktitrieren von überschüssig zugesetztem Phloroglucin mittelst Formaldehyds die Menge von Phloroglucin bestimmt, welche bei der Reaktion auf die Leitsubstanz (Vanillin usw.) aufgebraucht wurde. Indem man den auf diese Weise ermittelten Grad der Ver- holzung für Jute = 1 setzt, erhält man folgende Werte für die an- geführten Fasern, bzw. für Fichtenholz. Fichtenholz 1,5 Posidoniafaser . . . . 1,4 Jute 1,0 Kantala 0,9 Sisal 0,8 Lecheguilla 0,1 Baumwolle 0,0 e) Länge der rohen Faser. Fasern der Bombaxwolle .... 1 — 3 cm Fasern der Baumwolle 1 — 5 » Fasern der vegetabilischen Seide 1 — 5,6 » Tillandsiafasern 2 — 65 » Baisthünde\'^)yonCalotro2)is gigantea 20 — 30 » Kokosnußfasern 15 — 33 » Espartofasern 10 — 40 » Sunn 20 — 50 . Blattfaser von Aloe perfoliata . . 40 — 50 » Blattfaser von Pandcmus . . . . 40 — 70 » Bastbündel von Ahelmoschus tetra- phyllos 60—70 * Bastbündel von i?^■ö^■sc^^sca?^/^a6m^/s 10 — 90 »3j » » Co?-dia latifolia . . 50 — 90 > * Sida retusa . . . 80—100 . Agavefasern (Pite und Sisal ; Handels- . 1) V. Gräfe, Ernährungsphysiologisches Praktikum der höheren Pflanzen, P. Parey, Berhn H9U, p. 172. 2) NämHch die vorwiegend aus Bastzellen bestehende Rohfaser. 3) Es wurden angebhch auch Längen von 330 cm beobachtet (siehe unten bei Gambohanf). Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 45 wäre gewöhnlich künstlich ge- kürzt, entweder einerseits oder beiderseits abgeschnitten) . . 50 — 1 i cm Neuseeländischer Flachs .... 80 — 110 » Gefäßbündel von Bromelia Karatas 110 — 120 » Bastbündel von ürena sinuata. . 100 — 120 » Sansevieriafaser 80 — 140 » Flachs 20—140 » ^B,?>ihviXiAQ\ \o\\ Bauhinia racemosa 50 — 150 » Hanfi) . 100—225 . Piassave 50 — 185 » Jute. 150—250 > 2) Manilahanf (grobe Sorten) ... bis 250 » (feinere Sorten) ... bis 200 » f) Einige auffälligere, auf dem anatomischen Bau der Faser beruhende Kennzeichen. Aus einzelnen Zellen bestehen. Baumwolle | Vegetabilische Seide \ Haare. BombaxwoUe j Kolonisierte Ramiefaser: isolierte Bastzellen. Aus Zellgruppen, die bloß aus Bastzellen zusammengesetzt sind, be- stehen: Rohe Jute 3). Roher Flachs (schlecht gereinigter führt auch Parenchym, Holz- fragmente und selbst Oberhautzellen). Rohe Bastfaser von Hibiscus cannabinus. (kleine Reste von Rinden- parenchym- und von Kol- lenchymgewebe fehlen fast niemals). Bastzellen und kleine Mengen von Bastmarkstrahlen führen: Rohe Bastfaser von Sida retusa. > » » Cordia latifolia. » » Thespesia Lampas. Boehmeria nivea <) Mit Ausschluß des Riesenhanfs von Boufarik. 2) Selten darüber bis 450 cm. (Siehe unten bei Jute.) 3) Völlig gebleichte Jute, wie überhaupt alle völlig gebleichten Fasern bestehen nur aus isolierten Zellen. Halbgebleichte Kokosfaser weist fast noch den ursprüng- lichen Gewebezusammenhang auf. 46 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Bastzellen und Bastparenchymzellen enthalten: Rohe Bastfaser von Abelmoschus teiraphyllos. » > » TJrena sinuata. » » Crotalaria juncea (Sunn). » » » Calotropis gigantea. Roher Hanf (enthält kleine Mengen von Bastparenchym ; sehr rein ausgehechelter Hanf ist manchmal frei von Bast- parenchym). Aus Bastzellen, Bastparenchym und Bastmarkstrahlen besteht: Die rohe Bastfaser von Bauhinia racemosa. Neben Bastzellen treten auch Yiefaße auf: Bei allen aus Blättern monokotyler Pflanzen dargestellten Fasern (neuseeländischer Flachs, Manilahanf, Pite, Sisal, Tillandsia-, Pandanus-, rohe Espartofaser, Piassave), ferner in der Kokosnußfaser. g) Verdickung der Zellwände. Die Wandverdickung der die Fasern zusammensetzenden Zellen ist im allgemeinen eine sehr verschiedenartige, z. B. bei der vegetabilischen Seide und bei der Bombaxwolle eine geringe, an den Bastzellen von Flachs, Hanf, des Espartoblattes eine sehr mächtige. So sehr an den genannten und noch einigen anderen weniger bekannten Fasern die Dünn- oder Dickwandigkeit der Zellen in die Augen springt, so möchte ich aber doch die Größe der Wandverdickung nicht als ein durchgreifendes Kennzeichen benutzen, da die histologischen Elemente vieler Fasern oft alle Übergänge von schwacher bis starker Verdickung nachweisen lassen. Hingegen ist zu betonen, daß bei manchen Fasern eine höchst merk- würdige, charakteristische und in die Augen fallende Eigentümlichkeit in der Ungleichartigkeit der Zellwandverdickung besteht. Während nämlich die Bastzellen von Hanf und Flachs eine gleichmäßige Ver- dickung aufweisen, sind folgende Fasern dadurch ausgezeichnet, daß ihre Bastzellen stellenweise wenig, an anderen Stellen mehr oder minder stark verdickt sind. Eine solche ungleichmäßige Verdickung der Zellhaut findet sich bei: den Bastzellen von Corchorus-krien (Jute), » » Äbelmoschus teiraphyllos, » ■ » > Edgeworthia papyrifera, » » » TJrena sinuata, » » » Thespesia Lampas. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 47 Stellenweise vollkommen verdickt, also geradezu lokal lumenlos ^) sind die Bastzellen von: TJrena sinuata, Sterculia villosa, Sponia Wightii , Edgeivorthia pa'pTjrifera. Es sei hier auch noch erwähnt, daß die Bastzellen vieler technisch verwendeter Fasern insofern direkt keine Strukturverhältnisse erkennen lassen, als die Verdickungsschichten gleichmäßig ausgebildet erscheinen, also keine Poren, Tüpfel, Ringe, Schrauben u. dgl. mehr aufweisen. Hierher gehören z. B. Hanf-, Flachs-, Ramiefasern und Baumwolle. An anderen erkennt man viele und deutliche Poren in der Zellwand, nämlich : an den Bastzellen der Faser von Abelmoschus tetrapkyllos, » » » » :. , » Sida retusa, j> » » » , » Thespesia Lampas^ » » » Blattgefäßbündel von Bromelia Karatas, » » Kokosnuß. Manche Bastzellen zeigen, mit Reagentien behandelt, Schichtung; gequetscht oder nach gewissen chemischen Einwirkungen, Streifung, worauf ich bei der speziellen Abhandlung der einzelnen Fasern aufmerk- sam machen werde. Die Länge der die einzelnen Fasern zusammensetzenden Zellen ist ein sehr wichtiges Kennzeichen. Auf die Länge der Haare, welche die Baumwolle, die Bombaxwolle und vegetabilische Seide konstituieren, wurde schon oben aufmerksam gemacht. In der Beschreibung der ein- zelnen Fasern habe ich auf die Dimensionen aller dieselben aufbauenden Formelemente gebührend Rücksicht genommen. In der nachfolgenden Zusammenstellung begnüge ich mich, die Längen der integrierenden, oft (z. B. beim Flachs) einzig und allein auftretenden Formbestandteile, nämlich die Längen der Bastzellen anzugeben. Die Ermittlung der Länge dieser histologischen Elemente macht gewöhnlich keine Schwierigkeiten, da ja die meisten Bastzellen sich entweder durch Kalilauge oder Chrom- säure leicht und vollständig isolieren lassen, worauf ich im speziellen Teile dieses Abschnittes bei jeder einzelnen Faser aufmerksam machen werde 2), 1) Auf dieses merkwürdige Strukturverhältnis der vegetabiUschen Zellhaut habe ich zuerst in meiner Abhandlung über die indischen Pflanzenfasern (iSVO) aufmerk- sam gemacht. 2) Ich möchte nicht unerwähnt lassen, daß nach der Ansicht von Höhnel's (Mikroskopie der Faserstoffe, 2. Aufl. t905, p. 27) die Größenverhältnisse der Faserele- mente von der Größe der betreffenden Exemplare der Faserpflanze abhängig sein sollen. 48 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Bezeichnung der Faser Länge der Bastzellen Tillandsiafaser 0,2—0,8 mm Piassave 0,3-0,9 » Bast von Cordia latifolia . . . . 1,0 — 1,6 » » » Abelmoschus tetraphyllos . 1,0 — 1,6 » Espartofaser 0,5 — 1,9 » Bast von Sida retusa 0,8 — 2,3 >> » Urena sinuaia .... 1,1 — 3,2 » Blattgefäßbündel von Aloe perfoUata 1,3 — 3,7 » Bast von Bcmhinia racemosa . . . 1 ,5 — 4,0 » ') Jute 0,8—4,1 . Blattgefäßbündel von Pandanus odo- ratissimus . 1,0 — 4,2 » Bastfaser von Thespesia Lampas . . 0,92 — 4,7 > Neuseeländischer Flachs 2,5-^5,6 ■» Blattgefäßbündel von Bromelia Ka- ratas 1,4 — 6,7 » Sunn 0,5—6,9 » Bastfaser von Hibiscus cannabinus . 4 — 12 »2) Flachs 20—50 » s) Ramiefaser bis 220 » und auch darüber (s. Ramiefaser;. Er sagt: »Je länger ein Exemplar z. B. von Lein, Jute usw. infolge von günstigen äußeren Verhältnissen wird, desto länger werden auch die Fasern in demselben«. Nähere Angaben fehlen. Soweit meine Erfahrungen reichen, bleiben die Dimensionen der histologischen Elemente bei allen normal entwickelten Individuen einer Pflanzen- form innerhalb bestimmter Grenzen konstant und erscheinen von den Dimensionen der ganzen Pflanzen kaum merklich beeinflußt. Bei ausgesprochenen Zwergpflanzen habe ich wohl selbst beträchtliche Abweichungen bemerkt; aber diese kommen hier nicht in Betracht. Es sei hier noch angeführt, daß Amelung in der »Flora« (1893) eine eingehende Arbeit über das Verhältnis der Zellengröße zur Organgröße veröffenthcht hat, aus welcher hervorgeht, daß die mittlere Zellengröße von der Größe der betreffenden Organe unabhängig ist. Über pygmaeische Formen hat Amelung keine Beobachtungen angestellt. Hierüber und überhaupt über die Beziehung der Zellgröße zur Größe der betreflenden Organe oder Individuen liegt aus neuester Zeit eine Arbeit von Sierp vor, welche zu dem Ergebnis führte, daß für die Zellgröße eines Gewebes einer Spezies ein Mittelwert charakteristisch und erblich festgehalten ist. Sierp, Hermann, Jahrbücher für wissenschaftl. Botanik, Bd. 53 (1913). 1) Und wahrscheinlich darüber (vgl. Beschreibung). 2) Und wahrscheinUch darüber (vgl. Beschreibung). 3) Von der Wurzel, ferner im untersten und obersten Stengelteil kommen auch viel kleinere Bastzellen vor, die wohl im Werg, aber nicht im Reinflachs zu finden sind (siehe unten bei Flachs). Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 49 i) Breite der die Fasern zusammensetzenden Zellen. Ich nehme hier bloß auf die Breite der die Fasern zusammen- setzenden Haare bzw. Bastzellen als den wesentlichsten histologischen Bestandteilen der Fasern Rücksicht, werde aber in dem speziellen Teile dieses Abschnittes nicht verabsäumen, auch die Breite der anderweitigen an dem Aufbaue bestimmter Fasern anteilnehmenden Zellen anzuführen, da für einzelne Fasern auch die Dimensionen dieser Elementarorgane sehr bezeichnend sind. Ich habe im vorUegenden Abschnitte versucht, mich von der früher befolgten Art, die Breite der Baumwollenhaare, Flachsbastzellen usw. festzustellen, nämlich diese Dimension an irgendeiner beUebigen Stelle der Faser auszuführen, zu emanzipieren, und habe an jeder einzelnen zu messenden Zelle die größte Breite gemessen. Daß man auf diese allerdings sehr mühevolle Bestimmungsweise viel verläßlichere Resultate, als nach der früheren, erhalten muß, ist wohl einleuchtend. Auch habe ich mich nicht begnügt, aus den gefundenen Maximalbreiten ein Mittel abzuleiten, sondern bestimmte aus einer genügend großen Reihe von Beobachtungen die häufigsten Werte, ähnlich wie ich dies auch bei der Grüßenbestimmung der Stärkekörner getan habe (vgl. Bd. II, p. 6). Ich habe mich durch viele Versuche überzeugt, daß durch Berücksichti- gung der maximalen Breiten und der hieraus abgeleiteten häufigsten Breiten der Zellen Resultate zum Vorschein kommen, welche für die einzelnen Fasern höchst konstant sind und mit Recht einen Platz in der Charakteristik der Fasern beanspruchen i). Art der Maximale Breite Bezeichnung der Faser gemessenen ' Grenz- Häufigster Zellen ^erte Wert Tillandsiafaser Bastzellen 6 — -15 ;j. ? Espartofaser 9 — 4 5 » ? Bastfaser von Cordia latifolia . » 14,7 — -16,8 > . 15 fi Neuseeländischer Flachs ... » 8 — \ 9 » 13» Bastfaser von Abelmoschus tetra- phijllos » 8—20 » 16 » Bastfaser von Bauhinia racemosa » 8 — 20 •» ? > > Corchorus capsularis » 10 — 21 » 16 » » Thespesia Lampas . > 12 — 21 16 » * " Urena sinuata . . » 9 — 24 > 15 » Blattgefäßbündel von Aloe per- foliata » 15—24 . ? 1) In neuerer Zeit ist diese Art der Dimensionsbestimmung von Zellen und anderen histologischen Bestandteilen der Pflanzenzelle auch von anderen Seiten akzep- tiert worden. Wiesner, Rohstoffe. III. Band. 3. Aufl. 4 50 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Bezeichnung der Faser Bastfaser von Sida retusa . > Calotropis gigantea Flachs '. Hanf Bastfaser von Corchorus olitorus » > Hibiscus cannahinus Baumwolle Vegetabilische Seide von Calotropis gigantea Bombaxwolle Bastfaser von Crotalaria juncea Blattgefäßbündel von Bromelia Karatas Ramiefaser Art der Maximale Breite gemessenen Zellen Grenz- werte Häufigster Wert Baslzellen 15—25 11 9 18—25 » ? 12—26 :. 15—17/«!) 15—28 16 — 19 » 16—32 20 > 20—41 » ? Haare 12—42 > 18—37 .2) 5, 12-42 » 38 » » 19—42 » 21—29 > Bastzellen 20—42 * ? , 27—42 » ? , 16—80 ,> 50 ,3) k) »Verschiebungen« in den Membranschichten der Bastzellen. Von F. V. Höhnel ist zuerst auf eine für manche Pflanzenfasern sehr charakteristische morphologische Eigentümlichkeit hingewiesen worden, für welche der genannte Forscher das bezeichnende Wort »Verschiebungen« (der Verdickungsschichten) angewendet hat. Unter »Verschiebungen« ver- steht V. Hühnel die in der Längsansicht der Fasern erscheinende, stellen- weise plötzlich auftretende Richtungsänderung der Verdickungsschichten : die der Längsrichtung der Faser folgenden Verdickungsschichten brechen mit einem Male winkelig ab, um eine kurze Strecke weiter wieder in die normale Richtung zurückzukehren (Fig. 6). Der Entdecker dieser Erscheinung hält sie für eine im normalen Lebenslauf der betrefi'enden Pflanze auftretende morphologische Verände- rung, welche dadurch zustande kommt, daß die Zonen je einer Faser während des Wachstums der betreffenden Organe einem verschieden starken radialen Druck ausgesetzt sind, wodurch gewissermaßen eine mechanische Schädigung eintritt, die sich als »Verschiebung« zu erkennen gibt^). 1) Im Reinflachs. In das Werg gehen aucli Bastzellen über, deren Dimensionen von den oben mitgeteilten abweichen und von den Spitzen und dem Fuße der Flachsstengel herrühren. Siehe unten bei Flachs. 2) Näheres über die Breite der Baumwollenfaser siehe unten bei Baumwolle. 3) Infolge mechanischer Angrifi'e bei der Gewinnung der Ramie scheint der Qiierschnitt der Faser einen Durchmesser bis 126 [a erreichen zu können. 4) F. V. Höhnel in Pringsheims Jahrb. f. wiss. Botanik. XV (1884), p. 311 ff. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 51 äi3 Nach den von Schwendener^) ausgeführten Untersuchungen sind die von v. Hühnel aufgefundenen »Verschiebungen« in der lebenden Pflanze nicht vorhanden, sie entstehen vielmehr erst durch spätere Ver- letzungen. Schwendener isolierte die Bastfasern verschiedener Pflanzen durch Fäulnis, wobei sie, obgleich aus dem gegenseitigen Verbände tretend, keinerlei mechanische Angriffe erleiden. Die auf solche Weise isolierten Fasern wurden frei von »Verschiebungen« gefunden. Dem ge- nannten Autor war es nur darum zu tun, zu entscheiden, ob die Pflanze durch ihre eigene Tätigkeit dazu beitrage, ihre mechanischen Elemente zu schädigen. Auf Leinenfaser und andere technisch verwen- deten Fasern, welche die Erschei- nung der »Verschiebungen« dar- bieten, ist Schwendener nicht eingegangen. Ich habe Leinen- fasern von reifen, aber noch ungebrochenen Flachsstengeln durch Kochen in Wasser isoliert und habe an denselben keine * Verschiebungen « wahrgenom- men. Auch die durch Fäulnis isolierten Bastzellen von Hanfund Ramie habe ich vollkommen un- verletzt gefunden. Ich muß also der Ansicht Seh wendeners bei- pflichten, daß die an Bastzellen zu findenden »Verschiebungen« in der intakten Pflanze noch nicht vorhanden sind, sondern sich erst durch mechanische Verletzungen, des »Brechens« einstellen. So wird es verständlich, daß wohl an Flachs oder Hanf, nicht aber an der Jute »Verschiebungen« vorkommen. Die Jute wird eben nicht >gebrochen«, sondern nach kurzer Rüstung in ganzen Streifen vom Stengel abgezogen, wobei sie begreiflicherweise keinerlei heftigen mecha- nischen Angriffen ausgesetzt ist. Selbstverständlich ist auch die Baum- wollenfaser völlig frei von »Verschiebungen«'. So ist durch v. Höhn eis Auffindung ein neues Mittel an die Hand gegeben, um Leinfasern von Baumwollfasern zu unterscheiden. In der Diagnose der Fasern ist das Fig. Ö. Vergr. 400 tez. (Querscknitte q) 200. Flachs- faser, e Spitze, vv »Verschiebungen«, in der Längs- ansicht l gesehen. Nach v. Höhnel. z. B. beim Flachs und Hanf während ^) Berichte der Deutschen Botan. Gesellschaft. XII (4 894), p. 239 ff. 4* 52 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Auftreten oder das vollständige Fehlen der willkommenes Kennzeichen i). -Verschiebungen« ein oft 1) Querschnittsformen der Faserelemente. In manchen Fällen erscheint es zur richtigen Beurteilung von Form und Struktur der die Fasern zusammensetzenden histologischen Elemente erforderlich, deren Querschnitte im Mikroskop vor sich zu haben. Um Fig. 7.' Vergr. 340. Pflanzenseide von Asclepias Cornuti. m Mitte, qu Querschnitt eines Haares, Id Längsleisten , d dünne Stelle dazwischen , w Wandung. (Nach v. Höhnel.) Fig. 8. Vergr. 340. Pflanzenseide yon Strophan- thus sp. m Mittlerer Teil, q Querschnitt, w Wan- dung, J Längsleisten eines Haares. (Nach v. Höh- nel.) <) Über »Verschiebungen» s. auch K. Saito in Journ. of the College of Science, Imp. Univ. Tokio, XV, 4 90-1, p. 425. Verfasser pflichtet der Höhneischen Ansicht bezüglich des Zustandekommens der »Verschiebungen« bei. Aisslinger (1. c, p. 48) schließt sich bezüglich der Fasern von Fieus eoronata und Gaesalpinia timoriensis der Anschauung von v. Höhnel u. Saito an. — J. Weese. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 53 die Querschnitte zu gewinnen, müssen vor dem Schneiden (aus freier Hand oder mittelst des Mikrotoms) die Fäden in eine dicke Gummilösung eingelegt und in derselben bis zur Schneidbarkeit des Gummis belassen werden, worauf die Herstellung von Querschnitten keine Schwierigkeit bereitet 1). Man erkennt auf diese Weise die gleichmäßige oder un- gleichmäßige Wandverdickung (nament- lich im Vergleiche mit den entsprechen- den Längsschnitten); häufig wird erst auf dem Querschnitt die wahre Form der Zelle offenbar, z. B. bei Haaren (Baum- wolle usw.). In gewissen Fällen finden sich bei Betrachtung des Querschnittes Strukturverhältnisse der Fasern, welche in der Längsansicht der Faser nicht oder nur sehr undeutlich zu sehen sind. So z. B. die von v. HühneP) an der Innen- seite der Zellhäute der Pflanzenseide aufgefundenen Leisten. B o ^ :^ Fig. 9. Vergr. 400. A Bruchstücke iso- lierter Bastzellen aus der Jutefaser, a a natürliche Enden, sä Zellwand. U Lumen der Zelle. £ Querschnitt durch die Jutefaser. Fig. 10. Vergr. 500. Querschnitte durch Baumwollen- fasern A mit gewöhnlichem, weitem, B mit linien- förmigetn, C mit flächenförmigem Lumen hez. mit weitlumigem, fadenförmigem und handförmigem Innenschlauch, c Kutikula, z Zellhaut, l Lumen nach außen vom Innenschlauch begrenzt. m) Über gestaltliche Veränderungen der Zellhaut an Pflanzen- fasern infolge ungleicher Quellung der Zellhautschichten. Als Gharaktereigentümlichkeiten mancher Pflanzenfasern werden häufig Formänderungen angeführt, wejche bei Einwirkung von Quellungs- mitteln zustande kommen und sichtlich auf ungleicher Quellbarkeit der verschiedenen Schichten der Zellhaut dieser Fasern beruhen. Es sind mehrere solcher Formänderungen beschrieben und abgebildet worden, aber man hat bis jetzt nicht den Versuch unternommen, die- 1) V. Höhnel in Dingler, Polytechn. Journ. 1889, p. 573. Wie Höhnel (Mi- kroskopie etc., S.A., 1905) p. 59 bemerkt, ist es zweckmäßig, dem Gummi, in welches behufs Herstellung von Querschnitten die Faser eingebettet wurde, etwas Glyzerin beizufügen, um das Sprödewerden der festgewordenen Gummimasse zu verhindern und die Schneidbarkeit zu erhalten. 54 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. selben übersichtlich, eventuell einheitlich auf Grund von Beobachtungen über die ungleiche Quellbarkeit der Zellhautschichten darzustellen. Ich unternehme hier diesen Versuch in der Hoffnung, zum Verständnis dieser Formänderungen beizutragen und Anregungen zu weiteren diesbezüglichen Untersuchungen, auch mit Rücksicht auf die Unterscheidbarkeit der Fasern, zu geben. Im hohen Grade quellbar in starken Quellungsmitteln sind jene Zell- hautschichten, welche der Hauptmasse nach oder (im gebleichten Zu- stande) gänzlich aus Zellulose bestehen. Ganz anders verhalten sich kutinisierte oder verholzte Zellhautschichten, welche entweder gar nicht quellen oder sofern sie ein kleines Quantum von Zellulose enthalten, in geringem Grade. Wenn also an einer Faserzelle kutinisierte oder ver- holzte Schichten mit Zelluloseschichten abwechseln, so muß es zu Form- änderungen kommen, welche, wenn die Schichten im Verbände bleiben, sich besonders charakteristisch gestalten. Auch der Innenschlauch toter Pilanzenfasern, welcher aus einer hautfürmigen Schicht von eingetrock- netem Protoplasma besteht, quillt im Vergleich zu den Zelluloseschichten nicht oder nur wenig. Die Pflanzenfasern quellen niemals gleichmäßig, sondern stets in der Richtung des Querschnittes am stärksten und in der Längsrichtung am geringsten. Die ungleichartige Volumzunahme, welche sich als Folge ungleicher Quellung der Fasern nach Länge und Dicke ergibt, tritt am schärfsten hervor, wenn stArk aufquellend wirkende Reagentien, am besten Kupferoxydammoniak, in Anwendung gebracht werden. Die quellungsfähige Faser nimmt dabei so sehr an Dicke zu, daß sie in der Längsrichtung, trotz Quellung, sogar eine Verkürzung erfahren kann. Wie V. HühneU) gefunden hat, können sich Pflanzenfasern bei starker Quellung bis auf 60 Proz. verkürzen, während die Dicke hierbei um das sechsfache zunehmen kann. Diese Volumänderungen betreffen nur selten die ganze Faser, nämlich nur dann, wenn sie bloß aus Zellulose besteht, was wohl nur bei reingebleichten Fasern zutrifft. Bei den na- türlichen Pflanzenfasern, deren Membranschichten eine verschiedene chemische Zusammensetzung besitzen, nehmen bestimmte Schichten- anteile (Kutikula, Mittellamelle, Innenschlauch) an diesen Volumände- rungen keinen oder nur einen verhältnismäßig geringen Anteil und werden, da sie in Verbindung mit den stark quellenden Zelluloseschichten bleiben, begreiflicherweise in ihren Formverhältnissen total umgestaltet, was auf dreierlei Weise geschehen kann: durch Faltung, Biegung oder Zerreißung, d. h. die mit den quellenden und hierbei sich verkürzenden Zelluloseschicbten verbundenen nicht quellenden Schichten können ihre H) Mikrosi Leitelemente« gegeben sind, welche mit großer Sicherheit ergeben, ob das Strohpapier aus Mais-, Reis-, Weizenstroh usw. erzeugt wurde. Ich habe dies auch für das Espartopapier nachgewiesen und habe in vielen anderen Fällen durch Ausfindigmachung von solchen > Leit- elementen« die mikroskopische Prüfung der Faser zu erleichtern versucht. Diese > Leitelemente« spielen nunmehr in der Faseruntersuchung eine immer größere Rolle, z. B. bei Untersuchung von Lein, Hanf, Manila- Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 61 hanf, Kokosfaser, Piassave usw. Eine besondere Wichtigkeit besitzen die Leitelemente bei der häufig außerordentlich schwierigen Papierunter- suchung, wie schon oben angedeutet wurde. Nach der Richtung ver- danken wir T. F.Hanausek wichtige Beiträge'). Jüngsthin hat Herzogt) durch Auffindung von »Leitelementen« (Oberhaut), die Erkennung der Sunnfaser sehr erleichtert. Die Leitelemente können histologisch einen sehr verschiedenen Cha- rakter an sich tragen. Sehi' häufig gehören sie der Oberhaut der be- treffenden Organe zu. Sie können aber auch dem Holzkörper oder dem Rindenkürper angehören oder können das Gefäßbündel begleitende Ele- mente sein, wie die früher besonders abgehandelten höchst charakteristi- schen Stegmata. p) Morphologie der Asche. Die Agche der meisten Fasern ist wohl formlos;, aber es existieren manche Fasern, in deren Asche ganz bestimmt geformte Bestandteile auf- treten, welche für die betreffenden Fasern höchst charakteristisch sind. So findet man z. B. in der Asche der Espartofaser eine Menge von, der Form nach, völlig wohlerhaltenen Oberhautzellen, nämfich deren Kieselskelelte. In mehreren Faseraschen treten Formen auf, an denen man sofort einen kristallartigen Charakter erkennt. In der Regel sind diese Gebilde Scheinkristalle von Kalk, welche bei der Veraschung aus den in den betreffenden Fasern enthaltenen Kristallen von oxalsaurem Kalk entstanden sind und auch noch nach der Verbrennung die ursprüngliche Gestalt beibehielten. Daß diese Scheinkristalle aus Kalk bestehen, eikennt man an ihren Löslichkeitsverhällnissen, ferner an der Einwirkung von Schwefelsäure, welche diese Gebilde in nadeiförmige Kristalle von Gips umformt. Die in den Pflanzenaschen auftretenden Scheinkristalle unterscheiden sich weder in der Form noch in der Größe von den in den Zellen der Fasern vorkommenden Kristallen, wohl aber im Aussehen. Sie sind nämfich von zahlreichen, lufterfüllten, über- aus kleinen Klüften durchsetzt und erscheinen deshalb im Mikroskop schwärzlich. Es ist sehr naheliegend, zu fragen, weshalb ich vorschlage, die Kristalle der Asche aufzusuchen, da sie ja doch in gewissen Geweben (Bastparenchym und Bastmarkstrahlen) der betreffenden Fasern enthalten sind, es mithin zweckmäßiger erscheint, sie gleich direkt nachzuweisen. Es läßt sich hierauf einwenden, daß die direkte Nach Weisung der Kri- staUe häufig wegen der geringen Menge, in der sie auftreten, außer- 1) Der Papierfabrikant. Berhn 1912 ff. 2) A. Herzog, Zur Unterscheidung der Seilerfasern. (Tropenpflanzer, XVIII, 19U, p. i17 — 136.) 62 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. ordentlich zeitraubend ist, der indirekte Nachweis, nämlich ihre Auf- findung in der Asche, stets leicht ist, indem sie hier durch die Ver- brennung der ganzen organischen Substanz der Faser auf einen kleinen Raum zusammengedrängt werden. In den Aschen der nachfolgenden Fasern lassen sich Kristalle nach- weisen: Samenhaare von Ochronia Lagopiis (sehr kleine Mengen in der be- kannten Briefkuvertform des Oxalsäuren Kalks). Roher Bast von Boehnieria nivea (kleine Mengen von Kristallaggre- gaten aus dem subepidermoidalen Parenchym). Bast, bzw. rohe Bastfaser von Abelmoschus tetraphyllos (sehr viele kurze, schiefprismatische Kristallformen; aus dem Bast- parenchym stammend). Roher Bast von Ure7ia smuata{gT oCe Mengen von Scheinkristallen; gleicher Form und Herkunft wie die vorigen). » von Thespesia Latnpas (große Mengen von Kristall- aggregaten, die durchweg aus den Bastmarkstrahlen stammen). » von BauJiinia racemosa (viele kurze, schiefprismatische Formen, aus dem Bastparenchym stammend). Cordia latifolia (viele Kristallaggregate, von den Bast- markstrahlen herrührend). Alle jene Pflanzenfasern, weiche Stegmata (s. oben p. 59) führen, lassen in ihrer Asche die Inhalte dieser Zellen erkennen. Diese Inhalts- körper sind entweder Kieselsäure, welche in Form von runden oder morgensternförmigen Körnen in der Asche zurückbleiben (Coir, alle Arten von Piassave, Manilahanf), oder bestehen aus Kalkverbindungen (Pandanusfaser). In der Asche treten die Inhaltskörper der Stegmata nicht in so wohlerhaltenem Zustande wie nach der Isolierung mit Chromsäure (p. 60, Fig. 16) auf. Die kieseligen Körper scheinen bei der Veraschung etwas zu schmelzen. In der Regel treten diese Inhaltskörper unbedeckt in der Asche auf, da die umhüllenden Membranen gewöhnlich weder verkieselt noch verkalkt sind. V. Übersicht der Faserpflanzen^). 1. Florideen (Algen). Polysiphonia sp. In Verbindung mit anderen pflanzlichen Papier- materialien wird der Thallus dieser Rotalgen in Japan zur Herstellung von Tapeten verwendet. Das rote Algengewebe erscheint der übrigen \) Die im nachfolgenden Verzeichnis enthaltenen, mit ? versehenen Spezies fehlen im Index Kewensis. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 63 Fasermasse aufgepreßt, wodurch diese Tapeten ein charakteristisches Gepräge erhalten. Ein Teil der von Hilgendorf aus Japan mitgebrachten japanischen Pflanzen war in solchem Tapetenpapier eingelegt. Nach einer von Hilgendorf herrührenden Angabe in den Schriften des Botan. Vereins der Provinz Brandenburg, 1878. 2. Cjatheaceen. Cibotium Ba7'ometx Kz., C. glauceseens Kx. Sumatra. Die am Grunde der Wedel dieser tropischen Baumfarne auftretenden Spreuhaare, »Pennawar Djambi«, sind als blutstillende Mittel bekannt, liefern aber auch, gleich der Bombaxwolle, ein Polstermaterial. C. glaucum Hook. Sandwichinseln. Liefern Spreuhaare, >Pulu« genannt. Dicksonia Meiixiesü Hook. Mexiko, Zentralamerika. Liefert >Pulu«. »Pulu« wird wie »Pennawar Djambi« verwendet. Die langfaserigen Sorten beider sollen auch gemischt mit anderen Fasern versponnen werden. — Miquel, Sumatra, 1862, p. 74. — Dodge, A descriptive Gatalogue of useful fiber plants of the world. Washington, 1897, p. 118. 3. Cycadaceen, Cycas circinalis L. Ostindien. Blattfasern. — Gat. des col. fr. 1867, p. 81. — Nach Dodge, 1. c, p. 143 liefern C?/c«s-Arlen auch eine Art »Pulu«. 4. Pinaceen. Picea excelsa Link, Ahies pectinata DC. Das Holz der Fichten, Tannen und anderer Nadelhölzer findet ausgedehnte Anwendung in der Papierfabrikation; siehe Papierfasern. Die Nadeln der genannten und auch anderer Koniferen, insbesondere aber die der Föhren, dienen in verschiedenen Ländern (im Thüringer Wald, zu Jönköping in Schweden, zu Wageningen in Holland usw.) zur Darstellung der Wald wolle (Pine or forest wool, laine de bois), welche durch Zerfaserung der Nadeln gewonnen wird. Es ist dies ein Faserstoff, welcher aus Oberhautstreifen, Sklerenchymfasern und Gefäßbündelteilen der Koniferennadeln besteht, als Stopfmaterial und, mit anderen Fasern (Baumwolle oder Schafwolle) gemengt, zu Gesundheits-Kleidungsstücken (Gesundheitsflanell) versponnen und gewebt wird. — Grenish, Pharm. Journ. and Transact. XV (1884—1885), p. 381. — J. Zipser, Die textilen Rohmaterialien, Wien und Leipzig, 1(1899), p. 41. Die bedeutendste WaldwoUwarenfabrik be- findet sich zu Remda (Weimar), wo La ritz diesen Industriezweig be- gründete. Waldwolle aus Kiefernnadeln findet in neuerer Zeit wieder mehr Beachtung. Tropenpflanzer 1915, p. 720. 64 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 5. Gnetaceen. Gnetum gnemon L. (= Gnemon domesticiim Rumph.). Sunda- inseln, Molukken, Neuguinea, Philippinen, Mariannen. Bastfaser. — Miquel, Flora Nederl. Indie, II, p. 1067. — Selleger in Bull. Kolon. Museum Haarlem, Nr. 31, 1904. — Aisslinger, Beiträge z. Kenntnis wng. bek. Pflanzenfasern, Zürich 1907, p. 52. Hier auch über die Fasern \ . G: latifolium Bl. u. scandens Roxb. G. funiculäre Bl. Java, Celebes, Molukken. Bastfaser. >Waru'r, »Baguc — Miquel, 1. c, p. 1068. — Miquel, Sumatra, p. 96. 6. Typhaceen. Typha angustifolia L. und T. latifolia L. Lieschkolben, Rohr- kolben (cat tail [England], mosette [Frankreich], Lana de Enea [Italien], Totora [Peru]). Europa, Asien, Amerika. Die Fruchtwolle wird als Polster- material und mit Tierhaaren gemengt, da sie gute Filze gibt, in der Hutfabrikation verwendet. Soll auch versponnen werden (Grothe). Die Blätter dienen zu Flechtwerk, auch in der Papierfabrikation. — A. Ernst, La exposicion nacional de Venezuela. Caracas 1886, p. 414. — Dodge, 1. c, p. 319. — Beschreibung der Fruchthaare: Wiesner, Mikrosk. Unters. 1872, p. 8. — v. Höhnet, Mikroskopie etc., 2. A., p. 39. Ab- bildung der Früchte und Fruchthaare auf p. 42, p. 72 Beschreibung der bastzellenreichen Gefäßbündel der Stengel von Typha angustifolia und latifolia, welche eine Faser bilden, die als Ersatz für Jute in Vorschlag gebracht wurde. S. auch C. Ho ff me ister, Mitteil, üsterr. Flachs- und Leineninteressenten 1899, Nr. 122. — Herzog, A., Mikrophotogr. Atlas der techn. wichtigsten Faserstoffe. München 1908, p. 77, Fig. 146. — Selleger, 1. c. — Aisslinger, 1. c, p. 56. Die als »Schilffaser« bezeich- nete Ersatzfasern, (s. unten bei Phragmites) ist z. T. Typha-Faser. Textil- meister, Wien, 1915. 7. Pandanaceen. Pandanus odoratissimus L. , P. utilis Bo?y, P. furcatus Roxb., P. Thomensis Henr. siehe Pandanusfaser. 8. Potamogetonaceen. Zostera marina L. Adria. u. andere Meere. Als »Seegras« häufig verwendetes Polstermaterial. Seit alters her als »Alga vitrariorura« in Venedig zum Verpacken von Glaswaren verwendet. Posidonia oceanica L. (Bei.) (= P. Caulini Kon.). Mittelmeer und atlantische Küsten der iberischen Halbinsel. So wie Zostera marina verwen- det. Engler-Prantl, Pflanzenfamilien II. Teil, l. Abteil. (1889), p. 206. P. australis Hook. Siehe Posidoniafaser. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 65 9. HydrocharitaceeD. Enalus aeoroides Steud. fStratioies acoroides L. ßl. = Enhalus Königii L. C. Rieh.) Ind. u. trop. Küsten des westl. Stillen Ozeans. Blattfasern. — Engler-Prantls Pflanzenfamilien, II, 1. p. 254. — • Dodge, 1. c, p. 157. Liefert auf Gelebes eine geschätzte Faser. — Savorgnan, Goltivazione etc. delle Plante Tessili. Milano 1891. 10. <]!ramineen. Bamhusa arundinacea Willd. (= Anindo Bambos L.). Die Faser des Stammes dieser und anderer Bambusa-Arten dient in China zur Papierbereitung. Siehe Papierfasern. Stipa tenacissima L. f= Macrochloa tenacissima Kunth). Siehe Espartofaser. Lygeiim sparfum Löffl. (= L. spathaceum L.J. Spanien, Nord- afrika. Stengel zu Flechtwerk und Geweben. — ■ Duchesne, 1. c, p. 15. Siehe auch Esparto. Gymnostacliys anceps R. Br. Neu-Süd-Wales. »Trawellers grass«. Die Fasern der Blätter zeichnen sich durch außerordentliche Festigkeit aus. Saccharum officmarum L. Das abgepreßte Zuckerrohr, die Ba- gasse, dient zur Papierbereitung — Gat. des col. fr., p. 79 — H. Müller, Deutscher Ausstellungsbericht der Wiener Weltausstellung (1873), III, p. 109. — Tropenpflanzer, YIII (1904). — Mikroskopie: T. F. Hanausek, Der Papierfabrikant, Berlin 1911, Fest- und Auslandsheft, p. 34. S. Mara Roxb. und S. Munja Roxb. Beide in Indien. Beide zu Flechtarbeit und namentlich letztere in ausgedehntem Maße in der Papierfabrikation. — Watt, Econ. Prod. of India. Vol. I, Part. HI, p. 2 in H. 3. Kalkutta 1883. Über Munj fibre von S. arundinaceuni Retz. s. Watt, Gommerc. Products of India. London 1908, p. 929. ' Eleusliie coracana Gärt. Indien. Faser der Stengel zu Seilen. Gat. des col. fr., p. 79. Ampelodesmos tenax Link. Mittelmeergebiet, insbesondere Algier. Dient zur Papierfabrikation. — H. Müller, 1. c, p. 104. — Die anato- mischen Verhältnisse dieses Grases hat T. F. Hanausek insbesondere mit Rücksicht auf die analogen Verhältnisse der Blätter von Stipa tena- cissima und Lygeum spar tum studiert, da auch Ampelodesmos tenax den Espartogräsern , dem Rohmateriale der Espartozellulose für die Papierfabrikation zugezählt wird. T. F. Hanausek, Der Papierfabrikant, Berlin 1912, H. 23a, p. 34. Festuca patula Desf. Nordküste Afrikas. Dient zur Papierfabrika- tion. — H. Müller, 1. c, p. 104. Wiesner Uohstoffe. 111. Band. 3. Aufl. 5 66 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Phragmites communis Trin. (= Arundo Phragmites L.). Schilf- rohr. Kosmopolit, bis in die Arktis reichend, selten fehlend, z. B. im Amazonasgebiete. Halm samt Blättern in der Papierfabrikation. Dient auch als Ersatzfaser für Bindegarne, aber nur von geringer Qualität. Die Bindegarne aus Schilf haben (Deutsche Kriegskommission 4 915) nur eine Tragkraft von 9 kg, während die aus Hanf erzeugten Bindegarne eine Tragkraft von 55 — 60 kg aufweisen. Textilmeister, Wien 1915 u. Mittig. techn. Versuchsamtes, Wien, VII., 1918, 1. Heft. Phragmites Karka Trin. Kain'ggras, Indisches Monsungebiet. (Nach Index Kew. artgleich mit unserem Schilfrohr, Phr. communis.^ Zur Papierbereitung. T. F. Hanausek, Der Papierfabrikant, 1911, H. 46. Arundo Donax L. Mittelmeergebiet. Italienisches Rohr. Dient zu Flechtarbeiten. Die Faser wird für die Papierfabrikation empfohlen. — Herzberg in den Mitteilungen der Techn. Versuchsanstalt. Berlin 1895. Arundinaria macrosperma Desr. Amerikanisches Schilf. Dient in der Papierfabrikation. — H. Müller, 1. c, p. 106. Ä. tecta Miihl. Maryland, Faser der Stämme zur Papierbereitung. — Ann. Report. U. St. Depart. Agric. 1879. Ämmojjhüa arenaria Roth (^ Arundo arenaria L.). Strandhafer. Sehr gemeines Gras der Dünen. Mittelmeergebiet, auch sonst fast überall an den Küsten Europas und Nordamerikas. Als Marram-Gras in der Papier- fabrikation in England und Amerika angewandt. Kew Bull. 1912, p. 396. Imperata arundinacea Cyr. »Lalüng« oder »Alang«. Lästiges Unkraut in Ostasien, Slam und Indien. Bildet im malayischen Archipel den Hauptbestandteil der Alang-Alangfelder. Dient in der Papierfabri- kation und bildet auch Material zum Dachdecken. Kew Bulletin 1909. — Remington, G. St., Lalang as a paper making material Agric. Bull. Straits and Feder. M^lay States VII (1908). Trop. Agric. and Magazin XXXH (1909). — Hacke 1 in Engler-Prantl, Pflanzenfamilien II, 2, p: 23. Zizania aquatica L. Wasserreis, Tuscarorareis. Nordamerika, nordöstliches Asien. Dient in Nordamerika zur Papierfabrikation. — H. Müller, 1. c, p. 108. Hymenachne Myurus Bcauv. Dieses in großer Menge in den Savannen Venezuelas vorkommende Gras dient in der Fabrikation von ordinärem Papier. Es wird als Halbzeug unter dem Namen Ganielote nach den Vereinigten Staaten zur Bereitung von Packpapier ausgeführt. — A. Ernst, La exposicion nacional. Caracas 1886, p. 432. Andropogon Ivarancusa Roxh. Indien. Faser der Wurzel. »Vet- tiver« (Woetiwear) zu groben Geweben, Seilen, Teppichen usw. — Gat. des col. fr., p. 78. Ähnlich so scheinen noch andere Andropogon-.\rten Indiens, bei Royle, The fibrous plants of India, London, Bombay 1855, p. 32, Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 67 »Khuskhus« oder »Vettiveyr« genannt, z. B. die in der Parfümerie an- gewendeten Spezies Ä. squarrosUs L. f. und A. muricatus Retx., auf Fasern ausgebeutet zu werden. — Cat. des col. fr., p. 78 und 79. Ä. Gryllus L. (= Chrysopogon Gryllus Trin.j. Die Wurzelfasern werden in Oberitalien als > Quadro« oder itälifenische Reiswurzel in den Handel gebracht und stark in der Bürstenfabrikation verwendet. — Bull. Colon. Harlem 1897. — Wiesner, Aüsstellungsbericht (1867), p. 353. Themeda gigantea Hacke! (= AntJiisüria gigantea Cai\). Ullagras, Riesenspeergras, giant speargrass, Himalaya, hochwüchsiges Gras zur Papier- bereitung. T. F. Hanausek, Der Papierfabrikant, Berlin, 1911, H. 46. Ischaemum angusUfolkmi Hook. Indien. Bulous- oder Bhabur- gras. In Indien zur Papierfabrikation.— Stapf, in Kew Bullet. 1899. p. 367. — Raitt, William, Trop. Agriculture and Magazin XXXII (1909,. T. F. Hanausek, Der Papierfabrikant, 1911, Hft. 25, p. 751. Epicampes^ sp, Mexiko. Die Wurzeln mehrerer Spezies (mexikan. Zakaton) bilden die mexikanische Reiswurzel, welche ähnlich wie die itahenische Reiswurzel besonders in der Bürstenfabrikation verwendet wird. Über Zakatqpwurzel siehe Tropenpflanzer, X., 1906, p. 369 und K. Braun, Der Pflanzer, 1912, p. 8. Sorghum vulgare Pers. und S. halepense Pers. (= Ämlropogoii arundinaceus Scop.) sind die Stammpflanzen der in zahllosen Varietäten kultivierten Durrha der warmen Länder. Die steifen Rispen einzelner Varietäten liefern die sogenannten Reisbesen. Heieropogon contortus R. et S. (^= Andropogon contortus L.): Indien. Gras zu Flechtarbeiten. — Watt, Diction. IV (1890)', ji. 228. Reisstroh, Maisstroh und das Stroh unserer gewöhnlichen Getreide- arten werden in der Papierfabrikation verwendet. Über die hieraus-, sowie über die aus Holz dargestellte Faser siehe unten bei >Papierfasern«. 11. Cyperaceeii. Cyperus Papyrus L. Papyrusstaude. Tropisches Afrika, Cala- brien und Sizilien. Papyrus der Alten. Siehe Papierfasern. C. textilis Thunberg. Japan. In europäischen Gärten seit 1 850 kultiviert. Die Blätter dienen getrocknet, in Längsstreifen zerschnitten und dann aufgeweicht zum Binden, z.B. des Robstocks. — Caillc, Belgique horticole 1878, p. 317. C. Schimperianum Steudel. Im Südgebiete der Bahr el debal. Aus den > Halmen« wird eine zur Herstellung von Stricken dienende Faser gewonnen. Die Stricke dieser Faser werden für Wasserschöpfräder ver- wendet. — Rein, Tropenpflanzer, XIH (1909), p. 534. Carex bryxoides L. Die Blätter liefern eine Art Seegras. In großen Mengen im Großherzogtum Baden (im badischen Rheintal) und in Ober- 5* 68 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Österreich (jährlich 2,5 Mill. kg) gesammelt und in den Handel gebracht. — Sehr ausführliche Mitteilungen über diese Art Seegras siehe Newald, Offiz. österr. Ausstellungsbericht 1873, Forstwirtschaft, p. 43 ff. Lepidosperma elatius Lahill. L. gladiatum Labill. Viktoria und Tasmanien. Die Fasern der grünen Teile zur Papierbereitung. — Thos. Ghristy, New Gommerc. Plauts I, fibres. London 1882, p. 48. Eriophorum sp. Mitteleuropa. Wollbüschel des Fruchtstandes. Man versuchte die Wolle unserer europäischen Wollgrasarten als Ersatz für Baumwolle zu verwenden; begreiflicherweise ohne Erfolg (vgl. bei Cha- maeneriuTn). — Böhmer, Technische Geschichte der Pflanzen. Leipzig 1794. Bd. I, p. 567. Siehe auch über die Verwendung von »Cotton grass« [E. latifoUum Hoppe und andere Spezies) Dodge, 1. c, p. 762. — Über die > Wollgrashaare« von Eriophorum-Arten siehe auch F. v. Höhnet, Mikroskopie der Faserstoffe, 2. Aufl., Wien und Leipzig 1905, ferner. Der Textilmeister, Wien 1915. — Bei Höhnel auch eine mikro- skopische Gharakteristik der Fruchthaare von Eriopho7'mn angustifolium L. und latifoUum Hoppe. Hanausek im Textilmeister, Wien 1915. Siehe auch unten bei Torffaser. 12. Palmen. Chamcerops humüis L. Faser der Blätter zu Seilen, auch als eine Art vegetabilisches Roßhaar (crin vegetale oder crin d'Afrique), in Berlin als Indiafaser, worunter nach Wittmack aber auch andere Ersatzmittel der Roßhaare zu verstehen sind, in Wien Afrik genannt. Die Blätter sind auch für die Papierfabrikation sehr geeignet. — H. Müller, Deutscher Bericht über die Wiener Weltausstellung 1873, HI, 1, p. 105. Mit Kamelhaar gemengt zu Geweben (Zeltstoffe) in Algier, in den Mittel- meerländern, am Senegal. Gat. des col. fr., p. 80. Ch. Ritchiana Griff. Indien. Blattfaser. »Pfees«. — Watson, Journ. of arts, 1860, Mai, p. 1 1 ff. Ch. hystrix Fräs. Zentralamerika und Westindii^n. Die starke und dauerhafte Faser der Blätter ist Handelsware. — Squiei', Tropical fibres, London, New York 1863, p. 50. Borassus flabelliformis L. (^= Lontwus domestica Rumph.). Süd- liches Asien, überall in den Tropen kultiviert. Fasern der Blattscheiden. »Palmyra nar«. — Royle, 1. c, p. 98. — Gat. des col. fr., p. 80. — Squier, 1. c, p. 52. Siehe auch Piassave und Papier. Medeyniaargun P. O.v. Württemberg. Kordofan und am blauen Nil. Aus den Blättern wird eine Faser gewonnen, welche sich durch besondere Festigkeit auszeichnen soll. — Rei n , G. K., Tropenpflanzer XHI (1 909), p. 535. Corypha umbraculifei'a L. Indien. Die Fasern der Blattstiele für Taue. — Gat. des col. fr., p. 80. Über das Blatt von C. u. siehe Papier. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 69 Arenga saccharifera LabiU. (^ Gonmhis saccharifera Sp?'.). Inseln des indischen Meeres und Cochinchina, in den Tropen häufig kultiviert, z. B. auf Reunion. Fasern der Blattscheiden. »Gomuti obre«, »crin vegetale^^ z. T., »Ejoo«. — Royle, 1. c, p. 92. — Cat. des col. fr., p. 81. — Watson, 1. c, p. 11 ff. — Squier, 1. c, p. 48. — Watt, The com- mercial proViucts of India. London 1908, p. 91. Caryota mitis Loiir. Reunion. Blattscheidenfaser, »crin vegetale« z. T. ~'Cat. des col. fr., p. 81. C. urens L. Indien, Ceylon Blattscheidenfaser, »crin vegetale« z. T., »Kitool«, >Kitul«, »black fibre«. — Royle, 1. c, p. 99. — Squier, 1. c, p. 52. — Cat. des col. fr., p. 81. — Dodge, 1. c, p. 112. — Watt, l. c, p. 170. Was im deutschen Handel unter dem Namen »Siamfaser« vorkommt und als Ersatz für Borsten Verwendung findet, scheint zu- meist von Car?/o^a-Fasern abzustammen. Siehe auch Piassave. In gleicher Weise werden auch di(j Blattfasern von Raphia vinifera verwendet. Siehe Piassave. Piioenix dactylifera L. Tropen. Blattfaser zu Matten usw. — Royle, 1. c, p. 96. — Österr. Monatssch. f. d. Orient, IX (1883), p. 112. Ph. silvestris Roxb. Indien. Blattfaser. Royle, 1. c, p. 91. Ph. reclinata Jacq. Die Einfuhr der Blätter aus Deutsch-Üstafrika wird empfohlen. Zu Flechtarbeiten und als vegetabilisches Roßhaar. — Tropenpfianzer, III (1899), p. 125. Ästrocaryum vulgare Mart. Südamerika. Aus den unentwickelten Blättern wird die zur Verfertigung von ausgezeichneten Tauen dienliche Tuccumfaser bereitet. Die Angabe, daß A. Tucurna Mart. die Tuceum- faser liefert, hat sich als irrtümlich erwiesen. — Cat. des col fr., p. 86. — Seemann, Die Palmen, p. 50. A. Ayri Mart. Brasilien. Blattfaser zu Gespinsten. >Tuccum«. — Wiesner, Bericht, p. 354. Acrocomia lasiospatha Mart. Brasilien, Westindien. Blattfaser. Auf Kuba »Pita de Corojo« genannt. — Morris, Cantor Lectures on Com- mercial Fibres. London 1 895. Mauj'itia flexuosa L. Brasilien. Die Faser der Blätter ist für grobe Arbeiten sehr geschätzt. — Seemann, Palmen, p. 176. Squier, I.e., p. 51. Raphia vinifera P. Beauv. Siehe Piassave und Raphiafaser (Raphiabast). R. taedigera Mart. R. 7iicaraguensis Oerst. Siehe Raphiafaser R. Ruffia Mart. (= R. pedunculata P. B.) Raphiabast). R. Momhuttorum Drude Sagus ßlaris Rumph. (^= Metroxylon filare Mart.). Fasern junger Blätter zu Garnen. — Miquel, Flora von Nederl. Indie, III, p. 149. 70 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. S. Rumphü Willd. und S. Icpms Rumph. Indien. Faser der Blätter. — Royle, 1. c, p. 92. Dictyosperma fibroswn Wright s. Piassave. Bhaphis flabeUiforniis L. ftl. Reunion. Blattfaser, »crin vegetale< z. T. — Gat. des col. fr., p. 81. Co cos nucifera L. Siehe Goir. C. crispa H. B. K. Zentralamerika, Kuba. — Dodge, 1. c, p. 120. Über die Eigenschaften der Blattfasern dieser Palme siehe auch Thos. Christy, 1. c, p. 51—52. Attalea fu7iife7'a Mart. Siehe Piassave. Leopoldina Piassaba Wallace. Siehe Piassave. Calamus sp. Die Stämme mehrerer Calamusarten : Calamus Rotany Willd. , C. Royleanus Griff. , C. rudeyitum Low. usw. , sämtlich in Indien, werden durch Zerreißen in einen Faserstoff verwandelt, der zur Herstellung verschiedener Seilerarbeiten und zu Schiffstauen, Matten u. dgl. sehr geeignet sein soll. — Cat. des col. fr., p. 81. — Royle, 1. c, p. 93. Österr. Monatsschrift f. d. Orient, IX (1883), p. 112, 120 und 124. Über die anatomischen Verhältnisse des Stammes von Calamus Rotang siehe Wiesner in Denkschriften d. kais. Akad. d. Wiss. Wien, Bd. 72 (1.902). — T. F. Hanausek, Techn. Mikroskopie 1901, p. 234. — Tropenpflanzer, 1908, p. 95. Cmiudovica pcdmata Ruii et Par. Tropisches Amerika. Junge Blätter dienen zur Herstellung feiner Flechtarbeiten (Panamahüte). — Semler, 1. c. lü, p. 728. 13. AraceeD. Caladiwn giganteum Blume. Guayana. Fasern der Stengel dienen zur Papierbereitung. — Cat. des col. fr., 1867, p. 80. — Dodge, 1. c, p. 102. Typlionodoi'um tnadagascariensis Engl. Faser der Blätter ver- wendet zur Herstellung von Fischernetzen usw. Claverie, Pascal,. Etüde morphologique des Typhonodoriun madagascariensis, textile de Mada- gascar. Revue general Botahique, XVIII (1906). ■ Ä77iorphophallus gigaiiteus Bl. AissUnger (l.c.,p. 59) beschreibt javan. Bastfasern, deren Zugehörigkeit zu dieser Pflanze aber nicht ganz sicher ist: 14. Bromeliaceen. Ananassa sativa Lindl. f= Bromelia Ananas L.) Siehe Bro- meliafasern. A. Sagenaria Scliott. (= Bromelia SagenariaL.) Südnmerika. Ge- fäßbündel der Blätter. Wurde von J. Mo eil er (Dinglers polytechn. Journ. Bd. 231 (1881) mikroskopisch untersucht. »Grawata«. — Royle, 1. c, p. a7. — Semler, Trop. Agricultur, HI (1888), p. 707. Bromelia Karatas L. Siehe Bromeliafasern. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 'J^ B. silvestris Tiiss. Siehe Bromeliafasern. B. Pinguin L. Westindien, besonders Jamaika. Gefäßbündel der Blätter. — Squier, 1. c, p. 40. — Royle, 1. c , p. 37. — A. Ernst, La exposicion nacional. Caracas 1,886, p. 41 4. Siehe auch unter Broraeliafasern B. Pigna Perrott. Philippinen. Gefäßbündel der Blätter. »Pina« Soll zur Herstellung batistartiger Gewebe geeignet sein. -^ Duchesne 1. c, p. 40. — Royle, 1. c, p. 39. Siehe auch unter Bromeliafasern B. argentea Bak. Argentinien. Liefert »Caraguata fibre«. Wird für die Papierfabrikation empfohlen. — Kew Bull. 1891. Bülbergia variegata Mart. Brasilien, Ebenfalls Blattfaser. —r Royle, 1. c, p. 37. — Semler, L c, p. 707. Tillandsia usneoides L. Siehe Tillandsiafaser. Ptiya coarctata Gay (Pourretia coarctata Buix et Pav.). An der chilenischen Küste wird aus den Blättern eine Faser abgeschieden, welche sich zur Verfertigung von Fiscliernetzen ausgezeichnet bewähren soll. — F. Leybold, Zeitschr. d. üst(>rr. Apothrkervereins, 1879, p. 272. L"). Liliaceen. Aloe vulgaris L. (^= A. barbadensis MilL). Afrika, fast überall in den Tropen. Blattfaser. — Royle, 1. c, p. 51. A. indica Royle. hidicn. Blattfaser. — Royle, 1. c, p. 51. A. pei'foUata Thbg. Siehe Aloefaser. A. angustifolia L. Kultiv. in Indien. Blattfaser. — Royle , 1. c, p. 53. Yucca filamentosa Lam. Südliche Staaten von Nordamerika. Blatt- faser zu Tauwerken. In Virginien früher zu Geweben. Seit die Be- wohner Virginiens mit europäischen Geweben bekannt wurden, hat die Kunst, die Yukkiifasoi'n (Gefäßbündel der Blätter) zu verspinnen und zu verweben, ihr Ende erreicht. — Kahn, Reisebeschreibungen, I, p. 494. — Böhmer, 1. c, p. 543. — Bischof, 1. c, HI, p. 2, p. 932. — Cat. des rol. fr., p. 79. Dient indes jetzt in der Papierfabrikation. Y. aloifolia L. Wärmeres Nordamerika imd Westindien. Blattfaser zu Seilerarbeiten. — Cat. des col. fr., p. 79. Y. gloriosa L. Südlich(^ Staaten von Nordamerika. Blattfaser. — Cat. des col. fr., p. 79. — Watson, 1. c, p. 11 ff. Y. angustifolia Pursh. Vereinigte Staaten Nordamerikas; kultiviert in Indien. — Blattfaser. — Royle, 1. c, p. 56. Über Yukkafaser (= Adams needle fibre) siehe Royle, l. c, p. 56; Semler, l. c, III, p. 730. Hier ist auch angegeben, daß das Holz, da- mit soll wohl gesagt sein die Gefäßbündel des Stammes, zur Papier- fabrikation in großem Maßstabe verwendet wird. Unter anderen soll eines der gelesensten Blätter Englands (Daily Telegraph) ausschließlich auf solchem Papier gedruckt worden sein. — Dodge, 1. c, p. 330, wo auch Siehe Sansevieriafaser. 72 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. noch einige andere faserliefernde Yuklia- Arten genannt .sind. — G. Mohr, Pharm. Rundschau, New- York 1884 — 85. Daselbst über Verwendung von Yukkafasern in Nordamerika in der Papierfabrikation. Phoi'mium tenax Forst. Siehe Neuseeländischer Flachs. Sanseviei'ia xeylanica WiUd. S. guineensis Willd. S. Kirim Bak. S. longiflora Sims. S. Eoxburghia7ia Schult, fil 8. cylindrica Boj. 8. Ehrenhergimia Schiueinf. 8. Perottü Warb. 8. thyrsiflora Thunbg., 8. subspicaia Bak., 8. nilotica Bak., 8. senegambensis Bak., 8. Volkensii Gurke. Die Blätter aller dieser afrika- nischen Sansevieriaarten liefern Fasern. Die zuletzt am Kongo entdeckte 8. Laurentii E. de Wild, soll eine ebenso gute Faser wie 8. guineensis liefern. — S. Gurke, in Engler, Pflanzenwelt Ostafrikas, Berlin 1895, A, p. 364 und B, Nutzpflanzen, p. 359 ff". — Axel Preyer, Beihefte zum Tropenpflanzer, V(1900), p. 18 fr. Sanseviera fibre from Somali stammt von 8. Ehrenbergii Schivänf. (Kew Bull, 1892). — E. de Wildeman, Revue des cultures coloniales XIV (1904). Über 8. guineensis, cylindrica^ Ehrenbergiana und Roxburghii, siehe Ridley, Agr. Bull, of the Straits and Feder. Malay States 1909. Astelia trinervia Kirk. Kauriegras. Sehr gemein in Neuseeland, desgleichen A. 8olandri Cunn., von den Kolonisten »Baumflachs« ge- nannt, beide zur Fasergewinnung sehr geeignet. — F. Kirk, Ausland 1875. A. Banksii Cunn. Neuseeland. Faser zur Papierbereitung. — D o d gc , 1. c, p. 73. Äletris nervosa Roxb. Indien. Blattfaser. — Royle, 1. c, p. 53. — Cat. des col. fr., p. 79. A. guineensis L. Westliches Afrika. Blattfasern zu Tauwerk. — Adanson, Senegal-Reise, p. 131. — Böhmer, 1. c, p. 528. 16. Anitaryllidaceen. Agave americana L. I A. cantala Roxb.^) = vivipara Dabx et \ ^'^^'*-^ Agavetasern Gibs, non L. = america7ia Blanco = (Sisal,Henequen,Pit.., Fourcraea cantala Haiv. J ■'' 1) In der Schreibweise des Speziesnamens dieser Pflanze herrscht keine Über- einstimmung. Der Index Kewensis schreibt konstant cantula; "Watt, I.e. (1908) kon- stant cantala. Roxburgh hat das Sanskritwort Kantala zur Bildung des Speziesnamen benutzt (Flora Bengalensis 1814). Aber in seiner Flora indica Ed. II (1832) ist zu lesen A. cantula Roxb. Zweifellos liegt hier ein Druckfehler vor, auf den die in Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 73 Ä. cociä Trelease A. decipieus Baker A. Deveyana Trelease A. diacantha L. A. falcata Engel in . A. fdifera Sahn-Dtjck A. foiircroydes Leniaire. = A. rigida Hemsley = elongata Jacohi = rigida long ifolia Eng elm. = rigida elongata Bak. A. Funkeana Koch et BoucM = A. lophanta Jacohi A. hcteracantha Zucc. = A. Lechegnilla Torr. A. Lespinassei Trelease A. mexicana Lam. A. rigida Mill. = A. ixtli Karivinski A. rigida Mill. sisalana Per r ine = var. sisalana Engelm. Siehe Agavefasern (Sisal, Henequen,Pite, Jxlle usw.). Siehe Mauritiushanf. A. striata Zuccar. A. Tequilana Trelease A. yiiccaefolia BC. A. Zapiipe Trelease Fourcroya gigantea Verl = F. foetida. F. cuhensis Jacq. Westindien. Liefert die Faser »Cajun«. Curculigo latifolia Bryand. Liefert auf Borneo eine Spinnfaser. — Thyselton Dyer, A fibre-yielding Curculigo. Journ. of Botany XVIII, p. 219. Daselbst siehe auch die Verwendung von Curculigo seychellarimi Baker auf den Seychellen. 17. Musaceen. Musa textilis Luis N^e^) (= M. mindanensis Rumph.). M. paradisiaea L. } Siehe Manilahanf. M. Cavendishi Faxt. M. Sapientum L. neuerer Zeit so häufig anzutreffende Speziesbezeichnung zurückzufüiiren ist. Ein Sanskritwort »Kantula< existiert niclit. Wie mir aber Prof. v. Schroeder mitteilt, werden einige mit Dornen versehene Pflanzen im Sanskrit Kantala genannt; letzteres wahrscheinlich von dem Sanskritwort Kanta = Dorn abgeleitet. Dewey (zuletzt \^\k schreibt stets korrekt cantala. Er hat auch die Bezeichnung »Kantala« für die Faser (Handelsprodukt) eingeführt. 1 ) Nicht seilen ist Nees oder Nees ab Es. als Autorname der Müsa textilis an- geführt, was aber nur auf eine Verwechslung mit dem wahren Autornamen Luis Nee zurückzuführen ist. 74 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 31. Ensete Gm. Afrika. Kultiviert in Neu-Süd -Wales. Hier zur Ai> scheidung einer der Plantainfibre ähnlichen Faser benutzt. Gefäßbündel di^s Scheinstammes. M. ulugwensis 0. Warb. 0. Warburg, Beschreibung der ostafri- kanischen Bastbananen. Tropenpflanzer, VIII (1904), p. 1 1 6 ff. — Moritz Fritz, Über den Anbau der ustafrikanischen Bastbananen. Tropen- pflanzer, YIII (1904). p. 109 ff. Siehe Manilahanf. M. Holstii K. Schum. Deutsch-Ostafrika, siehe Manilahanf. Heliconia caraibcea Lam. Antillen. Gefäßbündel des Stanunes. — Cat. des col. fr., 1867, p. 79. Auf Guadeloupe »Balisier ]>ihau. Cat. di's ed. fr., 1873, P-. 14. 18. Zingiberaceen. Curcuma longa L. Indien, Fasern des Mittelnervs der Blätter. — Cat. des col. fr., 1867, p. 89. — Dodge, 1. c, p. 143. Älpinia nutans Rose. Liukiu u. Formosa. Fasern der Blattscheide. Zu Seilen. Saito, Journ. Coli. Science Univ. Tokyo, XV, 1901, p. 407. 19. Marantaceeii. Phrynium diclwtomum Roxb. Indien. Gefäßlmndel des Stammes. — Royle, 1. c, p. 60. 20. Salicace.en. Die Samenwolle der Pappeln und A\'(^iden (z. B. der Salix pentan- ara L., der man auch den Namen l>aumwollenweide gab, u. a. m.) hat man als Gespinstfaser statt Baumwdlle mid zur PapK'ihn'i'itiing in Vor- schlag gebracht. Die Versuche haben kein befriedigendem KeMiltat ergeben. Vgl. die Noten bei Eriophorum und Chaniaeneriiim. — Böhmer, 1. c, I, p. 573 und Beckmann, Vorl)ereitung zur \^^•^renkunde usw. Göttingen 1793, wo auch die Literatur dieses Gegenstamles naeli/.ii> Der Papierfabrikant« , Berlin 1 908. Das Holz scheint zur Papierfabrikation besonders geeignet. Spezifisches Gewicht des Holzes = 0,43. Das Holz läßt sich verhältnismäßig leicht in »aufgeschlossenen Zellstoff« verwandeln. Indien, Neukaledonien. Bastfaser zu Seilen. — Cat. des col. fr., p. 81. Über Ficus sp. siehe auch Royle, p. 343. — Dodge, 1. c, p. 166. Java. Bastfasern. Sellcger, L c. — Aiss- linger, 1. c. p. 63—73. 76 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Artocai-pus incisa L. fil. Bast junger Zweige zur Bekleidung auf den Südseeinseln benutzt. — Böhmer, 1. c, p. 529. — Royle, 1. c, p. 314. Ä. hirsuta Lam., A. hirsuta Willd. und A. lacoocha Roxb. Der Bast dieser Pflanzen wird in Indien zu Flechtwerken und zur Papier- bereitung benutzt. — Royle, 1. c, p. 341. — Gat. des col. fr., p. 81. Antiaris saccidora Dalx. (A. toxicaria Lesck.J. Indien. Bast. »Jä- sund«. — Wiesner, Ind. Faserpflanzen, p. 3. Cannahis sativa L. Siehe Hanf. Humulus Lupulus. Die Stengel des Hopfens (»Hopfenranken«) dienen zur Herstellung eines flachsartigen Faserstofl"s. — Nördlinger in Dinglers polytechn. Journ., Bd. 230 (1878), p. 287. Deutsches Reichs- patent Nr. 860 vom 23. Sept. 1877. Über die mikrosk. Kennzeichen der Hopfenfaser siehe Hanausek, Technische Mikroskopie 1901, p. 83 und V. Höhnel, Mikroskopie der Faserstoffe, 2, Aufl. (1905), p. 58. 23. Urticaceen. Urtica dioica L. Gemeine oder zweihäusige Nessel. Siehe Nesselfaser. U. urens L. Brennessel. Kosmopolit: fehlt nur im hocharktischen und tropischen Gebiete. Auch mit dieser Art der gemeinen Brennessel, wurden Versuche zur Gewinnung einer brauchbaren Spinnfaser, aber in viel geringerem Ausmaße wie mit ü. dioica angestellt, die aber nicht zu den gewünschten Resultaten führten. Grothe, Chinagras und Nesselfaser. 2. Aufl. Berlin 1889. U. cannahina L. Sibirien. Bastfaser. — Bischof, Lehrb. d. Bo- tanik HI (1840), p. 765. — Royle, 1. c, p. 344. U. argentea Forst. Gesellschaftsinseln. Bast. Roa-Faser. — Royle, 1. c, p. 344. Siehe auch Semler, 1. c, III, p. 726. U. japonica Thunh. Japan. Bastfaser. — Thunberg, Flora ja- ponica, p. 71 . ü. cai'ücassana Jacq. Tahiti. Bastfaser. — Cat. des col. fr., p. 81. TJ. heteropkylla Roxb. (= Girardinia heterophylla Dcne.) Goncan, Malabar. Bastfaser. »Chor Putta«. — Royle, 1. c, p. 367. Engler in Engler-Prantl, Pflanzenfamilien HI, 1 (1894), p. 103. Nilgiri Nestle fibre von Kalkutta. Tropical Agriculturist and Magazine XXY (1905), p. 233 ff". Watt, The commercial products of India. London 1 908, p. i 61 . Nach dieser Quelle bildet diese Faser eines der Substitute der Rhea-Faser (Ramie). TJ. alineata L. {= Boehmeria alineata W.). In ganz Indien wild- wachsend. Bastfaser. — Cat. des col. fr., p. 81 . U. baccifera L. Antillen, besonders auf Kuba. Bastfaser zu Seiler- waren, — Duchesne, 1. c, p. 319. — Squier, 1. c, p. 56. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 77 Z\ virulenta Wall. Gurliwal in Hindostan. Bastfaser. — ■ Royle, 1. c, p. 372. U. Thunhergiana Sieh, et Zucc. Japan. Bast liefert die Faser »Iraklisa«. — Sai'to, 1. c, p. 409. U. gigas Moore. Neu-Süd-Wales. Bast. — Wiesner, Offiz. üsterr. Bericht über die Pariser Ausstellung, 1867, Bd. V, Fasern, p. 555. Diese Ahhandlinig wird in der Folge kurz zitiert: Wiesner, Bericht. U. crenulata Roxb. (Laportea crenulata Gaud.). Indien. Bast- faser. — Royle, I.e., p. 344 und 366. — Watt, Dict. IV (1890), p. 586. — Devil Nettle. Ein Substitut der Ramief^ser. — Watt, The commercial products of India. London 1908, p. 162. TJ. rubra? Guayana. Zouti rouge. Die Bastfaser liefert grobe Ge- webe. — Cat. des col. fr.. 1873, p. 20. Laportea pustfdata Wedd. (Urtica pustidata L.). Alleghanygebirge bis 1300 m über dem Meere vorkommend, wurde als Faserpflanze auch für Deutschland in Vorschlag gebracht. — Wittmack, l.c.,p.7. — F. Marc, Akklimatisationsversuche mit Laportea, ausgeführt in Pest. Wiener Ol^st- und Gartenzeitung, 1877, p. 69. L. canadensis Wedd. (Urtica canadensis L.). Kanada, Nordamerika. Bastfaser. Oftmals als Faserpflanze in Kultur genommen, stets ohne praktischen Erfolg. — Wiesner, Bericht, p. 355. — Engler in Engler- Prantl, 1. c, p. 103. Die mikroskopischen Kennzeichen dieser Faser hat J. Moeller in der Deutschen Polytechnischen Zeitung 1883 bekannt gegeben. S. auch Botan. Zentralblatt 1884. Fleiirya aestuans Gaud. var. Limieana Wedd. (Ortiga). San Thome. Soll mit Ramiefaser Ähnlichkeit haben. — Tropenpflanzer, III (1899), p. 128. Villebrunea integrifolia Gaud. Crylon, Indien. Grobe Bastfaser. Risa oder Wild-Rhea genannt. — W alt, George, The Agriculture Ledger. Kalkutta 1898. — Dodge, 1. c, p. 325. Bildet einen Ersatz für Rhea. (Boehmeria). — Watt, Tlie commercial products of India. London (1908), p. 164. V. frutescens Blume. Indien, Bastfaser zu Seilerarbeiten. — Watt, Econ, Prod. of India, I, III, Nr. 294. Kalkutta 1883. Boehmeria nivea Hook, et Arn. (= Urtica nivea L.). Siehe Bamie (Chinagras). B. n. Hook, et Arn. forma chinensis Wiesn. (= Boehmeria nivea Gaud.). Siehe Ramie. B. n. forma indica Wiesn. (^ Urtica n. tenacissima L. = B. n. var. candicans Sadebeck = B. tenacissima Gaud. = B. utilis Bl. = B. candicans Hassk. = Urtica candicans Burm. = Urtica tenacissima Boxb. = Bamium majus Rumph.). Siehe Ramie. 78 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. B. frutescens Blume. Nipal und Sikkim. Bast und Bastfaser; die feine Faser heißt »Pooah fibre«. — Royle, 1. c, p. 369. B. macrostachya Wall. 1 , ,. „ . ^ . ^ ^ , T ^rr 11 Indien. Bast und Bastfaser. — Royle, B. Gaglado Wall. ,^ ■' ' B. salicifolia Bon. j " "' ^ ' B. spicata Thiinh. Japan. — Saitu, 1. c, p. 408. B. Puya Hook. (= Maoutia Pmja Wedd.). Indien. Bast. — Henkel, Naturprodukte I, p. 334. — Engler, 1. e., p. 103. — Dodge, 1. c, p. 235. Hier wird die Faser »Wild Henip« genannt. — Engler in Engler-Prantl. Pflanzenfamilien III, I,p. 115. — Watt, 1. c. (1908), p. 163. B. clidemaides Miq. Sumatra, Java. Bast und Bastfaser. — Jung- huhn, Java, deutseh von Hasskarl, I, p. 329. B. diversifolia Miq. Sumatra, Java. Bast und Bastfaser. — Jdrig- huhn, 1. c., p. 329. B. sanguinea Hassk. Bast und Bastfasi-r. — Naeh Junghuhn, I.e., I, p. 1 76 wird der ;uit Java ^\ ildw acliscndi' Slraueh Rame oder Kepirit als Faserpflanze kultivieit und seit llunderti'n von Jahren dii' äußerst dauerhafte Bastfaser daselbst zur Herstellung von Geweben, beson- ders aber von Fischernetzen verwendet. Dieser Spinnstoff dient seit langer Zeit in Holland zur Herstellung schöner und feiner Gewebe. Durch Teys- manns Tätigkeit hat sich die Kultur dieser Pflanze ausgebreitet imd wurde das Produkt in die holländische Industrie eingeführt. Debregea.sia hypoleuca Wedd. Bastfaser vdii großer Stärk«' und Widerstandskraft gi'gm die Wirkung des Wassers. Himalaya. Substitut für Rhea (Ramie) — Watt, 1. c. (1908), p. 160. Leucocnide candidissima Miq. Java. Bast und Bastfasei'. — Jung- huhn, 1. c, I, p. 174 ff. L. alba Miq. Java. Bast und Bastfaser. — Junghuhn, l. c. Pipiurus veluÜJVHS Wedd. Neukaledonien. »Aouin«. Bast zu Seilen und Netzen. Bastfaser von der Feinheit des Chinagrases zu Luxus- geweben. — Cat. des col. fr., 1867, p. 81. Ebenda 1873, p, 47. P. propinquus Wedd. Inseln des Stillen Ozeans. — Engler, 1. <-. P. argenteus Wedd. Java. Flachsartige, seidenglänzende, aber steife Bastfaser, welche zu Tauen und zu Flechtarbeiten verwendet und sehr empfohlen wird. — Semler, HI, p. 726. — Dodgr, 1. r., p. 271. Als Roafaser beschrieben bei Herzog in dem unten zitiiTtcn ANCrkc, p. 57, Photogr. Abbildungen der Faser ebendaselbst Nr. 97. Pouxolxia occidentalis Wedd. Venezuela. Die Pflanze und die Faser werden >Yaquilla« genannt. Die Bastfaser läßt sich kolonisieren, ähnlich wie die Ramiefaser und bildet ein sehr feines spinnbares Produkt. — A. Ernst, La exposicion nacional. Caracas 1886, p. 424 ff. Über P. hypo- leuca als Papierfaser siehe Papierfabrik. Fest- u. Aus). Heft 1912, p. 61. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 79 P. viminea Wedd. Nepal. Bastfaser zu Seilen und Tauen. — Watt, Econ. Prod. of India, Vol. I, Part. III, Nr. 200. P. pentandra Benn. Java. Soll nach Aisslinger (I.e., p. 6i) die dickste, technisch verwendete Bastfaser sein. Sarcocklamys pulcherrima Gaud. Assam und Burma. Die Bast- faser, Duggalfibre, ist ein Substitut der Ramie. Watt, 1. c. (1908), p. 163. Parietaria dehilis G. Forst. Nach Bouche und Grothe, Über Ramie, Eheea, Chinagras und Nessel, 2. A., Berlin 1884 soll die Bastfaser dieser Pflanze in Portugal, Ostindien, Angola und Australien als Spinnfaser benutzt werden, welche Angabe in den verläßlicheren Quellen fehlt. Parietaria officinalis L. Nach Oswald Richter ist die Bastfaser einer im Wiener Prater und in den Donauauen massenhaft vorkommen- den Parietaria- kv\ als Ersatz für Spinnfasern sehr zu empfehlen. Die Spezies hat Richter nicht angegeben, wohl aber auf die verwandte Art P. dehilis hingewiesen. Nach Angabe der Fundstätte der von Richter empfohlenen Art kann es sich nur um Parietaria officinalis L. handeln. 0. Richter, Alte und neue Textilpflanzen, Wien 1915, p. 5 1 . 24. J^ymplia^aceeu. Nelumbium speciosum Willd. (= Nelumbo nucifera Gärtn.). Indien. Fasern der Blattstiele. Nach der Meinung der Hinduärzte üben aus diesen Fasern bereitete Bekleidungsstoffc eine fieberwidrige ^^'irku^g aus. — Watt, Dict. E. Prod. Ind., 1889. V. — Cat. des col. fr., p. 82. 25. Meuispermaceen. Cocculus mrdifolius PC. Indien. Die Wurzelfasern dienen als grober Faserstoff. — Cat. des col. fr., p. 82. 26. Anonaceen. Anona squamosa L. Guadeloupe. Bast zu derben Seilen. — Cat. des col. fr., p. 82. — Dodge, 1. c, p. ß1. Xylopia frutescens PC. Zentral- und Südamerika. Bastfaser zu Seilen. — Seemann, Herald Exp., p. 70. — Dodge, 1. c, p. 329." X sericea St. Hil. Brasilien. Bastfaser zu Tauen u. dgl. — St. Hilaire, Plantes usuelles de Bresil. 33, p. 3. — Dodge, 1. c., p. 329. 27. Leguminosen. Crotalaria juncea L. Siehe Sunn. C. intermedia Kotschy. Tr^pisclier Sudan. Liefert starke Fasern zu Seilen. — Rein, 1. c. (1909), p. 534. C. tenuifolia Roxb. Indien, daselbst auch kultiviert. Bastfasern. »Jubulpore Hemp«. — Royle, 1. c., p. 290ff. — Cat. des col. fr., Paris 1867, p. 83. — Semler, 1. c, IH, p. 724. 80 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. C. Burhia Hamüt. Zu Shind (Indien) als Faserpflanze gebaut. Bast- faser. — Royle, 1. c, p. 272. C. retusa L. Indien. Bastfaser, — Royle, 1. c, p. 281. — Watson , Journ. of arts, 1 860, Mai, p. 11 fT. Lupmus luteus L., L. nngusüfolius L., L. polyphyllos Lindl. it. L. perennis L. Bastfasern nach T. F. Hanausek (Arch. f. Chem. u. Mikr., 1917, p. 119) als Juteersatz geeignet. Siehe auch B. Heinze, Jahresb. Ver. ang. Bot., XIII., 1916, p. 88; Schwede ebenda, XV., 1917, p. 80 u, Arch, f. Chem. u. Mikr., 1918, p. 154. Melüotus albus Desi\, M. officitmlis Lani. u. M. altissimiis TJmill. Bastfasern »Melilote blanc de Siberie«. — Vetillard, 1. c, Dodge, 1. c, p. 240. — T. F. Hanausek im Arch. f. Chemie u. Mikrosk., X., 1917, p. 91. Trifolium pratense L. Nach T. F. Hanausek (Arch. f. Ch: u. M., 1917, p. 141] Bastfaser zu den feinsten Spinnfasern gehörig. Bastfasern junger Stengel (»Genet< oder »Genet d'Espagne«) dienen zu Geweben, Schnüren für Netze und anderen ähnUchen Produkten, — Mantoureaux,Dingl. pölyt. Journ. 42. p. 51 . — Heldreicli,DieNutzptl. Griechenl.,p.69. — Vetillard, I.e., p. 132. In Frankreich bildet die Ba.stfaser eine Art Hanf. »Flachs und Lein«, Wien und Trau- tenau, 1894, p. 27. — Oenista virgata bo- treffend siehe in Engler-Prantls Pflan- zenfamilien, HI, 3 (1 894),. p. 235. — Spar- tiumjunceum siehe auch Kew Bull. 1892 Ahrus p7'ecato7'ius L. Ost- und Westindien. Bast zu groben Seilen. — Dodge.^ 1. c, p. 35. Indigofera tinctoria L. Java, Bastfaser, Aisslinger, 1. c, p, 87. Wistariu chinensis S. et Z. Japan. Bastfaser, Saito, 1. c, p. 414. . Sesbania acideata Pers. Indien. Äquatoriales Afrika (Bahr el Gazal). Bastfaser. >Dhunchee fibre«. — Roxburgh, Flora indica, p. 335. — Royle, 1. c, p. 293. — Nach Semler, 1. c, auch in China kultiviert und heißt diese Faser in Bengalen >Jayunti«. In vielen Teilen Indiens als Substitut für Hanf verwendet, — Prain, Bengal Plauts 1903. — Watt, Sir G., 1. c. (1908), p. 988. — Rein, G, K, (1909), 1. c, p. 534, S. cannabina Retx,. (=^ Aeschynomene cannabina Kön.). Koro- mandelküste. Bastfaser. — Cat. des col. fr., 1867, p. 83, — In den fran- zösischen Kolonien am Senegal kultiviert und dort »Selene« genannt, — Cat, des col, fr, 1873, p. 30. Erythrina suberosa Roxb. Indien. Bastfaser. — Cat. des col, fr., p. 83. Cytisus scoparius Lk. (== Sarothamnus scoparius Wimm.) Genista virgata DG. Spartium jimceum L. Sp. mo7iospermum Des f. Sp. multiflorum Ait. (z= incarnatiun Lodd.) Siebzehnter Abschnitt. P'aseni. Q\ E. indica L., u. E. lithosperma Bl. Java. Aisslinger, I. c, p. H8. Acacia procera Willd. Bastfaser. — Wiesner, Ind. Faserpll., p. 4. Ä. Sing Perrott. Senegal. Grobe Bastfaser 7,11 Tauen. — Gat. des col. fr., 1867, p. 83. Ebenda 1873, p. 30. Ä. leucophloea Willd. Indien. Geylon. Bast lokal zu Fisrbcrnetzen u. dgl. — Watt, Dict. of the Econ. Prod. of India, Kalkutta. 1889. Pi'osopsis spicigera L. ludicu. Bastf. »Sarmdal«. — Wiesner, 1. c. Parlia africana R. IJr. .fava. Bastf. — Aisslinger, 1. c, p. 83. Butea frondosa Roxb. (= B. nfonosperina Taub.). Indien. Bast- faser. »Dhak«. — Royle, 1. c., p. 297. Holz zu Papier. T. F. Hanau- sek, Papierfabrikant, 1911. B. superba Roxb. Indien. Bastfaser'. »Pulas fibre«. — Ebendaselbst. B. parviflora Roxb. Indien. Bastf. »Palsbin«. — Wiesner, I.e. Bauhinia tomentosa L. Indien. Bast und grobe Bastfaser, zu starken Seilen, ebenso die ührigen l'.auinnicn. — Gat. col. fr., p. 83. B. pai'viflora Vakl. Indien. Elx'iidascilist. B. purpurea L. »MachaU. Indien. — Wiesner, I.e. — Gat. des col. fr., p. 83. — G. K. Rein, 1. c. B. racemosa Lam. — >^'iesner,' Indisclie Kaserpllanzen, p. 4. — Aubert, L., Some fibre plants of Upper Burma. Agric. Journ. India 1908. B. scandens L. Indien. Bastf. — Journ. Agric. Soc. VI, p. 185. B. reüculata DC. Seneg.il. hu südlichen Sudan. Bastfaser. — Gat. des col. fr., p. 83. — G. K. Rem, Tropenpflanzer XIII (1909), p. 534. B. coccinea DC. Gochinchina. Bastfaser. — Ebenda. Aeschynomene grandiflora L. Indien. Bast. — Ebenda. A. aspera L. Indien. Bastfaser zu Fischernetzen usw. Sunnersatz. In Bengalen »Sola« oder »Shola« genannt. — Watt, Dictionary etc., V. A. spinulosa Roxb. Indien. Bast liefert eine hanfartige Gespinst- faser. — Roxburgh, Flora ind. I, p. 535. — Royle, 1. c, p. 293. Parkinsonia acideata L. Bast zur Papierfabrikation. — Royle, 1. c, p. 298. — Squier, Tropica! fibres. London, New -York, 1863, p. 63. — Taubert in Engler-Prantls Pflanzenfamilien III, 3, p. 98 und 171. Caesalpinia timorensis DC. Java. Bastf. Aisslinger, 1. c, p. 74. Cassia auriculata L. Indien. Bastfaser. — Gat. des col. fr., p. 83. Uraria lagopodioides DC. Indien. Bastf. — Ebenda. — Taubert in Engler-Prantls Pflanzenfam. III, p. 98. — Aisslinger, 1. c, p. 96. Pueraria pthaseoloides Be?ith. (= Pachyrrhixus montanus DC). Neukaledonien. Bast und Bastfaser. — Gat. des col. fr., p. 84. Pueraria Thunbergiatia Benth. Ghina, Japan. Gespinstpflanze. Die Faser heißt Ko hemp, Ko-pou-Faser. — Taubert, 1. c. — Dodge, 1, c, p. 275. Avetta, Ann. del R. Inst. bot. 1885, p. 201. — Salto, 1. c, p. 414 u. Aisslinger, 1. c, p. 93. Wiesner, Rohstoffe. III. Band. 3. Aufl. Q 82 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Vigna sinensis (L.) Endl. f. textilis von Togo. Feste Fasern liefernd. Volkens, Notizbl. Bot. Gt. Berl., Appd. XXII, 2, 1909, p. 56; Harms, Der. D. Bot. Ges. XXX., p. 423. Phaseolus vulgaris L. u. Ph. coccineus L. Bastfaser. Hanausek, Arch. f. ehem., 1918, p. 5. Pachyrrhixus angulatus Rieh. Fidji-Inseln, Bastfaser zu Fischer- netzen usw. — Kew Bull., Mai 1889. — Dodge, 1. c, p. 255. 28. Linaceen. Linum usitatissimum L. Siehe Flachs. L. Levisii Pursh. Siehe Flachs. — Dodge. 1. c, p. 219 29. Anacardiaceeu. Rhinocarpus excelsa Bert. (== Anacardium Rhinocarpus DC.J. Venezuela. — Ernst, 1. c, p. 414. Liefert die Faser Mijagua. Odina Barteri Oliv. Sudan (Bahr el Gazal). Bastfaser zu Seilen und Stricken. Bein, 1. c, p. 534. Bouea macrophylla Oriff'. Java. Aisslinger, 1. c, p. 99. 30. Polygalaceen. Securidaca longepedunculata Pres. 'Südafrikanische Liane. Grobe starke Bastfaser. >Sogat«, » Buaze-fiber « , »Zamhesi-Buaze«. — Kew Bull. Sept. 1889. — Dodge. 1. c, p. 292. — Bein, G K., 1. c, p. 532 3L Eupliorbiaceeii, Tragia cannahina L. F. Indien. Bastfaser zu guten Geweben. — Gat. des col. fr., p. 83. T. involucrata L. Pondichery. Bastfaser. — Ebendaselbst. Antidesma alexiterium L. Ostindien. Bastfaser. — Böhmer, I.e., p. 532. — Dodge, 1. c, p. 61. Mallotus conchinchinensis Larn. ? Bastfaser zu textilen Zwecken benutzt. — Ridley, Fibre plants oftheMalay Peninsula. Agr. Bull, nf the Straits and Federation. Malay States 1904. 32. Sapindaceen. Sapindus saponaria L. Südamerika und Westindien. Kultiviert in Indien. Bastfaser zu groben Seilen. — Cat. des col. fr., 1867, p. 83. — Dodge, 1. c, p. 290. 33. Tiliaceen. Corchorus olitorius L. C. capsularis L. c- k i t C. fuscus Roxh. (= C. acutangulus Lam.) C. decemangulatus L. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 83 C. tridens L. und C. trilocularis. Dienen in Indien zur Herstellung von Tauen. — Watt, Dictionary II (1889), p. 544. Beide Pflanzen werden auch in Senegambien der Fasergewinnung halber kultiviert. — Lonessan, Les plantes utiles des Colon, frang. Paris 1886, p. 810. C. süiquosus L. Im tropischen Amerika häufig. Sehr grobe Bast- fasern liefernd. — Dodge, 1. c, p. 133. C. fascicularis L. Die Bastfaser dient im Sind zur Herstellung von Tauen. — Watt, 1. c, p. 540. C. astuans L. Äquatoriales Amerika. Liefert angeblich eine feine Bastfaser. — Dodge, 1., c, p. 125. Tilia parvifolia Erh. \ T. grandifolia L. S. Lindenbast. T. americana L. J T. cor data Mül. var. jayonica Miq. Japan, jap. Shinanoki. Bastf. Saito, 1. c, p. 418. Sparmannia africana Linn. f. Afrika. In Viktoria wurden Anbau- versuche mit der Pflanze gemacht. Liefert eine sehr schöne starke Bast- faser, welche gleich- oder mehrwertiger als Ramie sein soll. — Semler 1. c, HI, p. 723. Honckenya ficifolia Willd. Tropisches Westafrika. Fibre from Lagos. KewBull. 1889, p. 15. Trhwifetta rhomboidea Jacq. Sehr verbreitet in den warmen Län- dern beider Erdhälften. Bastfaser. — Engler-PrantI, Pflanzenfamilien HI, 6, p. 28 (1895) Tiliaceen, bearbeitet von K. Schumann. E. Gowley, Growning and Separation of fibre. North Queensland. Queensl. Agr. Journ. [11(1898). Liefert die Faser Nzonogwe im Nyassaland und bildet nach M. Einstein ein Substitut der Jute. Tropenpflanzer, XIH (1909), p. 187. Triumfetta lappida L. Gabon. — Martinique, Jamaika. Bast, Bast- fasern zu Geweben. — James Macfadyen, The Flora of Jamaica, Lon- don 1837, p. 110. — Cat. des col. fr., p. 83. Ridley, 1. c. Triumfetta semitrüoba L. A. Jäger, Jahresbericht der Wiener Handelsakademie 1892. Dunstan, W. R. Fibres from The Gold coast. Bull. Imp. Inst. London, VI (1908). Grewia oppositifolia Hamilt. Indien. Bast; Ersatz für Linden- bast. »BihuU. — Royle, 1. c, p. 235. G. elastica Royle. Indien. Bast. »Dhamann«. — Wiesner, Ind. Faserpflanzen, p. 2. O. vülosa Roxb. Indien. Bast. >Khat Kati«. Ebenda. G. microcos DC. Indien. Bast. »HasaU«. — Ebenda, p. 4. — Dodge, 1. c, p. 187. 6r. didyma Roxb, Himalaja. Bast. — Royle, I. c, p. 235. 6* 84 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. G. tüicefolia Vahl. Indien. Bastfaser zu Seilen. — Cat. des col. fr., p. 83. — Dodge, 1. c, p. 187. Daselbst noch genannt die Bastfaser von G. asiatica L. (Indien), G. Icevigata Vahl (Indien, Australien), G. oppo- sitifolia Buchan. (Nordwest!. Himalaya), G. scabrophylla Boxb. (Indien). G. occidentaiis L. Südafrika. Liefert den »Kaffir hemp«. — Spon, Encyel. of the Industrial Arts etc. London and New- York 1879. Erinocarpus Knimonii Hassk. (Hort. Bomb.). Indien. Bast. »Gher^. — Wiesner, Ind. Faserpflanzen, p. 2. S. Baumwolle. 34. Malvaceen. Gossypium herhaceum L.^) G. arhoreum L. G. barbadense L. (= G. maritirnum Tod). J G. hirsutum L. (= G. religiosum Cav.). G. obtusifolium Roxb. (^= G. Wightianum Tod). G. acuminatuni Roxb. G. vitifolium Lam. G. religiosum L. G. flavidum ? G. conglomeratum? G. neglectum Tod. G. Jumelianum? G. siamense? G. punctatum Sehum. G. latifoUum Mur. G. indicum Lam. G. taitense Pari. G. sandvicense Pari. (^= G. religiosum Forst. = tomentosum Nutt.). G. perurianum Cav. (= G. religiosum Auct). G. racemosum Poir. G. purpurascens Poir. G. rubrum Forsk. G. eglandulosum Cav. G. micranthum Cav. G. a?io?nalum Ky. Payr. (= Cienfuegosia ano- mala Gurke). G. Stocksii Mast. Hibiscus cannabiiius L. S. Gambohanf oder Java-Jute, S. Baumwolle. <) Über die dieser Linn eschen Spezies untergeordneten, von anderen Autoren als selbständige Arten aufgefaßte Formen siehe den Artikel Baumwolle. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 85 . H. digitatus Cav. Wild in Indien, in Guiana kultiviert. Bastfaser. »Ghanvre de Mahot«. — Cat. des col. fr., p. 82. H. elatus Swartx. Indien. Bastfaser. Sehr stark, zu Tauen. »Warwe«. — Miquel, Flora von Nederl. Indiel, 1, p. 154. H. arboreus Desf. (= Malva arborea St. HU.). Südamerika, West- indien. "Bastfaser zu Seilerwaren. — Squier, 1. c, p. 57. H. gossypinus Thunb. Guadeloupe. Bastfaser. — Cat. des col. fr., p. 82. H. rosa sinensis L. Indien; China. Bastfaser, seidig, bis 3 m lang. — Ebenda. — Wiesner, Bericht. Pflzf., p. 351. Aisslinger, 1. c. 103. H. striatus Cav. Indien. Bastfaser zu Seilerarbeiten. — Cat. des col. fr., p. 82. H. circinatus Willd. Antillen, Tahiti. Gute, spinnbare Bastfaser. — Cat. des col. fr., p. 82. H. sijriacus L. Japan. Bei uns häutig in Gärten kultiviert. In Japan wird die Bastfaser zu textilen Zwecken benutzt und führt den Namen »Mukuge«. — Saito, 1. c, p. 420. H. tiliaceus Cav. (= Paritium tiliaceum Juss.J. Indien^ Zentral- amerika, Marquises, Mozambique. Gute, spinnbare Bastfaser. »Bola«. »Mololia«. — Rumpf, 1. c, III, Kap. 28. — Loureiro, 1. c, p. 509. — Forster, Reise um die Welt, p. 388. — Royle, 1. c, p. 261. — Cat. des col. fr., p. 82. — Bertolini, Pflanzen von Mozambique. Flora 1857, p. 566. — Jardin, Essai sur l'hist. nat. de TArchipel des Marquises. Paris 1862, p. 33. — Squier, 1. c, p. 57. — Watt, 1. c, p. 247. Auch in Venezuela gewonnen und »Majagua« genannt. A. Ernst, Esp. nac. Caracas 1 886, p. 41 4. — Foucon J., Quelques fibres textiles indo-chinoises, L'Agriculture pratique des pays chauds VIII (1908). H. esculentus L. ( AbelmoscMis esculentiis W. et A.). Angeblich wild in Indien, in den Tropen vielfach kultiviert. — Watt, Dict. IV (1890), p. 237ff. — Gumbo of Louisiana, Okra libre. — Dodge, 1. c, p. 194. Auch Bandakai fibre genannt, angeblich Substitut für Jute. — Tropical Agri- culturist, 1897 (Bot. Jahresber.) 1898, II, p. 136. — Nach Semler, 1. c, III, p. 739 in Nordamerika zur Papierfabrikation verwendet. Desgleichen, aber auch als juteartige Spinnfaser H. eculneiis L. — Dunstan, W. R., Jute and Jute Substitutes from West-Africa. Bull. Imp. Inst. London VI (1908). Der Bast des unteren Teiles der Okrapflanze« zur Papier- bereitung, Tropenpflanzer, XIV (1910). H. Äbelmoschus L. Indien. Bastfaser. — Royle, 1. c, p. 259. — Nach Abel, Bot. Jahresb. 1896, II, p. 481, ist die Bastfaser 3—5 Fuß lang, juteähnlich. — Ridley, 1. c, 1904. H. Sabdariffa Perrott. Bastfaser. »Rozelle- (Madras), ^Red Sorrel« (Westindien). Auf Jamaika als Faserpflanze stark kultiviert. — James 86 Siebzehnter Absclimtt. Fasuin. Macfadyen, The Flora of Jamaica, p. 101. — Gat. des col. fr., p. 82 — Royle, 1. c, p. 260. — Watt, 1. c, IV (1890), p. 242. —Von Semler, 1. c, III, p. 723, Rosellahanf (von Madras) genannt. — Ridley, 1. c, 1 904. — The Tropic. Agriculturist and Magazine XXIX (1 907). — Webster, P. J. Rosette its cultur and uses. Ebendaselbst XXX (1 908). — G. K. Rein , Tropenpflanzer, XIII (1909), p. 533. H. tortuosus Roxb. Indien. Bast zu Seilen. — Cat. des col. fr., p. 82. H. populneus L. {= Thespesia populnea CorrJ. Gesellschafts- und Südseeinseln. Bast un^d Bastfaser, letztere zu Geweben. — Royle, 1. c, p. 262. — Dodge, 1. c, p. 311. H. Manihot Moench. Japan. Bastfaser. — Royle, 1. c, p. 262. H. hete7'ophyllus Vent. Neuholland. Bastfaser. — Ebenda. H. mutabüis Cav. ^= H. sinensis Mill. = Ketmia miäabilis L.J. China, Indien. Bastfaser. — Rumph, 1. c, VI., Kap. 12. — Duchesne, 1. c, p. 213. — Watt, Dict. IV (1890), p. 242. — Dodge, 1. c, p. 196. Bull. Kol. Mus. Ilarlem, 1904 (Kegelstoffe). — Aisslinger, 1. c, p. 104. H. strictus Roxb. Indien. Bast. — Royle, 1. c, p. 260. H. furcatus Roxb. (= surattensis L.). Bengalen. Bastfaser. — Royle, I. c, p. 261. — Watt, 1. c, p. 246. — Ridley, 1. c, 1904. H. erioca7pus DC. (=collinns Roxb.). Indien. Bastfaser. >Ganda- gang«. — Royle, 1. c, p. 261. H. ficifolius Roxb. Molukken. Bastfaser. — Royle, 1. c, p. 261. H. clypeatus L. (= H. tomentosus Mill.). Westindien. Bastfaser. — Royle, 1. c, p. 262. H. verrucosus Quill, et Perrott.^). Senegambien. Bastfaser. Ebenda. Abelmoschus tetraphyllos Graham (= Ä. t. Wall. = Hibiscus tetraphyllos Roxb.). Aus diesen an der Küste von Koro- mandel häufigen Pflanze soll nach dem Gat. des col. fr., p. 82 eine Faser abgeschieden werden. A. indicum Don. Indien. Bastfaser. »Kashki«. — Wiesner, Ind. Faserpfl., p. 2. — »Kanghi«, Dodge, 1. c, p. 37. — Ridley, 1. c, 1904. — K. Braun, »Der Pflanzer«, V (1909). Liefert mit A. Avicennae die chinesische Jute. A. Abutilon? {=^ A. Avicennae Ocertn.). Ost- und Westindien. Lie- fert eine spinnbare Bastfaser. — Dodge, 1. c, p. 35. — Bildet grobe, bandartige Fasern, Bastzellen ungleichmäßig verdickt, werden durch Jod und Schwefelsäure gelb bis gelbbraun. Kommt im Handel als »Ghina- 1) Über andere, insbesondere in Indien als Faserpflanzen verwendete Hibiscus- Arten siehe Watt, Dict. IV (<890). Abutilon populifolium Sw. A. asiaticum Don. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 87 jute« vor. A. Herzog, Mikrophotographischer Atlas der technisch wichtig- sten Faserstoffe. München 1908. Photographische Abbildung der Faser: H. 98/99. Siehe auch Deutsche Seilerzeitung 1905. — Nach Watt, Gom- mercial Products of India(1908) liefert die Pflanze in Nordwest -Indien eine vorzügliche Bastfaser, genannt »American Jute». — Berteau M. L'Agriculture prat. des pays chauds IX (1909). Note sur le Jute de Chine. Diese China-Jute soll besser als indische Jute und leichter als diese zu spinnen sein. — Saito, 1. c, p. 419, Ä. Bedfordiamim A. St. Hü. Brasilien. Bast. In Australien (Viktoria) eingeführt, liefert dort Spinn- und Papierfasern. — Ann. Report U. St. Depart. of Agric. 1879. Wissadula rostrata Planck. Liefert auf St. Thome eine juteähnliche, auch auf dem Londoner Markt erscheinende Faser. — Ad. F. Moller, Tropenpflanzer, IV (1 900), p. 562. — Rein (1 909), p. 223. (Kultur in Sudan.) W. periplocifolia Thw. Juteähnliche Faser. In Indien auf Faser ausgenutzt. — Schumann in Engler-Prantls Pflanzenfamilien III, 6 (1895), p. 38. Kosteletxkya pentacarpa LM. Die Bastfaser dieser im Kubirschen Kreise (am Westufer des Kaspi-Sees) gebauten Pflanze dient als Spinn- faser unter dem Namen Kanaf oder Kanab. Nach brieflichen Mitteilungen von Radde (Tiflis) an K. Mikosch. Sida tüicefolia Fisch. In China kultiviert. Bastfaser. »King ma«. — Royle, 1. c, p. 262. Sida retusa L. S. Chikan Kadia. S. rhomboidea Roxb. Bengalen. Bast. »Sufet«. — Royle, 1. c, p. 262. — Watson, Journ. of arts, 1860, Mai, p. 1 1 ff. — Venezuela. >Escoba*. — A. Ernst, 1. c, p. 426. S. rhombifolia L. Bengalen. Bast. »Lal bariala«. — Röyle, I. c. — Dodge, 1. c, p. 296. — E. Cowley, 1. c, III (1898). — Auf St. Thome »Bobö-bobö« genannt. Zu groben Zeugen und in der Seilerei. — A. F. Moller, Tropenpflanzer, IV (1900), p. 562. Bull. Kolon. Mus. Harlem 1904. — Foucon L., 1. c, 1908. — Im (engl.) Nyassaland kultiviert. Führt dort den Namen »denje«, Juteersatz. The Agricult. Resources of Nyassaland (Bull. Imp. Jap. VII,-1909). — Aisslinger, 1. c, p. 104. S. periplocifolia Willd. Malayische Inseln. Bastfaser. — Royle, 1. c, p. 263. S. alba L. Indien. Bastfaser. Chikan Kadia. — Wiesner, Ind. Faserpfl., p. 3. S. pulchella Bonpl. f= Plagianthus pulchellus A. Gray). Viktoria, Neu -Süd -Wales, Tasmanien. »Victoria Ilemp«. Soll der Faser von Ä retusa völlig gleich sein. — Thos. Ghristy, New Commere. Plauts, I, London 1882, p. 35. 88 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Sida iirens L. Am weißen Nil. Liefert feine seidenartige Bast- fasern. — Rein (1909), 1. c, p. 532. S. asiatica Cav.^ S. indica L. u. 8. grareolens Roxb. Indien. Bast- faser. — Royle, 1. c., p. 2(33. S. humüis Car. (= 8. veronicajfolia Lam.). Auf Reunion versuchs- weise als Faserpflanze kultiviert. — Rev. cult. col. fr., 1 899, Dec. Kritische Bemerkungen hierzu: Tropenpflanzer, IV, 1900, p. 149. Älthcea rosea Cav. Indien, Reunion. Bast zur Papierbereitung. — Cat. des col. fr., p. 83. A. cannahina L. Südeuropa. Bastfaser. — Royle, 1. c, p. 2(53. A. narhonnensis Pourr. Südfrankreich. Reich an brauchbarer Bastfaser. — F. Marc, Akklimatisationsversuche. Wiener Obst- und Gartenzeitung, 1877, p. 69. Media crispa L. Syrien. Bastfaser. — Ca vanille, Memoire d'agri- culture etc. de la societ. roy. d'agric. a Paris 1786. Daselbst auch die Resultate der Versuche mit Bastfasern von J/. nmuritana L., peruviana L. und limensis L. — Bischof, III, 1, p. 161. — Royle, 1. c, p. 265. Thespesia Lampas Dulx. Siehe Thespesiafaser. Th. poptdnea Corr. (= Hibisciis p)opulneus L.). Siehe unten bei der Faser von Th. Lampas. Th. macrophiilla Bl. Java. »Kapas oetan« Aisslinger, 1. c, p. 101 . Urena sinuata L. Siehe Urenafaser. U. lobata Cav. Indien. In den Tropen vielfach kultiviert. Flachs- artige Bastfaser. »Bun-ochra«. — St. Hilaire, Plantes usuelles du Br6sil, 63, p. 4. — Royle, 1. c, p. 263. — Semler, 1. c, III, p. 723 hält die Pflanze für identisch mit U. sinuata. — Nach Dodge, 1. c, p. 321 auch auf Ceylon und in Florida kultiviert. — E. Cowley, 1. c, III (1898). — Auf St. Thome »Otuto grande« genannt. Tropenpflanzer, IV (1900), p. 562. — Aubert L. Some fibre plants of Upper Burma. Agr. Journ. India 1908. — Abbey-Yates R. The use of Urena lobata as a fibre material and as a possible Substitute for Jute. The Agricultural Ledger 1908. — Dunston (1908), 1. c. — Rein (1909), 1. c, p. 533. ~ Saito, 1. c, p. 420. — Im Indian Trade Journ., -XIV (1909) wird die Faser von Urena lobata unter den »Jute Substitutes« angeführt. Malachra ovata L. Westindien. Hanfartige Bastfaser. — Cat. des col. fr., 1867, p. 82. — Auf Martinique »Guimauve« genannt. — Ebenda 1873, p. 8. 31. capitata L. Westindien, in Indien eingeführt (Watt) Bastfaser. — Ebenda, p. 82. Die Pflanze wird zur Fasergewinnung auch in Venezuela gezogen, wo sie den Namen Cadillo führt. — A. Ernst, 1. c, p. 426. — Nach Abel, Report on certain Indian fibres (Bot. Jahresbericht 1896, Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 89 II, p. 491) soll die Bastfaser dieser Pflanze bis 6 Fuß lang sein und an Güte die Jute übertreffen. — Auch Watt (1908) hebt die enorme Länge der Faser (bis 9 engl. Fuß) hervor und bezeichnet diese Faser als Sub- stitut für Bengaljute. Pavonia ceylonica Gar. Indien. Bastfaser. — Ebenda. — Dodge, 1. c, p. 259. Siehe Wolle der Wollbäume. 35. Boinbacaceen. B. quinatum Jacq. f= B. Ceiba L.) \ Siehe Wolle der B. heptaphyllum L. (= B. septenatum Jacq.) | Wollbäume. B. pubescens. In Brasilien (Sao Paolo) werden aus dem Bast Riemen und Stricke gearbeitet, v. Wettstein, Briefliche Mitteilungen aus Sao Paolo (9. JuU 1901). B. malabaricum DG. (= Salmalia malahariea Seh. et End.) B. carolinuni Vellos. B. cumanense H. B. K. B. huonopoxense Pal. B. B. rhodognaphalon K. Schiim. Eriodendi'on anfractuosum DG. ( — Bombax pentandrum L. = B. Geiba Lun. = Gossampinus alba Harn. = Ceiba pentandra Gcertn.) Ochroma lagopus Siv. Ghorisia crispifolia Kth. Brasilien Samenwolle. Gk. speciosa St. HU. Südamerika. Samenwolle. Gh. Pecholiana? Westindien. Polstermaterial. — Semler, 1. c, 111^ p. 735. Adansonia digitata L. Tropisches Afrika. Bastfaser zu Seilen. — Gat. des col. fr., p. 83. — Welwitsch, Synopse expl. das amostras de madeiras e drogas de Angola. Lisboa 1862, p. 40. — Spon, 1. c. Dodge, 1. c, p. 41. — Rein, 1. c. (1909), p. 531. — W. Herzberg, Mitteilungen aus den kgl. technischen Versuchsanstalten, Berlin. Bd. VIII (1890). Dalen und Wisbar, ebenda 1902, p. 51. — Herzberg, Papier- prüfung, 2. Aufl. p. 81. Die Bastfaser dieser Pflanze wurde auch schon in Deutschland (Niederkaufungen bei Kassel) zur Papierbereitung benutzt. Der Versuchsanstalt zur Prüfung übergeben, wurde die große Festigkeit der erzeugten Papiere konstatiert und wurden die mikroskopischen Kenn- zeichen derselben festgestellt. Der Bast der Adansonia liefert 17,97 Proz., das Papier 5,35 Proz. Asche. Wiesner, Mikrosk. Unters. 1. Kap., p. 3. 90 Siebzehnter Abschnitt Fasern. 36. Sterculiaceen. Sterculia villosa Roxb. Siehe Sterkuliabast. St. guttata Roxb. Malabar. Spinnb. Bastf. — Royle, 1. c, p. 266. St. colorata Roxb. Indien. Bast. >Khaus«. — Wiesner, Ind. Faserpflanzen, p. 2. St. foetida L. Java, »Dangdoer gedeh«. Aisslinger, 1. c, p. 109. St. tomentosa O. et P. und St. cinerea. Sudan. Gute Bastfaser. — G. K. Rein, Tropenpflanzer XIII (1909), p. 533. Firminia 'platanifplia L. Japan, Zu Seilen, Saito, I.e., 418. Dombeya sp. Reunion. Bast. — Cat. des col. fr., p. 83. — Über den Bast von Dombeya- kvien siehe Dodge, 1. c, p. 152. Waltheria americana L. Ges. Tropen. Juteersatzfasern. Tropenpfl. 1912, p. 429. »Malva blanca«: auf Kuba. Pachira aquatica Äubl. Martinique. Bast — Cat. des col. fr., p. 83. P. BaiTigon Seem. Zentralamerika. Bast zu Fischernetzen und Tauen. — Seemann, Botany of the voyage of the Herald. London 1852—57, p. 70. — Siehe auch Dodge, 1. c, p. 255. Eriolaena spectabilis PL Zentralhimalaya. Fasern zu Stricken. Engler-Prantl, Nat. Pflfam. III. VI., p. 75. E. montana DC. Java. Aisslinger, 1. c. Abronia angusta L. fil. (= A. angulata Lam.J. Indien, Philip- pinen. Bastfaser. »Woolet comul*, »perennial Indian Hemp«. — Royle, 1. c, p. 276. — Duchesne, 1. c, p. 217, — Dodge, 1. c, p. 34. — Abel, 1. c, III (1898). — Watt, Commerc. Products of India (1908), p. 1. — Foueon, I. c. (1909). — Aisslinger, 1. c, p. 107. Ä. fastuosa R. Br. Timor, Neuholland. — Bastfaser. — Bischof, 1. c, III, 1, p. 179. A. molle DC. Molukken, Sundainseln. Bastfaser. — Bischof, I.e. — Dodge, I. c, p. 34. Theobroma Cacao L. Guadeloupe. Bastfaser. — Cat. des col. fr., p. 83. Guaxuma uliriifolia Desf. Tropisches Amerika, Antillen. Bast zu Seilerarbeiten. Auf Guadeloupe »Mahot« genannt. — Cat. des col. fr., 1867, p. 83. — Royle, 1. c, p. 267. — Cat. des col. fr., 1873, p. 14. Kydia calycina Roxb. Siehe Kydiabast. Melochia corchorifolia L. (= Visenia corchorifolia Spreng. = Riedlea corchorifolia DC). Indien, auch im Nilgebiet. — Watt, Diction. V — Rein, I. c. — Ridley H. W. Agr. Bull. Str. a. Fed. Mal. Stat. IV (1 905). Bastf. bis 2 Fuß lang, fest, seidenglänzend. Helicteres Isora L. Indien. Bastfaser, genannt Khavon. Wiesner, Indische Faserpflanzen. — Über diese Faser unter dem Titel Helictera fibre, 93. The Tropic. Agric. and Magaz. XXIX (1907). Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 91 37. Cochlospermaceen. Cochlospermum OossypiumDC (= Bomhax grandiflorum Sonner.). Indien. Samenwolle und Bastfaser. Wiesner, Ind. Faserpflanzen, p. 2. o8. Bixaeeen. Bixa orellana L. Tropisches Amerika, in Indien angepflanzt. Bast- fasern. — Böhmer, 1. c, I., p. 547. — Dodge, 1. c, p. 84. — Watt, Commerc. Prod. of India (1908), p. 143. ;)9. Datisciiceeu. Datisca cannahina L. Orient. Spinnbare Bastfaser. — Duchesne, 1. c, p. 312. 40. Thymelaeaceeii. Lasiosiphon speciosus Decne. S. Lasiosiphon-Bast. L. eriocephalus Decne. Indien. Bast zur Papiererzeugung emp- fohlen. — Dodge, 1. c., p. 214. Daphne cannabina Wall. (== D. Bholua Don. = D. papyracea Wall.). Himalaya. Nepal paper plant. Bast zur Papierbereitung. — Royle, 1. c., p. 311. — Vetillard, Etudes, p. 169. D. pseudomexereum Ä. Gr. Japan. Papierfaser, Salto, 1. c, 425. D. Wallichii Meisn. Indien. Dient gleichfalls zur Papierhereitung. — Watt, Econom. Prod. of India, Galcutta 1883. Vol. I, Part. III, Nr. 82. D. pendula 8m. Java. Aissliiiger, 1. c, p. 112. Daphnopsis hrasiliensis Marl. Nach brieflichen Mitteilungen von Wettsteins (1. c.) wird der Bast (i>Embira brenca«) in Streifen ge- schnitten als Riemzeug, sonst auch zu Stricken verwendet. Lagetta lintearia Lam. (= Daphne Lagetta Siv.). Westindien, bes. Jamaika, wo der Baum Lagetta heißt, Brasilien. In Indien (Nepal) kultiviert. Bast, AUigator-bark, Lace-bark, läßt sich schichtenweise ablüsen und bildet ein reinweißes spitzenartiges Gewebe, das zu Frauenhüten, Kragen und Luxusgegenständen verarbeitet wird. In Brasilien zu Peitschen verarbeitet (Sem 1er). Wichtiger ist seine Verwendung zur Papierbereitung. — Wright, Acc. pl. grow. Jam. — Royle, 1. c. — Lindley, The veget. Kingdom, p. 531. — Semler, 1. c, III, p. 725. — Vetillard, 1. c, p. 169. L. funifera Marl. Martinique, Guadeloupe. »Mahot piment«. Es werden die vortrefflichen Eigenschaften mehrseitig hervorgehoben. Ver- wendung wie bei der vorhergehenden Art, aber in beschränkterem Maß- stabe. — Gat. des col. fr., 1873, p. 8. — Semler, 1. c, III, p. 725. Onidia eriocephala Meisn. Westl. Ind. Bast. — Royle, 1. c, p. 317. Dirca palustris L. Nordamerika. Bastfaser zu Tauen. — Du- chesne, 1. c, p. 54. 92 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Passerina hirsuta L. Wird nach Schweinfurth in Ägypten zur Herstellung feiner Papiersorten verwendet. — Jencic, Ost. bot. Zeit- schrift 1902. Sep. Abd., p. 6. Edgeworthia papyrifera Salxm. (E. chrysantha Lindl.). Siehe Edgeworthiafaser. E. Gardneri Meisn. Nepal. Bastfaser zur Papierbereitung. Lie- fert nach Watt, Econom. Prod., 1. c, III, Nr. 93 das feinste Nepalpapier, welches an Weiße und Feinheit das von Daphne papyracea erzeugte überragt. — Watt, Dict. of the Econ. Prod. of India, Galcutta 1889. Wikstroemia canescens (Wcdl.) Meisn. Bastfaser in Japan zur Papierbereilung. — Dodge, 1. c, p. 327. — Im wärmeren Amerika kul- tiviert. Der Bast wird als sehr leicht und widerstandsfähig bezeichnet und dient zur Papierbereitung (Usegopapier). — A. Hofmann, Amer. Drugg. XX, p. 89. W. sikokianum Fr. etSav. Südl. Japan. Zu Papier. Saito, 1, c, p. 424. Wikstroemia indica C. A. Mey. Indien. Bastfaser. — Ridley, Agric. Bull, of the Straits and Feder. Malay States 1904. Lythraceen. Lagerstroemia parviflora Roxh. Indien. Liefert in Ghota und Nagpar eine zu Seilen und Stricken verwendete Faser. — Watt, Commercial prod. (1908), p. 701. 4L Lecythidaceen. Lecythis (Maria L. Brasilien, Guiana, Golumbien, Venezuela; hier unter dem Namen »Coco de mono«. Der Bast^) liefert ein Werg und dient auch zur Papierbereitung. — Böhmer, 1. c, I, p. 552. — Cat. des col. fr., 1867, p. 83. — A, Ernst, 1. c, 1886, p. 413. — Über die Faser dieser und anderer Spezies von Lecythis siehe Dodge, Catal. 1897, p. 215—216. L. grandiflora Auhl. Gayenne, Brasilien. Bastfaser zu Papier. Nach den französischen Kolonien in Afrika verpflanzt. — Gat. des col. fr,, p. 83. — Duchesne, p. 240. L. longifolia H. B. K. Venezuela. »Goco de mono<. — A. Ernst, 1. c, p. 413. 42. Combretaceen. Terminalia glahrata Forsk. Indien. Bast. »Uin«. — Wiesner, Indische Faserpflanze, p. 4. T. paniculata L. Indien. Bast. »Kinjal«. — Ebenda. \) In Brasilien wird der zimtbraune Bast zur Umhüllung des Tabaks für Ziga- retten benutzt. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 93 43. Myrtaceeii. Melaleuca lencodendron L. Indien. Tropisches Australien. Der Bast liefert einen wergartigen Faserstoff. — Rumph, Herb, amboin., Kap. 25. — Loureiro, Flora cochinch., p. 573. — Ferd. v. Mueller, Rep. on the Veget. Prod. Intercol. Exhib. Melbourne i 867. Nach letzterem wird der Bast von M. armülaris Wendl. (Tasmanien) ebenso verwendet. Careya arhorea Roxh. Indien. Bast zu Kleidungsstoffen und Bast- fasern als Gespinststoff. — Royle, 1. c, p. 301. Barringtonia sp. Fasern der Wurzeln zu Flechtwerken. — Miquel, Flora Nederl. Indie I, p. 492. Über i?. spicata Bl, Aisslinger, I.e. p. 114. 44. Oenotlieraceeu. Chatnaenerium angustifolium Scop. (^= EpiloUmn angustifolium L.J. Samenwolle. Zur Zeit der Einführung der Baumwolle nach Europa versuchte man diese und andere Samenwollen (von Weiden, Pappeln usw.) zum Spinnen und Weben zu verwenden. Es gelang dies nur sehr unvollständig. Es wurden Dochte, Garne zu Handschuhen u. dgl. aus diesem Materiale gemacht, selbes auch zu Polsterungen verwendet. Bald mußte man jedoch einsehen, daß diese Faserstoffe nach keinerlei Richtung mit der Baumwolle zu konkurrieren vermögen. — Holmb erger, Ab- handlungen der Schwedischen Akademie der Wissenschaften, 1774, p. 260 und VII, p. 51. — Beckmann, Vorbereitung zur Warenkunde. Göttingen 1793, I, p. 65. — Vgl. auch Wiesner, Mikroskopische Untersuchungen, Kap. : Beiträge zur näheren Kenntnis der Baumwolle und einiger anderer technisch verwendeter Samenhaare, und Dodge, 1. c, p. 195, wo auch über die Verwendung der Bastfaser dieser Pflanze nachzusehen ist. Nach T. F. Hanausek, Über einige Ersatzfaserstoffe und »Die Weidenröschen- faser«, Der Textilmeister, Wien 1915, ist die Bastfaser wohl fest und un- verholzt, aber in zu geringer Menge im Stengel enthalten. 45. Gentianaceen. Canscora diffusa E. Br. (=^ Pladera virgata Roxh.). Malabarküste. Faser liefernder Pflanzenteil unbekannt. — Gat. des col. fr., p. 82. 46. Apocynaceeii. Apocynum sihiricum Fall. Südliches Rußland, am kaspischen Meere, in Südsibirien. Liefert eine spinnbare Bastfaser. In Taschkent soll keine andere Spinnfaser im Gebrauche sein. — Wittmack, Nachrichten des Klubs der Landwirte, Berlin, 1874. — Seiheim, über die Faser \QwA.sih. Arbeiten der St. Petersburger Gesellschaft der Naturforscher IV, 1 , p. 3 ff. enthält auch eine mikroskopische Charakteristik der Faser. — Michotte F., Kendir der Kirgisen. Revue des cultures coloniales XIV (1904). 94 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. A. venetum L. Von den Lagunen Venedigs ostwärts bis (Ihina, zerstreut. Die Bastfaser stimmt nach Seiheim (1. c.) mit der von A. sibiricum Fall, überein. — Nach Ledebour ist Ap. sib. mit Ap ven. identisch. Als Spinnpflanze auch für Europa empfohlen. — Über den mikroskopischen Charakter der Faser von A. ven. siehe Mikosch, Be- richt der Deutsch. Bot. Ges. 1891, p. 306 ff. — Über A. ven. als Faser- pflanze siehe noch Aitchison, Notes on the products of W^estern Afgha- nistan, 1886. Daselbst ist angegeben, daß die Kazak (ein Turkmenen- stamm) aus dieser Faser ein Gewebe bereiten, Katan genannt. S. über die in Turkestan von Apocynum venetiim gewonnene Faser (»Kendir«, »Tarka«), Zeitschr. ges. Textilind. III., 1899—1900, Nr. 15. A. cannahinilm L. Nordamerika. Liefert eine hanfartige Faser. welche von verschiedenen Indianerstämmen zu Seilen , Fischernetzen usw. verarbeitet wird und von den Ansiedlern als »Indian Hemp« oder Wildhanf Verwendung findet. — Böhmer, 1. c, p. 534. — Wiesner, Rohstoffe I.Aun., p. 318. — Engler, Syllabus 2. Aufl. (1898), p. U5. A. indicum Lam. Bastfaser von den östlichen Indianern benutzt. — Indian use of Apocynum. Philadelphia 1884, p. 38. Bot. Jahres- ber. 1884, II, p. 150. Rauivolfia reflexa Teysm. et Birm. Java. Aisslinger, 1. c, p. 1 16. Nerium piscidium Roxb. Indien. Bast. - — Roxburgh, Flora in- dica, II, p. 7. — Royle, 1. c, p. 303. Strophanthus sp. Siehe vegetabilische Seide. Wrightia tinctoria R. Br. Französ. Indien. Liefert ein Polster- material »Oualte«. — Cat. des col. fr., 1873, p. 78. Echites grandiflora Hook, et Arn. (= E. longiflora Desf.J. Bra- silien. Die Samenhaare liefern vegetabilische Seide. — Arnaudon, Sur les soies vegetales. Moniteur scientif. 1893, p. 693 ff. Funtumia elastica Stapf (= Kickxia elastica Preuss). Amani. Die Samenhaare dieser Pflanze wurden von dem biol. landwirtschaft- lichen Institut in Amani der Chemnitzer Aktienspinnerei zur Begutachtung eingesendet. Diese Samenhaare sollen ihrer Zähigkeit halber zu Spinnerei- zwecken sich besser eignen als Kapok. Der Pflanzer, 1910, p. 301. Beaumontia grandiflora Wallich (=^ Echites grayidiflora Roxb.). Siehe vegetabilische Seide. Auch die Bastfaser steht in Ver- wendung. — Cat. des col. fr., 1867, p. 81. — Spon, 1. c. — Watt, 1. c. 47. Asciepiadaceen. Calotropis gigantea R. Br. (= Asclepias gigantea Noran.). Siehe vegetabilische Seide, welche aus den Samenhaaren dieser Pflanze besieht. In Indien wird aber auch die hanfartige Bastfaser dieses Ge- Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 95 Wachses gewonnen. — Royle, 1. c, p. 306 ff. — Cat. des col. fr., p. 82. — Miquel, 1. c, II, p. 481. Aisslinger, 1. c, p. 118. C. procera R. Br. (=■ C. Hamiltonii Wight). Madras. Bastfaser. »Yerkum«. — Royle, 1. c, p. 306 ff. — Watson, Indischer Katalog. (Exhib. 1862.) — Über die vegetabilische Seide dieser Pflanze siehe G. Watt, Silk cotton of. Calotropis jirocera. Agric. Ledger 1897. — Nach L. A. Lincke, Über Kapok, Dresden 1912, wird die vegetabilische Seide dieser Pflanze gleich jener von C. gigantea in Indien als Ak oder Akon bezeichnet. C. herhacea Roxb. Nördliches Vorderindien. Seide ähnlich der von Calotropis gigantea und procera, kommt aber für die Fasergewinnung nicht in Betracht. — Lincke, 1. c, p. 16. Äsclepias curassavica L. Siehe vegetabilische Seide. A. voluhiUs L. Siehe vegetabilische Seide. A. syriaca L. (= A. Cornuti Decsne.). Siehe vegetabilische Seide. A. asthmatica L. (== Tylophora asthmatica W. et Arn.). Indien. Bastfasern. Cat. des col. fr., p. 81. A. spinosa Arrah. (DC, Prodr. VIII., p. 573). Indien. Bastfaser. — Cat. des coL fr., p. 81. Cynanchum extensuni Ait. Indien. Bastfaser. — Ebenda, Marsdenia sp. Siehe vegetabilische Seide. M. tenacissima W. et Arn. (= Ascl. ten. Roxb.). Indien. Bast- faser. »Rajemahl«, >Getee«. — Roxburgh, Corom. PI. III., p. 35. — Royle, 1. c, p. 304. — Watson, 1. c, p. 1 1 ff . — Semler, 1. c, III, p. 724. — Semler rühmt die große Widerstandskraft dieser Faser gegen Feuchtigkeit und ihre große Elastizität, in welcher Eigenschaft sie den Hanf übertrifft, wenn sie auch minder fest als dieser ist. M. Condurango. Amani. Stopfmateriale. — K. Brauns, 1. c. Gymnema süvestre R. Br. Java. Aisslinger, 1. c, p. 120. Stephariotis florihunda A. Brongn. Martinique. Die Samenhaare geben vegetabilische Seide. — Cat. des col. fr., p. 84. Holostemma Rhedeanum Sprg. (= Äsclepias annularis Roxb.). Indien. (Gircars, Mysore.) Bastfaser. — Roxburgh, Flora indica II, p. 37. — Royle, 1. c, p. 306. Oomphocai'pus fruticosus R. Br. Senegal, Tunis. Die Samen- haare liefern vegetabilische Seide. — J. J. Arnaudon, Sur les soies vegetales. Moniteur scientif. 1893, p. 693 ff. — Die Bastfaser dieser Pflanze wird wegen ihrer Festigkeit von Herzog (Tropenpflanzer, XIV, 1912) sehr empfohlen. Herzog gibt auch eine mikroskopische Charak- teristik dieser Bastfaser. Das von ihm untersuchte Material stammt aus Deutsch-Ostafrika. 96 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. G. semüunatus A. Riehter. Die Samenhaare dieser Pflanze, Buluba genannt, werden in Abessinien, Kongo, Deutsch-Ostafrika und Angola ge- sammelt und als Stopfmaterial verwendet. Die Bulubafaser soll 80 Proz. Zellulose enthalten. — K. Braun, Der Pflanzer, 1911, p. 22 fl". G. physocarjJus E. Mey. Natal. Die Samenhaare bilden ein Stopf- material. — K. Braun, 1. c. Nach Ind. Keyv- ist diese Art mit der vorigen identisch. Orthanthera viminea Wight. Indien. Bastfaser. — Royle, Hima- layan Botany, p. 274. — Lindley, The veget. Kingd. 3. A., p. 626. Hemidesinus indicus R. Br. (= H. Wallichü Miq. = Periploca indica Willd.). Indien. Bastfaser. — Cat. des col. fr., p. 81. — Watt, Dictionary IV, Kalkutta (1890), p. 219. Leptadenia spartum Wight. Indien. Bast. — Royle, The fibrous plants of India, p. 306. Hoya viridiflora R. Br. Indien. Bast. — Ebenda. Periploca silvestris Retx. Indien. Sehr starke Bastfasern. — Ebenda. P. aphylla Dcsne. Indien. Bastfaser. — Ebenda. 48. Borraginaceen. Tournefortia hirsutissima Sw. Liefert in Venezuela die Faser »Nigno«. — A. Ernst, 1. c, p. 414. Cordia angustifolia Roxb. Indien. Bastfaser. »Narawali fibres«. C. latifolia Roxb. Siehe Cordia- Faser. C. Rotthü R. et Seh. Bastfaser. »Gundui fibre«. — Wies n er, Indische Faserpflanzen, p. 4. C. ohliqua Willd. Indien. Bast. — Cat. des col. fr., p. 82. C. cylindristachya Kom. Trinidad. Bastfaser zu Seilen. — Siehe J. H. Hart, Ann. Report on the Royal Botan. Gard. of Trinidad. — Zit. nach Dodge, 1. c, p. 133. 49. Solanaceen. Nicotiana tahacum L. Die bei der Tabakfabrikation abfallenden Blattfragmente werden manchmal in der Erzeugung von Zigarettenpapier verwendet. Herzog, Mikrophot. Atlas, p. 76 ff. Der Autor beschreibt die mikroskopischen Kennzeichen solcher Zigarettenpapiere und gibt eine mikrophotographische Abbildung der charakteristischen Bestandteile (Ober- haut, Sandzellen des Parenchyms usw.). 50. Rubiaceen. Psychotria Mapowia R. Guiana. Siehe Bast. — Cat. des col. fr., p. 81. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 97 Pceden'a fcetida L. Die Bastfaser dient in Panama zu Gespinsten. — Seemann, Herald Exped., p. 70. Uncaria Gamhir Roxb. Java. Aisslinger, 1. c, p. 123. Timonius Rumphii DC. Ebenda, p. 124. 51. Cucurbitaceen. Luffa cylindrica M. Roem (= L. cegijptiaca Mill.). Tropisches Afrika und Asien. Das Fasernetz der Frucht bildet die bekannten »Luffa- schwämme«. — Dodge, 1. c, p. 229. L. acutangula Roxb. Faser der Frucht. Luffaschwamm, auf Guade- loupe »trochon« genannt. — Cat. des col. fr., 1873, p. 14. Coccinia indica W. et Arn. Java. Aisslinger, 1. c, p. 125. 52. Compositen. Celmisia coriacea Hook. fil. Neuseeland. Blattfasern für textile Zwecke und zur Papiererzeugung geeignet. — T. Kirk, Ausland, 1875. Centaurea salmantica L. »Escoba«. Une nouvelle fibre textile au Mexique. L'Agric. prat. pays chauds IX (1909). Nach dieser Quelle löst sich nach zweitägigem Liegen die Rinde dieser Pflanze ab, welche durch Klopfen eine lange, seidenartige Faser liefert. Die Pflanze ist auch im Mittelmeergebiete verbreitet. VI. Spezieller Teil. Übersicht der nachfolgend abgehandelten technisch verwendeten Pflanzenfasern. a) Pflanzenhaare. 1. Die Arten der Baumwolle (Samenhaare der Oossypium- Arien). 2. Die Wolle der Wollbäume (Haare aus den die Samen einhüllenden Früchten mehrerer Bombacaceen). 3. Die Arten der vegetabilischen Seide (Samenhaare mehrerer A«clepia- daceen und Apocynaceen). b) Bastfasern aus den Stengeln beziehungsweise Stämmen dikotyler Pflanzen. a) Flachs und flachsähnliche Fasern. 4. Nesselfaser (Urtica dioica L.J. 5. Flachs (Linian usitatissimum) . 6. Hanf (Cannabis sativa). 7. Gambohanf (Hibiscus cannabinus) . 8. Sunn (Crotalaria juncea). 9. Chikankadia (Sida retiisa). 1 0. Yercumfibre (Calotropis gigantea). Wiesner, Rohstoffe. III. Band. 3. Aufl. 7 98 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. ß) Boehmeriafasern. 1 I . Ramiefaser oder Chinagras (Boehmeria nivea). Y) Jute und juteähnliche Fasern. 12. Jute (Corchorus capsularis und C. olitorius). ■13. Raibhenda (Abelmoschiis tetraphyllaj. 14. Tupkhadia (JJrena sinuata). o) Grobe Bastfasern. 15. Bastfaser von Bauhinia racemosa. 16. Bastfaser von Thespesia Latnpas. 1 7. Bastfaser von Cordia latifolia. z) Baste. 18. Lindenbast (Tilia sp.). 1 9. Bast von Sterculia villosa. 20. Bast von Holoptelea intecjrifolia. 21. Bast von Kydia calycina. 22. Bast von Lasiosiphon speciosus. 23. Bast von Sponia Wightii. c) Gefäßbündelbestandteile oder Gefäßbündel monokotyler Pflanzen. et) Blattfasern. 24. Musafasern fManilahanf) von Musa textüis und Fasern anderer ifwsa- Arten, 25. Agavefasern (Agave sp.) Sisal, Kantala, Henequen usw. 26. Mauritiushanf (Fourcroya foetida). 27. Sansevieriafasern (Sansevieria sp.). 28. Neuseeländischer Flachs fPhormmm tenax). 29. Aloefasern (Aloe sp.). 30. Bromeliafasern (Bromelia sp.). 31. Pandanusfasern (Pandanus sp.). 32. Raphiafasern (Raphia sp.). 33. Espartofaser (Stipa/ tenacissima). 34. Piassave (Attalea funifera, Leopoldinia Piassaha usw.j. 35. Posidoniafaser (Posidonia austraUs). ß) Stengelfasern. 36. Tillandsiafaser (Tülandsia usneoides). y) Fruchtfasern. 37. Coir oder Kokosnußfaser (Cocos nucifera). Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 99 Anhang. Weltproduktion der wichtigsten Pflanzenfasern. Wie die vorgeführte Zusammenstellung lehrt, ist die Zahl der tech- nisch verwendeten Pflanzenfasern eine enorm große. Um eine erste, vorläufige Orientierung über diese Fasern in Rücksicht auf ihre Bedeutung als Gegenstand des Handels und der Industrie zu geben, lasse ich hier eine Übersicht der Weltproduktion der allerwichtigsten Pflanzenfasern folgen. Dieselbe umschließt die Daten über die Weltproduktion jener Fasern, welche entweder zum Spinnen und Weben dienen (Spinnfasern = Weichfasern) oder in der Seilerindustrie Verwendung finden (Hart- fasern i). In dieser Übersicht werden die Polstermaterialien, die Mate- rialien zur Erzeugung von Besen und groben Bürsten (Piassaven, sog. Reiswurzeln usw.)^ die zahlreichen, in der Papierfabrikation verwendeten Materialien (Holz, Stroh usw.) und die nur eine untergeordnete technische Verwendung findenden Pflanzenfasern, nicht berücksichtigt. Die Produk- tionsmengen sind in Tonnen ä 1000 kg ausgedrückt und die Daten be- ziehen sich, wenn nichts anderes angegeben ist, auf das Jahr 19122). A) Hartfasern. 1. Manilahanf. Philippinen. (Musa textiUs) . . . 170,500 Tonnen. 2. Henequen. Yucatan und andere Gebiete von Mexiko (Agave fourcroydes) 138,900 » 3. Sisalhanf. Deutsch-Ostafrika, Java usw. fl4.s^sö!^a?^aj 23,950 » 4. Neuseeländischer Flachs. Neuseeland (Phormium tenax) 18,000 5. Kokosnußfaser. Indien (Cocos nucifera) . . . 25,000 3) > B) weiche Fasern. 6. Baumwolle. (1910—1911) (Gossypium sp.) . . 4,500,000 7. Flachs. (1909) (Linum usitatissimum) . . . 692,200 8. Hanf. (1909) (Cannahis sativa) 1 67,700 *) > 9. Jute (indische). (1911 — 1912) (Corchorus capsu- laris und C. olüorius) 1,920,000 d) Papierfasern. 38. Strohfaser (Roggen, Weizen, Hafer, Reis). h) Über Hartfaser siehe oben p. 23. 2) Die Daten -1 — 4 und 7 — 9 nach Lyster H. Dewey. Siehe auch Nachrichten über Handel, Landwirtschaft und Industrie. Zusammengestellt im Reichsamt des Innern, Berlin 3. Mai 4 913. 3) Nach nicht übereinstimmenden Quellen. Der oben angegebene Wert scheint zu klein zu sein. 4) Dieser Wert ist nach anderer Quelle zu klein. 7* 100 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 39. Esparlofaser (Blattfaser von Stipa tenacissima). 40. Bambusfaser (Bambusa sp.). 41. Holzfaser (Fichte, Tanne, Führe, Espe usw.). 42. Bastfaser des Papiermaulbeerbaums (Broussonetia paiiyrifei'a). 43. Bastfaser der Edgeworthia papyrifera. 44. Torffaser. Anhang.. Papier aus dem Mark von Aralia papyrifera. Im geschichtlichen Teile des den Papierfasern gewidmeten Abschnitts werden noch abgehandelt werden : 1. Palmblätter als Beschreibstjofl'. 2. der Papyrus der Alten (aus dem Marke des Schaftes von Cyperus Papyrus. 3. die sog. Baumbastpapiere. 4. die Papiere der Bhurja-Manuskripte (Periderm der Betula Bhojpattra). 5. die Papiere der Maya-Codices und der altmexikanischen Bilder- handschriften. 1. Baumwolle 1). Es ist hinlänglich bekannt, daß die Baumwolle (coton franz., cotton engl.) nicht nur die wichtigste aller spinnbaren Fasern ist, sondern gerade- zu die wichtigste Ware des Welthandels bildet, womit nicht gesagt sein soll, daß das Gewicht oder der Wert der jährlich gewonnenen Baumwolle \] Beckmann, Vorbereitung zur Warenkunde. I. Göttingen \1^Z. ßaines, History of cotton naanufacture in Great Britain, London 1835. Harry Rivet-Cornac, Report, on the cotton dep. etc., Bombay 1869. B. Nieß, Die Baumwollenspinnerei in allen ihren Teilen, 2. Aufl., Weimar 1883, 3. Aufl., 1902. Oppel, Die Baumwolle nach Geschichte, Anbau, Verarbeitung und Handel, Leipzig 1802. Kleine, Die Baum- wolle, ihre Kultur, Ernte, Verarbeitung und der internationale Baumwollehandel. Leipzig 1908. G. Watt, Commercial productes of ludia, London 1908. Die Baum- wollenfrage. Denkschrift über Produktion und Verbrauch von Baumwolle. Maß- nahmen gegen die Baumwollennot. Veröfi'entlicht vom Reichskolonialamt Nr. 1, Jena 1911. Pariatore, Le specie dei cotoni, Firenze 1861. Todaro, Relatione sui cotoni coltivati nel R. orto botanico di Palermo, Palermo 1876. G. Watt, The wild and cult. Cotton plants on the world, London 1907. Speziell über Kultur u. Gewinnung siehe noch: Semler, Tropische Agrikultur, Bd. III, 1888 und spätere Auflage. Dodge, I.e., 1897. M. Passon, Die Kultur der Baumwolle, Stuttgart 1910. Speziell über mikroskopische Kennzeichen: Wiesner, Mikroskop. Unters., Stuttgart 1872. Weitere Literaturangaben folgen im Laufe dieses Artikels. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 101 die höchsten seien, welche eine Handelsware erreichen kann. Es wird bei- spielsweise jährlich weitaus mehr Weizen geerntet als Baumwolle (0. War- burg) i und auch der Wert dieser Feldfrucht überragt jenen der Baum- wolle. Aber der ungemein hohe Wertzuwachs der aus Baumwolle erzeugten Fabrikate begründet die große Bedeutung der Baumwolle als Handelsware, — ich erinnere nur an das bekannte Wort: King cotton. Die Geschichte der Baumwolle wird am Schlüsse dieses Paragraphen in Kürze geschildert werden, dort kommt auch die steigende Bedeutung dieses Faserstoffes zur Besprechung. Hier sei einleitend nur erwähnt, daß man die Menge der in den Welthandel kommenden Baumwolle auf ca. 4,5 Milliarden Kilogramm veranschlagt 2), wovon derzeit beiläufig noch immer, trotz großer Anstrengungen anderer Länder, 65 Proz. auf die Vereinigten Staaten fallen. Vor etwa zwanzig Jahren schätzte man — allerdings mit geringerer Sicherheit als jetzt — die jährlich auf der Erde produzierte Menge an Baumwolle auf die Hälfte und vor etwa vierzig Jahren auf etwa rund 1000 Millionen Kilogramm, d. i. auf weniger als ein Viertel der jetzigen Produktionsmenge 3). Nähere Daten über die jährliche Produktionsmenge der Baumwolle folgen weiter unten. Die Kultur der Baumwollenpflanze ist dementsprechend sehr ausgedehnt und es sei einstweilen nur hervorgehoben, daß, einzelne Ausnahmen (z. B. die kaukasische Baumwolle) abgerechnet, das Anpflanzungsgebiet dieser Nutzpflanze von 36° S. B. bis zu 41° N. B. reicht. Das hohe Alter der Baumwollenkultur und die sehr verschieden- artigen Vegetationsbedingungen der über einen großen Teil der Erde verbreiteten Baumwollpflanzen sind die Ursache der Entstehung zahl- reicher, zum großen Teile fixer Rassen und vieler Spielarten, welche die Einordnung der Formen in bestimmte Spezies sehr erschweren, so daß die Systematik der Gattung Gossypium keineswegs als geklärt zu be- trachten ist. Vor allem gilt für die Baumwolle, wie für fast alle alten Kultur- gewächse, daß man die Stammpflanze, von welcher die gezüchteten Formen abstammen, nicht oder nicht mit genügender Sicherheit kennt. Es wurden viele angeblich wildwachsende indische und amerikanische Gossypium- jüvien beschrieben, die sich aber fast durchweg als ver- wilderte Gewächse herausgestellt haben. Nur das von Maxwell H) 0. Warburg, Die Baumwolle, in dem Werke: Die Kulturpflanzen der Welt- wirtschaft von 0. Warburg und J. E. von Someren-Brand, Leipzig, Voigtländer 190S. Die Zeit der Herausgabe dieses Werkes ist weder dem Titel des Buches, noch der Vorrede zu entnehmen. Auch die einzelnen Aufsätze sind undatiert. 2) Nach den statistischen Angaben aus dem Jahre 1910— H. 3) Andree, Geographie des Welthandels (1872), p. 640. Semler, Tropische Agrikultur III (1888), p. 495. -[Q2 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Masters beschriebene Gossypium Stocksü^), welches in der Nähe von Karachi (Indien) und auf den Ühofor-Bergen (im südöstlichen Arabien) aufgefunden wurde, gilt als Stammpflanze des von Linne aufgestellten Gossypium herhaceum. Indes sind auch gegen diese Herleitung Be- denken geäußert "worden 2). Folgende Spezies dieser Gattung liefern erwiesenermaßen die größte Menge, beziehungsweise überhaupt Baumwolle: Gossypium herhaceum L.^]. Insbesondere stark in Indien, aber auch in Ägypten, Kleinasien, in der europäischen Türkei gebaut. Liefert kurzstapelige Baumwolle. G. hirsutiwi L. Die Heimat dieser Baumwollenart ist Westindien und das wärmere Amerika. Sie wird nicht nur in den genannten Län- dern, sondern auch an vielen anderen Orten kultiviert, insbesondere in Nordamerika, wo sie mit den weiterfolgenden die Hauptmasse der Handels- ware liefert. Unter anderm hat man auch in Italien Anhauversuche mit dieser Pflanze vorgenommen (Rivet-Cornac). G. harhadense L.^). Heimat: Westindien. Diese Spezies liefert eine ausgezeichnete, durch besondere Länge und Güte der Faser aus- gezeichnete Baumwolle (Sea Island) und dies ist wohl der Grund, wes- halb man in allen Baumwolle liefernden Ländern dieselbe anzubauen bestrebt ist. G. peruvianum Cav.^). Heimat: Peru, Barbados (Maycock), ist für Südamerika eine wichtige Kulturpflanze geworden. 1) Flora Brit. Indien. 1874. 2) G. Watt, Wild and cult. cotton PI. of the World (1907) 73 f. Siehe auch Watt, Commerc. Products of India, London (1908), p. 575. 3) Die Linnesche Spezies zerfällt in zahlreiche Formen, welche von den Autoren zumeist als selbständige Arten beschrieben werden. Diejenige Form, welche für die indische Baumwollenkultur die höchste Bedeutung hat, ist das von Todaro be- schriebene 0. Wightianum. Zu 6. herhaceum gehört auch Q. obtusifolium Roxb. und das das Hauptquantum an Dhollera-Baumwolle liefernde O. fuicrocarpum? (O. herb. var. microcarpuvi Tod.). Nach neuerer Auffassung gehören zu dem Linne- schen Q. herhaceum noch Q. neglectum Tod., Q. latifolium Murr., O. eglandulosum Cav. und micranthum Gav. Wie unsicher derzeit noch die Systematik von Gossy- pium ist, gehl daraus hervor, daß einige Autoren O. neglectum Tod. als eine Form von 0. herhaceum L., andere als eine Form von O. arboreum L. (0. arb. var. neglectum Watt) erklären. Siehe hierüber Watt, 1. c. 4) Mit Gossypium harhadense werden jetzt identifiziert G. acuminatum Roxb., vitifolium Lam., punctatum Schum. et Thonn.,] racemosum Poir. und mariti- mum Tod. 5) Wird von einigen Autoren als eine Form von G. harhadense betrachtet. G. peruviamtm Tod., als deren wahrscheinliche Heimat Zentral- und Südamerika angegeben wird, identifiziert Watt mit G. vitifolium Roxb. und G. hirsu- tum Cook. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. X03 O. religiosum Auct. Die Nankingbaumwolle. In China zu Hause. Dort und in Hinterindien stark gebaut; aber auch in andern Ländern, z. B. Ägypten, Italien i). O. a?'boreum L^). Die baumartige Baumwolle wird seit alter Zeit in Vorderindien gebaut; nach Masters ist sie aber nicht ostindischen, sondern afrikanischen Ursprungs. Sie wird aber auch sonst noch in Ostindien, in China, Ägypten, in Nordamerika und Westindien (May- cock), und selbst im Mittelmeergebiete kultiviert. Im Vergleiche zu den vorher angeführten Arten (insbesondere zu den Formen vgn O. hei'haceum, hirsutum und bai'badense) tritt diese Art und ihre Formen schon stark in den Hintergrund 3). An diese angeblichen Arten der Gattung Oossypium schließen sich an: Gossypium indicum LamJ) in Ostindien; O. viüfolium Lam.^ Heimat Ostindien und die Maskarenen, kultiviert auf Barbados, in Indien, Java, Neukaledonien und Italien 6); G. punctatum Schuni.^ Senegal; G. acuminatum Roxb., Indien, daselbst auch kultiviert ^j; G. obtusi- foliuTn Roxb., Indien, daselbst auch kultiviert '^); G. 7niera?ithu?n Cav., als »Kapas mori« in Vorderindien und Java gepflanzt ^j; G. taitense Parl.^ Tahiti, und G. sandwicense Pari., Sandwichsinseln ^j. Die französischen Kolonien exportieren zwei Handelssorten der Baum- wolle, nämlich coton pierre, und c. nankin court soie, erstere aus Mar- tinique und Guadeloupe, letztere aus Indien, welche von den übrigen \) Die in der Nähe indischer Tempel (der Brahminen) angepflanzte, heiUg ge- haltene Baumwollenpflanze ist, wie ich selbst gesehen, nicht O. religiosum Auct., sondern Q. arboreum oder eine Spielart derselben. Aus der Wolle dieses Baumes wird die heilige Brahminenschnur (»Upavita< nach gef. Mitteilung des Herrn Prof. L. V. Schröder) angefertigt. Nach Watt, Dictionary, Artikel Oossypium, p. 39, hat es den Anschein, als würde die Wolle von 0. kerbaeeum zur Verfertigung der heihgen Brahminenschnur (>the Brahminical string«) dienen. Doch findet sich bei Watt, 1. c, p. 43 bezeugt, daß, wenn nicht alle, so doch zumeist die Schnur (hier >brahminical thread« genannt) aus der Wolle von O. arboreum verfertigt werde. 2) Über die Varietäten dieser Linn eschen Spezies siehe Watt (Wild and cultiv. cotton plants), wo indes auch 0. neglectum Tod., die von anderen Autoren zu O. ker- baeeum gezogen wird, als Form von G. arboreum, betrachtet wird (siehe obere Note, p. 806). 3) Siehe Tropenpflanzer 11 (1898), p. 68 0". 4) Über die Identifizierung einiger dieser Arten mit Oossypium, herbaceum, und barbadense siehe die Anmerkungen p. 10 2. 5) Siehe Miquel, Flora von Nederl. Indic. I. 2. p. 163; Cat. des col. fr., 1867, p. 86. Maycock, Flora Barb., p. 134. 6) Cat. des col. fr., p. 86 und Wiesner, Indische Faserpflanzen, 1. c, p. 2. 7) Wiesner, 1. c, p. 2. 8) Miquel, 1. c, p. 162. 9) Pariatore, 1. c. 104 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. bekannten Sorten so abweichen, daß sie als selbständige Formen im nachfolgenden beschrieben werden müssen, wenn auch die angeblichen Stammpflanzen, nämlich G. conglomeratum und G. flavidum, wohl als zweifelhafte Spezies zu betrachten sind '). Es werden häufig noch andere als die hier angeführten Spezies von Gossypium als Baumwolle liefernd bezeichnet, z. ß. G. siamense^ G. purpurascens^ G. Jumelianum und viele andere. Es sind dies ent- weder nur Kulturformen, z. B. die letztgenannte, oder ungenau be- schriebene Spezies, welche wahrscheinhch mit anderen der früher auf- gezählten Spezies zusammenfallen, oder, wie auch manche der früher genannten Hybride. — Überhaupt läßt die Systematik des Genus Gos- sypium^ wie schon oben betont, noch viel zu wünschen übrig und eine scharfe Abgrenzung der typischen Formen steht wohl noch zu erwarten. Freilich wird es mit nicht geringen Schwierigkeiten verbunden sein, die so zahlreich gewordenen Kulturvarietäten und hybriden Formen durch- wegs auf genau definierbare Typen zurückzuführen-). — Die Güte der Baumwolle hängt in erster Linie von der Gossypium- Spezies oder der Kulturvarietät, welcher die Stammpflanze zugehört, ab. Im allgemeinen liefern die baumartigen und strauchigen Formen bessere 1) Cat. des col. fr., p. 86. O. conglomeratum ist insofern charakteristisch, als die Samen nicht lose wie bei den andern Arten in der Frucht liegen, sondern zu einer schwer zerbrechlichen steinartigen Masse zusammengefügt erscheinen, daher der französische Name ^coton pierre^. Nach Sadebeck, Die Kulturgewächse der deut- schen Kolonien, Jena <898, p. 305 bilden auch die in den Fruchtkapseln von Oossy- piuTn peruvianimi vorkommenden Samen eine zusammenhängende Masse. 2) Pariatore (1. c.) hat versucht, alle bekannten Formen auf folgende Typen zurückzuführen: Oossypium herbacemn L., G. arbofetim L., O. sandvieense Pari. (= 0. religiosurn Forst.), 0. taitense Pari., O. hirsutiwi L., 0. barbadense L. und O. religiosum L. Schumann (in Engler-Prantls Pflanzenfamilien III. 6. 1895, p. 51) führt alle kultivierten Oossypiwn- Arten auf drei Spezies zurück: auf Ö. herbacemn, 6. arborewn und 0. barbadense. Dabei wird aber selbst Q. herbaceum als eine Kultur- form angesehen, welche möglicherweise auf das wildwachsende O. Stocksü Mast. zurückzuführen ist (siehe oben p. 102). Mit welcher Vorsicht manche Daten über Formen der Baumwollenpflanze aulzunehmen sind, dafür sei hier ein Beispiel an- geführt. Delchevalerie gibt (Amsterdamer Kongreß, Leyden i878) an, daß in Unterägypten durch Kreuzung von Gossypium vitifoliian und Hibiscus esculentus ein Bastard entstanden sei, die Baniiah-Baumwolle, welche sehr dichte Pflanzung ver- trägt und zur Anpflanzung überhaupt sehr geeignet sein soll. Nach Asche rson und Seh wein furth ist aber bei dieser angebhchen Kreuzung Hibiscus esculentus nicht beteiligt. Siehe Bot. Jahresb. 1879, IL, p. 334. Über Gossypium anomalum Ky Peyr. iCienfuegosia anomala Oiirl:e) siehe Schwein furth, Le plante utili dell' Eritrea. Soc. Afr. d' ItaHa. X (1891). Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 1Q5 Wollen als die krautarligen. Die von Beckmann*) zuerst ausgesprochene und dann oft wiederholte Meinung, daß sich die Güte der Baumwolle mit der Höhe der Mutterpflanzen steigere, hat mithin einige Berechti- gung, ist aber keineswegs durchschlagend, da die besten Wollen von strauchigen Formen herrühren. Aber auch Klima, Boden und Kultur- verhältnisse üben einen sehr wichtigen Einfluß auf die Güte der Wolle aus. Trotz der zahlreichen kultivierten Gossi/pium-Spezies und der weitaus größeren Zahl von Spielarten unterscheidet die Praxis bloß zwei Haupt- arten von Baumwullenpflanzen, nämlich die indische und die ameri- kanische Pflanze, wo immer dieselben auch gebaut werden mögen. Zur indischen ßaumwollenpflanze zählen vorwiegend die Formen von Gossijpium herbaceiim] sie liefern stets kurzstapelige Baumwolle und sind dadurch charakterisiert, daß ihre Samen stets mit weißlicher oder schwach gelblicher Grundwolle bedeckt sind und deshalb nie schwarz ge- färbt erscheinen. Die amerikanischen Baumwollenpflanzen sind hohe strauchartige Formen von G. barbadense und hiysutum, welche ent- weder schwarz aussehende Samen besitzen, wenn nämlich keine Grund- wolle ausgebildet wird oder von einer eigentümlichen grauen oder grünen Grundwolle bedeckt sind. Die Samen von G. barbadense sind ge- wöhnlich kahl und schwarz, die von G. hirsutum gewöhnlich mit stark gefärbter (smaragdgrüner bis grauer) Grundwolle bedeckt. Eine scharfe Unterscheidung zwischen indischen und amerikanischen Baumwollen- pflanzen läßt sich selbstverständlich nicht durchführen; es sollte aber nicht unerwähnt bleiben, daß der Baumwollenpflanzer zunächst diese beiden Arten unterscheidet^), und von den amerikanischen Baumwollenpflanzen zwei verschiedene Typen stets beachtet: Sea Island und Upland. Die erstere ist lang-, die letztere kurzstapelig (kurzfaserig)'^). Auf diese Baum- wollensorten des Handels komme ich weiter unten noch zurück. Die auf die Güte und überhaupt auf die Art der Baumwolle Ein- fluß nehmenden Faktoren scheinen auch die Menge der Baumwolle, die der Boden hervorbringt, zu bestimmen. Das Baumwoflenquantum, welches ein Hektar liefert, schwankt zwischen 60 — 300 kg reiner Wofle im Jahre, ^) 1. c, p. 9. Wie sehr die Auffassungen über den Speziesbegriff innerhalb der Gattung Qossypiwn voneinander abweichen, ist aus einer Zusammenstellung zu er- sehen, welche jüngsthin M. Passon (1. c, p. 12) über die Zahl der Oossypmm-Spezies gibt, welche von verschiedenen Autoren angenommen werden. Er sagt: Linne räumt 6 Spezies ein, De Gandolle 16, Pariatore 7, desgleichen Masters, Royle 4, Bentham und Höoker 3. Es wird ein Autor genannt (Rohr), welcher 34 Spezies annimmt und Passon scheint die Ansicht zu vertreten, daß nur eine Art bestehe. 2) Semler, 1. c. III., p. 483. 3) Semler, 1. c. III., p. 485. 106 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. worunter reine entkernte Baumwolle zu verstehen ist i). — Von entschei- dender Wichtigkeit für die Güte und Homogenität der Ware ist das Saatgut. Es ist nicht nur notwendig, daß die Sorte, welche man kulti- viert, möglichst rein erhalten und nicht mit anderen Sorten vermengt wird; es muß auch in vielen Ländern, ähnlich wie beim Lein, der Samen aus den Heimatländern der Stammpflanzen jährlich oder nach Ablauf einiger Jahre wieder frisch bezogen werden. Die Baumwollenkapseln werden zur Zeit der Reife gesammelt und aus ihnen die Baumwolle abgeschieden. Früher waren die Baumwollen- kapseln Gegenstand des Handels und es wurde aus ihnen in Europa der Faserstoff von dem Samen und Fruchthüllen befreit^). Dieses in jeder Beziehung irrationelle Verfahren hat man lange aufgegeben und es er- folgt jetzt die Fasergewinnung in den Produktionsländern selbst. Zur rationellen Fasergewinnung ist zunächst erforderlich, daß die Kapseln gerade im Stadium der Reife gesammelt werden, weil nur in diesem Stadium die Abscheidung der Wolle von den übrigen Fruchtbestandteilen gut und ohne großen Verlust gelingt 3). Die Einerntung der reifen Frucht ist aber mit Kosten verbunden, da auf einem und demselben Felde die Früchte nicht zur gleichen Zeit reifen. Zuerst erfolgt die Gewinnung der Samenwolle, nämlich der von den Fruchthüllen be- freiten, aber noch die Samen enthaltenden Wolle. Diese Prozedur wurde früher mit der Hand ausgeführt. Es gehört zu den großen Fortschritten der Baumwollenkultur, daß die Enthülsung nunmehr maschinell, nämlich unter Anwendung einer Art von Exhaustor geschieht (Semler). Nun- mehr wird die Samenwolle von den Samen befreit und dadurch in L int wolle (Lintbaum wolle, Lint) umgewandelt. Es geschieht dies durch das Entkörnen (Egrenieren, Ginen). Das Entkörnen erfolgt auf der Egreniermaschine. Einrichtung und Wirkungsweise dieser Maschine zu schildern ist nicht Aufgabe dieses Werkes *) und es sei nur bemerkt, daß die gewöhnliche Egreniermaschine (Gin) für kurzstapelige Wollen 1) M. Passon (1. c, p. 63) gibt folgende Erträge pro Hektar an: Italien Rohbaumwolle ^50 kg, Reinbaumwolle 50 kg Indien > 360— 390 kg, » ■120— -1 30 kg Venezuela » 800— H 50 kg, » 260— 382 kg Pernambuco » < 000 kg, » 335 kg Bahia » 800— 1200 kg, » 266— 400 kg. Auf den Antillen soll die Ernte an Rohbaumwolle in einzelnen Fällen 2000 kg pro Hektar übersteigen. 2) Beckmann, 1. c , p. 23. 3] Über Einsammlung der Baumwollenkapseln und über Gewinnung der Baum- wolle s. Henry Lecomte, Le coton, Paris 1899, und TropenpDanzer, III (1899) p. 347 und einige der oben (p. 100) zitierten neueren Werke. 4) S. hierhei- hauptsächlich Sem 1er, 1. c. HI (1888), p. 593 IT. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 107 ausreicht, die langstapeligen Wollen aber stark angreift (z. T, zerreißt). Die Egrenierung solcher Wollen geschieht rationeller auf einer Walz- maschine (rollergin). Das Egrenieren gelingt am leichtesten bei den Wollen von Gossypium harhadense^ am schwierigsten bei jenen Arten (z. B. G. herbaceum]^ welche eine dichte Grundwolle besitzen. Bei der ersteren lösen sich die Ilaare sehr leicht von den Samen ab, während bei der letzteren eine größere Kraftanstrengung hierzu erforderlich ist. Die bei der Abschei- dung solcher schwer zu entkörnenden Wollen sich ergebenden Wider- stände haben zur Folge, daß auch Samenfragm.ente in die Wolle über- gehen, überhaupt ein unreineres Produkt zustande kommt. Durchschnittlich besteht die Samenwolle dem Gewichte nach aus zwei Drittel Samen und ein Drittel Lint. Es ist gelungen, Spielarten zu erzielen, deren Samenwolle aus 4 Proz. Lint und 60 Proz. Samen be- steht i). Selbstverständlich kann nicht die ganze Wolle der Kapseln ge- wonnen werden; bei Abscheidung der Faser ergeben sich mehr oder minder große Verluste. Ausnehmen der Wolle und Egrenieren werden in den verschiedenen Produktionsländern mit größerer oder geringerer Sorgfalt vorgenommen: es entstehen auf diese Weise reine, d. i. fast nur aus den Samenhaaren bestehende, und unreine, d. i. solche Sorten, welche neben den Samen- haaren noch Bruchstücke der Kapsel, Samenfragmente, auch wohl Samen, Stengelteile u. dgl. m. enthalten. Sehr unrein ist z. B. die kolumbische, sehr rein die Wolle von Reunion und insbesondere die gute langstapelige nordamerikanische Baumwolle. Es ist schon oben angegeben worden, warum die Wolle von Gossypium harhadense beim Egrenieren reiner ausfällt als die von G. herbaceum. Da die Baumwolle ein großes Volumen einnimmt, so wird sie für den Transport durch Eintreten und Einschlagen in Säcke, häufiger durch starkes Zusammenpressen mittelst hydraulischer und anderer mechani- scher Pressen auf ein kleines Volumen gebracht. Die Technik der Pressung der Baumwolle hat sich in neuerer Zeit sehr gehoben 2). Zur Verpackung dienen Säcke aus Hanf, Jute und anderen Bastfasern oder Tierhäute. Die amerikanische und indische Baumwolle wird vorwiegend in Gunny- säcken (s. Jute), ein großer Teil der levantinischen und brasilianischen Baumwolle in Säcken aus Tierhäuten verpackt 3). i) Semler, 1. c, p. 607. 3) Über Baumwollenpressen s. Semler, I.e., p. 61911. 3) Letztere in der Literatur häufig anzutreffende Angabe ist wohl nicht mehr richtig oder ist höchstens so zu interpretieren, daß diese Wollen aus dem Inneren des Landes- in Tierhäuten verpackt in die Verschiffungshäfen gelangen, worüber indes keine verläßlichen Daten vorliegen, und dann erst gepreßt und für den Handel de- 108 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Morphologie der Baumwollenhaare. Da die mit Zuhilfenahme des Mikroskops festzustellenden morphologischen Eigentümlichkeiten die einzig sicheren Merkmale der Baumwolle, durch die man sie von den übrigen Fasern zu unterscheiden imstande ist, darbieten, und außerdem die wichtigsten Eigenschaften der Baumwollsorten in morphologischen Verhältnissen fast ausschließlich ihren Grund haben, so ist es notwendig, diesen Gegenstand mit möglichster Gründlichkeit abzuhandeln ^). Die Baumwollenfaser ist, wie hinlänglich bekannt, ein einzelliges, von der Oberhaut des Baumwollensamens ausgehendes Haar. Es wird gewöhnlich angegeben, daß jede einzelne Baumwollenzelle eine kegelförmige Gestalt besitzt, also spitz endet, und ihr größter Querschnitt mit der Basis der Faser zusammenfällt. Die nachstehenden Beobachtungen werden jedoch zeigen, daß dies nicht richtig ist. I . Baumwollenhaare von Gossypium herbacemn. Länge des gemessenen Haares = 2,5 cm Querschr Spitze : litt Nr. 1 : 4,2 u-^) » * 2 : 5,8 \ ,> » 3 : 10,0 . >> ^> 4 : 16,8 ^ » » 5. : 21,0 V » » 6 : 16,9 . » » 7 : 21,0 . Basis : 16,8 . 2. Gossypium arhoreum. L. d. g. H. = 2,5 cm. 3. Gossypium acuminatum. L. d. g. H. = 2,8 cm. Spitze ; 8,4 LI Spitze : 4,2 u 21,0 . 12,6 » 29,4 * 16,8 » finitiv verpackt werden. Nach den an den icompetenten Stellen eingezogenen Erkun- digungen kommt die brasilianische und levantinische Baumwolle in den europäischen Handel in kleinen gepreßten, mit Jutehülle verselienen Ballen im Gewichte von 1 50 bis 200 engl. Pfund. \] Die nachfolgende Darstellung stützt sich hauptsächlich auf die Abhandlung: Beiträge zur näheren Kenntnis der Baumwolle, in: Wiesner, Mikr. Unters. (1872) p. 9ff. Über die Mikroskopie der Baumwolle s. ferner: Vetillard, Etudes sur les fibres vegetales textiles. Paris 1876. v. Höhnel, Mikroskopie der technisch ver- wendeten Faserstoffe, 2. Aufl. 1905. T. F. Hanausek, Lehrbuch der technischen Mikroskopie, Stuttgart 1901. 2) Die Querschnitte wurden in gleichen Entfernungen voneinander gemessen. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 109 e : 29,4 u 17.0 . 21.1 » 21,0 . L. d. g. H. = 3,5cm. Spitze : 4,2 u 8,4 > 21,3 » 25,2 > 25,9 > Basis : 21,0 » Spitze : 25,2 u Spit 29,4 V - 25,2 » Basis : 17,0 - Basis : 4. Gossypium flavidum. L. d. g. H.= 1,8 cm i. b) L. d. g. H.= 2,0cm. c) Spitze : 8,4 1.1 Spitze : 12,6 n 21,0 ^ 16,8 > 25,2 . 29,8 » 37,8 » 29,0 ^ 37,8 >^ 25,2 . 33,2 . 29,8 » 29,4 » Basis : 21,0 > Basis : 29,4 . 5. Gossypium conglomeratum. Ein Haar der Grundwolle. L. d. g. H. = 3 cm. Spitze : : 16,8 21,0 21,0 21,6 33,2 42,0 25,2 Basis : 16,8 Diese Beobachtungen lehren, daß die Gestalt der Baumwollen- faser beträchtlich von der Kegelform abweicht, indem die größte Breite des Haares nicht mit dessen Basis zusammen- fällt, sondern, von der Spitze aus gerechnet, meist hinter der Mitte zu liegen kommt. Ich habe noch mehrere andere Baum- wollenarten in derselben Richtung durchgeprüft und bin auch bei diesen zu dem gleichen Resultate gekommen. Das obere Ende, die Spitze der Baumwollenhaare ist allerdings nicht selten kegelig, bildet also einen Abschluß der Haare, welcher dem ganzen Verlauf der Faser entspricht. Es kommen aber oft auch sehr typische Abweichungen von dieser Faser vor, indem sie oben abgerundet, oder spatelfürmig oder kolbenförmig verdickt erscheint. Zumeist ist 110 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. gerade die Spitze besonders stark verdickt. Oft sind die oberen Enden der Baumwollenhaare selbst bei einer und derselben Sorte sehr ver- schieden gestaltet. Die Basis der Baumwollenhaare zeigt in der Regel keine Besonder- heiten; sie entsteht bei der Gewinnung der Baumwolle durch Abbrechen mittelst der Egreniermaschine. Einen merkwürdigen Ausnahmefall hat T. F. Hanausek^) an der in neuerer Zeit oft genannten Caravonica- woUe beobachtet. Beim Egrenieren dieser Baumwolle bricht die Faser an ihrem unteren Ende nicht ab, sondern wird mit ihrem natürlichen unteren kegelförmigen Ende (»Fuß« s. Fig. 17 6), welches zwischen der Epidermiszelle der Samenschale liegt, häufig ganz unverletzt herausgezogen. Es scheint dies für große Zugfestigkeit dieser Baumwolle zu sprechen. Die Basis dieser Baumwollenhaare, der »Fuß« ist, wie Hanausek zeigte, nach Ausweis der Phlo- rogluzinprobe verholzt, während die Baum- wolle bekanntlich völlig unverholzt ist. Die Breite der Baumwollenfaser ist häufig Gegenstand der Untersuchung ge- wesen ; man hoffte durch Ermittelung dieser Größe nicht nur die Baumwolle von den anderen Fasern zu unterscheiden, sondern auch hierdurch ein Maß für den Feinheits- Fig. 17. Caravonica - Baum- wolle. Vergr. 300. q Querschnitte, .s Spitzen der Baumwollhaare, w, nii, ■m>i Mittelstücke, 6 kegelförmig ge- stalteter Fuß der Haare. (Nacli T. F Hanausek.) Schacht^) gibt als Grenzwerte für die Breite der Baumwollenfasern 12,5 — 22,5 «, BolleyS) hingegen 17 — 50 ^tt an. Diese Zahlen sind nicht genau, weil hierbei nicht Sorten genommen wurde, und weil man sich stets damit begnügte, irgend einen Querschnitt der Faser zu messen, ohne sich durch völlige Durchprüfung sämtlicher an jeder einzelnen zur Messung \) Über die Garavonicawolle, Mitteilungen des Technologischen Gewerbemuseums, Wien 4 910. 2) Lehrbuch der Anatomie und Physiologie der Gewächse I. p. 252, und: Die Prüfung der im Handel vorkommenden Gewebe, p. 24. 3) Chemische Technologie der Spinnfasern. Braunschweig 1867, p. 3. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 111 bestimmten Zelle vorkommenden Breiten darüber Rechenschaft zu geben, ob die gemessene Breite auch die größte Breite des betreffenden Baum- wollenhaares ist. Ich habe früher denselben Fehler begangen und glaubte in den Zahlen \i,9 bis 27,6 u die wahren Grenzwerte für die Breite gefunden zu haben i). Erneute und sorgfältige Untersuchungen über die maximalen Breiten der Baumwollenhaare, an Wollen angestellt, deren Stamm- pflanzen botanisch genau bestimmt waren, haben folgende Zahlen ergeben: Baumwollenhaare von Oossypium kerbaceum . . 11,9 — 22,0 u barbadense . . 19,2—27,9 ^ » » co7iglomeratu7n 17,0 — 27,1 • » » acuminatum . 20,1 — 29,9 ^ » » » arboreum . . 20,0 — 37,8 » » » » religiosum . . 25,5 — 40,0 - flavidum . . 29,0—42,0 > Die maximalen Breiten der bis jetzt untersuchten Baumwollenhaare schwanken mithin zwischen 11,9 — 42,0 /<. Ich habe zahlreiche käuf- liche Baumwollensorten des Handels, deren Stammpflanzen aber nicht genau festgestellt werden konnten, in derselben Richtung untersucht und bin stets zu Zahlen gekommen, welche innerhalb der angeführten Grenzwerte zu liegen kamen, so daß ich wohl Grund zur Annahme habe, daß die mitgeteilten Grenzwerte nicht nur für die Wollen der angeführten Gossyjnum-SpeziQs, sondern für die Baumwolle des Handels überhaupt Geltung haben. Es scheint mir bemerkenswert, daß die Fasern jeder der oben angeführten Baumwollensorten stets eine bestimmte häufigste maximale Breite besitzen, und daß diese in Verbindung mit den angeführten Grenzwerten für die maximale Breite in der Charakteristik der Baum- wollensorten von Wert sind, weshalb ich die gefundenen Resultate hier folgen lasse. Baumwollenhaare von: Häufigste maximale Breite Gossypium kerbaceum . . . 18,9 fi barbadense . . . 25,2 » conglomeratum . . 25,5 « • acuminatum . 29,4 » arboreum . . . . 29,9 > religiosmn . . . 33,3 » flavidum . . . . 37,8 » Technische Mikroskopie (4 867), p. 99 112 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Die Länge der Baumwollenhaare ist nicht nur bei verschiedenen Sorten eine variable; selbst die Fasern aus einer und derselben Kapsel variieren beträchtlich. Da die Länge der Baumwollenhaare eines der wichtigsten Kennzeichen der Sorte bildet und auf ihren Wert einen großen Einfluß ausübt, weil ja die Unterscheidung der Baumwollen in lang-, mittel- und kurzstapelige nur auf der Länge der Haare beruht, so muß diese Eigenschaft hier eingehend erörtert werden. Es läßt sich an jeder Samenkapsel leicht konstatieren, daß die von jedem einzelnen Samen ausg.ehenden Haare sehr verschiedene Längen besitzen. Selbst in den Kapseln, welche langstapelige Wollen liefern, finden sich kurze Haare, und von diesen bis zu den längsten, mehrere Zentimeter messenden Fasern herrscht ein kontinuierlicher Übergang. Die verschieden langen Haare sind in gesetzmäßiger Weise an jedem Samen angeordnet. Die überwiegende Mehrzahl der langen Haare findet sich am breiten, die kürzeren Haare am schmalen Ende des Samens vor. Es macht infolge dieser Verteilung jeder mit seiner gesamten Wolle aus der Kapsel herausgenommene Samen den Eindruck, als wäre er von einer eiförmig begrenzten Haarhülle umkleidet; gegen die breite Seite des idealen Konturs strahlen die langen, gegen die schmale Seite die kurzen Haare aus, der Same liegt dem schmalen Ende der Eiform zugewendet. Die Samen der Baumwollenpflanzen sind entweder kahl oder mit einer Grundwolle versehen. Im ersteren Falle erscheint der Same glatt und schwarz (Gossypium harbadense)^ im letzteren weiß-filzig, ins Gelbliche neigend (die indischen Baumwollen, von O. herbaceum und G. arboreum) oder grau bis grünfilzig [G. hirsutum). Die Haare dieser Grundwolle haben eine Länge von einem oder wenigenMiUimetern, die Breite weicht aber von jener der langen Baumwollenhaare nicht wesentlich ab. Die Grundwolle überzieht entweder als gleichmäßiger Haarfilz die ganze Samenoberfläche, wie an Gossypium flavidum, arboreum und hi?'sutum, oder sie findet sich bloß an der Spitze und der Basis der Samen vor, wie bei G. conglomeratum und religiosum. An G. herbaceum tritt wohl auf der ganzen Oberfläche des Samens eine Grundwolle auf; selbe bildet aber bloß an der Spitze und der Basis einen dichten Filz. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß, während die längsten Haare der eigentlichen Wolle am breiten Samenende auftreten, die längsten Härchen der Grund wolle am. spitzen Ende vorkommen, woselbst sie häufig einen dichten Bart bilden. — Alle Samen mit gelber Wolle haben eine intensiv gelbe Grundwolle. Aber auch die Grundwolle derjenigen Baumwollen- samen, die eine weiße Wolle tragen, ist mehr oder weniger stark gelb- lich gefärbt. Je weißer eine Baurawollensorte ist, desto weniger gelblich ist die Grundwolle gefärbt. Manche Baumwollensorten tragen Samen, die mit einer smaragdgrünen Grundwolle bedeckt sind; fast typisch Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 113 tritt diese Färbung an dem kurzhaarigen Überzuge der Samen von Gossypium hirsuturti auf. Anschließend an meine Beobachtungen über die spezifischen, also nicht durch Übergänge verbundenen Kategorien der die Baumwollen- samen bedeckenden Haare hat A. Herzog dieselben folgendermaßen zusammengestellt: 1 . Langfaser, 2. Grundwolle, 3. Barthaare. Unter Langfasern versteht Herzog die gewöhnlichen langen Haare, welche von der Samenhaut des Baumwollensamens ausgehen, also die- jenigen, welche im wesentlichen die »Baumwolle« bilden. Ich habe diesen Langfasern die Grundwolle gegenübergestellt und wohl die am spitzen Samenende vorkommenden, hier einen Bart bildenden Haare besonders betont, aber sie der Grundwolle untergeordnet. Herzog hat nun eine eingehende Untersuchung der Grundwolle (in meinem Sinne) durchgeführt und gefunden, daß die Haare der die ganze Samenhaut überdeckenden Grundwolle von denen, welche den »Bart« zusammensetzen, verschieden sind. Erstere hat er als > Grund- wolle«, letztere als > Barthaare« bezeichnet. Die Grundwolle bildet nach Herzog einen gleichmäßigen, filzigen Überzug der Samenhaut, aber die Haare derselben stimmen, abgesehen von Länge und Färbung, im wesentlichen mit den Langhaaren überein. Wie schon oben erwähnt, kann die Grundwolle (im Sinne Herzogs) fehlen; die Barthaare scheinen aber niemals zu fehlen. Die Barthaare sind häufig gefärbt (braun, grün), haben nach Her- zogs Studien eine nur wenig entwickelte Kutikula, sind hingegen reich an abgestorbenen Protoplasmaresten, besonders an der Basis der Haare. Im Vergleiche zu den Langfasern und den Haaren der Grundwolle sind sie dem Kupferoxydammoniak gegenüber relativ resistent. Die unmittel- bar unter der Kutikula gelegenen Membranpartien werden von Kupfer- oxydammoniak noch am stärksten angegriffen, aber es braucht viel längere Zeit, um sie zur Quellung zu bringen als die Membran der gewöhnlichen Baumwollenfaser. Auch sind die Kurzhaare reicher an Fett (Rohfett) als die Langhaare (Herzog, Chem. Ztg. 1914). Von technischem Interesse ist bloß die Länge der gewöhnlichen Baum wollhaare, derjenigen, welche Herzog als Langfasern' bezeichnet. Die Länge dieser Langfasern ist, wie schon bemerkt, selbst bei jeder einzelnen Sorte, ja innerhalb jeder Kapsel eine schwankende. Dennoch spricht man von der Faserlänge (Stapel) einer Baumwollensorte und versteht hierunter die Länge eines Faserbüschels, welches aus der Wolle Wie SU er, Rohstoffe. IIl. Band. 3. Aufl. Q 114 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. herausgenommen wurde, für dessen Stapel die längsten Fasern maß- gebend sind. Nach Bolleyi) soll die Stapellänge zwischen 2,5 und 6 cm variieren. Nach Benno Nieß^) haben die kürzesten Wollen eine Länge bis 4 Lin. (0,9 cm) und die längsten, nämlich Sea Island-Wolle, von 18 Lin. (4 cm). Ich habe folgende häufigste Werte für die Längen (Stapel) der nachstehenden, botanisch bestimmten und ihrer Herkunft nach bekannten Baumwollensorten gefunden. Gossypium barbadense, Sea Island . 4,05 cm 3) » » Brasilien . . 4,00 Ägypten . . 3,89 » » vitifolium^ Pernambuc . 3,59 » » co7iglomercäum, Martinique 3,5i > acuminahwi, Indien . . 2,84 » » arboreum, Indien . . . 2,50 - ' herbaceum, Macedonien 1,82 » Bengal . . . 1,03 » *) Struktur der Baumwollenzelle. Das Baumwollenhaar ist, wie oben dargelegt wurde, eine Zelle von etwa kegelförmiger Gestalt, welche gegen die Mitte zu mehr oder minder stark erweitert ist. Der Quer- schnitt der Baumwolle lehrt, daß sie häufig mehr oder weniger platt- gedrückt ist. Manchmal ist die Zelle ziemlich lange Strecken hindurch 1) 1. c. p. 3. 2; Die Baumwollenspinnerei in allen ihren Teilen. Weimar 1868. 3) Erste Auflage dieses Werkes p. 339. Später beobachtete ich auch an Qossy- pium barbadense Längen bis 5,1 cm. Mit obigen Werten stimmen auch die Angaben von Semler (1. c. p. 508fr.) über Stapellängen der aus verschiedenen Ländern stam- menden Sea Island-Wolle nahezu überein; nämlich Gallini (Ägypten) 3,8 cm, Florida (Festland) 4,0, Florida (Küste) 4,3, Fidschi, Tahiti, Laguayra, Sea Island 4,3 cm. Ich führe hier auch die von Sadebeck (1. c. p. 308) ausgeführten Messungen an: O. barbadense [^ea. Isldind) . . . 4,10 — S,20 cm (von den dem Festlande vor- gelagerten Inseln z. B.Galveston) (Festland von Florida) 3,90—4,60 » (Ägypten) . . . 3,80—3,9 5 :- G. perurianum . ...... 3,40 — 3,60 » O. herbaceum 2,00 — 2,80 » S. auch unten bei Stapellängen käuflicher Baumwollen. 4) Über Stapellängen käuflicher Baumwollensorten s. die ausführliche Angabe bei Semler, 1. c. p. 508ff., ferner A. C. True, The Cotton plant. Bull. U. St. Dep. of Agric. Washington 1896. F. v. Höhnel, Die Mikroskopie der technisch verwen- deten Faserstoffe. Wien und Leipzig, 2. Aufl. (1905), p. 32. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 115 zylindrisch geformt, so daß man bei Betrachtung solcher Stellen, nament- lich wenn sie stark verdickt sind, die Flachsfaser vor sich zu haben vermeint. An den Haaren von Gossypium conglomeratum tritt dieses morphologische Verhältnis stellenweise fast typisch auf. An jeder Baumwollenzelle unterscheidet man die Wand und das Lumen oder den lufterfüllten Hohlraum der Zelle. Die Zell wand (Zell- haut) erscheint von einem zarten Häutchen, der Kutikula, überdeckt, welche streng genommen nur die äußerste Schicht der Zellwand ist. An die Zellhaut schließt sich nach innen der Innenschlauch an, d. i. der Rest des Protoplasma in Form eines häutigen Gebildes. Die Wand der Baumwollenzelle hat eine für Pflanzenhaare sehr be- trächtliche Mächtigkeit. Sie kann sich in bezug auf ihre Dicke nicht mit der Flachsfaser, aber mit sehr vielen anderen Bastfasern messen. Im Vergleich zu den übrigen tech- nisch verwendeten Pflanzenhaaren hat die Baumwolle eine geradezu beispieflose Dicke der Wand und infolgedessen eine sehr beträcht- liche Festigkeit aufzuweisen. Fig. IS. Vergr.SOO. Querschnitte durch Baumwollen- Die Dicke der Zellwand beträgt f^^«™ ^ ^i* gewöhnlichem, weitem, b mit linien- . förmigem, C mit fläch enförmigem Lumen bez. mit gewöhnlich etwa 1/3 ^3 vom weitlumigem, fadenförmigem und bandförmigem Durchmesser der Zelle. Seltener lanenschlaucU. c Kutikula, ^ Zellhaut, l Lumen nach außen vom Inuenschlauch begrenzt. ist infolge starker Wandverdickung das Lumen der Zelle so eng, daß es in der Längsansicht nur als dunkle Linie erscheint. Es kann aber, selbst bei starker Wandverdickung vorkommen, daß die gegenüberliegenden Wandpartien sich berühren, in welchem Falle das Lumen im Querschnitt linienförmig erscheint. Durch Säuren und Alkalien wird die Zellwand zum Quellen gebracht, oft unter Annahme einer schraubig verlaufenden Streifung. Porenkanäle kommen in der Wand der Baumwollenzelle nicht vor. Alle Mittel, welche die Zellwand des Baumwollenhaares zur Quellung bringen, strecken diejenigen Partien der Faser, welche korkzieherartig gedreht sind, gerade. Hier sei bemerkt, daß die oft als Unterscheidungsmerkmal zwischen Baumwolle und Flachsfaser genannte korkzieherartige Drehung der ersteren an der letzteren allerdings niemals zu bemerken, aber auch an der Baumwollenfaser nicht immer nachweisbar ist. Abgesehen davon, daß die gesponnene Baumwollenfaser sehr häufig geradegestreckt ist, ist hervorzuheben, daß die Haare von Gossypium conglomei'atum oft ihrer halben Länge nach völlig geradegestreckt sind, daß die oberen und unteren Enden der Haare von G. arboreum und barbadense gerade, die sich zunächst anschließenden Partien schwach und nur die mittlere Partie stark gedreht ist. Die unveränderten Haare von G. herbaceum 8* 116 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. habe ich allerdings manchmal von der Spitze bis zmii Grunde gedreht gefunden. Die Kutikula ist an allen reifen Baum wollenhaaren deutlich er- kennbar. An den zarten, seidigen Wollen ist sie weniger scharf aus- gesprochen als an den groben Sorten. Wie ich schon früher zeigte '), tritt dieses zarte Häutchen am schärfsten in Erscheinung, wenn man die zu untersuchenden Haare trocken präpariert, d. h. ohne sie in Wasser oder anderer Flüssigkeit einzulegen, unter das Mikroskop bringt. Die Kutikula erscheint dann als zartes, körniges oder streifiges Häutchen. Bei dieser Art der Beobachtung sieht man bei etwa zweihundertmaliger Vergrößerung in der Richtung der Streifen der Kutikula zarte Interferenz- hnien liegen. An gröberen Wollen ist die Kutikula auch scharf ausge- prägt zu erkennen, wenn die Faser in einer nicht allzu stark licht- brechenden Flüssigkeit, z. B. Wasser, liegt. Die Ausbildung der Kutikula ist, soviel ich zu beobachten Gelegen- heit hatte, an den Wollen verschiedener Gossypium- Arien eine verschie- dene. Die deutlichste Ausbildung dieses Häutchens habe ich an den Haaren von G.flavichim, religiosum, arboretim und herhaceum beobachtet. Die Haare der beiden ersteren sind mit einer ästig gezeichneten, die von Q. aj'horeum und herbacemn mit einer teils körnigen, teils zart spiralstreifigen Kutikula versehen. Die Haare von G. conglomeratum sind größtenteils von einer zart spiralstreifigen, stellenweise auch körnigen oder, und zwar am oberen Ende, von einer völlig strukturlosen Kuti- kula umkleidet. An den Haaren von G. harbadense fand ich das obere Ende, etwa 0,5 — 5 mm lang, und das unterste Ende mit einer völlig glatten, die mittleren Partien teils mit einer zarten, streifigen, teils mit \] Technische Mikroskopie p. 99. 2) »Die Kutikula der Baumwollfaser kann durch mancherlei mechanische und chemische Einwirkungen mehr oder weniger zerstört werden. Vor allem gilt das vom Bleichprozeß, durch den die Kutikula meist ziemlich bedeutend, nicht seilen sogar vollständig zersetzt wird. Die Ansicht aber (T. F. Hanausek, Techn. Mikro- skopie, -1901, p. 62 und Haller, Zeitschr. f. Farbenindustrie, -1907, Nr. 6), daß die merzerisierte Baumwolle, also jene Baumwolle, die durch kurze ßehandlunsi (im gespannten Zustande) mit Alkahen seidenartigen Glanz und besseres Färbevermögen erlangte, der Kutikula entbehre, hat sich insofern als nicht ganz richtig erwiesen, als es A. Herzog (>Über das mikrosk. Verhalten d. Baumwolle in Kupferoxydammoniak« in Kunststoffe, 1911) nachzuweisen gelang, daß beim Merzerisieren roher, ungebleichter Baumwolle die Kutikula keine nennenswerten Veränderungen erleidet, während durch den Bleichprozeß, gleichgültig ob er vor oder nach der Merzerisation durchgeführt wird, die Kutikula fast vollständig zerstört wird. Bezüglich der Mikroskopie der merz. Baumwolle oder »Seidenbaumwolle«, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann, siehe die oben angeführten Arbeiten u. v. Höhneis, Mikrosk. d. Faserst., 1905, p. 35.* — J. Weese. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 117 Am besten läßt sich die Anwesenheit der Kiitikula am Baumwollen- haar durch Kupferoxydammoniak erweisen. Man kann sie durch dieses Reagens auch dann noch auffinden, wenn sie strukturlos ist und der direkten Beobachtung entgeht. Wie zuerst von Gramer i) gezeigt wurde, löst das Kupferoxydammoniak wohl die fast gänzlich aus Zellulose be- stehende Zellwand, aber nicht die Kutikula des Baumwollenhaares auf. Nach vorhergehender starker Aufqueliung und späterer Auf- lösung der Zellwand bleibt die Kutikula in mehr oder minder wohlerhaltenem Zustande zurück. Gramer und später ich'^) haben einige morphologische Verände- rungen konstatiert, welche das Kupferoxydammoniak an der Baumwolle hervorruft und die darin bestehen, daß die Zellwand stellenweise blasenfürmig aufge- trieben wird, indem sich die Kutikula von diesen Stellen los- löst und entweder fetzen weise abgeworfen oder an jenen Stellen, die bei der blasenförmigen Auf- treibung des Baumwollenhaares eingeschnürt erscheinen, ringför- mig zusammengeschoben wird (Fig. 19). Die blasenförmige Auftreibung des Baumwollen- haares bei Einwirkung von Kupferoxydammoniak kann in- des nicht mehr als Unterschei- dungsmerkmal der Baumwolle dienen, indem nicht nur Baum- wollensorten existieren, welche diese Erscheinung nicht zeigen, sondern auch viele Bastzellen, manchmal in den äußersten Partien der Zellwand eine solche Widerstandskraft gegen das genannte Reagens zeigen, daß auch an ihnen bei der Aufquellung der inneren Zellwandpartien eine gleiche blasenförmige Auftreibung der Zellen zum Vorschein kommt, ins- besondere dann, wenn die Bastzellen noch von den Mittellamellen rund Fig. 19. Baumwolle. A Vergi 50. B und C \eigi. 400. C nach Behandlung mit Kupfeioxydammoniak. c faltig zusammengeschobene, c' fetzenförmig abge- löste Kutikula. i Innenhaut. (Wiesuer, in Papyrus Erzherzog Kainer). 1) Vierteljahrsschrift der naturforschenden Gesellschalt in Zürich. 181: 2) Technische Mikroskopie, p. iOO. p. 395 tf. 118 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. umgeben sind (s. oben p. 55 Fig. 11). Die Baumwollen faser unterscheidet sich von den Bastfasern bei der Behandlung mit Kupferoxydammoniak nicht durch die Form, welche die Zellen hierbei annehmen, wohl aber dadurch, daß nach längerer Einwirkung des frischen Reagens von der Baum- wolle die äußerste Haut, nämlich die Kutikula, zurückbleibt, was bei den Bastfasern nicht der Fall ist. Dazu ist aber zweier- lei zu bemerken. Erstens gelten die mitgeteilten Eigentümlichkeiten stets für die rohe Baumwolle, nicht aber immer für sämtliche Baum- wollerzeugnisse, namentlich sind es nach von Höhnet) gutgebleichte Baumwollenwaren (Zwirne, Kattune usw.), an deren Fäden die Kutikula fast vollständig fehlen kann. Zweitens gibt es rohe Bastfasern, z. B. rohen Hanf, bei welchen die Bastzellen noch von den Mittellamellen umgeben sind, die sich bei der Behandlung mit Kupferoxydammonik ABC Fig. •2U. Vergr. 400. Stücke von mit Kupferoxydamraoniak behandelten Baumwollefasern. s ge- quollene Zellhaut, i InnenscMaueh, A Innensclilauch fadenförmig, B bandförmig, C hohlzylindriscli. ähnlich wie die Kutikula der Baumwolle verhalten, nämlich faltige Gürtel bilden, die zur Entstehung blasenfürmiger Auftreibung in ähnlicher Weise führen wie die Kutikulargürtel der Baumwolle (s. oben p. 57, Fig. U). - Außer den schon angegebenen ruft das Kupferoxydammoniak an der Baumwollzelle noch andere Veränderungen hervor. Es tritt näm- lich nach starker Quellung der Faser der schon oben genannte Innenschlauch mit großer Schärfe hervor und bleibt noch er- halten, wenn sich die Zellulosehaut schon gelöst hat. Der Innenschlauch nimmt innerhalb der in Kupferoxydammoniak quellenden Zellulosehaut verschiedene Formen an: ist er fadenförmig, so erscheint er wellenförmig oder schraubenförmig gewunden, ist er bandförmig, so ist er zart und stets der Quere nach gefältelt i), ist er endlich hohl- zylindrisch, so erscheint er hin- und hergebogen 2) und an den verengten \] Zuerst beobachtet von Hölinel 1. c. (190ü), p. 34. 2) Zuerst beobachtet und von mir abgebildet in Technische Milvroskopie (1 867), p. 100. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 119 Stellen auch quergestreift (Fig. 20). Über das Zustandekommen dieser Formänderungen s. oben p. 56. Die Form der nach Lösung der Zellhaut in Kupferoxydammoniak zurückbleibenden Kutikula kann eine sehr verschiedene sein. Die Haare von Gossypiiüii arboreum, herhaceum und barbadense verhalten sich gegen Kupferoxydammoniak, wie es von Gramer und mir angegeben und oben kurz angedeutet wurde. Die Haare von GossypÜDH con- glomeratum lassen nach längerer Einwirkung des Reagens die Kutikula fast immer nur in Form eines kollabierten Schlauches zurück. Nur a h '' Fig. 21. Vergv. 400. Baumwolle, er Mittelstüfk von reifen Haaren, & schwächeres Haar mit sehr regelmäßiger Drehung, c sekr stark verdickte Partie eines Haares, d Endstücke, e tote Baumwolle (Nach T. F. Hanausek.) hier und dort, namentlich an der Basis der Haare wird die Faser blasenförmig aufgetrieben und dann erscheint die abgeworfene Kutikula Baumwollenarten. Die Samenhaare von Oossypium flavidum und reli- giosum scheinen in Kupferoxydammoniak nicht blasenförmig aufzuquellen; ich habe bei diesen Baumwollensorten eine solche blasenförmige Auf- quellung niemals bemerkt. Soviel ich gesehen habe, bleibt nach völliger Lösung der Zellulose der Zellwand in dem Reagens die Kutikula als zusammengefallener Sack zurück, an welchem weder Ring- noch Spiral- streifung zu bemerken ist. 120 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Zwischen völlig ausgereiften Haaren finden sich in allen Sorten der Baumwolle mehr oder minder reichlich unreife Haare, welche sehr schwach kutikularisiert und sehr dünnwandig sind (Fig. 21 e). Diese unreifen Haare haben nur eine geringe Festigkeit und besitzen nicht jene Färbbarkeit, überhaupt nicht jene technischen Eigenschaften, durch welche die reife Faser ausgezeichnet ist. Die Praxis bezeichnet die unreifen Fasern als tote Baumwolle i). Selten kommt tote Baumwolle in gewebten und gefärbten Stoffen in so großen Massen vor, daß ihre Anwesenheit schon mit freiem Auge erkannt werden kann 2). Nach eingehenden von Herzog durchgeführten Untersuchungen kommen unter dem, was die Praxis als tote Baumwolle bezeichnet, zwei Kategorien von Baumwollhaaren vor, welche sich sehr wohl unter- scheiden lassen und die er als tote Baumwolle (s. st.) und unreife Baumwolle bezeichnet. Die tote Baumwolle (s. st.) besteht aus so stark zusammen- gedrückten Haaren, daß sich die gegenüberliegenden Zell wände berühren, das Lumen der Zelle im Querschnitt nur als dunkle Linie erscheint. Die Zellhaut ist außerordentlich dünn (0,5 — 0,6 /<), hingegen ist die Faser im Vergleich zum normalen Haar auffallend breit. Die Zellhaut der toten Baumwolle ist ebenso färbbar wie die normale; wenn sie nach dem Färben in helleren Tönen erscheint, so ist die Ursache hierfür nur die außerordentliche Dünne der Wand. Sie ist sehr arm an protoplasma- tischen Substanzen, womit die geringe Färbbarkeit der Faser (in toto) im Einklänge steht. Nach Hai 1er 3) soll die tote Baumwolle nicht doppelt lichtbrechend sein, was wohl nach unseren Kenntnissen über die Anisotropie der pflanzlichen Gewebe im höchsten Grade unwahr- scheinlich ist. Durch sorgsame Untersuchungen hat Herzog gezeigt, daß die Zellhaut der toten Baumwolle wie die der normalen doppelt lichtbrechend ist und der geringe Grad der spezifischen Doppelbrechung 1) Nach T. F. Hanausek, Technische Mikrosliopic (1900) p. 58 findet sich tote Baumwolle häufig in gröberen (levantinischen und indischen), am seltensten in Sea Island-Wollen. Nach dessen Beobachtungen ist die tote Baumwolle nie gedreht und stets, oft doppelt schraubig gestreift. 2) Über einen solchen Fall berichtet das königl. Materialprüfungsamt (Berlin- Lichterfelde) im Jahresberichte für das .Tahr 4 9H p. 29: >Auf Antrag einer Firma war die Ursache kleiner weißer Stellen in einem blaugefärbten Stoffe zu ermitteln. Die mikroskopische Prüfung ergab, daß die Pünktchen (Noppen) aus unreifer (toter) Baumwolle bestanden, die sich nicht mit gefärbt, bez. nur schwach angefärbt hatte. Die Fasern waren im Garn mit eingesponnen.« Nach den im Texte enthaltenen, von Herzog angestellten Beobachtungen ist tote Baumwolle mit unreifer nicht identisch. Es scheint sich in dem hier genannten Falle um tote Baumwolle (im Sinne Herzogs) gehandelt zu haben. 3) Haller, Beiträge zur Kenntnis der toten Baumwolle, Chemikerzeitung 1 908. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 121 der toten Baumwolle in der ungemeinen Dünnheit der Membran des Haares zu suchen ist. (S. oben p. 12.) Die unreife Baumwolle besteht nach Herzog aus Fasern, deren Wand im Vergleich zur toten etwa doppelt so dick ist (Dicke = i jii und darüber] und welche reichliche Protoplasmareste , namentlich an der Basis der Haare führen. Infolge dieses Reichtums an Protoplasma- resten färbt sich die Faser ziemlich stark, wodurch der Unterschied zwischen »toter« und »unreifer« Baumwolle sehr auffällig wird. In der Breite unterscheidet sich die unreife Baumwollenfaser nicht wesent- lich von der Vollreifen i). Die »tote« und die »unreife« Baumwolle im Sinne Herzogs sind also leicht und sicher voneinander zu unterscheiden und es ist ein Verdienst Herzogs, die Unterschiede dieser beiden fehlerhaften Baum- wollenanteile festgestellt zu haben. Zur Erläuterung des Wesens der »toten« und der »unreifen« Baumwolle im Vergleiche zu der normalen Baumwolle mögen noch folgende Bemerkungen dienen. In der Ware sind selbstverständlich alle diese drei Arten von Baumwolle tot. Nicht so zur Zeit der Ernte, wo wohl die »tote« und die »normale« Wolle tot sind, nicht aber die un- reife, welche noch entwicklungsfähig ist, worauf die großen in ihr ent- haltenen Protoplasmamassen hindeuten. Die unreife Baumwolle ist unreif geerntet worden und starb nach der Ernte ab, weil die Bedingungen für ihre Weiterentwicklung nicht mehr vorhanden waren. Die unreife Baumwolle ist ein normales Produkt. Hingegen ist die tote Baum- wolle ein pathologisches Produkt, welches offenbar infolge eines krankhaften Zustandes frühzeitig abstarb und schon durch die ungemein geringen in seinen Zellen enthaltenen Protoplasmamengen darauf hindeutet, daß es frühzeitig entwicklungsunfähig geworden ist. Unterscheidung der Baumwolle von der Leinenfaser durch die Form der Zelten. Im vorhergehenden sind eine Reihe von Eigenschaften der Baumwolle aufgeführt worden, die mit Vorteil zur Unterscheidung derselben von der Bastzelle des Flachses verwendet werden können. Die unterscheidenden Merkmale sind: die Zell wanddicke, das Vorhandensein einer Kutikula bei der Baumwolle und der Mangel dieses Häutchens an der Leinenfaser, endlich die Form^). Wie oben 1) Nach Herzog in Chem. Ztg. 1914, Nr. 1U— 116. 2j Über die Unterschiede in der spezifischen Doppelbrechung zwischen Baum- wolle und Leinfaser s. oben p. lOff. und 39. Eine Reihe besonderer Eigentümlich- keiten, welche die Doppelbrechung der Baumwolle darbietet, ist vor kurzem durch A. Herzog festgestellt worden. Diese Feststellungen sind um so beachtenswerter, als die aufgefundenen optischen Eigentümlichkeiten nicht nur für die rohe, sondern auch für die merzerisierte Baumwolle Geltung haben. A.Herzog, Zur Kenntnis 122 Siebzehnter Abschnilt. Fasern. auseinandei'gesetzt wurde, ist die Baumwollenzelle ein gegen die Mitte hin etwas erweiterter Kegel. Die Flachsbastzelle ist hingegen wie jede Bastzelle ein an beiden Enden konisch zugespitzter Zylinder. Es ist für die Unterscheidung der Leinenzelle von der Baumwolle gewöhnlich nicht notwendig, die zu untersuchende Faser ihrer ganzen Länge nach im Mikroskope zu prüfen i), um aus der Form schließen zu können, ob man es mit der einen oder der anderen zu tun habe; auch an Bruch- stücken, welche nur einige Millimeter lang sind, läßt sich diese Frage in der Regel entscheiden. Die Baumwollenhaare zeigen im Längsverlaufe viele Unregelmäßigkeiten, während die Flachsbastzellen sehr regelmäßig von dem Ende nach der Spitze an Breite zunehmen, wie folgende Zahlenreihen lehren. a) Baumwollenhaar, durch verdünnte Salpetersäure gerade ge- streckt, um an jeder beliebigen Stelle die Breite messen zu können 2). Spitze: 8,43); 15^0; 16,8; 20,0; 21,0; 21,8; 29,4; 29,4; 32,4; 37,8; 25,2; 29,4; 31,0; 30,0; 31,1; 29,9; 29,4; 29,4; 29,0; 28,0; 25,2: Basis. b) Flachsbastzelle, 4 cm lang. Spitze: 0; 6,3; 8,4; 9,5; 10,5; 11,7; 15,8: 15,9; 16,6; 15,9; 16,9; 16,8; 15,5; 16,9; 15,8; 14,3; 12,9; 13,0; 12,5; 12,3: 9,0; 8,4; 6,5; Basis"). der Doppelbrechung der Baumwollenfaser. Zeitschrift für Chemie und Industrie der Kolloide, Bd. V (1909). -1) In schwierigen Fällen ist es doch wichtig, beide Enden der zu untersuchen- den Faser auf ihre Form zu prüfen. Findet man zwei konische (oder angenähert konische) Enden vor, so ist die Gegenwart der Baumwolle ausgeschlossen. Sollte Karavonikawolle vorUegen, deren unteres Ende auch konisch sein kann (s. oben, p. HO), so kann keine Jrrung eintreten, da der kegelförmige Fuß der Zellen dieser Baumwolle sich scharf von dem eigentlichen Körper der Haare abhebt, übrigens mit Phlorogluzin und Salzsäure die Holzstoü'reaktion gibt. 2) Die Quellung der Zellwand geht bei Anwendung von verdünnter Salpeter- säure an allen Stellen des Haares so gleichmäßig vor sich, daß die an der so vor- behandelten Faser angestellten Messungen ein ganz richtiges Bild Ton der Zu- und Abnahme der natürlichen Faserbreite entwerfen, wie ich durch vergleichende, an der unveränderten und künstlich gestreckten Faser angestellte Messungen konsta- tieren konnte. 3) Diese und die folgenden Zahlen drücken die in gleichen Abständen gemessenen Breiten der Fasern in Mikromillimetern [/li) aus. 4) Selbstverständlich gibt es noch zahlreiche andere Mittel, um die Baumwolle von der Leinenfaser zu unterscheiden, wie aus dem Vergleiche der Beschreibungen beider hervorgeht. Es sollte aber nur auf den groben Unterschied hingewiesen werden, welcher in bezug auf die Form zwischen dem Baumwollenhaar und der Bastzelle besteht. 12,0; 12,5; 12,9; 13 .i; 14,8; 15,5; 14,8;' 15,5; 12,0; 11,7; 10,9; 10,0; Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 123 Chemisches Verhalten der Baumwolle. Die Baumwolle führt im lufttrockenen Zustande 6,66 Proz. Wasser. Im mit Wasserdampf ge- sättigten Räume beträgt die aufgenommene Wassermenge 20,99 Proz.i) Die getrocknete Faser gibt 1,83 Proz. Asche. Mit Jod und Schwefelsäure wird, wie lange bekannt, die Baumwolle himmelblau gefärbt. In Kupferoxydammoniak quillt die Faser unter Blaufärbung und wird bis auf die Kutikula und Reste des Innenschlauches völlig in Lösung gebracht. Schwefelsaures Anilin, desgleichen Phloro- gluzin + Salzsäure bringen keinerlei Änderung hervor; die Baumwollen- faser ist somit völlig unverholzt^). Außer Zellulose und dem in der Kutikula auftretenden Kutin (einem talgartigen Fett) sind in der Baumwolle noch Eiweißkörper, welche im Innenschlauch ihren Sitz haben, ferner etwas Fett, eine wachsartige Sub- stanz, Farbstoffe und Mineralsubstanzen nachgewiesen worden. In der Baumwolle treten verschiedene Farbstoffe auf. Der Farb- stoff der Nankingwolle (von Gossypium religiosum und O. flavidum) hat seinen Sitz in der Zellmembran. Ob er dort entstanden ist oder von der Membran aus dem Zellinhalte aufgenommen wurde, konnte ich nicht entscheiden. Der Nankingfarbstoff ist in Wasser, Alkohol und Äther, desgleichen in nicht oxydierend wirkenden Säuren und Alkalien unlöslich. Durch längere Einwirkung von Salpetersäure oder Chrom- säure wird aber dieses Pigment völlig zerstört. — Der gewöhnliche Farbstoff der licht-gelblichen — anscheinend weißen — Wollen und der zugehörigen Grundwollen hat ebenfalls seinen Sitz in der Zellmembran. Dieser Farbstoff wird durch Einwirkung von Säuren rosenrot, durch Alkahen smaragdgrün. Diese Farbenänderungen und die Lüslichkeit in Wasser führen zu der Annahme, daß dieses Pigment mit dem Antho- kyan — dem gewöhnlich roten oder violetten Pigmente vieler Zellsäfte — identisch ist und daß dieser Farbstoff im Zellsafte gebildet und beim Eintrocknen der Zellen von der Zellhaut aufgenommen wurde. Es kann wohl kaum einem Zweifel unterliegen, daß die grünlichen und schwach röthchen Baumwollen durch dasselbe Pigment fingiert sind 3). — Manche Grundwollen, besonders die an den Samen von Oossypium hirsiäum \) Nach Zipser, Die textilen Rohmateriahen und ihre Verarbeitung I (Wien, i899) p. 13 beträgt die normal zulässige Wassermenge der Baumwolle 8 Proz. (Siehe auch oben p. 16 IT.). Zur Wertbestimmung der Handelsware wird ähnlich wie bei Wolle und Seide die Konditionierung vorgenommen. (S. Note 2 auf p. 16.) 2) Abgesehen von den kegelförmigen Fasern (basales Ende) der Karavonikawolle (s. oben p. 110.) 3) Nach Heldreich (1. c. p. 52) kommt auf Santorin eine Spielart von Gossy- pium herbaceum mit rötlich-gelber Wollfarbe vor. S. auch unten (p. 125) über die Farbe der Baumwollenarten. 124 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. auftretenden, sind schon an und für sich smaragdgrün gefärbt. Diese grüne Farbe, welche ebenfalls ihren Sitz in der Zellmembran hat, ver- wandelt sich auf Zusatz von Säure sofort in Rosenrot und kann nur durch Ammoniak wieder in Grün übergeführt werden, wie viele antho- kyanhaltige Blüten, welche neben Anthokyan (das als solches durch Alkahen blau wird) noch durch Alkalien sich gelbfärbende Substanzen enthalten, durch Alkalien grün gefärbt werden. Das Grün ist hier, wie leicht ersichtlich, Mischfarbe aus blau und gelb. Die wichtigeren käuflichen Sorten der Baumwolle. Ehe ich auf die Aufzählung der wichtigeren Baumwollensorten eingehe, will ich die Eigenschaften, auf die es bei der Beurteilung des Wertes der Baumwolle ankommt, kurz berühren^). Die Wertbestimmung der Baum- wolle ist Sache der Übung, und viele Anhaltspunkte hierfür, wie An- fühlen, Geruch usw. entziehen sich der Erörterung. Es kann hier nur der wissenschaftlich faßbaren Eigentümlichkeiten der Baumwolle Erwähnung getan werden. Eine der wichtigsten Eigenschaften bildet die Länge der Faser, auf die schon oben aufmerksam gemacht wurde. Hiernach unterscheidet man langstapelige Wollen, deren längste Fasern 4 cm und darüber lang sind, mittelstapelige und kurzstapelige , deren längste Fäden unter 2 cm messen. Die Seidigkeit hängt von der Ausbildung der Kutikula ab. Je weniger kenntlich die Strukturverhält- nisse der letzteren sind, desto seidiger ist die Wolle; je grüber sie ist, d. h. je deutlicher die körnig-streifige oder astförmige Zeichnung derselben hervortritt, desto weniger seidig, desto glanzloser ist sie. Die von Gos- sypium barbadense herrührenden .Wollen sind dur€h starken seidigen Glanz ausgezeichnet, also die Sea Island-, viele brasilianische Wollen usw. Die Feinheit der Baumwolle hängt in erster Linie von der Feinheit der Faser ab; je kleiner der Querschnitt der Haarzelle ist, desto feiner ist sie. Aber auch die Geschmeidigkeit der Wolle kommt hierbei mit in Betracht. Die Sea Island bildet die feinste Sorte. Von nicht geringer Wichtigkeit erscheint die Stärke der Baumwollenfaser, nämlich deren absolute Festigkeit. Es liegen hierüber mehrere Beobachtungsreihen vor 2), zur praktischen Wertbestimmung wird aber die Stärke der Baumwolle \) Über die Bestimmung des Handelswertes der ßaumwollensorten s. die aus- führlichen Angaben bei Semler, 1. c, p. 508ff. und insbesondere das daselbst (p.517ff.) mitgeteilte, auf die Wertbestimmung der Baumwollensorten bezugnehmende Regulativ der Bremer Baumwollenbörse. 2) S. hierüber Sem 1er, 1. c, p. 512. Nach den daselbst mitgeteilten Daten soll, auf gleichen Querschnitt berechnet, die ägyptische Baumwolle durch besondere Stärke ausgezeichnet sein. Nach Untersuchungen, welche Herr Prof. Ed. Hanausek vornahm und mir gefälligst mitteilte, beträgt das geringste Zerreißungsgewicht der einzelnen Baumwollenhaare bei ostindischer DhoUerah-Baumwolle 2,ö00, bei Louisiana Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 125 noch nicht herangezogen. Die Reinheit und Homogenität der Baum- wolle hängt davon ab, ob sie frei von fremden Beimengungen, nämlich Kapselgewebe, Samengewebe, Blatt-, Stengelfragmenten, Staub, Erde usw. ist, und der Grad der Reinheit davon, ob diese Körper in größeren oder kleineren Mengen darin auftreten. Unter finnigen Wollen versteht man diejenigen, an deren Haaren kleine, kaum sichtbare Knötchen, näm- lich zusammengeballte Stücke von Fasern, haften. Die Farbe bildet ein wichtiges Kennzeichen der Baumwolle. Obwohl die meisten Baum- wollensorlen weiß erscheinen, so sind sie es doch nicht. Stark zu- sammengedrückt oder versponnen lassen sie doch immer einen Stich ins Gelbe (die meisten indischen) oder ins Graue (peruanische Wolle) oder Rötliche (ein Teil der siamesischen und chinesischen Baumwolle) erkennen. Es wird sehr häufig angegeben, daß die als Louisianawolle vorkommende Sorte eine bläulich-weiße Farbe habe, was ich jedoch, wenigstens für die mir bekannt gewordenen Proben dieser Sorten^ nicht bestätigen kann. Die Nankingwollen von Gossypium i'eligiosum und flaviduni, ferner manche afrikanische Sorten, z. B. die von Wida^)^ haben ausgesprochen gelbbräunliche Farbe. Die Farbe der Baumwolle hat, wie schon oben auseinandergesetzt wurde, ihren Sitz in der Zell- wand der Faser. Über die Farbstoffe der Baumwolle s. oben p. 123. Während die Handelsware nach den angegebenen Eigenschaften klassifiziert und als langstapelig, kurzstapelig usw., ferner als fine, good, goodfair, fair usw., oder als Prima, Sekunda, Tertia, Kaufmannsgut usw. bezeichnet wird, pflegt man jetzt die Baumwolle als Spinnmaterial nach technologischen Prinzipien zu beurteilen. Dabei wird 2) nicht nur 2,750, bei Pernambuc 3,988, Sea Island 4,330, bei Mako 3,400, bei kurzer Georgia 4,501, endUch bei Martinique 4,763 g. Jüngsthin hat Dewey (The strength of textile plant fibers; s. oben p. 25) die absolute Festigkeit der Faser einiger wichtiger Baum wollensorten. geprüft. Aus seiner Zusammenstellung heben wir folgende charakteristische Zahlen hervor: Zerreißgewicht in Gramm Max. Min. Mittel American Uplord (Gossypium hirsutttmi Big-BoU group 11,6 4,6 6,60 Early group 6,9 5,2 5,63 Sea Island (Gossypium barbadense) Amerikanisch 7,6 4,7 6,14 Ägyptisch, von Arizona und Kahfornien 8,0 5,6 6,65 1) Die Baumwolle von Wida ist schon seit dem vorigen Jahrhundert bekannt. Isert, Reise nach Guinea. Kopenhagen 1788.) Daß sie von Gossypium religiosum L. stamme, ist sehr zweifelhaft. 2) E.Müller, Handbuch der Spinnerei. Leipzig 1892; ferner nach gefälligen Mitteilungen des Herrn Prof. Ed. Hanausek. 126 . Siebzehnter Abschnitt. Fasern. die Stapellänge genau ermillelt, sondern auch die Reißlänge i), die Zug- festigkeit und der Feinheitsgrad zahlenmäßig festgestellt. Die besten Baumwollen haben eine Reißlänge von 26 — 28 km und eine absolute Zugfestigkeit von 39 — 42,65 kg, die mittleren Sorten von 24,5 km und 36,5 kg, die geringsten bis hinab zu 7,5 km und H,27 kg. In bezug auf den Feinheitsgrad werden drei Klassen unterschieden. Erste Klasse: Durchschnittsbreite 14 — 16//; zweite Klasse: 18 — 20 /< ; dritte Klasse: 22—28 .«. Nach der Gesamtheit dieser Arbeitseigenschaften werden die Baumwollsorten in acht Klassen gruppiert, von welchen die ersten zu feinen Gespinsten, die letzten zu gröberen Garnen verarbeitet werden. Typen dieser acht Klassen sind : 1 . lange Georgia : 2. Jumel, Bourbon, Portoriko; 3. Pernambuk; 4. Louisiana, Cayenne; 5. Karolina, kurze Georgia; 6. Virginia: 7. Surate; 8. Bengal. Als Hauptfehler der Baumwollen werden die unreinen und finnigen Wollen (s. oben p. 125) und ferner die tote Baumwolle (s. oben p. 121) angesehen. Von den nordamerikanischen Sorten ist vor allem die von Gossypium harhadense herrührende Sea Island hervorzuheben. Die besten Sorten liefern die Küsten von Georgien, Südkarolina und einige benachbarte Inseln. Sie heißt auch: lange Georgia (Lowland-Georgia). Die Sea Islandwolle hat man in die meisten baumwolliefernden Länder einzuführen getrachtet, z. B. in Indien, Ägypten, und hat in einzelnen in der Tat sehr gute Sorten erzielt, die aber doch gegen die originale Sea Islandwolle zurückstehen. Die Sea Islandwolle ist nicht nur die langstapeligste aller bekannten Sorten, sie überragt auch in den meisten anderen Eigenschaften, besonders in Reinheit (s. oben p. 125) und Feinheit, die übrigen Baumwollen und wird nur in einzelnen Eigen- schaften von anderen Sorten überholt. So sind die besten brasilianischen Baumwollen weißer als die lange Georgia, welche stets einen Stich ins Gelbe erkennen läßt, und auch glänzender, seidiger. Diese Sorte wird ihrer Feinheit und Länge wegen nur zu den feinsten Garnen versponnen. — - An diese Sorte reiht sich in der Güte die Baumwolle von Louisiana; sie ist langstapelig, weiß (angebUch bläulich-weiß), glänzend. Ihr ähn- lich ist die Alabama oder Mobile, die gewöhnlich aber unreiner und kurzfaseriger ist. Bemerkenswert ist die kurze Georgia (Upland Georgia), eine weiße, aber kurzstapelige Sorte. Hierher gehören die Sorten: Virginia, Texas, Arkansas und Florida (letztere häufig von grauer Farbe). Von Florida kommen indes auch langstapelige (bis 42 mm lange) Sorten. 1) S. oben p. 20. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 127 Von südamerikanischen Baumwollen sind besonders einige bra- silianische wegen Feinheit, Weiße und Seidigkeit ausgezeichnete Sorten hervorzuheben, besonders die Baumwolle von Pernambuk und Maranhao; sodann kommen Bahia und Minas novas. Geringer sind Rio Janeiro und Para. In Brasilien wird vorwiegend Gossypium peruvianum und barbadense, in einzelnen Provinzen (Pernambuk) auch G. vitifoliwyi und wahrscheinlich auch G. racemosum und purpiirascens kultiviert i). Die längste der brasilianischen Wollen (bis 34 mm) ist die südbrasilianische Sorte Rio Grande. Von den Baumwollen aus Guayana ist vorerst die seit alter Zeit in Surinam gewonnene hervorzuheben, welche fast der Wolle von Pernambuk an Güte gleichkommt. Einzelne Sorten der Baumwolle von Demerara stellen sich sogar noch über die Pernambuk- wolle. Die übrigen Sorten von Guayana (Berbice, Cayenne usw.) sind sehr unrein, häufig mit zerquetschten Samenkörnern untermengt. Die kolumbische Baumwolle kommt der brasilianischen im Glänze nahe, ist aber ungleichfarbig, indem zwischen den weißen Flückchen auch gelb- liche vorkommen. Die reinste und beste dieser Baumwollen ist die Sorte Varinas. Die peruanischen Sorten sind geringer als die kolum- bischen, da ihre Farbe graulich-weiß ist. Seit einiger Zeit kommt als Sea Island Peruvian eine sehr langstapelige Sorte (bis 42 mm) aus Peru in den Handel 2). Die westindischen Wollen (Santo Domingo, Kuba, Martinique, Jamaika usw.) sind ihrer Natur nach meist vorzüglich und kommen dann den besten nordamerikanischen gleich, nur sind sie mit Ausnahme der Baumwolle von Portoriko sehr unvollständig gereinigt. Als beste westindische Sorte gilt Guayanilla. Die ostindischen Baumwollen 3) haben seit der durch den ameri- kanischen Krieg hervorgerufenen Baumwollenkrise für Europa eine große Wichtigkeit erhalten. Es hat sich nicht nur die Produktionsmenge ge- steigert, sondern auch die Güte der Baumwolle selbst, sowohl durch sorgsamere Kultur als auch durch vollständigere Reinigung verbessert. Die größten Mengen indischer Baumwolle kommen von Bombay*). Nach \) Martius, Reise in Brasihen II, p. 483 ff. und II, p. SIS ff. 2) Nach der Warenliste der Liverpool Gotton Association. 3) Über indische Baumwolle s. den ausführlichen Artikel in Watt, Dictionary of the Economic Products of India IV (Kalkutta 4890, p. \—Mi), ferner Middleton, T. H., Description of certain Indian forms of cotton. Agric. Ledger. Kalkutta 1896. — Watt, The commercial products of India. London -1908. Tropenpflanzer, 1913, Beihefte 5 u. 6. 4) tjber die Beteiligung der einzelnen Präsidentschaften und Provinzen Indiens an der Baumwollproduktion s. die Tabelle von Watt and Murray in Watt, Diction. p. 56 und die ausführlichen Daten, welche in Watt, Comm. Prod. p. 596 — 608 ent- halten sind. 128 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. B. Nieß haben die indischen Wollen fast durchgängig einen kurzen Stapel, und zwar mißt die Länge des Haares der Sorte Dhollerah 11,2— 13,50 mm » » Madras unter 13,50 » » » Bengal » 8,90 » Doch beziehen sich diese Daten auf Wollen aus der alten Ära der ostindischen Baumwollenkultur. Wie sehr sich die Qualität der indischen Baumwolle namentlich rücksichtlich der Stapellänge verbessert hat, geht aus zahlreichen in neuerer Zeit von Watson u. a. vorgenommenen Messungen der Stapellängen hervor. a) Wollen aus den nördhchen Distrikten. Minimum Maximum Durchschn. Länge Surate . . . 20,3 mm ' 30,6 mm S5,4 mm Guzerate . . . 22,8 » 33,0 » 27,9 > Broach . . . . 1 5,2 » 25,4 » 20,3 » D bar war . . . 20,3 :> 45,7 » . 33,0 » Canseish . . . 22,8 » 27,9 » 25,4 » Berar . . . . 1 7,7 :. 25,4 » 21,5 y> b) Wollen aus den südhchen Distriicten Minimum Maximum Durchschn. Länge Madras. . . . 20,3 mm 22,8 mm 21,5 mm Tinnevelly. . . -15,2 » 30,6 » 20,3 » Trichmopoly . . 15,2 » 25,4 » ' 22,8 » c) BengaUsche Sorten. Minimum Maximum Durchschn. Länge Agra . . . . ■15,5 mm 20,3 mm '17,7 mm Delhi . . . . 12,2 » 20,3 » 16,4 » Kalkutta . . . 25,4 - 33,0 » 28,0 » d) Wolle von Tenasserim . . 27,9 . 33,0 » 30,6 » Die meisten indischen Sorten sind stark gelblich gefärbt und grob, so daß sie zumeist nur zur Herstellung niederer Garnnummern dienlich sind. Zu den besten Sorten der indischen Baumwolle gehören »Dharwar« (aus amerikanischen) und »HingHung hat« (aus indischen Samen) gezogen. Als geringste indische Baumwolle gilt die aus den Industälern stammende Sorte Scinde. Sie ist unrein, grob, schmutzig- weiß, erreicht aber doch eine Länge von 25 mm. Die persische Baumwolle stimmt fast in allen Eigenschaften mit der indischen, hauptsächlich in Guzerate gewonnenen Sorte Dhollerah überein. Die levantinischen Wollen (Smyrna oder Subudja, syrische, zyprische, türkische usw.) kamen früher häufiger auf den europäischen Markt als gegenwärtig. Die Ursache hiervon liegt in dem großen Aufschwünge der indischen Baumwollenproduktion. Die anatolische Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 129 Baumwolle ist langstapelig und fast reinweiß, die mazedonische wohl fest und weiß, aber sehr kurz, so daß sie sich nur schwierig verspinnen lassen soll. Nach B. Nieß beträgt ihre Länge dennoch 15,7-^20,25 mm. Nach neueren Messungen steigt der Stapel einzelner Sorten bi,s auf 32 mm. Von afrikanischen Wollen ist vor allen die ägyptische hervor- zuheben. Seit Anfang des neunzehnten Jahrhunderts ist die dortige Baumwollenproduktion in fortwährender Steigerung begriffen und stellt gegenwärtig beiläufig ein Fünfzehntel der Gesamtmenge dieses Artikels auf dem Weltmarkt'). Seit dem Rückgang der Zuckerpreise ist die Baumwollenpflanze in Ägypten das rentabelste Kulturgewächs geworden^). Schon in den zwanziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts führte der französische Ingenieur Jumel den Anbau der Sea Islandpflanze in die Niltäler ein, wodurch sehr gute, langstapelige Wollen erzeugt wurden, die unter dem Namen Mako oder Jumel im Handel erscheinen. Die Länge der Faser dieser Sorte steigt nach meinen Messungen bis auf 38,9 mm. Die Makowolle ist zwar nicht rein, auch etwas ungleichfarbig (teils weiß mit einem Stich ins Rötlichgelbe, teils gelblich), aber fein, weich und langstapelig, so daß sie sich zur Herstellung sehr feiner Gewebe benutzen läßt. Als beste Sorte gilt gegenwärtig unter den ägyptischen Baumwollen die Sorte »Älitaffi«, welche aber angeblich nicht von der Sea Islandpflanze abstammt^). Hingegen wird die sehr wertvolle Sorte »Gallini« als von Sea Island abstammend von Sem 1er hingestellt. Eine charakteristische Sorte ist Egyptian brown aus Zagazig mit lebhaft gelber Farbe. Außer sehr ausgezeichneten Baumwollen, welche fast an die besten, die überhaupt existieren, heranreichen, liefert Ägypten auch geringere Sorten (Merkantil wäre). Von afrikanischen Wollen kamen in neuerer Zeit nicht unbeträcht- liche Mengen guter Mittelsorten aus den englischen und den seinerzeitigen deutschen Kolonien in den Handel. Geringer ist die Produktionsmenge in den französischen Kolonien. Die französische Wolle (von Reunion und Bourbon) ist schon lange auf dem Markt und wird als langstapelig und glänzend gerühmt, hat aber nur eine geringe Festigkeit, 1) Tropenpflanzer, I (1897), p. IIS. — Ebenda III (1899), p. 505. — Ebenda IV (•1900), p. 266. — Über ägyptische Baumwolle s. auch Bouteron, Le coton d'Egypte. Congr. internat. d'agricult. Bruxelles. Sept. 1895. Ferner Tropenpflanzer, XIII (1909), p. 438ff. und XIV (1910), p. 369ff. Über die Unterscheidung echter Makobaumwolle von imitierter s. Herzog in Kunststoffe, III, 1913, 8 S. An dieser Stelle sei auch noch eingefügt, daß R. Hai 1er in »Mikroskopische Diagnostik der Baumwollarten< (Wittenberg, 1919) den Versuch macht, die Oossypium- Arien auf Grund der Roh- baumwolle mikroskopisch zu bestimmen. 2) Foaden, Cotton Culture in Egypte. Bull. U. S. Dep. of Agric. Washington 1 897. 3) In Ägypten wird in jüngster Zeit viel getan, um die Baumwollenkultur zu heben. Zu Zagazig befindet sich eine bloß im Dienste dieser Kultur stehende Versuchsstation. Wi es ner, Rohstoffe. HI. Band. 3. Aufl. 9 130 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Die europäischen Baumwollen, z.B. die spanische (Motril), die neapolitanische (Castellamare) , die sizilianische (Biancacella) haben für den Handel fast gar keine Bedeutung. Die australischen Wollen, welche auf die Ausstellungen und — freilich in geringer Älenge — auch auf den Markt gebracht wurden, waren guter, z. T. sogar ausgezeichneter Qualität i). Man hat eine Zeit hindurch auf die australischen Wollen große Hoffnungen gesetzt. Neue- stens ist aber die ßaumwollenkultur in Australien durch die Zuckerkultur in den Hintergrund gedrängt worden 2). Tahiti und die Fidschiinseln produzieren vorzügliche Sea Island, aber die auf den Markt kommende Menge ist nach neuen Berichten doch nur eine geringe, da die dortige auftretende Zuckerrohrkultur der Ausbreitung der Baumwollenpflanze nicht günstig ist. Von intensiv gefärbten Baumwollen ist die in Ostindien und China in großer Menge gewonnene Nankingwolle (von Gossypium religiosuiu)^ die Sorte Egyptian brown und die auf Martinique produzierte Nanking- wolle (cotton nanking a courte soie von GossypiiDii flaridiim) hervor- zuheben. Durch die Kultur von Gossypium religiosum sind mehrere Varietäten entstanden, deren Wolle in der Farbe zwischen Rostbraun und einem nur wenig hervortretenden Lichtbraun liegt. Es seien hier einige Bemerkungen über die in neuester Zeit viel genannte Garavonicawolle angefügt. Sie stammt von einer peren- nierenden Form, über deren systematische Stellung man noch nicht im klaren zu sein scheint. Es wird angegeben, daß sie eine Hybride von Sea Island- und Perubaumwolle sei. Die Garavonicawolle wurde von Dr. Thomatis^) in Garavonica (bei Cairn in Nord Queensland) zuerst empfohlen und wird versuchsweise nicht nur in Australien, sondern auch in Peru, auf den neuen Hebriden, in Deutsch -Ostafrika und in Ägypten kultiviert. Man unterscheidet zwei Hauptformen der Garavonicawolle, eine gröbere und kürzere (»Wolle«) und eine feinere, längere (»Seide«), welche man schon als eine langstapelige bezeichnen könnte (Stapel nach T. F. Haiiausek 45 mm und darüber). Die von T. F. Hanausek ausgeführte mikroskopische Untersuchung hat gelehrt, daß diese beiden Formen der Garavonicabaumwolle, in einer merkwürdigen, oben schon berührten, bei keiner anderen Baumwollensorte bis jetzt beobachteten Eigenschaft übereinstimmen. Es werden nämlich bei der Abscheidung der Faser aus der Kapsel, beim Egrenieren die Haare mit ihrem natürlichen. 1) J. R. Lorenz, Ost. off. Ausstellungsbericht, 1807, V, p. 821 ff. ä) Semler, I. c, p. 506. 3; The Queensland Agr. Journ. 1903. siebzehnter Abschnitt. Fasern. 131 herausgezogen, was für eine hohe absolute Festigkeit dieser Baumwoll- sorte spricht. Dieses mehr konische Ende (?uß) der Faser ist verholzt, da es sich mit Phlorogluzin und Salzsäure violett färbt. So -hat man Kennzeichen, durch welche sich die Gara- vonicawoUe von anderen Baumwollsorten unterscheidet. Über den Wert der Caravonicawolle gehen die Ansichten noch sehr weit aus- einander i). In der Anrühmung der Caravonicawolle kam manche abenteuerliche Anschauung zum Worte. So wurde von Thomatis behauptet, daß es durch Hybridrisation und Kastration gelinge, die Menge der Wolle zu steigern und die der Samen zu verringern, und es wurde sogar die Hoffnung ausgesprochen, man werde vielleicht Pflanzen erzielen, welche nur Wolle und gar keine Samen enthalten werden. Da aber die Baumwolle ein Haar- gebilde der Samen darstellt, so muß man sich fragen, woher denn die Baumwolle kommen solle, wenn die Kapseln keine Samen führen. Verwendung. Die Baumwolle bildet das wichtigste Material zum Spinnen von Garnen und zur Herstellung von Weberei- produkten. Die Baumwollengarne dienen nicht nur zum Verweben (sowohl für sich allein, als auch mit aus anderen Fasern dar- gestellten Garnen), sondern auch zur Dar- stellung von Zwirnen. Ausgedehnte Verwen- dung findet die Baumwolle zur Gewinnung von entfetteter Baumwolle als Verbandstoff (Brunssche Watte usw.) und zur Darstellun Eine große Menge von Baumwolle wird gegenwä von Kunstseide (Chardonnet- Seide, Glanzseide usw Vergr. 300. q Querschnitte, s Spitzen der Baumwollhaare, m, »ii, m-y Mittelstiicke , h kegelförmig ge- stalteter Fuß der Haare. (Nach T. F Hanau sek.) Kollodium, rtig zur Darstellung .) verwendet. Das -11 Über Caravonicawolle s. Zimmermann, Der Pllanzer III (1907), p. 302; G. K. Rein, Tropenpflanzer, XIV (lOlO), p. 604f.; Derselbe, ebendaselbst XV (49H), p. -leel.; St. Paul Illair, ebendaselbst XIV (1910), p. 90f.; T. F. Hanausek, Mit- teilungen d. Technologischen Gewerbemuseums in Wien (1910). 9* 132 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. verbesserte Verfahren des meist als Erfinder der Kunstseide i) genannten Grafen Hilaire de Chardonnet (1890), bei welchem die Gefährlichkeit des Produktes (Nitrozellulose) durch Anwendung von Nalriumsulfhydrat beseitigt wurde, hatte einen großen Aufschwung in der heute schon von großer Wichtigkeit gewordenen Kunstseidefabrikation zur Folge. Es gibt heute neben der Ghardonnet-Seide noch andere Kunstseiden, welche nach ganz anderen Verfahren erzeugt werden, z. B. die Glanz- seide (Paulysche Seide), deren Substanz durch Fällung aus einer Lösung von Baumwolle in Kupferoxydammoniak erzeugt wird. Welche Sub- stanz zur Erzeugung der Kunstseide auch immer verwendet werden mag, immer ist ein Spinnapparat erforderlich, welcher die plastische Substanz in die Form der Seide bringt. Gegenwärtig werden bereits über sieben Millionen Kilogramm Kunstseide dargestellt (die Jahresproduktion an Seide in der ganzen Welt beträgt 18,5 Millionen Kilogramm 2), nach ein'er anderen Angabe 24,5 Millionen Kilogramm 3)) und die Produktion ist in fort- währendem Steigen begriffen. — Es werden nunmehr außer Baumwolle noch andere »Zellulosen« u. a. auch Holzzellulose zur Darstellung von Kunstseide verwendet. Neuestens versucht man die den Baumwollensamen anhaftenden Haare, welche im wesentlichen dem Samenbart und der Grundwolle angehören, aber auch Reste der eigentlichen Wolle enthalten, in der Papierfabrikation zu verwenden. Diese »Virgofasern « haben eine Länge von 4 — 6 mm*). Die ungeheuer große Menge von Baumwollptlanzen, welche zur Erzeugung der Faser verwendet wird, macht es begreiflich, daß man bestrebt ist, die Nebenprodukte der Faserpflanze möglichst auszunutzen. Von großer Bedeutung für die Ülgewinnung sind die Baumwollensamen geworden, über welche in einem späteren Kapitel abgehandelt werden wird. Neuestens hat man auch die Stengel der Baumwollpflanze mit Erfolg in der Papierfabrikation eingeführt s). Geschichtliches. Über die Anfänge der Baumwollenkultur ist wenig Sicheres bekannt, desgleichen über die Benutzung dieses Spinn- 1) Über Kunstseide s. C. Süvern, Die künsthche Seide, ihre Herstellung, Eigen- schaften und Verwendung. 3. Aufl. Bernn1912. Witt, Die künstlichen Seiden. Ver- hardlungen des Vereins zur Beförderung des Gewerbfleißes 1904. Lehner, Entwick- lung der Kunstseidedarstellung, Vortrag, gehalten in der Hauptversammlung der Deut- schen Chemiker. Nürnberg 1906. Herzog, Die Unterscheidung der natürlichen und künstlichen Seiden. Dresden, 1910. Kunststoffe, München, 1911 ff. F.Becker, Die Kunstseide. Halle, 1912. Stirm, Chem. Technologie der Gespinstfasern. Berhn1913. 2) Statistische Syndikate der Lyoner Seidenhändler 1906. 3) Stirm, 1. c, p. 231. 4) Kränzlin, Der Pflanzer, 1909, p. 44. 5) Tropenpnanzer VHI (1904) p. 4 59 ff.; Der Pflanzer 1910, p. 228. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 133 und WebstoCfes in den ältesten historischen Epochen. Behauptet wurde allerdings nach beiderlei Richtungen vieles, und manches davon gilt als feststehend. Allein strengen wissenschaftlichen Forschungen konnten die meisten dieser landläufigen Behauptungen nicht standhalten. Die Baumwolle der Alten Welt ist zweifellos indischen Ursprungs. Was an echten Baumwollstoffen bei Arabern, Persern, Ägyptern, Griechen und Römern verwendet wurde, kam entweder als Gewebe oder als Rohstoff aus Indien oder ist das Produkt von Kulturpflanzen, welche von der indischen Baumwollenpflanze (Gossypium herhaceum) abstammen. Nach Mitteilungen, welche ich Herrn Prof. L. v. Schröder verdanke, wird die indische Baumwolle (Kärpäsa im Sanskrit) mit Sicherheit zuerst in den jüngsten vedischen Schriften, den sog. Sütras, und zwar schon in Verbindung mit der Erzeugung von Gewändern (vasas) erwähnt. (Agvaläyana ^räutasütra 9, 4; auch Lätyäyana 2, 6, I; 9, 2, 14; bei- läufig 5 — 600 Jahre v. Chr.). Die Angabe Watts, Dictionary usw. IV (Kalkutta 1890) p. 43, daß die erste Erwähnung der Baumwolle wahr- scheinlich sich erst in den Institutionen des Manu finde (II, Nr. 44; Periode des klassischen Sanskrit, indisches Mittelalter), ist somit im Sinne obiger Angabe richtigzustellen. Auf Watts Vermutung, daß viel- leicht schon im Rig-Veda (also 1500 — 2000 v. Chr.) von Baumwolle die Rede sei, ist kein Gewicht zu legen. Nach Prof. v, Schröder ist nämlich die betreffende Stelle bei Watt unrichtig übersetzt. — In Ver- bindung mit upavita (Brahmanenschnur^) erscheint die Baumwolle zuerst in Manu, II, 44. Sichere Nachrichten über indische Baumwolle gehen also über die Zeit von 500 — 600 v. Chr. nicht hinaus. Die Angaben über Baumwollengewebe der alten Kulturvölker 2) stützen sich zumeist auf Deutungen der Ausdrücke (ivooog, byssus der 1) S. oben p. 103. 2) Von den am meisten verbreiteten Angaben über alte Baumwollengewebe seien folgende hier hervorgehoben. Die von Alexander dem Großen aus Indien mit- gebrachten Stoffe (GangesstofTe = yccyyrjTiy.cu Gti'd'öi'!;^) sollen durchweg Baumwollen- stoffe gewesen sein. Die ägyptischen Priester trugen Baumwollengewänder. In neuerer Zeit ist aber wahrscheinlich gemacht worden, daß diese Kleider aus Leinen- fasern gewebt waren (Pauly in dem unten genannten Werke p. -llOSff.). Joseph soll von Pharao ein baumwollenes Gewand erhalten haben. Die Ägypter, Römer und Griechen hätten die Baumwolle nicht nur als Spinn- und Webstoff, sondern auch zur Füllung von Polstern {Tihj = Pfühl) benutzt. Es ist aber wenig wahr- scheinlich, daß ein offenbar kostbarer Webstoff wie die Baumwolle, welcher zeitweilig mit Gold aufgewogen worden sein soll, als Füllmaterial gedient habe. Es liegt auch hier wohl eine Verwechslung mit einem anderen Faserstoffe vor. Die aus Malta nach Rom gebrachten feinen Webereien sollen baumwollene gewesen sein. Nach neueren historischen Forschungen ist dies aber nur eine Vermutung (Blümner, Technologie und Terminologie der Gewerbe und Küriste bei den Griechen und Römern. 134 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Griechen bzw. Römer, und des semitischen Wortes keton, auf welches die modernen Bezeichnungen coton, cotton, cottone, Kattun usw. zurückzuführen sind. Aber das Wort byssus ist ebenso vieldeutig i) wie das Wort keton^) und kann ebensogut Baumwolle als Leinen oder auch einen anderen Spinnstoff bezeichnen. Nur genaue materielle, insbesondere mikroskopische Untersuchungen sind imstande zu beweisen, aus welcher Faser ein als byssus, keton usw. bezeichnetes Gewebe besteht. Solcher Untersuchungen liegen aber bisher nur wenige vor. Ich nenne hier nur die wichtigsten. Herodot (Mitte des fünften Jahrhunderts v. Chr.) bezeichnete die Mumienbinden der Ägypter als ßvooog. Man deutete diesen Ausdruck lange als Baumwolle, und fast bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hielt man die Mumienbinden für Baumwollengewebe 3). Schon vor längerer Zeit ist aber diese Deutung als irrig erkannt worden 4). Später mit größerer Sachkenntnis ausgeführte Untersuchungen ^j haben die An- gaben Thomsons bestätigt und beweisen mit unumstößlicher Gewiß- heit daß die Mumienbinden durchweg Leinengewebe sind. — Die mikroskopischen Untersuchungen der ältesten arabischen und späterer Leipzig, I [1875], p. 188. 2. Aufl. I [1912], p. 199). — In China soll schon unter Kaiser Yao (2300 v. Chr.) Baumwolle verwendet, ja sogar gebaut worden sein. Nach neueren Forschungen wurde aber die Baumwollenkultur nicht, wie häufig angegeben wird (z. B. bei Semler, 1. c, p. 502), 200 Jahre v. Chr. in China eingeführt, sondern erst unter der Regierung Kubitai Chans (1257 — 1294) aus Ma'bar (im südlichen Indien) dahin gebracht (Ztschr. d. morgenländ. Gesellsch. I, p. 224). 1) S. z. B. den Artikel Byssus in Paulys Realenzyklopädie des klassischen Altertums, III (1899), p. 1108, wo nachgewiesen ist, daß hierunter im einzelnen Falle Seide, Muschelseide, Baumwolle, Leinenlasern usw. zu verstehen ist oder verstanden werden könne. S. hier und 1. c, p. 167 ff. auch über andere gleichfalls mehrdeutige Bezeichnungen der Baumwolle bei Griechen und Römern. 2) Nach gefälliger Mitteilung des Herrn Dr. Dav. Heinr. Müller, Prof. der semitischen Sprachen an der Wiener Universität, geht seine Ansicht dahin, daß das altsemitische Wort kettan nichts anderes als Leinen bedeutet. Es ist unentschieden, ob der Stoff »ses< (hebräisch, im Ägyptischen schens), aus welchem die Kopf- binde und der Leibrock des Hohenpriesters angefertigt wurden, Leinen oder Baum- wolle gewesen ist. Nach der Ansicht des genannten Forschers ist die Deutung des (Josua 2, 6) »pistim« genannten Baumes als »Baumwolle« irrig; darunter ist vielmehr »Flachsstengel« zu verstehen. 3) Als Gewährsmänner dieser Angabe sind von hervorragenden Forschern namentlich hervorzuheben Rouelle, Larcher und J. R. Forster, zitiert in Thomsons unten genannter Abhandlung. 4) Francis Bauer in Thomsons Abhandlung über Mumienbinden. Lieb ig und Wohle rs Annalen. Bd. 69 (1849). 5) F. ünger, Botan. Streifzüge auf dem Gebiete der Kulturgeschichte. IV. Die Pflanzen der alten Ägypter. Sitzgsber. der kaiserl. Akad. d. Wiss. in Wien. Bd. 38 (1859). Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 135 europäischer Papiere!) haben gelehrt, daß die bis in die achtziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts behauptete Existenz von aus roher, nämhch unversponnen gebliebener Baumwolle erzeugtem Papier (charta bombycina) in das Reich der Fabel zu verweisen ist, daß vielmehr alle sog. Baumwollenpapiere aus Leinen- und Ilanfhadern (Lumpen) erzeugt wurden. In dem bekannten Werke Karabaceks über das arabische Papier 2) wurde auf Grund eingehender historisch-linguistischer Studien gezeigt, daß die aus arabischen Quellen entnommenen Daten über Papiererzeugung mit dem Resultat der eben genannten mikrosko- pischen Untersuchung in vollkommenem Einklang stehen. Der Zusammenhang der römischen und griechischen baunnvollenen Gewandstoffe mit dem indischen Rohmateriale ist mehrfach aus sprach- lichen Gründen abgeleitet worden. Worte wie carbasa und ähnliche, die man für bestimmte Gewebe benutzte, wurden auf den oben schon genannten Sanskritnamen Karpäsa^) zurückgeführt^). Die Frage des Allers der Baumwollenkultur in Ägypten scheint mir noch offen zu sein. Nach Brandes s) soll 500 Jahre vor unserer Zeit- rechnung in Oberägypten Baumwolle gebaut worden sein und sollen die Griechen und Römer zu dieser Zeit bereits die daraus bereiteten Gewebe gekannt haben. Auch dieser Arbeit fehlt die materielle Grund- lage, weshalb ihre Resultate doch mit Vorsicht aufzunehmen sind. Immerhin bleibt es auffällig, daß Daten über die Kultur der Baumwolle in Ägypten aus der Zeit des Mittelalters fehlen und in dieser Zeit die Baumwolle nicht unter den Handelsprodukten Ägyptens erscheint 6). Ebenso sichergestellt wie die alte indische ist auch die alte Baum- wollenkuUur auf südamerikanischem Gebiete. Die mikroskopische Unter- 1) Wiesner, Die mikroskop. Untersuch, des Papiers mit besonderer Berück- sichtigung der ältesten orientalischen und europäischen Papiere (Die Fajümer und Uschmuneiner Papiere). II. u. III. Bd. der Mitteil, aus der Sammlung des Papyrus Erzherzog Rainer. Wien 1887. 2) Karabacei<, Das arab. Papier. 11. u. III, Bd. der Mitteii. aus der Samm- lung des Papyrus Erzherzog Rainer. Wien 1887. 3) »Kärpäsa« bedeutet ausschließlich Baumwolle, nämlich den Faserstoff, hingegen »Kärpäsi« die Baumwollenpflanze. 4) Bei Plinius erscheint zuerst ein in Spanien erzeugtes Gewebe, »carbasa« genannt. Die Ausdrücke xÜottccoo^ und carbasus bei Griechen und Römern deuten auf Baumwollengewebe hin, welche aus Indien stammten.- Als diese Worte sich im Griechischen und Lateinischen einbürgerten, teilten sie das Schicksal der Worte byssus und keton und wurden mehrdeutig. Es ist mit diesen Worten sowohl Baumwolle als (später) Leinen bezeicimet worden, und mehrfach haben sie nur die Bedeutung von Zeltstoff oder Segel. Pauly 1. c, im Artikel Baumwolle von Wagler. 5) Über die antiken Namen und die geographische Verbreitung der Baumwolle im Altertum. Leipzig 1866, p. 100. 6) W. Heyd, Geschichte des Levantehandels im Mittelalter. 1879. p. 574. ]^36 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. suchung von aus alten peruanischen Gräbern stammenden Textilstoffen hat unzweideutig gelehrt, daß die alten Peruaner die Baumwolle als Spinn- und Webstoff kannten. Sie verwendeten teils weiße, teils braune Sorten'). Zur Zeit der Eroberung Perus durch die Spanier (1532) stand dort die Baumwollenkultur schon in hoher Blüte. Auch im alten Mexiko war die Baumwolle, neben der Agavefaser, das gewöhnliche Spinn- und Webmaterial; andere Spinn- und Web- stoffe scheinen den Azteken nicht bekannt gewesen zu sein. Die Baumwollenindustrie beginnt erst am Ausgange des achtzehnten Jahrhunderts sich zu entwickeln 2). Bis zu den siebziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts hat man in erheblicher Quantität wohl Baum- wollen ge webe aus Indien nach Europa, vorzugsweise nach England, gebracht; rohe Baumwolle war aber zu dieser Zeit und auch früher nicht Gegenstand des Imports nach England. Am Schlüsse des sech- zehnten Jahrhunderts brachten die Holländer rohe Baumwolle nach Europa, welche in Gent und Brügge verwebt wurde; die so erhaltenen Produkte sollen den indischen Geweben nicht nachgestanden haben. Was damals an roher Baumwolle nach England gelangte, war für die Textilindustrie von ganz untergeordneter Bedeutung. Man konnte dort aus Baumwolle noch keine feste Kette machen und verwendete hierzu Leinengarne. Erst im Jahre 1772 wurden in England die ersten Gewebe aus reiner Baumwolle verfertigt. Von dieser Zeit an begann die Einfuhr von Baumwolle nach Europa. Schon im Jahre 4 782 wurden mehr als 33 000 Ballen Baumwolle nach Großbritannien allein gebracht 3). Die Länder, welche zur Zeit des Beginns des europäischen Baum- wollenhandels erhebliche Quantitäten dieser Ware nach Europa brachten, waren die Levante und Mazedonien^), Cayenne, Surinam^), Guadeloupe und Martinique*'). Länder, welche heute für den europäischen Baum- wollenhandel in erster Linie genannt werden müssen, wie Nordamerika, Indien, Ägypten, kamen damals noch kaum in Betracht. Indien führte damals allerdings, wie oben angeführt wurde, Baumwollengewebe aus. Der Rohstoff blieb aber im Lande, und nur von der Küste von Coro- mandel brachte man Baumwolle nach Europa^). Ägypten konnte da- 1) Wittmack, Über die Nutzpflanzen der alten Peruaner. Compt. rend. du Congrrs Intern, des Americanistes, Berhn -1888, Sept.-Abdr. p. 22. 2) Beckmann, 1. c, I, p. -laff. 3] Andree, Geographie des Welthandels, p. 638. 4) Beckmann, 1. c, p. 20 und 25. 5) Fermin, Übersicht der Kolonie Surinam, Deutsch von Ganz 1er. Göt- tingen 1788, p. 90. fii Beckmann, 1. c, p. 40. 7] Histoire philos. et polit. des etablissements dans les Indes. Geneve '1780. I, p. 34-1. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 137 mals seinen eigenen Bedarf noch nicht decken und kaufte Baumwolle aus Cypern und Kleinasien i). In Nordamerika wurden allerdings schon im Jahre 1770 die ersten Versuche mit der Kultur der Baumwollen- pdanze gemacht. Es dauerte indes doch einige Zeit bis dort der Baumwollenbau erstarkte. Aber schon im Jahre 1800 stieg die Pro- duktion auf 9 Millionen Kilogramm 2j. Von da an ging es mit der amerikanischen Baumwollenkultur rasch aufwärts, bis der amerikanische Bürgerkrieg zu einem plötzlichen Sturz der Produktion • führte. Es folgte die Periode des »Baumwollenhungers«, in welcher in allen tro- pischen und subtropischen Ländern, ja über diese weit hinaus, die Baum- wollenpflanze in Kultur genommen wurde. Vielfach mit lohnendem Erfolge, der auch heute noch manchem Lande erhalten blieb, wenngleich, namenthch durch lokal vorteilhaftere andere Kulturen (s. bezüglich Australien oben p. 130), ein Rückgang in der Produktion der Baum- wolle in vielen Gebieten sich einstellte. Aber Nordamerika hat seine Stellung als wichtigstes Produktionsland der Baumwolle nicht nur zurück- erobert, sondern bringt nunmehr eine noch größere Menge an dieser wichtigsten Ware des Welthandels (King Cotton!) hervor als vor dem Kriege. Aus der mit Sorgfalt geleiteten Baumwollstatistik der Ver- einigten Staaten ist zu ersehen, daß in dem Dezennium vor dem Kriege 13 000 Millionen Kilogramm Baumwolle dort geerntet wurden, gegenüber 20 000 Millionen Kilogramm in dem dem Bürgerkriege gefolgten Jahrzehnt. Während des Baumwollenhungers hat Indien in der Kultur der Baumwollenpflanze die größten Fortschritte gemacht. Vom Jahre 1815, als die indische Baumwolle zuerst in größerer Menge nach Europa ge- bracht wurde, bis zum Jahre 1861 stammten nur 9 — 25 Proz. der in Großbritannien verarbeiteten Baumwolle aus Indien, die Menge der ame- rikanischen Baumwolle betrug damals 46 — 84 Proz. Zur Zeit des ame- rikanischen Bürgerkrieges stieg die Menge der aus Indien nach England gebrachten Baumwolle auf 40 — 50 Proz., während die Menge der aus Nordamerika kommenden auf 42, ja zeitweise auf 7 Proz. sank. Die nachfolgenden Zahlen sollen ein Bild von der Gesamtproduktion der Baumwolle auf der ganzen Erde und von dem Anteil geben, welcher derzeit den wichtigsten baumwolleliefernden Ländern zufällt. Die Zahlen bedeuten Ballen a 500 Pfund Nettogewichts). 1904 . . . . 18,803,000 Ballen 1905 . . . . 15,747,000 » 1906 . . . . 19,942,000 » 1) Beckmann, 1. c, p. 19. 2) Semler, 1. c, p. 498. 3) Nach Tropenpflanzer, XIII (1909), p. 438 ff. 138 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 1907 1908 Vereinigte Staaten von Amerika 10,882,(100 Ballen 13,002,000 Ballen Britisch Indien 2,498,000 » 2,914,000 » Ägypten ■I,29(i,000 » 1,275,000 » Rußland 620,000 » 846,000 » China 426,000 » 600,000 » Brasilien 370,000 » ' 425,000 » Mexiko 70,000 » 140,000 » Peru . • 55,000 » 57,000 » Türkei 80,000 » 80,000 » Persien 50,000 » 30,000 » Andere Länder 165,000 » 185,000 > Summe 16,512.000 Ballen 19,374,000 Ballen Zu diesen Hauptsummen wären noch jene nicht bekannten Zahlen zu rechnen, weiche die für den Lokalbedarf in kleinen Betrieben gewonnenen Baumwollenmengen beziffern l). Das enorme Übergewicht der nordamerikanischen Baumwollen- produktion gegenüber der Erzeugungsmenge aller anderen Länder ist vom wirtschaftlichen Standpunkte aus oft betont worden und man hat die Frage aufgeworfen, was zu geschehen habe, um zu verhindern, daß Nord- amerika, wo die Ausschreitungen der Trusts am stärksten hervortreten, das Monopol für ein Handelsobjekt von der Bedeutung der Rohbaumwolle fast ganz in die Hand bekomme, M. Schanz spricht sich über diese Frage folgendermaßen aus: ». . . Die für Europas Baumwollenindustrie so unerquickliche Lage kann dauernd nur dadurch gebessert werden, wenn es gelingt, eine wesentliche Steigerung des Baumwollenbaues in Gebieten außerhalb Amerikas zu erreichen; die natürlichen Vorbedingungen dazu sind erfreulicherweise in vielen Teilen der Erde vorhanden und je höher die Preise der Rohprodukte in Nordamerika steigen, um so leichter wird die Einführung eines lohnenden Baum- wollenbaues auch in anderen Ländern werden« 2). In vielen warmen Ländern werden große Anstrengungen gemacht, um den Baumwollenbau zu heben. Dies erkennt man u. a. an der in neuester Zeit erfolgten Steigerung des Baumwollenbaus in Afrika. Es heferten die englischen Kolonien in Afrika im Jahre 1908 Baumwolle im Werte von 12,1 Mill., die deutschen Kolonien im Werte von 2,8 Mill. und die französischen im Werte von 0,5 Rlill. Mark 3). Die größte Baumwollenindustrie hat Großbritannien (45 Millionen Spindeln); hierauf folgen, bez. folgten die Vereinigten Staaten (16 Millionen 1) Wie oben angegeben wurde, schätzt man die Baumwollenernte von 1910/11 auf 4,5 Milliarden Kilogramm (gegenüber 4,9 Milliarden Kilogramm lür das Jahr 1908). S. auch noch Tropenpflanzer, XIV (1910), p. 369ff. 2; M. Schanz, Baumwollennot. Tropenpflanzer XIV (1910), p. 63. 3) K. Supf, Tropenpflanzer, Beiblatt 1910. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 139 Spindeln), sodann das Deutsche Reich, Frankreich, Rußland, Ostindien, das ehemalige Österreich-Ungarn, Itahen usw. Einen enormen Aufschwung hat in neuerer Zeit die japanische Baumwollenindustrie genommen: ob- gleich die Baumwollespinnmaschine erst 1 875 in Japan eingeführt wurde, arlieiteten schon 1894 780 000 Spindeln (gleichzeitig in hidien 3,5 MiUionen Spindeln). 2. Wolle der Wollbäiimei). In der Fruchtkapsel der Bombaceen ist eine feine, seidige, die Samen umhüllende Wolle in reichlicher Menge vorhanden, die seit alter Zeit her gesammelt und verschieden verwendet wird. Diese Wolle geht nicht wie die Baumwolle von den Samen, vielmehr von der inneren Fruchtwand aus^). Die Wolle der Wollbäume ist also keine Samenwolle wie die Baumwolle, sondern ist den Geweben der Frucht zuzuzählen. Es gehören hierher vor allem die in Brasilien gewonnene »Paina limpa«, das Produkt »Kapok« der Sudanesen und die im europäischen Handel unter dem Namen »Pflanzendunen«, »Ceibawolle«, »Patte de lievre und »Edrdon vegetale« vorkommenden Waren. Im deutschen Handel hat sich in neuerer Zeit für die Wolle der Wollbäume (ins- besondere für die Wolle von Eriodendron anfractuosum) der Name Kapok zum Unterschiede von den vegetabilischen Seiden, welche man als Akon zusammenfaßt, eingebürgert. Der Name Kapok nimmt über- haupt immer mehr einen internationalen Charakter an, was rücksicht- Uch des Wortes Akon nicht gesagt werden kann. Die Paina limpa ist die Wolle von Bomhax heptaphyUum und anderen in Südamerika und Westindien vorkommenden Wollbäumen. Auch B. caroUnuni^ eine südamerikanische Bombacee, liefert eine Art Paina. Sonst wäre von Bombax-Arlen^ deren Wolle praktisch verwendet wird,. noch zu nennen B. cumanense^ welche in Venezuela ein Polster- material liefert, genannt Lana vejetale^j, B. rhodognaphalon^ der wilde Kapok der ostafrikanischen Steppen, welcher gutes Stopfmaterial für Kissen liefert^), und B. malabaricum, dessen Wolle im Handel als indische Pflanzendunen erscheint, aber u. a. auch aus Ecuador in den Handel kommt. i] Als Grundlage für die folgende Darstellung diente vornehmlich die Abhand- lung: Beiträge zur näheren Kenntnis der Baumwolle und einiger anderer Pflanzen- haare. Wiesner, Mikroskopische Untersuchungen (1872), p. 3 ff. 2) Schumann in Engl er- Prantls Pflanzenfamilien III, 6 (1895), p. 56 be- merkt ausdrücklich, daß die Samen von Bomhax, Eriodendron, Ochroma und Cho- risia kahl sind. 3) A. Ernst, Die Beteiligung Venezuelas an der Wiener Weltausstellung 1878. 4) Gurke in Englers Pflanzenwelt Ostafrikas B (1895) und Warburg in den Beiheften zum Tropenpflanzer I (1900), p. 6. 140 Siebzehnter Absclinitt. Fasern. Was im Handel unter dem Namen Kapok vorkommt, war ursprüng- lich nur und ist derzeit gewöhnlich die Fruchtwolle von Eriodendron anfractuosum (der Kapok der Holländer, der silk-cotton-tree der Eng- länder), welcher Baum in Indien und auf dem Archipel häufig vorkommt und übrigens auch im tropischen Afrika, in Mexiko und auf den Antillen zu Hause ist^). Das edrdon vegetale, auch patte du lievre genannt, stammt von Ochroma lagopiis^ einer westindischen, auch im heißesten Süd- amerika vorkommenden 2) Bombacee, welche auf Guadeloupe und Mar- tinique auf Wolle ausgebeutet wird. Unter dem Namen »Ouate vege- tale« kommen die verschiedensten Wollen vor, die wahrscheinlich nicht nur von Bombax- und Ochroma-^ sondern auch von Chorisia- Ar\er\'^) herrühren. Die Wolle der Wollbäume hat ein schönes glänzendes Aussehen, aber nur eine geringe Festigkeit und Dauerhaftigkeit, so daß sie nicht den Eindruck einer spinnbaren Faser macht. Sie wird aber dennoch teils als solche, teils mit Baumwolle gemengt versponnen, wie weiter unten noch näher dargelegt werden solH). Als Watte und als Polster- material wird sie jedoch häufig verwendet. Die Wolle aller Bombaxarten hat einen stark seidigen Glanz und unterscheidet sich in der Feinheit und leichten Zerreißbarkeit der Fasern selbst von den schwächsten Sorten der Baumwolle, schon ohne jede weitere genaue Untersuchung. Ich kann deshalb Grothe nicht beistim- men, wenn er erklärt, die Wolle der Wollbäume sei der Baumwolle »sehr ähnlich«. Die Wolle der WoUbäume ist in der Regel rein, ziemlich frei von Beimengungen. Die Samen der Pflanzen, besonders unreife, kommen manchmal darin vor. Den unreifen Samen, welche stets stark zusammen- geschrumpft sind, haften oft mechanisch noch Haare an, und dies ist wohl der Grund, warum gerade sie in den käuflichen Bombaxwollen manchmal vorkommen. Die reifen Samen haben eine glatte Oberfläche und lassen sich deshalb leicht von der Wolle trennen. Die Samen sind von eiförmiger bis bauchig-bohnen förmiger Gestalt, braunschwarzer Farbe und haben Hanfkorn- bis Erbsengröße. Die Bombaceenwolle ist nur selten reinweiß: fast immer zieht sie ins Gelbliche oder Bräunliche, manchmal ist sie graubräunlich oder tief 1) Schumann, I. c., p. 62. Was in St. Thome Sumaüna oder Ca de Oca genannt wird, ist die Wolle von Eriodendron anfractuosum. 2) Schumann, 1. c, p. 6ö. 3) S. oben p. 89. 4) Grothes Artikel über Textilindustrie in: Muspratts Chemie 2. Auil. V, p, 132. Zipser, Textile Rohmaterialien 4 899, p. 14. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 141 ! gelbliche bis bräunliche Farbe hat ihren Sitz in der Zellmembran. An graubramien Wollen habe ich die Beobachtung gemacht, daß die einzelnen Haare von innen her mit zarten Pilzwuche- rungen bedeckt sind. Aufbewahrung in feuchten Räumen ist die Ursache dieser Bildungen. Die Paina limpa ist oft ziemlich weiß, ebenso Kapok s. st. Hingegen hat eine andere brasilianische Painasorte eine licht- bräunliche (licht havannabraune) und die Ochromawolle eine gelbbraune Farbe (Färbung der Nankingwolle). — Die Farbe ist kein sicheres Unterscheidungsmerkmal für die Bombaxwollen , da keine Sorte völlig frei von Farbstoff ist und an einzelnen Spezies Übergänge von lichtgelb bis fuchsbraun auftreten. Die Haare aller Bombaxwollen sind fast immer nur einzelne Zellen. Nur sehr selten fand ich diese Haare zweizeilig, ein Fall, den ich an Baumwolle nie beobachtet habe. Die Gestalt der Haare ist fast immer eine kegelförmige. Doch ist der Grund der Haare fast immer entweder etwas eingeschnürt oder ausgebaucht. Starke Abweichung von der konischen Gestalt habe ich bei den Haaren von Ochroma lagopus beobachtet (s. unten). Die Länge der Haare dieser Wollen schwankt gewöhnlich zwischen 1 — 3 cm. Die Haare von B. caroUnum erreichen nur eine Länge von 1 — 2 cm, länger sind die von B. heptaphyllnin. Eingehende Unter- suchungen über den Stapel der Kapok, nämlich der Wolle von Erio- dendron anfractuosuni hat Linckei) angestellt. Die durchschnittliche Länge dieses wichtigsten Wollhaares beträgt 15 — 35 Millimeter. Der grüßte Durchmesser der einzelnen Haare schwankt zwischen 19 — 43 ;it, meist jedoch zwischen engeren Grenzen, nämlich zwischen 21 — 29;«. Die Wanddicke ist eine sehr geringe, häufig beträgt sie nur 1 ,3 1.1. Im Mittel verhält sich die Wanddicke dieser Haare zum Durch- messer des hmenraums der Zelle wie 1:10 (bei der Baumwolle im Mittel etwa wie 4 -.10) und es lehren schon diese Zahlen, daß Festigkeit und Dauerhaftigkeit der Bombaceenwolle nur sehr gering sein können. Die Kutikula ist an den Haaren der Bombaxwolle stets stark ent- wickelt, doch finde ich sie fast immer völhg strukturlos. Nur an ein- zelnen Haaren schien es mir, als zeigte die Kutikula eine überaus feine der Achse parallele Streifung. Sehr deutlich habe ich eine solche Längs- streifung an einzelnen Wollhaaren von Cochlospermum Gossypium be- obachtet, deren Wolle so wie Bombaxwolle verwendet werden soll. Die eigentliche Wand der Haarzelle besitzt an einzelnen Stellen eine sehr klar ausgesprochene Struktur, welche es ermöglicht, die Bombaxwolle von verwandten Fasern (Baumwolle, vegetabilische Seide) 1 ) In der weiter unten mehrfach zitierten wichtigen Abhandlung über Kapok. 142 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. auf das bestimmteste unterscheiden zu können. Betrachtet man näm- hch ein Bombaxhaar, z. B. eine Kapokfaser bei SOOfacher linearer Ver- größerung, so erkennt man, meist an der Basis, seltener an der Spitze oder an irgendeiner anderen Stelle eine ringförmige Streifung, so daß man eine Ringfaserzelle vor sich zu haben meint. Starke Vergrößerungen lehren hingegen, daß die betreffenden Stellen eine netzförmige Ver- dickung besitzen, worauf ich zuerst die Aufmerksamkeit lenkte i) (Fig. 23). Die unverletzten Haare der Bombaxwollen sind stets gerade ge- streckt. Schraubenförmige Windungen, welche an der Baumwolle so überaus häufig vorkommen und ihr ein korkzieherartiges Aussehen geben^ kommen hier nicht vor, wie die eingehenden, von Lincke angestellten Beobachtungen lehrten. Wie die außerordentliche Dünne der Zellwand nicht anders erwarten läßt, sind die Haare der Bombaxwolle häufig verletzt. Fast immer sind solche beschädigte Zellen eingeknickt. Die Bruchlinien stehen zumeist in zur Achse mehr oder wemger senkrechter Richtung. Längsspalten kommen an den Haaren dieser Wolle wohl nie vor. Mit Phlorogluzin und Salzsäure behandelt, werden nach einiger Zeit die Wollhaare aller untersuchten Bombaceen schwach rotviolett gefärbt; ihre Zellwände sind somit schwach verholzt. Durch Jod und Schwefelsäure werden die Zellwände nicht gebläut (wie Baumwolle), sondern gelb oder braun gefärbt.- Kupferoxydammoniak verändert sie fast gar nicht. Die angeführten morphologischen und chemischen Kennzeichen ge- nügen, um die Bombaxwolle von allen verwandten Faserstoffen (Baum- wolle und vegetabilischer Seide) auf das bestimmteste zu unterscheiden. Schon durch die Reaktion auf Zellulose mit Jod und Schwefelsäure und auf die Holzsubstanz mit Anilinsulfat oder Phlorogluzin + Salzsäure ge- lingt es, wie ich fand, diese drei aus Haaren bestehenden Faserstoffe zu charakterisieren, wie folgendes Schema zeigt. Durch Jod und Schwefelsäure blau: Baumwolle. durch Anilinsulfat gelblich, durch Phlorogluzin -f- Salzsäure nach eini- ger Zeit blaß i^otviolett: Bombax- wolle. durch Anilinsulfat intensiv zitron- gelb, durch Phlorogluzin + Salz- säure intensiv rotviolett: Vegeta- bilische Seide. So leicht es ist, die Bombaceenwolle von allen anderen Fasern und selbst von den zunächst verwandten (Baumwolle und vegetabilische Seide) 1) Mikroskopische Untersuchungen, Stuttgart 1872. Durch Jod und Schwefelsäure gelbbraun Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 143 zu unterscheiden, so schwierig ist es, die Wollen verschiedener Bom- baceen auseinanderzuhalten. Die Sache hat auch keine praktische Be- deutung. Am wenigsten schwer wird es sein, die Wolle von Ochroma lagopus von den übrigen Bombaceen wollen zu unterscheiden. Die Haare dieser Wolle sind stets einzellig, verhältnismäßig am tiefsten braun gefärbt, relativ am schwächsten verholzt: die Kutikula dieser Haare ist völlig strukturlos. Die Form der Zellen ist nicht regelmäßig konisch, sondern baucht sich bis etwa zur oder bis hinter die Mitte aus, um gegen die Basis hin sich wieder rasch zu verschmälern, ja oft förmlich einzuschnüren. Der Querschnitt der Faser ist gewöhnlich kreisrund, doch kommen nicht selten auch fast bandförmig gestaltete und dann meist korkzieherförmig gewundene Haarformen vor. Die größten Durchmesser der Haare schwanken zwischen 16—35 u] die Wanddicken zwischen 3 und 8 n. Die Wanddicke ist im Verlaufe der Faser ungleich, häufig etwa in der Mitte der Faser am stärksten. Nicht selten ist die Spitze des Haares und auch der Grund desselben stark verdickt. — Es treten an den Haaren der Ochroma lagopus ähnliche Strukturver- hältnisse wie bei den Wollen der oben genannten Bombax-kvlexx, aber nie mit jener Deutlichkeit wie bei diesen auf. Viele Haare erscheinen geradezu strukturlos. Am Grunde jedes Haares tritt eine bräunlich gefärbte, bei Behandlung des Haares mit Wasser schaumig werdende Inhaltsmasse auf. Im In- halte der Zellen fand ich oft Oxalsäuren Kalk in sogenannten Briefkuvertformen, Die Zell- wand ist stets gelblich bis lichtbräunlich gefärbt, — Die Haare von Eriodendron anfractuosum sind von denen der eigentlichen Bombax- Arten {Eriod. anfract. ist früher auch zu Bombax gezogen worden) mit Sicherheit nicht zu unterscheiden i). Der in der Zellwand der Bombaceenhaare auftretende gelbe oder braune Farbstoff zeigt bei allen von mir untersuchten Arien (Bombax, Eriodendron, Ochroma) das gleiche Verhalten. Weder durch Wasser, noch durch Säuren oder Alkalien, noch durch die Lösungsmittel der Harze läßt sich dieser Farbstoff in Lösung bringen. Salpetersäure ruft in der Zellwand anfänsclich eine noch dunklere Farbe hervor. Auch Fig. 23. lVergr.250. ÄVergr.üOO. Unteres Ende eines Haares aus der Samenwolle des Wollbaumes : Eriodendron anfractuusiim. (Aus Wiesner, Mikr. Unters. 1872.) \) Wiesner, Mikr. Unters, p. 5, und v. Höhnet, Mikroskopie der techn. verw. Faserstoffe, 1. Aufl. ]^44 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. durch Ammoniak wird die Farbe der Zellwand noch dunkler. Durch längere Einwirkung kalter Salpetersäure entfärbt sich unter Aufquellung der Zellwand die Zelle völlig. — Der Farbstoff der BorabaceenwoUe verhält sich so wie der Farbstoff der Nanking-Baumwolle (vgl. oben p. 123). Kapok. Die wichtigste Sorte der BombaceenwoUe ist die schon mehrfach erwähnte Fruchtwolle von Eriodendron anfractuosum. Der europäische Hauptmarkt dieser VVaare ist Amsterdam, der australische Melbourne. Die Handelsnamen waren bisher sehr wechselnd. Wie schon bemerkt, bürgert sich immer mehr und mehr der holländische Name Kapok ein. Kapok ist in neuerer Zeit ein ziemlich wichtiger Handelsartikel ge- worden, und eine reiche Literatur verbreitet sich sowohl über die Kultur des Kapokbaumes wie über die Eigenschaften des Materials und dessen. Verwendung!). Die größte Menge von Kapok liefert Java; nämlich 80 Proz. der in den Welthandel eintretenden Ware; aber die Produktion ist dort noch im Steigen begriffen. Java führte aus: -1906 . . . 5700 Tonnen Kapok 1909 . . . 8300 » » \%\\ . . . 9900 y> * 2) Der Kapokbaum ist asiatischen und afrikanischen Ursprungs; auf Java ist er nicht wild, aber verwildert (S. H. Ko Orders). Auf Java wird der Baum mit Kaffee und Kakao zugleich kultiviert oder als Straßenbaum, auch wird er als Einfriedigung von Kulturstücken gezogen. Die Vermehrung des Baumes geschieht entweder durch Samen oder rationeller durch Stecklinge. Der hauptsächlich aus Haaren (Wolle) bestehende Fruchtinhalt wird entkernt. Zur Gewinnung guten Kapoks sollen nur reife Früchte verwendet werden 3). Die Samen bilden ein zur Ölpressung geeignetes Nebenprodukt. Es erscheint zweckmäßig, die entkernte Wolle vor der Verpackung, in Säcke lose eingefüllt, zu trocknen. Für den Export wird der Kapok durch Pressen auf ein kleineres Volumen gebracht, doch darf die Pressung nicht so weit wie bei Baumwolle ge- trieben werden, weil sonst die Faser durch Brechen leidet. 1) S. hierüber hauptsächhch E. Alex. Lincke, Über Kapok, Doktordissertation der Dresdner Techn. Hochschule, Dresden 1912. Ferner Brück, Tropenpflanzer Bd. XVI, 191i, woselbst hauptsächlich auf Erzeugung und Handel in dem wichtigsten Produktionsland für Kapok Rücksicht genommen wird, und G. F. J. Bley, Die Kapok- kultur auf Java, Souraboja 1911. 2) Tropenpflanzer XVI (1912), p. 400 fi". 3) Zu verurteilen ist es, die Frucht vor der Reife zu ernten und durch Fermen- tation der Faser das Aussehen von Reife zu geben, wie es kürzlich infolge hohen Preises zum Nachteil der Ware geschehen ist. Tropenpflanzer XV (1911), p. 103. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 145 Von anderen tropischen Gebieten, welche Kapok in den Handel bringen, wären hauptsächlich die folgenden zu nennen: Venezuela, dessen Produkt sogar besser als das javanische sein solP), Deutsch-Ostafrika 2), wo Kapok als Nebenkultur gute Erträge liefert, ferner Togo und Ada- maua^). Auch in Australien wird Kapok gewonnen, ueuestens auch in Mauritius 4) und in Oaxaca (Mexiko^). In der Literatur wird auch Ekuador als Produktionsland des Kapok genannt, wo aber nur eine geringe, angeblich von Bombax malabaricum herrührende Kapoksorte gewonnen werden soll 6). Eingehende Untersuchungen über die physikalischen Eigenschaften des Kapoks wurden von Lincke angestellt '^). Das spezifische Gewicht wurde mittels der Auftriebmethode bestimmt. Inklusive Luft beträgt dasselbe für Kapok 0,30—0,32 (für Akon 0,34—0,36). Nach voll- ständiger Evakuierung ergab sich als spezifisches Gewicht für Kapok 1,32 (für Akon 1,42). Der Höchstgehalt an hygroskopischem Wasser beträgt für Kapok 28,5 Proz. (für Akon 26 Proz.). S. Schwalbe und R. Troeltzsch^) haben jüngsthin Beiträge zur chemischen Beschaffenheit des Kapok geliefert, wobei sie ostafrikanische Ware mit der indischen (javanischen) verglichen. Als Höchstwert des Gehaltes an hygroskopischem Wasser wurde bei afrikanischem Kapok im lufttrocknen Zustande 10,3, bei javanischem 9,4 Proz. gefunden. Die Asche beider Sorten ist infolge hohen Eisen- gehaltes rotbraun. Afrikanischer Kapok gab 2,41 — 2,49, javanischer 1,27 — 1,34 Proz. Asche. In ersterem wurde 69,9 — 71,6, in letzterem 66,4 — 75,4 Proz. Zellulose gefunden. Rohfett (Fett und Wachs) waren nur in sehr geringer Menge nachweisbar. Der Stickstoffgehalt, welcher für Baumwolle = 0,2 — 0,3 gesetzt wird, betrug bei afrikanischem Kapok 0,30—0,33, bei indischem 0,34—0,35 Proz. Der Kapok ist nach bisherigen Erfahrungen das beste Material für Schwimmgürtel u. dgl. Er übertrifft nicht nur in bezug auf Tragkraft \) Tropenpflanzer XV (lOH), p. 456. 2) Tropenpflanzer IX (1905). 3) Tropenpflanzer XVI (ISia) Beiheft. Daselbst ist angegeben, daß neben Eriodendron anfractuosum auch Bombax buonopoxense auf Kapok ausgebeutet wird. 4) Station agronomique. Mauritius igOS (nach Botan. Jahresbericht 1909). 5) Nach Berichten des Kais, deutsch. Vizekonsulats in Oaxaca (Mexiko) (für das Jahr 1913) ist Kapok unter dem Namen Pochote ein neuer Exportartikel des Staates Oaxaca. Es beschäftigt sich die Compania Pochotera Mexicana in Oaxaca mit der Kultur von Eriodendron anfraetuosum und mit der Ausbeutung derselben auf Faser und Öl. — Nach den Berichten des Kais, deutsch. Konsulats in Mexiko produzierten die Philippinen im Jahre 1913 500 000 kg Kapok, der aber geringer als der javanische ist. 6) Tropenpflanzer XV (1911), p. 456. 7) E. Alex. Lincke, 1. c, p. 32fl'. 8) Tropenpflanzer XVII (1913, Dezember). Wiesner, Rohstoffe. III. Band. 3. Aufl. 10 146 Siebzehnter Abschnitt, Fasern. die anderen bisher verwendeten Materialien (Kork, Renntierhaare, Sonnen- blumenmark), sondern ist auch dadurch ausgezeichnet, daß er nach Imbibition mit Wasser rasch wieder trocknet und seine früheren Eigen- schaften wiedergewinnt. Gepreßter Kapok vermag das 36 bis 37 fache des eigenen Gewichtes zu tragen. Nach den Untersuchungen der Deutsch. Physik.-techn. Reichsanstalt übersteigt der passend gepreßte Kapok (1 g auf 40 cm3) das Sonnenrosenmark an Tragfähigkeit noch um Ys — V4 und erleidet dieser Faserstoff beim Eintauchen in Wasser und Wieder- abtrocknen keine iiach weisliche Veränderung, während Sonnenblumen- mark viel langsamer trocknet und im ausgetrockneten Zustande nicht mehr die ursprünglichen Eigenschaften gewinnt i). Als Polstermaterial ist Kapok außerordentlich wichtig geworden, hl neuerer Zeit wird er auch als Ersatz der Baumwolle in der Chirurgie angewendet^]. Viele Versuche sind namentlich von der Chemnitzer Aklienspinnerei unternommen worden, um Kapok für textile Zwecke zu verwendoi. Es wurden Kapokgarne, Kapokzwirne und Kapokgewebe erzeugt, letztere als reine und gemischte Gewebe (Kapok in Mischung mit Baumwolle und dem unten bei vegetabihscher Seide erörterten Akon). Nach fachmännischem Urteil scheint Kapok als Spinn- und Webematerial nur eine geringe Zukunft zu haben und selbst für die geringsten Baumwollensorten keinen wirklichen Ersatz zu bieten 3). Nach Schwalbe und Troeltzsch (1. c.) besitzt der Kapok, wie sich der Papiertechniker ausdrückt, eine große Räumigkeit, d. h. besitzt, seinem histologischen Charakter entsprechend, die Fähigkeit, das Volum des Papiers sehr zu vermehren. Deshalb ist er besonders zur Her- stellung von Dachpappe geeignet und konnte die bisher als Zusatz zur Dachpappe benutzte teuere Wolle ersetzen. 3. Vegetabilische Seide''). Die Samen vieler Pflanzen sind, wie bekannt, mit einem Haarschopf versehen. Die Haare dieses Samenschopfes sind bei einigen Apocyneen und Asclepiadeen so lang und glänzend, daß man vielfach versucht hat. i) Auf Kapok als Füllmaterial für Rettungsgürtel wurde ein Reichspatent verliehen. In England soll (Die Deutsche Leinen-Industr., 1918, Nr. 6) während des Krieges große Nachfrage nach Kapok für Rettungsbojen usw. gewesen sein, obwohl durch das Board of Trade vorgeschrieben ist, daß für diese Zwecke vor allem Java- Kapok gebraucht werden solle, ist man doch der Ansicht gewesen, daß Togoland- Kapok dieselben Dienste leisten werde. Auch in Nordamerika hat in den letzten Jahren der Kapokverbrauch sehr zugenommen. (Tropenpflanzer, 1919, p. 63.) 2) Möller, Tropenpflanzer III (1899), p. 144. 3) A. Herzog, Textile Erzeugnisse aus Kapok. Tropenpflanzer XVI (191 2), p.lSSff. 4) Wiesner, Mikr. Unters. Stuttgart 1872, p. GS. Arnaudon, J. J., Sur les soies veget. Monit. scientif. 1893, p. 693fr. v. Höhnel, Mikrosk. usw. 1905, p. 30 f. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 147 sie zu verspinnen und zu verweben. Man hat diesen Faserstoffen den Namen {»vegetabilische Seide« (Soie vegetale oder Soyeuse) gegeben. Im Handel erscheint jetzt dieser Faserstoff unter dem Namen Akon (s. oben p. i39). Sehr häufig hat man versucht, die sogenannte syrische Seidenpflanze (Äsdepias syriaca), die eigentlich aus Nordamerika stammt und häufig in unseren Gärten als Zierpflanze gezogen wird, auf vegetabilische Seide auszubeuten. Die in den 3 — 5 Zoll langen Balgkapseln enthaltenen Samenhaare wären wohl lang genug, um versponnen werden zu können, der starke Glanz der Haare würde den Geweben auch ein schönes, seidiges Aussehen geben, auch wäre der Ertrag des Bodens an dieser vegetabilischen Seide ein genügender; allein genaue und unparteiische Untersuchungen, welche in neuerer Zeit mit diesem Materiale ausgeführt wurden, haben gelehrt, daß die seit langer Zeit immer wieder auftauchenden Hoffnungen , die man in die Verwendbarkeit dieser Fasern setzte, die Festigkeil zu gering, dieBrüchigkeitsogroJß, daß es kaum gelingt die Faser für sich zu verspinnen. Mit Baumwolle gemengt versponnen, fällt diese vegetabilische Seide beim ersten Gebrauche oder beim Waschen des Gewebes heraus. Auch zur Bereitung von Schieß- wolle läßt sich dieser Faserstoff nicht verwenden, da er zu viel Asche hinterläßt und überhaupt nicht schnell genug abbrennt. — Die Versuche mit diesem Spinnstoffe ziehen sich bereits mehr als ein Jahr- hundert hindurch. Obschon die Unbrauchbarkeit dieser Faser schon vor längerer Zeit erwiesen wurde, ist man wieder auf sie zurückgekommen, und es hat den Anschein, als würde die Sache noch immer nicht abgetan sein, da man bei den neuen Experimenten auf die schon gemachten Erfahrungen keine Rücksicht nimmt und diejenigen, welche die neuen Versuche anstellen, sich gewöhnlich von ihren sanguinischen Hoffnungen nicht trennen können i). ■I) Eine sehr interessante Schrift über die Seidenhaare der Asclepias syriaca verfaßte H. Meitzen (Über die Fasern von Äsdepias Cornuti. — Inauguraldisser- tation. Göttingen 1862). Sie enthält eine gründliche Darlegung der Wertlosigkeit und eine recht anziehende Darstellung der Geschichte dieses sogenannten Spinn- 10* Fig. 24. Natürl. Größe. Samen von Asckinits cur savica mit Haarschopf (vegetabilische Seide). 148 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Von anderen Äsclepias-Arten, welche vegetabilische Seide liefern, sind zu nennen: Ä. ciirassavica und A. volubüis, beide in Westindien und Südamerika zu Hause. Nach den zahlreichen Proben von Samen- haaren der erstgenannten Pflanze, ferner von daraus angefertigten Ge- spinsten und Geweben, welche zu den Pariser Weltausstellungen gesandt wurden, scheint erstgenannte Pflanze häufiger als letztere auf vegetabilische Seide ausgenutzt zu werden. — Ich gebe hier bloß die Beschreibung der Samenhaare von Ä. curassavica^). In Massen, dicht beisammen- liegend, zeigen diese Haare einen deutlichen Stich ins Gelbliche. Der Glanz der »Seide« ist ein starker, die Festigkeit entschieden größer als bei A. syriaca. Die Seide ist nicht völlig rein. Stücke des Kapsel- gewebes und Samen treten hin und wieder zwischen den Haaren auf. Die Samen sind bräunlich gefärbt, 5 — 6 mm lang, etwa 4 mm breit. Auf einer schmalen, scharf ab- geschnitten erscheinenden 1,5 — 2 mm breiten Fläche sitzen die Haare, einen dich- ten Schopf bildend, auf. Nahe dem Grunde sind die Haare stärker als an den übrigen Stellen fingiert. Die Länge der Haare beträgt 1—3, meist 2,5 cm. Jedes Haar ist wie eine Baumwollfaser eine einzige Zelle. Die Form dieser Zelle ist regelmäßig kegelförmig und unterscheidet sich schon hierin und da- durch, daß sie nie korkzieherartig gedreht ist, sehr auffällig von der Baumwolle. Der Maximaldurchmesser der Zellen beträgt 20 — 44 //, die mittlere Wanddicke 1,5 fi. Es scheint oft, als würde die Wanddicke zwischen sehr weiten Grenzen variieren, häufig sehr ansehnlich sein und oft mehr als ein Drittel des Zelldurchmessers betragen. Es ist dies jedoch auf eine eigentümliche Verdickungs weise der Zellmembran zurückzuführen, auf welche v. Höhnet zuerst die Aufmerksamkeit ge- lig. 25. Natüii. Größe. Samen von C'alotropis pr Haarscliopf (vegetabilische Seide). Stoffes. S. ferner hierüber: Böhmer, I.e., p. 582, und Kaufmann, Über die Faser von Asdepias Gornuti. Zeitschrift der Moskauer landwirtschaftl. Gesellschaft. 1865. ■1) Die vegetabilische Seide von Aselepias volubüis läßt sich äußerlich von jener der A. curassaviea nicht unterscheiden. Einen genauen mikroskopischen Ver- gleich beider Samenhaare habe ich nicht angestellt; doch scheint es mir, als würde eine sichere Unterscheidung nicht durchführbar sein. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 149 lenkt hat. Nach seinen Untersuchungen i) unterscheidet sich die vege- tabilische Seide von der Wolle der Wollbäume dadurch, daß jedes Haar der ersteren durch innere Verdickungsleisten der Länge nach verdickt ist (Fig. 26 qul und Id). Fig. 2t). Vergr. 340. Pflanzenseide von Asclepias Gornuti. m Mitte, qu Querschnitt eines Haares, Id Längsleisten, d dünne Stelle dazwischen, w Wandnng. (Nach v. Höhnel.) Q.- Fig. 27. Vergr. 340. Pflanzenseide von Strophan- thus sp. m Mittlerer Teil, q Querschnitt, zu Wan- dung, l Längsleisten eines Haares, (Nach V. Höhnel.) Die vegetabilische Seide von Calotropis gigantea, einer in Indien und auf den Molukken vorkommenden, auch in Venezuela und anderen warmen Ländern akklimatisierten Asclepiadee, unterscheidet sich äußer- lich von der »Seide« der Ä. ciirassavica bloß durch eine stärkere gelbliche Färbung, die auch hier am Grunde der Haare am meisten 1) 1. c, p. 32 ff. 150 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. hervortritt. Die Samen der Pflanze sind in einer ähnlichen Weise, wie bei Ä. curassavica ausgeführt wurde, geformt. Die Haare sind einzellig, regelmäßig kegelförmig, bis auf den Grund gerade gestreckt, 2 — 3 cm, meist nahezu 3 cm lang. Das unterste Ende des Haares, von der Basis etwa 2 — 3 mm aufwärts, ist halbbogenförmig gekrümmt und nach dem Grunde zu merklich verschmälert. Der maximale Durchmesser der Haare beträgt 12 — 42, meist nahezu 38 ^a. Die Wanddicke schwankt zwischen 1,4 — 4,2 ,«. Selbst an einer und derselben Faser ist die Wanddicke infolge der Verdickungsleisten variabel. In Venezuela heißt diese Art vegetabilischer Seide Algodon de seda^). Es scheint, daß unter allen vegetabilischen Seiden die von Calo- tropis gigantea und C. procera am meisten Aussicht auf praktische Verwendung haben werden. Gerade die Seide dieser beiden Pflanzen ist es, welche unter dem Namen Akon2) auf den Markt gebracht wird. Die Ware kommt über Bombay nach Europa, und es betrug im Jahre 1910 die Ausfuhr 10 000 Ballen. Akon wird in Indien von wildwachsenden Pflanzen gewonnen. Im Jahre 1911 wurden Anbauversuche mit beiden Pflanzen in Deutsch-Ostafrika unternommen. Hygroskopizität und spezi- fisches Gewicht dieser Faserstoffe wurden bereits bestimmt und oben (p. 145) mit Kapok verglichen vorgeführt. In der Chemnitzer Aktien- spinnerei wurden Versuche angestellt, um zu prüfen, inwieweit Akon auch für textile Zwecke verwendet werden könnte. Über diese Versuche liegen aber noch keine sicheren Resultate vor^). Sonst wird dieser Faserstoff" als Polstermaterial und zur Erzeugung künstlicher Blumen verwendet, wie die anderen vegetabilischen Seiden. Auch eine nicht näher bekannte Spezies von Marsdenia liefert in Indien eine Art vegetabilischer Seide. Die Haare stehen am breiten, gewölbten Ende des Samens dicht gedrängt, in strahlenförmiger Anord- nung nebeneinander. Die Samenhaare sind auch an dieser Pflanze einzellig. Jede Zelle ist völlig gerade gestreckt und regelmäßig kegel- förmig. Die mittlere Länge der 1 —2,5 cm langen Haare beträgt 2 cm, der maximale Durchmesser der einzelnen Haare 19 — 33 {.l und die 1) A. Ernst, La exposicion nacional. Caracas 1886, p. 423. Auch die Samen- haare von Äsclepias curassavica werden in Venezuela gewonnen. A. Ernst, Die Produkte Venezuelas. Bremen 4 874. 2) Nach Zimmermann, Der Pilanzer VI (ISIO), p. 194 heißt diese Faser auch Akunda. 3) E. A. Lincke, Über Kapok. Dresden 1912. p. 17f. und p. 89 wird ange- geben, daß Akon keinen vollwertigen Ersatz für Baumwolle bilde. Infolge der im Vergleich zu Baumwolle geringen Rißfestigkeit können die Akongewebe voraussicht- lich nur zu Erzeugnissen dienen, an welche nur geringe Anforderungen in bezug auf Festigkeit und Widerstandskraft gestellt werden. Siebzehnter Abschoitt. Fasern. 151 mittlere Wanddicke 2,5 ,u. Die vegetabilische Seide der Marsdenia ist stark glänzend und nur eben merklich gelb gefärbt^). Senegal liefert eine eigentümliche vegetabilische Seide, welche von einer mir nicht bekannten Spezies von Strophantliiis'^)^ einer Pflanze aus der Familie der Apocyneen, herrührt. Die nicht sehr stark glän- zenden Samenhaare sind an dieser Pflanze an einem fadenförmigen I bis 2 cm langen Träger in der Weise angeordnet, daß sie letzteren rundum Fig. 28. Natürliche Größe. Samen von Stropliantlnis. dicht bedecken und unter gleichem Winkel (von etwa 45'') abstehen (Fig. 28). Die einzelnen Haare sind bis auf den stets eigentümlich gekrümmten untersten Teil ziemlich gerade gestreckt und kegelförmig gestaltet. Gegen den Grund hin baucht sich das Haar deutlich aus, um aber am untersten Grunde sich wieder deutlich zu verschmälern. Die 1) über die vegetabilische Seide von Calotropis procera s. p. 149 und Fig. 25. 2) Nach Arnaudon (1. c.) hefert St. dichotoma P. DC. vegetabilische Seide. Es ist dies aber eine ostindische Spezies. 152 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Länge des Haares steigt bis auf 5,6 cm. Die maximalen Durchmesser der einzelnen Haare schwanken zwischen 49 — 92 (t. Die Wanddicke ist stärker als bei den beiden schon beschriebenen Haaren und steigt gegen den Grund zu bis auf 5,9 /a. Die Haare von Strophanthus zeigen am Grunde große Poren in der Zellwand (Fig. 29). Die Samenhaare dieser Pflanze sind fast ganz wohlerhalten, der Grund dafür liegt in der größeren Festigkeit, welche durch die relativ starke Verdickung der Wand mit bedingt wird. Die Ursache, weshalb die Samenhaare von Strophanthus nicht so häufig als jene von Äsclepias und Calotropis verwendet werden, scheint wohl hauptsächlich darin zu liegen, daß die Abtrennung der Haare vom Samenträger nicht so leicht als bei den Asclepiadeen gelingt. Die Strophaiithus-Seide ist etwas rötlichgelb gefärbt. Fig. 29. Vergr. 300. Untere Enden der Samenhaare -von Strophanfims sp. im optischen Längsschnitt. Natürliche Größe. Häarschopf der Samen von Beim- montia gramUßora (veget. Seide). Die beste vegetabilische Seide, die bis jetzt bekannt geworden ist, besteht aus den Samenhaaren der Beaumontia grandiflora, einer in Indien häufig vorkommenden Apocynee. Die vegetabilische Seide dieser Pflanze glänzt nicht nur stärker als die der drei früher besprochenen Gewächse, sie ist nicht nur fast reinweiß, während die übrigen stets einen mehr oder weniger starken Stich ins Gelbe haben, sondern sie hat eine Festigkeit, welche für vegetabilische Stoffe geradezu beispiellos ist. Die Festigkeit dieser Samenhaare steht gegen Baumwollen fasern mittlerer Festigkeit nur wenig zurück. Auch ist zu bemerken, daß die Samenhaare der Beaumontien sich sehr leicht von den Samen abtrennen lassen. Die Haare stehen an den Samen dieser Pflanzen auf einer Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 153 schwach gewölbten, im Umrisse sphärisch-dreieckigen Fläche, und zwar am Rande dieser Fläche dichtgedrängt nebeneinander. Vom Grunde aus erheben sich die Samenhaare in der Fläche eines umgekehrten Kegelmantels, also ziemlich geradlinig. Noch unterhalb der Mitte krümmt sich jedes Haar etwa halbkreisförmig nach abwärts, um dann etwa geradlinig zu enden. Jedes Haar ist also stark gekrümmt. Die einzelnen Fig. 31. Vergr. 340. Pflanzenseide von Beaumontia grandiflora; b Basis, s Spitze, q Querschnitt, m Mitte des Haares w Wandung, l Längsleisten in der Längsansicht (in 6) und im Querschnitt bei //. (Nach V. Höhnel.) Haare sind 3 — 4,5 cm lang, zeigen 33 — 50 ^.i im maximalen Durchmesser und besitzen eine mittlere Wanddicke von 3,9 f^i. Jedes Haar ist an seiner Basis stark ausgebaucht, viel stärker als ein 8trophanthus-llSia.T. Die Ausbauchung an dieser Stelle ist eine so große, daß man sie als eine blasenförmige Auftreibung bezeichnen kann. Sowohl auf dem Querschnitt als in der Längsansicht werden die leistenförmigen Ver- dickungen erkennbar (Fig. 31). — Die Festigkeit der Beaumontia-EaiSiTe zeigt sich unter anderm auch darin, daß diese Haare völlig wohler- 154 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. halten sind, weder eingeknickt, noch der Länge nach zerdrückt, ähnlich so wie bei den Samenhaaren von Strophanthus, und schon hierdurch unterscheiden sich die Samenhaare der beiden zuletzt genannten Pflanzen auf das vorteilhafteste von jenen der Asclepias- und der Cahtropis-Arten. Im chemischen Verhalten lassen sämtliche Sorten von vegetabilischer Seide eine ziemliche Übereinstimmung erkennen. Durch Jod und Schwefel- säure werden sie nicht gebläut, sondern gelb bis bräunlich, selten grün- lich oder blaugrün gefärbt. Frisch bereitetes Kupferoxydammoniak, welches Baumwolle rasch in Lösung bringt, ruft bis auf eine schwache Bläuung an diesen Fasern keinerlei Veränderungen hervor. Durch schwefelsaures Anilin werden alle Arten von vegetabilischer Seide intensiv zitrongeü), durch Phlorogluzin + Salzsäure rotviolett gefärbt. Vergleicht man die mit diesem Reagens behandelten Sorten von vegetabilischer Seide untereinander, so ergibt sich, daß die von Beaumontia herrührende Sorte verhältnismäßig am wenigsten stark gefärbt wird, eine jedenfalls zugunsten der Güte dieser Samenhaare sprechende Reaktion^). Die vegetabilische Seide von Asclepias und Calotropis wird »soie vegetale de fafetone«, die von Strophanthus »s. v. de Thiock< genannt 2). Die vegetabilische Seide dient zur Herstellung von' Gespinsten und Geweben, sie wird entweder als solche oder mit Baumwolle gemengt versponnen 3). Es scheint, daß die Verwendung dieser Faserstoffe in der Textilindustrie bis jetzt nur eine sehr beschränkte ist. Häufiger wird jetzt die vegetabilische Seide zur Verfertigung künstlicher Blumen und als Watte und Polstermaterial verwendet. Alle Sorten von vege- tabilischer Seide lassen sich gut färben. 4. Flachs 4). Der als Spinnstoff allgemein bekannte Flachs [lin, franz. ; flax, engl.) ist die Bastfaser der Lein- oder Flachspflanze, welche außerdem die Lein- samen (S. Abschn. Samen) liefert. Die Leinpflanze gehört der artenreichen Gattung Linum an^). Aller ist ^) Über vegetabilische Seide von Oomphoearpus frueticosa (Asclepiadee) und Eehites grandiflora (Apocynacee) s. oben p. 94 und 95. 2) Über silk cotton von Calotropis procera s. oben p. ISO. 3) Cat, des col. fr. (1867) p. 94ff. u. Grothe, Artikel: Textilindustrie in Mus- pratts Chemie. 2. Aufl., V, p. 134. Lincke (1912), 1. c, p. 17 ff. und 89. 4) Über den Grund, daß die hier eingeschlagene Reihenfolge der Faserstoff- besprechungen und die damit im Zusammenhange stehende Numerierung der Ab- schnittspunkte nicht mit der auf p. 97 festgelegten übereinstimmt, s. die Anmerkung des ergänzenden Bearbeiters auf p. 223. ' 5) Reiche in Engler-Prantls Pflanzenfamilien III, 4 (1897), p. 27 gibt 90 Spezies dieser Gattung an. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 155 nur einer Spezies dieser Gattung, nämlich dem Linmn usitatissimum, unterzuordnen. Die in Kultur stehenden Rassen des Leins wurden botanisch genau beschrieben, hingegen sind die bisherigen Angaben über die Abstammung und das Vorkommen des Leins im wildwachsenden Zustande noch un- sicher 1). 1) Herrn Prof. v. Wettstein verdanke ich die folgenden Angaben über die •mutmaßliche Abstammung unserer heutigen Kulturformen des Leins. Die ältere Annahme, daß L. usitatissimum im Altai vorkomme, hat sich schon lange als unhaltbar erwiesen, aber auch die in neueren Werken (z. ß. Reiche, 1. c, p. 32) vielfach sich findende Angabe, daß L. u. »in den zwischen dem Persischen Golf, dem Kaspisee und dem Schwarzen Meere gelegenen Ländern wild vorkomme«, ist nicht hinlänglich gestützt. Boissier [Flora Orientahs L p. 860 (iSG?) und Supplem. p. 138 (1888)], der doch mit größter Umsicht alle das Gebiet betreffenden Daten sammelte, konnte keinen einzigen sicheren Fall »wilden« Vorkommens konstatieren, und auch die seither erschienenen, nicht wenigen Arbeiten (vgl. nur z.B. Stapf, Die botan. Ergebnisse der Polakschen Exped. Denksehr. d. Wiener Akad. LI, p. 42. — Buhse, F., Die Flora des Alburs u. d. Kasp. Südküste. Arb. d. natur f. Vereins. Riga. Neue F. 8. Heft, 1899, p. 9. - Albow, N., Prodr. Florae Coleb, p. 43 [1895]. — Bornmüller, J., Plantae Straussianae. Beih. bot. Zentralbl. XIX.; Bearbeitung der von J. A. Knapp im nordwestl. Persien gesammelt. Pfl. Verh. zool.-bot. Ges. LX. — Handel-Mazzetti, H. v., Ergebn. einer bot. Reise in d. port. Randgeb. Ann. d. naturh. Hofmus. in Wien. XXIII.; Wissensch. Ergebn. d. Exped. nach Mesopot. 1. c. XXVII. u. a.) haben uns mit keinem solchen bekannt gemacht. Wir sind heute zur Annahme gezwungen, daß L. u. eine Kulturpflanze ist, die in dieser Form wildwachsend überhaupt nicht vorkommt, wofür ja auch der morphologische Bau der Pflanze spricht. Bei Beantwortung der Frage, von welcher wildwachsenden Pflanze der kultivierte Lein abstammt, sind wir auf theoretische Er- wägungen angewiesen. Von solchen könnte folgende zur Eruierung der Stamm- pflanze führen: 1. Von den beiden oben erwähnten Hauptrassen dürfte sicherlich L. humile der Stammart näher stehen, denn einerseits ist das Geschlossenbleiben der Kapsel von L. vulgare eine unzweckmäßige Einrichtung, die sich im Naturzustande kaum finden dürfte, sondern, analog wie bei Papaver somniferum, durch Selektion im Zustande der Domestikation entstanden sein dürfte; — anderseits ist die übermäßige Verlängerung des Stengels von L. vulgare gleichfalls ein Merkmal, das bei einer Textilpflanze durch die Kultur erzielt wurde. Danach wäre — da L. humile heute insbesondere in den klimatisch günstigeren, insbesondere wärmeren Gebieten gebaut werden kann — der Ursprung des Leins für Europa in südlicher oder südöstlicher Richtung zu suchen. 2. Die Stammpflanze des Leins war zweifellos ausdauernd. An L. usitatissimum sind heute noch Merkmale zu erkennen, die darauf hindeuten, so die regelmäßige An- lage von Seitenachsen in den Achseln der Kotyledonen, die Tendenz der Ausbildung von Innovationssprossen in den Achseln der unteren Laubblätter. Auch durch das Ex- periment läßt sich diese erblich noch festgehaltene Tendenz der Leinpflanze, zu perennieren, noch erweisen. Während bei uns normalerweise die Leinpflanze sofort nach der Samenreife abstirbt, kann sie durch Zurückschneiden des Blütenstengels zur Ausbildung zahlreicher Innovationssprosse , welche bis spät in den Herbst hinein 156 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Die in Europa gebauten Rassen des Leins, Linuni ttsita- tissimum, werden hier hauptsächlich in zwei Hauptformen, als Schließ- oder Dreschlein (L. u. forma vulgare Schuh, et Mart. = L. u. forma indehiscens NeilrJ und als Spring- oder Klanglein (L. u. humüe Mill. = L. u. creipitans Böningh.) kultiviert. Ersterer ist die gewöhnlich als Faserpflanze, letztere die gewöhnlich als Samenpflanze kultivierte Form. aushalten, gebracht werden. Sie verhält sich also ganz analog, wie andere Pflanzen, von denen erwiesen wurde, daß sie von perennen abstammen, aber im Laufe der Zeit die Fähigkeit des Ausdauerns eingebüßt haben, so z. B. unsere Getreidearten nach den Untersuchungen Bat a lins j Phaseolus coccineus nach den Untersuchungen Wettsteins. Aus den sub -l. und 2. angeführten Momenten ergibt sich, daß die Stamni- pflanze des L. u. höchstwahrscheinlich perenn war, aufspringende Früchte und niedrigere Stengel besaß und in einem im Süden oder Südosten Europas liegenden Gebiete vorkam. Eine solche Pflanze gibt es nun; es ist das jene Pflanze, welche im ganzen Mediterrangebiete heimisch ist und zumeist als L. anfjiistifoliuvi Huds. bezeichnet wird*). Aus diesem mediterranen L. angustifolium oder einer ihr nahestehenden Form könnten mithin durch den Einfluß der Kultur die heutigen Formen des L. usitatissimum entstanden sein. Dabei kann nicht ganz ausgeschlossen werden, daß vielleicht ver- schiedene Formen des L. tisitatissimum auf verschiedene Rassen des L. atigustifnlium zurückzuführen sind, da dieses letztere auch gegenwärtig im Mediterrangebiet ziem- lich reich gegliedert erscheint (L. ambiguum Jord., L. deciimhens Desf., L. Reutcri Boiss. et Haussk.). Mit der hier vertretenen Anschauung steht es im Einklang, daß die altägjT)tischen Gräbern entstammenden, recht zahbeichen Leinreste (vgl. A. Braun, Üb. d. im Kgi. Mus. aufbewahrten Pflanzenreste. Ethnogr. Zeitschr. Bd. 9. -1877. — Schweinfurtli, J.. in Ber. d. deutsch, bot. Ges. I (1883), II (1884). — Koernicke, F., in Ber. d. deutsch, bot. Ges. VI (1888). usw.) vielfach als dem L. humile entstammend erkannt wurden Bei der Erörterung der Frage nach der Herkunft der kultivierten Leinpflanze haben bisher stets die Funde in prähistorischen Fundstätten Mitteleuropas eine große Rolle gespielt. Solche Funde sind nicht selten, am bekanntesten sind die der Schweizer Pfahlbauten geworden**). Heer hat zunächst diesen Lein d\s L. angusti- folium bestimmt, und dies würde mit der eben ausgesprochenen Vermutung über die Abstammung des Kulturleins sehr gut stimmen. Doch sind in neuerer Zeit berechtigte Zweifel an der Richtigkeit dieser Bestimmung laut geworden. Wettstein (vgl. 2. Aufl. dieses Buches, S. 278) hat den Pfahlbaulein von Robenhausen***) geradezu als L. vulgare bezeichnet, Neuweiler, E. (Die prähistorischen Pflanzenreste Mittel- europas, Zürich 1903) sieht in ihm eine ausdauernde, dem L. atcstriaeum nahe- stehende Form. Bei der Schwierigkeit der genauen Bestimmung einer Linum-A.rt aus dem hier allein in Betracht kommenden Formenkreis auf Grund von subfossilen *) Ich gebianelie diese Fassung, weil es nicht ganz sicher ist, daß die mediterrane Pflanze wirklich mit der von Hudson (Flora Anglica, Ed. 2, 1, p. 134 |1778]l beschriebenen englischen Pflanze identisch ist. Sollte sich heransstellen, daß dies nicht der Fall ist, dann hätte die mediterrane Pflanze //. cribrostim Rchb. zu heißen. **) Heer, 0., Die Pflanzen der Pfahlbauten . (Neujahrsbl. der naturf. Gesellsch. in Zürich 1866.) Vgl. über die Frage auch Engler, A., in Hehn, Cnlturpfl. u. Hansthiere. 6. Aufl., p. 182 (1894) : A. de Candolle, Orig. d. pl. cnlt. p. 95; Tammes Tine, Der Plachsstengel, 1907. ***) MeBsikommer, H., Die Pfahlbauten von Robenhausen. Zürich 1913. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 157 Der Schließlein hat höhere Stengel, ist arm- und kleinblütig, er- zeugt kleinere und dunklere Samen und besitzt kahle Kapselscheidewände und nicht aufspringende Früchte. Der Springlein hat niedrigere Stengel, reich verzweigte Infloreszenzen, größere Blüten und Früchte, behaarte Kapselscheidewände, lichtere Samen und aufspringende Kapseln. Schon aus dieser Charakteristik ist zu ersehen, daß man es in diesen beiden Rassen mit Züchtungsprodukten zu tun hat. Der Schließlein mit seinen hohen zur Verzweigung wenig geneigten Stengeln ist als Faserpflanze, der Springlein mit seinen reichen Fruchtanlagen und großen Samen als Samenpflanze gezüchtet worden. Im Kleinbetriebe dienen hin und wieder beide Rassen sowohl der Faser- als auch der Samengewinnung. Als Industrieflachs wird aber stets nur Schließlein und, wo der Lein als Ölpflanze rationell und im großen Maßstabe gezogen wird, der Springlein gebaut. Wo Lein der Samen halber gebaut wird, um Lein- saat für Faserflachs zu gewinnen, wie namentlich in Rußland, wird selbstverständlich nur Schließlein in Kultur genommen i). Außer diesen Hauptrassen gibt es noch andere bisher weniger beachtete, so eine bienne Rasse (L. u. forma hiemalis = L. bienne Mül.) und den durch seine Höhe ausgezeichneten Königslein 2) (L. u. regale). Der Schließlein aus den mitteleuropäischen Niederungen ist nach v. Wettsteins Mitteilungen von dem der alpinen Täler verschieden, und nach Koernicke^) ist es wahrscheinlich, daß der ägyptische Lein eine eigene Rasse repräsentiert. Flachsbau und Flachsgewinnung^). Der Flachs ist eine der ältesten und verbreitetsten Kulturpflanzen. Der heutige Stand des Flachs- Früchten und Samen kann die Frage nach der Natm- des mitteleuropäischen prä- historischen Leins als noch nicht definitiv beantwortet bezeichnet werden. Es kann der direkte Zusammenhang der mitteleuropäischen Leinkultur mit der des Orientes ebensowenig geleugnet werden, wie die Möglichkeit, daß hier selbständig aus einer ursprünglich heimischen Art (etwa L. austriacum oder pereune) eine Kulturpflanze erzielt wurde, die in Anbetracht der großen Ähnlichkeit der Stammpflanze mit dem mediterranen L. angustifolmm begreiflicherweise dem orientalischen L. usitatissimum überaus ähnlich gesehen haben muß. \) Auf die Bedeutung des Schließleins als Faserpflanze ist besonders in neuer Zeit oft die Aufmerksamkeit gelenkt worden. So ist nach den Beschlüssen des inter- nationalen Kongresses der Flachsinteressenten in "Wien (1873) der Schließlein die einzig wahrhaft empfehlenswerte Kulturform der Flachspflanze. Ost. Ausstellungsber. 1873. Der Intern. Kongreß der Flachsinteressenten, p. 37 ff. 2) Der Königslein erreicht nach Langethal (Handb. d. landw. Pflanzenkunde, 2. Aufl., p. 156) eine Höhe von 125 cm und darüber. Auch die Spielart L. u. amc- ricanum album erreicht die Höhe des Königsleins. 3) Ber. d. Deutsch, bot. Ges. VI (1888), p. 380 ff, 4) Über Kultur und Gewinnung des Flachses s. Finaly, Offiz. öst. Ausstel- hmgsbericht Y, Wien 1867. Internationaler Kongreß der Flachsinteressenten. Wien 158 Siebzehnter Absclinitt. Fasern. baues fordert zu unterscheiden zwischen dem gemeinen Flachs, welcher" als bäuerliche Hauspflanze noch weit verbreitet ist, und der Lein- pflanze als Industriegewächs. Erstere wird in primitiver Weise kultiviert und in altherkömmlicher, gleichfalls sehr primitiver Weise auf Faser verarbeitet. Die aus diesem Faserstoff erzeugten Garne und Ge- webe dienen im Hausgebrauche und waren früher auch Gegenstand eines nennenswerten Handels. Als Handelsprodukt treten die aus der Hauspflanze erzeugten Garne und Gewebe immer mehr und mehr zurück ; denn trotz der Dauerhaftigkeit dieser Textilobjekte können dieselben die Konkurrenz mit den so billig gewordenen Massenprodukten Baumwolle und Jute nicht aushalten. So betrug beispielsweise in Sachsen die mit Flachs bebaute Boden- fläche zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts über 19 000 ha imd ist unter dem Einflüsse der Baumwollen- und Juteeinfuhr in den sechziger Jahren auf 6000 und zwanzig Jahre später auf die Hälfte dieses kargen Areals gesunken ^j. Dem entschiedenen Rückgang der Flachskultur trachtet man in einigen Ländern entgegenzuwirken. So in Ungarn 2) durch verstärkten 1873. Pfuhl, Fortschritte in der Flachsgewinnung. Riga 1886. Derselbe, Wei- tere Fortschritte in der Flachsgewinnung. Riga 1893. L. Langer, Flachsbau und Flachs- bereitung. Darstellung ihrer gegenwärtigen Entwicklung. Wien 1893. A. Hecker. Beiträge zur i-ationellen Kultur des Leines. Inaug.-Diss. 1897. F. Schindler, Flachs- bau und Flachsbauverhältnisse in Rußland mit besonderer Berücksichtigung des bal- tischen Gouvernements. Wien (Holder) 1899. Littrow und Steglich, Bericht über den Stand der Flachsbereitunc in Trautenau 1893. »Flachs und Leinen<, Zeitschrift. Red. von E. v. Stein. Wien und Trautenau 1893 ff. J. Frost, Flachsbau und Flachs- industrie in Holland, Belgien und Frankreich. Berlin 1909. Kuhnert, Der Flachs, seine Kultur und Verarbeitung. Berhn, 1913. Herzog, A., Was muß der Flachs- käufer vom Flachsstengel wissen? Sorau 1918. 1) Langer, 1. c, p. 11. Über den Rückgang der Flachskultur in Österreichisch- Schlesien s. die Zeitschrift »Flachs und Leinen«, IV (1897) p. 623. In der genannten Zeitschrift sind zahlreiche Daten über Zu- und Abnahme des Flachsbaues in den Kulturländern enthalten. S. auch J. Frost, 1. c; Stein, E. v.. Graphische Statistik der österr. Leinenindustrie. Trautenau 1917. Generaldirektor J. Hildebrand gibt im »Deutschen Leinen-Industr.^ , 1919^ Nr. 7 folgende instruktive Zahlen bezüglich der Anbaufläche des Flachses in Deutsch- land, die deutlich zeigen, auf welche Weise man im Deutschen Reich während der Kriegszeit erfolgreich dem Faserstoffmangel entgegentrat und welche hervorragende Bedeutung der bereits halb vergessene heimische Faserstoff für die Rohstoffversorgung binnen wenigen Jahren wieder erlangte. 1873 — 133000 ha 1883 — 108 000 » 1893 — 60 000 » 1900 — 33000 . 1918 — 55000 » 2) E. Schulz, Die Flachskultur in Ungarn. Leipziger Monatsschrift für Textil- industrie. XXIII (1908). 1913 — 1^000 ha 1916 — 22000 » 1917 — 35000 :» Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 159 Anbau und in Frankreich durch materielle Unterstützung des Flachs- baues seitens des Staates i). Soll der Flachs mit anderen Spinnstoffen erfolgreich konkurrieren, so muß er als ein veredeltes Produkt auf dem Markte erscheinen, wel- ches nicht nur durch seine natürliche Festigkeit und Dauerhaftigkeit, sondern auch durch Reinheit, Schönheit und Spinnbarkeit die anderen vegetabilischen Rohmaterialien übertrifft. Die Umwandlung der alten Hauspflanze in ein Industriegewächs ist sowohl nach landwirtschaftlicher als auch technischer Seite mit großen Schwierigkeiten verbunden, welche nur durch eine zweckmäßige Teilung der Arbeit, verbunden mit großen geschäftlichen Assoziationen zu überwinden sind und häufig trotz kräftiger Nachhilfe durch den Staat sich nicht oder nicht rasch beseitigen lassen. Nur in wenigen Ländern — Belgien voran — hat dieser Umwandlungs- prozeß sich in erfolgreichem Maße vollzogen; in den meisten andern Ländern ist dieser Prozeß mit mehr oder minder großem Erfolge noch im Gange, und die Zukunft wird-* lehren, inwieweit sich die Flachs- faser gegenüber den. modernen Spinnstoffen, insbesondere gegenüber der Baumwolle und der Jute, zu behaupten imstande sein wird. Der Flachs als Industriepflanze erfordert eine sorgsame Pllege. Was zunächst das Saatgut anlangt, so hat die Erfahrung gelehrt, daß der in den verschiedenen flachsbauenden Ländern gewonnene Leinsamen als Saatgut für die Spinnpflanze in der Regel nicht geeignet ist. Der grüßte Teil der flachsbauenden Länder verwendet russischen Leinsamen. Es werden enorme Quantitäten von Leinsamen aus Rußland als Saatgut für den Flachsfaserbau ausgeführt. Als beste Sorten gelten Rigaer und Pernauer Leinsaat. Es liefert der Rigaer Samen widerstandsfähigere Pflanzen, verhältnismäßig viele Samen, aber eine sich relativ stark ver- ästelnde Pflanze, was nicht erwünscht ist. Aus Pernauer Samen erzieht man hingegen Pflanzen, welche sich weniger verästeln, feinere und längere Fasern, aber weniger Samen liefern. Die Faserausbeute soll eine größere sein als bei den aus Rigaer Leinsaat gezogenen Pflanzen 2). Gute Leinsaat soll ein Hektolitergewicht von mindestens 68 kg besitzen und 92 Proz. keimfähigen Samen enthalten-^). In neuerer Zeit versucht man sich von russischer Leinsaat zu emanzipieren, aber wie es scheint noch ohne großen Erfolg. Gut soll die Ötztaler (Tiroler) Leinsaat sein. Als Zeeländer Saatgut versteht man Samen, welche in Holland als erste Frucht aus Rigaer Leinsaat 1) Leipziger Monatsschrift für Textilindustrie. XXV (19H0). Über Flachsbau Marokko s. die >Deütsche Leinen-Industr. « 1919, Nr. 28. 2) Langer, 1. c, p. 45. 3) Langer, 1. c, p. 45. Nach Schindler, Flachsbau in Rußland, Wien 18« beträgt das durchschnittliche Keimprozent der russischen Leinsamen 87 Proz. 160 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. hervorgegangen sind i). Es soll überhaupt die erste aus russischer Lein- saat hervorgegangene Frucht Samen Mefern, welche als Saatgut hinter originalem russischem Samen nicht zurücksteht. In den deutschen Ländern nennt man ein derartiges selbstgezogenes Saatgut Rosenlein. Von Wichtigkeit ist bei der Kultur des Industrieflachses die Frucht- folge, Wo man rationell vorgeht, sät man auf einem Felde Flachs nur nach 7 — 8 Jahren 2), Als Grund der in Irland häufig vorkommenden MiBernten des Flachses wird angeführt, daß man innerhalb 7 — 8 Jahren zweimal dasselbe Feld mit Flachs bestellt. Welche Kulturpflanzen dem Flachs voranzugehen haben und welche Düngungsmittel anzuwenden sind, darüber sind viele Angaben in den Werken über Flachskultur enthalten, auf welche aber hier nicht weiter eingegangen werden kann. Die Industriepflanze wird immer als einjähriges Gewächs kultiviert. Aber je nachdem die Aussaat des Flachses im März oder April oder erst im Mai oder Juni vorgenommen wird, unterscheidet man Frühlein und Spätlein. Frühlein ist stets vorzuziehen und Spätlein soll nur dort kultiviert werden, wo die frühe Aussaat aus klimatischen Ursachen unausführbar ist, also namentlich in Gebirgsgegenden. Die ausgezeichneten belgischen Flachse stammen durchgängig von Frühlein. In einigen Ländern war es üblich, die Flachspflanzen zu zwingen, durch Reisig, mit dem man das Feld belegt, oder zwischen Schnüren, die nach zwei aufeinander senkrechten Richtungen über den Acker gespannt wurden, durchzuwachsen, wodurch man hohe, zarte Pflan- zen erhielt, die langen, feinen Flachs lieferten. In Frankreich erhielt man auf diese Weise den »lin rame«, der sehr gute Flachsqualitäten ge- liefert haben soll. In Holland ist diese Prozedur unter dem Namen »Ländern«, in Deutschland als »Stützen« oder auch »Ländern« bekannt gewesen. Die bezüglich des »Länderns« gemachten Erfahrungen sprachen aber nicht zugunsten dieses Verfahrens. In Belgien, dem klassischen Lande des Flachsbaues, hat man es daher ganz aufgegeben, da die Kosten der Arbeit und die Beschädigungen beim Ernten des geländerten Flachses durch die erzielte Faserqualität nicht aufgewogen wurden (Langer). Der internationale Kongreß (Bericht p. 47) empfahl das »Stützen des Leins« nur für die edelsten Qualitäten. Flachs wird als Gespinstpflanze vorzugsweise in Europa gebaut. Die Nordgrenze des Flachsbaues fällt mit jener der Gerste zusammen. Der Flachs kann in Mitteleuropa bis zu einer Seehöhe von 1500 m kultiviert werden. Auch Ägypten liefert viel Flachs, der auch der 1) Langer, 1. c, p. 38. 2) Über den Einfluß des den Flachspflanzen zugewiesenen Standraumes (Saat- dichte) auf Stroh- und Samenertrag und auf Höhe, Länge, Verästelung, Dicke, Bast- gehalt, Festigkeit, Wassergehalt und Reinheit der Stengel, s. Herzog, L c, p. 12fl. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 161 europäischen Industrie zugute kommt. Ferner wird in Algier, in den kälteren, höher gelegenen Gegenden Ostindiens i), wo die Baumwolle nicht gedeiht, in Nordamerika, Brasilien und Australien in neuerer Zeit Flachsbau betrieben 2). — Von europäischen Flachs bauenden Ländern ist in erster Linie Belgien (insbesondere Westflandern mit dem Zentrum Courtray, ferner Ostflandern und Namur) zu nennen, woselbst nicht nur die schönsten Flachssorten, sondern auch verhältnismäßig die grüßte Menge dieses Spinnstoffes erzeugt wird. Nach Finaly nimmt die Lein- kultur in diesem Lande so viel Bodenfläche für sich in Anspruch, als alle übrigen Kulturgewächse zusammengenommen einnehmen. Die mit Lein bepflanzte Bodenfläche beträgt in Belgien 600 000 ha, welche durch- schnittlich im Jahre zirka 20 Millionen Kilogramm Flachs im Werte von 60 Millionen Francs liefern. Drei Fünftel des erzeugten Flachses werden exportiert 3). Große Mengen von Flachs liefert das nördliche, europä- ische Rußland, ferner Irland, Holland, Preußen, Thüringen, preuß. Schlesien, Österreich (Böhmen, Sudetenland, Kärnten, Tirol), Frankreich und Italien. Schädlinge der Flachspflanze sind die Flachsseide (Cuscuta epilinuvi Weihe), die den Flachsrost (Brand) erzeugende Melmwpsora Uni (Pers.) Tiil.^ Engerlinge, die Raupe der Gia.mmaeu\e (Plusia gamma L.) und die Made der Flachsfransenfliege (Thiips Uni Lad.)^). In manchen Ländern wird die Flachspflanze nur der Samen wegen gebaut und das Flachsstroh nur als Brennmaterial verwendet; so in der europäischen und asiatischen Türkei und in Siebenbürgen s). In den 1) Nach Watt, Econom. Prod. of India, Calcutta III (1883), p. -159, wird Flachs als Faserpflanze nur in sehr geringem Maßstabe gebaut. Die erzielten Fasersorten sind geringer als der ägyptische Flachs. S. auch Watt, Commerc. Products of India. London 4 908. p. 720 f. Hier wird auf eine wünschenswerte Verbesserung in der indischen Flachskultur hingewiesen, übrigens auch dieVerwendung der Flachspflanze in der Papierfabrikation erwogen, was mit Rücksicht auf ein so edles Fasergewächs doch ein schlechtes Zeugnis für die Qualität des indischen Flachses bildet. Während des Krieges hat sich auch das eughsche Handelsamt be- müht, den Flachsanbau in Indien und Kanada, wo die Bedingungen zur Kultur günstig sind, nach Kräften zu fördern (»Flachs und Leinen«, Nr. 291, Trautenau 1918.). Die Weltproduktion von Flachs wird a. a. 0. (zu 1000 Tonnen) folgendermaßen angeführt: Rußland 400, Frankreich und Belgien 50, Irland 10, Holland 10, Deutschland und Österreich 30. 2) A. du Mesnil, Manuel du cultivateur du lin en Algerie. Paris 1866. 3) Langer, 1. c, p. 23. 4) Nach A. Herzog (Was muß der Flachskäufer usw., Sorau 1918) tritt auch Glado- spariiim herbarum Lk. nicht selten als ausgesprochener Parasit des Flacbsstengcls auf. Die in Nordamerika häufig beobachtete »Welke« wird auf Fusarium Uni Bollcy zurückgeführt (Exp. Stat. North Dakota, 1901, Nr. 30). 5) Dasselbe gilt auch von Nordamerika, Argentinien u. Holland. Indien. Wiesner, Rohstoffe. III. Band. ;i. Aufl. H 162 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. leiobauenden Distrikten dieser Länder ist die Leibwäsche der Bewohner aus Hanf gewebt, und man scheint dort oft gar nicht zu wissen, daß die Flachspflanze auch eine spinnbare Faser Heferti). Die Flachspflanze wird gewöhnlich vor der Samenreife geerntet, wenn der Grund der Stengel gelb zu werden beginnt 2). Die in diesem Reife des Samens abgewartet werden. In Irland erntet man die noch grüne Pflanze, wobei auf den Samenertrag verzichtet wird. i'ig. 32. Yerar. 300. Querschnitt durch den Flaclisstengel (Limtm iisitatissinnim). Ein Stück desselben mit drei (kollateralen) Gefäßbündeln, welche am deutlichsten an den drei ßastbündeln (6) zu er- kennen sind. Oberbaut, r Eindenparenchi'm , c Kambium, darüber (gegen die Oberhaut zu) das Phloem der Gefäßbündel, bestehend ans den Bastbündeln 6 und dem zwischen diesen und dem Kambium gelegenen Siebteil, h Holz des Stengels, bestehend aus den ins Mark (m) deutlich vor- springenden (drei) Holzteilen (Xylemen) der Gefäßbündel. Die Ernte der Flachspflanze erfolgt in der Regel nicht durch Schnitt, sondern durch Ausraufen; es wird also die Pflanze mit der Wurzel aus dem Boden gezogen. 1) Finaly, 1. c, p. 333. 2) Herzog empfiehlt auf Grund seiner Studien über die Bastfasern des Flachs- stengels in verschiedenen Reifegraden (Mitteilungen d. Forschungsstelle Sorau, Bd. I, ■1919, Nr. 1—3). die Ernte des Flachses ausschließlich im Zustand der vorgerückten Gelbreife vorzunelimen, da der Bast erst in diesem Entwicklungsstadium die günstigste Ausbildung aufweist. Hierbei kann auch ein nahezu völhg ausgereiftes Saatgut ge- wonnen werden. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 163 Im wesentlichen besteht die Flachsbereitung darin, daß man die Bastfaser des Hauptstengels von allen übrigen Bestandteilen der Pflanze trennt (s. Fig. 32). Seitenäste und Früchte, letztere zum Zwecke der Samengewinnung, werden von dem Hauptstengel und der damit in Ver- bindung bleibenden Hauptwurzel nach erfolgtem Trocknen der gerauften Pflanze an der Luft entfernt. Diese Abscheidung erfolgt durch die Prozedur des Riffeins oder Reffeins i). Das nach dem Rifl"eln zurück- bleibende Flachsslroh .wird durch das Rüsten so gelockert, daß die Scheidung der Flachsfaser durch mechanische Prozesse (Brechen'^), Hecheln, Schwingen) von den übrigen Gewebsbestandteilen des Stengels (einerseits Oberhaut- und Piindenparenchym, anderseits den Siebteilen des Phloems, dem Holze und Marke) vollzogen werden kann. Diese Prozeduren werden in verschiedenem Grade der Vollkommenheit vorgenommen, und dementsprechend sind auch die Handelssorten des Flachses im hohen Grade in bezug auf Reinheit und Güte verschieden. Am rationellsten geht man in Westflandern zu Werke, wo die genannten Prozeduren in ganz getrennten Betrieben durchgeführt werden. Der Landwirt baut auf das sorgsamste seinen Flachs und liefert das Flachsstroh an einen Unternehmer ab, welcher nur die Röste besorgt. Das Rüstprodukt übernimmt ein anderer Unternehmer, welcher in Schwingereien (Flachsfabriken) die Abscheidung der Flachsfaser vor- nimmt. Der Landwirt rüstet den Flachs also nicht selbst, arbeitet aber dem Rüster vor durch die Prozedur des »Kapellens«, d.i. die Auf- schichtung der gerauften Pflanze in besonderen Formen (»Kapellen«), wo ein Welkungsprozeß eingeleitet wird, welcher eine Abkürzung des Rüstverfahrens ermüglicht. Dieser vollständig durchgeführten Arbeitsteilung steht die Flachs- 1) Über die Zweckmäßigkeit des Sortierens des geriffelten Flachses nach Länge und Dicke der Stengel, Pfuhl, 1. c, p. 2 und 5 bzw. in der 2. oben genannten Abhandlung p. 1 8 und i 9. 2) Dem »Brechen« geht in manchen kleinen Betrieben ein »Dörren« voraus. Nach Langer (1. c, p. 59) ist der gedörrte Flachs wohl leichter zu brechen, aber die Faser leidet unter dieser Prozedur. Das Dörren ist also nicht zu empfehlen. Bisher wurde also jede künstliche Trocknung des Flachses als der Beschaffenheit der Bastfasern schädhch angesehen. Herzog hat uns nun auf Grund seiner mehr- jährigen Studien vor kurzem mitgeteilt (Mittig. d. Forschungsstelle Sorau, I, 19'! 9, Nr. V,, daß die künstliche Trocknung in Großbetrieben nicht zu umgehen und auch ohne Schädigung der Faserbeschaffenheit zulässig sei, wenn vor dem Trocknen die in dem feuchten Röslflachs enthaltene saure Röstflüssigkeit entfernt wurde. In diesem Falle sei auch unmittelbar nach der Trocknung die mechanische Ausarbeitung des Flachs- stengels möglich, während sonst bei Trocknung ohne vorheriges Ausquetschen der Röstflüssigkeit die Qualität des Blachses sehr geschädigt wird. Über die Einwirkung von trockener und feuchter Hitze auf den Flachsstengel siehe auch Herzog, Was muß der Flachskäufer usw., Sorau 1918, p. 23 — 25. 11* 164 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. gewinnung nach der allen Methode gegenüber, bei welcher der Landwirt selbst alles am Felde und im Hause besorgt, vom Ernten der Leinpflanze bis zum Hecheln des Flachses, ja bis zum Spinnen und Weben der selbstgewonnenen Faser. Zwischen diesen Extremen bewegen sich in den einzelnen flachsbauenden Ländern die tatsächlichen Betriebe des Flachsbaues und der Leinenindustrie. Je mehr man sich dem belgischen Systeme nähert, desto gewinnreicher wird der Ertrag. Wo man auf der alten Stufe bleibt, dort geht, wie schon oben angedeutet, der Flachs- bau und die Flachsgewinnung zurück. Immer mehr verschwindet der Handweberstuhl, und das Spinnrad hat seine frühere Bedeutung lange bereits eingebüßt. Beide wurden von der Maschinenspindel und dem mechanischen Webstuhl überholt. Das Riffeln geschieht zumeist noch durch Eisenkämme (Riffel- oder Reffkamm ij). In neuerer Zeit versucht man das Riffeln maschinen- mäßig, auf besonders eingerichteten Walzwerken, durchzuführen. Die besten Riffelmaschinen befreien zugleich die Samen von den Fruchthüllen; man erhält dann zwei Produkte: Flachsstroh und Samen, ferner Abfall. Häufig wird die Pflanze schon am Felde geriffelt. Die alte, jetzt viel- fach noch geübte Methode des Dreschens zum Zwecke der Gewinnung des Flachsstrohs ist, wie Langer (1. c, p. 50) sagt, eine verwerfliche Art der Abtrennung, weil dabei der Stengel zerschlagen wird, die Rüste ungleich ausfällt und der Abfall sich unnötig vermehrt. Die Röste (Rotte) des Flachses, ein technologischer Gegenstand, kann hier nicht im Detail erörtert werden. Ich muß mich, dem Plane dieses Buches entsprechend, damit begnügen, das Prinzipielle dieses Prozesses vom chemischen, besonders aber vom pflanzenanatomischen und pflanzenphysiologischen Standpunkt aus darzulegen, namenthch mit Rücksicht auf den Einfluß, welchen die Art der Röstung auf das erzielte Produkt ausübt. Man unterscheidet Tau-, Kaltwasser-, Warmwasser-, Dampf- und gemischte Röste 2). Bei der Tauröste legt man das Flachsstroh auf 1) Über RifTeln mittels RifTeliiamni s. Pfuhl, Fortschritte p. 2 u. 5. 2) Es wurden auch chemische Mittel zur Flachsröste in Anwendung gebracht, bis auf die neuere Zeit jedoch nur mit geringem Erfolg. Erst das Baursche Ver- fahren, in welchem als chemisch wirkender Körper verdünnte Schwefelsäure unter besonderen Vorsichten angewendet wird, scheint wirklich Vorteile zu gewähren. Über dieses Verfahren s. weiter unten. — Es sind in neuerer Zeit noch andere chemische Röstmethoden für Flachs in Vorschlag gebracht worden, z. B. das Ver- fahren von Tresvangue (Anwendung von Alkahsalzen), Biets (Einwirkung von Harnstoff), Bonny undPritchard ^Seife- und Kaliumbromatlösungen), Summers erhielt angeblich gute Resultate durch Einwirkung von Kali auf lufttrockenes Flachs- stroh. S. über diese chemischen Röstmethoden Lafar, Technische Mvkologie. Siebzehnter Abschnitt., Fasern. 165 Stoppelfeldern oder auf Rasenplätzen aus und überläßt es der Einwirkung des Taues, des Regens und der Atmosphäre. Starke Niederschläge be- fördern die Röste, trockene, sonnige Tage ziehen sie in die Länge, so daß sie, je nach der Witterung, drei bis acht Wochen währt. Diese Abhängigkeit von der Witterung, die viele Arbeit, welche das häufig notwendig werdende Umlegen der Leinstengel erheischt, bilden die Schattenseite dieses Verfahrens. Aber bei förderlichem Wetter und gut geleiteter Arbeit ist das erzielte Produkt ein vorzügliches. Auch ist die Tauröste nicht gesundheitsschädlich, wie einige der nachfolgenden Röstmethoden. Im allgemeinen ist man bestrebt, die Tauröste durch ein gemischtes Verfahren oder durch Wasserröste ganz zu ersetzen. In Gebirgsgegenden wird sie aber wohl auch in der Folge kaum zu umgehen sein ^). Rei der gemischten Röste wird der ausgeraufte Flachs einer kurzen Tauröste unterworfen, hierauf bei trockener Witterung geriffelt, gebündelt und einer Nachröste in Wasser unterworfen, welche je nach der Temperatur des Wassers in 3 — 7 Tagen vollendet ist. Die Kaltwasserröste wird am rationellsten in Relgien (West- flandern, im Flusse Lys) betrieben (System Courtray, Lysröste)2). Es Bd. III (1904—1906), p. 273, und K. Stirm, Chemische Technologie der Gespinst- faser. Berhn 1913. p. 73. Die Faserabscheidung aus Flachsstengeln ohne Röste ist, wie Pfuhl (Fort- schritte, p. 7) bemerkt, fast wohl so alt wie die Flachsgewinnung überhaupt. Es ge- lingt auf rein mechanische Weise, die Bastfaser aus dem Flachsstengel zu gewinnen, aber die Verluste sind groß, die Faser ist rauh, hart und weniger spinnbar als die durch Röstung gewonnene. Der Haupt nachteil eines solchen rein mechanischen Ver- fahrens besteht aber darin, daß die Faser wenig haltbar ist, nämlich bei Feuchtigkeit oder Nässe (im Garn oder Gewebe) zu faulen oder zu gären beginnt. Die Röstung hat nämlich, wie weiter unten noch näher auseinandergesetzt werden wird, nicht nur den Zweck, die Faser von den übrigen Geweben zu trennen und untereinander auf- zulockern, sondern auch zu reinigen, nämlich von der Nichtzellulose zu befreien. Über die mechanische Bearbeitung des Flachsstrohes auf Grund eigener Versuche s. Herzog, 1. c, p. 26-28. Am Anfang des Weltkrieges wurde in Deutschland von Dr. Schneider die Kanalröste erfunden, die es ermöglichte, den Flachs rascher zu bearbeiten als bisher. Die Kanalröstanlage besteht aus zwei Stockwerken; in dem unteren Stockwerke voll- zieht sich der Röstvorgang in Kanälen, die von warmem Wasser durchströmt werden, und in dem oberen wird die künstliche Trocknung eingeleitet. Für Friedensverhält- nisse müßte aber dieses beschleunigte Arbeitsverfahren, das es möglich machte, den geernteten Flachs sofort zu rösten und zu trocknen, nach Gürtler (Neue Faserstoffe, I, 1919, p. 128) geändert werden, und man vermutet, daß die ßassinröste an die Stelle der Kanalröste treten werde. 1) Langer, I c, p. 51. 2) BoUey, Technologie der Spinnfasern, p. 8. Langer, 1. c, p. 27 ff. S. auch Frost, 1. c. ]Lß6 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. kommen zumeist belgische,, aber auch niederländische Flachsstengel (aus Zeeland und Nordbrabant) zur Rüste. Besonders feine Sorten von Flachs werden aus gelagertem, der Ernte des Vorjahres angehörigem Rohmaterial erzeugt. Die Flachsstengel werden in Bündel zusammengefaßt, welche mit Strohseilen umwickelt, dicht in aus Holzlatten zusammengefügte Kästen gestellt werden, die man, mit Brettern belegt und mit Steinen beschwert, in langsam fließendes Wasser so hineinstellt, daß sich der Wasserspiegel einige Zentimeter über den Enden der Flachsstengel be- findet. Das Wasser des Flusses Lys ist der Röste erfahrungsgemäß be- sonders zuträglich. Namentlich bei Menin und Werwick sind die Rüst- kästen in so großer Zahl in den Fluß gebaut, daß während der Rüstzeit (Mitte April bis Mitte Oktober*)) der Lys nicht mit Schiffen befahren werden kann. Die Rüstkästen sind so eingerichtet, daß Schlamm und Sand keinen Zutritt zu den Flachsbündeln hat. Nachdem die Rüste eine Woche gedauert hat (Vorröste), wird das Flachsstroh herausgenommen, getrocknet und noch ein zweites Mal gerüstet (Nachröste 2) ). Es dauert die ganze Rüste gewühnlich vierzehn Tage, doch dehnt sie sich bei kaltem Wetter bis auf zwanzig Tage aus. Der westflan- drische Flachs erscheint im Handel als Gourtray- oder Kortrykflachs. Wasser dieses Flusses nicht so zum Rösten, wie das Lyswasser. Häufiger wird hier die Schlammrüste angewendet und zumeist vom Flachs- bauer selbst. Das Flachsstroh wird gebündelt in Rüstgräben schief eingestellt; mit Schlamm bedeckt und mit Steinen beschwert, steht es hier je nach der Temperatur 6 — 12 Tage, seltener, bei niederer Tem- peratur, länger unter (stehendem) Wasser. Herausgenommen, wird es gewaschen und hierauf auf Wiesen oder Feldern einer 2 — 3wüchentlichen Nachrüste unterworfen. Eine besondere Form der belgischen Flachsrüste ist die Schwarzrüste. Bei derselben w^erden dem Wasser unreife Walnüsse oder Erlenblätter zugefügt. Der hierbei gewonnene Flachs hat eine dunkle Farbe und dient nur zur Herstellung dunkler Gewebe. Die Schlammrüste ist wegen der im stagnierenden Wasser sich reichlich entwickelnden Fäulnisgase ein gesundheitsschädliches Verfahren. 1) Es wird in Belgien auch im März und April in fließendem Wasser geröstet. Wegen der relativ niederen Temperatur der hierbei wirkenden Wasser wird dieses Verfahren als Winterröste- bezeichnet. Der hierbei erzielte Flachs ist von gerin- gerer Qualität, 2) Ein einwandfreies, klares und automatisches Kennzeichen für die Beendigung des Röstprozesses im allgemeinen, also für die Röstreife, konnte bisher wissenschaftlich noch nicht lestgestellt werden. Man ist in dieser Hinsicht lediglich auf das mehr oder weniger sichere Urleil des Fachmannes angewiesen. (Siehe das Preisausschreiben des Verbandes deutscher Leinenindustrieller, 1919.) Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 167 Bei der War m was ser rüste werden die Stengel in Bündel zu- sammengebunden, in mit kaltem Wasser gefüllte Holzbottiche eingetaucht und durch Zuströmen von Dampf die Temperatur des Wassers auf 27—35° G erhöht. In 60—72 Stunden ist der Prozeß beendet. Es tritt hierbei Gasenlwickelung ein; an der Oberfläche der Flüssigkeit entsteht eine Schaumdecke, es stellt sich eine stark saure Reaktion der Flüssigkeit ein. Die anfänglich weiße Schaumdecke nimmt eine dunkle Farbe an und verschwindet bei Beendigung des Prozesses völlig. In Sachsen hat man mit dieser Warmwasserröste gute Erfahrungen ge- macht i). Auch eine Dampfröste ist auf das Flachsstroh angewendet worden (Wattsche Methode), die jedoch trotz der Kürze des Verfahrens (12 bis 18 Stunden) keine Vorteile bringt. Mit großen Mitteln hat die Irish- Flax-Supply- Association das Wattsche Verfahren einzuführen gesucht. Die Resultate waren so ungünstig, daß das Verfahren in Irland nirgends Fuß gefaßt hat. Der Zweck des Röstens besteht in der Auflösung der Bindesubstanz, welche die Bastzellen mit den benachbarten Geweben verbindet. Dabei wird auch die in dem Bastgewebe auftretende Bindesubstanz mehr oder minder stark gelöst, was eine Auflockerung der Baslbündel zur Folge hat. Die Auflösung der in den Baslbündeln auftretenden Bindesubstanz erfolgt allerdings rasch durch kochendes Wasser, aber die benachbarten Gewebe werden hierbei nur wenig angegriffen, so daß der geringe Erfolg der Warmwasserröste begreiflich erscheint. Bei Tau- und Wasserrösten kommen Fermentorganismen zur Wirkung2)^ welche die Auflösung der Bindesubstanz in einer der Abscheidung der Faser sehr förderlichen Weise bewirken und aus der Faser — mehr oder minder vollständig — alles beseitigen, was nicht Zellulose ist. Dadurch gewinnt die Flachsfaser erst ihre große Widerstandskraft. Die genannte Bindesubstanz hat man früher auf Grund der Unter- suchungen Kolbs'') für Pektose gehalten und den Röstprozeß als Pektin- gärung angesehen. Letzteres ist richtig, und Kolb ist das Verdienst zuzuschreiben, als Erster erkannt zu haben, daß die Flachsröste im wesenthchen eine Pektingärung ist^). Aber die Bindesubstanz ist nach den Untersuchungen Mangins^) pektinsaurer Kalk, welcher bei dem 1) Langer, 1. c, p. öl. 2) Erste Auflage dieses Werkes, p. 363 ff. und p. 367. 3) Compt. rend. 66, p. 1024 (-1868). 4) Behrens in Lafar, Technische Mykologie, Bd. III, p. 26911, Jena ■1904—1906. 5) S. bezüglich der bei der Flachsröste auftretenden Gärung: Lafar, Tech- nische Mykologie I, Jena 1897, p. 179. 168 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Rüstverfahren unter Intervention von Fermentorganisrnen aufgelöst wirdij. Auf die Mitwirkung von Fermentorganismen beim Rüstprozeß habe ich 2) zuerst hingewiesen und einschlägige Untersuchungen dringend empfohlen. 1879 hat van Tieghem den Bacillus amylohacter für den Erreger der Flachsgärung erklärt. Aber dieser Bacillus bedingt die Zellulose- gärung, und bei der Flachsrüste kommt es darauf an, die Zellulose zu schonen. Bacillus amylohacter ist also bei der Flachsrüste nicht der wirksame Fermentorganismus. Später (1895) hat Friebes einen anae- roben Bazillus als Erreger der Pektingärung nachgewiesen. Bei Gegenwart von Pepton vergärt dieser Bacillus Zucker und Stärke; wenn demselben aber der Stickstoff nur in Form von Ammoniaksalzen geboten wird, so greift er Stärke und Zucker nicht an, wohl aber die Pektinsubstanzen 3). In den letzten Jahren wurden eingehende Studien über die bei der Rüste wirkenden Fermentorganismen durchgeführt, welche zu folgenden Er- gebnissen führten. Bei der Rüste sind Fermentorganismen beteiligt, denn, wenn man dieselben im Versuche ausschließt, sei es durch Sterilisation oder durch Desinfektion, so unterbleibt der Erfolg der praktischen Rüste. Bei der Wasser- rüste des Flachses geht die Hauptwir- kung von einer Bakteriacee aus, welche „. .,, ,, ,„, .. , , , , von Beiierinck und van Delden als Flg. :3o. Vergr. 051. Oruiutlohacter iiecti>w •> vornw. Nach B e i j e r i n c k und van D e 1 d e n. Graiiulohacter pectinovorum beschrie- ben wurde (Fig. 33). Es ist dies ein stäbchenfürmiger Spaltpilz von anaerobem Charakter, welcher an einem seiner Enden eine Endospore bildet. Im praktischen Betriebe wirken aber noch andere Fermentorganismen bei der Wasserrüste mit, welche zur Peklingärung führen^). Es künnen aber, wie oben bereits angedeutet, manche bei der Wasserrüste auftretende Bakterien stürend -1) Der pektinsaure Kalii läßt sich auch durch verdünnte Schwefelsäure in Lösung bringen, worauf das Baursche Verfahren (Patent 1884 und -1892) der Flachs- gewinnung beruht, welches nach Lafar mit Erfolg im großen ausgeführt wird. Über das Baursche Verfahren s. ferner Pfuhl, Weitere Fortschritte, p. 27 fl'. 2) Erste Auflage (1873) p. 363, 364 und 367. 3) Später ist ein von Allison und Pennington erfundenes Verfahren patentiert worden, welches darauf beruht, dem Röslwasser bestimmte, dem Peklingärungs- Baziilus zuträgliche Salze beizufügen und dasselbe mit den Bakterien der Lysröste (s. oben) zu infizieren. S. Pfuhl, Weitere Fortschritte, p. 24. 4) Näheres über die Bedeutung der Pektingärung bei der Gewinnung von Gespinstfasern siehe im Artikel über Pektingärung von .1. Behrens in Lafar, I.e., Bd. III, p. 2-27 ff. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 169 in den Rüstprozeß eingreifen, insbesondere solche, welche Zellulosegärung einleiten i). Insbesondere kommen solche die Faser gefährdende Störungen vor, wenn die Kaltwasserrüste zu lange währt 2). Bei der Tauröste kommen auch Mycelien von Pilzen zur Wirkung. Ich habe zuerst (1872) auf die Mitwirkung von Cladosporium herbarum Link bei der Tauröste des Flachses hingewiesen 3). Die Art der Röste übt zweifellos einen sehr merklichen Einfluß auf den chemischen Charakter der gewonnenen Faser aus. Je vollkommener die Rüste wirkte, desto größer wird die Menge an Zellulose sein, welche in der Faser vorkommt. Die relativ kleinste Zellulosemenge und dementsprechend die größte Menge an Nichtzellulose wird sich in jener Faser vorfinden, welche ohne Röstung erzeugt wurde (s. oben, Anmer- kung auf p. 165). Leider sind die bisher vorgenommenen chemischen Untersuchungen von Lein fasern zumeist sehr summarisch durchgeführt worden, ohne nähere Rücksichtnahme auf das Röstverfahren, ja ohne Rücksicht darauf, ob der Flachs überhaupt geröstet wurde oder nicht. Um den Zellulosegehalt im ungerösteten Flachs kennen zu lernen, also jene Zellulosemenge, welche zur Zeit der Reife des Flachses in der natürlichen Faser vorkommt, habe ich eine Untersuchung von rein- gehecheltem, aber ungerüstetem, fast ganz aus Bastzellen bestehendem Flachs veranlaßt, welche von R. Benedict und M. Bamberger ausgeführt wurde. Dieser Untersuchung zufolge beträgt die Zellulose- menge eines ungerüsteten Flachses 65,5 — 76,5Proz.4). Nach Herzogt) beträgt die mittlere Menge an Zellulose im gei'östeten Flachse 85,4 Proz. Von vergleichenden Analysen verschieden gerösteter Flachse ist mir nur eine ältere Untersuchung von Hodges^) bekannt geworden, derzufolge ein durch belgische Kaltwasserrüste hergestellter Flachs 82,5 Proz. Zellu- lose, 7,6 Proz. Zucker, Gummi und Pektinsubstanzen enthielt, während ein durch Warmwasserröste erzielter Flachs 88 — 89 Proz. Zellulose und bloß 1 — 2 Proz. Zucker enthalten haben soll ^). Um aus dem gerüsteten Flachsstroh die Faser zu erhalten, muß eine Reihe von mechanischen Arbeiten durchgeführt werden, welche als 1) Über Zellulosegärung s. Lafar, 1. c, III, p. 243 ff. 2) Omelianski, Centralblatt für Bakteriologie, Bd. XII (1904), p. 33. 3) S. hierüber Behrens in Lafar, Techn. Mykol. III, p. 28i. 4) Wiesner, Elementarstruktur und Wachstum der lebenden Substanz. Wien 189-2. p. 141. ö Die Flachsfaser in mikrosk. und chemischer Beziehung. Trautenau 1896, p. 21. (!) Chemical Gazette, Dez. 1854. 1] Selbst in neuesten Werken über die chemische Technologie der Gespinst- fasern ist man über die Resultate der Hodgesschen Versuche nicht hinausgekommen. S. z. B. Wit, 0. N. und Lehmann, L., Chemische Technologie der Gespinstfasern (1888—1911:. K. Stirm, I.e. (1913), p. 73 — 74. 5^70 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Klopfen, Brechen, Schwingen und Hecheln hezeichnet werden, die im Kleinbetriebe mit ziemlich primitiven Vorrichtungen, in den vorgeschrit- tenen flachserzeugenden Ländern im großen Maßstabe mit Maschinen vorgenommen werden (s. auch p. 163). Die Mechanik der hierzu dien- lichen Vorrichtungen und die Wirkungsweise derselben gehören in das Gebiet der mechanischen Technologie, passen also nicht in den Rahmen dieses Buches. Es sei hierüber nur Folgendes kurz erwähnt. Das Klopfen des Flachsstrohs besteht in einer mechanischen Bearbeitung des Flachsstrohs durch Schlägel, Keulen und Stampfen und hat den Zweck, die spröden Teile (Oberhaut und Holzteil des Gefäßbündels nebst Mark) des Flachsstrohs zu lockern und die Ablösung des zähen Bastes von den Nachbargeweben, soweit dies nicht schon durch die Röste geschehen ist, zu vollenden ; durch das Brechen werden die spröden Teile des Strohs vielfach zerknittert und zerbrochen und die holzige Masse vom zähen Baste größtenteils befreit. Das Schwingen entfernt etwas vollständiger die spröden zerbrochenen Gewebe und beseitigt auch die ganz kurzen Flachsfasern. Durch das Hecheln endlich wird der rohe Flachs gekämmt, die langen Fasern werden parallel zueinander gelegt (Reinflachs), die kurzen Fasern ausgeschieden (Werg, Hede). Je nach der Güte der Flachs- pflanze i), der Art der Röstmethode und den mehr oder minder zweck- mäßigen weiteren mechanischen Bearbeitungen des Flachsstrohs erhält man angeblich 8 — 20 Proz. Reinflachs. Beide Grenzwerte erscheinen ungenau. Nach Pfuhls Angaben be- trägt das Maximum der Ausbeute von reinem Flachs i 5 — i 7 Proz. (belgische und holländische Flachse), das Minimum 4,6 — 6,1 Proz. (einzelne Sorten von schlesischem und böhmischem Flachs^)). Die weiten Grenzen der faktischen Ausbeute haben weniger in dem i) Überprüfung und Bewertung des Flachsstrohs siehe Herzog, A., Was muß der Flachskäuf'er vom Flachsstengel wissen?, Sorau 1918, p. 43. Nach genanntem Forscher kommen als wertbestimmende Eigenschaften des Flachsstrohs vor allem in Betracht: 1) Die Länge und Verästelung des Stengels, 2) die Stengeldicke und deren Gleichmäßigkeitsgrad, 3) der Bastgehalt, 4) die innere Struktur der Bastfasern, 5) die Festigkeit des im Stengelinnern befindlichen Bastes, 6) die Reinheit des Strohes, 7) die äußere Beschaffenheit der Stengel und 8) der Wassergehalt. 2) Der von Pfuhl angegebene Maximalwert kommt zweifellos den tatsächlichen Verhältnissen näher als der so häufig in der Literatur genannte Maximalwert (20 Proz.). Da nämlich die Holzmenge des geriffelten Flachses 73—80 Proz., die des Bastes 20 — 27 Proz. beträgt; aus welchem letzteren im günstigsten Falle sich GO Proz. reine Fasern abscheiden lassen, so berechnet sich das Maximum von aus dem Flachsstroh zu gewinnendem Reinflachs mit ^ 6,2 Proz. 3) Über die sehr vervollkommneten Flachsbereitungsanstalten s. Langer, 1. c, p. 30 ff. Die neuen Fortschritte in betreff der Abscheidung der Faser sind in den beiden oben mehrfach zitierten Abhandlungen Pfuhls zusammengestellt und kritisch beleuchtet. S. auch Frost (1909) 1. c. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 171 Eigenschaften der Flachsfasern. Die Länge der Flachsfasern beträgt etwa 0,2 — 1,4 Meter. Je länger bei gleicher Feinheit die Faser ist, als desto besser gilt sie. Es ist leicht einzusehen, daß nicht gerade die längsten Flachse die besten sein müssen, da mit der Zunahme der Feinheit, d. i. mit der Abnahme der Dicke der Faser, auch begreiflicher- weise die Länge mehr oder minder abnehmen muß. Sehr feine Flachs- sorten, bei deren Rüstung stets eine weitgehende Zerlegung der natür- lichen Bastbänder erfolgte, sind niemals sehr lang. Auch die Breite der Fasern ist eine höchst variable. Sie hängt von der größeren und geringeren Vollständigkeit der Zerlegung des Bastes in kleinere Bastbündel durch das Röstverfahren ab. Selbst die Fasern der besten, feinsten belgischen Flachse bestehen noch aus ganzen Gruppen von Bastzellen i) und nur selten begegnet man darunter gänzlich isolierten Bastzellen. Die Breite der gehechelten Flachsfasern variiert nach meinen Beobach- tungen meist zwischen 45 — 620 /(. Ich lasse hier einige meiner Beobachtungen über die Länge und Breite der Fasern von gebrochenen und gehechelten, nach verschiedenen Methoden erhaltenen Flachssorten folgen. Flachssorte Mittlere Länge d. Faser d. gebroche- nen Flachses Mittlere Länge d. Mittlere Breite Faser d. Rein- d. Faser des flachses Reinflachses -1. Ägyptischer Flachs 2. Westfälischer Flachs. Wasser- röste; auf Kaselowskyscher Maschine verarbeitet 3. Belgischer Flachs. Wasser- röste; auf Felhoenscher Ma- schine verarbeitet 4. Belgischer Flachs. Kaltwasser- röste im Flusse Lys, auf ge- wöhnlicher belgischer Schwing- maschine verarbeitet 5. Belgischer Flachs. Nach Lefe- bures Methode gewonnen 6. Belgischer Flachs. Wasserröste auf Colyers Maschine gebrochen 7. Ostflandrischer blaugerösteter Wasserliachs 8. Preußisch-schlesischer Flachs. Tauröste. Auf Warnecks Ma- schine verarbeitet 4,32 m 0,8S 0,79 0,96 m J5 II 114 ,75 » 0,37 » 105 - 0,45 . 108 ,68 » 0,34 » 90 ,58 » 0,41 » 202 1) Durch die Bleiche erfolgt gewöhnlich erst ein Zerfall der Faserbündel in die Einzelfasern. Siehe H. Schneider, Über die technologischen Veränderungen der Leinengarne durch den Bleichprozeß. Diss. 1908. 172 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Herzog 1) erhielt als mittlere Länge von Flachssorten verschiedener Provenienz (Belgien, Holland, Rußland, Böhmen, Mähren, Galizien, Tirol) den Wert 0,867 m. Der längste von Herzog untersuchte Flachs (Tirol, Handschwingerei) maß 1,25, der kürzeste (Galizien, Kopfflachse, auf Handbrechen erhalten) 0,65 m. Festigkeit der Flachsfaser. Über Reißlänge und Bruchmodul der Flachsfaser s. oben p. 22. Eingehende Studien über Festigkeit und Reißlänge des Flachses hat in jüngster Zeit Herzog angestellt. Seinem freundlichen Entgegenkommen danke ich die folgenden Tabellen über die Festigkeitsverhältnisse der Flachsstengel, der Rohfaser und der hier- aus berechneten Festigkeit der einzelnen Bastzellen 2). Diesen beiden Tabellen ist auch der Einlluß der Stengelhöhe (nämlich der in ver- schiedenen Höhen des Stengels über den Keimblättern liegenden »Stengel- zonen«) und Stengel dicke auf die Festigkeitsverhältnisse des Flachses zu entnehmen. Die zweite Tabelle enthält auch Zahlen über das Ver- I. Allgemeine Festigkeitsverhältnisse des Flachsstengels und seiner Bastfasern. Stengelzone über d. Keim- Stengelfestigkeit Ungleich- Reißlänge in km Festigkeit einer Bast- blättern in cm 1 in kg mäßigkeit in Proz. des Stengels der Faser zelle in g 0—10 ! 9,32 1 23,8 9,8 1 55,4 26,0 10 — ^20 15,97 6,0 19,6 76,8 i0,5 20 — 30 15,62 9,5 22,2 81,0 18,0 80—4 13,74 10,8 22,0 79,6 14,9 40—50 13,16 12,7 24,4 89,8 14,2 50 — 60 9,69 25,4 20,1 1 84,1 13,6 60—70 4,6 34,8 13,9 j 73,2 13,6 Einspannlänge 5 cm. In der Keimblattachse und "Wurzel konnten die Festigkeitsverhältnisse nicht einwandfrei ermittelt werden; praktisch ist dies jedoch belanglos, da die genannten Teile infolge ihrer Sprüdigkeit für die Flachsbereitung ohnehin nicht in Frage komriien. 1) Herzog, Diö Flachsfaser usw. Trautenau, 1896, p. 11. 2) Diese beiden Tabellen, die zu Lebzeiten Hofrat v. Wiesners noch nicht veröffentlicht waren, sind neben vielen anderen wertvollen Zusammenstellungen in A.Herzogs Werke >Was muß der Flachskäufer vom Flachsstengel wissen?« (Sorau 1918) enthalten. Siebzehnter AbachniU. F asern. 173 II. Einfluß der Stenseldicke auf die Festigkeit des Flachses. Stengeldicke 1) in mm Gesamtbast in Proz. Stengelfestigkeit in kg Reißlänge des Strohes in km der Faser 0,90—1,-10 1,11 — 1,50 1,51-1,80 1,81-2,20 31,5 28,5 26,7 25,4 7,64 11,76 13,94 17,55 28,3 22,2 ; 20,8 : 16,1 1 89,8 77,8 77,9 6.i,4 Einspannlänge 5 cm. Vorstehende Angaben beziehen sich auf gutes schlesisches Fiachsstroh der Ernte 1912. Die Farbe der besten Flaehssorten ist eine lichtblonde. Nach Lefebures Methode erhaltener Flachs ist ganz lichtblond, beinahe weiß. Die durch Tauröste gewonnenen Sorten sind grau 2]. Unvollständig ge- röstete Sorten zeigen eine etwas grünliche Färbung, indem das in den Geweben enthaltene Chlorophyll nicht völlig zerstört wurde. Eigentümlich ist die Farbe des unter Mitwirkung von Schlamm durch Kaltwasserröste in Belgien erhaltenen Flachses, welcher stahlgrau gefärbt ist. Am dunkelsten sind die durch Schwarzröste erzielten Sorten. Die Farbe des ägyptischen Flachses ist graugelb mit einem Stich ins Rötliche. — Die blonde oder weißliche Farbe ist den Bastzellen des Flachses eigen- tümlich. Stark gelb gefärbte rohe Flachse enthalten noch viel von den dem Baste außen anhaftenden Parenchymzellen. Untersucht man die grauen, durch Tauröste erhaltenen Flachssorten mikroskopisch, so findet man, daß die Bastzellen glasartig durchsichtig und farblos sind, daß hingegen die anhängenden Nachbargewebe, vorwiegend Parenchym, aber auch kleine Oberhautreste, stark mit Pilzsporen durchsetzt, von meist dunkel olivenbraun gefärbten Pilzmycelien durchzogen sind. Diese Pilz- vegetationen entstanden bei der Röste, und es unterliegt wohl kaum einem Zweifel, daß sie den Prozeß der Isolierung des Bastes sehr be- förderten, indem die von ihnen durchsetzten Gewebe stark demoliert wurden. Ich darf nicht unerwähnt lassen, daß ich in einigen wenigen Bastzellen eines solchen grauen Flachses auch eingedrungene Pilzmycelien 1) Bezogen auf die Zone 20 — 30 cm. 2) Über die Ursachen der natürlichen Färbung der pflanzlichen und tierischen Faserstoffe siehe auch A. Herzogs vorläufige Mitteilung in den »Mitteilungen der Forschungsstelle Sorau des Verb, deutscher Leinen-Industrieller«, Nr. 1, 1919, p. 2, wo genannter Forscher die Färbung des wassergerösteten Flachses auf Oxydations- wirkungen durch Fermente und die des taugerösteten Flachses auf gefärbte, den Fasern aufgelagerte Fremdstoffe zurückführt. 174 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. gesehen habe. Es ist immerhin möglich, daß bei Tauruste ein Teil der Bastzellen durch Pilze zerstört wird. Auch möchte ich noch betonen, daß durch Tau- und Wasserröste erhaltene Flachse außer den genannten Pilzsporen und Pilzmycelien noch andere Fermentorganismen, insbe- sondere Bakterien, hefenartige Zellen usw. führen, welche beim Rösten beteiligt waren und nicht immer vollständig bei den üblichen Verfahren Glanz. Die besten, sowohl grauen als blonden Flachse sind stark seidenglänzend. Besonders sind die italienischen Flachssorten durch hohen Glanz ausgezeichnet. Starker Glanz wird als ein Zeichen der Güte angesehen und mit Recht, denn alle jene Flachssorten, die von den anhaftenden Geweben befreit sind und aus möglichst gut isolierten Baslzellen bestehen, deren Wände außen stets glatt sind, zeigen einen lebhaften Glanz. Alle mattglänzenden oder gar glanzlosen Sorten (z. B. der ägyptische) enthalten doch noch Reste von parenchymatischen Nachbar- geweben, auch sind ihre Bastzellen nur stellenweise außen von glatten Flächen begrenzt; sehr häufig sind sie außen mit einer feinkörnigen Masse oder mit streifenförmig gestalteten Resten der Mittellamelle bedeckt. Lufttrocken enthält der Flachs 5, 70 — 7,22Proz. Wasser; in mit Wasser- dampf gesättigtem Räume steigt der Wassergehalt bis auf 13,9 — 23,36 Proz. Käuflicher Flachs wird in Rußland und anderen Ländern durch »Netzen« mit Wasser versetzt, um das Gewicht zu vermehren i). Bei der Wert- ermittelung des Flachses muß selbstverständlich auf den Wassergehalt Rücksicht genommen werden. Die Wichtigkeit dieses Gegenstandes (Konditionierung des Flachses) erkennend, hat Prof. Herzog in Sorau durch achtzehn Jahre sehr ein- gehende diesbezügliche Untersuchungen angestellt, welche sich auf die Flachsstengel, auf gerösteten und ungeröstelen Rohflachs, endlich auf ausgehechelten Flachs im gerösteten und ungerösteten Zustand beziehen. Herr Prof. Herzog hat mir die Resultate seiner langjährigen 1840 Konditionierungen umfassenden Studien übersendet und mir die Erlaubnis erteilt, dieselben in den »Rohstoffen« zu verwerten 2). In der folgenden kleinen Tabelle stelle ich in aller Kürze jene auf den Wassergehalt des Flachses bezugnehmenden Daten zusammen, welche mir am wichtigsten scheinen. 1) Schindler, 1. c, p. 48 und 44. 2) Diese Tabelle ist z.T. in Herzog, Was muß der Flachskäufer usw. (Sorau, 1918), z. T. in »Der Wassergehalt der ausgearbeiteten Flachslaser« (Mittl. Forschungs- stelle, Sorau, 1919) enthalten, welch letztere Abhandlung mit sehr lehrreichen und übersichtlichen Schaubildern ausgestattet ist. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 175 Wassergelialt in Proz. I. Flachspflanzeni). M inimum Maximum Mittel Grünrei 1 66,3 79,8 72,0 Gelbreif 58,7 64,9 62,0 Vollreif 45,4 53,7 50,0 Nach dem Trocknen der Gelbreifen 11,2 19,4 13,0 II. Flachsstroh2). Nach dem Riffeln 7,3 18,3 Rasenröste 9,0 17,7 "Wasserröste 8,2 15,4 III. Ausgearbeiteter Flachs (Schwingllachs). a] Rasenröste. Provenienz: Minimum Maximum Häufigste Werte Deutsches Reich u. ehem. Österreich 5,4 13,7 9,9—11,1 Rußland 7,3 15,9 11,1—12,4 Belgien, Holland und Frankreich 5,1 11,9 8 — 9 b) Wasserröste. Provenienz: Deutsches Reich u. ehem. Österreicli 0,4 , 11,8 8—9 Rußland (),6 14,6 9 — 10 Belgien, Holland und Frankreich 5,0 11,2 7-8 F. Ilünig^) ist bei seinen Untersuchungen über den Feuchtigkeits- gehalt von Textilfasern bezügUch des Flachses bei einem mittleren relativen Feuchtigkeitsgehalt der Luft von 43,8 Proz., bei einer mittleren Temperatur von 20,25° G zu folgenden Mittelwerten gekommen, und zwar für gehecheltes Material bei vorangegangener Wasserröste zu 8,52 Proz., bei vorangegangener Taurüste zu 8,72 Proz. und bei vorangegangener Überrüste zu 9,57 Proz. Wassergehalt, bezogen auf Trockensubstanz. Bei Berücksichtigung der Mittelwerte des relativen Feuchtigkeits- gehaltes der Luft für die europäischen Hauptproduktionsgebiete des Flachses hat sich für diesen Faserstoff ein Wassergehalt von ziemlich genau 1 2 Proz. ergeben, welcher Gehalt auch dem im Handel üblichen Zuschlag entspricht. Die völlig getrocknete Faser gibt 1,18 — 5,93 Proz. kristalli'reie Asche. Die höchsten Werte für Wasser- und Aschenmenge wurden beim ägyp- tischen Flachs konstatiert. Die Trockensubstanz des Flachses enthält Zellulose (über den Zellu- losegehalt der Bastzellen des Flachses s. oben p. 1 69), ein bei gewöhn- licher Temperatur festes Fett (Flachswachs), dessen Menge 1,6 — 2,1 Proz. 1) Unmittelbar nach dem Raufen konditioniert. 2) Nach längerer Lagerung. 3) F. Honig, Beiträge zur Kenntnis der hygroskopischen Eigenschaften der Textilfasern unter Berücksichtigung der Entwicklung der Trocknungsapparate, -ver- fahren und -anstalten. (Forschungsarbeiten v. deutsch. Forschungsinstitut für Textil- industrie in Dresden, Heft 3, 4, 5. Dresden 1918, 190 S.) 176 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. beträgt, Eiweißkörper (ca. 4 Proz.), Zucker und zahlreiche stickstofffreie Extraktivstoffe (Pektinkürper, Gerbstoffe, Farbstoffe usw.i)). Handelssorten des Flachses. Die Zahl derselben ist eine große. Es können hier nur die wichtigeren Sorten genannt werden. Auf eine genaue Charakteristik muß wohl verzichtet werden, da nur sehr wenige Sorten durch unverrückbare Eigentümlichkeiten ausgezeichnet sind. Zu den besten Flachssorten gehören die belgischen Produkte. Die besten belgischen Sorten sind blond, fein, langfaserig. Andere sind stahlgrau, und gerade diese lassen sich leicht vollkommen bleichen. Hierher gehören auch die dunklen durch Schwarzröste (s. oben p. 166) erhaltenen Flachse. Früher hat man allen anderen die irischen Sorten vorangestellt. Bei schöner Farbe (lichtblond), Feinheit und Weiche im Anfühlen, wird ihnen auch hohe Festigkeit nachgerühmt. Später rügte man die schlechte Zubereitung der irischen Flachse und sprach viel vom Niedergang des Flachsbaues in Irland 2). Die in neuerer Zeit von Italien in den Handel gesetzten Flachse zeichnen sich vor allen anderen durch schönen und stark seidigen Glanz, ferner durch sorgfältige Zubereitung des Reinflachses aus. Auch die besten französischen und holländischen Flachse werden in der Reihe der feinsten genannt. — Die längste aller im Handel erscheinenden Flachssorten ist die ägyp- tische (Ben Said, alexandrinische). Ihre Länge beträgt 1,0 — 1,3 m, nach einigen Angaben auch noch darüber. Diese Sorte ist an den langen, matten, graugelblichen, ins Rötliche fallenden Fasern zu erkennen. Die Faser ist grob, schwierig rein zu bleichen, aber fest und wird deshalb nur zu grober, ungebleicht bleibender Leinwand verarbeitet. Die ägyptischen Flachse sind sehr hygroskopisch und reich an Mineral- bestandteilen. Zu den langen, aber nicht zu den feinen Sorten zählen der Petersburger, Rigaer, Königsberger, böhmische und schlesische. Libauer, österreichischer, Kärntner und Tiroler Flachs sind stark, aber häufig nur von mittlerer oder geringer Qualität. Die amerikanischen Sorten (Minnesota-, Dakotaflachs) können selbst mit den mittleren europäischen Sorten nicht konkurrieren. Der Flachsimport nach Amerika ist gering, da die Baumwolle den Flachs dort nicht aufkommen läßt 3). 1) Über die chemische Beschaffenheit des Flachses s. Näheres bei Herzog, Die Flachsfaser usw. (1896), p. IGff. 2) »Flachs und Leinen«, III, p. 349, 417. 3) Ebenda, IV, p. 41. Über Flachskultur in Nordamerika und über amerika- nische Flachsarten. Dodge, The present state of flax culture in the Unit. St. Dept. ofAgric. 1894, p. 174ff., und Dodge, A Report on Flax culture for Seeds and fihre in Europe and America. U. S. Dep. of Agric. 1898. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 177 Die Haupthandelsplätze für Flachs (und Hanf) sind nach Glafeyi) für Rußland: Riga, Dünaburg (üwinsk), St. Petersburg, Moskau, Archangel, Pskow; für Irland: Belfast; für Belgien: Gent; für Frankreich: Lille; für Österreich: Trautenau; für Deutschland: Landshut (Liegnitz). Über Einfuhr und Ausfuhr des Flachses (und Hanfes) insbesondere in bezug auf Deutschland s. Leipziger Monatsschrift für Textilindustrie und die verschiedenen Jahrgänge von »Der deutsche Leinen-Industrielle. Mikroskopische Kennzeichen der Flachsfaser^). Um eine genaue Kenntnis der morphologischen Eigenschaften der Leinenfaser zu gewinnen, ist zunächst erforderlich, die unveränderte Bastzelle des Flachses mit der im gehechelten, versponnenen und verwebten Flachse auftretenden zu vergleichen. Die unveränderte Leinbastzelle kann man leicht zur Anschau- ung bringen, wenn man Abschnitte des Flachsstrohs im Wasser durch einige Minuten kocht. Zieht man dann die Rinde vom Stengel ab, so haften teils an dieser, teils am Holzkörper die völlig isolierten Bastfasern; man findet viele freie Enden der Fasern und kann die einzelnen Zellen mit der Pinzette leicht fassen und unter das Mikroskop bringen. Diese Bastzellen sind mehrere Zentimeter lang und erscheinen unter dem Mikroskop, abgesehen von einer Andeutung von Schichtung, strukturlos (Fig. 34 J.). Hin und wieder sieht man quere oder schiefe Linien (Fig. 3iB, C, ss), welche man früher als Porenkanäle gedeutet hat. Porenkanäle kommen aber in der Wand der Flachsbastzellen nicht vor. Die genannten Linien sind zarte die Zellhaut durchziehende Bruchlinien und haben mit dem Strukturverhältnis der Bastzelle nichts zu tun. Querwände anhaftender Parenchymzellreste geben auch Veranlassung zum Auftreten von queren oder etwas schrägen Linien an der Leinenbastzelle. Ein anderes Bild bekommt man, wenn man die Bastzellen des 1) Glafey, Die Rohstoffe der Textilindustrie, Leipzig IQIO. 2) Wiesner, Technische Mikroskopie, 1867, p. lOOff. Rohstoffe, I.Aufl., p. 369 — 372. Wiesner, Die mikr. Unters, des Papiers mit besonderer Berücksich- tigung der ältesten orientalischen und europäischen Papiere. (Aus Papyrus Erzherzog Rainer.) Wien -1887. Daselbst auch die ältere Literatur. Vetillard, Etudes sur les fibres textiles. Paris 1876. A. Herzog, Beiträge zur Kenntnis der Flachsfaser. Österr. Chemikerzeitung, 1898, Nr. 1 und 11. T. F. Hanausek, Lehrbuch der technischen Mikroskopie. Stuttgart 1900. v. Höhnel, Die Mikroskopie der techn. verwendeten Faserstoffe. Wien und Leipzig 1887. 2. Aufl. 1903. A.Herzog, Mikrophotographischer Atlas der technisch wichtigen Faserstoffe, München, Ober- netter 1908. Korn, Untersuchungen über die technisch-mikroskopische Unterschei- dung einiger Fasern, insbesondere der Leinen- und Hanffaser. Dissertation, Techn. Hochschule, Dresden 1909. P. Sonntag, Torsionserscheinungen der Pffanzenfasem beim Anfeuchten und die mikroskopische Unterscheidung von Hanf und Flachs. (Jahres- ber. f. ang. Botanik, Berlin 1911, IX, p. 140—163.) Wie sner, Rohstoffe. III. Baud. 3. Aufl. jo 178 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. gehechelten, versponnenen oder des im Gewebe bereits ausgenützten FJachses betrachtet. Die Bruchlinien sind schärfer, reichlicher, und stellen- weise sieht man die Zelle knotenförmig aufgetrieben (Fig. 34 5, C, SS). In den Knoten erscheinen die Verdickungsschichten der Zellen auseinander- gebrochen, voneinander getrennt. Nunmehr wird man leicht erkennen, daß die in den Knoten getrennt erscheinenden Verdickungsschichten der Zellhaut über und unter den Knoten sich häufig fortsetzen und als mehr oder minder reicblich auftretende Längsstreifung der Faser sich zu erkennen geben. Eine Andeutung dieser Längsstreifung ist hin und wieder auch an den unveränderten Baslzellen zu finden. Die Knoten entstehen durch die mechanischen Angriffe bei der Gewinnung und Verarbeitung der Flachsfaser und sind in verschiedenem Grade aus- gebildet. Eine Vorstufe der Knoten- bildungen sind die von v. Höhnel aufgefundenen »Verschiebungen« der Zellwandschichten (Fig. 35, l). Je stärker die Bastzelle des Leins mechanisch angegriffen wurde, desto stärker treten die Zerklüftungen in Form von »Verschiebungen «, Knoten und Zerreißungserscheinungen her- vor. In den besten belgiscben und auch sonst in guten Flachssorten finden sich viele fast noch gar nicht angegriffene Bastzellen vor, die sich also der natürlichen unverletzten Faser nähern. Für die genaue Kenntnis der morphologischen Eigenschaften der erforderlich, die Ausbildung derselben in Flachsstrohs zu verfolgen. Es ist hier der Flachs stets gerauft wird, also der Die Fig. 34. A, Vergr. 200, £, C, 400. Bruchstücke von Leinenfasern. A in völlig unverändertem, i), ein mechanisch bereits angegriffenem Zustande, s streifen (zumeist Brnchlinien, doch auchmanch- raal auf anhaftende Querwände von Parenchym- zellen zurückzuführen), ^' 6' stärker hervortretende Bruclistellen der Faser (»Knoten«). Wiesuer, Papyrus Erzh. Rainer. Leinenfaser ist es besonders verschiedenen Höhen des vor allem zu beachten, daß geriffelte Flachs aus einem Wurzel- und einem Stengelteil besteht Bastzelle ist nun ein mechanisches Element, welches in erster Linie der Biegungsfestigkeit des Stengels dient und in der druckfest konstruierten Boden Wurzel entweder fehlt oder nur in geringer Menge vorkommt. Die Wurzel der Leinpflanze ist arm an Bastzellen i). Diese Wurzelbast- l) Nach Herzog (h c. p. lO, österr. Chemikerzeitg. 1898) fallen auf den Wurzel, querschnitt 35, auf den Stengelquerschnitt (abgesehen von dem oberen Ende) 530 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 179 Zellen haben allerdings normale Länge, sind aber sehr weitlumig, ver- hältnismäßig dünnwandig und besitzen im Vergleiche zu den Bastzellen des Stengels einen bis doppelt so großen Durchmesser. Im Stengel des Flachsstrohs stimmen die Bastfasern im großen und ganzen überein, nur im untersten Stengelteile nähern sich die Bastzellen in Form und Größe den Wurzelbastzellen, und im obersten sind sie unreif, nämlich verhältnismäßig dünnwandig, mit noch proto- plasmareichem Inhalte. Die Fasern des obersten und untersten Stengelteils und der Wurzel gelangen bei der Flachsbereitung gewöhnlich in dasWerg, undnur in den ge- ringsten Flachssorten sind sie zu finden. Im Reinflachs und in den daraus erzeugten Gespinsten und Geweben erscheint nur die dick- wandige, also die spezifische Bastzelle des Flachsstengels; die Bastzelle der Wurzel, des unter- sten und obersten Stengelteiis fehlt. Es ist also bei der Unter- suchung des Flachses und der Leinenprodukte in erster Linie auf die spezifische Bastzelle, des Flachses zu achten. Wir wollen diese Bastzellen als »Rein- flachsfaser« bezeichnen. Die Reinflachsfaser hat im unveränderten Zustande eine sehr regelmäßige Gestalt i). Ihre Grenzfläche ist abgerundet prismatisch bis fast zylindrisch, nach den Enden zu kegelförmig; die Enden sind in der Regel lang zuge- spitzt, seltener anders gestaltet, nämlich entweder etwas abgeflacht oder kurz vor einem scharf zugespitzten Ende etwas aufgetrieben. Der Quer- 13m i Fig. 35. Vergr. 200 tzw. 400. Leinenfaser, l Längs- ansicM mit Verschiebungen v ; q Quei schnitte, e spitzes Ende der Faser. (Nach v. Höhnel.) bis 550 Bastzellen. In dem von Herzog herausgegebenen Werke »Mikrophotogra- phischer Atlas der technisch wichtigen FaserstofTe«, München 1908, sind neben den normalen Flachsbastzellen die abweichend gebauten ßastzellen der Wurzel, der oberen und unteren Stengelenden und der hypokotylen Stengelglieder abgebildet, Bastzellformen, welche im Reinflachs nicht oder nur ausnahmsweise erscheinen. ■1) Über den Verlauf der Dickenzunahme der Flachsbastzelle vgl. oben bei Baumwolle p. 122. 12* 180 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. schnitt weicht oft mehr oder weniger von der Kreisgestalt ab. Der Innenraum der Zelle ist fast immer nur sehr klein und erscheint fast stets nur auf eine dunkle Linie reduziert. Durch Anwendung von Isolierungsmitteln (Kalilauge oder Chromsäure; auch durch Kochen in Wasser) kann man sich überzeugen, daß diese Baslzellen stets eine bedeutende Länge haben, welche fast immer 2 — 4 cm beträgt, aber auch darüber hinaus steigt 1). Über die Dimensionen des I ^ "Ml \ "l Querschnittes der Flachsbastzellen ist viel geschrieben worden. Häufig fin- det man noch Schachts Angabe^) aufgeführt, daß ihr Querdurchmesser 4 — 6 -^^ mm (=10— 15,«) beträgt. Nach meinen Untersuchungen beträgt die maximale Breite der Reinflachsfaser 12 — 26, zumeist 15 — 17/<3). Strukturverhältnisse sind, wie schon erwähnt, an der unveränderten Flachs- bastzelle fast gar nicht zu beobachten. Am Querschnitt tritt zarte Schichtung der Zellhaut auf, welche auch in der Längsansicht der unveränderten Flachs- faser angedeutet ist. Die auf dem Quer- schnitt der Flachszelle erscheinenden gemeinsamen Außenhäute (Mittellamel- len) sind zart und färben sich nach V. Höhnel mit Chlorzinkjod blau. (Vgl. bei Hanf und Jute.) — ;•/!? I Fig. 36. Vergr. 550. A Fragment einer Flachsbastzelle nach kurzer Behandlung mit 1,4 proz. Schwefelsäure gekocht, wobei eine steile, schiefe Streifung zu erkennen ist. B F'ragment einer Flachshastzelle nach Be- handlung mit 50proz. Kalilauge. Stellen- weise Erweiterung des Lumens mit Proto- plasma erfüllt, »Protoplasmaknötchen«. (Nach F. Keinitzer.) -1) Sehr zahlreiche Messungen über die Länge der Flachsbastzellen sind von Herzog (1. c.) angestellt worden. Diese Längen betrugen in der Ilauplwurzel der Leinpflanze im Mittel r),3 cm im unteren Teile des Flachsstrohs » » 5,3 » im mittleren Teile des Flachsstrohs im Mittel im oberen >^ » » » » 4,6 4,3 2) Die Prüfung der im Handel vorkommenden Gewebe p. 22. 3) 4. Aufl. p. 369. Diese Werte stimmen genau mit den später von V. Höhnel meist 25 — 30 fj) (1. c, p. 34) angegebenen überein. Vetillards Angaben (15 — 37 beziehen sich wohl auf alle Bastzellcn des Flachsstrohs, gewiß auch auf verletzte, auseinandergebrochene, welche stets breiter als die unverletzten erscheinen. Nach Herzog (1. c.) beträgt die mittlere Breite der Bastzellen des mittleren Stengelteiles "i1,1 fi; in der Wurzel ist die mittlere Breite 52,5, im unteren Stengelteile 30,9, im oberen Stengelteile 19,3 ,m. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 181 ;i. V F. Reinitzeri) hat \9\] mitgeteilt, daß die Flachsbastzelle auch durch eine feine Längsstreifung charakterisiert sei, welche, im Mikro- skop gesehen, sehr steil in der Richtung von rechts unten nach links oben verläuft und bei Anwendung von Quellungsmitteln deutlicher wird (Fig. 36^). Auch zeigt nach Reinitzer der Innenraum der Flachsbast- zelle hin und wieder stellenweise Erweiterungen, welche mit Protoplasma erfüllt sind (»Protoplasmaknütchen«) (Fig. 36 B^ a.). Diese erweiterten Hohlräume, bzw. die »Protoplasmaknötchen« sollen für die Leinenfaser charakteristisch sein, der Hanffaser hingegen fehlen, so daß nach der Ansicht Reinitzers hierin ein neues Kennzeichen gegeben ist, welches die Leinenfaser von der Hanffaser unter- scheidet. Durch Kupferoxydammoniak wird die Zellwand der Flachsbastzelle zuerst stark aufgetrieben, so daß der Durch- messer der Zelle oft eine Grüße von 55 1.1 annimmt. Die Membran erscheint dabei gerade oder schief parallelstreifig und manchmal, wegen der größeren Resistenz der äußeren Zellwandpartien gegenüber den inneren, sogar blasen- fürmig aufgetrieben. Die blasenfürmige Auftreibung der Zellwand bei Einwirkung dieses Reagens kann mithin nicht als Unterschied zwischen Baumwollen- und Leinenfaser gelten (vgl. hierüber bei Baumwolle p. 121). Die Zellwand ver- fließt nach kurzer Zeit im Reagens, und nur ein nie fehlender Protoplasmarest bleibt als dünner, etwas gelblich gefärb- ter, selten gerade gestreckter, in der Regel wellig (Innenschlauch) in der blauen, schleimigen Masse zurück 2). Nach einiger Zeit wird der Innenschlauch zerstückelt und schließlich in eine fein- körnig-gelatinöse Masse verwandelt (Fig. 37). Wenn Reste der Interzellular- substanz (Mittellamellen) den Bastfasern anhaften (im Werg oder in ge- ringen Flachssorten) und diese noch rund umgeben, so werden dieselben S L / Fig. 37. Vergr. 400. Fragmeut einer Leinen- bastzelle nacli Behandlung mit Kupferoxyd- ammoniak. i Innenschlaucli, i'i' nach Ein- wirkung von Kupferoxydammoniak zurück- bleibende Reste der Innenschläuche. \) Friedrich Reinitzer, Beitrag zur Kenntnis des Baues der Flachs- und Hanl- faser. Archiv für Chemie und Mikroskopie, IQH, Sonderabdruck, p. 2. 2) Die wellenförmige Krümmung des Innenschlauches kommt durch Verkürzung der quellenden Zellulosemasse, mit -welcher der Schlauch in der Regel noch innig verbunden ist, zustande (s. oben p. \M). 182 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. durch das Kupferoxydammoniak in feine Körnchen zersprengt oder er- scheinen in einer Andeutung von Faltung ähnlich wie bei der Ramiefaser (s. unten Fig. 54, p. 220), niemals in jener scharf ausgesprochenen Faltung wie beim Hanf (s. unten beim Hanf). — Jod und Schwefelsäure bläuen die Faser, Ghromsäure bringt sie unter starker Abminderung des Licht- brechungsvermögens nach längerer Zeit in Lösung. Gute Flachssorten bestehen aus unverholzten Bastfasern, welche durch Phlorogluzin + Salz- säure nicht gefärbt werden. Die natürliche Bastfaser des Flachses ist nicht oder nur schwach tK>^] J~"^T 1 Ti r— — r^ verholzt (besonders die Bastfaser der Wurzel), aber bei der Röste verschwindet die Holzsubstanz, und nur an sehr geringen Flachssorten macht sich stellenweise eine schwache Verholzung bemerkbar ^j. Die dem ge- brochenen Flachse anhaftenden Gewebs- reste des Flachs- stengels , wie Ober- haut, Parenchym und Holzgewebe, sieht man, wie schon oben mitgeteilt wurde, wenn man die Faser mit Reagenzien be- handelt. Phlorogluzinsalzsäure färbt die dem Holzkürper des Flachs- stengels angehörigen Teile intensiv rotviolett. Kupferoxydammoniak läßt all die genannten Gewebe ungelöst. Jod und Schwefelsäure färben die Bastzellen blau, die übrigen anhaftenden Gewebe hingegen gelb bis braun. Mikroskopisch läßt sich das Holzgewebe der unreinen Flachs- faser sehr leicht an den verhältnismäßig dünnwandigen, etwa 12// breiten, gewöhnlich mit einer Reihe kleiner Tüpfel versehenen Holzzellen und an den Gefäßen, von denen besonders scharf die etwa \ 8 // breiten Spiralgefäße hervortreten, erkennen. Schwieriger ist es mit dem direkten mikroskopischen Nachweis des Parenchymgewebes, von welchem man an . Vergr. 300. Oberhaut des Flachsstengels (in der Flächen- ansicht) mit Spaltöffnungen, s Schließzellen, n Nehenzellen der SpaltöiFnungen. oo Oberhautzellen. (AusWiesner, Papyrus Erzherzog Eainer.) 1) Über die spezifische Doppelbrechung der Flachsbastzelle s. oben p. 9 ff. I Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 183 manchen Bastzellen noch Reste der Zellwand anhaften sieht; sie erscheinen in Form von Linien, die die Flachsbastzelle meist quer durchsetzen. Gewöhnlich ist aber das Parenchymgewebe bis zur Unkenntlichkeit zer- drückt und zerrissen. Auch das Oberhautgewebe ist oft stark angegriffen. Es erscheint gewöhnlich in Form von dünnen, gelblichen Schuppen, an welchen bei sorgfälliger Präparation und genauer Beobachtung sowohl die Oberhautzellen als auch die Spaltöffnungen erkennbar werden (Fig. 37). Bei Untersuchung geringer Flachssorten, von Werg (Hede) und daraus erzeugten Garnen (Tow- oder Werggarn) ist zu beachten, daß darifi Bastzellen der Wurzel und der unteren und oberen Stengelteile, ferner die eben genannten der Rinde und dem Holze der Flachsstengel ange- hürigen Bestandteile, wenn auch nur in kleiner Menge, zu finden sind, was die Erkennung solcher Produkte sehr erleichtert i). Die Verwendung der rohen Flachsfaser zu Gespinsten ist bekannt 2). Der Flachs wird als solcher nicht gebleicht, sondern erst nachdem er versponnen oder verwebt wurde. Die Flachsfaser läßt sich in der Regel ausgezeichnet bleichen; nur grobe Sorten (z. B, ägyptischer) setzen dem Bleichverfahren einige Schwierigkeiten entgegen. Gebleichte Leinengarne und -gewebe lassen sich bekanntlich nicht so leicht wie Baumwollen- garne und -gewebe färben; erstere werden deshalb hauptsächlich im ungefärbten Zustande verwendet. — In neuerer Zeit wird die rohe Flachsfaser auch in der Fabrikation von Wertpapieren benutzt. Aus Flachswerg und Abfällen der Flachsbereitung wird nach einem bestimmten Verfahren eine Faser abgeschieden, welche mit Wolle versponnen wird und den Namen Kosmosfaser führt. Nach v. Höhnet werden auch die Abfälle der Hanf- und Juteerzeugung zur Erzeugung von Kosmosfaser verwendet^). 1) A. Herzog macht darauf aufmerksam, daß die Bastzellen des russischen Steppenflachses sich von denen des gewöhnhchen Flachses dadurch unterscheiden, daß sie im Bau sehr an die Bastzelle des Hanfes erinnern, namentlich wegen der Weite des Lumens und des schärferen Hervortretens der Schichtung. Die Samen des russischen Steppenflachses sollen zur Verfälschung der russischen Leinsaat (aus den russ. Ostseeprovinzen) verwendet werden, und so soll es kommen, daß die Fasern dieses Flachses hin und wieder auch in unseren Leinengeweben erscheinen. Da sich die Bastfasern des russischen Steppenflachses aber nur zu sehr geringen Geweben verwenden lassen, so wird man wohl in den Leitelementen, welche dem Flachsstengel angehören, Mittel haben, um diese Zellen, trotz ihrer Ähnlichkeit mit den Hanfbast- zellen, als Flachsbast^ellen zu erkennen. Übrigens fehlen an den Bastzellen des Steppen- flachses einige der wichtigsten Kennzeichen der Hanfbastzelle (s. unten bei Hanf). Alois Herzog, Zur Kenntnis d. russischen Steppenflaches, Textil- u. Färbereizeitung, Braunschweig 1904. 2) Während des Weltkrieges war es wichtig, daß sich glatte Leinengewebe für die Herstellung von Aeroplanflügeln eigneten. 3) F. V. Höhnet, Mikrosk. d. Faserstoffe, 2. Aufl. (1905) p. 83 ff. 184 Siebzehnter Abschnitt Fasern. In der letzten Zeit machten die Bestrebungen nach VerbaumwoUung (Kontonisierung) der Flachs- und Hanffaser viel von sich reden. Tech- nisch ist es unstreitig möglich, die Faserbündel dieser beiden Pflanzen so zu zerlegen, daß die Einzelfasern auf Baumwollmaschinen versponnen werden können, praktisch hat aber vorläufig diese Verbesserung keine sonderliche Bedeutung i). Geschichtliches. Der Flachs ist die am längsten bekannte vege- tabilische Gespinstfaser. Im alten Ägypten wurde Flachs versponnen und verwoben, wie die durchaus leinenen Mumienhinden bezeugen (s. oben p. 134). Die Verwendung des Flachses als Gespinstpflanze bei den Pfahlbauern ist gleichfalls sichergestellt 2). Den alten Griechen war Flachs als Xivov^ den alten Römern als l'inum bekannt'^). Diese Worte wur- den, wie im Deutschen, sowohl auf die Leinpflanze als auch auf die Faser und deren Spinn- und Webeprodukte angewendet. Die bei den Römern behufs Flachsgewinnung vorgenommenen Prozeduren (raufen fvellere], rösten imacerare], brechen [frangere], hecheln [digerere]*) stimmen schon mit der heutigen Flachsbereitung im wesentlichen überein. Die massen- hafte Einfuhr billiger vegetabilischer Textilstoffe, namentlich der Baum- wolle und der Jute, führte zu einer Wendung in der Flachsindustrie^ der Flachs kann sich als Welthandelsprodukt nur halten, wenn er als veredeltes Produkt auf dem Markte erscheint, in welcher Form er unter den übrigen vegetabilischen Spinnstoffen noch keine Konkurrenten hat. 5. Haut'. Der Hanf [chanvre^ franz.; hemp, engl.) besteht aus den Bastzellen der Hanfpflanze, Cannahis sativa, deren Samen auch der Ölgewinnung dienen. Seit Jahrhunderten wird dieser Spinnstoff allenthalben in Europa gewonnen. Auch Afrika (insbesondere Ägypten und Algier), Nordamerika (besonders Kentucky) und in neuerer Zeit auch Australien liefern Hanf. Cannahis sativa ist die einzige Spezies der schon von Tournefort aufgestellten Gattung Cannahis. Außer Cannahis sativa wird als Stammpflanze des Hanfes auch C. indica genannt. Aber diese Pflanze ist nur eine tropische Kulturform der ersteren. Die unterscheidenden Merkmale gegenüber Cannahis sativa sind so geringfügig, daß man sie 4) Schürhoff in Mittig. der Forschungsstelle Sorau, IQIO, p. 7 u. »Neue Faser- stoire<, I, 1919, p. 7. 2) 0. Heer, Ueber den Flachs und die Flachscultur im Alterthume. Eine kultur- historische Skizze. Neujahrblatt d. naturf. Ges. in Zürich 1872. 3) Über Lein bei den Römern und Griechen s. die reichlichen Nachweise bei II. Blümner, Technologie und Terminologie der Gewerbe und Künste bei Griechen und Römern I. Leipzig 1875. Zweite AuQ., Bd. I, 1912, p. 191fP. 4) Plinius, XIX, 16—18, linuni betreffend. Siebzehnter Abschnitt,. Fasern, 185 als besondere Spezies fallen gelassen hat, wenn auch die indische Hanf- pflanze durch Reichtum an narkotischen Bestandteilen sich von der gewöhnlichen Art unterscheidet und deshalb nicht nur zur Darstellung von betäubenden Genußmilteln (Bhang, Ghurrus, Haschisch usw.), sondern auch als Medikament (Ganja oder Guaza; Summitates Cannabis indicae der Pharmakopoen) dient. Cannabis indica gibt nur eine verholzte, steife, wenig brauchbare Faser, welche in Indien fast gar keine Ver- wendung findet 1). Am richtigsten scheint es wohl, Cannabis indica und C. sativa als Produkte verschiedener Kultur einer und derselben Pflanze zu betrachten. Erstere wird als eine Pflanze kultiviert, bei der es in erster Linie auf den Reichtum an narkotischer Substanz ankommt, hingegen wird bei der letzteren auf reichlicheren Faserertrag das Hauptaugenmerk gelenkt. Als Heimat des Hanfes wird gewöhnlich Persien angegeben 2). Nach Engler findet sich der Hanf wild in den vom Kaspischen Meere südlich gelegenen sumpfigen Gebieten 3). Die Urheimat des Hanfs scheint aber Indien zu sein, wo die Pflanze durch Kultur sich zur Form C. indica umgebildet hat, während sie in nördlichen Gebieten durch Kultur als Faser- und Ölpflanze zu unserem Hanf wurde (s. Geschichtliches). Sieht man von dem sehr spärlichen Vorkommen männlicher Blüten auf weiblichen Hanfpflanzen ab, so ist der Hanf als zweihäusiges Ge- wächs anzusehen. Man kann mithin männliche und weibliche Pflanzen unterscheiden, die man in allen Hanf bauenden Ländern genau kennt und mit besonderen Namen belegt. Die männliche Pflanze nennt man Sommerhanf, Hanfhahn (Preußen), Femel oder Fimmel, Staubhanf, Geige (Holland), die weibliche Winterhanf, Hanfhenne (Preußen), Bästiing (in Österreich Bösling). Geringe Hanfe weiblicher Pflanzen heißen in Niederösterreich Sämling. Den männlichen Hanf kann man, da er keine Nebennutzung gewährt, zu einer Zeit aus dem Boden nehmen, in welcher er für die Fasergewinnung am tauglichsten ist. Er wird dicht gesät ^) Royle, 1. c, p. 252. — Nach Watt, Econ. Prod. of India IIF, Nr. 62 (4883) wird Hanf als Faserpflanze in Indien nur selten gebaut. In Watts neuestem Werke über ökonomische Produkte Indiens (Commerc. Products of India, London 1908, p. 253 ff.) wird auf die Kultur des Hanfes in Nordwest-Himalaya und Sind als Faser- pflanze hingewiesen, ferner auf die Versuche auch in anderen Gebieten Indiens, den Hanf, als Faserpflanze zu bauen, u. a. unter Anwendung von europäischem Saatgut. Der Verfasser macht indes selbst aufmerksam, daß die Berichte über indische Hanf- kultur häufig unzuverlässig sind, da unter Hanf (hemp) in Indien auch die Faser anderer Pflanzen verstanden werde. 2) Humboldt, Ansichten der Natur, 3. Aufl., II, p. 4. 3j Zusätze zuHehn, Kulturpflanzen, 6. Aufl. (1894), p. 180. Daselbst auch der Hinweis auf Standortsangaben von Bunge nach Gay, Bull, de la soc. bot. de France, 1860, p. 30ff. S. auch Engler, Notizblatt des Berliner Botan. Gartens, 1904. 18ß Siebzehnter Abschnitt. Fasern. und liefert eine feinere Hanfsorte als die weibliche Pflanze. Von dieser wünscht man aber nebst der Faser auch die Samen zu erhallen und läßt sie deshalb so lange auf dem Felde, bis die Reife der Samen beginnt. Die Samen solcher Pflanzen eignen sich wohl zur Ölpressung, können aber nicht als Saatgut verwendet werden. Um Hanfsamen von ge- nügender Keimkraft zu gewinnen, muß die Pflanze bis zur vollendeten Fruchtreife am Felde stehen bleiben; die Faser solcher Pflanzen ist nicht mehr brauchbar. Die Rücksichten, die man beim rationellen Hanfbau auf die möglichste Ausnutzung der weibUchen Pflanzen nehmen muß, bringen es mit sich, daß diese im allgemeinen geringere Hanf- sorten als die männlichen Pflanzen liefern. Aus freistehenden weiblichen, rechtzeitig geernteten Pflanzen kann indes ein sehr fester Hanfi) abge- schieden werden. Männlicher Hanf wird wie die Flachspflanze aus dem Boden gezogen (gerauft), weiblicher meist (mit der Sichel) geschnitten. Wie der Flachs wird der Hanf zunächst geriffelt, dann geröstet oder aber gedörrt, dann gebrochen, geschwungen und gehechelt. Im allgemeinen geht man bei all diesen Prozeduren weniger sorgsam als bei der Flachsgewinnung vor. Die Röste des Hanfes ist gewöhnlich eine kurze 2 — 4 Wochen in Anspruch nehmende Kaltwasserröste. Oft wird eine gemischte Röste angewandt, bei welcher die geriffelten Hanfstengel 8 — 10 Tage im Wasser liegen und auf Feldern oder Wiesen zu einer Nachröste ausgelegt werden. Auch eine bloße Tauröste wird angewendet, wobei häufig ein sehr dunkles Produkt, der Schwarzhanf erhalten wird. Diese dunkle Farbe wird durch Cladosporium-diVW^e Pilze bedingt 2). Die Hanfröste ist wie die Flachsröste 3) eine durch Mikroorganismen bedingte Pektingärung*). Beim Hecheln erhält man Reinhanf und Werg. Das Werg wird häufig von den anhängenden nichtfaserigen Teilen (Schabe) unter Anwendung von Sieben gereinigt. In neuerer Zeit hat man versucht, Hanf auch ohne Röste abzuscheiden, indem man die durch einen warmen Luftstrom getrockneten Stengel gleich auf bestimmt eingerichteten mechanischen 1) Über Kultur und Gewinnung des Hanfes s. F. Camp eil, A treatise on the cultivation of flax and hemp, Sydney 1868. Carcenac, Du coton, du chanvre usw. Paris 1869. Brinkmeier, Der Hanf, 2. Aufl., Ilmenau 1886. Marquart, B., Der Hanfbau, seine Verbreitung, seine Bedeutung und sein Betrieb. Thaer-Bibl., Berlin, Parey. 2) Lafar, Technische Mykologie, Bd. HI ,1904—6), p. 269. •3) In der Regel wirken bei der Hanfröste spontan auftretende Fermentorganismen mit. Versuchsweise läßt man in Italien die Kaltwasserröste des Hanfes u ter Ein- wirkung von reinkultivierten Bakterien (Baeterium Comesii Rossi) vor sich gehen. Es soll dadurch die Zeit der Röste auf die Hälfte abgekürzt werden. Rossi, Annali Scuola Agricultura Portici, 1907. 4) Behrens und Omelianski in Lafar, 1. c. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 187 Brechen verarbeitete, wobei alle Gewebe bis auf den Bast zerbrochen werden und letzterer sich dann rein abscheiden läßt^). Auch wird der Hanf in ähnlicher Weise wie die Jute (s. unten) gewonnen, indem man nach der Rüste den Bast abzieht und sodann, was bei Jute nicht ge- schieht, klopft, wobei ein schäbefreies Produkt erzielt wird (Pellhanf). Die ilanffaser ist im allgemeinen länger als die Flachsfaser. Bei gleicher Feinheit und Festigkeit gilt der längste Hanf als der beste. Gewöhnlich hat der Hanf eine Länge von 1 — 2 m. Die in neuerer Zeit in den Handel getretenen ausgezeichneten italienischen Hanfsorten haben eine Länge von mehr als 2 m. Alle Sorten dieser Faser übertrifft der Riesenhanf von Boufarik (Algier) an Länge; er mißt 3 m und darüber"-). — Die Farbe des Hanfs wird als Zeichen der Güte betrachtet. Die weißlichen und grauen sind die besten, sodann kommen die grünlichen, die matten gelblichen und dunkel gefärbten Hanfsorten sind die geringsten. Der Glanz der Sorten ist erwiesenermaßen ein Zeichen der Güte. Vor allen übrigen ist der italienische (besonders die Bologneser Sorte) Hanf durch starken, seidigen Glanz ausgezeichnet. — Die Feinheit des Hanfes hängt nicht nur von der Glätte des Fadens, sondern auch von der Größe des Querschnittes der Faser ab. Gebrochener Hanf ist fast immer aus bandartigen, breiten Streifen zusammengesetzt. Gehechelt zeigt er verschiedene Grade der Feinheit. Im großen ganzen ist Reinhanf viel gröber als Reinflachs und nur die schönen Bologneser Sorten zeigen eine flachsartige Feinheit. Bei einem mittleren relativen Feuchtigkeitsgehalt der Luft von 43,86° und einer Temperatur von 20,25° C zeigt gehechelter Hanf italienischer Herkunft 9,25 Proz. und solcher russischer Herkunft 9,13 Proz. Wasser- gehalt, bezogen auf Trockensubstanz. Für 100 Proz. relative Feuchtig- keit der Luft wird für obengenannte Faserstoffe 23,9 Proz. bzw. 23,7 Proz. Wassergehalt angegeben 3). Mit schwefelsaurem Anilin behandelt, färben sich selbst die sehr gut durch das Hecheln gereinigten, mithin fast bloß aus Bastzellen be- stehenden Fasern gelblich; die grauen und weißlichen Sorten weniger als die grünlichen und gelben. Aber selbst der ausgezeichnete, flachs- artige italienische Hanf wird durch dieses Reagens gelblich gefärbt. 1) Diese Methode wurde zuerst von Coblenz und Leoni angewendet. S. hier- über Barral in: Bulletin de la societe d'encouragement 1865, p. 705. Über die Eigen- schaften rein mechanisch abgeschiedener Fasern s. oben p. 165. Der »Schleiß- hanf« wird von der frischen Pflanze durch die Hand abgezogen. Stirm, Chem. Technologie der Gespinstfasern, 1913, p. 83. 2) Eine durch Größe ausgezeichnete indische Spielart des Hanfes wird in Gärten unter dem Namen »indischer Riesenhanf« als Ziergewächs gezogen. 3) F. Honig, 1. c. 188 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. Analoge Reaktion erzielt man durch Phlorogluzin -|- Salzsäure. Der Hanf ist somit selbst in seinen besten Sorten verholzt, wenn auch nicht in dem Maße wie die Jute. Jod und Schwefelsäure färben die Fasern der besten Sorten rein blau, jene der minderen, stärker verholzten hin- gegen grünlich blau. Alles was an Oberhaut-, Parenchym- und Holz- gewebe der Faser anhaftet, wird durch diese beiden Reagenzien gelb bis braun gefärbt und durch Kupferoxydammoniak nicht aufgelöst, während die aus Bastzellen bestehende Faser durch dieses Reagens zerstört wird. Die größten Hanfmengen produziert Rußland. Die russischen Hanfe sind nicht fein, aber von großer Festigkeit und Resistenz, auch gegenüber dem Einfluß des Wassers. Die ausgezeichnetste aller im Handel erscheinenden Hanfsorten ist entschieden der Bologneser Hanf, dessen Länge bis über 2 m steigt, dessen Glanz seidig ist und der sich durch flachsarlige Weichheit und blonde Farbe von allen anderen Hanfsorten unterscheidet. Dem Hanfbau und der Hanffasergewinnung wird überhaupt in Italien große Aufmerk- samkeit zugewendet i), was -sich ja in der guten Qualität der erzielten Faserprodukte ausspricht. Aber die Einfuhr anderer Faserstoffe, insbe- sondere von Sisal (Blattfaser von Agave sisalana), schränkt jetzt schon die Kultur des Hanfes in Italien ein. Die Anbaufläche ist dort in letzter Zeit tatsächlich klein geworden. Während gröbere italienische Hanf- sorten im Sisal einem gefährlichen Konkurrenten gegenüberstehen, hat sich die Produktion feinerer Hanfsorten gehoben, da dieselben, insbe- sondere zu Bindfäden, durch Sisal nicht zu ersetzen sind. Den besten italienischen Sorten (Bologna, Ferrara) kommt an Güte zunächst der Hanf von Grenoble. Der spanische Flachs (Hanf von Orihuela) wird als sehr fest bezeichnet. Elsaß, Preußen und das Gebiet des ehemaligen Österreich produzieren große Mengen von Hanf, von denen besonders der Straßburger Hanf sich durch Güte auszeichnet und als Spinnmaterial sehr gut verwendbar ist. Seit den vierziger Jahren wird auch in Nordamerika viel Hanf produziert. Die dort gewonnenen Sorten stimmen am meisten mit dem russischen Hanf überein. Man unterscheidet ferner nach der Zubereitung den gebrochenen Hanf als Basthanf, den gehechelten Hanf oder Reinhanf je nach seiner Güte als Spinn- und Schusterhanf und den beim Hecheln abfallenden, kurzfaserigen, unreinen Hanf als Werg, Kodille oder Tors. In ItaUen gewinnt man als Abfall des Reinhanfs ein relativ langfaseriges Werg, 1) W. F. Brück, Studien über Hanfbau in Italien. Tropenpflanzer, XV (1911), p. 1-29 ff. Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 189 welches, von Schabe gereinigt, als Streppalura in der Fabrikation von Bindfaden eine ausgedehnte Anwendung findet. Die Gesamtproduktion an Hanf betrug im Jahre 1890 340 und wurde vor einigen Jahren auf beiläufig 500 Millionen Kilogramm geschätzt. Der stärkste Produzent der Ilanffaser ist Rußland (36 Proz.), hierauf folgt ItaUen (9 Proz.), sodann Ungarn, Frankreich, das alte Österreich, Deutsch- land. Letzteres produziert etwa so viel Hanf wie Nordamerika (3,3 Proz.). Infolge der Fasernot während des Krieges ist man in Deutschland wieder für die Steigerung des Hanfanbaues eingetreten i). Da die Hanffaser sich nicht vollständig bleichen läßt, so wird sie meist in ungebleichtem Zustande verwendet. Die vornehmlichste Ver- wendung findet jedoch der Hanf wegen seiner Dauerhaftigkeit und Festig- keit zur Herstellung von Seilerwaren, zu Spagat, zu Netzen, Seilen, Schiffstauen usw. Die Hanffaser läßt sich teeren, ist mithin zu allen Sorten von Tauen verwendbar. Dadurch unterscheidet sie sich vor- teilhaft vom Manilahanf (s. unten). Mikroskopisches Verhalten. Der Hanf besteht der Hauptmasse nach aus Bastzellen. Aber selbst in fein gehecheltem Hanf treten neben den Bastzellen 2) noch kleine Mengen von Bastparenchymzellen auf. Im gebrochenen oder unvollkommen gehechelten Hanf findet man außer- dem noch Oberhautfragmente, Reste von Parenchym- und Holzgewebe der Hanfstenael. Behandelt man den zu untersuchenden Hanf mit Jod Auch durch Einwirkung von Kupferoxydammoniak kann man sehr leicht die der reinen Hanffaser fremden Gewebsbestandteile ersichtlich machen ; das Reagens löst bloß die Bastzellen ; die übrieren Gewebsbestandteile ■))• Siehe auch die Fußnote bei Nessellaser p. 237. In der konstituierenden Ver- sammlung der »Deutschen Hanfbaugesellschaft«, G. m. b. H. am 25. Februar lO'IS in Berlin wurde der Nachweis der dauernden Lebensfähigkeit des Hanfbaues in Deutsch- land erbracht und die Einführung desselben in Brandenburg, Pommern, Schlesien, Sachsen, Westfalen und in der Rheinprovinz in Aussicht genommen, und zwar vor allem auf den reichlich vorhandenen Moorböden, die, bisher ohne rechten landwirt- schaftlichen Ertrag, bei Hanfkultur durch Unterdrückung des Unkrautes die Bedin- gungen für eine folgende Getreidekultur erlangen würden. Der Anbau des Hanfes hat dann im Deutschen Reiche beträchtlich zugenommen, aber nicht in demselben Ver- hältnisse wie der Anbau des Flachses und nicht in dem Maße, wie es wünschenswert gewesen wäre (Kuhnert in »Neue Faserstoffe«, I, 1919, p. -167). Die Ursache dürfte darin liegen, daß der Hanf einen kräftigen nährstoffreichen Boden braucht und wäh- rend des Wachstums sorgfältigster Pflege bedarf. 2) Inwieweit den ßastzellen noch Mittellamellen anhaften, welche mit Vorteil zur Charakteristik der Hanffaser herangezogen werden können, wird weiter unten dargelegt werden. 190 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. bleiben ungelöst zurück. Da die genannten Gewebe an der Hanffaser in ziemlich wohlerhaltenem Zustande vorhanden sind, so kann es keine Schwierigkeit machen, sie neben den integrierenden Bestandteilen der rohen ungebleichten Hanffaser, nämlich neben den Bastzellen und Bast- parenchymzellen, zu erkennen. Die in geringer Menge vorhandenen Bastparenchymzellen haben eine Länge von 15 — 84 /<, eine Breite von 12 — 15 u. Sie treten in Zellreihen auf, welche den Bastzellen parallel laufen. Ihre Wände sind nur schwach verdickt. Gramer hat zuerst darauf hingewiesen, daß viele dieser Parenchymzellen mit einem intensiv Fig 3y. Vergr. ;i{'ü. Oberhaut des Hanfstengels, oo Oberhautzellen. h von einem Haare in der Oberhaut zurückgebliebene Lücke. n Nebenzellen der Haare. (Wiesner, Pap. E. R.) Fig. 40. Vergr. 3i)U. Haar vom Stengel des Hanfs mit einem Oberhautfragroent. (Wiesner, Papyr. Erzherz. Rainer.) rotbraunen Inhalt gefüllt sind, welcher kochender Kalilauge und konzen- trierter Schwefelsäure lange widersteht. Zur Erkennung der Hanffaser in gröberen Produkten, namentlich solchen, welche aus Werg erzeugt wurden, leisten die den Fasersträngen nicht selten anhaftenden Oberhautfragmente sehr gute Dienste, wie zu- erst von Gramer 1) gezeigt wurde. Die Oberhaut des Hanfstengels 2) 1) C. Gramer, Drei gerichtliche mikroskopische Expertisen, betreffend Textil- fasern. Programm des schweizerischen Polytechnikum für das Jahr 1881 auf 1882. 2) Es wurde oben (p. 182) erwähnt, daß in manchen Fällen auch die Oberhaut des Flachsstengels zur Erkennung der Flachsfaser herangezogen werden kann. Der Siebzehnter Abschnitt. Fasern. 191 (Fig. 39, p. 190) ist fast spaltüffnungsfrei (s. Note 2 auf p. 190), führt kegelförmige, etwas gekrümmte mit Warzen besetzte Haare, welche leicht abfallen und in der Oberhaut kreisförmige Narben zurücklassen, welche von radial angeordneten Nebenzellen umgeben sind (Fig. 40). \:^i Die Bastzellen des Hanfes sind gleich jenen des Flachses sehr lang und messen ein oder mehrere Zentimeter. Auf dem Querschnitt ist die Hanfbastzelle rund oder auch abgeplattet; im [Längsverlaufe erscheint sie nicht so regelmäßig wie die Flachsbastzelle gestaltet. Die natürlichen Enden dieser Zellen laufen meist stumpf aus; nicht selten sind sie sogar elliptisch abgerundet. Verzweigte Zellenden kommen hin und wieder vor. Obschon ich hierauf schon vor Jahrzehnten hingewiesen habe^), wird doch Schachts ältere Angabe, daß solche verzweigte Enden an den Bastzellen des Hanfes so häufig vorkommen, daß man hierin ein diese Faser von der Leinenfaser unterscheidendes Merkmal vor sich habe, fast noch immer als richtig hervorgehoben. Nach V. Höhnel ist die Zahl der mit verzweigten Enden versehenen Bast- zellen bei verschiedenen Sorten verschieden, und nach den bisher von ihm angestellten Beobachtungen nimmt die Zahl solcher Bastzellen mit der geographischen Breite des Standortes der Pflanze ab 2). Es ist von Gramer (1. c.) darauf hingewiesen worden, daß die Aufsuchung der Faserenden zum Zwecke der Unterscheidung der Hanfbastzelle von der Leinenfaser ungemein zeitraubend ist und deshalb nicht praktisch aus- genutzt werden könne. Die Hanffaser, welche die Prozesse des Bre- chens usw. durchmachte, erscheint stets parallel gestreift und ist häufig mit Querbrüchen oder »Verschiebungen« versehen. Die natürliche Bast- zelle läßt, wenn sie sorgsam aus dem Verbände genommen wurde, so daß sie keinerlei Verletzung hierbei erlitt, weder »Verschiebungen« noch Streifung erkennen. Porenkanäle sind nicht vorhanden. Hin und wieder sichtbar werdende Querlinien, welche man für Poren erklärt hat (Schacht), sind auf Querbrüche und auf die bei Flachs genannten »Verschiebungen« (p. 178) zurückzuführen. Nach Schacht mißt der Durchmesser der Zellen — —- mm (= 12,5 — 17,5 n). Nach meinen Beobachtungen betiägt der Bau der Oberhaut des Flachsstengels ist von jenem des Hanfstengels total verschieden, so daß die Verwechslung beider Fasern auf Grund der Morphologie der Oberhäute völlig ausgeschlossen ist. Ich erwähne nur, daß die Oberhaut des Flachsstengels per cm2 3000 Spaltöffnungen führt, die Oberhaut des Hanfstengels aber auf dieser Fläche bloß 1 2 — 1 ö. Die Oberhäute von Flachs und Hanf leisten somit bei der Prüfung der betreffenden Fasern als »Leitelemente< oft gute Dienste. ^] Techn. Mikr. p. ilO. 2) Zeitschrift für Nahrungsmitteluntersuchung, Hygiene und Warenkunde, •1891, p. 30. 192 Siebzehnter Abschnitt. Fasern. maximale Durchmesser der Zellen 15— 28/