DIE ROHSTOFFE DES PFLANZENREICHE;: Dr. JULIUS VON WIBSNBR L BAND DEUTE .AUFLÄGE VERIÄÖ mm WILHELM ENÖUMMM IM iBPZiÖ t^l^WItl» M'Will>nilMlllinilMMMWWhlMlM«WiMlillll»iMtlll|i|ltlWBIMinillinillMIIIIUii!«BBBB1«eBaiP«g»iiltaaaB^^ ü DIE ROHSTOFFE DES PFLANZENKEICHES VERSUCH EINER TECHNISCHEN ROHSTOFFLEHRE DES PFLANZENREICHES UNTER MITWIRKUNG VON Prof. Dr. MAX BAMBERGER in Wien; Prof. Dr. WILH. FIGDOR in Wien; Hofrat Prof. Dr. F. R. v. HÖHNEL in Wien; Regierungsrat Prof. Dr. T. F. HANAUSEK in Wien: Prof. Dr. M. HONIG i\ Brunn; Prof. Dr. G. VAN ITERSON IN Delft; Prof. Dr. F. KRASSER in Prag; Prof. Dr. F. LAFAR IN Wien; Prof. Dr. K. LINSBAUER in Graz; Prof. Dr.K.MIKOSCH in Brunn: Hofrat Prof. Dr. J. MOELLER in Wien; Prof. Dr. H. MOLISCH in Wien Prof. Dr. K.WILHELM in Wien itnd Hofrat Prof. Dk. S. ZEISEL in Wien D" JULIUS VON WIESNER O.Ö.PROK. DER ANATOMIE UND PHYSIOLOGIE DER PFLANZEN UND DIREKTOR DES PFLANZENPHYSIOL. INSTITUTES AN DER WIENER UNIVERSITÄT I. R., WIRKL. 5IITGL. DER KAISERL. AKAD. DER WISS. IN WIEN, KORR. BZW. AUSWÄRT.. MITGLIED DER AKAD. DER WISS. IN BERLIN, MÜNCHEN, PARIS, ROM, STOCKHOLM, KOPENHAGEN, ST. PETERSBURG UND TURIN USW. DRITTE, UMGEARBEITETE UND ERAVEITERTE AUFLAGE ERSTER BAND M I r 118 T E X T F I G U R E N LEIPZIG UND BERLIN VERLAG VON WILHELM ENGELMANN 1914 Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, sind vorbehalten. Vorwort zur zweiten Auflage. Vor beiläufig einem Vierteljahrhundert erschien die erste Auflage dieses Werkes, in welcher ich den Versuch unternahm, eine tech- nische Rohstofflehre des Pflanzenreiches zu begründen, nämlich die technisch verwendeten Rohstoffe des Gewächsreiches einer syste- matischen, dem vorgeschrittenen Zustande der Naturwissenschaft ange- messenen Bearbeitung zu unterziehen, unter steter Rücksichtnahme auf die technische Bedeutung des vorgetragenen Stoffes. Eine Neubearbeitung dieser Materie ist längst zu einem fühlbaren Bedürfnis geworden und seit Jahren wurde ich von berufener wissen- schaftlicher und technischer Seite — ohne Übertreibung darf ich sagen: vielfach — aufgefordert, in einer neuen Auflage den inzwischen ein- getretenen Fortschritten auf dem Gebiete der technischen Rohstofflehre des Pflanzenreiches Rechnung zu tragen. Aber die infolge des riesig anwachsenden Materials sich immer schwieriger gestaltende Lösung einer solchen Aufgabe hat mich lange abgehalten, eine neue Auflage in Angriff zu nehmen, zumal auch persönliche Verhältnisse ein solches Unternehmen hinderten. Gerade bei Abschluß der ersten Auflage der » Rohstoffe « änderte sich nämlich mein lehramtlicher Wirkungskreis und andere wissenschaftliche Arbeiten traten näher an mich heran. So ließ ich die Sache auf sich beruhen, bis der Herr Verleger die dringend notwendig gewordene Neubearbeitung der » Rohstoffe « mir nahe legte und mir für den Zweck einer Neugestaltung des Buches den weitestgehenden Spielraum gönnte. Nach langer und reiflicher Überlegung und nach Verwerfung mancher anderer Pläne faßte ich den Entschluß, mich bei der Bearbeitung des stark angewachsenen Stoffes mit berufenen Kräften in die Arbeit zu teilen. Ich behielt mir bloß vor, die Einleitung zu verfassen und im übrigen nur jene Abschnitte neu zu bearbeiten, welche mich neben IV Vorwort zur zweiten Auflage. meinen physiologischen Arbeiten doch fortwährend noch beschäftigten, auch nach der technischen Seite hin, nämlich: Gummi, Harze, Stärke und Fasern. Und auch rücksichtlich dieser Partien des Werkes trat ich den rein chemischen Teil an berufenere Fachmänner ab. Alle übrigen Abschnitte sind in mehr oder weniger starker Anlehnung an die Kapitel der ersten Auflage, aber unter Rücksichtnahme auf wissen- schaftliche und technische Fortschritte, von anderen Fachmännern neu bearbeitet worden. Völlig neu im vorliegenden ersten Bande ist der von Professor Molisch bearbeitete Abschnitt »Indigo«; und auch der von Professor Lafar besorgte Abschnitt »Hefe« ist infolge der großen Fortschritte auf dem Gebiete der Gärungsorganismen und der Gärungs- physiologie, obgleich in der ersten Auflage bereits abgehandelt, als völlig neu zu bezeichnen. Schon der im Vergleiche zur ersten Auflage auf das Doppelte gestiegene Umfang des vorliegenden Werkes lehrt, welche Bereiche- rung dasselbe — namentlich dank der Beisteuer der Mitarbeiter — er- fahren hat. Die Aufgabe, welche ich mir im Verein mit meinen Mitarbeitern bei der Durchführung dieses Werkes stellte und welche im Prinzip schon in der ersten Auflage zur Geltung gelangte, ist in der »Ein- leitung« auseinandergesetzt, weshalb ich hier auf diesen Gegenstand nicht näher einzugehen habe. Nur folgende Bemerkungen dürften an dieser Stelle nicht über- flüssig sein. So wie wir bestrebt waren, alle angeführten Daten auf die Quellen zurückzuführen, so fügten wir in den Text entweder nur eigene Originalzeichnungen ein oder Illustrationen, deren Provenienz in der Figurenerklärung ersichtlich gemacht wurde, ein Verfahren, welches von anderer Seite leider nicht immer eingehalten wird. Mancher Leser wird unter den Textfiguren nicht wenigen alten Bekannten begegnen, nämlich Figuren, welche aus der ersten Auflage in zahlreiche Werke übergegangen sind, ohne daß die Quelle angegeben worden wäre, aus M^elcher die Verfasser schöpften. — Wenn seit Erscheinen der ersten vVuflage der ^ Rohstoffe « das Interesse am Studium der technisch verwendeten Rohstoffe des Pflanzen- reiches zugenommen und diese Materie als »technische Rohstoff- lehre des Pflanzenreiches« oder unter verwandten Titeln Lehr- gegenstand an den technischen Hochschulen Österreichs und später Deutschlands und auch noch an anderen Instituten geworden ist, so hat das alte Werk in Verbindung mit meiner im Jahre 1867 herausgegebenen Vorbemerkung zum ersten Bande der dritten Auflage. v »Einleitung in die technische Mikroskopie '^ wohl einigen Anteil an diesem Fortschritt. Hoffentlich wird die vorliegende neue Auflage in demselben Geiste wirken und neue Impulse zur Pflege eines technischen Wissensgebietes geben, welches, eine Schwester der altehrwürdigen, aber sich stets ver- jüngenden Pharmakognosie, als neuer junger Zweig aus dem mächtigen Stamme der Naturwissenschaften hervorgewachsen ist. Wien, im Juli 1900. Wiesuer. Vorbemerkung zum ersten Bande der dritten Auflage. Die Grundsätze, welche bei der Bearbeitung der beiden ersten Aus- gaben dieses Werkes maßgebend waren, sind auch für die dritte Auflage aufrecht geblieben. Aber der Umfang des Werkes mußte in der vor- liegenden neuen Auflage eine Erweiterung erfahren, welche in den Fortschritten auf dem Gebiete der RohstofYlehre des Pflanzenreiches be- gründet ist. Diese Fortschritte machen sich in allen Teilen dieser Lehre bemerkbar, insbesondere in dem Bestreben, den zu behandelnden Stoff mit erhöhter Wissenschaftlichkeit zu durchdringen. So ergab sich die Notwendigkeit, das verarbeitete Material auf drei Bände zu verteilen. Die Liste der Mitarbeiter weist im Vergleiche zur zweiten Auflage nur wenige Veränderungen auf. Aus der Reihe der Mitarbeiter schied nur ein einziger durch Ableben, Herr Hofrat Prof. Dr. E. A. von Vogl, welcher für den ersten Band die Abschnitte Opium, Aloe und Kampfer be- arbeitete. Es gelang, seinen Amtsnachfolger, Herrn Hofrat Dr. J. Moeller, 0. ö. Professor der Pharmakognosie an der Wiener Universität, für die Neubearbeitung dieser drei Materien zu gewinnen. Rücksichllich des ersten Bandes ist noch auf eine andere Veränderung hinzuweisen. Die Chemie des Kautschuks und die der anderen Körper der Kautschukgruppe (Gutta- percha, Balata) hat in neuester Zeit so große Fortschritte gemacht, daß der Bearbeiter dieser Gruppe, Herr Prof. Dr. K. Mikosch, selbst den Wunsch hegte, den chemischen (und physikalischen) Teil des betreffenden Abschnittes in die Hand eines zur Durchführung dieser speziellen Arbeit yj Vorbemerkung zum ersten Bande der dritten Auflage. geeigneten Fachmannes zu legen und es fügte sich, die bewährte Kraft des Herrn Dr. M. Honig, o. ü Professor der organischen Chemie an der k. k. Deutschen technischen Hochschule in Brunn, mit dieser Aufgabe betrauen zu können. Das Manuskript des Werkes ist nahezu vollendet, so daß dem Er- scheinen des zweiten und dritten Bandes in Bälde entgegen gesehen werden kann^). 1) Anmerkungsweise mögen in dieser Vorbemerkung noch zwei Richtigstellungen Platz finden, welche wegen vorgeschrittenen Druckes im Texte nicht mehr berück- sichtigt werden konnten. Die erste betrifft die in Europa versuchte Darstellung des japanischen Lackes aus dem Rohsaft des japanischen Lackbaumes. Es wurde im Texte {p. 370) auf das Fehlschlagen de betreifenden, z. T. in großem Maßstabe durchgeführten diesbezüglichen Unternehmungen hingewiesen. Nach einer mir von vertrauenswerter Seite zuge- kommenen Mitteilung hatte es den Anschein, als würden echte, d. i. aus dem Safte des japanischen Lackbaumes erzeugte Waren in Vorbach (Rheinprovinz) hergestellt werden. Ich wendete mich um Auskunft über das dort verwendete Rohmaterial an die mir namhaft gemachte Firma (Gebrüder Adt, Aktiengesellschaft), erhielt aber erst nach Abschluß des Druckes des Abschnittes »Harze« die erbetene Auskunft, aus welcher hervorgeht, daß in Vorbach (recte Forbach, lothr. Ensheim, bayr. Pfalz) japanische Lackarbeiten nicht erzeugt werden, sondern mit japanischen Motiven de- korierte Arbeiten unter Anwendung von Asphaltlack. Man kann also mit Sicherheit sagen, daß alle Versuche, den Rohsaft des japanischen Lackljaumes in Europa indu- striell zu verwerten, bisher gescheitert sind. Die zweite Richtigstellung betrifft die Herleitung der Worte Kopaivabalsam und Kopal. Ich folgte im Texte (p. 288) der weitverbreiteten Ansicht, daß beide Worte gleichen Ursprunges und auf das der Tupissprache angchörige Stammwort copa (= Baumsaft) zurückzuführen seien. Aber die Angabe von J. A. H. Murray (s. unten im Texte p. 363), daß das Wort copalli, von welchem sich das Wort Kopal zweifellos ableitet, mexikanischen Ursprunges ist, erweckte in mir Zweifel, ob die Worte Kopaivabalsam und Kopal auf ein gleiches Stammwort zurückzuführen seien. Um in dieser Frage ins Klare zu kommen, wandte ich mich an Herrn Prof. Ed. Sei er in Berlin und erhielt folgende Auskunft. Kopaiva ist ein Tupi-Guarani-Wort, Kopal hingegen ein mexikanisches. Der Stamm beider Worte ist der gleiche, nämlich copa, dessen Bedeutung aber nicht sicher gestellt ist. Der Gleichklang des Stammes beider Worte, die in zwei verschiedenen voneinander durch einen weiten Raum geti-ennten Sprach- gebieten entstanden sind, ist nach der Ansicht des Herrn Professor Seier ein zufälliger. In seinem Schreiben an mich erörtert Herr Prof. Seier einige Möglichkeiten der Ab- stammung der Worte Kopaiva und Kopal, sagt aber ausdrücklich, daß über die Herkunft, d. i. über die Bedeutung ihrer Stammworte, sich nichts Bestimmtes ausfindig machen ließ. Wien, im November 1913. Wiesner. Inhaltsverzeichnis. Seite Einleitung. Von J. Wiesner 1 Erster Abschnitt. Gummiarten. Von J. Wiesner und S. Zeisel .... 51 I. Physikalische und naturhistorische Charakteristik 52 II. Chemische Charakteristik und Konstitution der Gummiarten 64 III. Die Enzyme der Gummiarten 77 IV, Entstehung des Gummi in der Pllanze 81 V. Vorkommen des Gummi 87 VI. Spezielle Betrachtung der Gummiarten 99 1. Akaziengummi 99 a) Arabisches Gummi (Nilgummi) 102 b) Senegalgummi 107 c) Deutsch-afrikanische Gummiarten 113 d) Ostindisches Gummi 116 e) Australisches Gummi 117 t) Andere Akaziengummiarten 118 2. Feroniagummi 124 3. Anacardiumgummi 125 4. Mesquitegummi 126 5. Prunoideengummi 127 6. Traganth 130 7. Kokosgummi 142 8. Chagualgummi 142 9. Gummi von Cochlospermiim Oossypium 148 10. Gummi von Moringa pterygosperma 148 Zweiter Abschnitt. Harze. Von J. Wiesner und M. ßamberger. . . . 151 I. Physikalische und naturhistorische Charakteristik 153 U. Chemische Charakteristik der Harze 173 III. Vorkommen der Harze und Balsame 214 IV. Spezielle Betrachtung der technisch verwendeten Harze und Balsame . 232 1. Gummigutt 232 2. Asa foetida , 240 3. Galbanum 248 4. Ammoniakgummi 252 I ^ 3> Yiii Inhaltsverzeichnis. Seite ö. Terpentin 256 6. Gemeines Harz 275 7. Meiikabaisam 286 8. Kopaivabalsani 288 9. Gurjunbalsam 294 10. Die Harze der Elemigruppe 298 H. Mastix 304 12. Sandarak 312 13. Dammar 316 14. Die Kopale 327 Anhang: Japanischer Lack 363 15. Guajakharz 371 16. Gummilack 376 1 7. Perubalsam 384 18. Tolubalsam 392 19. Storax 396 20. Benzoe 408 21. Drachenblut 417 22. Xanthorrhoeaharze 426 Dritter Abschnitt. Die Kautschukgruppe. Von K. Mikosch und M. Honig 437 I. Übersicht der Gewächse, welche Körper der Kautschukgruppe liefern . 438 II. Die kaufschukhaltigen Milchsäfte 454 III. Gewinnung und Verwendung der Körper der Kautschukgruppe. . . . 461 A. Kautschuk 462 B. Guttapercha 490 C. Balata 497 IV. Die physikalischen und chemischen Eigenschalten der Körper der Kautschukgruppc 500 1. Kautschuk 500 2. Guttapercha . 526 3. Balata 533 V. Mikroskopisches Verhalten der Körper der Kautschukgruppe 537 Vierter Abschnitt. Opium, Von J. Moeller 540 Fünfter Absclinitt. Aloe. Von J. Moeller 557 Sechster Abschnitt. Kampfer. Von J. Moeller 567 Siebenter Abschnitt. Indigo. Von H. Molisch 575 I. Übersicht der Indigo liefernden Pflanzen 576 II. Über den Nachweis des Indicans in der Pflanze 581 III. Die Gewinnung des Indigo 585 IV. Physikalisch-mikroskopisch-chemische Charakteristik des Indigo ■. . , 590 V. Der Indigo als Handelsware und seine Verwendung 597 VI. Die Geschichte des Indigo 600 Achter Abschnitt. Katechugruppe. Von K. Mikosch 604 1. Katechu 604 2. Gambir 609 3. Kino 614 Inhaltsverzeichnis. IX Seite Neunter Abschnitt. Pflanzenfette. Von K. Mikosch 623 Übersicht der fettliefernden Pflanzen 630 Spezielle Betrachtung der Pflanzenfette 653 I, Feste Fette 653 i. Palmfett 653 2. Palmkernöl 658 3. Fett von Astrocaryum vulgare Marl 658 4. Kokosnußfett 659 5. Kakaobutter 662 6. Myristicafette 662 7. Chinesischer Talg 666 8. Vateriafett (Malabartalg) 667 9. Tangkawangfett (Borneotalg) 668 10. Sapotaceenfette 671 11. Irvingiafette 674 12. Carapafette 676 II. Flüssige Fette 678 A. Nicht trocknende Öle 678 1. Olivenöl 678 2. Arachisöl 683 3. Mandelöl 684 4. Rizinusöl 685 B. Schwach trocknende Öle 686 1. Rüböle 686 2. Senföle 688 3. Bucheckerkernöle 688 4. Sojabohnenöl 689 5. Sesamöl 690 6. BaumwoUsamenöl 692 G. Trocknende Öle 693 1. Leinöl 693 2. Holzöl 694 3. Mohnöl ; 696 4. Sonnenblumenöl 696 5. Safloröl 697 6. Nigeröl 698 7. Nußöl 699 Zeiintcr Abschnitt. Vegetabilisches Wachs. Von K. Mikosch 700 I. Übersicht der wachsliefernden Pflanzen 701 II. Natürliches Vorkommen und Entstehung des vegetabilischen Wachses 704 III. Chemische Zusammensetzung des vegetabilischen Wachses 707 IV. Physikalische Charakteristik 708 V. Mikroskopische Charakteristik 709 VI. Die Arten des vegetabilischen Wachses 710 1. Carnaubawachs 710 a. Palmwachs 714 Wie sner, Rollstoffe. I.Band. 3. Aufl. X Inhaltsverzeichnis. Seite 3. Raphiawachs 715 4. Gandelillawachs 74 6 5. Myricawachs 717 6. Japanisches Wachs 721 7. Pisangwachs 724 8. Vegetabihsches Wachs von Ficus ceriflua 725 9. Kuhbaumwachs 726 10. Ocubawachs 726 11, Balanophorenwachs 727 Register . 729 Eiiileitima-'). Wissen allein ist nicht Zweck des Mensclien auf der Erde Das Wissen maß sich im Leben auch betätigen. Helmholtz. Die Zahl der mineralischen und organischen Rohstoffe, welche in der chemischen und mechanischen Industrie Verwendung finden, ist eine außerordentlich große geworden. Eine möglichst genaue Kenntnis dieser höchst mannigfaltigen Körper bildet das Fundament einer wissenschaft- lich begründeten Technologie. Das vorliegende Werk ist ausschließlich den technisch verwendeten Rohstoffen des Pflanzenreiches gewidmet, welche an Mannigfaltig- keit, höchstwahrscheinlich auch an Masse 2], gewiß aber in Bezug auf 1) Diese Einleitung stützt sich vornehmlicli auf folgende Schriften: Wiesner, Einleitung in die technische Mikroskopie. Wien 1867. Derselbe, Über die Bedeu- tung der technischen Rohstofflehre (technische Warenkunde) als selbständige DiszipHn und über deren Behandlung als Lehrgegenstand an technischen Hochschulen; in Dinglers Polytechnischem Journal, Bd. 237 (1880), p. 319 ff. Flückiger und Tschirch, Grundlagen der Pharmakognosie. Einleitung in das Studium der Roh- stoffe des Pflanzenreiches. 2. Aufl. Berlin 1885. Wiesner, Die Beziehungen der Pflanzen- physiologie zu den anderen Wissenschaften, Rede, gehalten beim Antritte des Rekto- rates an der Wiener Universität am 24. Oktober 1898. Wiesner, The development of plant physiology under the influence of the other sciences. Congress of arts and sciences. Univ. Exp. St. Louis. Vol. V, p. 103 ff. In deutscher Übersetzung erschien dieser Vortrag in der Österr. botan. Zeitschrift 1905, Nr. 4. Es ist auch die in der ersten Auflage des vorliegenden Werkes enthaltene Einleitung (p. 1 —33) zu vergleichen. 2) Wie groß die Gesamtmasse der Pflanzensubstanz im Vergleich zu jener der tierischen Substanz auf der ganzen Erde ist und ob eine Konstanz in diesem Ver- hältnis besteht, wurde meines Wissens bisher nicht untersucht. Aber schon der Augenschein, noch mehr aber die Tatsache, daß der Aufbau der Tiere in letzter Linie, also auch mit Rücksicht auf fleischfressende Tiere, nur durch Assimilation von Pflanzen- stoffen erfolgt, lassen mit Bestimmtheit annehmen, daß die gesamte irdische Pflanzenmasse ein hohes Mulliplum der gesamten irdischen Tiermasse betragen müsse. Und da sich zudem der Mensch in ausgedehntestem Maße die Pflanzen- und Tierstoffe nutzbar macht, so ist es auch im hohen Grade wahrschein- lich, daß die technisch verwendeten Rohstoffe des Pflanzenreiches die des Tierreiches an Masse weit überwiegen, was auch die Statistik ergeben dürfte, wenn sie darüber befragt werden würde. Wiesner, Rohstofte. I.Band. 3. Aufl. 1 2 Einleitung. Verschiedenartigkeit der Verwendung die industriell verwerteten Erzeug- nisse des Tierreiches weit überragen. Nur verhältnismäßig wenige Rohstoffe des Pflanzenreiches werden gleich im frischen, lebenden Zustande gewerblich verarbeitet, wie die Runkelrübe und das Zuckerrohr in der Zuckerfabrikation, die Kartoffel und andere stärkeführende Knollen in der Stärkefabrikation, die Olive und die Früchte der Ölpalme in der Öl- und Fetterzeugung, usw. Einige wenige Rohstoffe, wie z. B. die käuflichen Alkoholhefen, bestehen aus unverletzten lebenden Organismen, ja es beruht gerade ihre Verwendung auf Vorgängen, welche ihr Leben begleiten; ihre technische Benutzung ist also darin begründet, daß sie lebende Organismen sind. Die überwiegende Mehrzahl der Rohstoffe des Pflanzenreiches, welche die Industrie verarbeitet, sind gewöhnlich unwesentlich veränderte ab- gestorbene Pflanzenteile, wie Wurzeln, Rhizome, Knollen (Stamm- und AVurzelknollen), Holz, Rinde, Blätter, Blüten, Früchte, Samen usw., die für die Zwecke leichterer Aufbewahrung und Versendung getrocknet und, wenn es die Verwendung zuläßt, zerkleinert werden. Der Wasser- gehalt solcher Rohstoffe ist stets geringer, als dem Lebendgewicht der betreffenden Pflanzenteile entspricht, und gewöhnlich nur von der Hygro- skopizität der betreffenden organischen Substanzen abhängig. Man zählt zu den Rohstoffen aber auch bestimmte Hervorbringungen des Pflanzenreiches, • welche nicht als wesentliche Teile der Pflanzen (Organe, Gewebe, Zellen, Zeilinhaltsstoffe) angesehen werden können, wie z. B. die aus den Stämmen vieler Holzpflanzen heraussickernden, flüssig oder halbflüssig verbleibenden (Balsame) oder zu Gummi, Harzen, Gummi- harzen usw. erstarrten Substanzen, welche durch einfache Aufsamm- lungen schon in jenen Zustand kommen, in welchem sie im Handel er- scheinen und deshalb mit Recht als Sammelprodukte angesprochen werden. Ohne allen Zwang kann man auch jene Erzeugnisse des Pflanzen- reiches den Rohstoffen beizählen, welche durch mechanische Verletzungen von Pflanzen oder Pflanzenteilen gewonnen werden, wie der Kautschuk, welcher aus einem, freiwillig nur in kleinen, durch Anschnitt der be- treffenden Pflanzenteile in großen Mengen austretenden Milchsafte durch Eintrocknung entsteht. In dieselbe Kategorie von Rohstoffen gehören die meisten Balsame, viele Harze (z. B. das durch künstliche »Harzung« er- zeugte Harz der Fichten, Föhren und anderer Koniferen), viele Gummi- harze (z. B. Gummigutt, Asa foetida usw.) u. v. a. Es ist auch ein wohl zu rechtfertigender Gebrauch, manche durch etwas kompliziertere, im Ganzen aber doch immer noch rohe Gewinnungs- methoden erhaltene Pflanzenstoffe als Rohwaren aufzufassen, wie z. B. das Katechu, das durch Auskochen des Holzes der Äcacia Catechu und Eindampfen des so erhaltenen Extraktes gewonnen wird, den Gambir, Einleitung. 3 welcher nach einem analogen Verfahren aus den Blättern und jungen Zweigen der Nauclea (Ourouparia) Gambir erzeugt wird; desgleichen die durch einfaches Auspressen oder Ausschmelzen aus Samen und Früchten erhaltenen vegetabilischen Fette, das durch Ausschmelzen sehr verschiedener Pflanzenteile erhaltene vegetabilische Wachs usw. Auch den durch Eintrocknen aus Milchsaft und spätere Räucherung gewonnenen schwarzen Kautschuk des Handels zieht man, wie ich glaube, ganz passend noch zu den Rohstoffen. Wenn man bei der Begriffsbestimmung des »Rohstoffes« die Grenze selbst so enge zieht, als es in den vorangegangenen Zeilen geschehen ist, so stößt man doch schon auf eine nicht geringe Schwierigkeit, indem man nicht nur Sammelprodukte, sondern auch nach mehr oder minder komplizierten Erzeugungsarten dargestellte Stoffe in die gleiche Kategorie bringt. Was ist, so darf man fragen, noch Rohstoff und was ist bereits Fabrikat? Wenn ich Katechu, Gambir, Aloe u. dgl., wie es ja allgemein geschieht, als Rohstoff betrachte, so habe ich ja doch auch den Indigo in dieselbe Kategorie zu stellen, wenngleich die Methoden zu seiner Darstellung vielfach durch neue rationell verfeinerte ersetzt wor- den sind. Und die Guttapercha bliebe nach üblicher Auffassung Roh- erfahren Freilich wird in diesen Fällen das Interesse der Technologen an dem Prozesse der Darstellung dieser beiden Körper wachgerufen sein, und beide Stoffe gehören dann sowohl vor das Forum der Rohstofflehre als vor das der Technologie. Nicht mindere Schwierigkeiten bei einer Formulierung des Begriffes » Rohstoff < würden sich ergeben, wenn man unter »Rohstoff« ohne Rück- sicht auf die Gewinnungsweise, alle jene Körper verstehen wollte, welche der Industrie und den Gewerben dienen, sei es als Hilfsstoffe, sei es als Rohmateriale, welche aber nicht direkte Gebrauchskörper sind, wie etwa der Holzstoff der Papierfabrikation, unversponnene Pflanzenfasern u. v. a. Es häufen sich also die Schwierigkeiten, wenn man zu einer ge- nauen Begriffsbestimmung dessen, was als »Rohstoff« aufzufassen ist, gelangen will. Nun kann es aber nicht so sehr darauf ankommen, eine scharf ausgearbeitete, stets zutreffende Definition des »Rohstoffes« zu kon- struieren, als vielmehr all dasjenige, was die Praxis als Rohstoff zusammen- faßt, nach technischer Richtung zweckentsprechend und in wissenschaft- licher Weise zu bearbeiten, ohne in Doktrinarismus zu verfallen. Indem man diesen Standpunkt wählt, tut man gut, sich darüber klar zu werden, daß Rohstoff ein wandelbarer, ein konventioneller Begriff ist, daß zum Nutzen der technischen Wissenschaften die Grenzen der Rohstofflehre nur bestimmt werden dürfen nach praktischem Bedürfnis, ferner nach 1* 4 Einleitung. der ihr naturgemäß innewohnenden Betrachtungsweise des Stoffes und endlich nach den Untersuchungsmethoden, welche speziell in ihren Be- reich gehören 1). Die nachfolgenden Erörterungen werden über diese einzelnen Punkte nähere Aufklärungen bringen, und es sei hier nur kurz hervorgehoben, daß in der Rohstofflehre vor allem die natur historischen Unter- suchungsmethoden und überhaupt die naturhistorische Betrachtungsweise in den Vordergrund tritt. Aber auch diese Untersuchungsmethode und diese Betrachtungsweise soll keine Scheidewand zwischen der Rohstoff- lehre und der Technologie im engeren Sinne bilden; im Gegenteil: wo die naturhistorische Methode die Unterscheidungsmerkmale für technisch erzeugte Gebrauchsobjekte darbietet, wie z. B. bei den Fasern der Ge- spinste und Gewebe und in zahlreichen anderen Fällen, wird es für den Fortschritt der technischen Wissenschaften nur von Vorteil sein, wenn die Rohstofflehre in das Gebiet der Technologie hinübergreift. Die technischen Disziplinen bilden wie die reinen Wissenschaften, ja mit diesen ein lebendiges Ganze; eine scharfe Abgrenzung der Wissens- zweige wäre ihrer Weiterentwicklung durchaus nicht förderlich. Denn die Fortschritte der Wissenschaften und der Technik bringen die einzel- nen theoretischen und praktischen Disziplinen einander näher und führen zu gegenseitiger Stärkung und Neubelebung. Und so soll auch die tech- nische RohstofTlehre, einer der jüngsten der angewandten W^issenszweige, den Kontakt mit anderen Disziplinen, namentlich mit der Technologie, eher suchen als vermeiden. Bietet sie ja doch selbst, wie ihre ältere Schwester, die Pharmakognosie, das Bild einer harmonischen, auf ein praktisches Ziel gerichteten Vereinigung sehr heterogener Kenntnisse und Erkenntnisse dar. 1) In seinem monumentalen, noch nicht zum Abschluß gekommenen Werke, »Handbuch der Pharmakognosie« (Leipzig, Tauchnitz igogff.) sagt der Verfasser, Herr Professor Tschirch (Bd. I, p. 16): »Da im jetzigen Sprachgebrauch das Wort Droge für alle Rohstoffe mit Ausnahme der mineralischen angewendet wird — und zwar für trockene, im Gegensatz zu frischen Pllanzen und Tieren — so empfiehlt es sich, die technischen Rohstoffe als technische Drogen von den arzneilichen Rohstoffen, den Arzneidrogen abzuti^ennen.« Aber unter Droge wird seit alter Zeit bis auf den heutigen Tag gewöhnlich die Arzneidroge verstanden, während die Technologie den Ausdruck Droge nicht gebraucht, vielmehr in Anlehnung an die Praxis von »Roh- stoff« spricht. Welche Mängel dem Begriffe Rohstoff anhaften, ist oben genügend betont worden, der Ausdruck genügt aber in der Regel und leidet nicht an der Fessel des Begriffes »Droge«, welcher nur trockene Objekte umschließt, während man z. B. die Runkelrübe als Rohstoff (der Zuckerfabrikation) bezeichnen darf. Die von Tschirch vorgeschlagene Neuerung bietet keinen Vorteil, ja würde nur Be- fremden hervorrufen, wenn beispielsweise die Baumwolle als Droge angesprochen werden würde. Einleitung. 5 Nachdem ich in Kurzem, so gut dies überhaupt möglich ist, eine Orientierung über das, was als vegetabilischer Rohstoff anzusehen ist, gegeben habe, will ich versuchen, die Aufgabe darzulegen, welche einer wissenschaftlich begründeten Lehre von den technisch verwendeten Roh- stoffen des Pflanzenreiches zufällt. Die Rohstofflehre kann sich begreiflicherweise keine andere Auf- gabe stellen, als die praktischen Erfahrungen oder theoretischen Er- wägungen zufolge nutzbaren Rohstoffe möglichst genau unterscheiden zu lehren, ihre Herkunft zu ermitteln und ihre Eigenschaften mit tun- lichster Rücksichtnahme auf ihre Verwendung darzulegen. Die Rohstoff- lehre bildet, so aufgefaßt, nicht etwa bloß eine dem Kaufmanne zur Belehrung dienende »allgemeine Warenkunde«, vielmehr gestaltet sie sich zu einem Zweige der Technologie im weiteren Sinne des Wortes. Bei der außerordentlichen Menge von nutzbaren Pflanzenstoffen, die man bereits kennt, erscheint es gewiß berechtigt, ja zweckmäßig, die- selben wohl im Auge zu behalten, wenn auch das momentane Bedürfnis nicht nach allen diesen Schätzen greift. Man darf nämlich nicht ver- gessen, daß die Auffindung dieser Körper das Resultat einer mehrtausend- jährigen Erfahrung ist, an welcher alle Völker der Erde Anteil haben, und daß gerade durch den Spürsinn unzivilisierter Völker die bedeutungs- vollsten Entdeckungen in Bezug auf die Auffindung von Rohstoffen zu- tage gefördert wurden. Es ist — des Tier- vmd Mineralreiches nicht zu gedenken — das Gewächsreich in einer so tiefgehenden Weise auf seine Nutzbarkeit durchgeprüft, daß der Forschung zur Auffindung neuer nutzbarer Rohstoffe kein allzugroßer Spielraum mehr gegönnt ist. Ich glaube also, daß sich die Wissenschaft den Gewerben durch genaue, dem Fortschritt der Wissenschaft angepaßte, Prüfung der vorhandenen Rohstoffe weiter noch nützlich machen kann. Allein es darf auch nicht übersehen werden, daß die Fortschritte der Industrie von Zeit zu Zeit ganz neue Forderungen an das Pflanzenreich behufs Gewinnung neuer Rohstoffe stellen und dann gilt es, über die alten, wenn auch noch so reichen Erfahrungen hinaus, nach neuen Rohstoffen oder Rohstoffquellen zu fahnden. Ein schlagendes Beispiel bildet der Kautschuk. Vor einem Jahrhundert nur zum Auswischen von Bleistiftlinien benutzt und nur tastend zu wasserdichten Verschlüssen, zu Gummiröhren für chemische Apparate und dergleichen unbedeutenden Gebrauchsgegenständen ver- wendet, ist er nunmehr als Kautschuk, als vulkanisierter Kautschuk, Hartgummi usw., zu einem der wichtigsten Industrieobjekte geworden. Die Nachfrage nach dem Rohmateriale ist eine enorme geworden und es wird nicht nur das ganze Pflanzenreich, insbesondere in den tropischen und subtropischen Gebieten, in der energischsten Weise auf kautschuk- liefernde Gewächse durchsucht, sondern die Akklimatisation der kaut- 6 Einleitung. schukliefernden Pflanzen im grüßten Maßstabe in den Kolonien der warmen Länder betrieben. Hunderte von Pflanzen, die man früher un- beachtet ließ, werden nun in die Kautschukgewinnung einbezogen. Die Mittel zur Lösung der oben kurz geschilderten Aufgabe der Rohstofflehre des Pflanzenreiches sind keine geringen. Vor allem ist es notwendig, die Abstammung des Rohstoffes zu erforschen, also in betreff der vegetabilischen Rohstoffe die Pflanze zu ermitteln, welche diesen oder jenen Rohstoff liefert. Um Irrungen vorzubeugen, ist diese Kenntnis zum mindesten für den Forscher, also für denjenigen nütig, welcher eine exakte Charakteristik eines Rohstoffes entwerfen will. Um nämlich mit Genauigkeit die unterscheidenden Merkmale der oft stark zerkleinerten oder anderweitig veränderten Rohstoffe feststellen zu können, ist es häufig notwendig, auf die Stammpflanze zurückzugreifen. Durch das Studium der Morphologie der wohlerhaltenen Stammpflanze wird es ermöglicht, den Pflanzenteil, das Organ, welches einen bestimmten Roh- stoff liefert, zu ermitteln, und die Bestandteile der Organe oder Gewebe, welche an der Zusammensetzung desselben Anteil nehmen, mit größerer Sicherheit und Vollständigkeit festzusteflen, als dies am Rohstoff selbst möglich ist. Aber es wird wohl auch zugegeben werden, daß die Fixierung eines bestimmten Rohstoffes durch die Zurückführung auf die Stamm- pflanze die Sicherheit der Charakteristik nur vergrößert, indem durch den Nachweis der völligen Identität eines bestimmten Rohstoffes mit einem bestimmten Organ, Organteil, Gewebe usw. der Stammpflanze die ge- naueste Ausmittelung der wahren Natur eines fraglichen Rohstoffes er- folgt. Es wäre z. B. der Beweis zu liefern, ob eine bestimmte Faser Sunn ist oder nicht. Wäre nun eine Charakteristik dieser Spinnfaser noch nicht vorhanden, oder zöge man die Sicherheit der etwa hierüber bekannt gewordenen Unterscheidungsmerkmale in Zweifel, so bliebe wohl nichts anderes übrig, als einen Vergleich der zu prüfenden Pflanzenfaser mit dem Baste der lange bekannten Stammpflanze des Sunns, Croialaria juncea^ vorzunehmen. Ergäbe sich nun eine völlige Gleichheit in der morphologischen Zusammensetzung und im mikrochemischen Verhalten beider Objekte, so wäre hiermit wohl auch der denkbar sicherste Nach- weis, daß die betreffende Faser wirklich Sunn ist, geliefert. Aber nicht nur die Kenntnis der botanischen, sondern auch der geographischen Herkunft der vegetabilischen Rohstoffe ist zu berücksichtigen, da es für den Technologen doch von Wichtigkeit sein muß, die Bezugsquellen jener Materialien, welche er verarbeitet, zu kennen. Die floristische und pflanzengeographische Literatur bietet in- sofern die der Rohstofflehre dienlichen Daten, als sie sehr umfassende Beobachtungen über die Verbreitung der Nutzpflanzen enthält. Aber damit ist nicht alles getan. Denn die Rohstoffe werden nicht überall dort Einleitung. 7 gewonnen, wo dies möglich wäre; auch eignen sich die Nutzgewächse nicht überall zur Ausbeutung. Wie außerordentlich ist zum Beispiel die Kokospalme in den Tropenländern verbreitet und dennoch liefern nur einzelne Gebiete Indiens und einige der umliegenden Inseln eine wirklich brauchbare Sorte von Co'ir (Kokosnußfaser). Freilich darf nicht über- sehen werden, daß Cocos nucifera in zahlreiche Varietäten zerfällt, von denen eben nur die Früchte einzelner sich zur Darstellung dieser Faser eignen. Wie bekannt kommt die Leinsaat der meisten flachsbauenden Länder der Erde aus den russischen Ostseeprovinzen, da die Erfahrung lehrte, daß die dort geernteten Leinsamen, auch wenn sie in warmen Gegenden gebaut werden, sehr bastreiche Flachspflanzen liefern, und daß ein durch Jahre hindurch in warmen Gegenden kultivierter Flachs auf Kosten der Bastmenge große Samenerträge abwirft. Die besten zur Öl- gewinnung dienenden Leinsamen bringen hingegen jene Länder hervor, wo der Flachs gar nicht als Gespinstpflanze, sondern eben nur der ülreichen Samen halber kultiviert wird, so z. B. Ostindien. Diese wenigen Beispiele werden genügen, um zu veranschaulichen, daß die Rohstofflehre die auf die geographische Herkunft der Rohstoffe bezüglichen Daten nicht ohne weiteres den floristischen und pflanzengeographischen Werken und Abhandlungen entnehmen kann; daß sie vielmehr hierin ihre spezifischen Gesichtspunkte hat, von denen aus sie selbständig auf die Erwerbung der nötigen Daten Bedacht nehmen muß. Hierbei wird es sich nicht bloß um die natürliche Verbreitung der technisch verwendeten Gewächse, sondern auch um ihre Verbreitungs- fähigkeit und um ihre Kultur handeln. Viele Rohstoffe werden von wildwachsenden Pflanzen gewonnen, aber mit den Fortschritten der all- gemeinen, namentlich der tropischen Agrikultur i) nimmt die Zahl dieser Gewächse ab, indem man bestrebt ist, alle nutzbringenden Pflanzen in möglichst rationelle Kultur zu nehmen, so z. B. die Sagopalme, die China- rinden-, Kautschuk-, Guttaperchabäume, die ostafrikanischen Gummibäume usw. Bevor Perlsago ein in Europa begehrter Handelsgegenstand war, genügte es, dieses Produkt aus wildwachsenden Palmen zu gewinnen. Nunmehr nimmt die Kultur der Sagopalmen im tropischen Gebiete zu. Dies bat nicht nur zur starken Hebung dieser Kolonialware geführt, sondern ist für die Ausnutzung des tropischen Kulturbodens von Bedeu- tung geworden, indem die wichtigsten Sagogewächse nur auf Sumpfboden vorkommen und dieser durch Bepflanzung mit Sagopalmen erst Kulturboden geworden ist. Viele sumpfige Talgründe Celebes', welche ertraglos da- lagen, sind durch die genannte Anpflanzung nutzbar gemacht worden 2j. \) S. hierüber das inhaltreiche, weiter unten näher ins Auge gefaßte Werk H. Semlers, Tropische Agrikultur, 4 Bände, Wismar -ISSG — 93. 2) Sammler, 1. c, Bd. I, p. 633. 8 Einleitung. Zahlreiche Faserpflanzen und andere technische Nufzgewächse, welche früher im wildwachsenden Zustande Verwendung fanden, sind zu Kultur- pflanzen geworden, wie die folgenden Kapitel vielfach lehren werden. treten. Es ist bekannt, daß die in Indien, auf Gej'lon, Java usw. er- haltenen Kultur-Chinarinden die wilden Rinden aus den Wäldern der Kordilleren lange überflügelt haben. Obschon alle Gegenden der Erde, welche eine Vegetation hervor- bringen, dem Menschen nützliche Stoffe liefern, so ist doch die Masse und der innere Wert dieser Körper, je nach den klimatischen Ver- hältnissen ein höchst ungleicher. Die außerordentlich üppige Vegetation der warmen Länder bringt auch die größte Menge von pflanzlichen Rohstofl"en für unsere Gewerbe hervor. Mit dem Fortschritte der Kultur werden diese reichsten Quellen des Rohstoffes der Industrie immer mehr und mehr nutzbar gemacht. Die Akklimatisation jener so eminent nützlichen Gewächse der tropischen und subtropischen Zone in unseren Gegenden- hat der Industrie fast gar keinen Nutzen gebracht i), da es wohl gelingt, viele dieser Pflanzen bei uns fortzubringen, aber durch die Übertragung in ein ihnen wenig zusagendes Klima verlieren sie ihren üppigen Wuchs und jene Stoffe, welche uns Nutzen gewähren, um derenthalben wir sie unserer Landwirtschaft unterwürfig machen möchten, werden nur in geringen, der praktischen Ausnützung nicht werten Mengen geliefert. Die in unseren Gegenden kultivierte Batale enthält nur sehr wenig Stärke, die in wärmeren Gegenden Europas aufgebrachten Indigopflanzen lieferten fast keinen Indigo, die vielfach angeregte Kultur der Ramie- und Jutepflanzen in unseren Gegenden ver- spricht gar keinen Erfolg und selbst die europäischen Baumwollen- pflanzungen, mit Ausnahme der türkischen, weisen fast gar kein prak- tisches Resultat auf. Von der Akklimatisation, worunter der Versuch zu verstehen ist, eine Pflanze oder ein Tier unter für diese Organismen neuen klima- tischen Verhältnissen zu gedeihlicher Entwicklung zu bringen, ist wohl zu unterscheiden die Einbürgerung, d. i. die Übertragung einer Pflanze oder eines Tieres in neue, von der Heimat oft weit entfernte Gebiete, wo diese Organismen aber diejenigen khmatischen Verhältnisse vorfinden, an die sie gewöhnt sind. In allen Zonen der Erde hat die Einbürgerung neuer Kulturpflanzen zu großen praktischen Resultaten geführt. Die Einbürgerung neuer Kulturpflanzen ist ja nichts anderes 1) Vgl. A. Engler in Hehns Kulturpflanzen und Haustiere. 6. Aufl. Berlin 1894, p. IX der Vorrede. S. auch 8. Aufl., 19H. Einleitung. 9 als die Nachahmung dessen, was wir in der Natur unter unseren Augen vor sich gehen sehen: Pflanzen, welche sich von selbst verbreiten, suchen doch immer nur solche Gebiete auf, deren klimatische Verhält- nisse mit jenen übereinstimmen, welche in den Heimatländern der Ein- wanderer herrschen 1). Die namentlich in früherer Zeit oft versuchte Akklimatisation von Nutzgewächsen der warmen, ja sogar der heißen Länder in unseren Gegenden läßt man nunmehr gänzlich fallen, und tut nur das Richtige, wenn man diese so nutzbaren Pflanzen in Gegenden überträgt, wo sie die natürlichen Bedingungen des Gedeihens finden und deshalb sich da- selbst leicht einbürgern lassen. Zu den hervortretendsten Erscheinungen der modernen Kolonialbestrebungen gehört die Einführung von Nutz- pflanzen in neue, insbesondere tropische Gebiete. England hat in hidien, wirksam unterstützt durch seine Kew Gardens, Holland hat auf Java und in anderen seiner Kolonien unter Mitwirkung des großartigen bota- nischen Gartens in Buitenzorg ('s Lands plantentuin) in neuester Zeit hervorragende Leistungen auf dem Gebiete der Einführung neuer Kultur- pflanzen, von denen viele technisch verwendete Rohstoffe liefern, aufzu- weisen und Deutschland unternimmt dieselbe wichtige Arbeit in seinen ostafrikanischen Kolonien 2). Also nicht die Akklimatisation dieser Gewächse bei uns, sondern deren Einbürgerung in anderen Gegenden, wo sie unter gleichen oder angenähert gewohnten Bedingungen gedeihen, ferner die Fortschritte im Handel und Verkehr, welche die Naturschätze der entlegensten Gegenden uns zuführen, machen die Reichtümer der tropischen Pflanzenwelt der Industrie dienstbar. Schon jetzt führen jene fernen Länder unseren Fabriken eine solche Unmasse von vegetabilischen Rohstoffen zu, daß unsere Industrie ins Stocken geriete, wenn diese so segensreiche Zufuhr plötzlich unterbliebe. Der Indigo Ostindiens und anderer Tropen- länder hat die in verflossenen Jahrhunderten in Deutschland so blühende Waidindustrie fast vernichtet, die Baumwolle der warmen Länder ist nicht nur zum wichtigsten GespinstslotT aller Kulturländer, sondern zur wichtigsten Handelsware geworden; und so ließen sich noch zahlreiche 4) Unter unseren Kulturpflanzen befinden sich allerdings manche, darunter auch einige wenige von technischer Bedeutung, welche sich infolge einer — ich möchte sagen — sekulären Anpassung ein großes Terrain erobert haben und fern von der Heimat, unter ganz geänderten klimatischen Verhältnissen gedeihen, freilich auf- gelöst in neue klimatische Spielarten. Hierher gehört als wichtigste technische Nutz- pflanze der Flachs. Die Herkunft und die Abstammung der heute kultivierten Flachs- pflanze wird im Abschnitte »Fasern« ausführlich erörtert werden. 2) S. hierüber Engler: Die Pflanzenwelt Ostafrikas. B. Die Nutzpflanzen Ost- afrikas. Beriin 1895. Ferner zahlreiche Artikel in dem später oft zitierten »Tropen- pflanzer«. 10 Einleitung. Beispiele zur Erhärtung der wichtigen Tatsache beibringen: daß, wie sich die Industrie in den Ländern der gemäßigten Zone immer weiter ausbreitet und vervollkommnet, die an organischen Hervorbringungen ungleich gesegneteren warmen Länder der Erde mit den Fortschritten der Kultur und Zivilisation immer mehr und mehr dazu beitragen, die Industrie mit den wich- tigsten Rohstoffen zu versorgen'). Die Gewinnungsweise der Rohstoffe darf in der Lehre von diesen Körpern nicht übergangen werden, nicht etwa bloß des großen Interesses wegen, welches sich an diesen Gegenstand an und für sich knüpft, sondern weil sich aus der Art der Abscheidung der Rohstoffe oft manche ihrer Eigenschaften erklären lassen, und hierdurch die Schaffung einer Charakteristik und Physiographie der rohen Pflanzen- stoffe ermöglicht oder doch wenigstens erleichtert wird. Es findet sich z. B. der Kautschuk im Handel nicht nur als weißer, sondern als ver- schieden gefärbter Körper vor. Es wäre gewiß mit Schwierigkeiten verbunden, die Färbung des schwarzen Kautschuks zu deuten, wenn man nicht wüßte, daß selbe durch künstliche Räucherung hervorgerufen wird. Die große Veränderlichkeit im Terpenlinülgehalt der käuflichen Terpentine würde sich angesichts der Tatsache, daß alle aus der Pflanze frisch heraussickernden Terpentine stets sehr reich an flüchtigem Ol sind, nicht begreifen lassen, wenn man nicht wüßte, daß in einigen Ge- genden höchst unvollkommene Terpentingewinnungsmethoden gehandhabt werden, bei deren Anwendung das Terpentinöl in verschwenderischer Weise preisgegeben wird, und daß manche Terpentine des Handels künst- lich eines Teils ihres flüchtigen Öls beraubt werden. Die Eichenspiegel- rinden des Handels sind nicht selten bei gleicher ursprünglicher Güte entweder sehr wohlerhalten, oder aber an vielen Stellen verletzt. Solche Rinden werden nicht mit Unrecht für gering gehalten, da sie erfahrungs- gemäß minder gut die Häute gerben. Ein Einblick in die Gewinnung der Eichenspiegelrinde lehrt aber, daß, entweder wegen unpassender Wahl der Entrindungszeit oder weil die gefällten Eichenstämmchen zu lange liegen blieben, bis die Abschälung vorgenommen wurde, die Ab- lösung der Rinde nur schwer vorzunehmen ist und ohne Beklopfen mit Hämmern, Beilen usw. gar nicht gelingt. Die so entstehenden Klopf- wunden gefährden aber die Güte der Rinde, indem bei der mechanischen Verletzung auch lebende Gewebe zerrissen werden, deren Zellinhalte sich entweder spontan, oder durch Einwirkung des atmosphärischen Sauer- stoffes, oder durch Eindringen von Fermentorganismen zersetzen ^j. ■1) Weitere Ausführungen hierüber s. Wiesner: Die Jute, in: Ausland. 1869. Nr. 35. 2) Über Einsammlung und Zubereitung von Medizinaldrogen, von denen einige auch technisches Interesse beanspruchen, s, Flückiger undTschirch, 1. c, p. M — 13. Einleitung. ^-^ Daß eine sehr genaue Vertrautheit mit den morphologischen Verhältnissen der Pflanze die aller wichtigste Bedingung für die wissenschaftliche Begründung der technischen RohstofTlehre des Pflanzen- reiches bildet, braucht wohl nicht erst bewiesen zu werden. Es leuchtet wohl von selbst ein, daß man Blätter, Blüten, Samen, Früchte usw. nicht anders als botanisch, also mit den Hilfsmitteln der Botanik und vorzugsweise nach den Methoden der Morphologie der Pflanzen charak- terisieren und beschreiben könne. Und ebenso dürfte es Jedem ver- ständlich sein, daß die auf histologischer Grundlage fußende mikroskopische Untersuchung den geradezu wichtigsten Behelf für die Unterscheidung der Rohstoffe bildet. Denn nicht nur, daß als technische Rohwaren auftretende Pflanzen und Pflanzenteile in einem oft sehr zerkleinerten oder, allgemeiner gesagt, veränderten Zustande auftreten, in welchem sie sich der botanisch-systematischen Untersuchung völlig entziehen und nur durch ihre Gewebe, Zellen oder Zellinhaltsstoffe genügend charakterisiert werden können; es existieren zahlreiche, sehr wichtige rohe Pflanzenstoffe, welche ihrer Natur zufolge kaum eine andere als eine histologische Charakteristik zulassen. Man denke nur an die in ihren Eigenschaften so verschiedenen Stärkesorten und Pflanzenfasern. Alle Versuche, diese Körper durch chemische Reaktionen zu unterschei- den, scheiterten an ihrer fast völligen chemischen Gleichheit i). Die Unterschiede der Stärke- und Fasersorten sind beinahe nur in ihren morphologischen Verhältnissen begründet, bei der Stärke in der Form, Größe und im Baue der Körnchen, bei den Fasern in ihrer histolo- gischen Zusammensetzung; es gibt also hier und bei vielen anderen Rohstoffgruppen — so weit wir diese Verhältnisse nach unserer der- zeitigen Einsicht überblicken können — gar keinen anderen Weg, der mit Sicherheit zur Unterscheidung dieser äußerlich so gleichartigen Körper führen würde, als den der histologischen Charakterisierung. Die morphologisch -botanische Untersuchungsmethode kann aber nicht auf alle vegetabilischen Rohstoffe angewendet werden. Wenn sie für die organisierten, d. i. strukturbesitzenden Pflanzenstoff"e auch die einzige oder doch wichtigste ist, so erstreckt sich ihre Anwendbarkeit über die Körper dieser Kategorie kaum hinaus. Die Charakteristik der •1) Es wird in dem der Stärke gewidmeten Kapitel gezeigt werden, daß die Stärkearten im Lichtbrechungsvermögen und auch noch in anderen physikalischen Eigenschaften voneinander abweichen, was alles auf Differenzen in chemischer Be- ziehung hinweist. Aber die betreffenden physikalischen und chemischen Unterschiede sind so gering, so schwer festzustellen, daß sich hierauf keine praktisch brauchbare Charakteristik bauen läßt und man doch immer, zur Unterscheidung der Stärkearten, auf die mikroskopisch festzustellenden morphologischen Kennzeichen zurück- kommt. 12 Einleitung. strukturlosen PflanzenstofYe, wie Gummiarten, Harze, Balsame, Kaut- schuk, Guttapercha und viele andere, hat von dieser Methode nur wenig zu erwarten. Indes ohne alle Bedeutung ist sie selbst für diese große RohstofTgruppe nicht. Die meisten der genannten Körper sind nicht so gänzlich frei von aller organischen Struktur, oder frei von organisierten Pflanzenteilen, als daß nicht auch an ihnen sich der Wert der Histologie für die Unterscheidung der Pflanzenstoffe erproben könnte. Die neuere Forschung hat gelehrt, daß manche Gummiarien, z. B. der Tragant, oder in noch ausgezeichneterer Weise das Moringa- gummi, nicht, wie man früher vermutete, bloße Ausschwitzungen der Pflanzenorgane sind, sondern daß sie durch chemische Metamorphose ganzer Gewebe entstehen. So kommt es, daß die beiden genannten Gummiarten, und noch viele andere ähnliche vegetabilische Rohstoffe, Gewebsstruktur besitzen, entweder klar ausgeprägt, oder nur eben er- kennbar. Freilich hat diese Struktur physiologisch keine Bedeutung, indem diese Bildungen nur Pseudomorphosen nach Geweben darstellen; aber für die Charakteristik dieser Stoffe sind diese Bildungen von großem Werte. Sehr viele strukturlose Pflanzenstoffe, wie Gummi- arten, Harze usw., enthalten Gewebsreste und Zeilinhaltsstoffe aus den Stammpflanzen, deren morphologische Eigentümlichkeiten in sehr zahl- reichen Fällen nicht nur für die Charakteristik dieser Körper verwend- bar sind, sondern häufig auch auf die wahre Abstammung derselben geführt haben. Einige konkrete Beispiele mögen die Bedeutung der morphologisch- botanischen und speziell auch der histologischen Untersuchungsweise für die Rohstofflehre des Pflanzenreiches veranschaulichen. — Die Abstam- mung der für die Industrie so wichtigen (gegrabenen) ostafrikanischen Kopale war lange Zeit in völliges Dunkel gehüllt. Gewisse Ähnlichkeiten zwischen dem gegrabenen Harze und gewissen, von lebenden Stämmen ausgeschiedenen Harzen führten zur Aufstellung von Hypothesen über die botanische Provenienz dieser Kopale. Da gelang es dem englischen Botaniker Kirk, in den gegrabenen Kopalen Blätter und Stengel, ja sogar Blüten von Trachylohium mossamhicense aufzufinden und so den Beweis zu liefern, daß die genannten fossilen Harze, wie man schon voher vermutete, tatsächlich von diesem Baume abstammen. — Die aus Stroh dargestellten Papierhalb- und Ganzzeuge bestehen wohl der Hauptmasse nach aus Bastfasern, welche sich von anderen Bastfasern nur schwer, in manchen Fällen gar nicht unterscheiden lassen. In dieser Papiermasse fehlen aber niemals die höchst charakteristisch geformten Oberhautzellen der Strohhalme. Diese Zellen haften der eigentlichen »Faser« so innig an, daß sie im Gang der Darstellung aus der Papier- masse frar nicht zu entfernen sind und tatsächlich auch in die Stroh- Einleitung. 13 papiere übergehen. Diese charakteristisch geformten Oberhautzellen leiten nicht nur sicher, sondern auch rasch darauf, daß die fraglichen Papiere oder Papierzeuge aus Stroh verfertigt wurden; aus der Größe, Form und Struktur dieser Oberhautzellen läßt sich nun weiter ermitteln, welche Art von Stroh (Roggen-, Mais-, Reisstroh usw.) zur Herstellung dieses Papieres oder dieser Papiermasse diente. Daß man sich in der Unterscheidung sowohl der strukturlosen als auch der strukturbesitzenden Pflanzenstoffe oft mit großem Vorteile mikrochemischer Reaktionen bedienen kann, wird der spezielle Teil dieses Buches genügend darlegen. Es sei darüber hier nur soviel erwähnt, daß man bei einem gründlichen Studium der Rohstoffe wohl immer bestrebt sein wird, alle sich im Mikroskope als optisch unter- scheidbar darstellenden Teile eines Objektes möglichst genau zu deuten, also in erster Linie über ihren stofflichen Charakter ins klare zu kommen,- was doch begreiflicherweise nicht anders als auf mikro- chemischem Wege geschehen kann. Die als strukturlos angesehenen Rohstoffe des Pflanzenreiches haben meist ein so ausgesprochenes chemisches und physikalisches Gepräge, daß man einige ihrer Reaktionen, ihre Dichte, ihre Löslichkeit in Wasser, Alkohol und anderen Flüssigkeiten, die Fällbarkeit ihrer durch bestimmte Reagentien, ihr Molekulardrehungs- der Charakteristik sehr gut verwerten kann. Dennoch reichen die auf diese Weise ermittelten Eigentümlichkeiten nicht immer zur genauen Unterscheidung aus. Zur Vervollständigung der Charak- teristik solcher Körper kann man sich der folgenden Mittel bedienen. Viele Rohstoffe haben einen eigentümlichen, oder mit dem Gerüche und Geschmacke anderer, bekannter Körper vergleichbaren Geruch und Geschmack. Der Geschmack ist im allgemeinen etwas sicherer als Merkmal als der Geruch, da geruchlose Substanzen häufig leicht Gerüche annehmen und so zu Täuschungen Veranlassung gegeben werden kann. Farbe, Färbung, Durchsichtigkeit sind für unsere Zwecke nicht ganz zu unterschätzende Merkmale. Die Prüfung, ob ein Körper einfach oder doppeltlichtbrechend ist, oder doch, wie die meisten in Wasser löslichen Gummiarten, wie Kautschuk und einige andere Körper, infolge von Spannungsunterschieden Doppelbrechung im Polarisationsmikroskope erkennen lassen , ist in der Charakteristik vieler Rohstoffe, wie die Folge zeigen wird, häufig von hohem Werte; desgleichen die Prüfung, ob ein Körper, in bestimmten Flüssigkeiten verteilt, schwache oder starke Molekularbewegung zeigt. Auch das Lichtbrechungsvermögen flüssiger Körper, durch das Mikroskop leicht zu ermitteln i), oder fester Substanzen, durch Einlegen -1) Wiesner, Technische Mikroskopie. Wien 1867, p. ISQfr. vermögen in 14 Einleitung. in Flüssigkeiten bestimmter Lichtbrechung bieten sehr gute Anhaltspunkte für die Charakteristik dar. Feste strukturlose PflanzenstofTe können vielfach nach dem Vorbilde der Mineralbeschreibung charakterisiert werden, indem man nicht nur ihre Farbe und Dichte^ sondern auch ihre Härte, ihren Strich (Farbe des Strichpulvers], ihre Tenazität und die Art ihres Bruches berück- sichtigt. Ich habe eine solche Charakteristik bei zahlreichen Gummi- und Harzarten mit Vorteil durchgeführt i). Noch sei erwähnt, daß selbst manche organische Pflanzenstoffe durch den Grad ihrer Härte gut charak- terisiert werden können, worüber ich weiter unten an passender Stelle einige Beispiele geben werde. Einer besonderen Aufmerksamkeit wert ist das mikroskopische Ver- halten sogenannter strukturloser Pflanzenstoffe. Fast immer erscheinen diese Körper dem freien Auge völlig gleichartig, und dennoch birgt sich unter diesem scheinbar homogenen Aussehen eine Mannigfaltigkeit von Gestaltsverhältnissen, die ein mit derartigen Untersuchungen nicht Ver- trauter kaum ahnen möchte. Es ist schon oben erwähnt worden, daß viele Gummiarten, Harze und andere ähnliche pflanzliche Rohstoffe Strukturverhältnisse darbieten, welche mit ihrer Entstehung im Zusammen- hange stehen, oder organisierte Einschlüsse führen, welche sie den Organen jener Pflanzen, von denen sie abstammen, zu danken haben. Aber selbst abgesehen hiervon sind diese Körper nicht völlig gleichartig gebaut. Viele bergen eine größere oder geringere Menge bestimmt geformter mikro- skopischer Kristalle, manche darunter sind fast nur aus kleinen Kriställchen gebaut, die dem freien Auge und selbst der Betrachtung mit der Lupe entgehen. Eine Zusammensetzung aus mikroskopisch wahrnehmbaren, verschiedenartigen Körperchen gehört bei dieser Kategorie von Rohstoffen nicht zu den Seltenheiten. So besteht z. B. das Gummigutt aus einer homogenen gummiartigen Grundmasse und überaus kleinen, in ungemein großer Menge darin eingestreuten Harzkügelchen. Die Oberfläche mancher Harze zeigt bei Betrachtung mit freiem Auge eine charakteristische Struktur. Andere lassen bei mikroskopischer Untersuchung eine eigentümliche Struktur ihrer natürlichen Oberfläche erkennen, die stets verschieden ist von jener Struktur, welche die Bruch- fläche derselben Harze darbietet. Diese Oberflächenbeschaffenheit mancher sonst gänzlich strukturlosen Pflanzenstoffe kann, wie wir sehen werden, mit Vorteil zur Charakteristik dieser Körper herangezogen werden. Die Asche vieler Rohstoffe des Pflanzenreiches, namentlich einiger Rinden, Hölzer und Fasern führt morphologisch bestimmte Einschlüsse, welche für die Charakterisierung dieser Körper oft von entscheidender -1) In dem weiter unten zitierten Werke über Gummi und Harze. Einleitung. 15 Wichtigkeit sind. So läßt sich die gleich der Jutefaser stark verholzte, auch sonst mit dieser vielfach sehr übereinstimmende Abelmoschus-F Eser durch die Asche unterscheiden: die Asche der ersteren ist kristallfrei, die der letzteren führt charakteristische, in der unverbrannten Faser als oxalsaurer Kalk, in der Asche als Kalk oder kohlensaurer Kalk auftretende Kristalle, welche bei der Veraschung ihre Gestalt im wesentlichen bei- behalten haben. Wegen der kleinen Menge der in der Faser vorkommen- den Kristalle ist der direkte Nachweis mit Zeitverlust verbunden, während in der zu Asche reduzierten Masse die Auffindung der Kristalle rasch erfolgen kann. Manche in der Charakteristik der Rohstoffe verwertbare physikalische, chemische und auf mikroskopischem Wege zu ermittelnde Einzelheiten werden in den speziellen Teilen dieses Buches lehren, wie sich auch die verschiedenen naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden zur Unter- scheidung dieser Körper fruchtbringend verwerten lassen. Aber schon die oben angeführten Beispiele und die bis jetzt erörterten Gesichtspunkte lehren deutlich, daß die botanische Forschungsmethode allerdings für eine wissenschaftliche Begründung der technischen Rohstofflehre des Pflanzen- reiches unerläßlich notwendig ist, daß dieselbe aber zur möglichst genauen Unterscheidung und Darlegung der Eigenschaften der pflanzlichen Roh- stoffe nicht ausreicht, sondern auch die Handhabung anderer natur- wissenschaftlicher Untersuchungsmethoden hierzu erforderlich ist. Auch werden schon die bis jetzt angestellten Betrachtungen die Vorstellung erwecken, daß es völlig unrichtig sei, wenn man, wie dies oft geschah, annähme, eine RohstofTlehre des Pflanzenreiches hätte keine Existenzberechtigung, oder läge doch in der Botanik selbst, so daß bloße botanische Kenntnisse das Studium einer vegetabilischen Rohstofflehre überflüssig machen würden. Weit entfernt zu behaupten, daß die Roh- stofflehre des Pflanzenreiches selbst eine besondere Wissenschaft bilde oder zu bilden berufen sei, fasse ich sie dennoch als eine selbständige, prak- tischen Zwecken gewidmete Lehre auf, gleich der Technologie im engeren Sinne (Lehre von der mechanischen und chemischen Verarbeitung der Rohstoffe), der praktischen Geometrie, der Landwirtschaftslehre usw., als eine Lehre, welche ihre eigenen Ziele, nämlich eine möglichst genaue und allseitige Kenntnis der vegetabilischen Rohstoffe anstrebt, wenn sie dieselbe auch nicht nach selbständigen, sondern nach anderen, haupt- sächlich den reinen Naturwissenschaften aber wie sich gleich zeigen wird, auch den technischen Disziplinen entlehnten Methoden zu erreichen strebt. Daß eine technische Rohstofflehre über das Gebiet der Naturwissen- schaften hinausreichen muß, liegt ja schon im Namen dieser Disziplin: sie muß notwendigerweise in vielfacher Beziehung zu den technischen Wissenschaften stehen, ist sie ja doch selbst eine technische Disziplin. 16 Einleitung. Ihrem Hauptcharakter nach ist sie geradezu die Vermittlerin zwischen der organischen Naturgeschichte und der Technik, wie etwa die chemiche Technologie die Vermittlerin zwischen der Chemie und den chemischen Gewerben ist. Bezüglich jener Fabrikate, welche sie zu beschreiben hat — ich nenne als charakteristische Beispiele: Indigo und Holzschliff — , muß sie wissen, durch welche Prozeduren diese Körper dargestellt wurden, und in jedem Falle muß die RohstofTlehre anzugeben wissen, zu welchem technischen Zwecke ihre Objekte dienen, denn vornehmlich hieraus läßt sich ihre Bedeutung ableiten. Zu demselben Zwecke muß auch die Statistik und müssen die Hauptmomente der Handelsverhältnisse der Rohstoffe in der Lehre von den Rohwaren Berücksichtigung finden. Einige Hauptmomente aus der Kultur jener Gewächse, welche Rohstoffe darbieten, werden zum Verständnis der Art und Bedeutung der letzteren und zur Vervollständigung der zu entwerfenden Bilder der wichtigeren Rohstoffe wohl auch hervorzuheben sein. Ein tieferes Ein- gehen in diese Materie kann aber nicht Aufgabe der Rohstofflehre sein. Hier wird es genügen, auf die diesen Gegenstand behandelnden Quellen hinzuweisen. Über die Agrikultur der gemäßigten Zone liegt schon längere Zeit hindurch eine reiche Literatur vor. Während sich früher Angaben über die Kultur tropischer Nutzpflanzen schwer finden ließen, nämlich sich in Büchern über Warentausch, in Reisewerken verbargen, ist die tropische Agrikultur in neuester Zeit zu einer gut gepflegten land- wirtschaftlichen Disziplin herangediehen, in der man erforderlichenfalls die gewünschten Aufschlüsse findet i). Endlich wird wohl auch die Geschichte der Rohstoffe nicht unbeachtet bleiben dürfen. Was ein bestimmter Rohstoff ist rücksichtlich seiner Verwendung, seiner Bedeutung als Industrieobjekt oder als Handels- gegenstand, das ist er im Laufe der Zeit geworden. Die Linie seiner Bedeutung kann eine aufsteigende oder eine absteigende sein. Schon die Perspektive über seine zukünftige Bedeutung erfordert die Kenntnis dieser Linie. Die Geschichte der in das Leben der Völker eingreifenden Roh- stoffe bildet einen wichtigen Bestandteil der Kulturgeschichte. Bruch- stücke einer Geschichte der Rohstoffe liegen bereits vor, namentlich aus neuerer Zeit 2). Aber das meiste bleibt doch der Zukunft vorbehalten. 1) S. oben p. 7. 2) Wertvolle Beiträge zu einer Geschichte der Rohstoffe des Pflanzenreiches wird man u. a. in üngers Botanischen Streifzügen auf dem Gebiete der Kultur- geschichte (Sitzungsberichte der kaiserl. Akademie der Wissensch. in Wien, Bd. XXIII, 1857) finden, ferner in dem bekannten Werke Hehns: Kulturpflanzen und Haus- tiere in ihrem Übergange aus Asien nach Griechenland und Italien. 6. Auflage. Neu herausgegeben von 0. Schrader. Berlin 1894. In dieser neuen Auflage haben Einleitung. 17 was um so weniger wundernehmen kann, als ja selbst die Geschichte der Medizinaldrogen noch sehr unvollkommen erforscht ist, wie der beste Kenner der gesamten pharmakognostischen Literatur, Flückiger^), der ja selbst wichtige Beiträge zu diesem Gegenstand geliefert hat, her- vorhebt. Und doch ist das historische Interesse an den Heilstoffen älteren Datums als das, welches sich an die gewerblich benutzten Rohstoffe knüpft; auch sind die Medizinaldrogen überhaupt seit viel älterer Zeit Gegen- stand der wissenschaftlichen Untersuchung als jene Materialien, welche in den Gewerben und der Industrie Verwendung finden. Was die Ge- schichte der Pharmakognosie 2) geleistet, kommt zum Teil auch der tech- nischen Rohstofflehre des Pflanzenreiches zugute, nämlich die historischen Daten über solche Kürper, welche Heilstoffe sind oder waren und nun- mehr zu industriell verwerteten Rohprodukten gehören, wie z. B. über Mastix, Drachenblut, Indigo, Blauholz u. v. a. Soweit verläßliche histo- rische Daten vorliegen, sollen dieselben, namentlich bei Abhandlung wich- tiger Rohstoffe, in den folgenden Kapiteln in Kürze vorgeführt werden. Die hier versuchte Darlegung der in der technischen Rohstofflehre zu lösenden Aufgaben leitete zu jenen Wissenszweigen, welche unserer Disziplin zugrunde liegen. Indem man das Ineinandergreifen dieser Wissenszweige zum Zweck einer gründlichen Kenntnis des von der Pflan- zenwelt den technischen Industrien dargebotenen Rohmateriales betrachtet, erhält man ein Bild, welches unter allen anderen Wissensgebieten mit jenem Bilde, welches die Pharmakognosie des Pflanzenreiches darbietet, die größte Ähnlichkeit hat. In der Tat hat sich auch die technische Rohstofflehre vielfach nach dem Vorbilde der Pharmakognosie ausgebildet 3). Die Bearbeitung des Stoffes ist in beiden Disziplinen die gleiche, nur die Materie ist verschieden: hier die medizinisch, dort die technisch verwendeten Rohstoffe^). Immer mehr gewinnen die industriell verwerteten Rohstoffe gegenüber den medizinisch benutzten an Bedeu- die Studien Helms durch A. Engler, vom botanischen Standpunkte aus, manche Berichtigung und Ergänzung gefunden. S. ferner die neueste (achte) Auflage dieses "Werkes, 191-1, woselbst die botanischen Anmerkungen von Engler in Gem_einschaft mit Pax verfaßt sind. 1) 1. c, p. 15. 2) Wertvolle Beiträge zur Geschichte der Medizinaldrogen bringt die im Er- scheinen begriffene, oben bereits zitierte Pharmakognosie von Tschirch (s. oben p. 4). 3) S. hierüber Flückiger und Tschirch, 1. c, p. 6. 4) Sehr anziehend hat Flückiger (1. c, p. 7) das Verhältnis der Pharmakognosie zu ihren Hilfswissenschaften ausgedrückt, indem er sagt: »Die Pharmakognosie ist keineswegs ein scharf begrenzter Wissenszweig, sondern darin liegt eben das Wesen und wohl auch der besondere Reiz des Faches, daß es die Hilfsmittel verschiedener Disziplinen zu dem einen Zweck gründlicher Kenntnis der Rohstoffe des Arzneischatzes oder sonst vom Standpunkte der Pharmazie aus wichtiger Pflanzenteile oder Pro- dukte verwertet.« Wiesnei-, Rohstoffe. I. Band. 3. Aufl. 2 18 Einleitung. tung und es werden zudem die letzteren durch industrielle Auswertung der in ihnen enthaltenen wirksamen chemischen Individuen — man er- innere sich beispielsweise an die fabrikmäßige Darstellung des Chinins aus den Chinarinden, der Opiumalkaloide aus dem Opium — vielfach in technisch wichtige umgewandelt. Schon jetzt kann man das riesige Emporblühen der technischen Rohstofflehre gegenüber ihrer älteren Schwester, der Pharmakognosie, erkennen oder doch voraussehen. Ich gehe nun daran, einige einleitende Bemerkungen über die Pflanzen und Pflanzenteile, welche uns Rohstoffe für die Gewerbe liefern, dem speziellen Teile dieses Buches vorauszuschicken. Man erwarte an dieser Stelle keine systematische Übersicht über das Gewächsreich, über die geographische Verbreitung und über die morphologischen Verhältnisse der Pflanzen. Die Elemente der Systematik, Pflanzengeographie und Mor- phologie der Pflanzen müssen wohl bei dem Leser dieses Werkes vor- ausgesetzt werden. Sollte er indes diese Kenntnisse nicht besitzen, so wird er sich wohl durch die vorhandenen literarischen Hilfsmittel der Botanik in den Stand setzen können, solche zu erwerben. Die hier folgenden Mitteilungen haben bloß den Zweck, einige allgemeine Gesichts- punkte über die Verbreitung der technischen Nutzpflanzen, über die natürlichen Pflanzen familien, denen letztere angehören i), und über die in der Natur der Pflanze und ihrer Teile (Organe, Gewebe, Zellen und Zellinhaltsstoffe^j) gelegene Verwendung für unsere Bedürfnisse zu ge- währen. Genauere Orientierungen hierüber werde ich in jedem der fol- genden Kapitel den Abhandlungen über die Rohstofle voranschicken. Der Verallgemeinerung wert erscheint zunächst die lange Reihe von Wahrnehmungen über den Zusammenhang zwischen der Hervorbringung bestimmter Rohstoffe und dem botanischen Charakter der dieselben lie- fernden Stammpflanzen. Bekannt ist es, daß nur bestimmten Pflanzen- familien baumartige Gewächse angehören und mithin nur Pflanzen dieser 1) In Bezug auf diese Gegenstände verweise icli namentlich auf das große, von Engler und Prantl ins Leben gerufene Werk: >Die natürlichen Pflanzenfamilien«. Leipzig, Engelmann. 1887 — \9Ü9. Auch Luersens »Handbuch der systematischen Botanik«. Leipzig. Bd. I (1879), Bd. II (1882), viel kürzer als die »Pflanzenfamilien« gefaßt, leistet noch gute Dienste. Doch wird man bei eingehenden Studien vielfach auf Originalabhandlungen zurückgreifen müssen. 2) Über die organographischcn Verhältnisse s. die beiden eben genannten Werke; speziell über die anatomischen Verhältnisse s.: de Bary, Vergleichende Anatomie der Vegetafionsorgane. Leipzig 1877, van Tieghem, Traite de botanique. Paris 1884. T sc hirch, Angewandte Pflanzcnanalomie. Bd. I. Wien 1889. G. Haber- landt, Physiologische Pflanzenanatomie. 4. Aufl. Leipzig 1909. Strasburger, Das botanische Praktikum. Jena. 3. Aufl. 1897, 5. Aufl. 1913. Wiesner, Anatomie und Physiologie der Pflanzen. 5. Aufl. Wien 1906. Einleitung. 19 Familien Holz liefern. Ebenso bekannt ist es, daß die Harz liefernden Gewächse nur wenigen natürlichen Familien angehören, von denen die Papüionaceen^ Amyrideen, Eupkorbiaceen^ Dipterocarpeen, Umbelliferen und Coniferen die wichtigsten sind. Derselbe Nachweis läßt sich fast für alle Rohstoffgruppen führen und findet teils in einer gewissen Über- einstimmung im chemischen Charakter, teils in der anatomischen Ähn- lichkeit botanisch ähnlicher Pllanzenformen seine genügende Erklärung. Wir sehen, wie der Kautschuk, die Guttapercha, die bassorinreichen, zerasinreichen, arabinreichen Gummiarten und viele andere Rohstoffe sich nur auf verhältnismäßig wenige, im großen ganzen betrachtet, entweder systematisch sich ziemlich nahestehende oder nur wenigen systematischen Kreisen angehürige Stammpflanzen zurückführen lassen, und selbst die Gespinstpflanzen, welche im großen Maßstabe brauchbare Fasern liefern, sich eigentlich auf verhältnismäßig wenige Familien verteilen. Gewisse Pflanzenstoffe weisen allerdings eine außerordentlich große Verbreitung im Pflanzenreiche auf, wie die Stärke, die Fette; und die Möglichkeit, selbe aus den zahlreichen und höchst verschiedenen Pflanzen darzu- stellen, ist allerdings vorhanden; nichtsdestoweniger hat die Erfahrung doch gelehrt, daß sich nur verhältnismäßig wenige darunter zur prak- tischen Ausnutzung eignen, und wieder zeigt sich die Erscheinung, daß es die Pflanzen bestimmter Familien sind, denen diese Eignung zukommt. Wenn wir einen Blick auf die anatomische Zusammensetzung der Pflanzen werfen und von den so überaus einfach gebauten Pilzen, Flechten und Algen absehen, so tritt uns bekanntlich die Tatsache ent- gegen, daß alle Organe dieser Pflanzen eine große Übereinstimmung im histologischen Bau erkennen lassen. Wir sehen, daß jedes ihrer Organe ein Hautgewebe besitzt, welches die Blätter stets, die Stengel und Wurzeln nur so lange, als sie in die Länge wachsen, als Oberhaut um- gibt, in späteren Entwicklungsstadien aber als Periderm (Korkgewebe, Borke usw.) ausgebildet ist; daß ferner ein meist parenchymatisches Grundgewebe vorhanden ist, in welchem die vorwiegend aus fibrösen Elementen zusammengesetzten Gefäßbündel (Fibrovasalstränge) einge- bettet sind. Obgleich sich die Oberhaut, welches Gewebe gewöhnlich nur aus einer einschichtigen Zellenlage besteht, von vielen Pflanzenteilen gut ab- lösen läßt, so hat sie fast keinerlei Benutzung gefunden. Die geringe Festigkeit infolge ihrer oft außerordentlichen Dünnheit ist wohl die Ur- sache, daß sie nicht zu gewissen mechanischen Zwecken benutzt werden kann, und die Geringfügigkeit ihrer Masse bringt es mit sich, daß man nicht versuchte, ihre Substanz auszunutzen, wozu indes ihr sehr ein- förmiger chemischer Charakter auch wenig Gelegenheit gegeben hätte. Die Verwendung der Oberhaut beschränkt sich fast nur darauf, daß 20 Einleitung. manche Stengel oder Blätter mit sehr scharfer, kieselsäurereicher Ober- haut zum Polieren und zum Scheuern verschiedener Metallgeräte Ver- wendung finden, so bei uns die Stengel von Equisetmn arvense L. und E. hiemale L. (»Polierheu«, »Scheuerkraut«), auf Ceylon die Blätter von Delima sannentosa L., in Japan die Blätter von Deutxia scahra Thunb. und Prunus aspera Thunb., in Cochinchina die Blätter von Ficus iwU- toria Lour. Die Oberhaut der zu solchen Zwecken verwendeten Pflan- zenteile muß sich durch besondere Härte auszeichnen i). — Daß gleich dem Parenchym mancher zum Färben benutzter Blumenblätter häufig auch deren Oberhaut Farbstoffe führt und so Material für die Farbstoff- gewinnung abgibt, ist kaum der Erwähnung wert. Von anderen Haut- geweben wäre nur anzuführen, daß das Periderm von einigen wenigen baumartigen Gewächsen in seiner Ausbildung als Kork technisch ver- wendet wird. Auch jene zumeist kompliziert gebauten Formen des Peri- derms, die man im gewöhnlichen Leben als Borke bezeichnet, finden keine nennenswerte praktische Verwendung. Vielen Rinden, welche medi- zinisch oder technisch verwendet werden, z. B. der Eichenspiegelrinde, haftet allerdings außen Periderm an; allein es bildet nur ein wertloses Adhäsionsprodukt, welches an den anderen Rindenbestandteilen haften blieb, weil es sich eben nicht leicht entfernen ließ, und seine Anwesen- heit die Verwendbarkeit der Rinde nicht herabsetzt. Das Grundgewebe der Pflanzen wird nur in seltenen Fällen zu mechanischen Arbeiten verwendet, wenn es nämlich ganz und gar einen sklerenchymatischen Charakter an sich trägt oder überhaupt aus dick- wandigen Zellen besteht und zudem eine voluminöse dichte Masse bildet. So verwendet man das dichte Sameneiweiß (Keimnährgewebe) von PMjte- lephas [Elephantusia) macrocarpa Ruix et Pav. als vegetabilisches Elfen- bein, das Sameneiweiß mehrerer Palmen unter den verschiedensten Namen zu Dreharbeiten aller Art. Auch die vorwiegend aus sklerenchymatischem Grundgewebe bestehenden Steinschalen vieler Früchte und Samen finden eine ähnliche Verwendung. Parenchymatisches Grundgewebe findet nur in seltenen Fällen eine Benutzung, z. B. das Mark einiger Agaven als Er- satzmittel für Kork, das Mark der Äralia papyiifera zur Erzeugung von einer bestimmten Sorte chinesischen Papiers. Das Grundgewebe 1) Auf meine Veranlassung hat Frl. Dr. Emma Ott im Wiener pflanzen- physiologischen Institut eine Untersuchung über die Härte vegetabilischer Gewebe angestellt und gefunden, daß die Oberhaut der Blätter von Deutxia scahra in der Härte dem Kalzit gleichkommt, desgleichen die Oberhaut von Equisetum litorale, aber die Oberhäute von E. hiemale und Telmateja in der Härte sogar an den Fluß- spat heranreichen. Hingegen haben die Oberhäute von E. arvense, palustre und limo- sum bloß die Härte des Kupfervitriols, sind also nicht so hart wie die Oberhaut von E. litorale. (E. Ott, Österr. bot. Zeitg. 1900.) Einleitung. '21 der Pflanzenorgane ist aber durch einen sehr mannigfaltigen chemischen Charakter ausgezeichnet, und fast alle die zahlreichen Pflanzenstoffe, -welche uns die Chemie kennen lehrte, haben dort ihren Sitz. Hier finden sich die vegetabilischen Feite, die ätherischen Öle, Stärke, Zucker, die meisten Farbstoffe usw. aufgespeichert. Das Grundgewebe der Pflanzen- organe, also das Mark der Stämme, das Fleisch der Früchte und Wur- zeln, das markige oder saftige Gewebe der Blätter, das Parenchymge- webe der Samen usw., wird vorwiegend chemisch ausgenutzt. Gerade umgekehrt verhält sich das Gefäßbündelgewebe, welches nur in sel- tenen Fällen chemisch benutzbar ist und in der Regel nur zu mecha- nischen Zwecken dient. Wohl haben die Farbstoffe der Farbhülzer vor- wiegend in der Wand der Ilolzzellen und der histologischen Elemente des Holzkürpers überhaupt ihren Sitz, es dient hier also das Holz zur Gewinnung von Farbstoffen. Es sind dies aber nur Ausnahmen, denen sich nur wenige ähnliche Fälle anreihen lassen; denn die Farbstoffe, Gerbstoffe und andere Substanzen, die wir aus Rinden und selbst aus deren Gefäßbündelanteilen (Phloem) darstellen, kommen hier nicht in Betracht, indem alle diese nutzbaren Stoff'e in der Regel nicht in den Zellhäuten, sondern im Zellinhalte der parenchymatischen Anteile dieser Gewebe und Gewebsgruppen auftreten. Der Bastteil vieler dikotyler Ge- wächse dient teils als solcher als Flecht- und Bindematerial oder zur Herstellung von Matten, teils durch Zerlegung in mehr oder minder feine Fasern als Gespinststoff. Der Holzteil dikotyler Bäume und Sträucher liefert das Holz, welches ja bekanntlich vorwiegend zu mechanischen Zwecken, in neuester Zeit im großartigsten Maßstabe in der Papierfabri- kation (entweder als »Holzschliff« oder als »Holzzellulose«) verwendet wird. Das ganze Gefäßbündel der Blätter oder Stengel vieler mono- kotyler Pflanzen liefert ebenfalls mannigfaltig benutzte Fasern, die sich aber im allgemeinen mehr zu Seilerarbeiten als zur Herstellung von Ge- spinsten und Geweben eignen. Sehr bemerkenswert bleibt es, daß unter den zahlreichen, häufig in großer Menge und genügender Länge zu er- haltenden Pflanzenhaaren, welche vom histologischen Standpunkt aus betrachtet der Oberhaut zuzuzählen sind, nur ein einziges Rohmaterial existiert, welches allen jenen Anforderungen entspricht, die man an eine Gespinstfaser stellt, nämlich die Baumwolle, welche bekanntlich an Wich- tigkeit alle anderen Spinnstoffe, die uns das Pflanzen- und Tierreich lie- fert, übertrifft. Die Samenhaare mancher Asclepiadeen und Apocyneen haben als »Fasern« allerdings einige Bedeutung erlangt; es gebricht ihnen aber an der nötigen Festigkeit, um gleich der Baumwolle als genügend brauchbarer Gespinststoff benutzt werden zu können. Die zahlreichen Samenhaare anderer Pflanzen haben sich als fast gänzlich wertlos für die Textilindustrie erwiesen; hingegen haben einzelne Produkte, insbe- 22 Einleitung. sondere der Kapok (die samenumhüllenden Fruchthaare von Eriodendron anfractuosum) als Füllmittel für Schwimm- und Rettungsgürtel, als Pflanzen- dunen usw., in neuester Zeit eine nicht unerhebliche technische Bedeutung erlangt. Daß das eine histologische Moment, der faserige Bau, noch nicht ausreicht, damit ein Gewebe oder Gewebsanteil als »Faser« verwendet werden kann, obgleich dies eben eine wesentliche Bedingung hierfür ist, und mithin nicht alle Pflanzenhaare und alle Baste dikotyler, alle Ge- fäßbündel monokotyler Gewächse zur Fasergewinnung verwendet werden können, sondern daß hierfür noch eine Reihe anderer Bedingungen er- füllt werden muß, wird in dem den Pflanzenfasern gewidmeten Kapitel eingehend dargelegt werden. Die Ausnutzung des Parenchyms behufs Gewinnung der darin ent- haltenen Stoffe erfolgt in eben so mannigfaltiger Weise, als die Substanzen, welche darin vorkommen, verschiedenartig sind. Die roheste Art der Ausnutzung ist die, daß man die parenchymreichen, bestimmte chemische Individuen enthaltenden Pflanzenorgane direkt verwendet, wie die Gerber- rinden und zum Teil auch die Querzitronrinde. Doch bereitet man auch schon aus ersteren Extrakte, in denen der wirksame Bestandteil, hier der Gerbstoff, in einem w^eit konzentrierteren Zustande als im Rohstoff selbst vorkommt. Die Querzitronrinde wird jetzt schon sehr häufig ex- trahiert, und erst das so erhaltene Fabrikat kommt zum Färben in An- wendung. — Viele Rohstoffe des Pflanzenreiches werden, obschon die benutzten Bestandteile bereits fertig gebildet in ihnen vorkommen, aus- nahmslos extrahiert, um die in ihnen enthaltenen Stoffe gewerblich ver- wenden zu können, so die Blätter des Gambirstrauchs, das Holz der Acacia Catechu usw. Die meisten der im Parenchym aufgespeicherten nutzbaren Pflanzenstoffe lassen sich durch Extrahieren mittelst Wassers ge- winnen. Es sei hier an das Knoppernextrakt erinnert, welches gleich den verschiedenen Gerberrinden-Extrakten in der Lederfabrikation ver- wendet wird. Die Natur der Harze, welche in Geweben eingeschlossen sind, und die Natur und das Vorkommen der Fette in den Pflanzenzellen bringen es mit sich, daß das Ausziehen mit Wasser hier nicht zum Ziele führt. Von ersteren wird z. B. das Birkenharz durch Extrahieren mittelst Weingeistes gewonnen. Letztere werden in der Regel nur durch Auspressen oder durch Ausschmelzen mit Zuhilfenahme von heißem Wasser zu erhalten sein. Da die bei gewöhnlicher Temperatur flüssigen Fette (Öle) nur im Zellinhalte vorkommen und hier entweder eine die Zelle erfüllende, zu- sammenhängende Flüssigkeitsmasse bilden (ölhaltige Samen) oder im wässerigen Zellsaft in Form von Tropfen verteilt sind 01ive\ welche Zellinhaltsmassen durch die Zellwände nicht hindurchgetrieben werden können, so ist leicht einzusehen, daß die Gewinnung von Ölen aus Pflanzen- teilen eine desto ergiebigere sein wird, je vollständiger die Zertrümmerung Einleitung. 23 der Gewebe, sei es durch vorhergegangene mechanische Zerkleinerung, sei es durch späteres Pressen erfolgt. Die ältere Methode der Zer- kleinerung fetthaltiger Pflanzenteile behufs Ölgewinnung durch Stampfen (Stampf- oder Schlagwerk) ist in neuerer Zeit durch die Anwendung von Quetschwalzen (auf Walzwerken) verdrängt worden. Auf dem Walzwerk werden die Ülsamen, wie der terminus technicus sehr bezeichnend lautet, »geöffnet«. Das Walzwerk zertrümmert nicht nur viel vollständiger als die Stampfe die Ölsamen, es gestattet auch, sehr kleine Samen, welche durch das alte Schlagwerk nur sehr unvollständig bezwungen werden konnten, zu »öffnen«. Talgartige Pflanzenfette können nur dann durch Pressung erhalten werden, wenn dieser Prozeß bei einer Temperatur vorgenommen wird, bei welcher dieselben flüssig sind^). Daß man die Fette auch durch Extraktion mittelst ihrer Lösungsmittel gewinnen kann, leuchtet wohl sehr ein, und es wird von dieser Gewinnungsmethode immer mehr und mehr Gebrauch gemacht. Wie zur Ausziehung von Pflanzenfetten wird auch für die fabrikmäßige Gewinnung der Pflanzenfette durch Extraktion vorzugsweise Schwefelkohlenstoff, in neuester Zeit auch Äther (mit einem Verlust von bloß \ Proz. bei der Rückgewinnung des Lösungsmittels) benutzt. ■ — ■ Die Eigenschaften der ätherischen Öle und ihr Vorkommen in den Geweben der Pflanzen er- lauben eine größere Mannigfaltigkeit der Gewinnungsweisen. Wenn sie reichlich in sehr wasserreichen Geweben, wie z. B. in manchen saf- tigen Früchten vorkommen, so können sie durch mechanische Abson- derung erhalten werden. Fast in allen Fällen führt die Extraktion mittelst passender Lösungsmittel oder die Destillation der betreffenden Pflanzenteile mit oder ohne Zuhilfenahme von Wasser zum Ziele 2). — Von allen im Parenchym der Pflanzen vorkommenden nutzbaren Stoffen ist es bloß die Stärke, welche sich durch einfaches Ausschwemmen aus den möglichst zerkleinerten Pflanzenteilen gewinnen läßt. Die relativ \) Wenn es sich nicht um Herstellung feinerer Öle, z. B. Speiseöle, sondern um Gewinnung von Brenn- und Maschinenölen handelt, so wird zur Erzielung großer Ausbeuten auch bei Samen, welche bei gewöhnlicher Temperatur flüssige Öle ent- halten, eine warme Pressung vorgenommen. Mit der größeren Ausbeute ist aber eine geringere Qualtiät des Öls verbunden, da dasselbe bei erhöhter Temperatur ver- schiedene Substanzen auflöst, welche das Öl trüben, ihm einen unangenehm kratzen- den Geschmack verleihen und ein solches Produkt als Speiseöl ungeeignet erscheinen lassen. S. hierüber die einschlägigen technologischen Werke. 2) Im speziellen Teile (Abschnitt Blüten) wird auf jene Ausnahmefälle hin- gewiesen werden, in welchen es weder durch Destillation noch durch Extraktion ge- lingt, gewisse ätherische Öle, z. B. die der Blüten von Veilchen und Tuberosen, praktisch zu gewinnen und ein besonderes Verfahren (Enfleurage) in Anwendung gebracht werden nmß , um dieser flüchtigen Stoffe in einer für die Parfümerie passenden Form habhaft zu werden. 24 ■ Einleitung. große Dichte der Slärkekürnchen gegenüber den anderen in den Paren- chymzellen der stärkereichen Pflanzenteile gleichzeitig vorkommenden festen Bestandteile macht es möglich, diesen Körper durch Ausschwemmen und Absetzenlassen beziehungsweise durch Zentrifugieren von den übrigen Gewebsteilen in wünschenswerter Weise zu trennen. Bei der Darstellung der Stärke aus Knollen (Kartofl'eln, Manihotknollen, Bataten usw.), Früchten (Bananen), aus dem Marke der Stämme (Sagopalme) erhält man auf diese höchst einfache Weise ein sehr reines Produkt; nicht so aus stärkereichen Samen, welche im Parenchymgewebe neben Stärke noch viel Kleber führen, dessen Dichte von jener der Stärke nicht sehr be- trächtlich abweicht. Die Mittel, welche angewendet werden müssen, um die Stärke kleberfrei zu erhalten, bestehen teils in einer Zerstörung des Klebers, teils in einer eigentümlichen Darstellungsweise, die es mit sich bringt, daß bloß die Stärke in die ausschwemmend wirkende Flüssig- keit hineingeraten kann. In dem der Stärke gewidmeten Kapitel wird hierüber eingehend abgehandelt werden. Die gummi- und harzhaltigen Flüssigkeiten und die Milchsäfte treten fast ausnahmslos freiwillig aus den Stammpflanzen hervor; häufig aber nur in sehr kleinen Mengen, so daß die Einsammlung der so entstehenden Rohstoffe sich nicht rentieren würde. Durch Anschnitt der betreffenden Pflanzenteile treten alle diese Flüssigkeiten in reichlicherer Menge her- vor. Der Anschnitt muß in die, jene Flüssigkeiten produzierenden Ge- webe hineinreichen, entweder in die äußere oder innere Rinde, manch- mal sogar bis in den Holzkörper; aber auch die Schnitlrichtung ist nicht gleichgültig. Immer ist es am rationellsten, die betreffenden Ge- webe senkrecht zu durchschneiden; in welcher Richtung nun der be- treffende Pflanzenteil zu durchschneiden ist, ist von vornherein nicht stets klar, hängt vielmehr von der Anordnung der Harz, Milchsaft usw. führenden Gewebe ab. So liefert z. B. die junge Mohnkapsel die grüßte Menge von Milchsaft , also auch von Opium , wenn sie durch Quer- schnitte verletzt wird. Sehr merkwürdig verhalten sich manche harz- oder balsamliefernde Pflanzen (z. B. Storax), daß ihre harzigen Produkte erst nach erfolgter Verletzung bestimmter Pflanzenteile gebildet werden, indem erst durch den hierdurch bedingten mechanischen Angriff in pathologisch modifi- zierten Geweben die betreffenden harzigen Bestandteile entstehen. Manche chemische Individuen sind in den Geweben der Pflanzen so außerordentlich verbreitet, daß man sie in den sogenannten struk- turlosen Pflanzenstoffen nicht selten , in den strukturbesitzenden fast immer findet. Es dürfte nicht überflüssig sein, diese Körper hier an- zuführen. Der Zellstoff (Zellulose) setzt, allerdings nicht ausschließlich, auch nicht gerade immer vorwiegend die Membran der Zelle zusammen, Einleitung. 25 fehlt aber in den Geweben der Phanerogamen nie und ist, allerdings in verschiedenen Modifikationen, der wesentliche Bestandteil jeder vegeta- bilischen Zellmembran, selbst jener der Pilzzellen. Nicht nur im Holze — wo er mit der noch so rätselhaften Holzsubstanz gemengt vor- kommt — und in den Fasern, auch in Blättern, Blüten, Früchten, Samen, Wurzeln, Rhizomen, und zwar in allen ihren Geweben läßt sich stets die Gegenwart von Zellulose erweisen, freilich tritt sie manchmal nur in geringer Menge auf. Aber selbst in Gummiarten und Harzen, namentlich in solchen, welche durch chemische Metamorphose aus ganzen Geweben hervorgegangen sind , läßt sich nicht selten die Gegenwart dieses Körpers konstatieren. Der Holzstoff (Holzsubstanz, Lignin) hat eine außerordentliche Verbreitung im Pflanzenreiche. Ich habe durch Anwendung von schwefelsaurem Anilin, durch welches Reagens verholzte, d. i. Holzsubstanz enthaltende Pflanzengewebe gelb gefärbt werden, seine Gegenwart auch in vielen Bastzellen (z. B. in der Jutefaser), sehr häufig im Parenchym, in manchen Haaren (z. B. in der vegetabilischen Seide), zuerst nachgewiesen und später in der Anwendung von Phlorogluzin + Salzsäure, welche die verholzte Zellmembran violett färben, ein noch viel verläßlicheres Mittel zur Nachweisung der »Verholzung« der vege- tabiUschen Zellhaut gefunden, welches heute in der Pflanzenanatomie und in der Papieruntersuchung in allgemeiner Anwendung steht i). Für die Charakterisierung der Pflanzenfasern und zahlreicher vegetabilischer Rohstoffe ist der Nachweis der Verholzung oder die Konstatierung des nichtverholzten Zustandes der pflanzlichen Zellhäute von großer Wichtig- keit. Eingehende Beobachtungen haben mir die Überzeugung verschafft, daß die Holzsubstanz zu den verbreitetsten Pflanzenstoffen gehört und von manchen Wassergewächsen abgesehen in den Gefäßbündeln und übrigens auch in anderen Gewebsbestandteilen aller Gefäßpflanzen vorkommt 2). Wie bekannt ist die Stärke ebenfalls außerordentlich im Pflanzen- reiche verbreitet, und fast jede grüne Pflanze enthält in dem einen oder dem anderen ihrer Teile, stets oder zu gewissen Zeiten Amylum. Die große Konstanz, welche sich in der Morphologie der Stärkekörnchen -1) Die von mir in die Pflanzenanatomie eingeführten, zur Nachweisung der Ver- holzung dienenden oben genannten Reagentien lieferten die ersten positiven Re- aktionen auf die Verholzung. Vorher hat man die Verholzung nur negativ und nur sehr unvollkommen durch Ausbleiben der Zellulosereaktion nach Anwendung von Chlorzinkjod und Eintreten derselben nach Vorbehandlung mit chlorsaurem Kali und Salpetersäure nachgewiesen. 2) Den Pilzen, Algen und Flechten, also allen Thallophyten fehlt die Holz- substanz. Es ist aber in meinem Laboratorium von Gjokic (Österr. bot. Zeitung, 1895) auch gezeigt worden, daß die Holzsubstanz den Moosen fehlt. In den Gefäß- bündeln der Gefäßkryptogamen (Pteridophyten) scheint sie aber regelmäßig vor- zukommen. 26 Einleitung. bestimmter Pflanzen und Pflanzenteile zeigt, kann, wie der spezielle Teil dieses Buches lehren wird, sehr häufig in der Charakteristik von Pflanzenteilen, z. B. von Rinden, ja selbst Fasern usw. benutzt werden. In jugendlichen Geweben fehlen Zucker und Dextrin nie. In den Roh- stoffen des Pflanzenreiches kommen sie außerordentlich häufig, wenn auch manchmal nur in kleiner Menge vor; und zwar nicht nur in Rohstoffen mit zelligem Bau, auch in strukturlosen PflanzenstofTen, z. B. in manchen natürlichen Gummiarten. — Eine fast nicht minder große Verbreitung im Pflanzenreiche weisen die Gerbstoffe auf, und "nicht nur in jugendlichen, sondern auch in alternden Geweben hat man ihre Gegenwart nachgewiesen. Die GerbstolTe bilden allerdings keine einheit- liche chemische Gruppe, wie etwa die Fette, welche sich durchaus als Glyzeride zu erkennen geben. Gerbstoff ist vielmehr ein empirischer, aber praktisch wertvoller Begriff, indem man alle jene Substanzen, welche die Haut in Leder verwandeln oder durch Leimlüsung gefällt werden, als Gerbstoffe vereinigt. Diese Körper haben ferner die Eigen- schaft, durch Eisenchlorid blau eisenbläuender oder grün feisengrünender Gerbstoff) gefärbt zu werden. Es scheint, als würden sich hinter dem, was man bei histochemischen Nachweisen als eisengrünenden oder als eisenbläuenden Gerbstoff bezeichnet, und was man in allen Arten von Geweben, in Oberhaut, Parenchym, Sklerenchym, Kambium, selbst im Periderm- und Holzgewebe usw. aufgefunden hat, — häufig Ouerzetin, Querzitrin, Querzetinsäure und noch andere Körper verbergen. Die außerordentliche Verbreitung der Gerbstoffe im Pflanzenreiche erklärt uns nicht nur die große Zahl von Gerbmaterialien, sondern auch die große morphologische Verschiedenartigkeit derselben. Denn nicht nur Blätter, Rinden, Gallen und Wurzeln, sogar Holz und manche Früchte können zum Gerben verwendet werden; ja selbst gewisse Blüten (Gewürznelken) hat man in früherer Zeit ihres hohen Gerbstoffgehaltes wegen zum Schwarzfärben verwendet. Die ungemein große Verbreitung des Chlorophylls fChlorophyll- farbstoff) im Pflanzenreiche soll hier nicht unerwähnt bleiben. Viele Rohstoffe, welche junge Stengel oder Blätter repräsentieren, enthalten Chlorophyll. Aber auch in manche abgeleitete Rohstofte geht dasselbe über, z. B. in manche Öle. Die grünen Olivenöle gehören zu den besten Sorten dieses Produktes. Sie enthalten Chlorophyll, welches sich darin durch die rote Fluoreszenz und spektroskopisch nachweisen läßt. Diese grüne Farbe wird manchmal geringen Olivenölen durch chemische Proze- duren verliehen, um ihnen das Aussehen echter, wertvoller, grüner Oliven- öle zu verleihen, eine Verfälschung, welche sich durch das Ausbleiben der Fluoreszenzprobe und durch die Abwesenheit des spezifischen Chlorophyllspektrums nachweisen läßt. Einleitung. 27 Zu den allerverbreitetsten chemischen Individuen, welche im Pflanzen- körper vorkommen, gehören die Eiweißstoffe. Jede Pflanzenzelle führt Eiweiß zum mindesten in ihrem Protoplasma, und Protoplasma- reste finden sich selbst in abgestorbenen Pflanzenzelffen außerordentlich häufig vor. Aber auch in den Zellsäften sind Eiweißkörper häufig auf- gelöst enthalten. Als Aleuron findet sich das Eiweiß in Form von Körnchen bestimmter Größe und Gestalt (Aleuronkörner, Proteinkörner) in allen Samen, reichlich in allen fetthaltigen Samen vor. Manche Ei- weißkörper (z. B. das Vitellin) treten in manchen Pflanzengeweben, häufig in Aleuronkörnern, in Form von Kristallen auf. Alle Eiweiß- körper geben bestimmte Reaktionen, durch die man ihre Gegenwart auch mikrochemisch nachweisen kann^). — Auch die den Eiweißkörpern nahe stehenden ungeformten Fermente (Enzyme) finden sich in vielen Roh- stoffen vor, vor allem in Samen, aber auch in manchen anderen wurden sie in neuester Zeit aufgefunden, z. B. in allen Gummiarten, in vielen, vielleicht allen Gummiharzen. Es ist im hohen Grade wahrscheinlich, daß diese Enzyme mit der Entstehung der Gummiarten und der Genesis der Gummiharze im Zusammenhange stehen. Die Enzyme verleihen den betreffenden Rohstoffen Eigenschaften, welche zur Charakterislik derselben häufig mit Vorteil herangezogen werden können. Zu weitverbreiteten Pflanzenstoffen zählen ferner Fette, ätherische Öle, Harze und Farbstoffe. In jenen Rohstoffen, aus welchen diese Körper im großen dargestellt werden, treten diese Substanzen massen- haft auf, aber sie finden sich außerordentlich häufig auch in solchen Rohstoffen, welche ganz anderen Zwecken dienen, entweder als für die technischen Eigenschaften des betreffenden Rohstoffes ganz indifferente Begleitstoffe oder als Körper, welche bestimmte technische Eigenschaften des Rohstoffes bedingen. So sind, um nur ein bezeichnendes Beispiel zu erwähnen, die Zellhäule des Korkes mit einem talgartigen Fett durch und durch imprägniert, wodurch sich die Undurchdringlichkeit dieses Körpers für Wasser und manche andere Flüssigkeiten erklärt. In manchen Fällen lassen sich diese Begleitstoffe in der Charakteristik der betreffenden Rohstoffe mit Vorteil verwenden. Endlich sei noch des Oxalsäuren Kalkes als häufigen Pflanzen- bestandteils hier gedacht. Derselbe tritt nicht nur ungemein häufig in den Pflanzengeweben und in den vegetabilischen Rohstoffen auf; er nimmt in den verschiedenen Pflanzenarten und deren Geweben häufig eine bestimmte Kristallgestalt an, so daß diese Substanz dann für die Charakteristik der betreffenden Rohmaterialien (Rinden, Holzarten, Fasern usw. vgl. oben p. 15) einen diagnostischen Wert besitzt, ■1) Über die Eiweißreaküon und deren Verläßlichkeit s. Wiesner, Anatomie und Physiologie der Pflanzen. 5. Aufl. Wien, Holder, 1906, p. ii und 224. 28 Einleitung. Unsere heutigen Kenntnisse über die Chemie der Pflanzengewebe deuten darauf hin, daß die chemische Zusammensetzung der letzteren weit komplizierter ist, als aus den gewöhnlichen Massenanalysen der Pflanzenteile hervorzugehen scheint. Die vegetabilischen RohstofTe, be- sonders die strukturbesitzenden, dürften deshalb von einer großen Zahl chemischer Individuen zusammengesetzt sein, wie auch alle sorgfälligen chemischen Untersuchungen von Pflanzenstoffen vermuten lassen, welche scheinbar nur aus wenig Gemengteilen bestehen. So enthält jedes kleinste Fragment einer, verholzten Zellmembran neben Zellulose noch Vanillin, Koniferin, zwei oder mehrere Gummiarten, ferner einen bisher noch nicht näher definierten Körper, welcher sich durch Salzsäure gelb färbt, stickstoffhaltige Substanzen, darunter auch Eiweiß, und nach den Eigenschaften jenes Stoff komplexes, den man als »Lignin« zusammen- faßt, gewiß noch andere organische Körper, endlich Mineralbestandteile, darunter, wie die Analysen des Holzes lehren, stets Sulfate, Phosphate, Chloride von Kalium, Kalzium, Magnesium und Eisen. Es sollen nun die im Buche befolgte Anordnung des Stoffes und die Beweggründe, welche mich bei der Abgrenzung des abgehandelten Mate- riales leiteten, im kurzen dargelegt werden. Für die Anordnung des Stoffes standen mir, wollte ich denselben in übersichtliche Gruppen zusammenstellen und nicht eine rein künst- liche, etwa alphabetische Übersicht derselben geben, von vornherein zwei Wege offen; ich hatte nämlich die Wahl zwischen dem technolo- gischen und naturhistorischen Einteilungsprinzip. Nach dem ersteren Prinzip wären die Rohstoffe gleicher Verwendung, nach dem letzteren die ihren naturgeschichtlichen Eigenschaften nach gleichen oder ver- wandten Körper in besondere Gruppen zusammenzufassen. Der erstere Weg hätte gewiß mancherlei Vorteile dargeboten und wäre es dem Technologen vielleicht recht erwünscht gewesen, alle Farbwaren oder Gerbmaterialien, welche uns das Pflanzenreich liefert, im Zusammenhange abgehandelt zu sehen; allein abgesehen von den vielen Unzukömmlich- keiten, welche bei Befolgung dieses Prinzips dadurch entstanden wären, daß sehr zahlreiche Rohstoffe mehreren Gruppen einzuverleiben gewesen wären, schien mir die Anordnung des Stoffes nach dessen natürlichen Merkmalen aus mehrfachen wichtigen Gründen den Vorzug zu verdienen. Es konnten auf diese Weise Rohstoffgruppen gestaltet werden, deren Bestandteile nicht nur eine große Zahl von natürlichen Eigenschaften gemeinschaftlich besitzen, sondern sich auch nach gleichartigen Methoden charakterisieren lassen. Durch die Wahl dieses Weges war es möglich, jeder dieser natürlichen Gruppen eine Einleitung voranzustellen, in welcher auf das Gemeinsame der chemischen, physikalischen und bota- Einleitung. 29 nischen Eigentümlichkeiten ihrer Bestandteile, auf deren Abstammung und Entstehung hingewiesen werden konnte. Es wurden so eine Reihe von Gesichtspunkten erüfTnet, welche nicht nur der Übersichtlichkeit der abgehandelten Rohstoffe, sondern auch der Verständlichkeit des Ganzen gewiß nur zu gute kommen. Ich habe in diesem Buche zuerst die strukturlosen Pflanzenstoffe, Gummi, Harze, Fette usw., und dann die strukturbesitzenden abge- handelt. Bei letzteren versuchte ich, soweit es anging, ohne der An- ordnung zu großen Zwang anzutun, mit den Rohstoffen, welchen der einfachste organische Bau zukommt, zu beginnen, und zu immer kom- plizierteren Formen vorwärts zu schreiten. Aus praktischen Gründen habe ich die Fasern den Rinden und dem Holze folgen lassen, weil zum Verständnis der Fasern der Bau der Rinden und mit Rücksicht auf den »Holzstoff« der Papierfabrikation der Bau des Holzes eine notwendige Voraussetzung bildet. So erscheint also das Einteilungsprinzip nicht mit voller Konsequenz durchgeführt. Ich betrachte dies aber als einen geringen Mangel, denn die Zweckmäßigkeit der Anordnung wird doch mehr in der Bildung als in der Reihenfolge der natürlichen Gruppen gelegen sein. Wie ich schon an einer anderen Stelle dieses Buches auseinander- setzte, so stellte ich mir in demselben im Vereine mit den Mitarbeitern nicht die Aufgabe, den gesamten, in aller Welt zu gewerblichen Zwecken benutzten Rohstoff des Pflanzenreichs abzuhandeln, sondern wir beschieden uns, den in der europäischen Industrie verwendeten möglichst vollständig zu bearbeiten, auf solche Rohstoffe, welche in der Folge voraussichtlich auch bei uns eine Rolle spielen dürften, je nach dem Einzelfall mit größerer oder geringerer Ausführlichkeit hinzuweisen, und von den übrigbleibenden nur Typen auszuwählen und diese etwas eingehender abzuhandeln. Im übrigen begnügten wir uns, die uns sonst bekannt gewordenen pflanz- lichen, in den Gewerben benutzten Rohstoffe systematisch aufzuzählen, ihre botanische und geographische Provenienz und ihre Verwendung mit Angabe der über sie abhandelnden Literatur kurz zu skizzieren. Jene Rohstoffe, welche nach kürzerem oder längerem Gebrauche aus dem Ver- kehre verschwunden sind, habe ich, mit wenigen Ausnahmen, welche zu berühren mir aus mehrfachen Gründen passend schien, weggelassen. Die Mehrzahl dieser, indes gegenwärtig meist gänzlich interesselosen Körper ergibt sich durch einen Vergleich dieses Buches mit Böhmers weiter unten zu nennendem, für seine Zeit höchst vollständigem Werke von selbst. Es schien mir auch notwendig, aus der überaus großen Zahl von tropischen und subtropischen Nutzpflanzen, welche in neuester Zeit in hastigem Vorwärtsdrängen für die Gewinnung von Faserstoffen und anderen Rohstoffen in Vorschlag gebracht wurden, nur dasjenige 30 Einleitung. namhaft zu machen, was möglicherweise später mit Erfolg Verwendung finden dürfte. fange von auf gewerblich benutzte Rohstoffe bezugnehmenden Kenntnissen liegen begreiflicherweise weit zurück, lassen sich aber bei dem noch viel- fach unvollkommenen Stande der Kulturgeschichte noch nicht genügend erkennen. Aber so viel ist gewiß, daß alle Völker der Erde, nachdem sie die primitivsten Stadien ihrer Entwicklung hinter sich hatten, bestrebt waren, verschiedene Produkte des Mineral-, Pflanzen- und Tierreiches, wie Steine, Holzarten, Pflanzen- und Tierfasern, Harze, Fette und andere von der Natur dargebotene Erzeugnisse des täglichen Gebrauches näher kennen und von anderen ähnlichen Objekten unterscheiden zu lernen. Rohe empirische Kenntnisse eigener und später auch fremder Gebrauchs- gegenstände zeigen sich schon im Aufkeimen der Kultur jedes Volkes. Die erste Entwicklung der Kenntnisse von den Rohstoffen zu ver- folgen ist eine wenig verlockende Aufgabe, da es sich nur darum handeln könnte, aus unserem sehr mangelhaften Wissen über die Geschichte der Rohstoffe dasjenige herauszulesen, was auf die Unterscheidung der Roh- materialen Bezug hat. Unser Interesse an der Entwicklung der Rohstofflehre hebt erst dort an, wo das Bestreben sich kundgibt, die Rohstoffe nach wissenschaft- lichen Grundsätzen zu betrachten und eine zusammenfassende Darstellung dieser Produkte anzustreben. Eine solche wissenschaftliche Bearbeitung und zusammenfassende Darstellung haben zuerst die medizinisch benutzten Rohprodukte der Naturreiche gefunden, sodaß die Rohstofflehre des Pflanzenreiches mit einer Lehre von den Arzneistoffen des Pflanzenreiches beginnt. Der erste Anfang einer Pharmakognosie des Pflanzenreiches fällt in das erste Drittel des sechzehnten Jahrhunderts. Den Anstoß zu einer Organisierung dieser Disziplin gab Venedig, welches im Mittelalter den Drogenmarkt beherrschte. Von Venedig ging der Gedanke aus, einen pharmakognostischen Lehrstuhl, »Lectura Simplicium« zu schaffen, also eine Lehrstelle, welche den Zweck hatte, in das Studium der medizinisch benutzten Rohstoffe der Naturreiche, namentlich des Pflanzenreiches, ein- zuführen. Die Republik Venedig bestimmte im Jahre 1533, daß dieser Lehrstuhl auf ihrer Universität in Padua errichtet werde, und berief auf denselben den Arzt Francesco Buonafede']. 1) Flückiger und Tschirch, I.e., p. 31. Buonafede, »primus Simplicium explicalor«, war nicht nur der erste Lehrer der Pharmakognosie oder, wenn man will, der Rohstoff lehre; er errichtete auch den ersten botanischen Garten, welcher auf seinen Antrag im Jahre 1 545 auf Beschluß des venezianischen Senates ins Leben gerufen wurde. Einleitung, 3X Die Pharmakognosie entwickelte sich weiter, blieb aber lange inner- halb ihrer natürlichen Grenzen und gab erst am Ende des achtzehnten Jahrhunderts den Anstoß zu einer allgemeinen Warenkunde, welche nicht nur die medizinisch, sondern auch die gewerblich benutzten Handels- produkte — vornehmlich Rohstoffe — in ihren Bereich zog. Aus dieser allgemeinen Warenkunde, in welcher die Pharmokognosie befruchtend auf die Lehre von den gewerblich benutzten Waren ein- wirkte, hat sich nach und nach die technische Rohstofflehre als selb- ständige Disziplin abgegliedert, wie, mit Bezug auf die technische Roh- stolTlehre des Pflanzenreiches, in den beiden folgenden Paragraphen näher auseinandergesetzt werden soll. Entwicklung der Rohstofflehre des Pflanzenreiches vom Ende des 18. Jahrhunderts an bis zum Anfang der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Als das Bedürfnis, die Rohstoffe vom wissenschaftlichen Standpunkte aus und selbstverständlich mit Rücksicht auf ihre praktische Anwendung näher kennen oder doch wenigstens genauer unterscheiden zu lernen, erwachte, genügte es, daß einzelne, mit naturgeschichtlichen Kenntnissen ausgerüstete Männer die gesamte Be- arbeitung aller praktisch verwerteten Rohstoffe, mochten sie dem Tier-, Pflanzen- oder Mineralreiche entstammt sein, in die Hand nahmen. Durch die Bemühungen dieser Gelehrten, deren Verdienst nicht verkannt werden sollte, wenn uns auch der Standpunkt, den sie einnahmen, heute gänzlich veraltet erscheinen muß, entstand die Naturgeschichte der Rohstoffe [histoire naturelle des drogues) oder, wie sie der deutsche Begründer dieses Gebietes nannte, die Warenkunde. Dieses Bedürfnis erwachte aber erst, als der Handel sich ausbreitete und Produkte der verschiedensten Art, aus den verschiedensten Ländern dem Gewerbe und überhaupt dem Gebrauche im größeren Maßstabe zu- führte. Als jene große Zahl von Waren, die man auch heute noch mit dem Ausdrucke der Kolonialprodukte belegt, in den Handel eintraten, sammelte man die verschiedenen Nachrichten über die Plerkunft dieser Körper, die Erfahrungen über ihre Benutzung, die Namen, welche sie in den verschiedenen Ländern führten usw.; und so entstand, indem man diese Daten mit den analogen, an bei uns längst benutzten Stoffen ge- sammelten Erfahrungen verschmolz, die Warenkunde. Am genauesten lernte man mit dem Fortschreiten auf diesem Gebiete, wie schon im vorhergegangenen Paragraphen näher auseinandergesetzt wurde, in allen diesen Beziehungen jene Handelskörper kennen, welche zu medizinischen Zwecken benutzt wurden; nicht so sehr deshalb, weil eine ungenügende Kenntnis derselben Verwechslungen zur Folge haben konnte, welche Leben und Gesundheit der Menschen hätten gefährden können, sondern vielmehr, weil sich mit diesen Stoffen Ärzte beschäftigten. 32 Einleitung. . welche damals gewiß viel genauere naturwissenschaftliche Kenntnisse be- saßen, als die Gewerbetreibenden, denen doch zum mindesten die em- pirische Ermittelung der Kennzeichen und Eigenschaften der technisch verwendeten Rohstoffe zufiel. Dieses Mißverhältnis im naturwissenschaft- lichen Bildungsgrade jener Personen, welche naturgemäß die ersten praktischen Kenntnisse der Rohstoffe zu schaffen berufen waren, erklärt uns die jedenfalls sehr merkwürdige Erscheinung, daß die übrigens, wie wir bereits gesehen haben, auf weit zurückreichende Studien basierte pharmazeutische Warenkunde sich rasch entwickelte und alsbald als Pharmakognosie eine tiefe wissenschaftliche Begründung erfuhr, während der sich mit den gewerblichen Rohstoffen beschäftigende Teil der Warenkunde, obgleich ausgedehnter und eine entschieden wichtigere Materie beherrschend, in unvergleichlicher Weise zurückblieb. Den ersten Versuch, auch das Gebiet der gewerblichen Waren gründlicher zu bearbeiten und durch Anwendung naturwissenschaftlicher Untersuchungsmethoden zum mindesten auf jene Höhe zu bringen, welche damals schon die pharmazeutische Warenkunde einnahm, unternahm Beckmann li, welcher zweifellos als der Begründer der gewerblichen Warenkunde anzusehen ist, wie es nunmehr festgestellt ist, daß er auch als Begründer der Technologie angesehen werden müsse 2). Alle von ihm herrührenden Abhandlungen über gewerblich benutzte Waren sind mit einer Gründlichkeit, mit einer so genauen Kenntnis der zu berücksich- tigenden Literatur abgefaßt, daß sie auch heute noch zu dem Besten zählen, was die technische Warenkunde aufzuweisen hat. Vor allem verdient hervorgehoben zu werden, daß Beckmann alle jene, nicht gerade auf eigenen Beobachtungen aufgebauten, in seinen Arbeiten enthaltenen Angaben auf Quellen zurückführte, was leider seine Nachfolger unter- ließen. Durch Vernachlässigung der Literaturangaben verliert aber jede, ganz oder zum Teile auf fremden Beobachtungen und Erfahrungen be- ruhende Arbeit ihren Wert, weil die Angaben nicht kontrollierbar gemacht 1) Vorbereitung zur Warenkunde, oder zur Kenntnis der vornehmsten aus- ländischen Waren von J. Beckmann, Hofrat und Professor der ökonomischen Wissenschaften zu Göttingen. Göttingen 1793. .1. Beckmann wurde geboren 1739 und starb 18H. 2) W. Exner, Johann Beckmann, der Begründer der technologischen Wissen- schaften. Wien 1878. S. auch Wiesner, Die Beziehungen Beckmanns zuLinne in meinem Werke: Natur-Geist-Technik, Leipzig, W. Engelmann, 1910. Daselbst der Nachweis, welchen Einfluß Linne auf Beckmann ausgeübt und wie es kam, daß Beckmann infolge seiner universellen Bildung zuerst zum Professor der Weltweisheit nach Göttingen berufen wurde, später, die notwendig gewordene wissenschaftliche Durchdringung der praktischen Lehrzweige erkennend, zum Schöpfer der Technologie und Warenkunde und anderer angewandten Wissenszweige, die er als »ökonomische Wissenschaften« zusammenfaßte, wurde. Einleitung. 33 sind. Die Seichtheit der späteren warenkundhchen Literatur hat haupt- sächlich in dieser Kompilationsweise ihren Grund. Beckmanns Werk über Warenkunde enthält eine Reihe lose zusammenhängender Abhand- lungen über technische Waren des Tier-, Pflanzen- und Mineralreiches. Nach seiner eigenen Aussage bearbeitete er die einzelnen Materien je nach der sich ihm darbietenden Gelegenheit; und wenn auch keines der von ihm beschriebenen Objekte für Handel und Industrie bedeutungslos ge- wesen ist, so sollte das Werk doch kein systematisch durchgearbeitetes, alle wichtigeren Waren zur Sprache bringendes Ganze bilden. So wenig vollständig nun Beckmanns Werk über Warenkunde selbst für die damalige Zeit auch war, so enthält es doch, ich möchte sagen in un- sichtbaren Linien die Grundzüge der Warenkunde; denn wenn man die in seinem Werke enthaltenen Abhandlungen genauer durchnimmt, so er- kennt man, daß die Auswahl der abgehandelten Waren so getroffen wurde, daß fast alle Typen darin ihre Vertretung fanden. Wenn man die Werke über Warenkunde zur Hand nimmt und kritisch durchgeht, welche nach Beckmanns bahnbrechender Arbeit bis etwa zur Mitte der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts geschrieben wurden, so muß man erstaunt sein über die geringen Fortschritte, welche dieses Gebiet in einem so langen Zeiträume, in welchem die Methoden naturwissenschaftlicher Forschung eine so außerordentliche Vervoll- kommnung erfuhren, machten. Die Zahl der Rohwaren und Fabrikate, welche in diesen Werken zur Sprache kommen, ist zwar enorm heran- gewachsen. Man gehe nur die bekannten Schriften von Schedel, Hauke usw. durch und beachte die große Reihe von Waren, welche darin be- schrieben werden, vergleiche aber ihren Inhalt mit Beckmanns Werk und wird gewiß bald zur Einsicht kommen, daß durch die neueren Schriften wohl der Umfang des Gebietes außerordentlich gewonnen hat, nicht aber die Schärfe der Charakteristik und die Genauigkeit der Her- leitung der Waren. Viele Angaben der genannten Werke lassen sich mit aller Bestimmtheit auf Beckmanns Arbeiten zurückführen. Doch läßt sich mit Leichtigkeit nachweisen, daß nicht alle Schriftsteller über Warenkunde sich die Mühe nahmen, auf Beckmanns klassische Arbeit zurückzugehen, vielmehr schrieb jeder seinem unmittelbaren Vorgänger nach und fügte noch mancherlei, was er eben zufäüig in naturge- schichtlichen, chemischen oder technologischen Werken und in Journalen fand und das im näheren oder entfernteren Zusammenhange mit der abzuhandelnden Materie stand, meist ohne Kritik, manchmal ohne näheres Verständnis, stets ohne Quellenangabe hinzu. Wichtige Angaben über Abstammung von Waren, seit Dezennien in den Floren der Tropenländer enthalten, vermißt man selbst in den am Ende der hier ins Auge ge- faßten Periode erschienenen Werken über Warenkunde und begegnet immer Wiesner, Rohstoffe. I. Band. 3. Aufl. 3 34 Einleitung. und immer wieder den alten Irrtümern. Die in der Warenkunde so fruchtbringende mikroskopische Untersuchungsmethode wurde in den meisten dieser Werke gänzlich vernachlässigt; einzelne Werke nehmen bei Stärke, Fasern, Holz allerdings einige mikroskopische Kennzeichen auf, aber der Wert dieser Daten ist wohl nicht hoch anzuschlagen, da diese Charaktere durchweg ohne wissenschaftliche Deutung vorgetragen werden und nicht selten fehlerhaft sind. Ein großer Teil dessen, was diese Bücher über Warenkunde enthalten, hatte gar keinen spezifischen Wert, gehört nämlich gar nicht in diese Werke hinein. Ich meine die Be- schreibung jener Pflanzen, welche Waren liefern. Die Warenkunde hat beispielsweise nicht die Aufgabe, die Baumwollpflanze, sondern die Baum- wolle kennen zu lehren. Jeder, der sich für die technischen oder sonstigen Nutzpflanzen interessiert, wird in der so reichen botanischen und land- wirtschaftlichen Literatur hierüber genügende Aufschlüsse erlangen. Ich glaube nicht den Vorwurf zu verdienen, die Literatur über Warenkunde, wie sich dieselbe in dem genannten Zeiträume ausgebildet hat, ungerecht verurteilt zu haben, wenn ich ihr die wissenschaftliche Begründung und mithin auch den Wert für die Förderung der Rohstoff- lehre und der Technologie abspreche. Für den Kaufmann mag sie viel Belehrendes über Naturgeschichte und Technologie enthalten haben ; ihm mögen die flüchtigen Beschreibungen der Waren auch genügt haben, und die Angaben der Vervvendungsarten willkommen gewesen sein; einen wahren Nutzen für den wissenschaftlich gebildeten Techniker habe ich darin nicht erblicken können. Die technologischen Werke und Abhandlungen aus der ins Auge gefaßten Periode stützen sich in dem, die technisch verwendeten Roh- waren betreffenden Teile freilich häufig auf die sehr oberflächHchen Daten der Warenkunde; es ist aber nicht zu verkennen, daß die chemische Seite dieses Gegenstandes häufig sehr sachgemäß durchgeführt, auch der mikroskopischen Charakteristik ein größeres Feld eröffnet wurde i). Manche Rohstoffe, welche nicht Handelsprodukte sind, und die deshalb die Waren- kunde nicht abhandelt, wie Runkelrübe, Zuckerrohr u. v. a. sind, weil die Nötigung vorlag, sie von Grund auf zu beschreiben, häufig korrekt und dem heutigen Standpunkte der Naturwissenschaften ziemlich ange- paßt, bearbeitet. Aber so reich die gesamte Technologie an genauen wissenschaftlichen Begründungen von Fabrikationsprozessen ist, und wie sehr auch der maschinelle Teil einzelner Fabrikationszweige sich vervoll- kommnet hat; die Lehre vom Rohstoff bildet keineswegs die starke Seite der Technologie. Obwohl ich glaube, daß mir alle wichtigeren innerhalb -t) S. z.B. Payen, Precis de Chiraie industrielle. Kap. Stärke. Muspratts Chemie. Kap. Fasern usw. Einleitung. 35 des bezeichneten Zeitraumes erschienenen Werke über Technologie be- kannt geworden sind, so habe ich darunter doch kein einziges gefunden, in welchem z. B. die für die textilen Gewerbe docli so wichtigen Pflanzen- fasern auch nur in einer halbwegs genügenden Weise abgehandelt wären. Ich gehe nun über zur Betrachtung der pharmakognostischen Literatur, um zu zeigen, welche Bereicherung aus ihr der technischen Rohstofflehre des Pflanzenreiches erwuchs. Wie sonderbar es auf den ersten Blick auch erscheinen mag, so kann ich es doch nicht unterlassen, dem Gedanken Ausdruck zu geben, daß die Pharmakognosie oder, wie man die Lehre von den medizinisch benutzten Rohstoffen auch nannte, die pharmazeutische Warenkunde, für die Kenntnis der technisch verwendeten Pflanzenstoffe mehr geleistet hat als die gewerbliche Warenkunde und die Technologie, und zwar aus zweierlei Gründen: erstens, weil viele der medizinisch benutzten Rohstoffe auch eine technische Verwendung finden, wie arabisches Gummi, Terpentin, Elemi, Mastix, Kopaivabalsam, Katechu, Gambir, mehrere Stärkesorten, Eichenrinde usw., und die gründliche Bearbeitung, welche diese Körper durch die Forschungen der Pharmakognosten er- fahren haben, auch der Lehre von den technischen Rohstoffen zugute kam, zweitens, weil die sorgfältige wissenschaftliche Bearbeitung, ins- besondere die Charakterisierung der medizinisch benutzten Drogen auch für die methodische Bearbeitung der technischen Rohstoffe ein wahrhaft nachahmenswertes Vorbild darbot. Die Beschreibung und Charakterisie- rung der Chinarinden, wie sie von Weddel, Howard, H. Karsten, A. Vogl durchgeführt wurde, mag den Botaniker, welcher technisch verwendete Rinden bearbeiten will, lehren, wie man Rinden zu be- schreiben habe, die von Schieiden, Berg und anderen durchgeführten Beschreibungen oftizineller Wurzeln und Rhizome sind auch für die tech- nische Rohstofflehre mustergültig. Flückigers Pharmakognosie des Pflanzenreiches, eine Zierde der Literatur der angewandten Naturwissen- schaften, mag jeder, der das Verhältnis zwischen dem Geist der Pharma- kognosie und dem der allgemeinen Warenkunde in dem genannten Zeit- räume kennen zu lernen wünscht, zur Hand nehmen und mit dem verhältnismäßig besten Werke über letztere vergleichen; ich halte mich fest überzeugt, daß er dem abfälligen Urteile, welches ich über die Be- handlung gewerblicher Waren abgeben mußte, nur zustimmen wird. Ich möchte nicht unerwähnt lassen, daß die Pharmakognosten häufig auch Substanzen beschrieben haben, die, wie Quillajarinde, Kork, Kautschuk und andere, streng genommen mehr in das technische als in das medi- zinische Gebiet gehören. Durch die Beschreibungen dieser Körper hat die technische Rohstofflehre des Pflanzenreiches eine unerwartete Be- reicherung erfahren, die umsomehr Beachtung vei-dient, als alle die 3* 36 Einleitung. genannten Waren in den Werken über allgemeine oder gewerbliche Warenkunde und Technologie minder gründlich abgehandelt wurden. Es versteht sich von selbst, daß die Bearbeitung jener medizinisch be- nutzten Drogen, welche, wie etwa die Chinarinde, nunmehr auch, aller- dings wieder für therapeutische Zwecke, fabrikmäßig verarbeitet werden und somit auch wichtige Gegenstände der technischen Rohstofflehre ge- worden sind, schon ohne weiteres der letzteren zugute kommt. Ohne daß weitere Untersuchungen über diese Körper angestellt zu werden brauchen, kann der Schriftsteller über technische Rohstofflehre die Resul- tate der pharmazeutischen Forschung in seine Arbeiten aufnehmen und braucht aus dem reichem Materiale nur dasjenige auszuwählen, was für den Techniker wissenswert ist. Ich wende mich nun der- botanischen Literatur zu, um zu zeigen, welche Ausbeute dieses große Gebiet der technischen Robstofflehre des Pflanzenreiches in dem hier zu behandelnden Zeitabschnitte darge- boten hat. Es ist wohl kaum nötig, genauer zu erörtern, daß die pflanzliche RohstofTlehre von den Fortschritten der Botanik fast gänzlich abhängig ist, indem sie ja auf dieser Wissenschaft fußt. Es wurde schon oben erörtert, wie wichtig die Kenntnis jener Pflanzen, welche Materialien für unsere Gewerbe liefern für die Rohstofflehre ist. Will man Pflanzen- teile beschreiben, so müssen doch zuerst die Pflanzen selbst beschrieben sein. Die botanische Kenntnis der Nutzpflanzen ist als Hilfsmittel für die Rohstoff lehre um so wichtiger, als die Antwort auf die Frage: was für ein vegetabilischer Rohstoff ist dieser oder jener fragliche Körper, sich nicht präziser als durch Angabe der Pflanze und des Pflanzen- teiles, von welchem er abstammt, geben läßt, Unsere ganze Kenntnis von diesen Rohstoffen hinge in der Luft und wäre nimmer zu einer exakten Lehre zu gestalten, wenn die Stammpflanzen systematisch nicht fixiert wären. Mit den Nutzpflanzen als solchen hat aber die Rohstoff- lehre nichts zu schaffen. Für letztere genügt es völlig, wenn die Pflanze, welcher ein Rohstoff entstammt, ausgemittelt ist. Sollte dennoch zur Lösung mancher Frage die Beschreibung einer Stammpflanze erwünscht sein , dann hat man sich hierin an die beschreibende Botanik zu wen- den, welche hierüber gewiß die bestmöglichen Auskünfte geben wird. Die Beschreibung von Nutzpflanzen ist in Werken über Warenkunde und technische Rohstoffe, wie schon oben erwähnt wurde, gar nicht am Platze, und es wäre nur zu wünschen, daß die Lehr- und Handbücher über Warenkunde, welche mit Beschreibungen dieser Gewächse über- laden sind, sich dieser höchst überflüssigen Zutat entäußern möchten. Welche Wichtigkeit die durch die neueren Forschungen so aus- gebildete Morphologie der Organe, Gewebe, Zellen und Zellinhaltsstoffe Einleitung. 37 der Pflanzen, also die Anatomie und Histologie der Pflanzen, für die Charakterisierung und Beschreibung der strukturbesitzenden, zum Teil auch der für strukturlos gehaltenen rohen Pflanzenstoffe besitzt, ist schon oben genügend erörtert worden. Nach dieser Richtung hat die Botanik der vegetabilischen Rohstofflehre außerordentlich vorgearbeitet, so daß man sich wahrhaft wundern muß, in welch geringem Umfange man, abgesehen von der neuesten Zeit, von diesen Teilen der Botanik in der Lehre von den pflanzlichen Rohstoffen Gebrauch macht. Die Botanik nützt der Rohstofflehre nicht nur indirekt durch ihre Systematik und durch ihre Methode; sie bringt ihr auch einen Schatz von positiven Kenntnissen entgegen, nämlich Beobachtungen über Ab- stammung von Rohstoffen. Beinahe alles, was wir über die botanische Ilerleitung dieser Körper wissen, haben wir den Bemühungen der Bota- niker zu danken. Freilich kann unmöglich verkannt werden, daß die Stammpflanzen der Medizinaldrogen bis jetzt genauer ausgemiltelt wur- den, als jener Gewächse, welche die Gewerbe mit Rohmaterialien ver- sorgen. Es liegt dies aber in den persönlichen Verhältnissen der Autoren. Die in fremden Ländern reisenden Botaniker waren zumeist Arzte, oder doch Personen, deren Studiengang sie mehr mit den Bedürfnissen der Medizin als der Technik bekannt machte. Viele Florenwerke über jene gesegneten Länder, welche der europäischen Industrie wichtige Pflanzen- stoffe zuführen, sind reich an Beobachtungen über die Abstammung der letzteren. Manche Autoren dieser Werke mit weitem, über die einfache Beschreibung der Pflanzen hinausgehendem Blick haben durch ihre Be- obachtung auch die Pflanzengeographie und andere Zweige der Botanik gefördert; und gerade bei diesen Autoren, denen auch die Kultur- geschichte vielfache Bereicherung verdankt, findet man sehr wertvolle Aufzeichnungen über die Abstammung von technisch verwendeten Pflanzen- stoffen. Bekannt dürfte es sein, daß die berühmten Reisewerke Hum- boldts und Bonplands manche Aufklärung in dieser Richtung ent- halten. Von älteren floristischen Arbeiten, welche reich an Angaben über technische Nutzgewächse sind, hebe ich nur die wichtigsten Werke Loureiros, Thunbergs, Aublets, Rumphius, Pallas, von späteren und neueren die Werke und Abhandlungen von Roxburgh, Martins, Royle, Miquel, Junghuhn, Schweinfurth hervor, zahlreicher anderer hier nicht zu gedenken, über deren Leistungen für die botanische Her- leitung der Rohstoffe der spezielle Teil dieses Buches genügend berichten wird. Alle jene Floristen, welche Aufklärungen über diesen wichtigen Gegenstand gegeben haben, bereicherten die Kenntnis der Rohstoffe mit Angaben über die Gewinnungsweise derselben. Wenn man die in den berührten Werken enthaltenen Daten über Abstammung und Gewinnung der technischen Rohstoffe des Pflanzenreichs mit dem vergleicht, was 38 Einleitung. die Schriftsteller über allgemeine Warenkunde in den, den gewerblichen Waren gewidmeten Teilen hierüber vorgebracht haben, so gelangt man zu der Überzeugung, daß sich unter ihnen kein einziger fand, der sich die Mühe gegeben hätte, die botanische Literatur für die Warenkunde nutzbar zu machen. Ich möchte an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, daß zahlreiche floristische Werke und Abhandlungen aus der in Rede stehenden Periode über Länder, welche der Industrie viele und wichtige Rohstoffe liefern, existieren, welche in Bezug auf Abstammung und Gewinnung dieser Körper leider nichts enthalten. Ich will nun die Aufmerksamkeit auf jene Botaniker lenken, welche das ganze Gebiet der pflanzlichen Rohstofl'lehre systematisch zu be- arbeiten strebten. Wenn ich von kleinen populären Schriften einzelner Botaniker absehe, welche Beschreibungen und Zusammenstellungen von technischen Pflanzenstoffen geben, die sich über die gewöhnliche Lite- ratur der Warenkunde nicht erheben, so habe ich rücksichtlich jener Periode, welche ich hier im Auge habe, meines Wissens in dieser Rich- tung bloß drei Männer zu nennen, nämlich Gleditsch, Böhmer und Duchesne. Gleditsch, bekanntlich ein ausgezeichneter Botaniker des achtzehnten Jahrhunderts hat nebst mehreren Arbeiten über gewerbliche Benutzung der Pflanzen auch eine für die damalige Zeit sehr vollständige Zusammenstellung aller gewerblich und medizinisch benutzten Gewächse gegeben. Eine viel ausgedehntere Arbeit über die technischen Rohstoffe des Pflanzenreiches verdanken wir einem jüngeren Zeitgenossen Gleditschs, dem ebenfalls bekannten und geschätzten Botaniker Georg Rudolph Böhmer, welcher in seiner technischen Geschichte der Pflanzen i) ein die damalige botanische und technische Literatur vollständig beherr- schendes, für die Warenkunde gleich epochemachendes ^^"erk lieferte, wie Beckmanns oben genannte Reihe von Abhandlungen. Böhmer ist der einzige Botaniker, welcher den Forderungen der Technologie durch Bearbeitung des gesamten vegetabilischen in den Gewerben be- nutzten Rohstoffes vollkommen gerecht wurde. Das bezeichnete Werk wird in der Rohstofflehre des Pflanzenreiches immer in erster Linie ge- nannt werden müssen als bleibendes Denkmal dafür, daß schon früh- zeitig ein Botaniker die Wichtigkeit einer selbständigen Bearbeitung dieser Materie erkannte und in einer dem damaligen Standpunkte der Pflanzen- kunde vollständig entsprechenden Weise durchführte. Während ich die Literatur der Warenkunde für meine Arbeiten nicht nutzbar zu machen vermochte, hat mir Böhmers meisterhafte und sorgfältige, gänzlich in Vergessenheit geratene Arbeit bei der Abfassung der ersten Auflage 1) Leipzig 1794. 2 Bde. Einleitung. 39 dieses Werkes reichen Nutzen gewährt, und wenn auch im Verlaufe der Jahre die der Industrie zugeführten Rohstoffe des Pflanzenreiches sich sehr vermehrten und sich auch die Methode der morphologischen Unter- suchung in einer Weise vervollkommnete, wie sie Böhmer kaumahnen konnte, so gab mir doch das Studium seines Werkes viele Anhaltspunkte zu weiteren Nachforschungen, sowohl was die Abstammung als Charak- teristik und Physiographie der Rohstoffe betrifft. Böhmer führt bei- spielsweise mehr als fünfzig verschiedene Pflanzenfasern auf, darunter mehrere, welche in neuerer Zeit für die europäische Industrie von großer Bedeutung geworden sind und dennoch in den meisten Büchern über Warenkunde entweder ganz unberücksichtigt gelassen oder kaum flüchtig berührt wurden. Abstammung und Gewinnung sind sehr gründlich ab- gehandelt, die Beschreibungen dieser Fasern hingegen sind nur mangel- haft, woran aber nicht Böhmer, sondern der damalige noch sehr niedere Stand der histologischen und mikroskopischen Forschung die Schuld trägt. — Duchesne hat in seinem schätzenswerten Werke: Repertoire des plantes utiles et des plantes veneneuses du globe') die für die damalige Zeit vollständigste Übersicht der nützlichen und, was ich besonders her- vorheben muß, auch der technisch wichtigen Gewächse gegeben. Gewöhnlich begnügt sich dieser Autor mit Nennung des französischen und wissenschaftlichen Namens der Nutzpflanzen, mit der Anführung der wichtigsten Synonyme, der Heimat, der Pflanzenteile, welche eine Benutzung finden, und welcher Art letztere ist. Sehr bedauerlich ist es, daß Duchesnes große und mühevolle Arbeit keine Literaturangaben enthält, wodurch der Wert des Buches wesentlich verringert wurde. Da durch den Feldbau und den Forstbetrieb der Industrie viele Rohstoffe zugeführt werden, so leuchtet ein, daß die land- und forst- wirtschaftliche Literatur manche wertvolle Daten auch für die technische Rohstofflehre des Pflanzenreiches in der genannten Periode geliefert hat. Eine große Bereicherung erfuhr unsere Lehre durch die ausge- dehnten und häufig sehr gründlichen, freilich noch lange nicht auf alle Rohstoffe des Pflanzenreichs ausgedehnten Untersuchungen der Che- miker, durch welche wir nicht nur mit der beiläufigen chemischen Zusammensetzung vieler rohen Pflanzenstoffe bekannt wurden, sondern auch sehr viele wichtige Aufschlüsse über den chemischen Charakter und über die Konstitution der chemischen Individuen erhielten, welche integrierende Bestandteile jener Rohstoffe bilden oder um derenthalben wir letztere in der Industrie benutzen. ]) Nouvelle edit. Bruxelles 184 6. Diesem Werke steht im Plane und in der Ausführung sehr nahe Rosenthals Synopsis plantarum diaphoricarum. Erlangen 40 Einleitung. Nachdem ich nun eine kurze Übersicht über alle jene Wissens- gebiete gegeben habe, welche Material für eine zu schaffende Lehre von den technisch verwendeten rohen Pflanzenstoffen in dem bezeichneten Zeitabschnitte gegeben haben, und in wenigen Strichen versuchte, die Leistungen dieser Wissenszweige hierfür darzulegen, wende ich mich nun der Besprechung der die vegetabilische Rohstofflehre betreffenden mono- graphischen Arbeiten der genannten Periode zu. Ich sehe hier von jenen Monographien ab, welche vom Standpunkte des Pharmakognosten aus geschrieben wurden, wie z. B. die großen Arbeiten über Chinarinde, wenn selbe nunmehr durch den Umschwung der Industrie auch für den Techniker Bedeutung gewonnen haben. Je reicher die Literatur eines wissenschaftlichen Gebietes an mono- graphischen Arbeiten ist, als desto höher stehend kann es wohl im all- gemeinen angesehen werden. Denn wenn die Monographien auch nicht Zweck der einzelnen Wissenschaften sind, so sind sie doch die besten Mittel zu ihrer Begründung und Vertiefung. Es wäre wohl überflüssig des näheren auseinander zu setzen, wie sehr die Erforschung eines be- stimmten Gegenstandes oder einer Gruppe nahverwandter Objekte gewinnt, wenn sich alle geistigen Kräfte eines Mannes auf dieselben konzentrieren, und man im Sammeln, Beobachten oder Experimentieren hierüber bis an die äußersten Grenzen gekommen ist, wie dies ja bei monographischen Arbeiten geschieht. Bei der geringen Kenntnis, die wir nach obiger Darlegung über die Rohstoffe des Pflanzenreiches, namentlich in Bezug auf ihre Kennzeichen und Eigenschaften damals besaßen, wird der Leser an dieser Stelle wohl kaum die Aufzählung vieler und gediegener Mono- graphien über unseren Gegenstand erwarten. Und so verhält es sich in der Tat. Einige kleinere monographische Studien von geringer Wich- tigkeit abgerechnet, deren im speziellen Teile dieses Buches indes Er- wähnung getan werden soll, habe ich nur wenige einschlägige Mono- graphien, und zwar über Fasern, Farbstoffe, Harze und Holz, in der Literatur bezüglich der genannten Periode aufgefunden. Eine höchst wichtige Arbeit über die indischen Pflanzenfasern ver- danken wir dem ausgezeichneten Botaniker Royle. Welcher reiche Schatz von Beobachtungen über Abstammung, Gewinnung und Eigen- schaften indischer Faserstoffe darin enthalten ist, wird eines der Kapitel des vorliegenden Werkes zur Genüge dartun. Leider ist Royle in dieser seiner großen verdienstlichen Arbeit auf die doch so wichtige Charakteristik der Pflanzenfasern nicht eingegangen. Auch Squiers in diesem Buche mehrfach genannte Schrift über die tropischen Fasern ist ebenfalls als eine Bereicherung unserer Literatur anzusehen, wenn sie auch gegen Royles Buch, sowohl was Umfang als Gründlichkeit der Bearbeitung anlangt, zurücksteht. Schachts bekanntes Buch über Einleitung. 41 die Erkennung von Gespinstfasern i) ist ein sprechender Beweis für den Wunsch der Techniker nach derartigen wissenschaftlichen Hilfsmitteln, wie der reichen Benutzung dieser Schrift seitens der Technologen zu entnehmen ist. Es ist auch die erste Wirkung des eindringlichen Mahn- rufes Schleidens gewesen, welcher in seinen berühmten »Grundzügen der wissenschaftlichen Botanik« gegen die zeitgenössischen Botaniker den Vorwurf der gänzlichen Vernachlässigung der technischen Seite ihres Faches erhob. Schon in diesem Bezüge, als erster Versuch, die in- zwischen mächtig herangewachsene histologische Untersuchungsmethode und damit das Mikroskop im Dienste der technischen Wissenschaften zu gebrauchen, ist Schachts Buch von Bedeutung. Es beschränkte sich aber leider fast nur auf die allergemeinsten europäischen Spinnstoffe und verfiel bezüglich der neueren tropischen Faserstoffe trotz spärlicher Daten in mancherlei Irrtümer 2). Später habe ich einzelne Partien des Kapitels über die Pflanzen- fasern mit monographischer Ausführlichkeit zu bearbeiten versucht ^j. Über Pflanzenfarbstoffe existieren zahlreiche ältere monographische Arbeiten^); sie wurden jedoch alle von Bancrofts in der Geschichte der Färberei epochemachendem Werke s) in einer Weise überholt, daß sie einen Vergleich mit dieser umfangreichen und gründlichen Bearbeitung der in der Färberei benutzten Rohstoffe nicht auszuhalten vermögen. Bancrofts Werk bespricht nicht nur jene Farbmaterialien, deren Ein- führung in die Färberei dem Autor selbst zu danken ist, wie z. B. die für die Industrie so bedeutungsvoll gewordene Querzitronrinde, sondern alle anderen bis dahin bekannt gewordenen Rohstoffe für die Färberei; und es darf einen um so höheren Wert beanspruchen, als es mit sehr gewissenhafter Benutzung der vorhandenen Literatur abgefaßt ist, alle von fremden Autoren herrührenden Daten auf Quellen zurückgeführt sind, und als der Verfasser auf seinen großen Reisen vielfach Gelegen- heit hatte, Beobachtungen über Abstammung und Gewinnungsweise der abgehandelten Rohstoffe anzustellen. ■1) H. Schacht, Die Prüfung der im Handel vorkommenden Gewebe durch das Mikroskop und durch chemische Reagentien. Berlin l 833. 2) In dem Schlußkapitel (VIII. Bemerkungen über einige im Handel vorkommende Gewebe) wird beispielsweise das Chinagras von Corchoriis capsularis, der Manilahanf von einer Agave abgeleitet, die Jute bleibt gänzlich unbesprochen usw. 3) Beiträge zur Kenntnis der indischen Pflanzenfasern usw. Sitzungsberichte der Wiener Akademie. 1869. — Untersuchungen, ausgeführt im Laboratorium für Mikroskopie und technische Warenkunde am k. k. polytechn. Institute in Wien. Stuttgart 1872. 4) S. Böhmer, 1. c. II, p. 1 ff. 5) Untersuchungen über die Natur der beständigen Farben (Neues englisches Färbebuch). Deutsch von Buchner, Kurrer und Dingler. Nürnberg 1817 — 1818. 42 Einleitung. Die technisch verwendeten Gummiarten, Harze und Balsame habe ich in einer besonderen Monographie i) abgehandelt. Über jenes große und wichtige Kapitel der technischen Rohstoff- lehre, welches sich mit dem Holze beschäftigt, existieren aus dem ge- nannten Zeitraum zahlreiche monographische Arbeiten, welche von Bota- nikern, Forsttechnikern und Physikern herrühren und je nach der Forschungsrichtung der Autoren einen sehr verschiedenen Charakter an sich tragen. Die bedeutungsvollsten einschlägigen Monographien sind Du Hamels auch in die deutsche Sprache übertragene Naturgeschichte der Bäume, Chevandiers und Wertheims berühmte Arbeit über die physikalischen Eigenschaften der Holzarten und Nürdlingers be- kanntes ausgezeichnetes Buch über die technischen Eigenschaften der Hölzer. Über die für die Unterscheidung der Holzarten das denkbar Sicherste leistende morphologische Charakteristik liegt bezüglich des Zeit- raumes, welcher hier abzuhandeln ist, keine zusammenfassende Arbeit vor. Aber die gewerblich benutzten, auch medizinisch verwendeten Holzarten wurden von den Pharmakognosten einer gründlichen wissen- schaftlichen Bearbeitung vmterzogen, und einzelne ausschließhch technisch gebrauchte Hölzer wurden schon damals mikroskopisch charakterisiert 2). Der kurze Überbhck, welchen ich in vorstehenden Zeilen über die damahgen, auf die technischen Rohstoffe des Pflanzenreiches bezug- nehmenden Kenntnisse gegeben habe, zeigt, daß einzelne Materien aller- dings schon sehr gründlich bearbeitet waren, daß sich aber auf dem ganzen Gebiete und zwar nach jeder der oben angegebenen Richtungen große Lücken vorfanden, daß namentlich die Darlegung der Eigen- schaften der Rohstoffe noch sehr wenig gediehen war und die exakte Charakteristik derselben sich noch in den Anfängen befand. Weiterentwicklung der technischen Rohstofflehre des Pflanzenreiches vom Anfange der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bis auf die Gegenwart. Innerhalb der letzten Dezennien haben alle Zweige dieser Lehre sich lebensvoll weiter entwickelt und es entspricht nur den Tatsachen, wenn man behauptet, daß erst in dem genannten Zeiträume dieser Zweig der technischen Wissenschaften zum Aufschwung gelangte und ein richtiges Verhältnis zwischen den Forderungen der Industrie und einer wissenschaftlichen Würdigung der technisch verwendeten Pflanzenstoffe sich hergestellt hat. Im Hinblick auf die Rohstoffe des Tierreiches ist die Lehre von den technischen Pflanzenstoffen als fortgeschrittener anzusehen; aber es steht zu erwarten, daß, wie die Pharmakognosie auf die technische Rohstofflehre des Pflanzen- 1) Die technisch verwendeten Gummiarten, Harze und Balsame. Erlangen 1869. 2j Wiesner, Technische Mikroskopie (1867), p. -131 — 150. Einleitung. 43 reiches förderlich gewirkt hat, auch diese eine begünstigende Rückwirkung auf die technische RohstoiTlehre des Tierreiches ausüben wird. In ein- zelnen technischen Gebieten ist diese förderliche Rückwirkung bereits zu bemerken, beispielsweise in der Erforschung der Rohmaterialien der Textil- industrie. Denn es läßt sich klar erkennen, daß das eingehende Studium der vegetabilischen Faserstoffe auf die Erforschung der animalischen Textilstoffe (Tierwolle, Tierhaare, Seide usw\) befruchtend gewirkt hat. Aber große Gebiete der tierischen Rohstofflehre, z. R. die Untersuchung der tierischen Haut, sind vom technischen Standpunkte, nämlich mit Rücksicht auf die Fabrikation des Leders, noch wenig bebaut. Wenn ich die jüngste Periode in der Entwicklung der technischen Rohstofflehre des Pflanzenreiches vom Erscheinen der ersten Auflage des vorliegenden Werkes an datiere, so wird man billigerweise darin keine Überhebung erblicken. Die Fortschritte auf dem Gebiete der Technik und der Wissenschaft drängten zu einer umfassenden, einheitlichen Be- arbeitung der gesamten in der Industrie verwendeten, an Zahl und Bedeutung so sehr gestiegenen Rohstoffe des Gewächsreiches. Die An- regung zu einem Werke,, wie das vorliegende, war durch die Verhältnisse gegeben, und es bedurfte nur eines Botanikers, welcher die Neigung empfand, die Bedürfnisse der Technik durch die Anwendung der bereit- liegenden naturgeschichtlichen, namentlich der mikroskopischen Unter- suchungsmethoden im ganzen Umfange des Stoffes zu befriedigen. Diese Anregung mußte sich immer mächtiger Geltung verschaffen, je mehr Handel und Industrie vorwärts schritten; sie hat sich auch, wie wir heute sehen, Geltung verschafft; und wenn das vorliegende Werk nicht zustande gekommen wäre, so hätte ein anderes seine Stelle vertreten. Jetzt, wo sich ein längerer Zeitraum seit seinem ersten Erscheinen (1873) überblicken läßt, wird wohl zugegeben werden, daß es ein zeitgemäßes Unternehmen gewesen ist. Daß die erste Auflage dieses Werkes auf die Weiterentwicklung der allgemeinen Warenkunde einen förderlichen Einfluß ausübte, ist nicht nur von zahlreichen Autoren, welche innerhalb des genannten Zeitraumes über diese Materie schrieben, anerkannt worden i); seine Wirkung ist auch in der technischen und botanischen Literatur an vielen Orten zu bemerken und auch zur Hebung des Unterrichtes im Bereiche der tech- nischen Warenkunde und technischen Mikroskopie hat dasselbe bei- getragen. Nunmehr erscheint die von Schi ei den erhobene Forderung: die Botanik sei berufen, auch der Technik zu dienen, erfüllt, nachdem sein 1) So z. B. die Warenkunde von Prof. 0. Jäger, Stuttgart 1881; Erdmann- Königs Warenkunde, in 12. Auflage bearbeitet von Prof. E. Hanausek, Leipzig 1893. 14. Auflage 1906. 44 Einleitung. mit gewohnter Schärfe ausgedrückter Appell^) mehr als drei Dezennien hindurch fast ohne Wirkung blieb, und nur einer seiner Schüler, H. Schacht 2), und einige andere in kurzen Anläufen den Winken des großen Reformators der Botanik folgten 3). Welche Fortschritte in der Entwicklung der Rohstofflehre des Pflanzenreiches die letzten Jahrzehnte gebracht haben, drückt sich in einer reichhaltigen, weitverzweigten Literatur aus, welche meine Mit- arbeiter und ich in der vorliegenden Neubearbeitung der »Rohstoffe« in Verbindung mit eigenen Forschungsresultaten zu verwerten bestrebt waren. Der Zufluß an neuen diesbezüglichen Erfolgen und Kenntnissen ist ein so großer geworden, daß ich darauf verzichten muß, eine Über- sicht über die Leistungen auf dem Gebiete der vegetabilischen Rohstoff- lehre an dieser Stelle zu geben. Um die Zunahme der literarischen Produktion auf diesem Gebiete zu veranschaulichen, will ich anführen, daß der von Just begründete Botanische Jahresbericht^), dessen erster Band fast gleichzeitig mit der ersten Auflage des vorliegenden Werkes zur Ausgabe gelangte, für das Jahr 1873 über sieben, für 1874 über achtunddreißig, für 1876 über dreiundfünfzig botanisch-technische Ab- handlungen referierte und nunmehr jährlich über mehrere Hunderte von einschlägigen Arbeiten daselbst Bericht erstattet, oder doch auf deren Erscheinen das Augenmerk lenkt. Dieses enorme Anwachsen der bota- nisch-technischen Literatur macht es erklärlich, daß hier eine übersicht- liche Darstellung der Arbeiten auf dem Gebiete der Rohstofflehre des Pflanzenreiches nicht gegeben werden kann, macht es begreiflich, daß im speziellen Teile des Werkes eine starke Scheidung der Spreu vom Weizen vorgenommen werden mußte, und darf auch als Entschuldigung dienen, wenn ab und zu in diesem Werke auch eine brauchbare Arbeit in der Flut der literarischen Erscheinungen übersehen worden sein sollte. 1) In seinen berühmten »Grundzügen der wissenschaftliclien Botanik« (zwischen 1842 — 1861 in vier Auflagen erschienen) sagt Schieiden mit Bezug auf das Ver- hältnis der Botanik zu dem Gewerbe (4. Aufl., p. 8): »Alle die Gewerbe, welche vege- tabilische Stoffe benutzen und verarbeiten, fragen völlig vergebens bei ihr (der Botanik) an, der es zustände, hier die Gewerbe zu leiten und zu beraten; aber sie weiß nichts Brauchbares anzugeben, kennt oft gerade die Pflanzen, welche (technisch) wichtige Stoffe liefern, am wenigsten und entlehnt alles, was über den Kreis der bloßen Namen- gebung hinausgeht, eben von den Technikern selbst. . . .« An dieser Stelle des Schieiden sehen Buches vermißt man den Namen Böhmer. Zur Entschuldigung Schieide ns mag angeführt werden, daß Böhmers Arbeiten keine Beachtung und noch weniger eine Fortsetzung gefunden haben und deshalb einer unverdienten Ver- gessenheit anheimfielen. 2) S. p. 39. 3) S. hierüber: Technische Mikroskopie. 4) Berlin, Gebr. Bornträger. Bd. I. 1874 (Bericht über das Jahr 1873). Einleitung. 45 Standes auf die nachfolgenden Kapitel verweise, muß ich mich begnügen, in dieser Einleitung in wenigen Strichen die neuesten Fortschritte der Lehre von den technisch verwendeten Rohstoffen des Pflanzenreiches er- sichtlich zu machen. Die auf das Praktische gerichteten Untersuchungen müssen sich nach wie vor auf rein wissenschaftlichen Grundlagen aufbauen. In gewissem Sinne bilden demnach die rein wissenschaftlichen Untersuchungen eine Vorarbeit für die praktischen. Die großen Fortschritte, welche im Ge- biete der Histologie und der Mikrochemie der Gewebe gemacht wurden, erleichtern, ja mit Rücksicht auf spezielle Fälle muß man sagen: ermöglichen die Lösung der einschlägigen technisch-botanischen Fragen. Um nur durch ein paar augenfällige Beispiele dieses Verhältnis von theoretischer Arbeit zur Nutzanwendung in unseren Fragen zu veranschaulichen, weise ich auf die monographische Bearbeitung hin, welche die Rinden durch J. Moeller') und das Holz durch Solereder^) erfahren haben, auf die tiefbegründete Neubearbeitung der Stärke durch A. Meyer 3), auf die epochemachenden Arbeiten über die Hefe von E. Hansen und seiner Schule. Die Charakteristik der technisch ver- wendeten Rohstoffe wird durch diese und andere im speziellen Teile berücksichtigten rein wissenschaftlichen Arbeiten, wie leicht einzusehen, in hohem Grade gefördert. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß es in neuester Zeit ge- lungen ist, durch ein Sublimationsverfahren zahlreiche Körper in kleinen Rohstofffragmenten nachzuweisen, deren Anwesenheit morpho- logisch nicht zu ermitteln ist und deren direkte chemische Nachweisung entweder außerordentlich schwierig oder auch gar nicht möglich wäre. Selbstverständlich handelt es sich hier bloß um sublimierbare Substanzen. Diese Methode der Mikrosublimation^) leistet in vielen Fällen gute Dienste. So konnte, um ein Beispiel anzuführen, mit ihrer Zuhilfenahme nachgewiesen werden, daß in den unterirdischen Organen der Teepflanze das Thein vollständig fehlt, hingegen in allen oberirdischen Teilen zu finden ist. Selbst in den Trichomen des Teeblattes konnte durch Mikro- sublimation die Gegenwart des Theins nachgewiesen werden 5). Diese Methode hat begreiflicherweise einen hohen diagnostischen Wert und i) J. Möller, Anatomie der Baumrinden. Berlin 4 882. 2) Solereder, Systematischer "Wert der Holzstruktur. München -1885. Ferner Solereder, Systematische Anatomie der Dikotyledonen. Stuttgart 1899. 3) Arthur Meyer, Untersuchungen über die Stärkekörner. Jena -1895. 4) Ich habe schon im Jahre 4 869 (Gummi und Harze) das Verfahren der Mikro- sublimation angewendet. S. im Abschnitt »Harze« bei Tolubalsam und Storax. 5) Nestler, Der direkte Nachweis des Theins in der Teepflanze. Jahrbuch des Vereins der Vertreter der angewandten Botanik. Berhn 4 903. 46 Einleitung. wurde von Nestler, Mitlacher, Tunmann u. a. nach der genannten Richtung auch mit Vorteil angewendet ^j. Die botanischen Arbeiten der systematischen Richtung haben im letzten Vierleljahrhundert den technischen Nutzpflanzen, namentlich jenen der tropischen Gebiete eine Berücksichtigung und eine Pflege an- gedeihen lassen, wie dies in früheren Epochen nie der Fall gewesen ist. Die Erwerbung tropischen Kolonialbesitzes durch das Deutsche Reich hat der deutschen Forschung auch nach dieser Richtung mächtige Impulse gegeben. Ich nenne hier vor allem die Bearbeitung der Nutzpflanzen Ostafrikas in dem großen Werke Englersf Die Pflanzenwelt Ostafrikas. Engler und seine Arbeitsgenossen sind in diesem bedeutungsvollen wissenschaftlichen Unternehmen, auf welches ich und meine Mitarbeiter sehr oft werden zurückkommen müssen, mit einer Tiefe und Ausführ- lichkeit in die Bearbeitung tropischer Nutzpflanzen eingegangen, welche der vorangegangenen deutschen Literatur der Botanik noch fremd blieb. Im Zusammenhange damit gedenke ich hier der Hilfe, welche die bota- nischen Gärten bei dem Studium, bzw. bei der Einbürgerung tropi- scher Nutzgewächse ihren Kolonien leisten. Begreiflicherweise sind in dieser Beziehung die Kew Gardens und der botanische Garten in Buiten- zorg (auf Java) vorangegangen; aber der botanische Garten in Berlin hat gleich nach Erwerbung der afrikanischen Kolonien durch Deutsch- land sein Arbeitsprogramm mit Rücksicht auf das Studium der tropischen Nutzpflanzen erweitert, und gleich dem Kew Bulletin 2) erscheint seitens des Berliner botanischen Gartens ein Notizblatt ^j, in welchem wie in jenem botanische Mitteilungen über tropische Nutzpflanzen und deren Produkte enthalten sind, und über die Resultate von Untersuchungen, welche in den genannten Instituten in betreff nützlicher Gewächse unter- nommen wurden,' fortlaufend berichtet wird. Von großer Bedeutung für die Förderung der technischen Rohstoff- lehre erweist sich die Pflege der tropischen Agrikultur. Die Aus- dehnung der Land- und Forstwirtschaftslehre auf die Tropenwelt ist eine der wichtigsten und wie ich glaube folgenreichsten Erscheinungen im weiten Gebiete der praktischen Wissenschaften. Die Kenntnisse über rationelle Anpflanzungen in den Tropenländern waren bisher fast nur im Besitze der Pflanzer selbst, lagen sonst sehr zerstreut in einer schwer 4) Neuestens wurde von R. Eder ein Verfaliren angegeben, die Mikrosublimation unter Anwendung des luftverdünnten Raumes zu vervollkommnen. S. hierüber R. Eder, Über die Mikrosublimation im luftverdünnten Räume. Vierteljahrschrift der Züricher Naturforscher-Gesellschaft 1912. 2) Bulletin of miscellaneous informations. Royal Gardens, Kew. London. Jähr- lich ein Band seit 1887. 3) Notizblatt des königl. botan. Gartens und Museums in Berlin. Herausgegeben von A. Engler (1895—1912). Leipzig. Einleitung. 47 zugänglichen Literatur, in Reisewerken und in den Veröffentlichungen botanischer Gärten der Kolonien, nirgends systematisch gesammelt und kritisch gesichtet. Den ersten großen Versuch in dieser Richtung hat H. Semler unternommen durch sein Werk: »Die Tropische Agrikultur. Ein Handbuch für Pflanzer und Kaufleute«, 4 Bände (1 886 — 1 893). »Schon seit einem Jahrzehnt«, sagt der Verfasser in der Vorrede, »trage ich mich mit dem Gedanken, den vielen Tausenden meiner Landsleute, welche in der heißen Zone den Boden bebauen oder seine Produkte verschiffen, ein Lehrmittel in die Hand zu geben, das ich selbst schmerzlich vermißt habe, als ich mich der gleichen praktischen Tätigkeit zu widmen be- gann. V^^as ich persönlich beobachtet und erfahren hatte, schrieb ich nieder und suchte es durch emsigen Sammelfleiß zu vermehren«. In erster Linie kommt S emiers Werk dem Land-, bzw. auch dem Forst- wirt der Tropenländer zugute durch eingehende Behandlung über An- siedlung, Wegbau, Urbarmachung des Bodens, über künstliche Bewässe- rung und Entwässerung, über die Wachstumsbedingungen der Kultur- pflanzen, über Vertilgung von Schädlingen usw. ; aber auch die Lehre von den technisch verwendeten Rohstoffen des Pflanzenreiches erfährt durch viele Angaben über Erntebereitung, über Eigenschaften und Menge der Produkte eine große Bereicherung. Um nur ein einleuchtendes Bei- spiel anzuführen, will ich bemerken, daß man rücksichtlich der tropischen Faserstoffe früher nur über die Baumwolle ausreichende Daten in der Literatur vorfand, daß aber über die Erntebereitung anderer wichtiger Gespinstfasern (Jute, Ramie, Sisalhanf, Pite, Manilahanf usw.) vor Er- scheinen des Se ml ersehen Werkes nur sehr fragmentarische und viel- fach unsichere oder widersprechende Angaben in einer dazu noch sehr weit zerstreuten Literatur zu finden waren. Die tropische Agrikultur ist ein sehr moderner Gegenstand geworden. Es sind über diese Materie außer dem Semlerschen, später in neuer Auflage erscheinenden Werke i) noch andere Bücher gleicher Tendenz ge- schrieben worden 2); auch periodische Schriften über tropische Agri- •1) Zweite Auflage. Unter Mitwirkung von 0. War bürg und M. Busemann herausgegeben von R. Hindorf. Wismar 1897. Eine dritte Auflage des ersten Bandes ist in Vorbereitung, bis jetzt (April 1913) aber noch nicht erschienen. 2) J. Wohltmann, Handbuch der tropischen Agrikultur für die deutschen Kolonien in Afrika, auf wissenschaftlicher und praktischer Grundlage. Bd. I: Die natürlichen Faktoren der tropischen Agrikultur und die Merkmale ihrer Beurteilung. Leipzig 1892. — R. Sadebeck, Die Kulturgewächse der deutschen Kolonien und ihre Erzeugnisse. Jena 1899. — Fesca, Der Pflanzenbau in den Tropen und Sub- tropen. Berlin. Bd. I (1904), Bd. H (1907). — Sehr beachtenswert ist auch das jüngsthin erschienene Werk von Fruwirth über die Züchtung tropischer Kultur- pflanzen. Berhn 1912. — Seit 1900 erschien eine nicht unbeträchtliche Zahl ein- schlägiger Werke, auf die im speziellen Teile dieses Werkes hingewiesen werden wird. 48 Einleitung. kulturi), insbesondere über die Kultur der Gewächse in den deutschen Kolonialgebieten, sind im Erscheinen begriffen und bringen fortlaufend Daten, welche auch der technischen Rohstofflehre zugute kommen, wie die folgenden Kapitel lehren werden. Von besonderer Wichtigkeit für die Kenntnis der tropischen Rohstoffe und ihrer Verwertung sind die biologischen und forstwirtschaftlichen Versuchsstationen, welche in neuerer Zeit ins Leben gerufen wurden 2). Auf die Bedeutung monographischer Arbeiten ist schon in dem Bericht über die ältere Entwicklungsperiode die Aufmerksamkeit gelenkt worden. Unsere neuere Entwicklungsperiode ist relativ noch viel reicher an monographischen Bearbeitungen einzelner Rohstoffgruppen und ein- zelner Rohstoffe. Allein aus schon früher angeführten Gründen kann auch rücksichtlich dieser Arbeiten nicht in Details eingegangen werden, und ich will nur, um charakteristische Beispiele anzuführen, erwähnen, daß die gesamten Gerberrinden in F. v. Hühnel, die Harze in Tschirch und seinen Schülern, speziell der Storax in J. Moeller, die Guttapercha in E. Obach und anderen, die Jute in Pfuhl, die Pflanzenfasern in F. V. Höhnel, T. F. Hanausek, Herzog und Wiesner, die Papier- fasern in Herzberg und Wiesner Bearbeiter gefunden haben. Endlich sei noch ein Wort über die technische Rohstofflehre des Pflanzenreiches als Unterrichtsgegensland gesagt. In früherer Zeit bildete diese Disziplin nur einen untergeordneten Bestandteil der >'or- träge über chemische und mechanische Technologie. An manchen tech- -1) Der Tropenpflanzer. Zeitschrift für tropische Landwirtschaft. Organ des kolonial-wirtschafthchen Komitees. Herausgegeben von 0. War bürg und F. Wohlt- mann. Jährhch ein Band seit -1897. Berhn. Wie schon der Vorrede zum 1. Bande zu entnehmen, dient diese Zeitschrift allerdings in erster Linie den deutsch-afrikani- schen Interessen, will aber allen deutschen Kolonisten in der tropischen und sub- tropischen Zone zur Belehrung dienen. Dem »Tropenpflanzer« folgten alsbald ähn- liche französische, englische, holländische vmd deutsche Journale, z. B. die Zeitschriften »Revue des Cultures coloniales« und »The Shamba, Journal of Agriculture for Zan- zibar« ; Journ. d'Agriculture tropicale, hauptsächlich über die französischen Kolonien referierend; L'agriculture pratique des pays chaudes, über Guayana; Bullet, econo- mique, Indo-Chine; Jardin colon. Bruxelles; Bull. Depart. Agron. Jamaica; Report of the Imperial Departem. of Agricult. of India, Calcutta; Annual Report of the Agric Stations in Eastern Bengal and Anam; Ann. Rep. of the Departement of Agricult. Bombay Presidency; Bull. Kolonial Museum Harlem; Jarbook von het Departement van Landbouw in Nederland. Indie; Berichte über Land- und Forstwirtschaft in Deutsch-Ostafrika; Jahresbericht des kaiserl. biolog. -landwii'tschaftlichen Instituts, Amani; Berichte über Land- und Forstwirtschaft in Deutsch-Ostafrika; Der Pflanzer, Ratgeber für tropische Landwirtschaft, Usambara; Jahrbuch des Vereins für an- gewandte Botanik, Berlin usw. Außerordentlich groß ist die Zahl ähnlicher Zeit- schriften, welche in den Vereinigten Staaten herausgegeben werden. 2) Über die Bedeutung dieser kolonialen Versuchsstation s. Tropenpflanzer X ;i90 6), p. 241 ff. Einleitung. 49 nischen Lehranstalten ist dies auch jetzt noch der Fall. Unter solchen Verhältnissen kann aber die technische Rohstofflehre des Pflanzenreiches begreiflicherweise nicht gedeihen, weil sie ihrer Natur nach in erster Linie eine Naturgeschichte der pflanzlichen Rohstoff"e bildet und einen besonders in mikroskopischen Untersuchungsmethoden bewanderten Bo- taniker erfordert. Dem Lehrer der chemischen und mechanischen Tech- nologie liegen aber in der Regel die Methoden des Botanikers fern; für ihn tritt die rein technologische Seite seines Lehrgegenstandes, die Ver- arbeitung des Rohstoffs so sehr in den Vordergrund, daß ein gründ- Uches Eingehen in die Morphologie und Mikrochemie des Rohstoffs von seiner Seite wohl nur in Ausnahmefällen zu erwarten ist. Auch nach dieser Richtung ist in neuerer und neuester Zeit ein großer Umschwung eingetreten, indem man an den technischen Hoch- schulen der Rohstofflehre des Pflanzenreiches eine selbständigere Stellung eingeräumt hat. Die technischen Hochschulen Österreichs sind hier mit gutem Beispiel vorangegangen, indem an ihren chemischen Fachschulen unter dem Titel »technische Warenkunde« ein Lehrgegenstand als obli- gates Fach eingeführt wurde, weicher vor allem der technischen Rohstoff- lehre des Pflanzenreiches zu dienen hati). Auch an den technischen Hochschulen des Deutschen Reiches ge- winnt die technische Rohstofflehre des Pflanzenreiches immer mehr an Bedeutung, indem Botaniker von Fach unter dem Titel V^arenkunde, Rohstofflehre oder technische Mikroskopie, oder unter anderen Titeln die Lehre von den technisch verwendeten Rohstoffen des Pflanzenreiches als selbständiges, von der Technologie losgelöstes Fach vortragen. Auch die Universitäten tragen in höherem Maße als früher den Und so wird der an den Hoch- 1) An den österreichischen technischen Hochschulen ist in der Regel der Pro- fessor der Botanik mit den Vorträgen über technische Warenkunde und über tech- nische Mikroskopie betraut. An der Wiener technischen Hochschule wurde die technische Warenkunde im Jahre 1866 als obligates Fach eingeführt. ^2) In den letzten Jahren wurden in Berlin über Nutz- und Kulturpflanzen in den deutschen Kolonien usw. Vorträge gehalten. Am königl. botanischen Museum und botan. Garten in Berlin sind Voi'ti-agszyklen über >Kolonialbotanik, Kultur und Ver- wertung tropischer Nutzpflanzen< in neuester Zeit eingerichtet worden. Der Erwerb überseeischen Kolonialbesitzes durch das deutsche Reich trägt überhaupt mächtig dazu bei, die tropischen und subtropischen Kulturpflanzen dieser Gebiete und die Produkte dieser Gewächse einem eingehenden Studium zuzuführen. An allen deut- schen Universitäten, ohne jede Ausnahme, werden in neuester Zeit Vorlesungen über Kolonialwissenschaften gehalten (Tropenpflanzer -1909, p. 16), wobei natürlich auch die Kulturpflanzen und deren Erzeugnisse starke Berücksichtigung finden. Das bota- nische Staatsinstitut für angewandte Botanik in Hamburg hat in neuester Zeit eine der reichhaltigsten Sammlungen pflanzlicher Rohstoffe aufgestellt, welche zu Lehr- und Studienzwecken dient. Das in neuester Zeit (1908) ins Leben gerufene Kolonial- Wiesner, Rohstoffe. I.Band. 3. Aufl. 4 50 Einleitung. schulen in neuester Zeit eingeführte Unterricht in der Lehre von den technisch verwendeten Rohstoffen des Pflanzenreiches zweifellos dazu bei- tragen, diese neue, wichtige, aber lange vernachlässigt gebliebene Diszi- plin zum Nutzen der Technik, des Handels und der Industrie in ihrer weiteren Entwicklung zu fordern. Institut in Hamburg pflegt diese Richtung in besonders intensiver Weise. Es werden daselbst Vorträge über koloniale Nutzpflanzen, ihre Kultur und ihre Produkte, ferner praktische Übungen im Erkennen der Unterschiede pflanzlicher Erzeugnisse des Handels abgehalten. Die Zentralstelle des Hamburger Kolonialinstituts erteilt auch Auskunft in Fragen der angewandten Naturwissenschaft (Tropenpflanzer i 91 2, p. 51). Auch an der Wiener Universität werden seit Jahren Vorträge über die Mikroskopie der technisch benutzten Rohstoffe des Pflanzenreiches abgehalten. Erster Abschnitt. G u m m i ca r t e n *). Die natürlichen Gummiarten sind den Kohlehydraten sehr nahe stehende PflanzenstofTe, welche im Aussehen mit dem wichtigsten Re- präsentanten dieser Rohstoffe, dem bekannten arabischen Gummi, mehr oder minder nahe übereinstimmen, sich gewöhnlich auch wie dieses in Wasser zu einer im konzentrierteren Zustande dicklichen Flüssigkeit lösen, manchmal aber nur unter bloß teilweiser Lösung darin zu einem fadenziehenden Schleim oder einer Gallerte aufquellen. Allen Gummi- arten gemeinsam ist ihre völlige Unlöslichkeit in starkem Alkohol, in Äther und ähnlichen Lösungsmitteln der Harze und die Fähigkeit, beim Kochen mit verdünnter Schwefelsäure schließlich zum größeren Teile — jedoch niemals vollständig — in einfache Zuckerarten (Glykosen) aus der Gruppe der Pentosen, GjHjqOj, und der Hexosen, C6H12O6, über- zugehen 2). Körper dieser Art, deren physikalische und chemische Eigenschaften später noch eingehender vorgeführt werden sollen, bezeichnet man als i) Dieser Abschnitt stützt sich vorwiegend, nämhch abgesehen von neuen Be- obachtungen und Untersuchungen, auf die von mir durchgeführte monographische Bearbeitung der Gummiarten in dem Buche: Die technisch verwendeten Gummiarten, Harze und Balsame. Erlangen 1869, im nachfolgenden kurz zitiert unter dem Schlag- worte: »Gummi und Harze«. Der chemische Teil dieses Abschnittes (p. 64 ff.) wurde von Hofrat Dr. S. Zeisel, Professor an der Hochschule für Bodenkultur in "Wien, neu bearbeitet. 2) Daß sich hierbei nach Berthelot (Chim. org. H, p. 279) als Zwischenglied Dextrin bilde, läßt sich nicht mehr aufrecht halten. Das Dextrin, welches häufig den Gummiarten zugezählt wird, ist nicht in die Gruppe dieser Körper zu stellen. Diese Substanz wird in vorliegendem Werke nicht abgehandelt werden, da sie trotz ihres sehr häufigen Vorkommens in den Geweben der Pflanzen technisch nie aus diesen, sondern stets nur künstlich aus Stärke bereitet wird. Die Pflanzengewebe enthalten nämlich wohl häufig, stets aber nur kleine Mengen von Dextrin und dextrinartiger Substanz, deren Identifikation mit Dextrin in vielen Fällen noch aussteht. 4* 52 Erster Abschnitt. Gummiarten. Gummi 1), eine Körpergruppe, welche im Pflanzenreiche ungemein ver- breitet ist. Tritt das Gummi in normalen Geweben als nie fehlender Bestand- teil auf, so wird es als physiologisches Gummi bezeichnet, ob es einen Bestandteil der Zellhaut bildet, wie das Holzgummi, oder ob es im Inhalte der Zellen gelöst vorkommt, wie das Gummi der Hefe oder der Runkelrübe. Bildet sich aber das Gummi infolge spontan entstehen- der oder künstlich hervorgerufener Verletzungen, so wird es als patho- logisches Gummi bezeichnet. Es. tritt häufig massenhaft aus der Rinde hervor, oder sammelt sich vor dem Austritt zuerst im Holzkörper. Es dient dem Verschluß von Wunden. In der Rohstofflehre haben wir es ausschließlich mit pathologischem Gummi zu tun 2). I. Physikalische und naturhistorische Charakteristik. Die Form der natürlichen Gummiarten ist meist sehr veränderlich und wenig bestimmt: rundlich, knollenförmig und nur in seltenen Fällen charakteristisch. So finden sich im australischen Gummi häufig halb- kugelige Stücke vor; es kommen Sorten von Senegalgummi im Handel vor, welche wurm- oder astförmig gestaltet sind (Fig. 1); das Chagual- gummi besteht aus Fragmenten hohler Zylinder (Fig. 2), das Anacardium- 1) Über die Herkunft des Wortes »Gummi« s. weiter unten bei Besprechung der Geschichte des arabischen Gummi. Anfangs bezog sich dieses Wort ausschheß- lich auf das arabische Gummi. Später wurden ähnhch aussehende Körper, darunter auch viele Harze, selbst das sog. Federharz, nämhch der Kautschuk, als Gummi be- zeichnet. Kautschuk wurde viel häufiger als Gummi elasticum wie als Resina elastiea bezeichnet. Wenn nun bald darauf Gummi im heutigen Sinne genommen wurde, nachdem der Begriff eine naturwissenschaftliche Begrenzung gefunden hatte, so schlägt die alte Bezeichnung doch noch oft genug durch und es werden moderne Gebrauchsgegenstände als Gummi bezeichnet, welche naturwissenschaftHch diesen Namen nicht verdienen. Zahlreiche aus Kautschuk dargestellte Fabrikate werden häufig als Gummiartikel bezeichnet (Gummischuhe, Gummimäntel usw.), aber man spricht auch von einer Gummiindustrie, man nennt den bei uns als Topfpflanze häufig kultivierten ostindischen Kautschukbaum (Ficiis elastiea) Gummibaum; eine verbreitete dem Kautschukhandel und der Kautschukindustrie dienende Zeitschrift führt den Namen > Gummizeitung«, das oft gebrauchte Wort > Gummiindustrie < bezieht sich ausschließlich auf Kautschuk und ähnliche Körper (Guttapercha und Balata) usw. Es werden solche falsch verwendete Worte wohl nur selten irreführen, es läßt sich auch gegen eine derartige Terminologie nicht ankämpfen; allein eine solche fehler- hafte Worlanwendung ist doch zu beklagen und sollte vernünftigerweise auch mög- lichst vermieden werden, 2) Die Scheidung des natürlichen Gummi in physiologisches und pathologisches wurde gleichzeitig von J. Mocller (Pharmakognosie, Wien ISSy) und Tschirch (An- gewandte Pflanzenanalomie, Wien und Leipzig, I, 1889) vorgenommen. Die oben durchgeführte Scheidung schließt sich mehr dem Moellerschen Ideengange an. Erster Abschnitt. Gummiarten. 53 [Fig. 3); manche Tragant- sorten (Blättertragant) setzen sich aus abgeplatteten bis blätterfürmigen, Fig. 1. Natürliche Große. Senegal- gummi. a, 6 wnrmförmige Stücke. c astförmiges Stück. Fig. 2. Natürliche Größe. Chago algum mi. A kon- kave Innenseite eines Bruchstückes. B radiale Längs- bruchfläche. Querbruchfläche, a, b anhaftendes Oberhautgewebe, c Abdruck der Skulptur des Stam- mes, über den sich das Gummi ergoß. Fig. 3. Natürliche Größe. Stalakti- tische Form des Gummi von Anacar- dium occidentale. a, a Bruchfläcbe, senkrecht zur Richtung der stengei- förmigen Stücke. J3' Fig 4. Bl itter t rag mt A, B Flichenansichten. A', ii' SeittnansiLhten. Natüilube Grtße. C Flächen- ansicht bei zweimaliger Vergrößerung, um die auf die Zonenrichtung beiläuüg senkrecht verlaufende Streifuug zu veranschaulichen. andere (Fadentragant) aus fadenförmigen Stücken zusammen und der- gleichen mehr (Fig. 4). 54 Erster Abschnitt. Gummiarten. Die Oberfläche ist bei manchen Gummiarten für das freie Auge glatt, infolge anscheinend vollkommen gleichmäßiger Zusammenziehung beim Eintrocknen; dies gilt beispielsweise für das Gummi von Moringa pterygosperma und von Anacardium occidentale. Der Tragant (Blätter- tragant) erscheint gestreift, desgleichen auch die wurmförmigen Stücke des Senegalgummi (Fig. 1, b, Fig. 4, c), welche aber später, wie wir gleich sehen werden, einen rissigen Charakter annehmen können. Auch das Chagualgummi ist an seiner Innenseite gestreift (Fig. 2). Während aber bei Tragant- und Senegalgummi die Streifung auf einer ungleichmäßigen Zusammenziehung des Gummi beim Eintrocknen beruht, ist dieselbe beim Chagualgummi ein Abdruck der Oberhaut des Stengels, an welchem sich dieses Gummi abgesondert hat. Charakteristisch für viele Gummiarten ist die Bildung von Rissen. Während den sehr zähen Gummiarten die Rißbildung fehlt (Tragant), Fig. 5. Vergrößerung l'/smal. Unregel- mäßige Rißbildung an der Oberfläche von im Wasser unvollkommen löslichem, zähem AVaziengurami. Fig. 6. Vergrößerung 2 mal. Brachfläche eines Gummistöclies einer Sorte von Somaligummi mit strahligem Gefüge. (Ans der Sammlung des bot. Museums in Berlin.) ist eine solche an allen spröden Gummiarten in hohem Grade ausge- prägt, z. B. am arabischen Gummi, und reicht hier häufig bis ins Innere^ während sie bei anderen auf die Oberfläche beschränkt bleibt. Nach eingehenden Studien, welche ich über Rißbildungen an Gummi- arten angestellt habe, muß man zweierlei Arten von Rißbildungen unter- scheiden: klaffende Risse und solche, bei welchen die Rißfläcben dicht nebeneinander bleiben; ich will sie zum Unterschiede von den klaffenden Rissen als Sprünge bezeichnen. Immer sind die Risse Folge von ungleichmäßiger Zusammenziehung, welche entweder langsam bei der durch allmähliche Wasserabgabe ver- mittelten Volumsabnahme der Gummimassen, bei vollkommen trockenem Gummi auch durch Stoß oder Druck erfolgt. Die klaffenden Risse entstehen bei rascher Zusammenziehung noch weicher, wasserreicher, also noch lange nicht lufttrocken gewordener Erster Abschnitt. Gummiarten. 55 Gummistücke, während sich die Sprünge an bereits trocken gewordenen Gummimassen bilden, wenn sie eben in den lufttrockenen Zustand über- gehen. Die Bildung klaffender Risse erfolgt nur in der Oberfläche der natürlichen Gummimassen und ist meist nur eine spärliche. Bei zähen Gummiarten bleibt die Rißbildung auf dieser Stufe stehen (Fig. 5), während bei den spröden Gummiarten sich zu dieser die Sprungbildung gesellt. Diese Sprungbildung ist bei manchen Gummiarten auf die Oberfläche beschränkt, bei anderen Arten greift sie tiefer ins Innere ein und kann sich sogar — in manchen Fällen strahlenförmig — bis ins Zentrum des Kornes fortsetzen (Fig. 6). Merkwürdig verhält sich in Bezug auf Rißbildung das Senegalgummi. Wie an allen Arten von Akaziengummi kann an dieser Gummiart die Fig. 7. Vergr. l'/imal. Sene galgumm i. A Um- riß eines halbkugelformigen Stüclies. B dasselbe, um die radial und tangential orientierten Sprung- liuien auf der Oberfläche der flaclien Seite des Stückes zu zeigen. Fig. 8. Natürliche Größe. Ein Stück Se ne- galgummi, quer durchbrochen, a Bruch- fläche, glänzend homogen. 6 rissige, das ganze Stück umkleidende Hülle. Bildung klaffender Risse vorkommen, und findet sich auf derselben tat- sächlich häufig vor. Bei weiterer Eintrocknung stellt sich aber Sprung- bildung ein, wobei zunächst Sprunglinien gebildet werden, welche sich gewöhnlich mehr oder minder regelmäßig netzartig vereinigen (Fig. 1, a, c). An runden Stücken tritt die Regelmäßigkeit der Netzbildung schär- fer hervor und an halbkugeligen Stücken sind auf der flachen Seite die Rißlinien radial angeordnet und die radialen Sprünge durch tangential verlaufende so regelmäßig verbunden, daß die Rißbildung einem Spinne- webennetze gleicht (Fig. 7). Beim Senegalgummi greift aber die Riß- bildung gewöhnhch über die Oberfläche hinaus: es bildet sich eine von Rissen durchzogene, infolge hohen Luftgehaltes weißliche opake Kruste aus, welche das homogen und dunkler erscheinende Innere jedes Korns 56 Erster Abschnitt. Gummiarten. bedeckt (Fig. 8). Durch diese Merkmale unterscheidet sich das Senegal- gummi selbst in seinen besten Sorten von dem arabischen Gummi, bei welchem stets tief eingreifende Rißbildung vorkommt. Diese, so viel mir bekannt, bisher nicht beachteten morphologischen Verhältnisse ermög- lichen es, die guten und besten Sorten des Senegalgummi von den besten Sorten des arabischen Gummi (Kordofan) zu unterscheiden. In Bezug auf die Qualitäten der Akaziengummen bietet die Beach- tung der Rißbildung Anhaltspunkte, um die schlechten Sorten von den guten zu unterscheiden. Alle guten Sorten zeigen Sprungbildung, wäh- rend die schlechten (zähen, an bloß quellbarem Gummi reichen) Sorten entweder gar keine Rißbildung aufweisen oder^ bloß klaffende Risse zu erkennen geben. Doch sind diese durch die Rißbildung charakte- ristischen Typen selbstverständlich durch Übergänge verbunden. Ich möchte hier noch erwähnen, daß an manchen zähen Gummiarten (z. B. Kirschgummi) während der ganzen Zeit der Zusammenziehung entweder die Oberfläche vollkommen glatt geblieben, oder von klaffenden Rissen durchsetzt ist. Auch bei den besten Gummisorten (Kordofangummi) fin- den sich Sorten mit klaffenden Rissen und ohne solche. Dies leitet zu der Ansicht, daß die Bildung der klaffenden Risse mit der Art der Ein- trocknung der natürlichen Gummimassen im Zusammenhange steht, und ich halte es für wahrscheinlich, daß alle Gummiarten, bis etwa zur Er- reichung des lufltrocknen Zustandes, sich gleichmäßig zusammenzuziehen vermögen, wenn die Wasserabgabe eine allmähliche ist, hingegen bei rascher Wasserabgabe, in noch verhältnismäßig wasserreichem Zustande klaffende Risse bekommen. Für die Untersuchung der Gummiarten scheint mir also die Anwesenheit oder Abwesenheit von Sprungbildung wichtiger als die Art der Rißbildung (klaffende Risse oder Sprünge). Eine absolut gleichmäßige, bei der Eintrocknung vor sich gehende Zusammenziehung der natürlichen Gummimassen wird wohl niemals vor- kommen, so daß dieselben oberflächlich niemals vollkommen glatt sind, wie der Augenschein vermuten ließe. Vielmehr erkennt man, daß selbst an der dem freien Auge glatt erscheinenden Oberfläche der Körner jene Skulpturen der Oberfläche sich bei mikroskopischer Untersuchung wie- derholen, welche man an manchen Gummiarten schon mit freiem Auge sieht (Slreifung, Körnelung usw.). Mikroskopisches Yerhalten der Gummiarten. Abgesehen von der Oberfläche, welche sich wohl immer, in der Regel sehr scharf, in morphologischer Beziehung vom Innern der natürlich begrenzten Gummi- massen differenziert, erscheinen die letzteren dem freien Auge vollkommen homogen. Bei mikroskopischer Untersuchung bleibt dieser Charakter entweder erhalten gewöhnlicher Fall) oder es geben sich Strukturver- hältnisse kund, welche auf jene Gewebe zurückzuführen sind, aus welchen Erster Abschnitt. Gummiarten. 57 durch chemische Metamorphose die Gummiarten hervorgegangen sind. Für manche Gummiarten (z. B. für den Tragant, für das Moringa- gummi) sind diese im Rohstoff noch mehr oder minder deutlich her- vortretenden organischen Strukturen charakteristisch. Es scheint mir zweckmäßig, diese Strukturverhältnisse an anderer Stelle, nämlich in dem der Entstehung des Gummi in den Pflanzengeweben gewidmeten Paragraphen dieses Abschnittes, im Zusammenhange zu erörtern. Abgesehen von den hier berührten organischen Struk- turen erscheint die Gummimasse strukturlos und gewöhnlich ho- mogen wie Glas. Doch tritt häufig Luft, teils die oben ge- nannten Sprünge erfüllend, teils in Form von Luftblasen im Gummi auf, manchmal in sol- chen Massen, daß dasselbe ganz schaumig oder bimssteinartig aussieht, entweder bloß unter Mikroskop, oder sogar für das freie Auge. Manche Gummiarten er- scheinen im ganzen allerdings glasartig, aber es zeigt sich im Mikroskop stellenweise ein fei- ner schlierenartiger Hauch, der sich schwer definieren läßt und ein Ausdruck dafür ist, daß das betreffende Gummi optisch nicht Fig. 9. Vergrößerung 40 mal. Bruclitiäche von einem Stück arabischen Gummi. Die Rißlinien r r stehen ge- nau oder nahezu senljrecht auf den Zonen (s) der Muschelbruchfläche. Nach links ist die Fläche un- begrenzt. Schlieren habe ich in verschie- denen Akaziengummiarten, ver- hältnismäßig häufig im Senegal- gummi, beobachtet. Der Bruch der Gummiarten ist gewöhnlich muschelig, was an größeren Stücken schon mit freiem Auge erkennbar ist. An mikro- skopischen Stücken tritt der muschelige Bruch dadurch in Erscheinung, daß die gekrümmte Fläche zonenartig gegliedert erscheint. Die musche- lige Bruchfläche ist radial von zahlreichen Rißlinien durchsetzt, welche die eben erwähnten Zonen reichlich in senkrechter Richtung durchsetzen (Fig. 9). Kurze Rißlinien sind gewöhnlich geradlinig, während die langen Rißlinien verzweigt erscheinen, indem von einem größeren Risse 58 Erster Abschnitt. Gummiarten. (»Sprung«; s. oben p. 54) meist unter sehr spitzen Winkeln kleinere Seitenrisse ausgehen Fig. 9\ Die Bruchflächen lassen gewöhnlich keine bestimmte Orientierung er- kennen, nur bei stengeligen oder stalaktitisch geformten Gummimassen (z. B. beim Anakardiumgummi; s. Fig. 3 auf pag. 53) stehen sie häufig senkrecht zur Längsrichtung der Stücke. Infolge der Zusammenziehung beim Eintrocknen erscheinen solche Stücke von zahlreichen Querrissen durchsetzt. Farbe. Gummiarten von vollkommener Farblosigkeit kommen nicht vor. Die besten Sorten von Akaziengummi sind nahezu farblos, haben aber stets einen Stich ins Gelbliche. Gewöhnlich liegt die Farbe der Gummiarten zwischen blaßgelb und einem hellen Bräunlichrot. Ghagualgummi und Feroniagummi sind zumeist schön topasgelb, manche Sorten von Prosopisgummi (Mesquitegummi) tief zirkonrot. Auch manche geringe Akaziengummi haben eine zirkonrote bis tiefbraune Farbe. Tief braunschwarz ist das Gummi der Moringa pterygosperma. Bei tief gefärbten Gummiarten, welche aus in Wasser leicht löslichen und schwer- bis unlöslichen Gummibestandteilen zusammengesetzt sind (Prosopisgummi, Enterolobiumgummi usw.), läßt sich der erstere Anteil durch Wasser leicht ausziehen, der letztere bleibt gefärbt zurück. Der in Wasser lösliche Anteil des Gummi erscheint weingelb gefärbt, die im Wasser bloß gequollene Masse zeigt eine rötlich bräunliche bis bräun- liche Farbe. Durch Kali bleibt die Farbe unverändert oder es geht die Farbe des gequollenen Gummi noch mehr ins Braune über, durch Salzsäure hingegen schlägt sie in ein lebhaftes Rotviolett um. Ich habe dieses Verhalten des Farbstoffes sowohl bei Leguminosen- als bei dem Prunoideengummi beobachtet. Besonders scharf tritt die Rotviolett- färbung bei dem Enterolobiumgummi auf. Selbst ein und derselbe Baum kann farbloses und gefärbtes Gummi liefern. Ich habe Stücke von arabischem von Acacia Senegal herrührendem Gummi gesehen, welche zur Hälfte licht weingelb, zur Hälfte lebhaft rot (Farbe des doppelt chromsauren Kali) gefärbt waren. Auch die einzelnen natürlichen Kürner des Gummi von Enterolohium cydocarpum sind verschiedenfarbig. Der Strich der Gummiarten ist gewöhnlich weiß, selbst jener der ziemlich intensiv gefärbten; nur die dunklen bis schwärzlichen Sorten weisen einen etwas gefärbten, ins Hellzimtbräunliche ziehenden Strich auf Durchsichtigkeit. Die meisten Gummiarten sind durchsichtig bis durchscheinend; nur die dunkelsten Sorten, z.B. das Moringagummi, sind fast gänzlich opak und nur an den Kanten etwas durchscheinend. Glanz. Glasglanz herrscht vor, doch gibt es auch fettglänzende Gummiarten (Anakardiumgummi^ und andere, welche selbst auf frischer Erster Abschnitt. Guramiarten. 59 Bruchfläche matt erscheinen (z. B. Tragant). Infolge der oben ge- schilderten Oberflächenbeschaffenheit besitzen die auf frischer Bruch- fläche glasartigen Gummen eine matte oder glanzlose natürliche Ober- fläche. Anisotropie der Gunimiarten. Man hat die Gummiarten früher für isotrop, für einfach lichtbrechend gehalten. So viel mir bekannt, hat zuerst Roussin im Jahre 1860 auf die Doppelbrechung des ara- bischen Gummi aufmerksam gemacht i). Ich habe später die Doppel- brechung auch an anderen Arten von Akaziengummi, ferner an zahl- reichen anderen Gummiarten (Tragant, Chagualgummi, Kirschgummi usw.) nachgewiesen 2j. Die Ansichten über das Zustandekommen der bei Gummiarten auf- tretenden Doppelbrechung sind geteilt. Nach Schwendener^) ist die- Anisotropie der Gummiarten zurückzuführen auf Zusammensetzung der- selben aus anisotropen Mizellen. Hingegen vertritt v. Ebner 4) die An- sicht, daß die Substanz der Gummiarten an sich einfachbrechend ist, aber durch Zug und Druck doppeltbrechend werde. Der ersteren An- sicht pflichtet, auf Grund einer Wiederholung der Schwendenerschen und der v. Ebnerschen Versuche und nach kritischer Würdigung der beiderseits vorgebrachten Argumente auch Ambronn^) bei. Tatsache ist, daß Gummi entweder einfach- oder doppeltbrechend erscheinen kann, was von Schwenden er in der Weise gedeutet wird, daß die anisotropen Mizellen im ersteren Falle ordnungslos, im letzteren Falle mit ihren optischen Achsen in paralleler Anordnung an der Zusammen- setzung des Gummi oder der Gummilösung Anteil nahmen, v. Ebner nimmt hingegen im ersteren Falle einen spannungslosen, im letzteren Falle einen gespannten Zustand (Druck- bzw. Zugspannung) an. Da es sich hier nur um tatsächliche Beobachtungen, welche zu einer Charakteristik der Gummiarten herangezogen werden können und 1) Journ. Pharm. 37 (1860), p. 411. 2) Wiesner, Gummi und Harze (1869), p. 7. 3) Schwendener, Zur Doppelbrechung vegetabihscher Objekte. Sitzungsberichte der königl. preuß. Akad. d. Wissenschaften. XVIII (1889). Derselbe, Nochmals über die optisch anomale Reaktion des Tragant- und Kirschgummi. Ebenda. XLII (1890). 4) V. Ebner, Untersuchungen über die Ursachen der Anisotropie organischer Substanzen. Leipzig 1882. Derselbe, Über das optisch anomale Verhalten des Kirschgummi und des Tragants gegen Spannungen. Sitzungsberichte der kaiserl. Akademie der Wissenschaften in Wien. Bd. 97 (1888). Die von v. Ebner ausge- sprochene Ansicht, daß das Gummi an sich einfachbrechend ist und erst durch (auf Druck und Zug) erfolgende Dichtigkeitsunterschiede doppeltbrechend werde, habe auch ich in meinem Buche über Gummi und Harze (p. 7) vertreten. 5) Ambronn, Das optische Verhalten und die Struktur des Kirschgummi. Be- richte der Deutschen Botan. Gesellschaft. Bd. VlI (1889), p. 103 ff. 60 Erster Abschnitt, Gummiarten. nicht um theoretische Diskussionen handelt, so seien folgende Tatsachen hier vorgeführt. Bekanntlich hat Brewster zuerst gezeigt, daß Glas an sich iso- trop ist und durch Druck, beziehungsweise Zug doppeltbrechend wird. Es ist jetzt allgemein bekannt, daß Glas durch Zug positiv, durch Druck hingegen negativ doppellbrechend werde, v. Ebneri) hat ge- funden, daß getrocknetes Kirsch- oder Tragantgummi sich so wie Glas verhalten, nämlich ebenfalls durch Zug positiv und durch Druck negativ doppeltbrechend werde. Nun ist durch Mach^j gezeigt worden, daß sirupdicke Meta- phosphorsäure sich bei Druck und Zug bezüglich seines doppeltbrechenden Charakters umgekehrt wie Glas verhalte, nämlich durch Zug negativ, durch Druck positiv doppeltbrechend werde. Dasselbe optische Verhalten wurde bezüglich der Doppelbrechung von v. Ebner an gequollenem Kirsch- und Tragantgummi beobachtet. Aber umgekehrt wie Kirsch- und Tragantgummi verhält sich nach v. Ebner »reinstes arabisches Gummi«. Doch verhalten sich nicht alle Akaziengummi nach meinen Beobachtungen wie das »reinste arabische Gummi«, und namentlich die geringen Sorten des arabischen Gummi, welche reich an bloß quell- barem Gummi sind, gleichen nach den von mir angestellten Beobach- tungen in dieser Hinsicht dem Tragant- oder Kirschgummi. Die tatsächlichen Verhältnisse der Doppelbrechung der verschie- denen Gummiarten sind noch sehr unvollständig untersucht. Schwen- dener^) teilt zur Anregung für jene Forscher, welche das optische Verhalten der Gummiarten zu untersuchen beabsichtigen, mit, daß nach seinen Beobachtungen an trockenen Gummifäden bezüglich der Lage des Elastizitätsellipsoids sich folgende Gruppierung ergibt: a) Fäden mit quergestellter Ellipse: Tragant, Kirschgummi, Gummi aus den Blattstielen von C^jcas revoluta und JDioon etlule, desgleichen von Ängiopteris. b) Fäden mit längsgestellter Ellipse: Arabisches Gummi, Gummi aus den Blattstielen von Eficephalartos horridus. Ein Irisieren kommt an Gummiarten selten und dann nur stellen- weise vor, wie etwa an Glasbruchstücken, z. B. an arabischem und Senegalgummi. Drehung der Polarisationsebene der gelösten Gummiarten. Nach der herrschenden Ansicht drehen die in Wasser löslichen Gummi- arten, selbstverständlich nach vollständiger Entfernung des etwa vor- handenen Zuckers, die Polarisationsebene nach links, und insbesondere ■I) Untersuchungen, p. 17 und 27. 2) E. Mach, Optisch-akustische Versuche. Prag 1873. 3) In der zweiten obengenannten Abhandlung (Separatabdruck p. 6). Erster Abschnitt. Gummiarten. 61 wird dies von allen Gummiarten ausgesagt, welche als arabisches Gummi zusammengefaßt werden. Diese Angabe stützt sich aber auf sehr un- vollständige Untersuchungen. Vor allem sei hervorgehoben, daß das i^eroma - Gummi entschieden nach rechts dreht, was zuerst von Flückiger angegeben und von mir an einem reichen Materiale dieses Gummi von verläßlichster Provenienz bestätigt wurde. Ich habe aber weiter gefunden, daß selbst Sorten des arabischen Gummi existieren, welche nach rechts drehen, z. B. nordafrikanisches Gummi (Mogador- gummi). Von Flückiger i) wurde angegeben, daß eine aus Sennaar stammende, von Kordofangummi nicht zu unterscheidende Gummiart die Polarisationsebene gleichfalls nach rechts drehe. Ich habe zahl- reiche Proben der besten Sorten von Senegalgummi (bas du fleuve) und arabischem Gummi (Kordofan) untersucht, und durchaus linksdrehend gefunden 2). In dem chemischen Teile dieses Abschnittes wird darauf hingewiesen werden, daß ein bestimmter Zusammenhang zwischen der chemischen Konstitution der Gummen und ihrem Drehungsvermügen nachweislich ist, daß nämlich alle Gummiarten, welche relativ wenig (bis 20,7 Proz.)' Schleimsäure bilden, in Lösung die Polarisationsebene nach rechts, die- jenigen, welche über 21 Proz. (bis 38,3 Proz.] Schleimsäure bilden, nach links drehen. Die Dichte variiert selbst bei einer und derselben Sorte oft sehr stark, da größere oder kleinere Mengen von Luft den Gummiarten stets beigemengt sind. Diese Eigenschaft kann deshalb nur in seltenen Fällen für die Charakteristik verwendet werden. Hingegen zeigen bestimmt konzentrierte Lösungen reiner Sorten bestimmter Gummiarten sehr kon- stante Dichte. Das spezifische Gewicht des lufttrockenen arabischen Gummi wird gewöhnlich mit 1,978 angegeben. Rasch bei 100" ge- trocknet soll das spezifische Gewicht 1,525 betragen 3). Alle Gummiarten sind gei'uclilos. Der Geschmack ist schl eimi oft mit einem süßlichen, bitteren oder zusammenziehenden Beigeschmack, auf den, soweit er charakteristisch ist, bei einzelnen Gummiarten noch zurückgekommen werden wird. 1) Pharmakognosie. 3. Aufl., 1891, p. 6. Auch Scheibler (Ber. d. Deutschen Chem. Ges., Bd. VI, p. 61 8) fand das Sennaargunimi rechtsdrehend. 2) Scheibler (1. c.) hat eine Sorte von Senegalgummi untersucht und gleich- falls hnksdrehend gefunden. 3) V. Gräfe, Die Gummisubstanzen S. 13 in: Abderhalden, Biochemisches Handlexikon. Berlin 1 910 ff. Hier findet sich auch angegeben, daß längeres Trocknen bei 100'', wie es für eine genaue Dichtenbestimmung erforderlich wäre, nicht ange- wendet werden kann, da bei dieser Temperatur das Gummi 3 H2O abgibt, welches aber bei Abkühlung wieder aus der Luft aufgenommen wird. Q2 Erster Abschnitt. Gummiarten. Die in Wasser löslichen Gummiarten sind stark hygroskopisch. Ich finde, daß gepulvertes arabisches Gummi im absolut feuchten Räume durch Wasseraufnahme zu einer homogenen leimartigen Masse sich ver- einigt. Tenazität. Die meisten Gummiarten sind im trocknen Zustande spröde und lassen sich deshalb unschwer pulverisieren, nur Tragant und einige andere vorwiegend aus unlöslicher aber quellbarer Substanz bestehende Gummiarten sind zähe, aber doch nicht leicht schneidbar, und können nur schwer in Pulverform gebracht werden. Härte. Ich habe versucht, nach der gewöhnlichen Methode der Mineralogen die Härte der Gummiarten zu bestimmen, um vielleicht da- durch ein Hilfsmittel zur Unterscheidung einzelner Arten dieser Körper- gruppe zu gewinnen. Es wurden nur solche Gummiarten der Prüfung unterzogen, welche vollständig lufttrocken geworden waren. Es ergab sich, daß alle Gummiarten den gleichen Härtegrad zeigten, ganz unab- hängig von der chemischen Zusammensetzung, denn die arabinreichslen verhielten sich nicht anders als die bassorinreichen. Alle untersuchten Gummiarten waren weicher als Steinsalz, härter als Talk. Die Härte lag deshalb zwischen 1 und 2 der Mobs sehen Härteskala. Da alle Gummiarten den Muscovit nur sehr schwach ritzten, wie etwa Muscovit- pulver, so darf angenommen werden, daß die Gummiart mit der Härte des Muscovits (auf den Tafelflächen) übereinstimmt. Untersucht wurde arabisches, Senegalgummi, dann das Gummi von Feronia Elephantum^ Odina Wodier, Anacardium occidentale und mehrere Tragantsorten. Zur Unterscheidung der Gummiarten ist also deren Härte nicht geeignet. Organische Beimengungen finden sich in manchen Gummiarten, manchmal sogar als ständige Begleiter vor, und leisten oft wichtige Dienste für die botanische Herleitung oder für die Charakteristik einiger Arten. Löslichkeit. Zu den bezeichnendsten Besonderheiten der Gummi- arten gehört ihr Verhalten zum Wasser. Alle Gummiarten quellen im Wasser und sind entweder im Wasser leicht- oder schwerlöslich oder unlöslich, und nach diesem Verhalten hat man ja früher die angeblichen chemischen Individuen, aus welchen man die natürlichen Gummiarten zusammengesetzt annahm, eingeteilt in Arabin (in Wasser leichtlöslich), in Zerasin (in Wasser unlöslich) und in Bassorin (in Wasser schwerlös- lich). Zur Unterscheidung nach den Löslichkeitsverhältnissen der Gummi- arten können diese Ausdrücke noch immer vorteilhaft angewendet wer- den, aber als konstituierende chemische Individuen darf man, wie das nächste Kapitel lehren wird, das Arabin, Zerasin und Bassorin der älteren Chemiker nicht mehr betrachten. Nähere Angaben über den Grad der Löslichkeit der Gummiarten in Wasser folgen im speziellen Teile. In Erster Abschnitt. Gummiarten. 63 Alkohol und anderen Lösungsmitteln der Harze (Äther, Schwefelkohlen- stoff, Benzol usw.) sind die Gummiarten vollkommen unlöslich. Alko- hol, der sehr wasserreich ist (Weingeist), nimmt je nach dem Wasser- gehalte die im Wasser löslichen Gummiarten auf. Ein Weingeist, welcher 52 Proz. und darüber an Alkohol enthält, löst keine Spur von Arabin mehr auf (Flückiger). Bemerkenswert erscheint das Verhalten der Gummiarten zum Ghloralhydrat. Auf die merkwürdige lösende Kraft dieses Körpers ist mehrfach, u. a. von Flückiger^), hingewiesen wor- den, welcher zeigte, daß eine konzentrierte wässerige Ghloralhydratlösung Stärke, für die es sonst fast kein Lösungsmittel gibt, auflöst. R. Manch 2) hat zuerst die Beobachtung gemacht, daß das arabische Gummi sich in wässeriger Ghloralhydratlösung vollständig und unverändert auflöst. Er gibt auch an, daß mit steigendem Ghloralhydratgehalt der Lösungen die Raschheit des Lösungsvorganges abnimmt, hingegen die Quellung zu- nimmt. Nach den Beobachtungen, welche ich über die Löslichkeit der natürlichen Gummen in 60 proz. Ghloralhydrat angestellt habe, sind alle in Wasser löslichen Akaziengummen innerhalb 24 Stunden in diesem Reagens vollkommen löslich. Gummi von Prosopis juliflora, selbst solches, welches in Wasser ein quellbares Gummi als Rückstand hinter- läßt, löst sich in Ghloralhydrat vollständig auf. Die zerasinreichen Gummiarten (z. B. Kirschgummi) hinterlassen, nachdem sie sich zum Teil im Reagens klar gelöst haben, selbst nach mehrtägiger Einwirkung einen klaren Rest gequollenen Gummis. Die bassorinreichen Gummiarten, z. B. Tragant, geben wolkig getrübte Lösungen, welche sich selbst nach tagelanger Einwirkung von Ghloralhydrat nicht klären. Gummiarten, welche neben Arabin noch Zerasin und Bassorin enthalten, geben klare Lösungen, welche über einer gequollenen klaren Masse stehen, die selbst aber wieder von einer wolkigen Schicht überdeckt ist. Die wässerigen Lösungen der Gummiarten haben eine schwach saure Reaktion. Es kommen aber manchmal im Handel Gummiarten vor, deren wässerige Lösungen stark sauer reagieren. Diese stark saure Reaktion ist auf Schwefelsäure zurückzuführen, welche bei der Reinigung schlechter, insbesondere stark gefärbter Gummisorten durch schwefelige Säure entstanden ist und nicht immer vollständig entfernt wird 3). Viskosität. Man versteht darunter den Grad der Dickflüssigkeit von Lösungen bestimmter Konzentration. Die Viskosität (von Gummi- 1) Pharmazeutische Chemie. 2. Aufl., 1888. S. indes die nachfolgend zitierte Schrift R. Mauchs, woselbst (p. 19 und p. Ul ff.) gezeigt wird, daß die Stärke bei der Auflösung in Ghloralhydrat doch gewisse Veränderungen erleidet. 2) Über physikalisch-chemische Eigenschaften des Chloralhydrats und dessen Verwendung in pharmazeutisch-chemischer Richtung. Slraßburger Inauguraldisser- tation 1898, p. 17. 3) Stohmann in Muspratts Ghemie. 4. Aufl., Bd. III (1891), p. 1917. 54 Erster Abschnitt. Gummiarten. lösungen, Schmierölen usw.) wird mittelst des Viskosimeters bestimmt. Dem Viskosimeter liegen verschiedene Prinzipe zugrunde. Gewöhnlich bestimmt man den Grad der Viskosität der Gummiarten aus der Aus- flußzeit, welche verstreicht, bis eine bestimmte Menge einer bestimmt konzentrierten Gummilösung aus einem Trichter mit bestimmter Ausfluß- ülTnung austritt. Die Ausflußzeit ist dem Grade der Viskosität nahezu umgekehrt proportioniert. Auch die zur Bestimmung des Viskositäts- grades angewendete aräometrische Methode liefert nur angenähert rich- tige Resultate. Es sind auch noch andere Viskosimeter in Anwendung >). Da mit steigender Temperatur die Viskosität abnimmt, so muß die Viskosität bei bestimmter Temperatur bestimmt werden (gewöhnlich bei 1 5° G). Bei der Aufbewahrung der Gummiarten nimmt die Viskosität ab. Je grüßer der Viskositätsgrad ist, als desto besser wird das Gummi angesehen. Klebkraft. Mit der Viskosität scheint die Klebkraft des Gummi im Zusammenhange zu stehen. Im allgemeinen nimmt mit der Viskosität die Klebkraft zu, doch nicht streng gesetzmäßig. Der Grad der Kleb- kraft wird deshalb durch besondere Methoden bestimmt. Gewöhnlich bedient man sich der Hirschsohnschen Methode, welche darin besteht, daß eine lOproz. Gummilösung in bestimmtem Verhältnis mit feinst ge- pulvertem Gips gemengt und das Zerreißgewicht von Stangen bestimm- ten Querschnittes festgestellt wird, welche aus dem genannten Gemenge geformt wurden 2). Je höher die Klebkraft einer Gummiart ist, als desto besser wird dieselbe angesehen. IL Chemische Charakteristik und Konstitution der Gummiarten. Begleitstotfe. Die natürlichen Gummiarten enthalten, selbst wenn sie vollkommen in Wasser löslich sind, in untergeordneter und wechseln- der Menge begleitende Stoffe anderer Art: unverbrennliche Substanz, Gerbstoffe, Zucker, Farbstoffe, Stickstoffverbindungen usw. Der unverbrennliche Anteil rührt teils von Mineralstoffen, teils davon her, daß die eigentlichen, den Charakter schwacher Säuren zeigen- den Gummisubstanzen in den Naturprodukten wenigstens teilweise in Form ihrer Kalium-, Kalzium- und Magnesiumverbindungen vorhanden sind, welche nach dem Verbrennen als Karbonate hinterbleiben. In ein- 1) Über Viskosität des Gummi und über Viskositätsbestimmungen s. Valenta, Die Kleb- und Verdickungsmittel (Allgemeine Warenkunde und Rohstofflehre, VI. Kassel 1884, p. 591T.). M. J. Mervcau, Recherches sur la viscosite et en particulier viscosite des gommes. Thöse, Paris 1910. 2) Hirsclisohn, Pharmazeutische Zeitung für Rußland. 1893. Erster Abschnitt. Gummiarten. 65 zelnen Fällen wurde auch die Gegenwart von Kalziumoxalat festgestellt, welches selbstverständlich beim Veraschen Kalziumkarbonat liefert. Die Gummen Uefern 0,3 — 4,8 Proz. Asche. Die Gerbstoffe können, falls sie vorhanden sind, leicht durch ihre charakteristische Eisenreaktion erkannt werden. Die Zuckerarten verraten ihre Gegenwart mitunter schon durch den süßlichen Geschmack des Gummis, sowie durch die Fähigkeit, aus alkalischen Kupferlösungen beim Kochen gelbes oder rotes Kupferoxydul abzuscheiden, welche indes auch den Gerbstoffen zukommt. Zucker- und gerbstoffreies Gummi reduziert solche Kupferlösungen nicht. Die färbenden Beimengungen verleihen den natürlichen Gummi- arten im Falle ihrer Gegenwart gelbUche bis braunrote, mitunter auch granatrote und ähnliche Töne. Über die Natur dieser Farbstoffe ist nichts Sicheres bekannt. Manche derselben werden in Berührung mit Chlorwasserstoff- oder Schwefelsäure auffällig violettrot, während sie durch Alkalien oder deren Karbonate anscheinend nicht verändert werden (s. oben p. 54). Die Stickstoffverbindungen in den Gummen bestehen zum Teil aus Fermenten, welche als konstante Begleiter der Gummiarten auf- treten. Die Anwesenheit des Stickstoffs — etwa 1 — 2 Proz. — läßt sich nicht durch die Lassaignesche Probet), auch nicht in der von Kehr er angegebenen Modifikation, wohl aber durch Erhitzen mit Kaliumhydroxyd nachweisen, wobei Dämpfe pyrrolartiger Zersetzungs- produkte entweichen, welche einen mit Salzsäure befeuchteten Fichten- span röten. Der Nachweis des Stickstoffs läßt sich auch durch Über- leiten der aus dem erhitzten Gummi entweichenden Dämpfe mittelst Sauer- stoffs über glühendes Kupferoxyd und Eintretenlassen derselben in eine Kalilauge führen, welche dann die Nitrit- und Nitratreaktionen zeigt 2). Die Isolierung der eigentlichen Gummistoffe aus den Natur- produkten erfolgt am sichersten durch Dialyse der mit Essigsäure an- gesäuerten und filtrierten Gummilösungen und fraktionierte Fällung des innerhalb der dialysierenden Membran verbliebenen Anteiles mit Alkohol, wobei etwas Säure zugegen sein muß 3). Denn säure- und salzfreie Gummilösungen werden durch Alkohol sehr unvollständig oder gar nicht 1) Erhitzen mit Natrium und Überführung des eventuell gebildeten Natrium- zyanids in Berhncrblau. 2) A.B. Stevens u. A. Tschirch, Pharm. Zentral-H. 46 [1905], 501 ; Stevens, Amer. Journ. Pharm. 77 [1905], 255; Kehrer, Ber. Dtsch. ehem. Ges. 35, 2525 ;'I902]. Nach A. Bach (Ber. Dtsch. ehem. Ges. 41, 226 '-lOOS;! gehngt der Nachweis des Stick- stoffs in Gummen, wenn man bei der Lassaigneschen Probe statt Natrium KaHum und zwar im Überschuß verwendet. 3) Neubauer, Journ. f. prakt. Chem. 52, p. 193. Scheibler, Ber. der Deutschen chem. Ges. 1, p. 58; 6, p. 612. Wiesner, Rohstoffe. I. Band. 8. Aufl. 5 66 Erster Abschnitt. Gummiarten. gefällt. Die ascheliefernden Verunreinigungen gehen ins Dialysat, die Stickstoffverbindungen 1) und ein Teil der Farbstoffe in die ersten Fäl- lungen, Zucker, Gerbstoffe und ein anderer Teil der Farbstoffe in die alkoholische Mutterlauge über. Die Anwendung von Essigsäure empfiehlt sich mehr als die von Neubauer^) vorgeschlagene der Salzsäure. Die Reinigung der Gummisubstanzen wird durch mehrmalige Umfällung voll- endet. So oder ähnlich dargestellte Produkte wurden, falls sie das weiter unten beschriebene Verhalten zeigten, als Arabin, Araban, Arabinsäure bezeichnet und hierunter ein bestimmtes chemisches Individuum ver- standen. Da jedoch das selbst aus gleichartigen Gummisorten verschie- dener Provenienz dargestellte »Arabin« inkonstantes optisches Drehungs- vermögen und ein ungleichartiges chemisches Verhalten zeigt, muß es als ein Gemenge von allerdings ähnlich gearteten Verbindungen betrachtet werden, welche allgemein als Glukogummisäuren bezeichnet werden mögen. Die Bezeichnung Arabin kann immerhin für das noch nicht in seine Komponenten zerlegte Gemenge von wasserlöslichen »Gluko- gummisäuren« gebraucht werden, welches aus den natürlichen Gummi- arten in beschriebener Weise gewonnen wird und das nachstehende chemische Verhalten zeigt. 1. Die Reaktion des Arabins gegen Lackmus ist entschieden (auch in den natürlichen Gummiarten, wo die Gummisäuren teilweise neutralisiert vorkommen, zwar schwach, aber doch merklich) sauer. 2. Durch verdünnte stärkere Mineralsäuren von nicht oxy- dierender Wirkung, wie Chlorwasserstoffsäure, Schwefelsäure u. dgl., wird Arabin beim Erhitzen, am besten auf dem kochenden Wasser- bade, im Verlaufe einiger Stunden vollständig hydrolysiert, einerseits zu Zuckern aus der Gruppe der Pentosen, G5H10O5, Methylpentosen C6H12O5, und Hexosen, C6H12O6, andererseits zu »Gummisäuren«, welche bei weiterer Einwirkung der Säure keine Zucker mehr liefern 3). -1) O'Sullivan, siehe weiter unten. Doch hegt von Tschirch und seinen Mitarbeitern die Angabe vor, daß sich die StickstofTsubstanzen des Gummi auf keine Weise von diesem trennen lassen; siehe weiter unten bei den Enzymen der Gummi- arten. Nach Fr. Reinitzer (Zeitschrift f. physiol. Chem. 61, 358 [1909] ist auch eine vollständige Beseitigung des Zuckers aus den Gummen nicht möglich. 2) Journ. f. prakt. Chem. 62, p. 193; vgl. Löwenthal, Jahresber. über d. Fortschr. d. Gh. u. Ph. 1853, p. 586 und Schmidt, Ann. d. Gh. u. Ph. 51, p. 33. 3) O'Sullivan, siehe weiter unten. Die Bezeichnung »Gummisäuren« wird hier allgemein für die hydrolytischen Spaltstücke der Gummen verwendet, welche den Charakter von Säuren zeigen und einer weiteren Abspaltung von Zuckerresten nicht mehr fähig sind. In diesem Sinne wäre von der »Geddagummisäuro«, »Arabingummi- säure«, eventuell von einer »Kirschgummisäure« zu sprechen. Die noch mit Zucker- resten verbundenen Säuren, welche die Komponenten der natürlichen Gummiarten bilden, mögen allgemein als »Glukogummisäuren« bezeichnet werden, was auch für die Erster Abschnitt. Gummiarten. 67 Aus dem Gummi der Zuckerrübe haben Hauers und Tollensi) durch Hydrolyse mit Kalziumbisulfitlüsung eine sehr kleine Menge einer Sub- stanz erhalten, welche nach Zusammensetzung und Eigenschaften arabon- saures Kalzium zu sein schien. Aus den hydrolytischen Nebenprodukten von Tragant vermochten Widtsoe und Tollensi) eine minimale Quan- tität eines Phenylhydrazons zu isolieren, welches an das der Glukuron- säure erinnerte, ohne bestimmt mit dieser Verbindung identifiziert werden zu können. Im Zusammenhange damit sei hier erwähnt, daß S. Z ei sei im Säureanteile des Hydrolysats einer Anzahl von Gummisorten mittelst der — allerdings nicht eindeutigen — Naphtharesorzinreaktion von ToUens und mittelst der spektral vervollkommneten a-Naphtholreaktion von Guido Goldschmied t die Gegenwart von Glukuronsäure oder einer Substanz nachgewiesen hat, welche ihr bezüglich der beiden Farben- reaktionen gleicht. S. Zeisel und A. v. Konschegg konnten außerdem noch feststellen, daß mit 'I2proz. Salzsäure nicht unbeträchtliche Mengen von Kohlendioxyd auftreten, dessen Menge auch bei Anwendung ver- dünnterer Mineralsäuren noch merklich bleibt. Bekanntlich zerfällt Glu- kuronsäure beim Kochen mit Salzsäure von 12 Proz. in Kohlendioxyd und Furfurol. Diese Beobachtungen von Zeisel und Konschegg wur- den bisher noch nicht veröffentlicht. Sie sollen noch weiter verfolgt werden. Von Pentosen wurden bei technischen Gummiarten Arabinose, mitunter Xylose, aus Tragant Fukose, d. i. eine Methylpentose, von Hexosen zumeist Galaktose beobachtet^). In vereinzelten Fällen trat auch Mannose und Dextrose auf. Holzgummi, welches allerdings nicht zu den eigentlichen Gummiarten gehört, insofern es bei der Hydrolyse keine » Gummi- säure« neben Zucker bildet, liefert gar keine Arabinose, sondern die mit ihr isomere Xylose. Die Menge der erhältlichen Pentosen und Hexosen variiert nicht bloß bei verschiedenen Gummisorten, sondern auch bei ein und derselben, wenn sie verschiedener Herkunft ist, innerhalb ziem- lich weiter Grenzen. Aus einzelnen Gummen des Handels ist überhaupt noch zuckerhaltigen Säuren gilt, welche bei schonender Hydrolyse der Gummen inter- mediär auftreten. Für die abgebauten Säuren aus Traganten wird hier die Bezeich- nungsweise O'Sullivans: »Bassorinsäuren« beibehalten. '() Scheibler, Ber. d. Dtschen. ehem. Ges. 1, p. 58; VI, 612. Kiliani, Ebenda 13, p. 2304; 15, p. 34. Claüsson, Ebenda 14, p. 1270. Herzfeld, Zeitschr. d. Ver. f. Rübenzucker-Ind. d. d. R. XLI, p. 667. Guichard, Bl. soc. chim. XIX, p. 9; Hauers und Teilens, Ber. Dtsch. ehem. Ges. 36, 3306 [1903]. Angaben über die hydrolytische Spaltung einzelner Gummisorten bei A. Hilger u. W. E. Drey- fuß, Ber. Dtsch. ehem. Ges. 33, 1178 [19001; Widtsoe und Tollens, ibid. 33, 132 [1900]; P. Lameland, Journ. Pharm. Chim. [6] 21, 289 [1903] und ibid. S. 443; R. Huerre, ibid. [6] 27, 561 [1908]; Meininger, Arch. d. Pharm. 248, 171 [1910]; Euler und Fodor, Zeitschr. f. physiol. Chem. 72, 339 [1911]; W. Schirmer, Arch. d. Pharm. 250, 230 [1912]; A. Gerard, Bull. Soc. Pharmacol. 18, 148. 68 Erster Abschnitt. Gurumiarten. keine Galaklose zu gewinnen. Aus reinster Arabinsäure entsteht bei der Hydrolyse nach Scheibler bloß etwa 80 Proz. ihres Gewichtes an zucker- artiger Substanz. Dem geschilderten hydrolytischen Verhalten entsprechend zeigt das Arabin die für die Pentosen charakteristischen Farbenreaktionen. 3. Eine gesättigte Lösung von Phlorogluzin in 20 proz. Salz- säure gibt beim Erwärmen eine Cochenille- bis kirschrote Färbung, später einen dunklen Niederschlag, welcher bei rechtzeitiger rascher Kühlung ausbleibt. Die noch klare rote Flüssigkeit zeigt im Spektrum einen dunklen sehr charakteristischen Absorptionsstreifen genau zwischen den Fraunhoferschen Linien D und E^). 4. Eine salzsaure Lösung von Orzin gibt schon in der Kälte eine blauviolette, beim Erwärmen aber erst eine rötliche, dann blauvio- lette Färbung, zuletzt blaugrüne Flocken, deren alkoholische Lösung einen charakteristischen Absorptionsstreifen zwischen C und D, zum Teile fast auf D liegend, zeigt^). Beide Reaktionen fallen, mit reinen Pentosen ausgeführt, schöner und charakteristischer aus als mit Gummen, weil bei diesen die neben- her entstehenden Hexosen durch die gelbbraune bis braune Färbung oder durch huminähnliche Stoffe, zu deren Bildung sie unter dem Ein- flüsse der erwärmten Salzsäure Anlaß geben, störend wirken. 5. Beim Destillieren mit 12proz. Salzsäure entsteht über die Pentosen und Methylpentosen Furfurol und Methylfurfurol nach: C5H10O5 = C5H4O2 -I- SHoO und CßHiaOs = CeHgO., + SHjO. Das Fur- furol läßt sich nach dem Neutralisieren des Destillates durch die Rot- färbung auf Zusatz von Anilinazetat nachweisen. Es läßt sich auch quantitativ als Furfurolphlorogluzid bestimmen und mittelst eines empirisch festgestellten Faktors oder der experimentell fundierten Tabelle von Kröber auf Arabinose (bzw. Xylose) umrechnen^). So ergab sich bei- spielsweise aus Gummi arabicum 27,9 (Günther), aus Kirschgummi 1) Wheeler und Tollens, Bcr. d. Deutschen ehem. Ges. 22, p. 1046. Allen und Tollens, Ann. d. Chem. 260, p. 289. Wheeler und Tollens, Zeitschr. d. Ver. f. Rübenzucker-Ind. d. d. R. 39, p. 848. 2) Reichl, Dingl. 235, p. 232. Reinitzer, Zeitschr. f. physiol. Chem. 14, p. 453. 3) Günther und Tollens, Ber. d. Deutschen chem. Ges. 23, p. H75. de Chalmot und Tollens, Ebenda 24, p. 695. Stone, Ebenda 24, p. 3019. Günther, de Chalmot und Tollens, Ebenda 24, p. 3575. Mann, Krüger und Tollens, Zeitschr. f. angew. Chem. 1896, p. 4; vgl. auch Flint und Tollens, Landw. Vers.-St. 42, p. 381. Hotter, Gh.-Z. 1893, p. 1743. Councler, Ebenda 1894, Nr. 51, Welbel und Zeisel, M. f. Gh. 1895, p. 283. Kröber, Journ. f. Landw. 48, 357 [lOOOi. Votocek, Ber. Dtsch. ehem. Ges. 30, 1195 [1897]; Tollens und Mayer, Journ. f. Landw. 55, 268 [1907]. Erster Abschnitt. Gummiarten. 69 45,6 (Chalmot) und 59,05 (Flint und Tollens), aus Tragantgummi 37,28 Proz. Arabinose. Die Methylpentosen werden neben den Pentosen bestimmt, indem man das in diesem Falle aus dem Destillate erhältliche Gemenge von Furfurolphlorogluzid und Methylfurfurolphlorogluzid nach der Wägung durch heißen Alkohol von zweitgenanntem Phlorogluzid befreit und nochmals wägt. Das Restgewicht wird mittelst der Tabelle von Krüber auf Pentose, die Gewichtsabnahme mittelst der Formel von Tollens und Mayer oder deren Tabelle auf Fukose umgerechnet i). 6. Durch Behandlung mit Salpetersäure vom spezifischen Ge- wichte 1,15 bis 1,2 in der Wärme gehen die Gummiarten in die Oxy- dationsprodukte ihrer Hydrolysate über. Von diesen ist die Schleimsäure (CH.OH)4-(GOOH)2, entstanden durch das Zwischenglied der Galaktose, infolge ihrer geringen Lüslichkeit und ihrer kristallinischen Beschalfen- heit besonders leicht zu fassen und quantitativ zu bestimmen 2). Da konstant 100 Gewichtsteile Galaktose rund 75 Teile Schleimsäure liefern, läßt sich aus der gewogenen Schleimsäure ziemlich annähernd jene Menge Galaktose berechnen, welche bei vollständiger Hydrolyse aus dem untersuchten Gummi entstehen würde. Nach Kiliani (1. c.j sind jene Gummisorten des Handels, welche relativ wenig (bis zirka 21 Proz.) Schleimsäure liefern, dextrogyr, die- jenigen, welche mehr von dieser Säure geben, lävogyr. Bezeiciluung Charakteristik Drehungs- vermögen (Vor- Schleim- säure zeichen) Prozent Ostindisches Gummi^) Die meisten Stücke topasfarbig, einzelne intensiv gelb, mit Hohlräumen; sehr wenig farblose, wurmförmige Stücke; nur wenige größere Stücke von mehreren Zentimetern Durchmesser. + 14,3 Mogador-Gummi. Vorwiegend gelb- bis rotgefärbte mittel- große Stücke, vermischt mit kleineren farblosen; viel Gewebsteile und Staub; überhaupt sehr unrein und offenbar kein einheilhches Produkt. + 14,6 1) S. Anm. 3, p. 68. 2) Kiliani, Ber. d. Deutschen ehem. Ges. 15, p. 34. Tollens, Land. Vers.- St. 29, p. 416. 3) Es handelt sich hier wohl zweifellos um das weiter unten beschriebene Gummi von Feronia elephantum, auf welches die oben gegebene, von Kiliani herrührende Beschreibung paßt (siehe Wiesner, Gummi und Harze, p. 33, woselbst schon auf die Rechtsdrehung des i'^eroma-Gummi hingewiesen ist). Welche Gummiarten als »ostindisches Gummi« bezeichnet werden (darunter selbst sog. arabisches Gummi), ist unten im speziellen Teile dieses Abschnittes näher angegeben. Wiesner. 70 Erster Abschnitt. Gummiarten. Bezeichnung Charakteristik Drehungs- vermögen (Vor- Sehleim- sänre zeichen) Prozent Nicht näher deflnierte Kleine, teils farblose, teils gelbe Stückchen. + 19,5 Gummisorte, welche Claesson (Ber. d. Deutsch, ehem. Ges. 14, p. -1270) viel Arabinose geliefert hatte. Gummi arab. Suakin. Ganz ungleichmäßig; farblose, gelbe und intensiv rotgefärbte Stücke; einzelne ■wurmförmig und diese schwach gelblich und infolge der vielfach durchfurchten Oberfläche undurchsichtig. + 21,5 Gummi arab. elect. I. Fast farblos; meist kleinere kantige Stück- chen, offenbar Bruchstücke der beige- Gummi Senegal bas du fleuve. mengten größeren, rundlichen und von Rissen vielfach durchzogenen Stücke. Sehr große, ganz hellgelbe Stücke ohne Risse, durchsichtig, mit einzelnen großen Lufthöhlen; an der Oberfläche viele + 20,7 warzenartige Erhöhungen. — 24,0 Arabinsäure. Nach Neubauer aus links drehendem Gummi (arab. elect?) dargestellt. a) — 23,9 b) — 24,4 Gummi arab. elect. 0. Äußerlich von obigem Gummi arab. elect. I ! kaum zu unterscheiden! — 23,9 Bestes naturelles Kor- Stücke meist größer, wie die der vorher- dofangummi. Austral. Gummi. gehenden Sorte; sehr gleichmäßig gelb- lich, undurchsichtig, rissig. Rotbraune Halbkugeln oder Stalaktiten mit einer flachen Seite, an welcher häufig - 24,0 Rindenstücke hängen; Stücke groß. — 38,3 Die oben gegebene Regel von Kiliani scheint jedoch nicht all- gemein gültig zu sein. Denn P. Lamelandi) hat an einem Aprikosen- gummi mit 14,9 Proz. Scbleimsäure La]D= — '•j93°, ferner Meininger^) an einem Aprikosengummi mit 30 Proz. Schleimsäure [ao = + ^^° beobachtet. 7. Neben Furfurol entsteht bei der unter 5. angegebenen Reaktion durch die Einwirkung der kochenden Salzsäure auf intermediär gebildete Galaktose Lävulinsäure CgHs^Os, Ameisensäure und huminähnliche Substanz. 1) Journ. Pharm. Chim. [6] 21, 4 43 [190; 2) Arch. d. Pharm. 248, 171 [1910]. Erster Abschnitt. Gummiarten. 71 8. Als untergeordnete Produkte der unter 6. geschilderten Oxydation treten auf: Oxalsäure und andere leicht in Wasser lösliche Säuren, unter welchen man bei eingehenderer Untersuchung unzweifel- haft die der Arabinose zugehörige Trioxyglutarsäure (CH.OH)3(COOH)2 vielleicht auch Arabonsäure, CsHjoO,!, und Galaktonsäure, QH12O7, die gewöhnliche Zuckersäure, Mannozuckersäure finden würde und zum Teile auch schon gefunden hat, allerdings bloß in vereinzelten Fällen. 9. Die unter 2. erwähnten »Gummisäuren« hat O'SulIivani) einerseits aus links drehenden Sorten Gummi arabicum, andererseits aus rechts drehenden Geddagummen rein dargestellt. Die aus beiden Gummi- arten gewonnenen Säuren waren nach €23113^022 zusammengesetzt, aber die aus arabischem Gummi gewonnene Verbindung erwies sich als von der aus Geddagummi erhaltenen verschieden. Letztere sei hier als Geddagummisäure, erstere als Arabin- gummisäure bezeichnet. Geddagummisäure dreht sehr stark nach rechts, die Arabingummisäure ist inaktiv. Beide sind starke Säuren, Dialyte und werden nur durch sehr konzentrierten Alkohol aus ihren wässerigen Lösungen gefällt. 10. Gereinigte Geddagummen vermochte O'Sullivan durch systematische fraktionierte Fällung ihrer wässerigen Lösung in ihre Ge- mengteile zu zerlegen. Es sind dies Glukogummisäuren der allgemeinen Formel C23H38_2n022_n -nCia HjoOto • pCioHigOs, welche als letzte Pro- dukte der durchgreifenden Hydrolyse sämtlich die erwähnte Gedda- gummisäure, Arabinose und Galaktose liefern. Sie seien allgemein als p-Arabinan-n-Galaktan-Geddagummisäuren bezeichnet 2). Bei je einer Gummisorte ist n eine konstante, p eine variable Zahl, das n einer Geddagummisorte jedoch nicht immer gleich dem einer anderen, wie aus nachstehender Zusammenstellung hervorgeht, in welche auch das optische Drehungsvermögen der betreffenden Glukogummisäuren auf- genommen ist. P n HD Aus Geddagummi I 4 3 + 59° 3 3 + 49° 2 3 -f- 43° 1 3 + 37° 11 9 4 + 110° 7 4 + 100° 5 4 + 90° 3 4 + 80° 1) Cham. News 48, p. 301; 61, p. 23; 64, p. 271. Chem. Soc. 1884, I, p. 41; 1891, I, p. 1029. Chem. Centr. 1890, I, p. 316 und 584; 1892, I, p. 187. 2) Oder als p-Arabinan-n-Galaktan-Arabingummisäuren, wenn aus Gummi arab. gewonnen. 72 Erster Abschnitt. Gummiarten. p n [a]T> Aus Geddagummi III ? 5 ? Aus Gummi arabicum 2 4? Diese Arabinangalaktangummisäuren sind in verdünntem Alkohol um so leichter löslich, je grüßer ihr Molekulargewicht. ]i. Werden obige Arabinangalaktangummisäuren nach O'Sullivan der schonenden Hydrolyse unterworfen, indem man sie mit zweipro- zentiger Schwefelsäure 10 — 30 Minuten auf 80 — 100° G erwärmt, so werden sie durch Aufnahme von p Molekülen Wasser einerseits zu Mole- külen Arabinon," CioHi^Og, andererseits zu einer n-Galaktangummi- säure gespalten. So liefert z. B. die aus Gummi arabicum erhaltene Diaraban-Tetragalaktan-arabingummisäure^) zwei Moleküle Arabinon und ein Molekül Tetragalaktanarabingummisäure. Nur der kleinere Teil des Arabinons bleibt erhalten und kann als ein amorpher Körper erhalten werden, von welchem 100 Teile Fehlingsche Lösung so stark redu- zieren, wie 58,8 Teile Dextrose. Die größere Menge des Arabinons ver- fällt der weiteren Hydrolyse zu Arabinose. ^a]D des Arabinons ist +1 98,5°, Die n-Galaktan-Gummisäuren, von welchen jede Gummisorte bloß je eine liefert, sind gegenüber der zweiprozentigen Schwefelsäure ziemlich resi- stent. Erst nach mehrstündigem Erhitzen werden sie durch die Säure zu Galaktose und Gedda- beziehungsweise Arabingummisäure gespalten. Eine dieser Galaktangummisäuren scheint bereits Scheibler in der Hand gehabt zu haben, als er das aus Rübenmark durch Extraktion mit Kalkwasser gewonnene Gummi (»Metapektinsäure«, »Arabinsäure«) zu Arabinose hydrolysierte^). O'Sullivan erhielt aus Name [^]^ Geddagummi A Trigalaktangeddagummisäure +20° ;> B Tetragalaktangeddagummisäure +22° » G Pentagalaktangeddagummisäure +30° 12. Analyse und Molekulargewichtsbestimmung führen O'Sullivan zur Arabinonformel CjoH^gOg, welche oben antizipiert wurde. Arabinon steht demnach zur Arabinose in demselben Verhältnisse wie etwa Maltose zur Dextrose. 13. Die Hydrolyse der Gummiarten durch Säuren ist demnach ein äußerst verwickelter Prozeß und, wenn auch bei weitem nicht so kompUziert, einigermaßen vergleichbar der der Stärke durch Diastase. 1) O'Sullivan nennt sie Diaraban-Tetragalaktan-Arabinsäure. 2) Ber. d. Deutschen ehem. Ges. 1, p. 58 und 108; 6, p. 612; vgl. Lippmann, Chemie d. Zuckerarten. 1895, p. 932. Erster Abschnitt. Gummiarten. 73 1 4. Die Gummiarten enthalten alkoholische d. h. durch Säurereste ersetzbare Hydroxyle. Von esterartigen Verbindungen , welche durch eine derartige Substitution entstanden sind, werden in den Handbüchern i) beschrieben: ein Dinitrat Ci2Hi80g(N03)2 aus Gummi arabicum und rauchender Salpetersäure, farblos, amorph, löslich in Alkohol, verpuffend, rechtsdrehend; Arabinsäure-Tetranitrat, Ci2Hi(;N4 0i8 aus Arabin und Salpeter-Schwefelsäure mit ähnlichen Eigenschaften; Arabinsäuretetra- azetat Ci2Hip,0,-(CH3GOO)4 aus Arabin und Essigsäureanhydrid bei 150", unlöslich in Wasser, löslich in Chloroform und in Essigäther; Arabin- säurehexazetat Gi2Hi404(GH3COO)^; aus Arabin und überschüssigem Essig- säureanhydrid, ähnlich dem vorigen, ein Benzoat usw. Die für diese Arabinester angegebenen Formeln sind sämtlich mehr als bloß fraglich. Ebenso die der in nachfolgendem angeführten Verbindungen. Für Arabin wurde aus der Elementaranalyse von Neubauer u. a. die Formel G12H22O11 abgeleitet, falls es bei iOO°, CoHioOs, falls es bei 120° — 130°G getrocknet war, für dessen salzartige Abkömmlinge: CaO- 6C12H22O11, GaO-2Gi2H220ii, BaO ■ 2Ci2H220,i, K2O • 3C12H22O11, 2PbO • 3C12H22O11, usw. Identische oder ähnliche Formeln hat man in der Folge auch für andere Gummiarten der Arabingruppe in Anspruch genommen. Man muß jedoch ohne weiteres zugeben, daß diese Formeln mit dem ganzen eben dargelegten Verhalten in hellem Widerspruche stehen, wenn es auch richtig ist, daß sie mit den unmittelbaren Ergeb- nissen der Elementaranalyse — aber nur mit diesen — meist ziemlich gut übereinstimmen. Sobald einmal feststeht, daß durch Hydrolyse der Gummiarten neben Glykosen Substanzen von so ausgeprägtem Säure- charakter entstehen, wie es die »Gummisäuren« sind, kann das Gewichts Ver- hältnis zwischen Wasserstoff und Sauerstoff nicht durch 1 : 8 ausgedrückt werden, wie dies bei den Neubau ersehen und ähnlichen anderen Formeln der Fall ist. Denn jene Säuren enthalten unzweifelhaft mindestens eine Karboxylgruppe (— GOOH) und dies führt zu einem Überschuß von Sauerstoff über jenes Verhältnis in den Gummiarten selbst. Diese Ab- weichung muß nicht notwendigerweise in der Elementaranalyse zum Aus- druck gelangen, nämlich dann nicht, wenn ihr analytischer Effekt inner- halb der Fehlergrenzen der Kohlenstoff- und AVasserstoffbestimmungen fällt. Dies kann jedoch nur dann eintreten, wenn die Moleküle der betreffenden Verbindungen sehr groß sind. Auch vom Gewichtsverhält- nisse zwischen Kohlenstoff und Wasserstoff gilt das Gleiche. Diese Erwägungen führen somit zum Schlüsse, daß die Gummimole- küle eine große Zahl von Atomen ihrer elementaren Bestandteile ent- 1) F. Beilstein, Handbuch der organischen Chemie und E. 0. v. Lippmann, Chemie der Zuckerarten. 74 Erster Abschnitt. Guinmiarten. halten müssen. Er wird bestätigt durch die kolloidale Beschaffenheit der Gummen, welche für das Gummi arabicum bereits von Graham') nachgewiesen wurde. Es hat nicht an Versuchen gefehlt, durch Anwendung der modernen »osmotischen« Methoden zu einer Molekulargewichtsbestimmung der Gummen zu gelangen. So leiten Gladston und Hibbert^j aus kryoskopischen Beobachtungen an Lösungen von Gummi arabicum einen Wert von ungefähr 2 000 ab. Allerdings hat u. a. Armstrongs) gegen die Anwendung dieses Verfahrens auf die Molekulargewichtsbestimmung kolloidaler Substanzen Bedenken erhoben, indem er darauf hinwies, daß gegenüber den in solchen Fällen zu beobachtenden sehr kleinen Gefrier- punktsdepressionen die unvermeidlichen Fehler der Methode zu groß sind. Ferner wurde den »kolloidalen Lösungen« der Charakter eigentlicher Lösungen überhaupt abgesprochen und sie für bloße Suspensionen oder auch Quellungsprodukte erklärt. Linebarger^) hat jedoch gezeigt, daß einige Kolloide, darunter auch Gummi arabicum, einen beträchtlichen osmotischen Druck aufweisen, was bei Annahme einer bloßen Suspension oder Quellung ausgeschlossen wäre. Aus der Messung des osmotischen Druckes von Gummilösungen ergibt sich ihm das Molekulargewicht von ungefähr 2400, Selbstverständlich führen solche Bestimmungen — ab- gesehen vom Einflüsse der Fehler der Methode — nur zu beiläufigen Werten, wenn, wie es hier vermutlich der Fall war, die untersuchte Substanz nicht chemisch homogen ist. Immerhin ist es jedoch sehr bemerkenswert, daß die oben dargelegten Untersuchungen O'Sullivan bei dem von ihm studierten Gummi arabicum zur Formel (CjoHigOgJs- (Ci2H2oOio)4C23H3oOig = C9iHi42074 führen, welcher das Molekulargewicht 2418 entspräche, also ein Wert, der mit dem Linebargerschen auf- fallend übereinstimmt. Jene Gummiarten, welche in Wasser nicht vollkommen löslich sind^), hinterlassen beim Kotieren der Lösungen einen gequollenen, froschlaich- artigen oder gallertigen Rückstand, welcher sich, wenn überhaupt, nur in sehr großen Mengen Wasser löst und je nach seinen Eigenschaften und seiner Herkunft als Zerasin oder Bassorin bezeichnet wurde. So -1) Ann. d. Chem. u. Pharm. 121, p. 56. 2) Chem. News 69, p. 277; vgl. Sabanejeff, Zeitschr. f. physik. Chsm. 9, p. 89. 3) Chem. News 40, p. 46. 4) Am. Journ. of sc. (3) 426. Ber. d. Deutschen chem. Ges. 25, Ref., p. 493 und 799. Sill. Journ. 1892, p. 218. 5) Von der Besprechung der Gummiharze, deren Gummianteil übrigens zumeist in die Arabingruppe gehört, wird an dieser Stelle abgesehen. Erster Abschnitt. Gummiarten. 75 enthalten Kirschgummi und andere nahestehende Gummiarten Zerasin, Tragantgummi Bassorin (Tragantin). Zerasin wird als eine farblose, in Wasser und Alkohol unlösliche Substanz beschrieben, im trockenen Zustande spröde. Mit Alkalikarbonat- lösungen gekocht, scheidet es Kalziumkarbonat aus, wobei es in Lösung geht. Es enthält demnach Kalzium in salzartiger Bindung und besteht aus einer Substanz sauren Charakters oder deren mehreren. Zerasin zeigt, von den gebundenen Basen befreit, in seinem physikalischen und chemischen Verhalten große Ähnlichkeit mit einer unlöslichen Modifikation des Arabins, welche beim vollständigen Austrocknen desselben schon bei gewöhnlicher Temperatur (rascher bei höherer) entsteht und als Metarabinsäure bezeichnet wurde. Wie diese soll auch Zerasin durch Alkalien in lösliches Arabin übergeführt werden. Das Zerasin des Kirsch- gummis wird nach Garros^) auch durch ein in diesem befindliches Enzym in lösliches Arabin umgewandelt. Hingegen ist das Enzym des Kirsch- gummis unwirksam gegenüber der zerasinartigen Substanzen anderer Gummiarten. Daraus würde hervorgehen, daß das, was in der Gummi- literatur als Zerasin bezeichnet wird, nicht immer dieselbe Substanz repräsentiert. In keinem Falle ist ein Beweis für die chemische Indivi- dualität des »Zerasins« erbracht. Immerhin kann dieser Name als Be- zeichnung für einen Typus vorläufig beibehalten werden. Nach Martin 2) soll bei schonender Hydrolyse des Kirschgummis die kristallisierte Zerasi- nose entstehen, welche beim Erwärmen mit salzsäurehaltigem AVasser auf 100° C und auch spontan bei längerem Aufbewahren in Arabinose übergehen soll. Doch ist die Existenz dieses Zuckers als chemisches Individuum fraglich. Das Gleiche gilt auch bezüglich der von Garros^) aus Kirschgummi gewonnenen Prunose, einer Pentose, deren Chloral- verbindung nicht mit voller Bestimmtheit als von der Arabinose ver- schieden erklärt werden konnte 4). Zerasin reduziert ebensowenig wie Bassorin Fehlingsche Lösung. Tragante liefern je nach der Sorte beim Erhitzen mit ver- dünnten nicht oxydierenden Mineralsäuren verschiedene Monosen 5): weißer Blättertragant vorwiegend Xylose, gelblicher oder brauner Tragant in unregelmäßigen Stücken hauptsächlich Arabinose. Außerdem ist aus allen Sorten mittelst des Phenylhydrazons etwas Fukose, d. i. eine Methylpentose erhalten und durch Überführung in Schleimsäure und 4) Bull. SOG. chim. [3] 7, p. 625. 2) Sachsse, Photochem. Untersuchungen. Leipzig 1880, p. 78. 3) Bull. Soc. Chim. Paris [3] 11, 595, 4) Henriot, Chemiker-Zeitung 19, 456 [1895]. 5) Widtsoe und Tollens, Bar. Dtsch. ehem. Ges. 38, 132 [1900] 76 Erster Abschnitt. Gummiarten. Zuckersäure wenig Galaktose und Dextrose nachgewiesen worden. Mit Vorstehendem steht allerdings der Befund von A. Hilger und W. E. Dreyfußi) in Widerspruch, welche aus 5 verschiedenen Tragant- sorten des Handels 15 — 22,4 Proz. und 30—42 Proz, Arabinose er- halten haben und nach Destillation der Tragante mit 1 2 prozentiger Salzsäure neben dem Furfurol kein Methylfurfurol nachzuweisen ver- mochten, somit die Abwesenheit von Methylpentoseresten in den Tra- ganten annehmen mußten. Das Bassorin — gleichfalls vorläufig ein Typus und kein Indivi- duum — ist farblos, in Wasser wenig löslich jedoch quellbar. Bassorin- Gallerten und -Lösungen reagieren neutral. Unmittelbar aus den Gummen abgeschieden, enthält es keinerlei Metalle in salzartiger Bin- dung, bestimmt kein Kalzium, In kochenden Lösungen von Alkali- karbonaten (auch von ätzenden Alkalien) löst es sich wie das Zerasin, jedoch ohne Abscheidung von CaCOs. Im trockenen Zustande ist es nicht spröde, sondern zäh. Weder Zerasin noch Bassorin reduzieren Fehlingsche Lösung. 0'Sullivan2) hat im leicht löslichen Anteil des Tragants Sub- stanzen aufgefunden, welche dem Geddagummi ähnlich und fast ebenso stark lävogyr waren als dieses dextrogyr. Sie zeigten die Zusammen- setzung und das Verhalten von Polyarabinantrigalaktangummisäuren. Die wichtigste derselben ist nach 1 1 CioHigO^ • 3 C12H20O10 • C23H3(j02o • HoO zusammengesetzt. Sie wurde als Baryumsalz analysiert, lieferte bei der Hydrolyse Arabinose und zeigte [7.;^ = — 88°. Im weniger, bzw. nicht löslichen Anteile des Tragants waren neben dem nicht ganz rein zu gewinnenden Bassorin Zellulose und Stärke nachzuweisen. Das Bassorin erwies sich als eine Säure von ajo = + 38°, deren Baryumsalz dar- gestellt wurde. Überschüssiges Alkali erzeugte aus derselben a- und ß-Tragantanxylanbassorinsäure. Die a-Säure, C24H34O20 • H2O) ii^it [a]D = + I 38,2° bis + 1 38,6° ist in kaltem Wasser löslich und liefert ein lösliches Kalzium- und ein weniger lösliches Baryumsalz, C24H34O20 ■ BaO. Sie geht, mit öproz. Schwefelsäure durch 20 Minuten auf 98" C erhitzt, in Tragantose, C5H10O5, über mit [ajo = — 30°. (Die von Tollens und seinen Mitarbeitern aus Tragant und aus Fukusarten dargestellte Fukose zeigt [ajD = etwa — 74,5°3).) Neben Tragantose entsteht die unlösliche Xylanbassorinsäure, CigHssOi;, mit [ajD=H-200°, welche leicht lösliche Alkali- und unlösliche Erdalkalisalze liefert, so Ci;|H2fiOi7Ba. Fortgesetzte Hydrolyse der Xylanbassorinsäure mit Schwefelsäure von 1) Ibid. 33, 1178 [19001; vgl. Tollens, ibid 34, U70 :i901] 2) Proceedings Cham. Soc. 17, 156 [1901]. 3) Widtsoe und Tollens, 1. c. Erster Abschnitt. Gummiarten. 77 5 Proz. führt unter Abspaltung von Xylose zur Bassorinsäure, C14H20O13, unlöslich in kaltem Wasser, in alkalischer Lüsung [ajo = + 255° zei- gend, dem Baryumsalz Ci4HigOj3Ba zufolge zweibasisch, wie auch die beiden ihr vorangehenden Säuren. Die [':i-Tragantanxylanbassorinsäure hinterbleibt nach dem Lösen der a-Säure in kaltem Wasser als krümelige Masse mit [ajD = + 163° bis 164°. Ihre Erdalkali- und Schwermetall- salze sind sehr wenig löslich. Durch verdünnte Schwefelsäure wird sie zu denselben Produkten hydrolysiert wie die a-Säure. In welcher Be- ziehung die von O'SuUivan aus Tragant dargestellten Säuren zu dem von Hilger und Dreyfußi) durch Einwirkung von kalter Alkalilauge auf Tragantgummi gewonnenen Oxybassorin (GiiH2oOio)20 steht, welches von Tollens^) wegen seiner Fähigkeit, mit Basen Salze zu bilden, als Karbonsäure angesehen wird, ist nicht bekannt. Die Euzyme der Gummiarten. Die Enzyme, welche die Gummiarten stets begleiten, lassen sich aus diesen auf keine Weise isolieren. Nach A. B. Stevens und A. Tschirch^) deutet dies auf die chemische Bindung der Enzyme durch die Gummi- substanzen hin. Indes ist diese Schlußweise keineswegs zwingend, da die Untrennbarkeit beider Stoffarten auch bloß durch die kolloide Beschaffen- heit derselben bedingt sein kann, ohne daß sie miteinander im eigentlichen Sinne chemisch verbunden sein müßten. Auch sonst haben sich ja die Enzyme, selbst Kolloide, als untrennbar von ihren kolloiden Trägern erwiesen. Man braucht in allen diesen Fällen nicht einmal immer an Adsorptionsverbindungen zu denken. Von Gummifermenten sind gegen- wärtig mit Sicherheit bekannt: zwei Oxydasen, eine Peroxydase, zwei Amylasen, Emulsin und Myrosin. Die Gegenwart von Zellulose- oder hemizelluloselösenden Fermenten im Gummi wird zwar von vielen Autoren, welche Betrachtungen über die Entstehung der natürlichen Gummiarten angestellt haben, und auch von anderen für wahrscheinlich gehalten 4), konnte jedoch bis nun niemals experimentell nachgewiesen werden. Vielleicht handelt es sich da um Stoffe von äußerster Labilität und entsprechend kurzer Wirksamkeitsdauer in den bereits ausgeflossenen Gummen. Durch genügend starkes und langes Erhitzen, sowie durch stärkere Säuren werden die Gummen enzymatisch inaktiv. ^) 1. c. 2) Widtsoe und Tollens, 1. c. 3) A. B. Stevens und B. Tschirch, Pharm. Zentral-H. 46, 501 [1905]. A. B. Stevens, Americ. Journ. Pharm. 77, 255 [1905]. 4) Siehe hierüber weiter unten im Abschnitte über Entstehung der Gummiarten. 78 Erster Abschnitt. Gummiarten. Die Gegenwart der Oxyd äsen befähigt die natürlichen Gummiarten, bei Anwesenheit von inaktivem Sauerstoff auch ohne die Gegenwart von Peroxyden, Guajakharzemulsion zu bläuen i), und auch zu anderen kata- lytischen Oxydationswirkungen. Solche sind: Überführung von Pyro- gallol, 1 , 2, 3 C6H3(OH)3, in Purpurogallin oder Pyrogallochinon, G18H14O9 2), Oxydation von anderen Phenolen, Phenoläthern, aromatischen Aminen, manchen Drogenbestandteilen 3). Die Guajakbläuung, welche erst von Schünbein^) als eine Oxyda- tionserscheinung erkannt und für eine Fermente im allgemeinen an- zeigende Reaktion gehalten wurde, kommt auch der Malzdiastase zu und wurde geraume Zeit als für diese charakteristisch angesehen. Dieser und auch andere Umstände, vor allem aber die unzweifelhafte, von J. Wiesner^) zuerst festgestellte Verflüssigung von Stärkekleister durch Gummilösungen, haben diesen veranlaßt, »das Gummiferment«, damals für Singular gehalten, als ein diastatisches Enzym anzusprechen. Nach- dem jedoch Baranetzkyß) gefunden hat, daß diastatische Fermente existieren, denen die Fähigkeit der Guajakbläuung abgeht, und damit im Einklänge Fr. Reinitzer^) eine ungleiche Verteilung der Oxydase-, Peroxydase- und Amylasewirkung in verschiedenen Gummisorten beob- achtet hat und endlich auf Grund der gegenwärtig herrschenden Lehre von der Spezifizität der Enzymwirkungen muß man heute wohl einer- seits die Oxydationsbeschleunigende Wirkung der intakten Gummilösungen, andererseits die Katalyse der hydrolytischen Spaltung der gequollenen Stärke zwei verschiedenen Arten von Enzymen, jene den Oxydasen, diese den Amylasen zuschreiben. Daß Anlaß besteht, mindestens zwei Oxydasen in den Gummen anzunehmen, erhellt aus folgendem: Die guajakbläuenden Oxydasen des arabischen Gummi, des Senegalgummi, des Gummianteils des Gummi- harzes von Rhus Vernix L. (Rhus vemieifera DC.) teilen mit der Laccase des Gummilacks die Fähigkeit, das Harz des letzteren wie auch das i) Göttling, Bull, de Pharm. 1, 220 [-1809!; Boulay, ibid. 1, 225; Schönbein, Journ. f. Chem. 55, 198 [1868;. 2) Struve, Ann. Chem. Pharm. 163, -162 [4872]; Clermont und Chanton, Compt. r. de l'Acad. des sciences 95, 4 204 [4 882]. 3] E. Bourquelot, Journ. Pharm. Chim. [6] 19, 473 [1904]; bezüghch Um- wandlung von Morphin in Oxymorphin vgl. R. Firbas, Pharm. Post. 38, 374 [4906]. 4) Journ. f. prakt. Chem. 106 [4 869]. 5) J. Wiesner, Über das Gummiferment; Sitzungsber. d. K. Akad. d. W. Wien, mathem.-naturwissensch. KI. 92, I, 40 [4 885]. 6) Die stärkeumbildenden Fermente. Leipzig 4 878. 7) Zeitschr. f. physiol. Chem. 61, 358 [4 909]. An diese Abhandlung lehnt sich vorliegende Darstellung vielfach an. Daselbst auch eine erschöpfende Zusammen- stellung der Literatur über die Gummi-Enzyme. Erster Abschnitt. Gummiarten. 79 Harz von Rhus Vernix an der Luft zu schwärzen und zur Erhärtung zu bringen, während die Oxydase des Kirschgummi zwar Guajakharz bläut, jedoch keine laccaseartige Wirkung zeigt'). Man verfügt gegen- wärtig nicht über die Möglichkeit, das gewiß nicht ausgeschlossene gemeinsame Vorkommen von Laccase und nicht laccaseartiger Oxydase festzustellen. Die mit Gummi vergesellschafteten Oxydasen werden von Tschirch als Gummasen bezeichnet, was Fr. Reinitzer2) nicht für zweckmäßig hält. Die Oxydasen des Akaziengummi und anderer Gummiarten wirken auf Phenole auch in saurer Lösung; die Bläuung des Indophenolreagens (a-Naphthol, p-Phenylendiamin und Alkalikarbonat in wässeriger Lösung) erfolgt rasch, die Oxydation von freiem Anilin langsamer, die von Anilin- salzen noch träger; Dimethyl-p-Phenylendiamin in schwach alkalischer Lösung wird nur langsam und unbedeutend gebläut. Die Gummilösungen, welche die aufgezählten Oxydationswirkungen und noch andere zeigten, erwiesen sich frei von Nitriten und Manganverbindungen, jedoch nicht ganz frei von Eisen. Überschüssige Dextrose beeinträchtigte die Guajak- bläuung nicht, wohl aber Tannin. Die absolute Unwirksamkeit der Gummilösungen gegen Thyrosin beweist die Abwesenheit der Thyrosinase. Die Oxydationswirkungen erfolgen wie bei eigentlicher Laccase auch ohne Mitwirkung von Manganverbindungen, werden jedoch durch Manganosulfat merklich verstärkt. Einstündiges Dämpfen oder i 8 stündiges Erhitzen auf 70" G vernichtet die Wirkung der Gummioxydasen. Die Guajakbläuung blieb bei einer der von Reinitzer geprüften Gummisorten — • weiches Kordafangummi, bezogen von Kahl bäum — ganz aus, und war bei einem frischen Zwetschgengummi sehr schwach, bei einem ebensolchen Marillengummi schwach. Tragant erwies sich immer als frei von Oxydase. Es ist bemerkenswert, daß auch die angeführten oxydasefreien oder oxydasearmen Gummen die Amylasewirkung zeigten 3). Eine Peroxydase, d. i. ein Enzym, welches die Abspaltung des loser gebundenen Anteils des Sauerstoffs von Peroxyden und hierdurch in- direkte Oxydationen katalysiert, daher u. a. auch bewirkt, daß Guajak- harzemulsion durch Wasserstoffsuperoxyd gebläut wird 4), wurde von Reinitzerä) in solchen Sorten von Gummi nachgewiesen, welche ent- weder keine Oxydasen oder bloß Spuren derselben enthielten, oder deren 1) Yoshida, Jour. Chem. Soc. 43, 472 [1883]; Bertrand, Compt. r. de TAcad. des sciences 118, i2l5 [1894] und 120, 268 [1895]; A. B. Stevens und J. E. Warren, Amer. Journ. Pharm. 79, 499 [1907]. 2) 1. c. 3) Fr. Reinitzer, 1. c. 4) Wasserstoffsuperoxyd allein ruft keine oder i-ichtiger bloß eine äußerst langsam verlaufende Guajakbläuung hervor. 80 Erster Abschnitt. Gummiarten. Oxydase durch geeignetes Erhitzen (siehe oben) vernichtet worden war. Die Peroxydase ist sowohl bei gewöhnlicher!) als auch bei höherer Temperatur widerstandsfähiger als die Oxydasen. Sie* wird erst durch 4 8 stündiges Erhitzen auf 70° G unwirksam. Daß auch die Peroxydasewirkung nicht den Amylasen im allgemeinen an sich zukommt, somit auch nicht den amylolytischen Enzymen der Gummen, folgt aus dem von J. Jakobson 2) erbrachten Nachweise der Möglichkeit, diese Wirkungen bei Diastaselösungen zu zerstören, bevor noch die amylolytischen Eigenschaften verschwunden sind, und aus der Auffindung einer Amylase in PeniciUium glaucum^)^ welche keine Per- oxydasewirkung zeigt. Amylasen. Die Entdeckung einer Amylase in den Gummen ist, wie bereits oben erwähnt, J. Wiesner zu danken. Dieser vermochte wohl die Verflüssigung von Stärkekleister durch Gummilösungen, nicht aber die Verzuckerung der Stärke zu beobachten. Fr. Reinitzer^) und Bechamps^) haben jedoch letztere nachgewiesen. V. Gräfe 6) hat den Wiesnerschen Befund bestätigt. A. B. Stevens und J. E. Warren'') geben an, daß die sonst starke enzymatische Wirkungen zeigende wässe- rige Lösung des Gummi von Rhus Vernix innerhalb 96 Stunden bei 40° G aus Stärkekleister keinen reduzierenden Zucker entstehen ließ. Aus den Versuchen von Fr. Reinitzer») geht hervor, daß die Fähig- keit, Stärke einerseits bis zu Maltose, andererseits bloß bis zu Dextrinen, darunter Erythrodextrin, abzubauen, auf verschiedene Gummisorten ver- schieden verteilt ist, und daß Sublimatlösung von 0,05 bis 0,1 Proz. und geeignete Einwirkung von Wärme die Zuckerbildung vollständig ver- hindert, die Dextrinbildung jedoch bloß herabsetzt. Er schließt hieraus mit vollem Rechte, daß im Gummi zwei Amylasen existieren: eine saccharifizierende und eine bloß dextrinbildende, von denen die erstere die weniger resistente ist. Unter diesen Umständen scheint es doch wohl nicht ausgeschlossen, daß Wiesner und die mit ihm über- einstimmenden Forscher Gummiproben in Händen gehabt haben, in welchen vom zuckerbildenden Enzym nichts oder so wenig vorhanden war, daß sich dessen Wirkung der Wahrnehmung entzog. \) R. Huerre, Journ. Pharm, et Chim. [6] 27, 561 [1908;. 2) Zeitschr. f. physiol. Chem. 16, 340 [1892]. 3) Grüß, Festschr. f. Schwendener 1899, p. 187; vgl. Raciborski, Ber. Dtsch bot. Gesellsch. 16, 56 [1898[. 4) Zeitschr. f. physiol. Chem. 14, 453 [1890]. 5) Bull. Soc. Chim. Paris [3] 9, 45 [1893]. 6) Wiesner- Festschrift 1908, p. 253; Zeitschr. f. physiol. Chem. 63, 106 [1909] 7) Amer. Journ. Pharm. 79, 499 [1907]. 8) Zeitschr. f. physiol. Chem. 61, 332 [1909] und 64, 164 [1910]. Erster Abschnitt. Gummiarten. 81 Keine der beiden Gummiamylasen vermag Rohrzucker oder ara- bisches Gummi zu spalten (Bechamps). Un verkleisterte Stärke bleibt trotz der vereinigten Wirkung sämtlicher Gummienzyme durch 8 Tage unverändert und vom Stärkekleister bleibt je nach seiner Herstellungs- weise, der Stärkesorte und der Temperatur während der Einwirkung ein mehr oder weniger großer Anteil, unter günstigsten Umständen fast nichts, ungelöst. Der ungelöste Rückstand wird von Jod nicht gebläut. üie Gummiamylasen werden von Fibrin adsorbiert. Durch Filtration mittelst eines Pukallfilters gelingt es, das saccharifizierende Enzym ganz oder fast ganz im Filtrationsrückstande zu behalten, derart, daß das Filtrat nur mehr Dextrin aus Stärke bildet. Beide Amylasen werden durch 1 stündiges Dämpfen vernichtet. Nach 58 stündigem Erhitzen auf 70° G ist die dextrinbildende Amylase zum Teile noch vorhanden, die zuckerbildende unwirksam geworden (Reinitzer). Andere Enzyme. Volcy-Boucheri) hat in etwa 30 Gummi- sorten, Gummigerbstoffen und Gummiharzen Emulsin, und zwar um so mehr nachgewiesen, je reicher das Naturprodukt an Gummi war, be- sonders viel in den Gummiharzen der Araucariaarten. Im Moringagummi ■fand sich neben dem Emulsin auch Myrosin. III. Entstehung des Gummi in der Pflanze. Früher hielt man die Gummiarten durchweg für Sekretionsprodukte der Pflanzen. Neuere Untersuchungen haben ganz bestimmt dargetan, daß einige auf ihre Entstehung genau untersuchte Gummiarten durch chemische Metamorphose aus ganzen Geweben hervorgehen. Vorzugs- weise wird das Material der Zellwände in die Gummimetamorphose hinein- gezogen. H. V. Mo hl 2) hat den Nachweis geliefert, daß der Tragant die Strukturverhältnisse jener Gewebe (Markstrahlen und Anteile des Markes), aus denen er entstand, besitzt. Die Struktureigentümlichkeiten sind im Tragant allerdings manchmal mehr oder minder verwischt, fast immer aber noch nachweisbar. Die Zellwände sind stark aufgequollen, innerhalb derselben treten noch zahlreiche Stärkekürner unverändert auf (Fig. i Oj. Nach Wigand3) soll auch das Kirschgummi durch chemische Umwandlung aus Zellwänden hervorgehen. Ich habe schon vor Jahren gezeigt^), daß das Gummi der Ilormga 2}terygosper7na und des Cochlospermum gossy- pium genau so wie Tragant entstehen, und daß bis jetzt noch keine 1) Bull, de Science Pharmacol. 15, 304 [i908\ 2) Bot. Zeit. 1857, p. 32 ff. 3) Desorganisation der Pflanzenzelle. Pringsheims Jahrb. f. wissenschaftl. Botanik. III, p. -13 6 ff. 4) Gummi und Harze, p. 15. Wiesner, Rohstoife. I.Band. 3. Aufl. 6 82 Erster Abschnitt. Gummiarten. Gummiart aufgefunden wurde, welche so ausgezeichnet die Strukturver- hältnisse der Gewebe, aus denen es entstanden ist, behalten hat, als das Gummi der erstgenannten Pflanze (Fig. M). Die Entstehung der drei genannten Gummiarten durch chemische Metamorphose gan- zer Gewebe unter Umwandlung von Zellulose in Gummisub- stanzen ist auch von späteren Forschern, welche sich mit diesem Gegenstande beschäf- tigt haben, als richtig aner- kannt worden i). Allein gegen die Aussage, daß das patho- logische Gummi stets auf diese Weise entstehe und nament- lich gegen die Auffassung, als würden nur die vollkommen Fig. 10. Vergr. 350 mal. Längssc Blättertraganten von Smjrn sammengesotzte Stärkekörnchen. initt durch e i. s einfache, , £i Zellwandres Fig. 11. Vergr. 400 mal. Gummi A.er Moringa ptery gosperma Gärt. .A in verdünntem Alkohol. Zellen unverändert. B in Wasser präpariert, a quellende Zellwand. 6 gefärbter, in Wasser unlös- licher Zellinhalt. Ca ß Zellreste, welche nach der Erschöpfung des Gummi mit Wasser zurückbleiben. \) F. V. Höhnel, Berichte der Deutschen Bot. Ges. VI (1888). Tschirch vertritt aber den Standpunkt, daß der Tragant nicht durch chemische Metamorphose aus Zellulose hervorgehe, sondern schon in Form von Scbleimmembranen angelegt wird (Harze und Harzbehälter. Leipzig, 2. Aufl., -1906, Bd. I, p. 889). Erster Abschnitt. Gummiarten. 83 ausgewachsenen oder gar schon abgestorbenen Gewebe der Gummi- metamorphose unterliegen, wurden gerechtfertigte Bedenken geäußert, zuerst von Hofmeister, dann ^mmm'ri. ffp- von Frank, Hühnel u. a. Es wurde die Vermutung geäußert, daß auch der Inhalt lebender Zellen an der Gummosis be- teiligt sein kann und daß in manchen Fällen die Zellulose nur in geringem Maße an der Entstehung des Gummi Anteil nimmt. Eine eingehende und gründliche Untersuchung über die Entstehung des Kirsch- gummi verdanken wir Mi- kes ch^). Er zeigte, daß der stets pathologische Prozeß der Bildung des Kirschgummi auf einen Verwundungsreiz zurückzuführen Fig. 12. Vergr. 3U0 mal. Gummitildung bei Prunus do- mestica. Querschnitt dureli eine katnbiale Gummiparen- chymgruppe. c Kambium, gp Gummizellen mit fein- körnigem Protoplasma, ni m Markstrahlen. x Xylem. (Nacli Mike seh.) \ ä '^^ .'d ■' Fig. 13. Vergr. 300 mal. Gummibildung hei Prunus domestica. Querschnitt durch einen kambialen Gummiraum, g Gummi, bei i leer. Einzelne Gummizellen ge ganz in Gummi umgewandelt, einzelne mit sichelförmigen Protoplasmakörpern jü, pr primäre Membranen. (Nach Mikoscb.) 1) K. Mikosch, Über die Entstehung des Kirschgummi. Sitzungsber. der Wiener Akademie d.W., p. 115 (190 6). Daselbst sind auch die betreffenden Arbeiten von Hofmeister, Frank u. a. zitiert. 84 Erster Abschnitt. Gummiarten. afYiziert. Die Gummibildung hebt also hier im Kambium an. Dieser Wundreiz äußert sich dahin, daß in der Jungholzregion keine normalen Holzelemente, sondern ein dünnwandiges Parenchym (Gummiparenchym) gebildet wird, zu welchem Gewebe ein lebhafter Zug von assimilierten Substanzen stattfindet, welche nicht zur Wand- sondern zur Gummi- bildung verwendet werden. Das Gummi entsteht hier in der lebenden Substanz der Gummizellen. Die Gummibildung schreitet in der Membran von innen nach außen fort, so daß die primäre Membran zuletzt der Gummimetamorphose unterliegt. Schon hieraus geht hervor, daß auch die Zellulose der Membran zur Gummibildung verwendet wird. Bei fort- schreitender Gummosis wer- den auch die Markstrahlen in diesen Prozeß einbe- zogen, so daß nunmehr noch größere Mengen von Zellulose an der Gummi- bildung Anteil nehmen '). ■jp /o^f^^Vc^C Kirschgummi ist ebenso '"r^n- l K^^rS?C\Qvl sichergestellt wie die des roC^'(\'^((0^^^;T'^<^^-^'^^ ^'^ Entstehung des ^%i^^'iSyri.l^^., ^^^.^^^ ---.--- Or^^rR^O Tragants lund des Moringa- ^ ^rS^ ^f/^'^/7/5<^^OrVC/^^ ""^ Kochlospermumgum- ^l%i ^'QÜ^gr^r "^^)- ^^^" e^'l^e""t, daß der *^ '^ ^f\Q9f^Pr Bildungsmodus in beiden Fällen ein verschiedener ist. 9 Es muß also die ältere An- Fig. 14. Beginn der Gum mibildun g ia den Phloem- gig^f Jgß ^J^S patholOgi- strängen der Rinde von Acacia Senegal bei g und s. r Phloem- parenchym. (Nach j. Moeiier.) sche Gummi in der Pflanze stets in der gleichen Weise erfolgt und die fertigen Gewebe unter Umwandlung der Zellulose in Gummi das Materiale zur Gummbildung bilden, aufgegeben werden. Die Entstehung vieler Gummiarten ist noch nicht geklärt, vor allem nicht die des so wichtigen arabischen Gummi. Doch läßt sich aus den bisherigen von J. Moeller^), v. Höhnel^), Lutz^j u. a.^) herrührenden Untersuchungen ableiten, daß auch hier schon im Kambium durch Ver- letzung 1) Über Entstehung von Gummi aus Zellulose der Zellhaut s. T. F. Hanausek, Ber. d. D. Bot. Ges., Generalversammlung 1902, p. 81 — 82. 2) ÜJjer Entstehung des Akaziengummi. Sitzungsber. d. Wien. Akad., Bd. 72 (1 875). 3; Höhnel, 1. c. 4) Lutz, Sur la marche de la gommose dans les acacias. Bull. Soc. Botan. de France (1895). 5) S. Tschirch, Handbuch der Pharmakognosie, Bd. II (1911), S. 909fr. Erster Abschnitt. Gummiarten. 85 logischen Geweben sich fortsetzt, und daß in späteren Entwicklungs- sladien auch fertige Gewebe (Markstrahlen usw.) in die Gummimeta- morphose einbezogen werden, wobei, wie Moeller zeigte, eine reichliche Umwandlung von Zellulose in Gummi stattfindet. Die Gummibildung erfolgt entweder in der Rinde oder im Holze, oder in beiden. So wie die Markstrahlen , so kann auch das Mark an der Gummosis Anteil nehmen. Als äussere Bedingung für die pathologische Gummibildung ist immer Verwundung anzusehen, was namentlich in jenen Fällen mit Klarheit her- vortritt, wo die Entstehung des Gummi sichthch vom Kambium ausgeht. Der Wundreiz übt eine spezifische Wirkung auf das Kambium aus, und bewirkt, daß ein von dem normalen verschiedenes pathologisches Gewebe entsteht, welches unter der Einwirkung der lebenden Substanz zur Gummibildung führt. Die Verwundung, welche die Bildung des pathologischen Gummi veranlaßt, erfolgt häufig spontan, insbesondere dann, wenn nach längerer Regenzeit die gummiliefernden Gewächse starker Sonnenglut aus- gesetzt sind. Es erfolgt eine ungleichmäßige Zusammenziehung der ge- quollenen Gewebe, insbesondere der Rinde, welche zur Rißbildung führt. Die großen Massen von Senegalgummi, welche alljährlich geerntet werden, entstehen nur durch solche spontane Rißbildungen. Hingegen wird die Entstehung der Hauptmasse des Tragants und vielfach auch des ara- bischen Gummi durch künstliche Wunden herbeigeführt, welche immer einen reichlicheren Gummifluß bewirken, weshalb mehrfach der Vorschlag gemacht wurde, in der Heimat des Senegalgummi, wo man sich auf die natürlich herbeigeführte Wundbildung verläßt, durch künstliche Ver- wundung den Gummiertrag zu steigern. Die Gummibildung hängt auch mit den Lebenszuständen der be- treffenden Holzgewächse zusammen. Ein bestimmtes Alter, in welchem bereits eine starke Rinden- und Holzbildung eingetreten ist, bilde*" ein Erfordernis der Gummibildung. Während der Belaubung tritt keine Gummibildung ein, wohl aber zur Zeit der Blüte oder unmittelbar dar- auf. Nach übereinstimmenden Berichten findet in der Regenzeit keine Gummibildung statt, wohl aber in der darauffolgenden Trockenperiode. Es soll noch erwähnt sein, daß das pathologische Gummi den phy- siologischen Zweck hat, die Wunden, welchen das Gummi seine Ent- stehung verdankt, zu verschließen und dadurch die schädlichen Folgen der Wundbildung zu verhindern. Nachdem ich im arabischen Gummi und in allen anderen von mir in dieser Richtung untersuchten Gummiarten ein spezifisches Enzym nach- wies, bildete ich mir die Ansicht, daß die Entstehung des Gummi in der Pflanze auf einem enzymatischen Prozeß beruhe i). Die Enzyme der 1) Silzungsber. der Wiener Akademie der Wissenschaften, Bd. 92 (1885). 86 Erster Abschnitt. Gummiarten. Gummiarten wurden oben eingehend abgehandelt, wobei aber die Beziehung derselben zur Entstehung des Gummi in der Pflanze nicht in Betracht gezogen wurde. Diese Beziehung ist noch keineswegs geklärt; aber die von mir zuerst geäußerte Auffassung gewinnt immer mehr Boden i) und selbst Reinitze r 2) welcher meine Ansicht anfangs bekämpfte, hat die Wahrscheinlichkeit, daß das Gummi in der Pflanze durch einen enzymatischen Prozeß ent- stehe, schließlich eingeräumt 3). Vielfach wird angegeben, daß von außen in die Gummipflanzen ein- dringende Parasiten und Saprophyten oder diese Pflanzen von außen angreifende Tiere (Ameisen, Käfer, Raupen usw.)^) als eigentliche Ursachen der Gummosis anzusehen seien. Alle diese Angaben haben sich als un- richtig oder als übertrieben erwiesen, indem die Gummibildung häufig ganz unabhängig von solchen Organismen vor sich geht, oder durch diese hervorgerufenen Verletzungen den Prozeß der Gummosis nicht eigentlich hervorrufen, wohl aber begünstigen. So wurde behauptet, daß ein auf Acacia Verek parasitisch auftretender Loranthus die Gummibildung am Stamme dieses Baumes hervorrufe ^j. Aber Louvet und Corre^) haben gezeigt, daß dieser Loranthus (L. senegalensis Martin) die Gummosis dieses Baumes wohl befördere, aber nicht bedinge. Die von Beijerinck^) u. a. aufgestellte Behauptung, daß Pilze als \) S. hierüber Pfeffer, Pflanzenphysiologie; Leipzig 1897, I, p. 556. Grüß, Bibliotheca botanica -1896. Mikosch, I.e. (1906). V. Gräfe, Wiesner-Festschrift (1908). Derselbe, Zeitschrift für physiologische Chemie (1909). Grüß und Sorauer, Notizblatt des Berhner Botan. Gartens (IQ-IO). 2) Zeitschrift für physiologische Chemie (1890). 3) Ebenda 1911, p. 361. 4) Nach Busse (Tropenpflanzer V, Bd. V, 1901, p. 30) sollen Ameisen, nach Gentz (ebenda p. 60) sollen Rindenbohrer, insbesondere eine Raupe und ein Käfer die Ursache der Gummibildung sein. Die Angabe von Gentz bezieht sich bloß auf südwestafrikanische Akazien. 5) Martin, Journ. de Pharmacie et de Chimie 1875. 6) Ebendaselbst 24 (1876). 7) Onderzoekingen over des Besmettelijkheid der Gomziekte bij planten. Amster- dam 1884. Der Pilz, welcher als Ursache der Gummosis angesehen wird, das Cory- neum gummiparum Oudem., bildet angeblich Hefeformen, welche in arabischem Gummi zu finden sein sollen. Über Pilze als Verursacher der Gummibildung über- haupt und spezieH auch der Bildung des arabischen Gummi s. auch Oudem ans, Hedwigia, Nr. 8, 9 und 11. Über die Entstehung von patliologischen, der Gummosis nahe verwandten Bildungen (Schleimflüsse der Eichen, Ahorne, Pappeln usw.) infolge der Einwirkung von Pilzen s. auch Ludwig, Lehrbuch der niederen Kryptogamen, Stuttgart 1892, p. 198. — Es sei hier noch angefülirt, daß nach Aderhold (Arbeiten des Gesundheitsamtes, Land- und Forstwirtschaft betreffend, Berlin 1902) der Pilz Clasterosporium carpophüum (Lev.) Aderh. (= Gorijneum Beijerinckii Oudem.) nur Erster Abschnitt. Gummiarfcn. 87 Ursache der Gummibildung anzusehen seien, hat sich nicht bewährt i). Daß die Gummosis keine bakterielle Erkrankung ist, wie Prillieux angab, hat rücksichtlich des bei der Rebe auftretenden Gummi Rathay^j gezeigt. Später tauchte der Gedanke, daß die Gummosis eine bakterielle Erkrankung sei, nochmals auf. Am stärksten betonte Greig Smith^) die Bedeutung der Bakterien für die Gummibildung. Nach seinen An- gaben gelangen Bakterien in den »Baumsaft« und von dem spezifischen Charakter der Bakterien soll die Qualität des sich bildenden Gummi ab- hängen. Am besten soll das Bacterium Acaciae wirken und er empfiehlt die hupfung der Gummibäume mit reingezüchtetem Bacterium Acaciae und noch anderen Spaltpilzarten. Diese schon von vornherein fraglichen Angaben haben bis jetzt keine Bestätigung gefunden. IV. Vorkommen des Gummi. Gummi ist einer der gemeinsten Pflanzenbestandteile, wie die bis jetzt schon ausgeführten Analysen von Pflanzen und Pflanzenteilen lehren 4). In diesem Kapitel ist nur von jenen Pflanzen die Rede, welche pathologisches Gummi bilden; nur diese bilden Sammelprodukte, welche im Handel als Gummi erscheinen. Es kommen also hier nur solche Körper zur Sprache, welche ein der Hauptmasse nach aus Gummi bestehendes Produkt erzeugen; es sind somit alle jene Gewächse ausgeschlossen, welche Gummiharze liefern, also Stoffe, welche Gemenge von Harz und Gummi sind. Obgleich die Menge des Gummis in diesen Gummiharzen oft eine beträchtliche ist und nicht selten ein Drittel des Gewichtes des Rohstoffes ausmacht, so wird es doch für die Zwecke der Technik und überhaupt des prak- tischen Gebrauches nicht abgeschieden. Auch die gummireichen Arten von Kino sind aus demselben Grunde hier ausgeschlossen 5). Es folgt nunmehr eine Zusammenstellung jener, zumeist baumartigen Gewächse, welche Gummi in größeren Mengen hervorbringen. Die- insofern bei der Gummosis der Kernobstbäume beteiligt ist, als derselbe Enzyme ausscheidet, welche im Kambium die Gummibildung hervorrufen. Wie man sieht, hält auch Aderhold die pathologische Gummibildung für einen durch Enzyme her- vorgerufenen Prozeß. 1) Tschirch, Angewandte Pflanzenanatomie, p. 215. 2) Programm der oenol.-pom. Lehranstalt in Klosterneuburg. 1896. 3) Journ. of the Society of Chemical Industrie 1904. S. auch »Tropenpflanzer« VIII (1904). 4) Flückiger, Pharmakognosie, 3. Aufl., 1891. S. auch die Phytochemien von Rochleder, Husemann u. a., ferner die Biochemie von Czapek (1905) und Wehmer, die PflanzenstofTe, Jena (1911). 5) Nur auf einige als Gummi bezeichnete Produkte, die aber besser zu Kino zu stellen sind, wird in diesem Abschnitte hingewiesen werden. 88 Erster Abschnitt. Gummiarten. jenigen Gummiarten, deren Stammpflanzen hier mit gesperrter Schrift bezeichnet sind — die wichtigsten von allen, besonders in technischer Richtung — werden im nächstfolgenden Kapitel ausführlich abgehandelt werden 1). 1. Cycadaceen2). Encephalartos sp. (E. caffer Miq. ? E. liorridus Lehm. ?). Gra- hamstown (Gap.). Liefert ein Gummi, welches zu den letzten Weltaus- stellungen gesendet wurde. Über Anisotropie dieser Gummiart s. Seh wen- dener, »Über die anomale Reaktion der Tragant- und Kirschgummi«, Sitzungsberichte der königl. preuß. Akademie der Wiss. XLII (1890). 2. Palmen. Cocos nucifera L. s. Kokosgummi. Borassus flaheUiformis L. Ostindien. Palmyra gum. Cat. des Col. fr, 1867, p. 73. Henkel, Die Naturprodukte und Industrieerzeugnisse im Welthandel. Eriangen 1868, p. 294. Cooke, Report of the Gums etc. of the India Mus. 1874, p. 1 ff . Watt, Dict. of the Economic Products of India I, Calcutta (1889), p. 495. Saribus rotundifolius Blume. Java, Celebes. Henkel, 1. c, p. 294. 3. Bromeliaceen. Puya coarctata Fisch. (= P. siiberosa Mol. ] = P. chüensis Mol. = Pourretia coarctata Ruix et Pav. = Pitcairnea chüensis Lodd.) P. lanuginosa Schult. (= Pourretia lanuginosa Ruix et Pav.) 1 P. lanata Schult. ' P. tuberculata Marl. (= Cavanüla tuberculata Kost.). Chili. Auch diese Puya-Ari soll Chagualgummi liefern. Dragendorff, Die Heil- pflanzen der verschiedenen Völker und Zeiten. Stuttgart 1898. s. Chagualgummi. 1) Zahlreiche Gewächse, deren Gummi aber nur eine beschränkte lokale An- wendung, zumeist zu Heilzwecken, findet und welche in das nachfolgende Verzeichnis keine Aufnahme gefunden haben, da derzeit noch keine Aussicht vorhanden ist, daß deren Produkte einer technischen Verwendung zugeführt werden, sind in dem Werke G. Dragendorffs: »Die Heilpflanzen der verschiedenen Völker und Zeiten. Stuttgart, Enke, isgs« genannt. 2) Bei Aufzählung der Nutzpflanzen folge ich in vorliegendem und allen folgen- den Kapiteln dieses Werkes rücksichtlich der Benennung und Anordnung der Pflanzenfamilien Englers Syllabus der Pflanzenfamilien. 2. Aufl. Berlin 1898 und spätere Auflagen. Die letzte (7.) Ausgabe erschien 1912. In der Regel führe ich die betreffende Familie, und nur wenn es mir zweckmäßig erscheint, auch die Unterfamilie auf, welche neben der crsteren in Klammern ersichtlich gemacht wird. s. unten bei »Kirschgummi« (Pru- noideengummi). Erster Abschnitt. Gummiarten. 89 4. Moringaceeu. Moringa pterygosperma Oärt s. Moringagummi. 5. Rosaceen (Prunoideen). Prunus avium L. P. cerasus L. P. domestica L. P. puddum Roxb. Amygdalus communis L. A. leiocladus Boiss. A. spartioides Boiss. Persica vidgaris DC. (Prunus Persica L.). Das Gummi der Pfir- sichbäume wird in China, wo es Täu-Kian genannt wird, und in Indien, wo es Aru, Reck, Mandala heißt, gesammelt. G. Dragendorff, 1. c, p. 284. Armeniaca vulgaris Lam. (^ Prunus Armeniaca L.). Persien, Armenien, bei uns (»Aprikose« oder »Marille«) kultiviert. Liefert Gummi. Dragendorff, 1. c, p. 283. Liefert Arabinose und Galaktose, enthält zwei oxydierende Enzyme und gibt 2,8 Proz. Asche, welche angeblich frei von Mangan und Eisen sein soll. Lameland, Jour. Pharm, et Ghim. 1905. 6. Rosaceen (Spini^oideen). Quillaja smegmodermos DC. Chili. Schönes, hellgelb gefärbtes glänzendes Gummi, welches mit Wasser einen klaren farblosen Schleim liefert, sich aber im Wasser nicht löst. Wurde auf den letzten Welt- ausstellungen exponiert. (Wiener Sammlungen.) 7. Leguminosen (Mimosoideeu). Acacia^) ahyssinica Höchst, s. Akaziengummi. A. Adansonii Gidll. et Perrott. Soll einen Teil des Senegalgummi liefern. Gat. des col. frauQ. Paris 1867. A. albida DC. s. Akaziengummi (Senegalgummi). A. Angico Mart. Brasilien. Liefert ein dem arabischen Gummi ähnliches Produkt, welches in neuerer Zeit von Para in den Handel \) Bezüglich der 23 bisher bekannt gewordenen deutsch-ostafrikanischen Acacia- Arten wird angegeben, daß sie aUe Gummi absondern. Taubert in Englers Pflanzen- welt Ostafrikas, B. Nutzpflanzen. Berlin 1895, p. 423. Ob alle Spezies der Gattung Acaeia — man zählt an 500 Arten — Gummi ausscheiden, ist wohl behauptet worden, aber nicht erwiesen. Die Ausscheidung von Kino oder die Erzeugung jener Stoffe, welche Katechu liefern, schließt, wie wir sehen werden, nicht aus, daß dieselbe Spezies auch Gummi ausscheide. Es ist aber nach Analogie anderer Gewächse als wahr- scheinlich anzunehmen, daß die harz ausscheidenden J. s. Mesquitegummi. Erster Absclmitt. Gummiarten. 93 Taubert in Engler-Prantls Pflanzenfamilien III, 3. Dragendorff, I.e., p. 288. Wehmer, Pflanzenstoffe. Jena 1911, p. 308. Prosopis cumanensis Humb. Bonp. et K. P. dulcis Kunth (= Acacia dulcis WiUd.) P. glandulosa Torrey P. liorrida Kunth P. inermis Humb. et Bonp. P. jidiflora DC. P. mikrophylla Humb. et Bonp. P. pubesce7is Benth. Parkia sp. Der Petebaum liefert ein dem arabischen Gummi ähn- liches Produkt. Miquel, Sumatra. Deutsche Ausgabe. Amsterdam und Utrecht 1862, p. 89. Adenantliera Pavonina L. Indien. Soll ein Gummi liefern, welches in Indien Madatia genannt wird. Gooke, Report of the Gums and Resins of the India Museum. 1874. 8. Legiimiuoseu (Ciesalpiinoideen). Hymencea Courbaril Link. Brasilien. Soll ein dem arabischen Gummi ähnliches Produkt liefern, welches angeblich auch auf dem Lon- doner Markt erscheint. Pharm. Journ. and Transact. XVIII (1888). Flückiger, Pharmakognosie, 3. Aufl., 1891, p. 15. Die Ableitung einer Gummiart von einem so ausgesprochenen Harzbaum wie Hymencea Courbaril scheint wohl eine irrtümliche zu sein. Cassia Fistula L. (Cathartocarpus fistukt Pers.J. Indien, in den Tropen oft kultiviert. Liefert Gummi. Cooke, 1. c, p. 12. Das in den Wiener Sammlungen enthaltene Produkt ist ein fast schwärzliches, in Wasser zum grüßten Teil unlösliches (quellbares) Gummi. Mexoneuron Scortechinii F. v. Müll. Australisches Baristergummi. J. H. Maiden, 1. c, p. 441. Scheint dem Kirschgummi oder dem Tra- gant näher als dem arabischen Gummi zu stehen. Theodora sp. Seriba, Zentralafrika. Liefert ein dunkelfarbiges, tragantartiges Gummi von geringem Wert. Caesalpinia praecox Ruix et Pav. Liefert in Argentinien ein Gummi, genannt »Brea«, welches 80 Proz. Arabin enthält. Domingues, Note sur deux gommes de la Republic Argent. Revue farmaceutique Buenos Aires 1904. E. de Wildeman, Revue des cultures coloniales XIV (1904). Berlinia Eminii Taub. Im Trockenwalde Deutsch-Ostafrikas (Ugogo) sehr häufig. Liefert nach C. Mannich ein Gummi, welches aber nicht als »arabisches Gummi« bezeichnet werden kann, vielmehr nach seinen Löslichkeits- und Quellungsverhältnissen einer geringen Tra- gantsorte gleichkommt. (Die Gummiarten in Deutsch- Ostafrika, Tropen- 94 Erster Abschnitt. Gummiarten. pflanzer VI (1902), p. 204.) Nach E. Schaer (Berichte der Deutsch. Pharmazeutisch. Gesellschaft in Berlin 1902, p. 211) ist das sog. Gummi von BerUnia Eminii ein Gemenge von Gummi und Kino; ersteres bildet braungelbe bis 1 cm dicke Stücke, letzteres kleine, dunkle, mehrere Millimeter dicke Brocken. Das Gummi ist nicht löslich in Wasser, quillt aber stark auf. Das Kino löst sich in Alkohol. Durch Ghloralhydrat erfolgt Lösung des Ganzen, aber es wird rasch eine stark gelatinöse Masse gebildet. Herrn Prof. A. Engler verdanke ich Originalproben des sog. Gummi von BerUnia Eminii. Auch ich fand darin Gummi- stücke und eine Substanz, die dem Kino untergeordnet ist. hi einzelnen Stücken waren der braunen Kinomasse Gummikörner eingelagert, so daß das Ganze Mandelstruktur aufweist. Frisch aufgebrochene Gummistücke sind gelblich, mattglänzend, in dünnen Schichten durchscheinend. An der Luft wird das Gummi leberbraun, opak, fast glanzlos. Es ist mehr zähe wie Tragant, als spröde wie arabisches Gummi. In Wasser löst sich nur ein geringer Teil, die Hauptmasse quillt zu einer Gallerte. Es enthält ein oxydierendes Enzym in anscheinend reicher Menge, da die Lösung mit Guajak- tinktur sich intensiv bläut. In der Härte stimmt es mit Steinsalz überein und ist härter als Muscovit, den es stark ritzt. Unter Mikroskop sieht man deutliche organische Struktur, etwa wie bei Tragant oder besser noch wie beim Moringa-Gummi, denn bei Behandlung mit Wasser bleibt innerhalb der aufquellenden Membranen ein brauner Zellinhaltsrest zurück, der auch durch längere Einwirkung des Wassers nicht verändert wird. Dieses Produkt kommt noch in einem späteren Abschnitt, bei Abhandlung der Kino-Arten, zur Sprache. 9. Leguminosen (Papilionaten). Astragalus adscendens Boiss. et Haussk. A. hrachycalyx Fischer A. creticus Lam. A. gutnmifer Labill. A. heratejisis Bunge A. kurdicus Boiss. A. leioclados Boiss. A. 7nicrocephalus Willd. A. Parnassii Boiss. var. cylleiietis (= A. cylleneus Boiss. et Heldr.) A. ijycnocladus Boiss. et Haussk. A. strohiliferus Eoyle A. stromatodes Bunge A. verus Oliv. 10. Kutaceeu (Aurautieen). Feronia Elephantu7ti Corr. s. Feroniagummi. Erster Abschnitt. Gumrniarten. 95 11. Simariibaceen. Simaruba excelsa DC. Caraiben und Jamaika. Liefert ein Gummi. Ludwig, Journ. de Pharm. Bd. 82, p. 153 f. 12. 3Ieliaceen (Cedreleeu). Cedrela odorata L. Westindien, Südamerika. Liefert in Venezuela eine Gummiart, genannt Goma de cedro. Enthält bloß 25 Proz. lösliches Gummi. A. Ernst, 1. c, p. 257. Grupe, Zeitschr. für Nahrungsmittel- untersuchung 1894. C. Toana Roxh. Indien. Liefert Gummi. Cooke, 1. c, p. 12. 13. Meliaceeu (Melioideen). Melia Axedarach L. Indien, Japan. Thunberg, Flora japon. p. 180. Cat. des Col. franc. p. 75. Cooke, 1. c, p. 19. Sivietenia senegalensis Desc. Senegalländer. Liefert ein braunes, quellbares Gummi. (Wiener Sammlungen.) Flindersia macidosa F. v. Müll. Neusüdwales und Queensland. Liefert ein dem arabischen ähnliches Gummi, welches bis 80 Proz. Arabin enthält. Maiden, Pharm. Journ. and Transact. 1890. Khaya madagascarensisJues. Gelbes bis braunes, in Wasser nur zum Teile lösliches Gummi. Das lösliche Gummi ist rechtsdrehend. Enthält Enzyme (Oxydasen, Peroxydasen und Emulsin). A. Gerard, Bull. soc. pharmac. 1911, Beckurts Jahresbericht 1911. K. senegalensis Juss. Das Gummi dieses Baumes besteht aus Ara- bin und Galacton, und enthält ein Enzym (Oxj'^dase). Delacroix, Compt. rend. 1903. 14. Anacardiaceen. Ä7iacardium occidentale L. (= An. oc. Gärt. = Cassuvium pomiferum Lam.) s. Acajougummi. A. humile St. Hü. und A. nanum Jacq., beide in Brasilien, sollen auch Gummi liefern. Dragendorff, 1. c. , p. 394. Spondias Cijtherea Sonner. Martinique. Kosteletzky, Medizinisch- pharmazeutische Flora p. 1997. Cat. des Col. fr. p. 75. Sp. dulcis Fors. Gomme de Mombin. Guadeloupe. Kosteletzky, 1. c. Cat. des Col. fr. p. 75. Sp. Wirtgenii Miq. Liefert auf Java ein dem arabischen Gummi in der Verwendung gleichkommendes Produkt. Miquel, Flora von Nederl. Indie. Amsterdam 1859, I, p. 8. Sp. lutea L. Tropen. Liefert in Venezuela ein Gummi, genannt Goma de jobo. A. Ernst, 1. c, p. 257. Mangifera pinnata Lin. ßl. (= Spondias mangifera Willd.J. Mala- bar. Liefert Amra, welches früher medizinisch benutzt wurde. Rheede, 96 Erster Abschnitt. Gummiarten. Hortus malabaricus I, p. 50. Kosteletzky, 1. c, p. 1234. Prebble, Notes of East India Gums. Pharm. Journ. and Transact. XIX (1 892), p. 683. M. indica L. Watt, 1. c, V (1891), p. 152. F. Lameland, Sur la gomme de Maoigi f er a indica. Journ. Pharm, et Chimie XXV (1904). Odina Wodier Roxb. Roxburgh, Flora indica. London 1832, II, p. 249. Miquel, 1. c, I, 2, p. 622. Soll in Wasser vollkommen löslich sein und eine Sorte des indischen arabischen Gummi bilden. The Chemist and Druggist 1897. Nach Watt, 1. c, V, p. 445 ist es nur teil- weise in Wasser löslich. 0. gummifera Bl. Liefert auf Java viel Gummi, welches zu technischen Zwecken benutzbar sein dürfte. Miquel, 1. c, I, 2, p. 623. Blume, Mus. Bot. Ludg. Balat. 206. 0. fruticosa Höchst. Abessinien. Liefert ein Gummi, welches zur Verfälschung von arabischem Gummi verwendet wird. Tropenpflanzer XV (1911), p. 218. Rhus Metopium L. Jamaika. Kosteletzky, 1. c, p. 1239. Dieser Baum scheint indes weder ein benutzbares Gummi noch Harz zu liefern. Vgl. Macfadyen, The Flora of Jamaica. London 1837, p. 225. Es wird auch angegeben, daß Rhus Metopium ein drastisches Harz liefere. Wehmer, Pflanzenstoffe. Jena 1911, p. 452. 15. Bombaceen. Adansonia digitata L. Tropisches Afrika. Gatal. des Colon, fr. p. 74. Aus der Rinde quillt ein tragantartiges Gummi. Rein, Tropenpflanzer XV (1911), p. 218. Ei'iodendron antractuosiun DC. Indien. Liefert ein geringes, im Aussehen dem Cochlospermumgummi ähnliches Produkt. Wurde zu den letzten Weltausstellungen gebracht (Wiener Sammlungen). S. auch Watt, 1. c, m (1890), p. 263. Bomhax malaharicimi Roxb. und B. pentandrum L. Malabar- gummi. Ostindien. Wiesner: im offiz. österr. Ausstellungsberichte über die Pariser Ausstellung (1867). Bd. V, p. 497. IG. Sterciiliaceen. Stercidia urens Roxb. Soll ein dem Tragant ähnliches Gummi liefern. Roxburgh, Plants of the coast of Coromandel. London 1816, I, p. 25. Wird oft als Stammpflanze des Kuteragummi genannt. L. Mangin, Compt. rend. T. 125 (1897), p. 725 leitet das Kuteragummi von der nächstfolgenden Pflanze ab. St. Tragacantha Lindl. s. Tragant. Stercidia tomentosa Hechel (St. tomentosa Guill. Perrott. et Rieh.?). Tropisches Afrika. Liefert ein tragantähnliches Gummi, welches dem Erster Abschnitt, Gummiarten. 97 Gummi von Cochlospermum gossijpium am nächsten stehen soll. Im Sudan heißt dieses Gummi Gomme de M'beppe, in Loanda Chixe oder Ici ia Chixe. Nach Schlagdenhauffen (zitiert bei Heckel, s. unten) beträgt die Dichte dieser Gummiart 1,416, letztere hinterläßt 7,65 Proz. Asche und enthält 7 — 8 Proz. lösliches Gummi. Bouchez, Revue des cultures coloniales 1 898, Nr. 8. Eine ausführliche Beschreibung des Gummi und seiner Stammpflanze enthält die Abhandlung von Ed. Heckel, Le StercuUa tomentosa et la gomme qu'il fournit. Ilepert, de Pharmacie. Paris. Jan. et Fev. 1899. Brachychiton populneuin R. Br. Neuholland. Liefert ein fast farbloses tragantartiges Gummi. (Wiener Sammlungen. Gesandt von F. V. Müller.) 17. Cochlospei'iiiaceen. Cochlospennion gossyphan DC. (^= Bombax grandiflorwn Sonner.J s. Cochlospermumgummi. 18. Cacteeu. Cactus opuntia L. subinermis. Guadeloupe. Soll ein bassorin- reiches Gummi liefern. Cat. des Col. fr. p. 74. Über Cactus opuntia s. Bazir und Guibourt, Journ. Pharm. XX, p. 525. Opuntia ficus indica Mill, Südamerika; in Südeuropa kultiviert. Liefert nach Schacht (Lehrb. d. physiol. Bot. II, p. 558) ein dem Tra- gant ähnliches Gummi; in Garabobo (Venezuela) ein Gummi, genannt Goma de tuna. A. Ernst, 1. c, p. 257, Über dieses Gummi s. T. F. Hanausek, Zeitschrift des all. österr. Apothekervereins 1877, p. 113 ff. Es wird nach Hanausek nicht nur in Venezuela, sondern auch auf den Antillen in beträchtlicher Menge gesammelt. Es bildet ansehnliche knollenförmige Massen, entsteht ähnlich wie Tragant durch Verquellung von Zellhäuten , löst sich nicht im Wasser , quillt aber darin stark auf. Es umschließt Stärkekörner und Rindenparenchymmassen, deren dick- wandige Elemente Kristalldrusen von oxalsaurem Kalk, Farbstoff und Gerbstoff enthalten. Cereus sp. Guärico (Venezuela). Liefert »Goma de carddn«. A. Ernst, 1. c, p. 258. Peresläa sp. Venezuela. Liefert ein unter dem Namen »Goma de Guamacho« bekanntes Gummi, A. Ernst, 1. c, p. 258. 19. Peiia\aceeii. Beide im südlichen und nordöstlichen Afrika, Pencea mucronata L. Liefern die ehemals medizinisch benutzte P. SarcocoUo L. [ Sarcocolla. Handbücher der Pharmakognosie (Henkel, Berg usw.). Wiesner, Rohstoffe. I. Band. 3. Aufl. 7 98 Erster Abschnitt. Gummiarten. 20. Araliaceen. Panax Murrayi F. Müll. J. H. Maiden. Panax gum. Austra- lien. Pharm. Journ. and Transact. 1892, p. 442. Ist dem Akaziengummi ähnlich, enthält 85 Proz. Arabin und soll ein gutes Ersatzmittel für arabisches Gummi sein. 21. Comhretaceen. Anogeissus latifolia Wallich. Ostindien. Liefert ein dem arabischen Gummi ähnliches Gummi, aber von minderer Qualität. In Indien wird es noch im Zeugdruck (calico-printing) angewendet. Die Klebkraft ist geringer als die des arabischen Gummi (Watt). Dymock, Vegetable Materia of Western India 1885, p. 278. S. auch Dymock, Warden and Hooper, Pharmacographia indica I (1890), p. 544. Watt, Pro- ducts of India. Calcutta 1889 und später Bd. I, p. 256. In Süd- und Zentralindien bis 3000 Fuß im Gebirge ansteigend. Comhretum Hartmannimium Schiveinf. Das Gummi dieses Baumes soll zur Verfälschung des arabischen Gummi benutzt werden. Tropen- pflanzer XV (1911), p. 219. C. sp. Deutsch-Ostafrika, Adamana. Liefert eine Art arabisches Gummi, »Mumuye« genannt. Dalziel, Bull. Kew. Gard. 1910. 22. Boraginaceeu. Cordia Rothii E. et Seh. Nördlicher Sudan. Liefert ein Gummi, welches zur Verfälschung von arabischem Gummi benutzt wird. Tropen- pilanzer XV (1911), p. 220. 23. Compositen. Echinops viscosiis DC. Mediterrangebiet. Orient. Liefert nach Landerer ein bassorinreiches Gummi, den Pseudo-Mastix (Angado Mastiche), welcher in Griechenland wie Mastix gekaut wird. Atractylis gummifera L. Mittelmeerländer und Orient. Dient nach Landerer zu demselben Zweck und soll auch zum Verfälschen des Mastix angewendet werden. Nach diesem Autor liefert Atr. g. kein Harz, sondern wie die früher genannte Komposite ein bassorinreiches Gummi. Landerer, Über den Akanthomastix des Orients. Buchners Repertorium 1874, p. 437. Nach H. Karsten soll die Ausscheidung dieser Pflanze viszinhaltig sein. Enthält nach Lefranc eine charakte- ristische Säure, die Atraktylsäure, welche in der Pflanze als Kaliver- bindung auftritt. H. Karsten, Med. pharm. Botanik (1883), p. 1105. Erster Abschnitt. Gummiarten. 99 V. Spezielle Betrachtung der Gummiarten. Die Gummiarten lassen sich in folgender Weise einteilen: 1. Arabinreiche 1). Sie bestehen der Hauptmasse nach aus Arabin. Zerasin und Bassorin kommen darin nicht, oder doch nur in kleinen Mengen vor. Hierher gehören alle guten Sorten von Akaziengummi, Ferouiagummi, Anakardiumgummi und einige andere. 2. Zerasinreiche. Sie sind wechselnde Gemenge von Zerasin und Arabin. Hierher gehört vor allem das Prunoideengummi (Amygda- leengummi, Kirsch-, Pflaumen-, Aprikosen- und Mandelgummi). 3. Bassorinhaltige. Gemenge von Bassorin und einer dem Arabin nahestehenden Gummiart. Tragant, Kuteragummi, Bassoragumrai, Kokos- gummi, Chagualgummi, Moringagummi. 4. Zerasin- und Bassorinhaltige. Gemenge von Zerasin und Bassorin. Gummi von Coddospermum gossijpium. 1. Akaziengnmmi. Hierher rechne ich das Gummi der echten Akazien, also arabisches, Senegal-, Kap-, nord-, ost- und westafrikanisches, neuholländisches, end- lich das ostindische von Akazien herrührende Gummi. Man hat die genannten Gummiarten früher streng auseinander ge- halten, und ihnen größere Unterschiede beigemessen, als ihnen in der Tat zukommen, bis Flückiger auf die große Übereinstimmung im physikalischen und chemischen Verhalten hinwies, welche zwischen dem sogenannten arabischen (eigentlich nordostafrikanischen) und dem Senegalgummi besteht, die der genannte Forscher als afrikanisches Gummi zusammenfaßte. Ich habe aber den weiteren Nachweis geliefert, daß auch das australische und Kapgummi mit den beiden genannten Gummiarten in wesentlichen Eigenschaften zusammenfallen, und habe zur Vereinigung der vier genannten Gummen die Bezeichnung » Akazien - gummi« in Vorschlag gebracht. Mehr als eine Gattungsbezeichnung soll indes auch der Ausdruck »Akaziengummi« nicht sein. Denn je tiefer man in die Kenntnis der physikalischen und chemischen Eigenschaften der Akaziengummen ein- dringt, desto mehr erkennt man, daß sie bei vieler Gleichheit in den äußeren Eigenschaften, im physikalischen und chemischen Verhalten von- einander abweichen, wie in früheren Kapiteln nachgewiesen wurde. \) In welchem Sinne die Ausdrücke Arabin, Zerasin und Bassorin zu nehmen sind, wurde oben (p. 62 S..] erörtert. Als chemische Individuen werden diese drei Körper auch hier nicht aufgefaßt, sondern in dem mehr praktischen Sinne, daß hier- unter Substanzen und zum Teil entschiedene Gemenge zu verstehen sind, welche sich durch ihre Löslichkeitsverhältnisse und andere leicht zu charakterisierende Eigen- tümlichkeiten voneinander unterscheiden. 7* IQQ Erster Abschnitt. Gummiarten. Große Lücken sind in Bezug auf den Zusammenhang zwischen den chemischen und physikalischen Eigenschaften einerseits und der bota- nischen Provenienz der Gummiarten andererseits noch auszufüllen. Zu chemischen und physikalischen Untersuchungen der Gummiarten dient nämlich zumeist die Handelsware, von welcher man aber nur die geo- graphische Provenienz kennt, und oft auch diese nicht sicher. Es wäre aber sehr wichtig, bei solchen Untersuchungen zu wissen, von welcher J.mcia-Spezies (oder Varietät) das Gummi abstammt, denn es läßt sich erwarten, daß die spezifischen Eigenschaften der Gummiarten an den spezifischen Charakter ihrer Stammpflanzen gebunden sind. Inwieweit man die Abstammung der verschiedenen Arten des Akazien- gummi kennt, soll im nachfolgenden erörtert werden. Die botanische Herleitung des aus den Nilländern stammenden Gummi (sog. arabisches Gummi) ist erst in neuerer Zeit geklärt worden. Bis in die neuere Zeit hat man das sog. arabische Gummi von Acacia arabica Wüld.^ von der nahe verwandten A. nüotica Del.'^), von Ä. Ehrenhergiana Hayne, Ä. Seyal Del. und A. tortilis Hmjne ab- geleitet. Da wurde zuerst von Cienkowski nachgewiesen, daß der- selbe Baum, welcher in den Senegalländern Gummi (Senegalgummi) liefert, auch in den Nilländern, selbst in Kordofan, woselbst die besten Sorten des arabischen Gummi gewonnen werden, vorkommt, nämlich A. Verek Ouill. et Perrott. Dieser Baum, in den Senegalländern » Verek* genannt, ist also identisch mit dem Baume, welcher in den Nilländern die im Handel gesuchte Sorte von sog. arabischem Gummi hervorbringt und in diesen Gebieten den arabischen Namen »HascJiah«^ führt. Trotz dieser schon im Jahre 1848 gemachten Auffindung blieb man doch noch 20 Jahre bei der alten Ableitung des arabischen Gummi und erst Schweinfurth wies auf den gleichen botanischen Ursprung des Senegal- und der besten Sorten des arabischen Gummi hin. Es hat sich auf Grund der wichtigen Beobachtungen und Nachrichten über die botanische Provenienz des Gummi der Nilländer, welche wir Schwein furth^) ver- danken, die Meinung gebildet, daß das ganze Akaziengummi, welches aus der nördlichen Hälfte Afrikas nach Europa gelangt, also sowohl das sog. arabische, als das Senegalgummi, von einem und demselben Baume, nämlich von Acacia Ve^'ek abstamme. Die späteren Forschungen haben aber diese rasch akzeptierte und allzusehr erweiterte Ansicht doch wieder einigermaßen eingeschränkt. 1) Die neueren Autoren identifizieren zumeist Acacia arabica Willd. mit A. nüo- tica Del. "Vgl. Schweinfurth in Linnaea 1867, p. 337 ff. S. oben p. 90. 2) Schweinfurth, Äcacia-Arten des Nilgebietes. Linnaea 1868. Derselbe, Im Herzen von Afrika. I (1874). Daß der Baum »Haschab« das ausgezeichnete Kordofangummi hefere, hat bald nach Schweinfurths Untersuchungen durch Heuglin (Reise nach Abessinien, 1868) Bestätigung gefunden. Erster Abschnitt. Gummiarten, 101 Auch wurden neue gummiliefernde Gebiete, namentlich Deutsch-Ostafrika, dem europäischen Handel erschlossen, und damit andere Spezies der artenreichen Gattung Acacia als Stammpflanzen von in den europäischen Handel eintretenden Arten des sog. arabischen Gummi erkannt. Nähere Angaben über die Spezies der Gattung Acacia, welche in den verschie- denen tropischen und subtropischen Ländern des alten Kontinents sog. arabisches Gummi liefern, folgen unten bei Besprechung der einzelnen Arten von Akaziengummi. Form und Grüße der Stücke, Farbe, Geschmack, Lüslichkeit ist bei den verschiedenen Arten und Sorten des Akaziengummi je nach der botanischen Provenienz und wohl auch nach den klimatischen Verhält- nissen, unter welchen ihre Bildung erfolgt, verschieden und von der Älenge des darin enthaltenen Arabins und von der chemischen Zusammen- setzung des Produktes überhaupt abhängig. Auf diese Besonderheilen wird bei Betrachtung der einzelnen Arten und Sorten dieses Gummi hin- gewiesen werden. Hier sollen nur die gemeinschaftlichen Züge im Cha- rakter der verschiedenen Arten des Akaziengummi vorgeführt werden. Die Form der Stücke ist wenig charakteristisch, desgleichen die skop gesehen, erscheint die Substanz vollkommen homogen, nur mehr oder minder reich von lufterfüllten Klüften durchsetzt. Die muschelige Bruchfläche ist, unter Mikroskop betrachtet, von radialen Rißlinien durch- setzt. Die Härte gleicht der des Muskovits. Infolge von Spannungs- unterschieden erscheint das Akaziengummi im Polarisationsmikroskop doppelt lichtbrechend. Die Dichte liegt zwischen 1,.3 — 1,6. Lösungen gleicher Konzentration haben annähernd die gleiche Dichte (vgl. oben p. 61). Die wässerigen Lösungen sind nach Entfernung des etwa vor- handenen Zuckers entweder rechts- oder linksdrehend, bei den besten Sorten linksdrehend. Die guten Sorten lösen sich vollständig im Wasser, im kalten ebenso reichlich wie im heißen, und zwar etwa im gleichen Gewichte des Wassers, Geringe Sorten hinterlassen nach Behandlung mit Wasser einen quellbaren Rückstand, der wahrscheinlich der Haupt- sache nach aus Zerasin besteht. Die wässerigen Lösungen haben stets eine schwach saure Reaktion. Die Akaziengummi sind durch große Hygroskopizität ausgezeichnet (s. oben p. 62). Die Lösungen aller Akaziengummiarten, wie der Gummiarten über- haupt, wirken diastatisch, genauer gesagt amylolytisch, lösen nämlich Stärkekleister auf^). Da die Enzyme, darunter auch die diastatischen I) Wiesner, Das Gummiferment. Sitzungsber. der kaiserl. Akad. d. Wissenschaften in Wien. Bd. XCII (1885). tJber die Enzyme der Gummiarten siehe oben p. 77. 102 Erster Abschnitt. Gummiarten. Fermente, stark schäumende Lösungen geben, so wird es verständlich, daß auch die Lösungen des Akaziengummi stark schäumen. Kocht man die Lösungen des Akaziengummi so lange, bis sie nicht mehr diastatisch wirken (und dann auch Guajaktinktur nicht mehr bläuen), so bleibt das starke Schäumen der Lösung beim Schütteln aus. In schwachem Weingeist löst sich das Akaziengummi in geringer Menge auf. In einem mehr als 52proz. Alkohol ist es gänzlich un- löslich. In Glyzerin löst es sich nur wenig, aber die wässerigen Lösungen mischen sich klar mit Glyzerin. In Chloralhydrat löst sich arabisches Gummi vollständig aufi). Das Akaziengummi enthält 12 — 17 Proz. Wasser, — 0,36 — 1 Proz. Dextrose, Spuren von Harz und Farbstoff. Die Aschenmenge beträgt etwa 3 Proz. Die Asche besteht vorwiegend aus kohlensaurem Kalk und kohlensaurem Kali. Das Akaziengummi tritt freiwillig aus und ist in der Regel ein bloßes Sammelprodukt. In einigen Gewinnungsgebieten, z. B. im Somali- lande, werden die Gummibäume behufs reichlicheren Ertrages an Gummi angeschnitten 2), eine bei rationellem Betriebe sich immer mehr und mehr einbürgernde Methode. a) Arabisches Gummi (Nilgummi). Unter arabischem Gummi versteht man seit langer Zeit jene Arten von Akaziengummi, welche aus dem Nordosten Afrikas, vornehmlich aus dem Nilgebiele, in den Handel gesetzt werden. In neuester Zeit kommen aus dem Inneren Arabiens über Aden und Makalla Gummisorten in den Handel, welche mit dem sog. arabischen Gummi übereinstimmen ^j. In diesem Paragraph ist nur vom nordostafrikanischen, bzw. wahren arabischen Gummi die Rede. Der Ausdruck »arabisches Gummi« wird aber gewöhnlich für alle in Wasser löslichen Gummiarten in Anwendung gebracht, also in erster Linie für die guten Akaziengummen der ver- schiedensten Provenienz. Mir erscheint es zweckmäßig, das »arabische Gummi im engeren Sinne«, worunter das in diesem Paragraphen ab- gehandelte Gummi zu verstehen ist, zum Unterschiede von Senegalgummi als Nilgummi zu bezeichnen, durch welchen Ausdruck die geographische Provenienz wohl nur angenähert, aber doch richtiger als durch das ge- bräuchliche Wort bezeichnet wird. \) R. Mauch, Über physikalisch-chemische Eigenschaften des Chloralhydrates. Inaug.-Diss. Straßburg 1898, p. \M. 2) Miles, Journ. of the Roy. Geogr. Soc. XXII (1872), p. 64. S. auch unten bei Somaligummi. 3) Handelsberichte des Deutschen Handelsarchivs. ISSB. Über Gummi, welches in Arabien gesammelt wird, s. auch E. Glaser, Mitt. der Geogr. Gesellschaft in Wien, 1887, und Maben, Pharm. Journ. and Transact. XX (1890;. Erster Abschnitt. Gummiarten. 103 Das Nilgummi ist allerdings zum Teil noch ein bloßes Sammel- produkt freiwillig austretenden Gummis. Aber in allen Gebieten, in welchen die Produktion von größerer Wichtigkeit geworden ist, schneidet man die Bäume nach Beendigung der Regenperiode an, wodurch nicht nur die Ausbeute steigt, sondern das Gummi besser gerät, besonders eine hellere Farbe besitzt. Man hat es in einigen Gegenden zweckmäßig befunden, die Bäume nicht durch bloße Einschnitte zu verletzen, sondern breite Rindenstreifen auszuschneiden. Bei sonnigem Wetter ist das aus- tretende Gummi schon nach einem Monat reif; bei feuchter Witterung tritt die »Reife« erst nach 50 — 60 Tagen ein. Die besten Sorten des Nilgummi stammen nach übereinstimmenden neueren Berichten von Acacia Verek. Doch liefern auch andere Spezies von Acacia gute Sorten von dieser Gummiart. So die im Somalilande häufigen Arten: Ä. abyssinica und A. glcmcophylla'^) und in den Nil- ländern A. Giraffae. Hingegen geben nach Schweinfurth^) die Bäume »Talch« (A. stenocarpa)^ »Ssofar« (A. Fistula) und »Szant« oder »Sont« (A. nüotica) meist nur bräunliche oder rötliche Sorten. Rote und braune, deshalb geringe Sorten stammen auch von A.Ehrenhergiana nxxAA. Seyal^). Der auch in Kordofan vorkommende Salgambaum (Acacia reficiens) soll hingegen ein gutes, brauchbares Gummi liefern'*). Von allen Sorten des arabischen Gummi, welche ich zu untersuchen Gelegenheit hatte, fand ich das von A. Fistula abstammende als das geringste. Es ist lichtrotbräunlich bis rötlichbraunschwarz, wenig durch- sichtig, häufig nur durchscheinend, manchmal fast undurchsichtig, nicht so spröde wie gewöhnliches arabisches Gummi, vielmehr schwer zu pulvern und enthält oft mehr als 10 Proz. quellbares, aber in Wasser unlösliches Gummi s). ^) Hildebrandt, Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde in Berlin. ^875, p. 279. S. auch Taubert in Engler und Prantls Pflanzenfamilien. III, 3, 1894, p. HO. Beide Spezies kommen auch in Abessinien vor, werden aber dort auf Gummi nicht ausgebeutet. Vgl. Gilg inSadebecks »Kulturgewächse der deutschen Kolonien«. Jena 1899, p. 258. 2) Akazien der Nilländer, 1. c. 3) Taubert, 1. c, p. 113. 4i Rein, Tropenpflanzer XV (1911), p. 218. ö) Nach den Angaben Schwein furths (»Im Herzen von Afrika«. I. Teil, Leipzig 1874, p. 104 ff.) scheint Acacia Fistula auch Gummi besserer Qualität zu hefern, als das von mir oben beschriebene. Der genannte Forscher bezeichnet dieses Gummi nämlich als eine Sorte von mittlerer Qualität, welches aber deshalb Beachtung verdiene, weil es in ungemein großen Massen zu gewinnen wäre. Im Lande Schilluk (10° n. Br.) kommt nämlich neben einigen anderen J.eacm-Arten Acacia Fistula so massenhaft vor und ist dessen Gummiproduktion eine so große, daß ein einzelner Mensch zur "Winterszeit leicht im Tage eine Gummiernte von einem Zentner einheimsen könnte. Dieser Baum liefert nach Schwein furth einen Teil des auf den Märkten 104 Erster Abschnitt. Gummiarten. Die wichtigsten Sorten des arabischen Gummi sind: Kordofangummi, Sennaargummi, Suakingummi, Geddahgummi und Somaligummi. In jenen Teilen des ägyptischen Sudan, welcher die Gummidistrikte von Kordofan und Sennaar umfaßt, wird das beste arabische Gummi geerntet. Hier wird ausschließlich der Haschabbaum (Acacia VerekJ kultiviert und durch rationellen Anschnitt des häufig in Gärten gezogenen Gewächses wird eine reiche Ernte von besonders gutem Gummi erzielt. Im Sudan unter- scheidet man zwischen Hashab geneina und Hashab wady. Unter ersterem versteht man den kultivierten und rationell angeschnittenen, unter letz- terem den wild wachsenden gummiliefernden Baum, welcher nur das freiwillig austretende Gummi als Sammelprodukt liefert i). Das Kordofangummi gilt mit Recht als die beste Sorte des ara- bischen Gummi. Es bildet rundliche Kürner, welche einen Längendurch- messer von 2 cm, seltener darüber, erreichen. Die Stücke sind meist blaßweingelb, seltener fast farblos und wasserklar. Auch gibt es ge- ringere Sorten von Kordofangummi, welche lebhafter gelblich bis braun- rötlich gefärbt sind. Selbst die großen Kürner des Kordofangummi sind bis ins Innere hinein rissig, und dadurch unterscheidet sich das beste arabische von dem später zu betrachtenden besten Senegalgummi. In der Peripherie der Kürner treten die Risse allerdings reichlicher auf als im Innern. Aber beim Senegalgummi erscheint an jedem Korn eine äußerst rissige Rinde, welche einen dichten risselosen Kern umgibt. Das Kordofangummi ist links drehend und liefert 24 Proz. Schleimsäure (siehe oben p. 70). Das Kordofangummi wird vornehmlich im Bezirke ßara gewonnen. Es kommt von Kordofan über Dongola, Mandjura (am weißen Nil) und Chartum nach Alexandrien und schließlich nach Triest^). — bekannten Gummi von Gedaref, weiches oft in faustgroßen Stücken angetroffen ■wird, aber selten hell gefärbt erscheint und meist ins Bernsteinbraune spielt (1. c., p. 1005). 1) W. Beam, Third Report Wellcome Research Laborat. Gordon Memor. College, Khartoum. London 1908. 2) Wie die Sortierung des Rohgummi und der Handel mit arabischem Gummi bis zum Jahre 1900 in Triest betrieben wurde, ist in der 2. Aufl. dieses Werkes, wie folgt, geschildert worden: >Nach Triest gelangt auch ein großer Teil der übrigen Sorten des arabischen Gummi, ja in neuester Zeit auch unsortiertes Senegalgummi. Triest ist einer der Hauptplätze des Gummihandels und speziell für arabisches Gummi der erste Handelsplatz der Welt. Die Sortierung des arabischen Gummi (Teilung des un- mittelbar importierten Handelsproduktes durch Auslese, Siebung usw. in die nach Farbe und sonstiger Qualität verschiedenen Handelssorten) ist fast immer noch auf Triest beschränkt. In neuester Zeit versuchten auch Hamburger Importeure eine Sortierung des arabischen Gummi, aber nicht mit dem Erfolge, wie die Triestiner. (Gehe, Handelsberichte. Dresden, September 1894.) Infolge der kriegerischen Ver- hältnisse in den Nilländern ist Kordofangummi sehr teuer geworden. Nachdem der Krieg beendigt ist, dürfte der Handel mit arabischem Gummi wieder dadurch eine Erster Abschnitt. Gummiarten. 105 Sennaargummi steht an Güte dem Kordofan zunächst und besteht aus kleinen Kürnern von meist biaßgelblicher Färbung. — Das Suakin- gummi, vornehmlich auf der Hochebene von Takka von wild wachsen- den Bäumen (Hashab wady) gesammelt, wird von dem wichtigen Hafen- und Handelsplatze Suakin am Roten Meer aus verschifft. Es bildet eine gelbgefärbte Sorte, welche mehr oder minder mit dunkelrotbraunen Kürnern untermischt ist. Nicht selten ist es kleinkörnig und staubig. Das Suakingummi liefert 21,5 Proz. Schleimsäure und dreht die Polari- sationsebene nach rechts. — Unter den mittleren Sorten des arabischen Gummi steht das Geddahgummi obenan. Wenn die Kürner desselben auch niemals die helle Farbe der früher genannten Sorten erreichen, so ist es doch wegen grüßerer Klebkraft und anderer Eigenschaften sehr verwendbar und in der Appretur von Geweben sehr gesucht. Seine lange gekannten spezifischen Eigenschaften finden nunmehr ihre Erklärung in der Tatsache, daß es im chemischen Verhalten von den übrigen Sorten des arabischen Gummi abweicht (über die im Geddahgummi aufgefun- dene Geddahgummisäure s. oben p.TI). Die Rohware (Sammelprodukt) ent- hält allerdings auch trübe, blasige, mit Rindenstücken durchsetzte Kürner; aber die elegierte Ware erscheint homogen und besteht aus honiggelben bis bräunlichen Kürnern. Das Geddahgummi ist zumeist afrikanischen Ursprunges, wird aber von dem arabischen Hafen Geddah (Dschiddah) Einschränkung erfahren, daß die ägyptische Regierung auf alle Sorten von arabischem Gummi einen hohen Ausfuhrzoll zu legen beabsichtigt, was aber nur zur F&lge haben dürfte, daß der Handel mit Senegalgummi eine neue Begünstigung erfahren wird. Gehe, Handelsberichte. April 1899.« — So lagen die Dinge bis zum Jahre 1900. Nach brieflichen Mitteilungen vom Februar 1913, welche ich Herrn Professor Mor- purgo in Triest verdanke, ist seit dem Jahre 1900 ein Rückgang im Gummihandel Triests eingetreten. Während früher auf die helle Farbe und Großkörnigkeit der Ware hohes Gewicht gelegt wurde, haben diese Eigenschaften für die Konsumenten jetzt nur einen geringen Wert, so daß die früher in Triest mit wahrer Virtuosität betriebene Sortierung der Rohware ihre Bedeutung eingebüßt hat und die ehemals durch Elegierung entstandenen schönen Sorten des arabischen Gummi nicht mehr ge- sucht werden. Die ehemals reichlichen ägyptischen Zufuhren von Gummi nach Triest haben sich stark verringert, indem von Ägypten sehr primitiv gereinigtes Gummi direkt nach den europäischen Konsumländern exportiert wird. Was den Triester Handel mit Senegalgummi anlangt, so teilt mir Herr Prof. Morpurgo mit, daß diese Wai'e für Triest nur vom Jahre 1899—1900, als das ägyptische Gummi selten und deshalb teuer war, Bedeutung hatte. In den letzten 5 Jahren wurden nur jährlicli durch- schnittlich 200 Meterzentner von Senegalgummi in Triest eingeführt. Ich möchte hier noch anmerken, daß nach Erkundigungen, welche ich im Jahre 1899 bei den ersten Wiener Handelshäusern, insbesondere solchen, welche in Triest Fihalen besitzen, einziehen ließ, damals im österreichischen Handel das Senegalgummi, namentlich be- züglich der feineren Sorten, das Übergewicht gegen arabisches Gummi hatte. (S. auch unten bei Senegalgummi.) 106 Erster Abschnitt. Gummiarten. verschifft. — Auch Somaligummii) gelangt über Aden^^ als arabisches Gummi in den Handel. Ich habe Gelegenheit gehabt, aus dem Somali- lande stammendes Gummi (Sammelprodukt) zu untersuchen. Dasselbe zeichnet sich durch eine außerordentliche Ungleichmäßigkeit aus, offen- bar, weil dasselbe von verschiedenen Spezies von Acacia abstammt. Es kommen in diesen Gummisorten helle, glasigbrechende Kürner vor, dar- unter Stücke mit radialer Anordnung der bis ins Zentrum der Körner reichenden Risse (Fig. \ 6), wieder andere, welche dunkle Färbung und geringe Durchsichtigkeit besitzen und ihren Reichtum an unlöslichen An- teilen schon durch die geringe, auf die Obertläche beschränkte Rissigkeit und das Auftreten klaffender Risse verraten (Fig. 15). Das Somaligummi Fig. 15, Vergrüßening 1 1/2 mal. Unregel- mäßige Eißbildnng an der Oberfläche von im Wasser unvollkommen löslichem , zähem Akaziengummi. Fig. 10. Vergrößerung 2 mal. Bruchfläche eines Gummistückes einer Sorte von Somaligummi mit strahligem Gefüge. (Aus der Sammlung des bot. Museums in Berlin.) in dem Paragraphen: Geschichtliches über das arabische Gummi) und wird auch gegenwärtig in großen Quantitäten gesammelt. Die Gummi- gewinnung wird im Somalilande durch Anschnitt unterstützt und soll unterhalb der Schnittwunde eine Bastbinde angelegt werden, an welcher 1) Im Somalilande, wo die verschiedensten Gummi und Gummiharze gekaut werden, unterscheiden die Bewohner nur süßes und bitteres Gummi; zu dem ersteren zählen arabisches Gummi und Weihrauch (»luban«;, zu dem letzteren Myrrhe und andere Gummiharze. Captain S. B. Miles, On the Neighbourhood of Bunder Marayah. The Journ. of the Royal Geograph. Society. London 1872, p. 61 ff. Daselbst auch raehrfaclie Angaben über Gummi, leider ohne Anführung der botanischen Namen der Stammpflanzen. 2) Den Markt für das Somaligumrai bildet der Hauptort der britischen Somali- küste, Berbera, von wo das Gummi über Aden nach Indien gebracht wird und von da z. T. nach Europa kommt. Nach Stohmann (Muspratt, 4. Aufl., Bd. III (1891), p. 1908) kommt dieses Gummi unter dem Namen Sumgh, in Ziegenfellcn verpackt, nach Berbera. Erster Abschnitt. Guramiarten. 107 sich die Hauptmasse des Gummi ansammelt, während ein Teil auf den Boden fließt und die geringste Sorte des Gummi bildet. Anschnitt der Bäume und Anlegen der Bastbinden werden anfangs März vorgenommen und einen Monat später beginnt die Ernte, welche bis zum September währt. Es wird nun das Sammelprodukt durch die Eingeborenen sortiert (die Somali nennen diese Prozedur »safi«, soviel als Auslese) i). So ent- stehen Sorten des Somaligummi von sehr verschiedener Güte. Gute Sorten sind »Wordi« (feinkörnig) und »Adad« (grobkörnig), gering, näm- lich trüber und dunkler gefärbt, die Sorte »Djerjun«, schlecht, nämlich dunkel und sehr wenig durchsichtig bis undurchsichtig, reich an unlös- lichem Gummi die Sorte »Lerler«^). Die Gummimenge, welche im So- malilande jährlich geerntet wird, schätzt man auf 2000— 3000 Tonnen^) Daselbst ist Gummi ein Nahrungsmittel; es bildet für die Somali bei langen Tagmärschen, wie bestimmt angegeben wird, die einzige Nahrung^) Auch in der italienischen Kolonie Erythräa wird Akaziengummi gesammelt Es rührt nach Schweinfurth von Äcacia Verek und A. Seyal ber^) scheint aber noch nicht Gegenstand des Handels zu bilden. Abessinien ist wohl reich an ^cacm-Arten, welche gutes arabisches Gummi liefern aber die Gummigewinnung wurde dort arg vernachlässigt. Durch ge eignete Maßnahmen ließen sich bedeutende Erfolge erzielen 6). b) Senegalgummi. Schon seit langer Zeit hat das aus dem Senegalgebiete nach Europa gelangende Gummi für den französischen Handel Bedeutung. Aus schon angeführten Gründen^) konkurriert es nunmehr auch außerhalb Frank- reichs mit dem Nilgummi und ist für den europäischen Handel von großer Wichtigkeit geworden. Viel von dem als »arabisches Gummi« verkauften -1) P. Paulitschke, Ethnographie Nordostafrikas. Die materielle Kultur der Somal usw. Berlin 1893, p. 218. Benutzte Quellen (Revoil, Guillain und Bricchetti- Robecchi) zitiert p. 277. 2) Haggenmacher, Reise im Somalilande. Petermanns Geogr. Mitteilungen. Ergänzungsheft 47 (1876). 3) P. Paulitschke, 1. c, p. 219. 4) P. Paulitschke, Ethnographie von Nordostafrika. Die geistige Kultur. Berlin 1896, p. 282. Über den Nährwert des Gummi s. weiter unten. 3) Schweinfurtli, Le plante utih dell' Eritrea. Sog. Afric. d' Italia X (1890). 6) Tropenpflanzer IX (1905), p. 48. 7) S. oben p. 87. 8) A. Vogl führt in seinem Kommentar zur österreichischen Piiarmakopöe (Wien 1 892, p. 422) an, daß zur Zeit des Krieges in Massauah kein Kordofan- und Sennaar- gummi nach Europa gelangte und was den Apothekern als Gummi Acaciae zugetührt wurde, nur Senegalgummi war. S, auch Mähen, Pharmaceut. Journ. and Transact. XX, p.717. Nach Gehes Handelsbericht (Dresden, April 1899, p. 30) war damals schon 108 Erster Abschnitt. Gummiarten. Das Senegalgummi wird von Acacia Verek abgeleitet. Für die guten Sorten dieses Gummi ist diese Ableitung als sicher zu betrachten. Hin- gegen wird bezüglich der geringeren Sorten vielfach angegeben, daß dieselben von anderen Äcacia-Arien herrühren. Es würde sich, falls diese Angaben richtig sein sollten, rücksichtlich der Abstammung des Senegalgummi dieselbe Tatsache ergeben, die wir bei der Herleitung des Nilgummi kennen gelernt haben; es würden alle guten Sorten dieser bei- den Hauptarten des Akaziengummi von demselben Baume (Acacia Verek) abstammen, hingegen die geringeren, sowohl im Senegal- als im Nil- gebiete, von verschiedenen Äcacia-Arten herrühren. Als Stammpflanzen der geringeren Sorten des Senegalgummi werden genannt: A. Neboued, A. Vera und A. albida^). Acacia Verek ist der wichtigste Gummibaum; derselbe liefert, wie wir gesehen haben, nicht nur das Senegalgummi oder doch die guten Sorten desselben, sondern auch die besten Sorten des nordafrikanischen Gummi. Da dieser Baum häufig neben anderen Acacia- A.v{qx\ vorkommt, so ist es wichtig, ihn von anderen Spezies dieser Gattung zu unter- scheiden. Während fast alle anderen Akazien schöne gelbe, kugelige Blülenköpfchen besitzen, hat der Verek (Haschab) blaßgelbliche, fast weiße Blüten, welche bis 8 cm lange, das Laub weit überragende Ähren bilden. Der Baum ist also, zumal zur Blütezeit, leicht kenntlich und bei flüchtiger Betrachtung nur mit Acacia glaucophylla zu verwechseln. In der Regenzeit ist der Verek sehr reich an Saft; in der hierauf fol- genden trockenen Periode wird die Rinde, namentlich unter dem Ein- flüsse der herrschenden trockenen Winde, wasserärmer, fast trocken, wodurch dieselbe vielfach einreißt, was den Gummiausfluß ermüglicht und beim Auftreten von größeren Rißwunden auch sehr begünstigt. Zur Blütezeit (Januar bis März) wird der (lummiausfluß reichlich und erreicht zu Ende dieser Periode und I — 2 Wochen später sein Maximum. Hier- auf erst beginnt die Belaubung. Der Baum ist zwischen dem 8. und 40. Lebensjahre ertragsfähig. In den Senegalländern ist es nicht üblich, die Bäume behufs Gummi- gewinnung anzuschneiden, sondern man sammelt nur dasjenige Gummi, Senegalgummi im deutschen Handel so gut eingefülirt, daß es kaum möglich erschien, Kordofangummi werde wieder seinen alten Platz behaupten können, eine Voraussage, die sich aber nicht erfüllt hat. S. auch oben die Note auf p. 105. \) Taubert in Engler-Prantls Pflanzenfamilien, 1. c, p. Hä. Nacli Cotton, Journ. de Pharm, et de Chimie, 1893, p. 600 (aus Bull, de Pliarm. de Lyon) stammt nur das Gummi vom Unterlauf des Senegal von A. Verek, während das Galam- gummi anderer Herkunft sein soll. Der Autor sagt, die einen leiten dieses Gummi von A. Vera, die anderen von A. albida ab. Er spricht aber auch noch davon, daß andere (nicht nälier genannte) J.c«c^a - Arten geringe Sorten von Senegalgummi liefern. Erster Abschnitt. Guminiarten. 109 welches von selbst aus den Bäumen ausfließt i). Da rücksichtlich des Nilgummi die Erfahrung längst gelehrt hat, daß nach künstlichem An- schnitt der Bäume das Gummi nicht nur reichlicher ausfließt, sondern die Qualität eine bessere ist, das Produkt sich namentlich durch helle Farbe auszeichnet, so lag es nahe, zu empfehlen, auch dort das An- schneiden der Bäume vorzunehmen 2). Das leicht mit der Hand erreichbare Gummi wird von den Stämmen und Ästen abgebrochen, sonst bedient man sich mit scheren- und lüffel- artigen Werkzeugen versehener Stangen zur Gewinnung des Gummi 3). Das Senegalgummi kommt, namentlich im französischen Handel, in sehr zahlreichen Sorten vor. Zunächst sind die unmittelbaren Sammel- produkte zu unterscheiden: 1. Das Gummi vom Unterlauf des Senegal (gomme du bas du fJeuve). Es bildet große rundliche, oder dicke wurmformige Stücke, welche in der Farbe verschieden (lichtwein- gelb bis bräunlich) oder nahezu farblos sind. 2) Gummi vom Ober- lauf des Senegal (gomme du haute du fleuve = gomme de Galam)^). Dieses Gummi besteht aus kleineren Kürnern, ist reich an wurm- und astförmigen Stücken. Es wird angegeben, daß das Galamgummi spröder und etwas leichter löslich in Wasser und im allgemeinen reicher an farb- losen Stücken sei. Das erstere dieser Sammelprodukte kommt aus dem Distrikte Podor am unteren Senegal, das letztere aus den Fouhlah-Land- distrikten Guidimaka und Bambouk. Das erstgenannte Sammelprodukt wird als das bessere angesehen; aus demselben gehen auch die schönsten Sorten (»electissimum«) hervor. Doch ist jedes der beiden Sammel- \) E. Dürkop, Nutzpflanzen der Sahara. Beiblätter zum Tropenpflanzer 1903. 2) Tschirch, Handbuch der Pharmakognosie. Bd. II (im Erscheinen), p. 424. 3) Das Aufsammeln des Gummi erfolgt durch die Kriegsgefangenen der Wander- stämme, welche die Gummibezirke beherrschen. Die gummisammelnden Stämme bringen ihre Ware an im Einverständnis mit den Franzosen gewählte Stellen am Strome (escales), wo das Gummi gegen Baumwollenzeuge, Korallen- und Bernstein- schmuck, Waffen, Pulver usw. eingetauscht wird. Eine sehr eingehende und an- ziehende Schilderung der Einsammlung des Senegalgummi gibt Flückiger in der Schweiz. Wochenschrift für Pharmacie, 1869, Nr. 6, 7 und 8. S. hierüber auch Cotton, 1. c, p. 599 ff. Hier findet sich auch die mit der obigen Darstellung (p. 108) nicht im Einklänge stehende Angabe, daß zwei Perioden der Einsammlung eingeführt sind: die »grande traite* von April bis Ende Juni, und die »petite traitei- von Dezem- ber bis Februar. In der ersten Periode wird nicht nur die größte Menge von Gummi gesammelt, es wird hierbei auch das schönste und reinste Produkt erhalten. Bei der kleinen Ernte wird nicht nur bedeutend weniger, sondern auch ein vielfach mit Erd- und Staubteilchen verunreinigtes Gummi gewonnen. 4) Unter »gomme de Galara« findet man in der Regel das oben genannte Sammelprodukt verzeichnet, welches aus Galam (Kadschaga) und den Nachbargebieten vom Oberlauf des Senegal kommt. Es scheint aber das Wort »Galamgummi« auch als Ausdruck für die gerint^en und schlechten Sorten des Senegalgummi zu gelten. Cotton, I. c, p. 600. 110 Erster Abschnitt. Gummiarten. Produkte je nach der Einsammlungszeit von sehr verschiedenem Rein- heitsgrade. Die mehr kleinkörnigen, aber weißesten Sorten (»albissi- mum«) scheinen hauptsächlich aus Galamgummi ausgelesen zu werden. Es wird noch ein drittes Sammelprodukt unterschieden: Gomme friahle (ou Salabreda, ou Sadra beida), welches sich aus zahlreichen kleinen Körnern und dünnen wurmförmigen Stücken zusammensetzt, welche rela- tiv sehr spröde sind. Die wurmförmigen Stücke sind wenig gefärbt oder farblos, die Körner aber verschieden in der Färbet). Die Hauptmasse bildet has du fleuve, hierauf folgt Galam, zuletzt Salabreda. bas du fleuve 220 239 Säcke, Galam . . 44 481 Salabreda . 1 146 .2). Die genannten Rohstoffe kommen zu- nächst in die Häfen St. Louis und Rufisque, in geringer Menge auch nach Freretown, und von da in den europäischen Handel, werden aber vorher einer Sortierung durch Auslese und Siebung unterworfen. Es geschieht dies im großartigen Maß- stabe durch die Societe des Importateurs- Trieurs in Senegal selbst, besonders aber in Bordeaux. Schon in den 70er Jahren brachte dieselbe über 3 Mill. kg Gummi Fig. 17. gammi Natürliche Größe. Senegal- a, 6 wnrmförmige Stucke. c astförmiges Stück. auf etwa 8 Mill. kg gesteigert hat, zeitweilige Rückfälle abgerechnet, welche ihren Grund in Mißernten haben (April 1899)3). Durch diese Sortierung entstehen folgende Handelsprodukte: Gomme blanche. Dieses Gummi besteht aus fast farblosen oder nur wenig ge- färbten Stücken, welche sich in betreff des Aussehens den besten Sorten des arabischen Gummi gleichstellen lassen. Die einzelnen Stücke, von kugeliger, halbkugeliger oder elliptischer Gestalt, haben einen Durch- messer von 1 — 4, meist von etwa 2 cm. Seltener erscheinen darin 1) Im deutschen Großhandel (s. Gehe, Handelsberichte, Dresden) kennt man, abgesehen von den elegierten Sorten, von Senegalgummi nur »haut du fleuve« und »Galam«. Ersteres ist die bessere Sorte, welclie auch höher im Preise steht. 2) Wördelioff und Schnabel, Zeitsciirift für Iropisclie Agrikultur. Bd.I,p.113. 3) S. hierüber Geh es Handelsberichte. Dresden, April 1899. Nach anderen Be- richten bewegte sich innerhalb der Jahre 1900 — 1910 die Exportziffer des Senegal- gummi zwischen 2—4 Mill. kg und wird im Vergleich zum arabischen Gummi ein Rückgang der Produktion angegeben. Erster Abschnitt. Gummiarten. 111 stark verlängerte, schwach wurmfürmig gekrümmte Stücke. Die Ober- fläche ist mit netzförmig angeordneten Rißlinien durchsetzt, zwischen welchen man mit der Lupe eine zarte Parallelstreifung erkennt. Die rissige Oberfläche unterscheidet sich in der Regel scharf von der dichten, homogenen und auf frischem Bruche glänzenden Innenmasse der Körner (Fig. 18). Die genannten Eigentümlichkeiten machen es möglich, diese Sorte von den besten Sorten des Nilgummi zu unterscheiden. Als Untersorte dieses Produktes ist das gomme petite blanche anzusehen, welches bis auf die Größe — die Stücke halten bloß 0,5 Fig. IS. Natürliche Größe. Eia Stück Sene- gal g u m in i , quer gebrochen. a Bruch- fläche, glänzend, homogen. & rissige, das ganze Stück umkleidende Hülle. Fig. 19. Vergr. l'/imal. Senegalgummi. A Um- riß eines halbkugclförmigen Stücle=. B dasselbe, um die radial und tagential orientierten Sprung- linien auf der Oberfläche der flachen Seite des Stückes zu zeigen. bis 1,5 cm im Durchmesser — in allen Eigentümlichkeiten mit der be- schriebenen Sorte übereinstimmt. Gomme blonde. Die Farbe der Körner ist weingelb, mit einem Stich ins Rötliche. Die Stücke gleichen in der Größe den Stücken der Sorte g. blanche., manchmal sind sie sogar noch größer. Die Oberfläche ist fast stets warzig, mit der Lupe gesehen fein runzelig und gestreift. Sprunglinien sind nur spärlich zu finden. Gomme petite blonde ist eine Untersorte, deren Körner sich von der genannten Sorte bloß durch die Größe unterscheiden. Der Durch- messer der Stücke beträgt bloß 0,5 — 1 ,5 cm. Gomme vermicellee besteht aus ast- und wurmförmigen Stücken von weißlicher oder blaßgelblicher Farbe (Fig. 17). Diesen drei schönsten und besten Sorten des Senegalgummi reihen sich folgende an. ]^12 Erster Abschnitt. Gummiarten. Gomme fabrique stimmt nahe mit der Sorte gomme blonde über- ein, nur sind die Stücke dunkler und ungleicher in Form und Grüße. Gomme boules setzt sich aus großen kugeligen Stücken von Orangengrüße zusammen i), welche in der Farbe zwischen gomme blanche und gomme blonde stehen, und wohl künstlich geformt sein dürften. Die mit dem Namen Galam en sorte bezeichnete Ware besteht aus ungleich großen und ungleich gefärbten Stücken, welche mit wurm- fürmigen Kürnern und Rindenstücken durchsetzt sind und der Sorte blonde im übrigen ziemlich nahe kommen. Hieran reihen sich die Sorten: Gomme du bas du fleuve en Sorte und Salabreda en sorte. Erstere Sorte setzt sich hauptsäch- lich aus dick-wurmfürmigen, äußerlich gestreiften oder gerunzelten Stücken von weingelber Farbe zusammen, welche meist \ — 3 cm lang, 0,5 bis 0,8 cm dick und oft mit papierdünnen, braunen Rindenstückchen be- deckt sind. Die Sorte Salabreda ist die ungleichfürmigste von allen aufgezählten Arten des Senegalgummi. Sie besteht aus dünnen, ast- und wurmfürmigen Kürnern von weißer bis topasgelber Farbe, welche reichlich mit buchst verschieden (weiß, gelb, orangerot, rot in der Farbe des doppeltchromsauren Kalis, bis braunschwarz) gefärbten Rruchstücken und kleinen Rindenstückchen gemengt sind. Die große Ungleichfürmig- keit dieser Sorte läßt wohl annehmen, daß man es in dieser Gummi- sorte mit einem von verschiedenen Bäumen herrührenden Sammel- produkte zu tun habe^j. Baquaques et marons. Mit diesem Namen hat man die ge- ringste Sorte des Senegalgummi belegt. Sie ist so stark mit Rinden und anderen Verunreinigungen gemengt, daß die Menge der gummiartigen Substanzen in dieser Sorte im Mittel nur 73 Proz. beträgt. Die Kürner dieser Sorte sind in Form und Farbe (braunrot, braunschwarz, zin- noberrot, selten grünlich) sehr verschieden. Diese Sorte hat einen süß- lichen, karamelartigen Geschmack. Die Auflüsung klebt relativ schwach 3]. Alle aufgezählten Sorten bestehen aus großkürnigen Stücken. Die Bruch wäre wird durch weitere Siebung in folgende Sorten geschieden: Gomme gros grabeaux. Die Körner haben einen mittleren Durch- messer von etwa 8 mm. Die wurmfürmigen Stücke sind etwas länger. Gomme moyens grabeaux. Kürner gewühnlich 5 mm im Durchmesser. Wurmfürmige Stücke meist länger. \) Diese Sorte ist in den Schaufenstern der Pariser Apotheken häufig zu sehen. 2) In dem Katal. der Col. fr, usw. p. 76 wird dieses Gummi als gomme friablo de Acacia albida angeführt. 3) Diese Sorte wird auch »marrons r6tis< genannt und sclieint ein aus Gummi- staub und Sägemehl durcli Einwirkung von Wasser und erhöhter Temperatur lier- gestelltes Kunstprodukt zu sein. S. hierüber Wiesner, Gummi und Harze. Erster Abschnitt. Gummiarten. X13 Gomme menus grabeaux. Kürner 2 — 3 mm im Durchmesser. Wurmfürmige Stücke fehlen. Gomme poussiere grabeaux. Homogener Gummistaub, dessen Körnchen gewöhnlich weniger als 1 mm messen. Im deutschen und österreichischen Handel erscheint das Senegal- gummi unsortiert (»naturell«) als »haut du fleuve« und »Galam« oder nach Größe und Schönheit oder nach der Farbe sortiert als electissi- mum, electum usw., und albissimum, album, oder auch als »blanche?, und »rouge« i). Die Versendung des Senegalgummi erfolgte früher meist in Tier- häuten, jetzt vornehmlich in Jutesäcken. Jeder Sack hat ein Gewicht von 80—90 kg. Der Handel mit Senegalgummi ist nicht so alt als der mit Nil- gummi. Vom 1 7. Jahrhundert an gewann er für Frankreich Bedeutung und nunmehr ist er für Europa von Wichtigkeit geworden. Der Auf- schwung dieser Ware beginnt mit der rationellen Sortierung (»triage«), denn erst mit der Herstellung von bestimmten, durch Auslese gewonne- nen Sorten ist dieses Gummi gegenüber den guten und besten Sorten des Nilgummi (Kordofan, Sennaar) konkurrenzfähig geworden. Der für Frankreich so wichtig gewordene Industriezweig der »triage« wurde im Jahre 1832 von Adrien Doris pere ins Leben gerufen. c) Deutsch-afrikanische Gummiarten. Seit der deutschen Kolonisation im tropischen und subtropischen Gebiete Afrikas (Deutsch-Ostafrika zwischen 1° — 11°44' südl. Br. und Deutsch-Südwestafrika zwischen 17^20' — 29*^ südl. Br.) werden bedeu- tende Anstrengungen gemacht, das in den genannten Ländern z. T. massenhaft auftretende Gummi dem Handel, insbesondere dem deutschen, und der deutschen Industrie dienstbar zu machen. Hauptsächlich ist es Deutsch-Südwestafrika, nämlich Angra Pequena und das Namaland (Groß- Namaqua]and)2), wo man die natürliche Gummiproduktion rationell zu verwerten bestrebt ist und sogar daran geht, was bisher in keinem der gummiproduzierenden Länder geschehen ist, Gummiplantagen anzulegen 3). \) Preisliste von G. &i R. Fritz, Wien, p. 1\. 2) Klein-Namaqualand ist englisches Gebiet; auch dort wird Gummi für den europäischen Handel gesammelt. 3) S. hierüber hauptsächlich: Taubert in Engler-Prantl, Pflanzenfamilien III, 3 (1894), p. HO. Taubert in Englers Nutzpflanzen Ostafrikas, p. 423ff. C. Harlwich, Bot. Zentralbl. 1897, II, 2, p. 246. 0. Warburg, Einige Bemerkungen zur südwestafrikanischen Gummifrage. Zeitschr. für tropische Agrikultur. Bd. II (1898), p. 17 ff. Gessert, Gummiplantagen im Naraalande. Ebenda p. 14. Thoms, Gummi arabicum aus Angra Pequena. Ebenda p. 15, K. Dietrich, Berichte der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft VIII (1 898), p. 87. Wie sn er, Rohstoffe. I.Band. 3. Aufl. 8 114 Erster Abschnitt. Gummiarten. Aber auch in Deutsch-Ostafrika, insbesondere in den Steppengebieten, kommen reichlich schon länger bekannte gummiliefernde Akazien vor, z. B. A. spi?vcarpa, stenocarpa und Seyal, aber auch neu aufgefundene Spezies, z. B. A. Kirkii. Wie weiter unten auseinandergesetzt werden wird, liefert gerade dieser Baum ein sehr brauchbares Gummi. Von großer Bedeutung für die Gummiproduktion in dem deutsch-afrikani- schen Gebiete scheint das Produkt zu sein, welches Deutsch-Adamana (östlich. Sudan, der deutschen Interessensphäre angehürig) liefert. Im Jahre 1908 betrug die dortige Gummiproduktion 265 753 kg, im Jahre 1 909 279 \ \ kg. Das Gummi von Deutsch-Adamana stammt von Acacia Verek und A. xanthophloea und ist verschiedener Qualität. Die beste neuere Sorte (»Falli«) bildet ein gutes »arabisches Gummi«. Minder gut sind die gelb oder rot gefärbten Sorten (>Marua«). Am geringsten ist die Sorte »Mumuye«, welche braune bis schwarze Klumpen bildet i). Die gummiliefernden Bäume werden plantagenmäßig gehalten. Es werden be- hufs Gewinnung des Gummi Rindenstreifen abgelüst, welche 60 — 100 cm lang und 5 — 8 cm breit sind. Einschnitte in das Holz werden vermie- den. Die ungepflegten wilden Bestände werden kaum mehr exploitierts). Mehr als die Verschiedenheit im Aussehen sprechen die entgegen- gesetzten Urteile über die Lüslichkeitsverhältnisse, überhaupt über den Gebrauchswert der bisher aus Deutsch-Afrika nach Deutschland gebrach- ten Gummiarten für die Abstammung dieser Produkte von verschiedenen Acacia-kv\.Qn. Es wird angegeben, daß alle Acacia-kvi^n der genannten Gebiete Gebrauchsgummi liefern könnten (Taubert), aber es scheinen in Deutsch-Südwestafrika doch außer den schon genannten Spezies nur Acacia horrida^ der Dornbaum, A. Giraffae, A. erioloha und albida das in den Handel gebrachte Sammelprodukt zu liefern. Nach Warburg und Gessert liefert A. horrida ein gutes Gummi. Es ist auch der Baum, welcher von Gessert für die Gummiplantagen im Nama-Lande empfohlen wurde. A. Giraffae^] scheint nur geringes oder sogar un- brauchbares Gummi zu liefern. Wie War bürg schon vor einigen Jahren hervorhob, wäre eine Aufhellung der botanischen Provenienz der deutsch- afrikanischen Gummiarten höchst erwünscht und dürfte nach seiner An- sicht zu wichtigen Resultaten führen. Aus oben bereits mitgeteilten Daten ist zu entnehmen, daß in neuester Zeit einiges zur Kenntnis der botanischen Herkunft des Gummi beigetragen w'urde. \) Als »Mumuye« werden auch andere geringe Gummiarten bezeichnet (z. B. von Combretum; s. oben p. 98). 9) Dalziel, Bull. Roy. Bot. Card. Kew. 1910, E. Pickend ey (Kamerun). Die pflanzlichen Exportprodukte von Deutsch- Adamana. Tropenpflanzer XV (1914), p. 157 ff. 3j >'ach Schinz ist Acacia erioloha = A. Qiraffae. Erster Abschnitt. Gummiarten. 115 Die Angaben über die Qualitäten des genannten deutschen Kolonial- produktes gehen weit auseinander. Hartwich hält das deutsch-afrika- nische Gummi für sehr brauchbar, hingegen Würdehoff und Schnabel für unbrauchbar. Nach dem von der Deutschen Reichsdruckerei abge- gebenen Gutachten ist es für die Zwecke dieses Etablissements nicht zu verwenden^). Nach Hartwich ist dieses Gummi im Wasser vollkom- men, nach Thoms nur teilweise löslich. Die Viskosität hat Hartwich größer als die des arabischen und Senegalgummi gefunden. Die Farbe dieser Gummiarten geht von wasserhell durch rötlich ins Braune. Weniger die Farbe (s. oben p. 58) als die verschiedene Löslichkeit spricht für eine verschiedene Abstammung der deutsch-afrikanischen Gummiarten. Es muß das Hauptaugenmerk der Kolonisten darauf ge- lenkt werden, das Gummi von jenen Baumarten zu gewinnen, welche sich als die besten und zuverlässigsten Gummilieferanten erweisen. Es wird aber für die Zukunft dieser deutschen Kolonialware auch von Wichtigkeit sein, eine rationelle Sortierung des rohen Sammelproduktes vorzunehmen. Was die Qualität des Gummi je nach der botanischen Provenienz anlangt, so bin ich nur in der Lage, über das Gummi von wenigen Äcacia-Spezies nach eigenen Beobachtungen urteilen zu können. Meine Wahrnehmungen beziehen sich insbesondere auf das Gummi von Äcacia horrida und A. Kirkü'^), welche beiden Gummiarten ich Herrn Professor A. Engler verdanke. Die erstere wurde in Deutsch-Südwestafrika von Marloth gesammelt. Die zumeist rundlichen Stücke hatten häufig eine feinstreifige bis flachwarzige, selten eine glatte, erst bei mikroskopischer Betrachtung streifig oder netzartig aussehende natürliche Oberfläche. Alle Stücke waren im frischen Bruche glasartig durchsichtig, brachen muschelig und hatten eine blaß weingelbe bis topasgelbe Farbe. Der Strich war weiß, desgleichen das pulverisierte Gummi. Es ließ sich leicht pulvern. Dieses Gummi löste sich bis auf Spuren von Verun- reinigungen vollständig im Wasser auf, im kalten fast im gleichen Maße wie im warmen und heißen. In allen wesentlichen Eigenschaften stimmt dieses Gummi mit den guten Sorten des arabischen und Senegalgummi übe rein. — Das Gummi von Acacia Kirkii wird als eine besonders gute Sorte von Akaziengummi betrachtet. Gewiß ist dieses Produkt zum mindesten den mittleren Qualitäten des arabischen Gummi an die Seite zu setzen. Ich verdanke Herrn Prof. A. Engler Originalproben dieses Gummi in unsortiertem Zustande. Einzelne Stücke sind weiß (opak) oder nahezu farblos (durchsichtig), an anderen geht die Farbe von Topasgelb ins Lichtbräunliche. Es ist gänzlich in Wasser \) Vgl. unten die Note 2 auf p. 122. 2) S. auch oben über das Gummi \on Acacia usambarensis und verugera, p. 91. 8* 1\Q Erster Abschnitt. Gummiarten. löslich, besteht der Hauptmasse nach aus Arabin und ist frei von Bassorin. In Chloralhj'drat ist es vollkommen löslich. Ich habe in diesem und dem vorher besprochenen Gummi jene Gummase (Gummiferment) aufgefunden, welche ich zuerst im arabischen Gummi nachwies. Durch Guajaktinktur ließ sich auch die Gegenwart einer Oxydase in diesen beiden Gummiarten nachweisen. Von mittleren Sorten des ara- bischen Gummi ist dieses Gummi in nichts zu unterscheiden und durch Auslese könnten ganz ausgezeichnete Sorten abgeschieden werden. d) Ostindisches Gummi. Neben anderen Gummiarten (s. insbesondere unten bei Feronia- gummi) kommt auch Akaziengummi aus Indien in den europäischen Handel. Es sei vor allem bemerkt, daß ein großer Teil des nordost- afrikanischen Gummi mit indischen Schiffen nach Europa gelangt und manchmal als indisches Gummi bezeichnet wird. Es wird aber auch Akaziengummi in Indien selbst gesammelt und nach Europa versendet. So gibt schon Waringi) an, daß in Vorder- indien von Acacia arahica und von A. Faniesiana'^) Gummi gesammelt wird. Bezüglich des Gummi der letzteren sagt der Autor, daß es zu medizinischen Zwecken diene und zur Bereitung von Malerfarben ge- schätzter sei, als arabisches Gummi, was nach den Beobachtungen, welche ich an dem Gummi von Acacia Farnesiana anzustellen Gelegenheit hatte, nicht wahrscheinlich ist. Nach Rideal^) sollen die aus Indien in den Handel gelangenden Gummiarten immer mehr und mehr an Be- deutung gewinnen. Außer den genannten Akazien sollen auch Acacia Catecliu und ferruginea'^) Gummi liefern. Nach diesem Autor ist das in Indien als »Amrad« (= »Ghatti«) bezeichnete Gummi ein Gemenge ver- schiedener Akaziengummen. Als Ghatti oder Ghati wird auch das Gummi von Anogeissus latifolia (s. oben p. 98) bezeichnet ^i. Im deutschen Handel erscheint ostindisches Gummi, aber nicht in großer Menge; es ist billig, aber von geringem Werte ^j. Ich habe verläßliches, von Acacia Catecliu und A. Farnesiana stammendes Material zu untersuchen Gelegenheit gehabt, welches ich z. T. Herrn Prof. A. Engler zu danken hatte, z. T. selbst aus Indien mitbrachte. A. Farnesiana stammt aus Westindien, wird aber jetzt in ^) Pharmacop. of India. 1868. S. auch Prebble, Notes of East India Gums. Pharm. Journ. and Transact. XVIII (1888), p. 693. 2] Nach Watt, Products of India I, p. 48, wird das Gummi von Acacia Far- nesiana in Sind gesammelt. 3) Beckurts, Jahresbericht. 1892. 4) Watt, 1. c, I, p. 28 und 50. 5) Dymock, Warden and Hooper, Piiarmacographia India. 1(1890!, p. 544. 6) Gehe, Handelsberichte. Dresden. Erster Abschnitt. Gummiarten. X17 den warmen Ländern allenthalben kultiviert i). Das von Prof. Engler mir übersandte Gummi von Ä. Farnesiana stammt aus Costarica, das von A. Catechu wurde von Schweinfurth aus Faschoda mitgebracht. Das Gummi der ersteren bildet unregelmäßige, rundliche, warzige Kürner, auch tropfenartig aussehende Massen. Die natürliche Oberfläche der ersteren ist häufig dick streifig. Es besitzt eine weingelbe oder häufiger honigbraune Farbe und stimmt sonst in Bezug auf die Eigenschaften mit den geringen Sorten des arabischen Gummi überein. Die Menge des unlöslichen, bloß quellharen Gummi beträgt etwa 1 Proz. Eine sehr geringe Sorte bildet nach den von Schweinfurth und den von mir mitgebrachten Proben das Gummi von Acacia Catechu. Es hat aller- dings auf frischem Bruche ein glasiges Aussehen, pulvert sich leicht, hat aber schon eine starke Färbung, welche von honiggelb ins Honig- braune geht. Einzelne Kürner sind rot gefärbt. Die natürliche Ober- fläche der knolligen oder stalaktitischen, auch tränenfürmigen Stücke ist rissig-fazettiert oder auch warzig. Enthält das Gummiferment und nach Ausweis der Guajakprobe ein oxydierendes Enzym. Es ist reich an bloß quellbarem, aber in Wasser unlüslichem Gummi (5 Proz.) und ge- hurt zu den geringsten Sorten von Akaziengummi 2). Zu »Indian Gum arabic« wird auch das Gummi von Feronia ele- phantinn (s. unten), von Odina Wodier (s. oben p. 96) und Anogeissus latifoUa (s. p. 96 und 98) gerechnet. e) Australisches Gummi. Diese Gummiart, im englischen Handel und in den Heimatländern Wattle gum genannt, besteht aus stalaktitischen oder halbkugeligen Stücken mit einer flachen Seite, mit der die Stücke, die eine Länge bis zu 10 cm erreichen, den Rinden der Stammbäume anhafteten. An dieser flachen Seite liegen oft noch kleine Rindenstückchen, welche mit der Gummimasse innig verbunden sind. Durch genaue mikroskopische Vergleichung der Rindenstücke mit der Rinde von Acacia pycnantha Benth. läßt sich erweisen, daß diese über das Innere von Neusüdwales verbreitete Akazie 3) die Stammpflanze der Hauptmasse des australischen Gummi ist*). 1) Taubert in Engler-Prantls Pflanzenfamilien. III, 3, 1894, p. -112. 2) Nach "Watt, Products of India I, p. 28 soll Acacia Catechu ein schwach gelbhches, in Wasser löshches Gummi von guter Qualität geben, was nach obigen Daten wohl zu berichtigen ist. Über indische Gummiarten, welche von J.cör/a-Arten herrühren, s. auch Hooper, A report on Indian Gums yield by spec. of Acacia. Indian Forester 1904. S. auch Watt, The commercial products of India. London 1908, p. 2 ff. 3) The London Journ. of Botany I, p. 351. 4) Wiesner, Gummi und Harze, p. 31. 118 Erster Abschnitt. Gummiarten. Außer Acacia pycnantha (»golden wattle«), welche auch durch hohen Gerbstoffgehalt der Rinde ausgezeichnet ist und eine sehr wichtig gewordene Gerberrinde liefert, werden als gummiliefernde australische Arten noch angeführt: der Baum »Myall«, nämhch A. kojnalophylla, A. inollissima und A. dealhata i). Auch die südaustralische A. retmoides soll Gummi liefern 2), desgleichen die australische Gerberakazie, A. de- currejis, über welche oben (p. 90) nachzusehen ist 3). Das im Handel gewöhnlich vorkommende, von Acacia pycnantha abstammende australische Gummi ist von rotbrauner Farbe, durch- scheinend, im Innern ziemlich homogen. Die Oberfläche der Stücke ist glatt und von netzartig verbundenen Sprunglinien durchsetzt. Die frische Bruchfläche ist entweder gänzlich oder doch an einzelnen Stellen matt. Diese matten Partien zeigen häufig eine zarte Parallelstreifung. Die wässerige Lösung des australischen Gummi hat einen schwach süßlichen Geschmack. Trotz der dunklen Farbe dieser Gummisorte zeichnet sie sich doch von den übrigen gefärbten Sorten des Akaziengummi vorteil- haft aus und zwar sowohl durch ihre ebenso leichte als vollständige Auflösung in Wasser. Australisches Gummi dreht in Lösung die Polari- sationsebene nach links. Unter allen Akaziengummen liefert dasselbe die größte Menge von Schleimsäure 4). f) Andere Akaziengummi'arten. Auch aus anderen als den bisher angeführten Ländern kommt, allerdings in kleineren Mengen, Akaziengummi in den Handel, und es hat den Anschein, daß schließlich überall, wo gummierzeugende Akazien in größerer Menge auftreten, deren Gummi in den Handel gelangen wird. Die fortwährend sich steigernde Verwendung des sogenannten arabischen Gummi in der Industrie und die Unersetzbarkeit desselben durch künst- lich dargestellte gummiähnliche Körper (z. B. Dextrin) lassen dies er- warten. Seit langer Zeit kommt aus dem nordwestlichen Afrika, und zwar aus Marokko ein Gummi in den Handel, und wird von dem marok- kanischen Hafen Mogador nach Europa gebracht. Dieses Gummi, ma- rokkanisches Gummi oder Mogadorgummi genannt, stammt von Acacia giimmifera, welche nach Hooker im südlichen und westlichen Marokko große Bestände bildet^). Es besteht meist aus dunkelgefärbten, i) Ferd. v. Mueller, Select Plants for industrial culture in Victoria. 1872. 2) Taubert, 1. c, p. 110. 3) Über das in Australien von Flindersia maculosa und von Mezonetcrmn Scorteehinii Gummi s. oben p. 95 und 93. 4) S. oben p. 70. 5) Hooker and Bull, Journ. of a tour in Marokko etc. Tropcnpflanzer YII (1903), p. 178. Erster Abschnitt. Gummiarten. 119 süßlich schmeckenden Kürnern, welche sich in AVasser unvollständig lösen. Der lösliche Anteil dreht die Polarisationsebene nach rechts. Unter allen bisher untersuchten Arten von arabischem Gummi (Akazien- gummi) liefert das Mogadorgummi die geringste Menge von Schleim- säure, — Aus dem nordwestlichen Afrika kommt nach Pereira auch eine mindere Sorte von Gummi, dessen Körner wenig durchsichtig, gelb- grünlich sind und sich nicht vollständig in Wasser lösen i). Auch aus dem nördlichen Afrika kommt zeitweise ein kleines Quantum Gummi auf den europäischen Markt. Es wird in Tunis (Ebene von T'hala) gesammelt. Das tunesische Gummi ist besserer Qualität als das marokkanische, was sich wohl dadurch erklärt, daß Äcacia horiida, welche, wie wir gesehen haben, erfahrungsgemäß gutes Gummi liefert, die Stammpflanze dieser Gummiart ist. Daß aber gerade diese Baumart das tunesische Gummi liefert, wird von Doumet-Adanson mit Bestimmtheit angegeben 2). hu westlichen, äquatorialen Gebiete Afrikas sind es Angola und Benguella, welche Gummi produzieren und, freilich nur in geringer Menge, exportieren. In beiden Gebieten sammeln die Kopalsucher neben- her auch Gummi, welches von Äcacia horrida^ A. etbaica, A. eruhescens und A. alhida abstammt 3). A. horrida liefert gutes, hingegen A. albida nach mehrfachen Angaben 4) ein geringes Gummi. Auch A. etbaica und erubescens sollen ein Gummi von guter Qualität liefern s). Die englische Royal-Niger-Company bringt seit einigen Jahren 4 — 6000 Kisten Gummi nach Liverpool, welches aber in Qualität dem Senegalgummi nachsteht 6). Das oben mehrfach erwähnte Kapgummi ist meist von dunkler Farbe und überhaupt geringer Qualität. Es kommt mit indischen Schiffen nach England und hat für den Kontinent gar keine Bedeutung. Es stammt von Äcacia Karoo f= A. horrida) und A. Oiraffae. Die oben (Vorkommen des Gummi) genannten amerikanischen Arten von Akazien- gummi wurden bisher nicht genau untersucht. Sie scheinen durchweg von minderer Qualität zu sein. Für Europa haben sie keinerlei Be- deutung. Das Akaziengummi erscheint gewöhnlich im Handel als Gummi arabi- cum, von welchem man die elegierten Sorten albissimum und album usw., \) Stohmann, 1. c, p. 1912. 2) Note sur l'Acacia gommifere de la Tunesie. Report, d. Pharm. 1874. 3) A. F. Moller, Guramiakazien in Angola. Zeitschrift für tropische Landwirt- schaft. Bd. II (1898), p. 128 ff. 4) A. F. Moller, 1. c, p. 129. 5) Ebenda. 6) Wördehoff und Schnabel, Über Senegalgummi. Zeitschrift für tropische Landwirtschaft. Bd. I (1897), p. 112. J20' Erster Abschnitt, Gummiarten. ferner electissimum, electum und ein minder reines, aus ungleichfarbigen Stücken zusammengesetztes Produkt als Gummi arabicum naturale unter- scheidet. Doch wird es auch im Handel nach der Provenienz benannt, z. B. als Kordofangummi, Suakingummi, Gummi Senegalense^), G. indicum, G. Ghatti2) usw. Kleinkörnige Bruchware heißt Granisgummi. Die Provenienz der elegierten Sorten des arabischen Gummi ist wohl nicht immer aus dem Namen, welchen man denselben beilegt, zu ent- nehmen. Nach Mitteilungen eines großen Wiener Handlungshauses, welches die Triestiner Verhältnisse der Gummisortierung genau kennt, wird in Triest auch rohes (unsortiertes) Senegalgummi eingeführt, und zwar so- wohl »bas du fleuve« als »Galam«, von welchem das erstere höher im Preise steht. Bei mittleren und geringeren kleinkörnigen Rohmaterialien kommt es vor, daß auch arabisches Gummi mit Senegalgummi gemengt wird. — Einer gefälligen Mitteilung der Dresdener Firma Gehe & Comp, vom Jahre 1900 entnehme ich die Tatsache, daß unter dem Namen »Kordofangummi« häufig Senegalgummi, oder ein Gemenge von ara- bischem (nach meiner Ausdrucks weise »Nilgummi«) und Senegalgummi vorkommt 3). Mit Rücksicht auf ein genaues Studium der physikalischen und chemischen Eigenschaften der Gummiarten ist zu betonen, wie wenig man sich bezüglich der Natur der Gummiarten auf die käuflichen Pro- dukte verlassen darf, und wie notwendig es für diese Zwecke sein wird, Gummiarten zu gewinnen, deren botanische und geographische Provenienz sicher gestellt ist. Da die gefärbten Varietäten des arabischen, des Senegalgummi und überhaupt der Akaziengummiarten wohl weiße Pulver, aber keine farb- losen Lösungen geben, wie solche für viele industrielle Zwecke gewüncht werden, so hat man an Mittel gedacht, das gefärbte Gummi zu ent- färben. Es sind hierfür von Piciotto zwei Methoden in Vorschlag ge- bracht worden, von denen die eine in einer Bleichung der Gummilösung durch eine gesättigte wässerige Lösung von schwefliger Säure, die zweite darin besteht, daß man die Gummilösungen mit kleinen Mengen von Alaunlösungen mengt und nach Ausfällung des Tonerdehydrats durch Kalilauge, welches entfärbend auf das Gummi wirkt, die klare Lösung vom Niederschlage durch Abfiltrieren trennt^). Es wird auch eine Natur- bleiche in Anwendung gebracht, da die Farbstoffe des Gummi im Lichte zerstört werden. In Omdurman (Chartum gegenüber, unterhalb des ■)) Preisliste von Gehe & Comp, in Dresden. 2) Preisliste der Drogen-Großliandlung von G. & R. Fritz in Wien. 3) So war es etwa vor zehn Jahren, während nach dem neuesten Handelsbericht (1912) im Jahre 1911 gar kein Senegalgummi auf dem deutschen Markte erschien (vgl. oben die Note auf p. 105), 4) Stohmann, 1. c, p. 1918. Erster Abschnitt. Guramiarten. J21 Zusammenflusses vom Blauen und Weißen Nil) befinden sich große Bleich- anlagen, welche nur darin bestehen, daß das Gummi, in dünnen Schichten ausgebreitet, dem Sonnenlichte ausgesetzt ist. Verfälschungen des arabischen Gummi. Als solche werden angegeben: Versetzen der guten Sorten des arabischen Gummi mit ge- ringen [s. oben bei >Vorkommen des Gummi«) und mit Kirschgummi. Der Nachweis von bloß quellbarem neben im Wasser löslichem Gummi spricht noch nicht für die Anwesenheit von Kirschgummi, da manche geringe Akaziengummiarten auch kleine Quantitäten von bloß quellbarem Gummi führen. Gepulvertes Gummi wird mit Stärke oder Mehl verfälscht i). Diese bläut werden, eine Reaktion, welche den löslichen Gummiarten nicht (wohl aber vielen Sorten von Tragant) zukommt. Auch grobkörnig geformtes Dextrin wird zur Verfälschung des ara- bischen Gummi angewendet. Zur Nachweisung dieser Verfälschung hat Hag er 2) folgendes Verfahren angegeben. Kocht man reines Gummi mit einer Lösung von Molybdänsäure, so bleibt die Flüssigkeit farblos, während bei Gegenwart von Dextrin die Lösung mehr oder weniger tiefblau ge- färbt wird. — Jodlösung färbt eine Lösung von arabischem Gummi nicht, aber eine Dextrinlösung weinrot. Die Lösungen fast aller Sorten von arabischem Gummi sind linksdrehend, während Dextrinlösungen rechtsdrehend sind. Einige geringere Sorten von arabischem Gummi (von Geddah und Angra Pequena), drehen allerdings auch rechts, ja selbst Sennargummi, welches doch zu den besseren Sorten gerechnet wird. Die Unterscheidung der Sorten des arabischen Gummi ist bisher eine durchaus noch grob empirische. Wie verschieden der Gebrauchswert der sortierten Produkte dieser Ware ist, möge der Tatsache entnommen werden, daß derzeit das Preisverhältnis der besten zur geringsten Sorte sich wie 5 : i stellt 3). Mit dem Eindringen in die Chemie des arabischen Gummi, welche beispielsweise gelehrt hat, daß die chemische Beschaffen- heit des Geddahgummi von der des Kordofangummi verschieden ist und beide sich auch durch das Drehungsvermögen unterscheiden, wird die Unterscheidung der Sorten vielleicht später auf eine rationelle Basis gestellt werden. Einstweilen ist man auf äußere Kennzeichen angewiesen, besonders auf Farbe, Glanz und Klebkraft. Die Kennzeichen der guten und der geringen (neben Arabin noch quellbares Gummi führenden) -1) Stohmann, 1. c, p. 19<7. 2) Kommentar zur ersten deutschen Pharmakopoe. II, p. 116. Vgl. über diese Probe Stohmann, I.e., p. 1917. 3) Preisliste von G. & R. Fritz, Wien. 122 Erster Abschnitt. Gummiarten. Sorten des Akaziengummi ist schon oben gebührend hervorgehoben worden. Anwendung. Die reinsten und weißesten Sorten des Akaziengummi werden in der Likürfabrikation , zu feinen Appreturen für Seidenwaren und Spitzen, zur Darstellung feinster Aquarellfarben, ferner in der Medizin; mindere Sorten in der Fabrikation von Zündhölzchen, zu ordinären Appreturen, im Zeugdruck, im großen Maßstabe zur Herstellung von Gummiwasser für die Bereitung von sogenannten Dampffarben i) und zur Bereitung von Wasserfarben; die geringsten in der Tintebereitung an- gewendet. ■ — Als Klebmittel spielt das arabische Gummi eine große Rolle und wird, je nach dem speziellen Zwecke in verschiedenen Graden der Güte verwendet 2). — Für technische Zwecke kommt gefärbtes arabisches Gummi im Handel vor. Zur Färbung dienen Kurkumatinktur, Anilin- blau, Fuchsin usw.^). In den Heimatländern dient es vielfach als Nah- rungsmittel. Nach Watt 4) ist das arabische Gummi sehr nahrhaft. Nach Voit^) werden von arabischem Gummi 46 Proz, verdaut. Die jährlich produzierte Menge des arabischen Gummi ist eine sehr bedeutende und steigert sich noch beträchtlich g). 1) Kick und Gintl, Teclin. Wörterbuch XI, p. 267 ff. 2) Um nur ein Beispiel für die enormen Quantitäten von als Klebstoff verwen- detem arabischen Gummi zu geben, sei angeführt, daß nach Mitteilungen, welche ich der Direktion der Deutschen Reichsdruckerei verdanke, als Klebstoff für Briefmarken, Stempel usw. jährlicli dortselbst ungefähr 100 000 kg arabisches Gummi verwendet werden. Auf meine Anfrage, welche Sorten von Gummi die Deutsche Reichsdruckerei verwendet, erhielt ich die Auskunft, daß derzeit nur Kordofangummi in Verwendung steht, und das Gummi der Deutschen Kolonien noch nicht zur Verwendung kommt. — Nach Mitteilungen, welche ich der k. k. Staatsdruckerei in Wien verdanke, ist in Österreich der Bedarf an arabischem Gummi als Klebstoff für Marken usw. ein viel ge- ringerer (jährlich 2000 kg), da dieses Klebmittel hier nur zum Gummieren von Karten- briefen und Zahlungsavisen des k. k. Postsparkassenamtes verwendet wird, während als Klebstoff für Brief- und Stempelmarken eine bestimmte Leimsorte benutzt wird. 3) Valenta, Klebe- und Verdickungsmittel. Kassel 1884, p. 54. 4) Watt, 1, c, I, p. 25. .")) Tschirch, Pharmakognosie.' Bd. II (1912), p. 453. Daselbst aucli Angaben über die Verbrennungswärme der Arabinsäure, 6) In Gehes Handelsbericht für das Jahr 1909 wird die Gesamtmenge der letzten Gummiernte auf 8,5 Mili. kg beziffert und für das Jahr 1910 auf 1 3 Mill. kg. Es ist dies seit 35 Jahren die größte produzierte Jahresmenge des arabischen Gummi. Nach dem letzten mir zugänglich gewesenen Jahresbericht von Gehe (Gehe & Co., Aktiengesellschaft, vom Jahre 1912) wird die Ernte für das Jahr 1912 als sehr reichlich angesehen und wird dieselbe auf 16—17 000 tons (ä 1000 kg = 16 — 17 Mill. kg) ge- schätzt. Trotz der gesteigerten Produktionsmenge ist kein Preisfall eingetreten, im Gegenteil eine Preissteigerung, was einerseits in der Erhöhung des Ausfuhrzolles, andererseits im gesteigerten Bedarf begründet erscheint. Der erhölite Preis für Kor- dofangummi steigert das Interesse für Gummisorten anderer Provenienz und zwar für indisches und für deutschafrikanisches Gummi (aus Ost-, Südwestafrika und Kamerun). Erster Abschnitt. Gummiarten. 123 Geschichtliches über das arabische Gummi. Die neueren ägyptologischen Forschungen haben außer Zweifel gestellt, daß Gummi im alten Ägypten zur Herstellung von Malerfarben benutzt wurde. Im Totenbuche (165, 12) findet sich der Ausdruck mu-nu-qemi, d. i. Gummi- wasser, welches zum Malen verwendet wird^). Unter den Produkten des von ägyptischen Schiffen häufig besuchten Landes Punt spielt das Ante eine große Rolle. Hierunter sind wohl verschiedene Gummiarten, Gummi- harze und Harze zu verstehen; aber die Untersuchungen Krall s haben dargetan, daß das Ante von Punt arabisches Gummi gewesen ist. Über das Land Punt ist viel gestritten worden, aber jede der Deutungen über seine Lage weist auf ein gummireiches Land. Anfangs betrachtete man die Somaliküste als das in ägyptischen Inschriften so häufig genannte Land Punt, später rechnete man hierzu auch die südarabische Küste. Nach den neuesten Forschungen ist Punt die Küste von Suakin gegen Massauah zu gewesen^), also ein Küstenstrich mit gummireichem Hinter- land. Die Nachrichten über Gummi aus Punt gehen zurück bis etwa ins 16. Jahrhundert v. Chr. (Papyrus Ebers, Inschriften der Königin Katsopsut). Den alten Griechen war das arabische Gummi bekannt. Hippo- krates wendete es zuerst medizinisch an, und kurz vorher (460 v. Chr.) nennt es Herodot (II, 86) u. a. als ein Ingrediens der Tinte. Bei Herodot erscheint zuerst das Wort xoaixi für Gummi, von welchem Worte das moderne Wort Gummi (gomme, gum, goma usw.) abgeleitet wird, während das griechische AVort jetzt allgemein auf das im alten Ägypten gebräuchliche komi [k(o]mi] oder q(o)mi, zuletzt qmy (kmy) zurückgeführt wird 3). Gleich den alten Griechen war das arabische Gummi auch den alten Römern bekannt. Von arabischen Ärzten verwendet, lernte die Schule von Salerno das Gummi als Arzneistoff kennen. Es fand aber medizi- nisch nur wenig Verwendung und auch technisch wurde es im Mittel- alter nur in geringem Maße benutzt. Seit Ende des 18. Jahrhunderts wird es industriell in einer sich fortwährend steigernden Menge ge- braucht. Das Senegalgummi ist wahrscheinlich im 14. Jahrhundert in Europa bekannt geworden, kam aber erst im 1 7. Jahrhundert in Frank- 1) Nach gefälliger Mitteilung des Herrn Prof. Reinisch. Daß von ägyptischen Malern das Gummi zur Herstellung von Farben Benutzung fand, berichtet Ebers, Ägypten und die fünf Bücher Mosis, p. 291. 2) J. Krall, Studien zur Geschichte des alten Ägypten. IV. Das Land Punt. "Wien 1890 (Sitzungsberichte der kais. Akad. d. Wissenschaften). 3) Wie mir Herr Prof. Reinisch mitteilt, ist das griechische -Mixtu auf das koptische koaih und dieses auf das ägyptische qema zurückzuführen. Das letztere ist aber auch in Ägypten ein Fremdwort gewesen und stammt aus der Sprache jenes Landes, aus welchem die Ägypter das Gummi bezogen. 124 Erster Abschnitt. Gummiarten. reich zu größerer Anwendung. Bedeutung für den Welthandel erlangte es erst seit den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts (s. oben p. 113) und scheint, worauf schon oben mehrfach hingedeutet wurde, nunmehr zeit- weise das arabische Gummi zu überflügeln. Der steigende Bedarf an löslichem Gummi hat andere Gummiarten in Aufschwung gebracht, so für England die australischen und die ostindischen Gummiarten, und seit der deutsch-afrikanischen Kolonisation ist man bestrebt, den Gummi- arten von Deutsch-Ostafrika und Deutsch-Südwestafrika in den deutschen Handel Eingang zu verschaffen. 2. Feroüiagummi. Echtes ostindisches Gummi stammt von der zu den Aurantiaceen gehörigen, in Vorder- und Hinterindien (Birma), auf Ceylon und Java vorkommenden Feronia elephantum^). Diese ausgezeichnete Gummi- sorte wird nicht nur in Indien stark angewendet, sondern erscheint auch als ostindisches Gummi auf dem Londoner 3Iarkte. Das Feroniagummi unterscheidet sich nicht nur durch die Größe der natürlichen Stücke, sondern auch durch den außerordentlich leb- haften Glanz von den Sorten des Akaziengummi. Es bildet große, un- regelmäßige Klumpen mit höckeriger Oberfläche. Die Bruchstücke haben häufig noch eine Länge von 3 — 7 cm. Die meisten Stücke sind durch- sichtig und topasfarbig. Manche Stücke sind trübe und dann honiggelb bis braun und fettglänzend bis matt. Dieses Gummi ist ähnlich den besten Sorten des arabischen Gummi reichlich von tiefen Klüften durch- setzt. Irisierende Stücke finden sich häufig vor. Von den besten Sorten des Akaziengummi unterscheidet es sich dadurch, daß seine Lösungen die Polarisationsebene nach rechts drehen 2). Die Dichte ist zur Cha- rakterisierung nicht zu benutzen, da die Menge der in dieser Gummiart eingeschlossenen Luft sehr variabel ist. Das Feroniagummi löst sich leicht und vollständig in zwei Gewichtsteilen Wasser auf, und gibt stark klebende Lösungen. Gleich dem arabischen Gummi löst sich auch das Feroniagummi in wässeriger Chloralhydratlösung nach einigen Tagen auf. Nach Lameland enthält Feroniagummi keine Oxydasen, was mit Rücksicht auf viele Verwendungsarten, im Vergleich zum arabischen Gummi, als Vorteil anzusehen ist 3). -1) Nälieres über die Verbreitung von Ferojiia Elcphantuvi s. Watt, Products of India. I. Kalkutta 1889, p. 324. 2) Flückiger, Gummi und ßdellium vom Senegal. Schweizerische Wochen- schrift für Pharmacia. 1869, Nr. 6, 7 und 8. 3) Lameland, Contrib. ä l'etude de quelques gommes (Gezirek, Cordofan, Feronia etc.). These, Paris 1905. Erster Abschnitt. Gummiarten. 125 Nach Flückiger ist die Viskosität des Feroniagummi grüßer als die des arabischen Gummi i). Der Wassergehalt des lufttrockenen Gummi beträgt 12,63 Proz. Es gibt 5,12 Proz. Asche. Das Feroniagummi findet die gleiche Anwendung wie gute und mittlere Sorten von arabischem Gummi. Zur Herstellung von Wasser- farben soll nach dem Urteile des bekannten englischen Miniaturmalers Mr. Smart dieses Gummi allen übrigen Gummiarten vorzuziehen sein2). Es kommt seit längerer Zeit schon im englischen Handel vor 3) und ist billicer als arabisches Gummi. 3. Aiiakardiumgiimmi. Diese Gummiart (Cashawagummi, gomme d'acajou, Acajougummi) wird auf Martinique, Guadeloupe und in Brasilien gesammelt, und rührt von dem in Westindien und Südamerika häufig vorkommenden Baume Anacardmm occidentale her 1). Sowohl im physikalischen als chemischen Verhalten steht diese Gummiart dem Akazien- gummi am nächsten. Es bildet entweder un- regelmäßige, knollige, auch rundliche Massen, oder von Querrissen durchsetzte stalaktitische Massen (Fig. 20). Auch Tränen finden sich in der Ware vor. Die Oberfläche erscheint dem freien Auge glatt. Die Farbe dieses Gummi ist topasgelb bis braunrütlich. Das Pulver ist weiß bis blaß- gelbrütlich. Es bricht glasig und glänzt auf frischer Bruchfläche lebhaft. Es ist gewöhnlich weniger durchsichtig als arabisches Gummi. Die Lösung des Anakardiumgummi dreht die Polari- sationsebene nach links. Im Polarisationsmikro- skop verhält es sich gleich dem Akaziengummi. Der gummöse Bestandteil dieser Gummiart löst sich fast völlig in Wasser zu einer gelb- lichen, stark klebenden Flüssigkeit. In 60 proz. Chloralhydratlösung löst es sich nach einigen Tagen bis auf eine am Grunde verbleibende wol- Fig. 20. Natürliche Größe. Stalaktitische Form des Gummi von Änacardium occidentale. a, a Bruchfläche, senkrecht zur Richtung der stengeiförmigen Stücke. \) Pharmacographia, London 1875. S. auch Watt, I.e. 2) Roxburgh, Plants of the coast of Coromandel. T. II, p. 22. 3) Morgans British Tread Journ. Febr. 1868. 4) Wird auch auf Java gesammelt und als Klebmittel verwendet. Der Baum heißt dort Djambu monjet: Junghuhn, Java. I, p. ■( 72. Auch in Indien wird Änacardium occidentale kultiviert und liefert dort ein Gummi, welches gesammelt und verwendet wird (Watt, 1. c, I, p. 232). 126 Erster Abschnitt. Gummiarten. kige Schicht vollkommen auf. In der Auflösung des natürlichen Gummi schwimmen kleine braunrote Schuppen, nämlich Reste des Rindengewebes, ferner kleine Flückchen, wahrscheinlich Bassorin. Das in Wasser lös- liche Gummi besteht aus Arabin und Dextrin und führt nach Ludwig^) 1,5 Proz. Zucker. Das Gummi enthält 17,29 Proz. Wasser und liefert 1 ,22 Proz. Asche. Das Anakardiumgummi ist mit mittleren und geringeren Sorten von arabischem und Senegalgummi gleichwertig. 4. Mesquitegiimmi. Zahlreiche Prosojjis-Arien (s. p. 93), welche in den südlichen Teilen der Vereinigten Staaten, in Mexiko und in Südamerika vorkommen, liefern ein Gummi, welches in seinen Eigenschaften dem arabischen Gummi sich anreiht. Der sehr verschiedenen Abstammung entsprechend sind seine Qualitäten durchaus nicht gleich. Es erscheint im Handel unter dem Namen Mesquite- (oder Mezquite-, Misquit-, Miquit-) Gummi; aber auch noch unter mehreren anderen Namen. So ist das Sonoragummi (aus Sonora in Mexiko kommend), das »Goma de cuje yaque« (in Venezuela, Provinz Barcelona gesammelt) 2) Prosopis-Gummi. Diese beachtenswerte Gummiart ist zuerst von Morfit^) untersucht und beschrieben worden. Nach Flückiger^) wird dieses Gummi hauptsächlich in dem weiten Gebiete von Texas bis zum kalifornischen Golfe gesammelt uud steht in den Vereinigten Staaten wie die geringen oder mittleren Sorten des arabischen Gummi in Verwendung. Es wird angegeben, daß das Mesquitegummi 85 Proz. Arabin ent- halte und sich im Wasser vollkommen löse 5). Die von mir untersuchten Arten von P?vso2ns-Gnmmi hinterließen zumeist quellbares, in Wasser nicht lösliches Gummi (3 — i 4 Proz.). Eine von mir untersuchte Sorte, angeblich von Prosopis juUfloi'a abstammend, war bis auf Spuren voll- kommen im Wasser löslich und zeigte sonst noch eine Eigenschaft, welche nur bei den guten Sorten des arabischen Gummi zu finden ist: sie löste sich vollständig (bis auf fremde Beimengungen) in (60 proz.) Chloralhydrat auf. Eine Sorte von Mesquitegummi aus Mexiko, welche sicher von Prosopis juUflora herrührte (ich erhielt dieselbe vom Berliner Botan, Museum), besteht aus gelblichen und bräunlichen, auch graulich gefärbten {) Arch. d. Piiarm. LXXXII, p. 44. 2) A. Ernst, Expos, nacional. Caracas. 1886, p. 258. 3) Stolimann, 1. c. (1891), p. 19ia. 4) Pharmakognosie. 3. Aufl. (1892), p. 15. 5) Valenta, Die Kleb- und Verdicivungsmittel. Kassel 1884, p. 51. Erster Abschnitt. Gummiarten. 127 Kürnern, ist glasartig im Aussehen, bricht muschelig und hat überhaupt das Aussehen einer geringen oder mittleren Sorte von arabischem Gummi, Dieselbe enthält 1 1,4 Proz, bloß quellbares, im übrigen lüsliches Gummi. Merkwürdigerweise war auch dieses Gummi in wässerigem (60 proz.) Ghloralhydrat bis auf fremde Beimengungen (Rindenteilchen u. dgl.) lös- lich, während sonst Gummiarten, welche z. T, quellbares (in Wasser unlösliches) Gummi enthalten, selbst nach mehrtägiger Einwirkung von Ghloralhydrat der genannten Konzentration einen stark gequollenen Rest zurücklassen. Die chemische Beschaffenheit des Mesquitegummi ist noch sehr un- genügend erforscht 1). hn europäischen Handel ist dieses Gummi noch fast unbekannt. Sowohl Valenta als Stohmann sprechen die Ansicht aus, daß dieses Gummi wahrscheinlich bald einen bedeutenden und gesuchten Handels- artikel bilden werde. 5. rruuoideeDgummi. (Amygdaleengummi, Kirschgummi, gummi nostras, gomme du pays, cherry gum.) Diese Ware, obgleich aus den gummiartigen Ausscheidungen der ver- schiedenen Steinobstarten (Kirsch-, Pflaumen-, Aprikosen- und Mandel- bäumen) bestehend, wird gewöhnlich Kirschgum- mi genannt. Dieser frü- her oft benutzte Pflan- zenstoff war eine Zeit hindurch aus dem deut- schen Handel verschwun- den, während er sich im französischen Handel , ^ ^ . , , ^ . Fig. 21. i. V* natürl. Größe. Steinkerne, welche in einem vorder- fortwährend erhielt. Es asiatischen Amygdaleengummi eingebettet gefunden wurden, wird aber ietzt wieder ^' ^l* natürl. Größe, steinkern von Amygdalus spartioides. 3. Vergr. 230 mal. Querschnitt durch einen Steinkern aus dem in der deutschen und genannten Gummi. (Nach Camill Hoffmeister.) Österreichischen Indu- strie verschieden, beispielsweise im Kattundruck 2), verwendet. Es liefern nicht nur die in Mitteleuropa vorkommenden Steinobst- arten, sondern auch außereuropäische Prunoideen (Amygdaleen) sog. ^' & \] A. W. Miller, Mezquitegum. Pharm. Journ. and Transact. 1876, p. 943, Flückiger, Botan. Jahresbericht. 1878, 11, p. 1133. 2) Gamill Hoffmeister, Über ein Amygdalusgummi. Berichte der Deutsclie» Botanischen Gesellschaft. XVI (1898), p, 239, 128 Erster Abschnitt, Gummiarten. -ooooooooc »Kirschgummi«. So wird nach Schindler i) in Persiens und Palästinas Gummi von dort wildwachsenden Mandelarten {Amygdalus leiodadus und anderen Spezies) gesammelt. Dieses Gummi heißt dort Djedk-i-Ardjin und wird in Kerman verkauft. Was im europäischen Handel unter dem Namen Persian Gum vor- kommt, besteht der Hauptmasse nach aus dem Gummi von Änujgdcdus leioda- dus'^). Im Hariatdistrikte (Afghanistan) fließt Gummi reichlich aus Pflaumen- und Aprikosenbäumen aus, wird von den Eingeborenen, wie so viele andere Gummiarten, gegessen 3) und kommt auch in den HandeH). Ein derartiges, in den böhmischen Industriebezirken praktisch verwendetes Gummi unbekannter Provenienz wurde von Cam. Hoffmeister (1. c.) genau untersucht. Es unterschied sich nicht vom gewöhnlichen Kirschgummi. Es bildete unregelmäßig geformte, verschie- den große Stücke, welche teils farblos waren, teils gefärbt in verschiedenen Abstufungen bis tief dunkelbraun. Es enthielt neben anhaftenden Jutefasern (vom Verpackungsmateriale herrührend) verschiedene vegetabilische Verunreini- gungen (Zweigfragmente und Steinkerne), welche dazu dienten, die Stammpflanze dieser Gummiart zu eruieren. Die mor- phologischen und anatomischen Verhält- nisse der genannten vegetabilischen Ein- schlüsse (s. Fig. 21 und 22) ließen darauf schließen, daß dieselben von einer arm- laubigen, spartioiden Mandelart, und zwar von Amygdalus spartioides her- Fig. 22. Vergr. 340 mal. Querschnitt durch ein in einem vorderasiatischen Amyg- daleengnmmi gefundenes Zweigstückchen. a braune, sich mit Vanillin-Salzsäure rot, mit Eisenchlorid schwarz färbende Inhalts- masse. (Nach Camill Hof f meist er.) 1) Reisen im südlichen Persien. Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde in Berlin. ISSI. 2) Kew Bullet. 1906, p. 109 und MO. 3) Aitchison, Zeitschrift des österr. Apothekervereins. 1881, p. 29. 4) The Chimist and Drugist. 1880. Erster Abschnitt. Gummiarten. 129 rühren, von welcher Pflanze, wie kaum zu bezweifeln ist, die genannte Gummiart abstammt. Diese und nahe verwandte Prunoideengummiarten dienen auch zur Verfälschung des Tragants (s. unten bei Tragant). — In Indien liefert Priimis piiddum ein ordinäres »cherry gum« (Gooke, 1. c, p. 23). Fig. 23. Vergr. 300 mal. tiuinmibildung im Kirsch holz, g lysigeue Gammidrusen. r mehr oder weniger mit Gummi erfüllte Gefäße, m Markstrahlen, jf Jahresring, Frühjahrholz, jh Jahres- ring, Herbstholz. (Nach Tschirch.) Nach Wigand') entsteht dieses Gummi sowohl im Holzkürper als in der Rinde der genannten Bäume. Die Kürner dieses Gummi haben halbkugelige oder nierenfürmige Gestalt und messen oft mehrere Zentimeter im Durchmesser. Die Ober- fläche der Stücke ist glatt, oder von klaffenden Rissen durchsetzt. \] Desorganisation der Pflanzenzelle. Pringsheims Jahrb. f. wiss. Bot. III (-1863), p. IIS ff. Eingehende Untersuchungen über die Entstehung des Prunoideen- gummi hat G. Mikosch angestellt, deren Hauptresultate oben (p. 83) bereits mitgeteilt wurden. Wiesner, Rohstofl'e. I. Band. 3. Aufl. 9 130 Erster Abschnitt. Gummiarten. Sprünge treten nicht oder nur spärlich auf. Die äußeren Partien der Körner erscheinen trübe, die inneren klar. Die Bruchflächen sind muschelig und stark glänzend. Die Farbe liegt zwischen blaßgelblich und braun, oft mit einem Stich ins Tiefrote. Durch Alkalien nimmt der Farbstoff eine braune, mit Salzsäure eine rotviolelte Farbe an. Pflaumengummi ist gewöhnlich licht, Kirschgummi dunkel gefärbt. Das von Hoffmeister beschriebene Gummi zeigte alle Abstufungen von Farblosigkeit bis zu dunkelbraun. Das Kirschgummi ist mehr zähe als spröde und läßt sich deshalb nicht so leicht pulvern wie gutes Akazien- gummi; es schmeckt manchmal süßlich, wenn darin Zucker, oder zu- sammenziehend, wenn Gerbstoff vorkommt; stets ist jedoch der Ge- schmack vorwiegend fade, gummiartig. Im Wasser löst sich dieses Gummi nie vollständig auf, sondern läßt stets eine relativ stark gefärbte Gallerte zurück. Nach mehrtägiger Einwirkung von 60proz., wässeriger Ghloralhydratlösung gibt es eine klare Lösung, hinterläßt aber eine klare, relativ stark gefärbte Gallerte. Im Polarisationsmikroskop erscheint dieses Gummi doppeltbrechend (s. oben p. 60). Das Kirschgummi im weiteren Sinne führt im lufttrocknen Zustande 13 — 14 Proz. Wasser und gibt 2 — 3,5 Proz. Asche. Es besteht aus Zerasin und Arabini). Meist führt es, nach den Untersuchungen von Ludwig^), auch Krümmelzucker und Gerbsäure. Die Menge des Arabin scheint im Gummi der Pfirsich- und Mandelbäume sehr beträchtlich zu sein, da sich diese beiden letztgenannten Gummiarten fast ganz in Wasser auflösen. Das Gummi der Kirschbäume führt nach Schmidt^) 52,1 Proz. Arabin und 34,9 Proz. Zerasin. Es enthält Gummiferment und, wie die Bläuung durch Guajaktinktur lehrt, ein oxydierendes Enzym. 6. Tragant 4). (Gummi Tragacantha, Tragacantha, Gomme Adragante, Tragacanth.) Diese Gummiart stammt von strauchigen Ästragalus- Arien ^ welche in Griechenland und in Vorderasien wildwachsend vorkommen. Der griechische Tragant stammt von Asiragaliis cijUeneuSj welcher nach Heldreich^) bei Voslizza und Patras, ferner im nördlichen Peloponnes,. 1) In dem oben (p. 62) angegebenen Sinne. 2) Archiv der Pharm. Bd. LXXXII, p. -153. 3) Ann. Pharm. LI, p. 29. 4) Das fast im allgemeinen Gebrauch stehende Wort Tragant und die davon abgeleiteten Namen für diese Gummiart stammen von dem Worte rj TpaYa-/.av8a (bei Theophrast) und sollte man eigentlich nach dieser Ableitung die Tragant sagen; es ist aber allgemein die männhche Form, der Tragant, im Gebrauch. Tschirch, 1. c, II, p. 387 sagt aber konstant das Tragant, wohl als Abkürzung des Wortes Traganlgummi. 5) Theodor von Heldreich, Die Nutzpflanzen Griechenlands. Athen 1 862, p. 71. Erster Abschnitt. Gummiarten. 131 besonders auf dem Boidias (dem Panacha'ikon der Alten), auf dem Tay- getos und Phteri vorkommt. Seit langem ist die im nordwestlichen Persien und Kleinasien auftretende Art Astragalus verus als Tragant- pflanze bekannt. Es liefern aber zweifellos noch zahlreiche andere Spezies dieser Gattung in Vorderasien diese besonders in neuerer Zeit industriell stark begehrte Ware. So nach Aitchisoni) Astragalus heratensis und eine dem Astragalus strohiUferus nahestehende Art im Hariundtale und in den Gebirgen Khorasans. Nach Haußknecht^) wird in Vor- derasien von folgenden Astragalus-Arien diese Gummiart abgenommen: A. adscendens, in den südwestlichen Gebirgsgegenden Persiens, in Hüben bis 3000 m; A. brachycalyx, im persischen Teile Kurdistans, im Lasistan 1300 — 2600 m; A. giimmifer, vom Libanon 'an durch die zentralen Ge- birge Kleinasiens um Kaisarieh bis nach Armenien und im nördlichen Gebiete des Euphrat und Tigris; A. kurdicus, in der Gegend von Aintab, zwischen Marosch und Aleppo; A. leioclados, im mittleren und west- lichen Persien, bei Isfahan und Hamadan; A. microcephalus ^ zugleich mit A. gummifer^ überdies im südwestlichen Teile Kleinasiens; A. pycno- cladus, welche von Haußknecht entdeckte Spezies sehr reichlich Tra- gant in den Gebirgen des westlichen Persiens liefert; endlich A. stroma- todes in Nordsyrien, welche zwischen Marosch und Aleppo als Tragant- pflanze dient. Sehr viel Tragant kommt aus den Bergen des persischen Kurdistan, Khärähan und Taläkan, aus den Gebirgen zwischen Kaschan und Isfahan. Das Sammelprodukt wird nach den Häfen des persischen Golfs ge- bracht-^). Beträchtliche Mengen von Tragant werden um Feridun, zwi- schen Chan-i-Sur und Deh-i-Dawai gewonnen und nach dem Stapelplatze Pariz gebracht'*). Aber noch an vielen anderen Orten wird diese Ware gesammelt. Im allgemeinen gesagt, wird in den Gebirgen von Kleinasien, Syrien, Kurdistan, Armenien und Persien s) Tragant gesammelt. Früher lieferte auch Griechenland, insbesondere das nördliche Morea, Tragant, welcher von Astragalus cylleneus stammte und nicht, wie lange an- gegeben wurde, Yon Astragalus creticus. Seit 1910 wurde aber weder aus Griechenland noch aus Kreta Tragant ausgeführt, so daß dieser Tra- 1) Pharm. Journ. and Transact. XVII (1886), p. 467. 2) Briefliche Mitteilungen Haußknechts an Flückiger. Pharmakognosie. 3. Aufl., 1891, p. M. Siehe auch Kiepert, Haußknechts Routen im Orient. Berhn 1882. 3) Handelsverhältnisse Persiens, im 77. Ergänzungshefte zu Petermanns Mit- teilungen (1885). 4) Schindler, Reise im nördlichen Persien. Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde. Berlin 1881. 5) Persischer Tragant wird von indischen Schiffen verfrachtet und führt dann auch den Namen »indischer Tragant«. 9* 132 Erster Abschnitt. Gummiarten. 7nst gant aus dem europäischen Handel verschwunden zu sein scheint i). Die besten Tragantsorten (Blättertragante) werden bei Kaisarieh, Nigde, Ewerak, Jabolotsch und Buldur (im Elajet Konia, Kleinasien) gesammelt. Der Tragant fließt freiwillig aus den Stämmen aus, reichlich nach Verletzungen, welche vielfach durch Weide vieh hervorgerufen werden. In manchen Gegen- den bereitet man eine reichlichere Ernte des Tragants vor, indem man Einschnitte in die Stämmchen macht. Es geschieht dies nach Maltass besonders in Kleinasien 2). Die Form der Wunde ist maßgebend für die Gestalt der Tragant- stücke , welche von den Stämmen durch Abbrechen gewonnen werden. Aus engen, langgestreckten Wun- den (Schnittwunden) tritt der Blättertra- gant , aus punktför- migen Verletzungen (Stichwunden) der Fadentragant hervor. Aus unregelmäßigen weiten Rindenverlet- zungen quillt der runde oder knoUen- Fig. 24. Querschnitt durch das Mark und den inneren Teil des Eolzkörpers von Astragalus gummifer, im Mark (m) : o, 1, 2, 3, 4 die sukzessiven Stadien der Verschleimung zeigend, mst Hauptmark- strahl. ms Markstrahl. Ib Libriform. c Gefäße mit Gummitropfen. (Nach Tschirch.) gefärbte und deshalb weniger der Sträucher hat schon richtet, daß man im Juli dende , gewöhnlich eschätzte gemeine Tragant hervor. Auf durch Einschnitte in den Stamm Hamilton 3) aufmerksam gemacht. Er be- in den unteren Stammteilen, nachdem man 1) Tschirch, Pharmakognosie II (1911), p. 393. 2) Cannstatts Jahresberichte. 1855. Spätere Angaben s. Hanbury und F lückig er, Pharmacographia. London 1874. 3) Hamilton, Researches in Asia min. Pharmac. Journ. 1842. Erster Abschnitt. Gummiarten. 133 dieselben von Erde befreit hat, Längsschnitte macht, worauf dann der Tragant reichlich austritt. Tschirch^) berichtet, daß eine Sorte von persischem Tragant in der Art gewonnen wird, daß man die Gipfel der Sträucher anbrennt und hierauf Einschnitte am Stamm anbringt, Der Tragant tritt als eine schleimige Masse aus den Stämmen und Ästen hervor, welche Masse in ein paar Tagen vollständig erhärtet und dann eingesammelt wird. Die Qualität der Ware ist nicht nur von der Stammpflanze, sondern auch von der Witterung abhängig, welche während der Zeit der Eintrocknung herrscht. Bei trockenem, windstillem Wetter fällt die Ware am schönsten aus und ist in 3 — 4 Tagen reif zur Ernte geworden. Es wird angegeben, daß die Farbe des Tragants von der Witte- rung, bei welcher die Aus- scheidung und Reife der Ware erfolgt, abhängig sei, und zwar soll bei trockenem und son- nigem Wetter ein weißes, bei feuchtem, nebeligem Wetter ein gelbes bis braunes Pro- dukt resultieren. Das Sammelprodukt muß einer Sortierung unterworfen werden. Am rationellsten und im großartigsten Maßstabe er- folgt dieselbe in Smyrna, wo der grüßte Teil der guten kleinasiatischen Ware sortiert wird 2). Diese Ware bei gleicher Qualität großen Preisschwankungen 3). Fig. 25. Yergr. 350nial. L ängsschnitt durch einen Blättertraganten von Smyrna. s einfache, s' zu- sammengesetzte Stärkekurnchen. z z Zellwandresfe. unterliest selbst \] Tschirch, 1. c, II, p. 391. 2) V. Scherzer, Archiv der Pharmazie. Bd. CCV (1874). 3) Nach Gehes Handelsbericht vom Jahre 1911 sank der Preis in den türkischen Gebieten so stark, daß in den wichtigsten Produktionssorten (Nigde, Kaisarieh, Ewerak) das Einsammeln der Ware sehr zurückblieb, viel Tragantsträucher unberührt bUeben, da die Tragantsammler lohnenderen Gewinn im Getreidebau, in der Opiumberei- tung usw. fanden. Der Rückgang der Traganternte muß aber wieder zu einer Preissteigung dieser gesuchten Ware führen. Nach Gehes Handelsbericht vom Jahre 1912 ist die vermutete Preissteigung des Tragants faktisch eingetreten, fiel aber nach Nachrichten über günstige Erntenachrichten über das Jahr 1911 wieder suk- zessiv ab. 134 Erster Abschnitt. Gummiarten. In welchen Organen und welchen Teilen der letzteren der Tragant entsteht, ist seit langem bekannt i). Lange hielt man den Tragant, wie alle Gummiarten, für eine struk- turlose Masse. Kützing^) war der erste, welcher Strukturverhältnisse am Tragant auffand, die dieser Beobachter aber irrig, nämlich als Zellen eines Pilzes, deutete. H. v. MohP) hat Kützings Beobachtung, daß der Tragant einen gewebeartigen Bau nachweisen lasse, bestätigt, aber zudem den wichtigen Nachweis geliefert, daß diese Gummiart durch chemische Metamorphose aus den Zellwänden des Markes und der Mark- strahlen der Stammpflanzen entsteht^]. Da die morphologischen Verhältnisse des Mark- und Markstrahlengewebes verschiedener Astragalus- Arten voneinander differieren, und in den Tra- gantsorten die Strukturverhältnisse der Stamm- pflanzen mehr oder weniger deutlich wieder- zufinden sind, so ist begreiflich, daß man jene Tragantsorten auf mikroskopischem Wege aus- einander zu halten versucht, welche von ver- schiedenen Äshrtgalus-Avten abstammen, was Wigand (1. c.) zuerst unternommen hat. Allein bei der großen Anzahl von Äistragahis-XTteD, welche nach neueren Untersuchungen Tragant für den Handel liefern, ist leicht einzusehen, daß Wigand s Plan praktisch nicht auszuführen ist. Allerdings läßt sich syrischer Tragant von Kuteragummi mikroskopisch unterscheiden (s. Fig.26. vergr.2ü0mai. i sjri- pig. 26); aber dazu reichen auch schon die scher Tragant. B Kutera- i i • i t^ • i tvt gummi. s Stärkekörnchen, makroskopischcn Kennzeichen aus. rSur wenn z E zeiimembranreste. (Nach ^ie Bruchstückc Sehr klein siud, so daß die Wigand.) wendbar sind, kann die mikroskopische Untersuchung herangezogen werden, welche aber kaum weiter als zu einer Unterscheidung der feinen 1) Fl ückiger (Pharmakognosie, 3. Aufl., p. -19] hat eine Stelle in Tournefort (Relation d'un voyage du Levant. I, iliS, 21) aufgefunden, aus welcher hervorgeht, daß dieser große Botaniker bei seinen Studien über das Auftreten des Tragants am Ida auf Kreta den Sitz der Bildung dieses Stoffes in Astragah(s cretieus bereits richtig erkannt und bildlich dargestellt hat. 2) Philosophische Botanik. I, p. 203. 3) Botanische Zeitung. 1S57, p. 32 ff. 4) S. auch Lutz, Sur le mode de formation de la gomme adragante. Compt. rend. 1910, p. 1184. Erster Absclinitt. Gumrniarten. 135 Tragantsorten vom oder zur Auffinduns- fremder Bei- Die Gestalt der natürlichen Tragantstücke wurde schon erörtert; je nach der Form der Rindenöffnungen ist dieselbe blätter-, fadenförmig oder klumpig. Es ist hier nur noch zu bemerken, daß die faden- oder auch wurmförmigen Stücke (»Tragacantha vermicularis«) häufig schrauben- förmig gewunden und, wenn sehr dünn, sogar gekräuselt sind. Bei ge- ringeren Sorten Tragant (syrischer) kommt es nicht selten vor, daß die zumeist gelblichen bis bräunlichen natürlichen Stücke traubenförmige oder sogar (wie bei Acajou- gummi) stalaktitische Massen bilden. Die Größe der natür- lichen Stücke ist sehr vari- abel und nur durch Sortie- rung wird die Ware gleich- artiger. Die Stücke des Blätter- und Fadentragants haben eine meist nur bis 3 cm reichende Länge. Doch werden in der Ware manch- mal Stücke gefunden, welche einen Längendurchmesser von 5 — 6 cm erreichen. Die Oberfläche der blätterigen Tragante ist pa- rallelstreifig, seltener die der fadenförmigen Stücke. Die klumpenförmigen Kürner haben für das freie Auge eine glatte Begrenzungsfläche. Mit der Lupe betrachtet erscheint ihre Oberfläche entweder rissig, punktiert oder streifig. Lufttrockener Tragant stimmt nach den neuesten Prüfungen in der Härte mit den arabinreichen Gummiarten, desgleichen mit dem Kirsch- gummi überein. Von beiden unterscheidet er sich durch seine zähe, hornartige Beschaffenheit. Während die arabinreichen und zerasinreichen Gummiarten (arabisches Gummi, Kirschgummi usw.) sich nur schwer schneiden, hingegen leicht pulvern lassen, ist der Tragant leicht schneid- bar, aber seiner Zähigkeit halber fast gar nicht pulverisierbar. Die Farbe des Tragants liegt zwischen weiß und braunrötlich bis braunschwarz. Die lichten Sorten sind stets etwas gelblich, die dunklen bräunlich, häufig auch etwas rötlich gefärbt. Manche Äsfragalus-ATten \ B Fi;?. 27. Blättertragant. A, B Flächenansichten. .1', B' Seitenansichten. Natürliche Größe. C Flächen- ansicht hei zweimaliger Vergrößerung, um die auf die Zonenrichtung lieiläulig senkrecht verlaufende Streifnng zu veranschaulichen. 136 Erster Abschnitt. Gummiarten. liefern vorwiegend lichte, andere vorwiegend dunkle Sorten. Aber so wie die Tragantkörner einer und derselben Pflanze in der Form ver- schieden sind, so sind sie es auch in betreff der Farbe. Die käuflichen Farben- und Formvarietäten des Tragants sind nur durch Sortierung entstanden. — Die rein weißen Tragantsorten sind durchaus nicht die besten. Sie sind weniger dicht als die blaßgelblichen, viel leichter schneid- bar als diese. Die mikroskopische Beobachtung lehrt, daß ihre Substanz durchaus nicht weniger als die der blaßgelblichen gefärbt ist, und daß ihre weiße Massenfarbe nur durch reichliches Vorhandensein von luft- erfüllten Räumen hervorgerufen wird. -^ Der Tragant ist nur wenig durchscheinend und matt im Aussehen, fast glanzlos; nur manche geringe Sorten (syrischer Tragant) haben häufig deutlichen Glanz. — Alle Sorten von Tragant sind geruchlos. — Die besseren, licht gefärbten Sorten dieser Gummiart haben einen faden, schleimigen Geschmack. Die dunkel gefärbten Sorten lassen einen unangenehmen bitteren, hin und wieder auch säuerlichen Beigeschmack erkennen. Der Bitterstoff läßt sich, gleich dem manchmal in kleiner Menge vorhandenen Zucker i), durch heißen Alkohol ausziehen. In Wasser löst sich nur ein Teil des Gummi auf Der Rückstand, aus Bassorin bestehend, quillt darin alsbald zu einer Gallerte auf Die Strukturverhältnisse des Tragants treten am besten hervor, wenn man die für die mikroskopische Beobachtung angefertigten Schnitte nur wenig anquellen läßt und dann die weitere Quellung unterbricht, z. B. durch Einlegen in hochprozentige Zuckerlüsung. Alle bis jetzt untersuchten Tragante zeigten einen zelligen Bau. Die Wand jeder Zelle läßt mehr oder weniger deutlich Schichtung erkennen. Im Innern der Zellen treten fast immer Stärkekörnchen auf, vereinzelt oder gruppen- weise, oft innerhalb der Zellwände ganze Klumpen bildend. Die Stärke- körnchen der Tragantsorten sind teils einfach, teils zusammengesetzt. Der Durchmesser der einfachen schwankt zwischen 0,004 — 0,015, reicht jedoch meist nur bis 0,012 mm. Die zusammengesetzten Körnchen be- stehen aus 2, seltener aus 3 — 4 und noch mehr Teilkörnchen, welche in den Dimensionen mit den einfachen Körnern übereinstimmen. Die sehr häufig vorkommenden Zwillingskörner sind nach dem bekannten Typus der Tapioca-Stärkekörnchen gebaut. In den besten Tragantsorten ver- schwimmt die organische Struktur, die Zellhäute sind schon ohne Zusatz von Wasser fast bis zur Unkenntlichkeit gequollen. Länger erhält sich die Struktur der Stärkekörner. ■1) Die Exsudate mancher J.s^ra^a/Ms-Arten sind sehr reich an Zucker. So hat Haußknecht auf eine Astragalus-kci (A. chartostegiiis Boiss. et Haußk.) aufmerksam gemacht, deren süße Ausschwitzungen (»Gezengebin«) ein bei den Persern behebtes Genußmittel bilden, aber nicht in den europäischen Handel kommen. Erster Abschnitt. Gummiarten. 137 Im polarisierten Lichte betrachtet, erscheinen viele Partien des Tragants in schönen, prismatischen Farben, besonders die peripheren Teile der Kürner, Dieses Polarisationsphänomen wird nicht, wie man vermuten könnte, durch die geschichteten Zellmembranen, sondern viel- mehr durch die den Tragant zusammensetzenden gummösen Bestand- teile selbst hervorgerufen (über Doppelbrechung des Tragants s. oben p. 59). Chemisches Verhalten des Tragants. Der Tragant besteht aus wechselnden Mengen von Bassorin (Tragantin) und einer in Wasser löslichen Gummiart, ferner aus Zellulose, Stärke, Wasser und Mineral- bestandteilen. Manchmal führt er etwas Zucker <). Spuren von orga- nischen Säuren und Farbstoffen sind in den geringen Sorten nachgewiesen worden. — Das Bassorin (vgl. p. 76 und 99) wird gewöhnlich für quellbar in Wasser, aber für unlöslich hierin angesehen. Nach Flückigers Unter- suchungen soll es in großen Mengen Wassers sich völlig auflösen 2). Die im Tragant vorkommende in Wasser lösliche Gummiart kann trotz ihrer grollen Übereinstimmung mit dem Arabin doch mit diesem Körper nicht identifiziert werden, da sie durch Bleizuckerlösung gefällt wird, eine Reaktion, welche dem Arabin nicht zukommt 3). Während letzteres durch Borax-, Eisenchlorid- und Wasserglaslösungen gefällt wird, zeigt das lösliche Gummi des Tragants diese Reaktion nicht. In alkalischer Lösung nimmt der Tragant eine zitronengelbe Färbung an. Das Bas- sorin klebt nicht, bindet aber stark nach erfolgter Eintrocknung. Die Mengen des leicht löslichen Gummi und des Bassorins sind in verschie- denen Tragantsorten verschieden. Vom ersteren Körper kommen im Tragant häufig mehr als 50 Proz. vor. — Die Menge der Zellulose scheint in den gut schneidbaren Varietäten des Tragants eine nicht ganz unbedeutende zu sein. Manche Tragantsorten sind sehr reich an Stärke, so daß sie mit Jodlösung behandelt eine intensiv blaue Farbe 1) Ludwig, Archiv der Pharmazie, Bd. LXXXII, p. 49, fand im Fadentragant Krümmelzucker. 2) Pharmakognosie des Pflanzenreiches. Berlin 1867, p. 12. Nach neueren An- gaben desselben Autors (Pharmakognosie, 3. Aufl., iS9], p. 22) gibt Tragant mildem zweihundertfachen Gewichte Wasser häufig geschüttelt erst nach Wochen einen trüben, gleichmäßigen Schleim, der sich nur langsam klärt. Wenn reinster Tragant tagelang mit dem tausendfachen Gewichte Wasser geschüttelt wird, so gibt er eine klare, nur langsam fdtrierbare Flüssigkeit, während Zellreste und Stärke ungelöst zurück- bleiben. Auffallend rascher geht die Auflösung vor sich, wenn man sich eines Ammo- niaks von 0,960 spez. Gewicht bedient. 3) S.Frank, Chemisches Zentralblatt, 1865, p. 902ff, Flückiger, I.e., p. la. Später (Pharmakognosie, 3. Aufl., p. 22) gab Flückiger an, daß in der Kälte durch Bleizuckerlüsung nicht eigentlich eine Fällung erfolgt, sondern das Gummi sich als klare Gallerte abscheidet, welche in der Wärme sich trübt und erst später in einen Niederschlag verwandelt. ^38 Erster Abschnitt. Gummiarten. annehmen. Da mit dem Fortschreiten der chemischen Metamorphose die Zellulose- und Stärkemenge abnimmt, so ist begreiflich, daß gerade die geringen gummiarmen Sorten des Tragants reich an den beiden genannten Körpern sein müssen. — Die lösliche Gummiart entsteht aus dem Bassorin. In 60proz. Chloralhydratlüsung löst sich der Tragant wohl auf, aber es bleibt in der Flüssigkeit eine wolkige Trübung, welche von Zelluloseresten herzurühren scheint. — Die Wassermenge des Tra- gants beträgt 11 — 17, die Aschenmenge 2,29 — 3,57 Proz. Nach älteren Angaben sollen gute Tragante bloß 1,75 Proz. Asche liefern (C. Schmidt, ^844). Die Asche enthält mehr als 50 Proz. kohlensauren Kalk und bei- läufig 3 Proz. Phosphorsäure 1]. Nach den Produktionsländern unterscheidet man im Handel türki- schen (T. von Smyrna und syrischen) und persischen Tragant. Der Tragant von Morea und Kreta (griechischer Tragant) ist in neuester Zeit aus dem Handel verschwunden 2). — Der Tragant von Smyrna, der beste von allen, besteht vorwiegend aus schönen gelblichen oder weißlichen, stets matten Blättern von 1 — 5 cm Länge. Die Blätter sind terrassenförmig gebaut und außen gestreift; ihr Bruch ist eben. Der syrische^) und der persische Tragant sind schon viel ungleichartiger in Form, Größe und Farbe der Stücke. Sie enthalten wohl auch blätter- artige Stücke, die aber dicker als der Blättertragant der erstgenannten Art und häufig deutlich gefärbt sind (gelblich mit einem Stich ins Orange oder Rötliche, oder auch bräunlich bis braun). -Der Bruch der Körner ist uneben bis deutfich muschelig. Frisch aufgebrochene Stücke besitzen ziemlich deutlichen Glanz. Diese Tragantsorte ist häufig durch Rinden- und Holzstückchen, welche von den Stammpflanzen herrühren, verun- reinigt. Der Tragant von Morea, welcher heute nur mehr ein histo- risches Interesse beansprucht, besteht vorwiegend aus langen, dünnen, oft gewundenen und gekräuselten und knäuelförmig gestalteten Fäden, worunter einzelne Stücke sich vorfinden, welche an Weiße mit dem besten Smyrnatragant wetteifern, während die meisten Fäden und die klumpigen Massen dieser Sorte gelblich bis bräunlich gefärbt sind. Nach Heldreich ^) kommt dieser Tragant von den Bergen des nördlichen Morea und stammt von Ästragalus cylleneus. Kutera oder Kutira^), auch Kuteragummi genannt, ist der oben ■1) Vgl.: Gmelin, Handbuch der Chemie. VII, \. Abt., p. 657. Ludwig, 1. c, p. 38. Flückiger, Pharmakognosie. 3. Aufl., \%%\, p. 23. 2) Über griechischen und sogenannten indischen Tragant s. oben p. 131, des- gleichen über die wichtigsten Produktionsorte. 3) Die Hauptmasse dessen, was im Handel als syrischer Tragant bezeichnet wird, ist seiner wahren Herkunft nach persischer Tragant. 4) 1. c, p. 71 ff. 5) Im Persischen heißt der Tragant »Kettira«. Erster Abschnitt. Gummiarten. 139 (p. 131) erwähnte von Astragalus heratensis und A. strohüifenis ab- stammende geringe Tragant. Mit diesen Namen werden indes auch andere geringe Tragantsorten bezeichnet. Auch das Bassoragummi, welches in den Strukturverhältnissen mit Tragant übereinstimmt, ist eine geringe Tragantsorte. Die sortierte Handelsware zerfällt in drei Arten, welche nach der Form der Zusammensetzungsstücke Blätter-, Stengel- und Kürner- tragant genannt werden. Der kleinasialische Rohstoff liefert viel Blätter-, der griechische Rohstoff viel Stengeltragant. Der Kürner- tragant setzt sich teils aus natürlichen runden Tragantkürnern, teils aus Bruchstücken von Stengeln und Blättern zusammen. Die Faden- tragante (Vermicelli, feine Stengeltragante) werden durch Absieben von den grobkörnigen, zumeist aus zerbrochenen Stengeln bestehenden Tragantmassen getrennt, welche für sich im Handel den Namen Sesam- seed führen 1). Geringe Sorten des Tragants, knollige Massen von grauer bis dunkelbrauner Farbe, erscheinen auf dem 3Iarkte nicht selten unter dem Namen Traganton. Verfälschungen. Der Tragant hat ein so spezifisches Gepräge, daß er nur schwer verfälscht werden kann. Ich habe in keiner der zahlreichen Tragantsorten des Handels, welche ich zu untersuchen Ge- legenheit hatte, Verfälschungen aufgefunden. Es soll indes schon die Ware in der Levante manchmal mit zwei Gummiarten verfälscht werden, welche die Namen Äloussoli und Caraman^j führen, und die von wilden Pflaumen- und Mandelbäumen herrühren. Es sind dies Gummiarten, welche mit dem oben beschriebenen vorderasiatischen Prunoideengummi übereinstimmen (s. p. 127 ff.). Kleinkürnige Tragantsorten werden an- geblich manchmal mit kleinkürnigem arabischen oder Senegalgummi, die geringer im Preise stehen als derartige Tragante, versetzt. Über einige Gummiarten, welche dem Tragant ähnlich, aber durch- aus geringwertig sind und wohl auch zur Verfälschung des Tragants dienen, s. oben (IV.). Die in diesem Abschnitt aufgeführten Eigentümlichkeiten des Tra- gantgummi geben genügend Anhaltspunkte, um die Echtheit des Tra- gants konstatieren zu können. Auch die oben angeführten Eigenschaften des Akaziengummi können herangezogen werden, um dieses im Tragant nachzuweisen. Es werden aber auch andere Mittel angegeben, um ara- \) Stohmann, 1. c, p. 1924. 2) Zeitschrift des österr. Apothekervereins, iseö, p. 545. Nach Kick und Gintl, Techn. Wörterbuch, Bd. II, p. 253, wird Karaman durch Bestreichen mit Bleiwasser dem Tragant im Aussehen ähnhch gemacht und in dieser Form zur Ver- fälschung des Tragants verwendet. Nach Hanbury wird durch dieselbe Prozedur auch geringeren Tragantsorten ein besseres Aussehen verliehen (Tschirch, 1. c, II, p. 403). 140 Erster Abschnitt, Gummiarten. bisches Gummi oder andere mit diesem im wesentlichen übereinstimmende Gummiarten als Verfälschungen im Tragant nachzuweisen. So soll es nach Planche^) gelingen, selbst wenige Prozente von arabischem oder Senegalgummi im Tragant durch Guajaktinktur nachzuweisen. Wein- geistige Guajaktinktur soll nämlich den Tragantschleim gar nicht, die Losung von arabischem und Senegalgummi hingegen blau färben. Diese Nachweisung muß aber mit Vorsicht angewendet werden, da alle Gummi- arten, und auch der Tragant, infolge der in ihnen auftretenden oxy- dierenden Enzyme (nämlich der Oxydasen) die Guajaktinktur bläuen. Wird der Tragant in zerkleinertem Zustande mit Wasser übergössen und solange stehen gelassen, bis er einen gleichmäßigen Schleim bildet, so tritt auf Zusatz von Guajaktinktur Bläuung auf. Es ist aber hierbei langandauernde Einwirkung des Wassers erforderlich. Läßt man nur bis zum Eintritt der Aufquellung den Tragant stehen, so stellt sich noch keine Bläuung ein. Diese Zeit reicht aber aus, um arabisches Gummi in Lösung zu bringen, welche durch Guajaktinktur gebläut wird. Und so läßt sich, unter Anwendung der hier angeführten Vorsicht, tatsächlich arabisches Gummi im Tragant nachweisen 2). Es ist aber bei diesem Nachweis doch noch zu beachten, daß die Guajakfärbung auf ein Enzym zurückzuführen ist, also nicht eintritt, wenn die Lösungen des Gummi gekocht wurden, weil hierbei das Enzym zerstört wird. In stark zer- kleinertem, viele Jahre gelagertem Gummi ist das Ferment begreiflicher- weise nicht oder nur mehr spurenweise anzutreffen, was bei dem ge- nannten Verfälschungsnachweis auch wohl zu beachten sein wird. — Sicherer ist wohl der Nachweis von arabischem Gummi im Tragant durch das verschiedene Verhalten von Pyrogallol gegen Lösungen von arabischem Gummi bzw. Tragant. Ersteres bildet mit der genannten Sub- stanz zusammengebracht Purpurogallin (Pyrogallochinon)3). Das gleiche Verhalten zeigen gegenüber dem Pyrogallol auch alle anderen Akazien- gummi, auch das Kirschgummi, nicht aber, wie Flückiger i) zeigte, der Tragant. Hierauf läßt sich nach Flückiger eine Unterscheidung zwi- schen Tragant und arabischem Gummi gründen. Ersterer färbt sich mit Pyrogallol schwarz, während die Lösungen des letzteren sich nur schwach bräunen und nach längerer Zeit kristallisiertes Purpurogallin ausscheiden. — Nicht selten soll dem Tragant auch eingetrockneter Stärkekleister beigemengt werden (Kick und Gintl, Technisches Wörter- buch, Bd. IX [1888], p. 547), eine begreiflicherweise sehr leicht nachweis- \) Stohmann, 1. c., p. 1927. 2) Wiesner, Über das Gummiferment. Sitzungsber. der kais. Akademie der Wissenschaften in Wien. Bd. XCII (1885), p. 54. 3) Clermont und Chautard, Jahresbericht der Chemie. -1882, p. 684. 4) Pharmakognosie. 3. Autl., p. 8 und 22. Erster Abschnitt. Gummiarten. 141 bare Verfälschung. Nach Tschirchi) wird ein hn Wasser erhitztes Ge- menge von Stärke, Leim und Glyzerin als Tragantersatz verwendet. Afrikanischer Tragant. Unter diesem Namen beschrieb Flücki- ger2) eine dem Tragant nahestehende Gummiart, welche aus der im westlichen Afrika (Senegambien bis Kongo) in großer Menge vorkommen- den SterciiUa Tragacantka Lindl. in solchen Massen austritt, daß nach Flückigers Ansicht diese Ware für den Weltmarkt Bedeutung zu er- langen verspricht^). Diese Gummiart bildet farblose bis gelbliche stalakti- tische Massen, welche nur in sehr dünnen Schichten durchsichtig sind. Das chemische Verhalten des afrikanischen Tragants stimmt mit dem des gewöhnlichen Tragants nahezu überein, doch führt er 20 Proz. Wasser und liefert 7,8 Proz. Asche. Auch darin unterscheidet sich der Sterkuliatragant von dem gewöhnlichen, daß das darin vorkommende in Wasser lösliche Gummi nicht durch Bleizucker gefällt wird, sondern daß seine Auflösung erst mit basisch essigsaurem Bleioxyd eine Trübung gibt. Morphologisch besteht ein großer Unterschied zwischen Sterkulia- und gewöhnlichem Tragant, indem ersterer nach Flückigers mikro- skopischen Untersuchungen nicht nur keinerlei Strukturverhältnisse zeigt, sondern auch keine Stärkekörnchen führt. — Die Haupthandelsplätze für Tragant sind Smyrna und Konstantinopel. Im Jahre 1 891 gelangten beiläufig \ \ 7 000 kg auf den ersteren, 233 000 kg auf den letzteren dieser Plätze 4). Die kleinasiatische Traganternte be- trug im Jahre 1906 416 000—520 000 kg^), im Jahre 1909 schätzungs- weise 450 000— 480 000 kg, im Jahre 1909 300 000— 400 000 kgC). Die besseren Sorten des Tragants dienen im Kattundruck als Ver- dickungsmittel für Farben, in ausgedehntem Maße zur Herstellung von Dampffarben im Zeugdruck ^), in der Appretur von Seidenwaren und Spitzen und in der Konditorei, geringe Sorten werden von Schuhmachern zum Glänzendmachen des Sohlenleders verwendet^). — Der Tragant steht schon seit alter Zeit in medizinischer Anwendung, zu gewerblichen Zwecken wurde er schon im Mittelalter gebraucht^). Nähere Daten über die Geschichte des Tragants teilt Flückiger^oj ^aii \) Pharmakognosie. II (19H), p. 403. 2) Pharmaceutical Journal and Transact, for May 1869. 3) Über das Gummi von Stercidia tomentosa s. oben p. 96. 4) Gehe, Handelsberichte. Dresden, Sept. isgi, p. 23. 5) Vgl. Tropenpflanzer X (1906), p. 746. 6) Vgl. Tropenpflanzer XIV (1910), p. 210. Über den Rückgang der Tragant- •ernte und deren Rückwirkung auf Preis und Produktion s. oben p. 133, Anm. 3. 7) Kick und Gintl, Technisches Wörterbuch. Bd. XI (1892), p. 267 ff. 8) Schwanert und Stohmann in Muspratts Techn. Chemie, p. 1564. 9) Heyd, Levantehandel im Mittelalter. II, p. 654. 10) Flückiger und Hanbury, Pharmacographia, p. 177. Flückiger, Phar- makognosie. 3. Aufl., p. 24. 142 Erster Abschnitt. Guramiarten, 7. Kokosgnmmi. Das Kokosgummi [gomme de coco, coeo-jKiIm gwu, Haari tapau der Bewohner von Tahiti) i) soll von der Rinde der Kokospalme abgeschieden werden. Der karamelartige Geschmack und Geruch dieser Gummiart lassen annehmen, daß dieselbe wohl kein unmittelbares Naturpodukt ist. Es bildet stalaktitische Massen von oft traubenfürmiger Gestalt. Die Stücke sind rotbraun bis zirkonrot von Farbe, durchscheinend, in dünnen Schichten durchsichtig. Dem freien Auge erscheint die Oberfläche völlig glatt. Bei 70facher Vergrößerung läßt die Oberfläche viele zarte Streifen und fazett- artig vereinigte Sprunglinien erkennen. Auf frischer Bruchfläche glänzt dieses Gummi. In der Härte stimmt es mit dem arabischen Gummi, in der Zähigkeit mit dem Tragant überein. Es läßt sich fast noch schwerer als Tragantgummi in der Reibschale zerkleinern. Die Dichte schwankt zwischen i,45 — 1,57. Im polarisierten Lichte verhält es sich einfach licht- brechend. In Wasser lüst es sich nur sehr unvollständig unter Zurück- lassung einer Bassoringallerte auf. In einer 60 proz. wässerigen Chloral- hydratlüsung löst sich das Kokosgummi teilweise auf. Es hinterbleibt am Grunde des Gefäßes selbst nach mehrtägiger Einwirkung des Lösungs- mittels eine braun gefärbte aber klare Gallerte, welche von einer dünnen wolkigen Schichte überdeckt ist. Diese Gummiart besteht aus Bassorin, löslichem, durch Bleizucker fällbarem Gummi, Dextrin, Zucker, einer karamelartigen Substanz, Wasser und Mineralbestandteilen. Die Menge des Bassorins beträgt 70 — 90 Proz. Das Kokosgummi ist mithin die bassorinreichste von allen bekannten Gummiarten. Es führt 1 2,5 Proz. Wasser und liefert 1,74 Proz. Asche. 8. Chagualgummi. Dieses merkwürdige, auch Magueygummi genannte Produkt wird von der Bromeliacee Puija coarctata abgeleitet. Doch werden auch, andere Piiya-(Pou7'retia-) Arien als Stammpflanzen dieser Gummiart bezeichnet; so von Schroff^) außer der genannten Puya-Arl noch P. (Pourretia) lanuginosa. Ich habe vor Jahren (1869) den Versuch gemacht, die botanische Provenienz dieser Gummiart zu ermitteln 3). Ich fand nämlich, daß dieses Gummi Bruchstücke von Hohlzylindern bildet, an deren konkaven Flächen sich so häufig Gewebsreste vorfinden (Fig. 30 und 31), daß man dieselben zur Charakterisierung dieser Gummiart heranziehen kann. Die mikroskopische Untersuchung dieser Gewebereste hat nun gezeigt, daß das von mir untersuchte Chagualgummi (es war eine kristallhelle, \) Cat. des Col. fr. 73. Cooke, 1. c, p. 14. 2) Pharmazeutischer Jahresbericht. 1867. 3) Gummi und Harze, p. 46(r. Erster Abschnitt. Gummiarten. 143 topasgelbe Sorte) zweifellos von einer Pwja (PourreUa) abstammt; aber ebenso gewiß konnte konstatiert werden, daß es von P. coarctata nicht herrühre. Die Herleitung des Chagualgummi von Piiya coarctata tauchte aber später wieder auf. So führt Guarjardo in seiner Schrift über chileni- sche Medizinaldrogen an, daß diese Ware von einer Pflanze herrühre, welche die Vulgärnamen Ghagual, Puya und Carvon führe, welche aber identisch ist mit Puya coarctata ^). Etwa zur selben Zeit wurde von Arta^) Puya suberosa (^= P. chüensis = P. coarctata) als Stammpflanze des Chagualgummi genannt. Später veröffentlichte Hartwich^) eine eingehende Untersuchung über Abstammung, Entstehung und über die Eigenschaften des Chagual- gummi, welche meine Angabe bestätigt, daß wohl zweifellos eine Puya das Chagual liefert, daß man die Stammpflanze aber nicht mit P. coarc- tata identifizieren könne. Das Resultat Ilartwichs muß um so mehr in die Wasschale fallen, als es Fig. 2S. Büschelförmiges Trichom von der dem Chagualgummi anhaftenden Oberhaut. (Nach Hart wich.) gelungen ist, außer den von mir aufgefundenen Ge- websbestandteilen (Reste der Oberhaut des Blütenschaftes) noch andere von den Blättern der Stammpflanze herrührende Gewebsreste im Gummi nachzuweisen, welche gleichfalls nicht auf Puya coarctata (P. chüensis) hinweisen. Hart wich hat in den Hautgewebsresten des von ihm unter- suchten Chagualgummi eigentümliche büschelförmige Haare beobachtet, welche an Puya coarctata nicht zu finden sind, wo aber auch charakteristische Trichome (Sternhaare) auftreten. Die genannten Büschelhaare, von den Sternhaaren der Puya coarctata auffällig ver- schieden (Fig. 28), sind für das Gummi charakteristisch. Ich habe diese Haare an jüngsthin untersuchten Proben von Chagualgummi gleich- falls beobachtet^). ■1) Botanica medica nacional o sea plantas medicinales de Chili. Santjago 1892. 2) Pharmazeutischer Jahresbericht. 1892. 3) Chagualgummi. Zeitschrift des allg. österr. Apothekervereins. 1896, p. SGöiT. 4) An Chagualgummi aus der Sammlung des Herrn Prof. v. Vogl und aus der Warensamraiung der Wiener technischen Hochschule. 144 Erster Abschnitt. Gummiarten. Wenn nun die Beobachtungen Hartwichs i Cedervalls^) Untersuchungen über den anatomischen Bau der Brome- liaceen keinen Zweifel darüber aufkommen lassen, daß das Chagualgummi von einer Puya^ und zwar vom Typus Pourretia abstammt, so sind die Arten dieser Gattung, welche das Gummi liefern, noch nicht ermittelt. Hart wich will indes trotzdem nicht P. coarctata als Stammpflanze des Chagualgummi gestrichen sehen und meint, es sei vorläufig anzunehmen, daß die Droge von drei Puya-Arien abstamme, nämlich von P. chi- lensis Mol. (P. coarctata Fisch.)., P. lamiginosa Schult, und P. lanata Schult. 2j. Das Gummi sammelt sich an den Blütenschäften der Pourretien an, aber es tritt nicht freiwillig aus. Wie F. Leybold^j in St. Jago de Chili zuerst angab, wird die Bildung desselben durch die Raupe der Kastnia (richtiger Castnia) elegans Cef — \ veranlaßt. In späteren Berichten des- selben Autors 4) wird nochmals be- tont, daß die Verletzungen der Stammpflanze durch das genannte Insekt die Ursache des Gummiflusses der Pourretien bilden, daß aber die Ausschwitzungen des Gummi sowohl an Stengeln als an Blättern erfolgen. Daß tatsächlich eine Verletzung Fig. 29. In Gummi sich umwandelndes Paren- (Jgp Puiia ZUr Bildung deS Chagual- chym der stammpflanze des Chagualgummi. Aus . « , ^ i tt • i i Chagualgummi. (Nach Hartwich.) gumnii führt, fandHartwich durch Eigenschaften bestätigt, welche sich hin und wieder an den Gummistücken direkt nachweisen lassen. Er fand nämlich Reste der Haut des Insekts, ferner kleine Klümpchen im Gummi, »welche ausschließlich aus durch Gummi verklebten kleinen Spänen der Pflanze bestehen, die völlig denen gleichen, die man vor den Bohrlöchern mancher Raupen findet. Diese Späne sind ausschließlich von Stücken der Gefäße und der dieselben umgebenden Fasern gebildet« ^j. In Bezug auf das Insekt, gibt Leybold an, daß die Raupe der Castnia elegans — welche ein prachtvoller großer, fast vogelartiger Falter sein soll — sich gleich nach dem Auskriechen in das Innere der bromelia- ähnlichen Pflanze einbohre, nach auf- und abwärts Gänge baue, worauf 1 1) Anatomisk fisiologiska undersök. blodet lior Bromel. Göteborg 1884. 2) Auch P. tuberculata Marl, wird als Stamrapflanze des Chagualgummi nannt, s. oben p. 88. 3) Zeitschrift des allg. österr. Apothekervereins. 1871, p. 372. 4) 1. c, 1874, p. 272 (Ausflug in die Pampas der Argentinischen Republik). 5) 1. c, p. 59 U'. Erster Abschnitt. Gummiarten. 145 der Ausfluß des Gummi erfolge. Nach Erkundigungen, welche Hart- wich bei Fachmännern einzog, existiert eine Castnia elegcms nicht, wohl aber ist diese Gattung in Chili durch C. Eudesmia vertreten. Was die Bildung des Gummi anlangt, so ist es Hartwich gelungen, an dem Gummi selbst zu konstatieren, daß das parenchymatische Grund- gewebe der Stengel, bzw. Blätter der Stammpflanze durch Verschleimung der Membran in Gummi umgewandelt werde (Fig. 29). Nach Hart wich kommt in den Vegetationsorganen der Puya- Arien nur etwas Schleim (in den Kalkoxalat-Raphiden führenden Zellen) vor und kein Gummi. Er meint deshalb, daß die Gummibildung durch die ■Fig. 30. Natürl. tiröße. Chagualgummi. A konkave Innenseite eines Bruchstückes. B radiale Läiigsbruclifläche. C Querbrnch- fläehe. a b anhaftendes Oberhautgewebe, c Abdruck der Skulptur des Stammes, über den sich das Gummi ergoß. Fig. 31. Vergr. 300 mal. Gewebsstück von der Innenseite des Chagualgummi. o o Ober- hautzellen. 2) p daran haftendes dickvfandige Parenchym. Raupe der Castnia hervorgerufen werde. Ich kann dieser Ansicht nicht beistimmen und meine, daß der Angriff durch die Raupe die Gummi- bildung nur begünstige, da lysigene Gummigänge in den oberirdischen Vegetationsorganen der Pourretia-kTien vorkommen i). Das Chagualgummi, welches meiner Beschreibung zugrunde lag, bestand aus Bruchstücken von Hohlzylindern (Fig. 30). Dasselbe hatte sich zweifellos an (zylindrischen) Stengeln, nämlich an den Blütenschäften der Stammpflanze angesammelt. Dieses Gummi, welches wichtige An- haltspunkte zur Charakteristik des Chagualgummi überhaupt gab, soll zunächst beschrieben werden. Dieses Chagualgummi bestand aus Bruch- 1) Nach C. Mez (in De Candolles Monogr. Phanerogam. IX, 1896, Bromelia- ceen, p. 52) sind für Puya (Poiirretia) im Zentralzylinder auftretende lysigene Gummi- gänge charakteristisch. Wiesner, Rohstofte. I.Band. 3. Aufl. 10 146 Erster Abschnitt. Gummiarten. stücken von Hohlzylindern verschiedener Größe, denen eine Dicke von 0,2 — 1,5 cm zukam. Die etwas unregelmäßig geformte Außenseite ist von sich häufig polygonal abgrenzenden, klaffenden Rißlinien durch- setzt und zudem nicht selten feinstreifig. Die konkave Innenseite jedes Bruchstückes ist sehr regelmäßig der Länge nach parallel gestreift und stellt einen genauen Abdruck der Stengeloberfläche der Stammpflanze dar. An vielen Stellen ist diese streifige Innenfläche des Gummi mit der Ober- haut der Stammpflanze und kleinen anhaftenden Parenchymresten über- deckt (Fig. 30). Das weiße, glanzlose Gewebe hebt sich scharf von der glänzenden, nackten Oberfläche des Gummi ab. — Nach der Wölbung der Stücke zu urteilen, dürften die Stämme, über deren Oberfläche sich das Gummi ergoß, einen Durchmesser von 2 — 4 cm gehabt haben. Die Bruchstücke des Chagualgummi sind vorwiegend glashell und von dichter gummiartiger Beschaffenheit. Seltener sind trübe und von Luftblasen durchzogene Stücke. Der Bruch des Gummi ist muschelig, die Farbe topasgelb. Die Härte stimmt mit jener des arabischen Gummi überein. Das Chagualgummi ist wohl auch zähe, aber doch nicht in dem Grade wie der Tragant. Die Dichte beträgt nach völliger Ent- fernung der Luft 1,866. — Sehr charakteristisch für diese Gummiart ist auch deren Verhalten im polarisierten Lichte. Jedes Stück zeigt bei ge- kreuzten Nikols infolge von Spannungsunterschieden Doppelbrechung und erglänzt in den schönsten prismatischen Farben. Ein quer oder der Länge nach radial durchschnittenes Stück läßt aber zudem noch eine konzentrische Anordnung der Farben scharf hervortreten. — Diese Gummiart hat einen rein schleimigen Geschmack. Das untersuchte Chagualgummi gehört zu den bassorinreichsten aller bekannten Gummiarten. Es löst sich deshalb nur in geringer Menge (15,83 Proz.) in Wasser auf. Der Rückstand gibt eine stark licht- brechende, kristallhelle Gallerte^ welche wie die Lösung des Gummi sauer reagiert. Die Gallerte klebt nur wenig, bindet aber stark nach erfolgter Eintrocknung. In 60 proz. Chloralhydratlüsung löst sich das Chagualgummi zum großen Teile auf; nach mehrtägiger Einwirkung des Reagens hinter- bleibt am Grunde des Gefäßes eine klare Gallerte, welche von einer wolkigen Schichte überdeckt ist. — Das in Wasser lösliche Gummi ver- hält sich in allen Reaktionen genau so wie das im Tragant vorkommende lösliche Gummi. Die Gallerte besteht der Hauptmasse nach aus Bassorin. Mit einer Lösung von kohlensaurem Natron zusammengebracht nimmt die Gallerte sogleich eine zitrongelbe Farbe an, und schon hierdurch läßt sich das Chagualgummi leicht von den übrigen bekannten bassorin- haltigen Gummiarten unterscheiden. Dextrin ist in diesem Gummi nicht nachweisbar. Zucker kommt darin nur spurenweise vor. Es enthält 13,46 Proz. Wasser und liefert 2,43 Proz. Asche. Erster Abschnitt. Gummiarten, ^47 Ich habe in den letzten Jahren die Sorten des Chagualgummi der Wiener Sammlungen studiert und habe gefunden, daß dieselben in den Eigenschaften von der zuerst von mir beschriebenen Sorte mehrfach ab- weichen, was sich zunächst schon in der Form und Farbe der Stücke zu erkennen gibt. Neben den hohlzylindrischen kommen auch knollen- förmige und stalaktitische Massen vor, die sich offenbar stellenweise in großer Menge am Blütenschafte oder an den Blättern angesammelt hatten. Auch den knollenförmigen Stücken haften mit freiem Auge er- kennbare Oberhautreste an. Die Farbe des Chagualgummi geht von Topasgelb durch Honigbraun in Schwarzbraun über. Hartwich gibt dieselben Form- und Farbenunterschiede an, hat aber auch beinahe farb- lose und fast schwarze Stücke gesehen. Die Yerschiedenartigkeit der Färbung i) scheint auf eine Verschiedenartigkeit der Abstammung hinzu- deuten; es könnte aber auch sein, daß von ein und derselben Spezies Gummi von verschiedenener Färbung produziert wird. Ich bewahre ein Stück Chagualgummi auf, in welchem lichtweingelbe Stellen mit honig- braunen bis braunschwarzen Partien abwechseln. Hart wich hat auf die Tatsache aufmerksam gemacht, daß die Löslichkeit der Sorten des Chagualgummi sehr verschieden ist und daß, ungleich dem arabischen Gummi, welches fast in gleichem Maße in kaltem und heißem Wasser löslich ist, siedendes Wasser weitaus mehr Gummi löst, als kaltes. Hart wich fand, daß die fast schwarzen Stücke des Chagualgummi in Wasser wohl zerfielen, aber sich nicht lösten; lös- licher sind nach seinen Beobachtungen die rotbraunen und gelblichen Stücke; die fast farblosen Stücke lösten sich nach seinen Beobachtungen in Wasser vollständig auf. Dem Chloralhydrat gegenüber verhalten sich die Sorten des Chagual- gummi sehr verschieden. Die dunklen Sorten lassen, ähnlich so wie Moringagummi, einen nicht unbeträchtlichen gequollenen Rest zurück. Vollständige Lösung habe ich an keiner der von mir untersuchten Sorten beobachtet. Ich habe aber auch keine farblose, in Wasser vollkommen lösliche Sorte, welche sich wahrscheinlich in Chloralhydrat vollkommen gelöst hätte, vor mir gehabt. Bei der Hydrolyse des Chagualgummi erhält man Xylose und i-Galaktose neben etwas d-Galaktose^j. Nach Mitteilungen, welche Prof, Gnehm über die technische Ver- wendbarkeit des Chagualgummi dem Prof. Hartwich machte, könnte 1 ) Der Farbstoff der dunklen Sorten des Chagualgummi unterscheidet sich von jenem der meisten Gummiarten dadurch, daß er durch Salzsäure nicht in rotviolett umgewandelt wird, sondern anscheinend unverändert bleibt. 2) Winterstein, Ber. der Deutsch. Ghem. Gesellschaft. -1898. 10* 148 Erster Abschnitt. Gummiarten. dasselbe im Zeugdruck verwendet werden, aber es müßten hierzu die helleren klaren Stücke aus der Rohware ausgelesen werden, 9. Gnmmi Yoii Cochlospermiim Gossypiuni. Das Gummi des in Indien i) häufig vorkommenden Cochlospermuin Oossypium erschien auf den letzten Weltausstellungen und soll bereits im englischen Handel als geringe, Kuteragummi^] genannte Tragantsorte (s. oben p. 138) vorkommen. Diese Gummiart bildet schmutzig gelb- liche bis braune, fast undurchsichtige Körper von glatter, aber glanz- loser Oberfläche, läßt sich leichter als Tragant pulvern und gibt beim Zerreiben im Mörser ein blaß braunrötliches Pulver. In Wasser ist das Gummi nur teilweise löslich. Weingeist entzieht den Farbstoff und etwas Zucker. Ich konnte in dieser Gummiart Strukturverhältnisse nur in Spuren wahrnehmen. Nach der Behandlung mit Wasser und Kochen des Restes in einer Sodalösung bleiben kleine Gewebsreste in Form röt- licher Schüppchen und Flöckchen zurück. Gegen Chloralhydrat verhält . es sich so wie Tragant (s. oben p. 138). Das Gummi von Cochlospermum Gossypium scheint eine ziemlich komplizierte chemische Zusammensetzung zu haben. Ich habe darin Bas- sorin, Zerasin, kleine Mengen von Dextrin, eine mit dem löslichen Teile des Tragants übereinstimmende Gummiart, ferner Wasser und Mineral- bestandteile aufgefunden. Es enthält 15,3 Proz. Wasser und gibt 1,98 Proz. Asche 3). 10. Grummi von Moringa pterygosperma. Moringa ptei'ygosperma ist ein in vielen Gegenden Indiens gemeiner Baum, aus dessen Stamm das Gummi (gomme de hen-ciiU) reichlich ausfließt. Es bildet Körner oder strangförmige Stücke von meist 2 — 4 cm Durchmesser. Die Körner haben eine glatte, die Fäden eine der Länge nach parallel gestreifte Oberfläche. Die frische Bruchfläche des Gummi ist anfänglich stark fettglänzend, wird aber bald matt. Die Farbe des Gummi ist rötlichbraun bis braunschwarz, in Pulverform graugelb mit einem Stich ins Zimtbraune. Es läßt sich leicht pulvern. Die Dichte schwankt wegen wechselnder Mengen eingeschlossener Luft zwischen weiten Grenzen. Das Gummi zeigt einen ausgezeichneten zelligen Bau, 4) Nähere Angaben über das Vorkommen von Cochlospernmm Gossypmm finden sich bei Watt (1. c, II, 4 889, p. 44 2). Nach dieser Quelle wird dieses Gewächs häufig in der Nähe der Tempel kultiviert. 2) In den indischen Bazaren wird dieses Gummi als »Ketira« feilgeboten. Es ist dies, wie schon bemerkt, der persische (und arabische) Name für Tragant. 3) Wiesner, Gummi und Harze (4869), p. 50. P. Lameland, Sur la gomme du Gochlospcrmum Gossypium. Journ. Pharm, et Chimie XX (1909). Erster Abschnitt. Gummiarten. 149 der hier noch schärfer als beim Tragant ausgeprägt ist. Einzelne Zellen führen einen im Mikroskop hellbraunrot erscheinenden Farbstoff. Stärke- körner kommen in den Zellen nicht vor. Die äußeren Schichten der Zellmembranen, vorwiegend aus in Wasser löslichem Gummi zusammen- gesetzt, sind meist weniger gut als die inneren, welche vorzugsweise aus in Wasser bloß aufquellendem Gummi bestehen, erhalten. Dieses Gummi erscheint im Polarisationsmikroskop einfach lichlbrechend. Das Gummi weicht in der chemischen Zusammensetzung wesentlich von den anderen Gummiarten ab, indem neben Bassorin, Dextrin und einer in Wasser löslichen Gummiart, welche mit der in Wasser löslichen Fig. 32. Vergr. 400mal. tiurami der Morinya pt ciy gosperma Gärt. A in verdünntem Alkohol. Zellea unverändert. B in Wasser präpariert, a quellende Zellwand, h gefärbter, in Wasser unlös- licher Zellinhalt. C a ß Zellreste, welche nach der Erschöpfung des Gummi mit Wasser zurückbleiben Gummiart des Tragants zusammenstimmt, ferner neben Wasser und Mineralbestandteilen noch in Alkohol und Äther lösliche Substanzen darin vorkommen. Von dem natürlichen Gummi lösen sich 8,30 Proz. in Alkohol, vom Rückstande 7,85 Proz. in Äther. Der in Alkohol, Äther und Wasser unlösliche Teil löst sich fast gänzHch in Alkalien auf, er besteht vorwiegend aus Bassorin. — In 60 proz. Chloralhydrat- lösung löst sich das Morinsragummi nur sehr unvollkommen auf. Nach Lösung. Am Grunde des Gefäßes bleibt reichlich eine gequollene klare Gummimasse zurück, welche von einer wolkigen Schichte überdeckt ist. Die Wassermenge des Gummi beträgt 1 1 ,71 , die Aschenmenge 1 ,81 Proz.i). I) Wiesner und Beckerhinn: Über das Gummi \on Moringa pterygospervm in Dinglers Polytechn. Journ., Bd. GXCIII, p. 166, und: Wiesner, Gummi und 150 Erster Abschnitt. Gummiarten. In diesem Gummi kommen nach Volcy-Boucher zwei Enzyme: Myrosin und Emulsin vor^). Es sei an dieser Stelle kurz erwähnt, daß das in neuerer Zeit oft genannte Perugummi 2) keine eigentliche Gummiart, sondern das zerkleinerte Gewebe eines Pflanzenteiles — wahrscheinlich eines knollenförmigen Rhi- zomes oder einer knollenförmigen Wurzel — ist, welches, ähnlich wie Salep, Eibisch Wurzel, Flohsamen usw. unvollständig in Schleim umge- wandelt ist. Nach GintP) stammt das Perugummi von einer Asphodelus- Art des Libanon *). Es setzt sich nur aus geformten Elementen, vorzugs- weise parenchymatischer Natur, zusammen, wie sich bei der Präparation des Pulvers in fettem Öl erweisen läßt. In chemischer Beziehung steht es dem Salep nahe. Das Perugummi führt 12,72 Proz. Wasser und liefert 4,82 Proz. Asche. Wasser löst von der ursprünglichen Substanz 72,54 Proz. auf, wovon 33,97 Proz. durch Alkohol und neutrales essig- saures Bleioxyd fällbar sind. Alkohol löst von der unveränderten Sub- stanz 48,69 Proz. 5). Harze. 1869, p. 30 ff. Lameland, Journ. pharmac. 1907. Jadin et Boucher, Production de gomme chez le Moringa. Bull. sc. pharm. 1904. \) Volcy-Boucher, Bulet. des sciences pharmacologique. Paris 1908. In dieser Abhandlung werden 80 Gummiarten aufgezälilt, welche Emulsin entlialten. 2) S. u. a. Liecke, Polytechn. Journal. Bd. CLXXXYIII, p. 507. 3) Kick und Gintl (Heeren und Karmarsch), Technisches Wörterbuch. Bd. VI, p. 613. 4) Diese Herleitung ist wohl nicht stichhaltig. Von den im Libanon vor- kommenden Äsphodelus-Arten kämen als Stammpflanze des Perugummi nach ge- fälliger Mitteilung des Herrn Prof. v. Wettstein, nur Ä. microcarpiis Vie. und Ä. fistulosus L. in Frage. Außer diesen beiden Arten, von denen indes die letztere wegen des geringen Wurzelvolums kaum in Betracht gezogen zu werden braucht, habe ich auch den früher offizineilen A. ramosus L. (über die ehemals offizinelle Radix Asphodeli s. Berg, Pharm. Warenkunde, p. 82) mit dem Perugummi verglichen. Schon die von Greenish (Pharmac. Journ. and Transact, 1894, Nr. 1243) durch- geführte anatomische Untersuchung der Wurzel von A. albus Hill, schließt die Wahrscheinlichkeit, daß die sog. Peruwurzel einem Asphodelus angehöre, aus. Auf meine Anregung hat Herr P. v. Tannenhain einen eingehenden anatomischen Vergleich zwischen Peruwurzel und den Wurzeln der genannten Asphodehis-Arien angestellt, welcher die Identität der ersteren mit den letzteren vollkommen ausschließt, was sich höchst auffallend schon darin ausspricht, daß die Markparenchymzellen des Perugummi einen beiläufig vier- bis fünfmal so großen Durchmesser aufweisen, als die korrespondierenden Elemente der genannten Asphodeliis-Wurzeln. 5) Näheres über die morphologischen und chemischen Eigenschaften des Peru- gummi s. G. Beckerhinn: Dinglers Polytechn. Journal, Bd. CXCIII, p. 163, und: Gummi und Harze, p. 52 — 35. Zweiter Abschnitt. Harze). Obwohl sich die Harze chemisch nicht scharf definieren lassen und in der wissenschaftlichen Chemie nicht mehr als selbständige Kürper- gruppe aufgeführt werden, wie etwa die Fette, die insgesamt als Gly- zeride zusammengefaßt werden können, so hält man in praktischen Wissenszweigen, und zwar in der Technologie, Warenkunde und Phar- makognosie noch an diesem Begriffe fest, und wird ihn wohl auch in Zukunft nicht entbehren können, weil mit dem Ausdrucke »Harz« eine große Zahl von häufig in der Natur vorkommenden und praktisch ver- wendeten Substanzen, welche viele sehr charakteristische Eigenschaften gemein haben, kurz bezeichnet und treffend zusammengefaßt werden. Alle natürlichen Harze sind pflanzlichen Ursprungs. In den eben genannten Wissenszweigen versteht man unter Harzen alle jene natürlich vorkommenden festen und dann spröden, oder halb- festen Körper, die im Aussehen den Gummiarten nahe kommen, in Wasser unlöshch, in Äther, Alkohol und Schwefelkohlenstoff oder wenigstens in einem dieser Körper löslich, reich an Kohlenstoff, arm an Sauerstoff und frei von Stickstoff sind, in der Wärme erweichen, bei höherer Temperatur schmelzen und mit rußender Flamme brennen. Die Harze sind der Fäulnis gar nicht unterworfen und zeigen, wie Tschirch^) bemerkt, eine relative Resistenz gegen Reagentien. Die che- mische Beschaffenheit der Harze wird in einem der folgenden Kapitel dieses Abschnittes geschildert werden. Hier seien nur die hervor- tretendsten chemischen Bestandteile der Harze insoweit namhaft gemacht, als es erforderlich erscheint, diese Körpergruppe von anderen in diesem ■1] Der chemische Teil dieses Kapitels (Abschnitt II, Chemische Charakteristik der Harze, ferner die chemische Beschaffenheit der einzelnen abgehandelten Harze) wurde von Dr. Max Bamberger, Professor an der k. k. technischen Hochschule in Wien neu bearbeitet. 2) Die Harze und die Harzbehälter. 2. Aufl. Leipzig. Bd. I (1906), p. 3. J^52 Zweiter Abschnitt. Harze. Werke abgehandelten zu unterscheiden. Keines der Harze ist ein che- misches Individuum, vielmehr wie alle unmittelbar von der Pflanze ge- lieferten Stoffe ein mehr oder minder kompliziertes Stoffgemenge. Die wichtigsten Bestandteile der Harze sind: esterartige, spaltbare Sub- stanzen oder Resine, die sehr widerstandsfähigen Resene, ferner aromatische Säuren, z. B. Zimt-, Benzoesäure usw., darunter aber auch eigenartige, in die aromatische Reihe gehörige Säuren, nämlich die Harzsäuren (z. B. die Abietinsäure) und ätherische Öle. Nebenher treten in den natürlichen Harzen auch noch Gummiarten und die gewühn- hchen Bestandteile der Pflanzengewebe, wie Zellulose, Gerbstoffe, Humin- körper auf. Als Begleiter des Gummi kommen in den Gummiharzen auch jene Enzyme vor, welche gewöhnliche Begleiter des Gummi sind, darunter auch, wie wir sehen werden, Oxydasen und, wie z. B. im Gummilack, auch spezifische Enzyme. Die ältere Chemie unterschied Hartharze, Weichharze und Feder- harze. Die beiden ersteren faßt man jetzt als Harze zusammen, da zwischen beiden in der Regel nur graduelle Unterschiede existieren und die meisten Weichharze schon nach längerem Liegen in Hartharze über- gehen. Wenn heute doch noch mit Rücksicht auf bestimmte Harze oder deren Sorten ein Unterschied zwischen Hart- und Weichharzen gemacht wird, so versteht man unter ersteren diejenigen, welche sich pulverisieren lassen, unter letzteren diejenigen, welchen diese Eigenschaft gänzlich ab- geht. Die Federharze, zu welchen man früher die Kautschukarten stellte, und denen man heute noch einige andere Körper unterordnen müßte, die in einem der nächsten Abschnitte (Kautschukgruppe) beschrieben werden sollen, werden heute nicht mehr den Harzen zugezählt, da nicht nur ihre physikalischen Eigenschaften sehr beträchtlich von jenen der eigentlichen Harze abweichen, sondern weil sie von diesen auch chemisch völlig verschieden sind. — In manchen Werken und Abhandlungen ist noch von Halbharzen die Rede. Man versteht hierunter entweder die gleich zu erwähnenden Gummiharze, oder aber Harze, welche so reich an kristallisierter Substanz sind, daß sich bei mikroskopischer Betrachtung ein großer Anteil des Harzes als kristallisierter Körper neben amorpher (»harziger«) Grundmasse zu erkennen gibt und gewöhnlich aus der alko- holischen Lösung eines solchen Harzes sich Kristalle ausscheiden. Der Begriff »Halbharz« ist wohl entbehrlich, da er auf die halbkristallisierten Harze angewendet keine scharfe Abgrenzung gegenüber anderen Harzen gestattet und als Bezeichnung der Gummiharze ganz überflüssig ist. Gegenwärtig unterscheidet man drei gut charakterisierte Harzgruppen: 1. gewöhnliche Harze, 2. Gummiharze, 3. Balsame. Die Gummi- harze unterscheiden sich von den gewöhnlichen Harzen nur durch Ge- halt an Gummi. Unter Balsamen versteht man entweder gewöhnliche Zweiter Abschnitt. Harze. 153 Harze, die wie Terpentin oder Kanadabalsam sehr reich an ätherischen Ölen sind, welche letzteren entweder sämtliche harzige Bestandteile oder doch einen großen Teil derselben in Lösung halten, wodurch sirupdicke Massen entstehen, oder Körper, welche harzarm sind, aber der Hauptmasse nach aus flüssiger_, den Harzen nahestehender Substanz bestehen (Perubalsam) i). I. Physikalische und naturhistorische Charakteristik. Form und Größe der natürlichen Harzstücke. Die festen Harze habe häufig tropfenförmige (»Tränen«), stalaktitische oder knollen- artige Gestalten. Verbreitet sich das Harz über die Oberfläche eines Pflanzenteiles und sammelt es sich an diesem an, so kommen meist tropfenförmige oder stalaktitische Formen zum Vorschein; fließt die Harzmasse in den Boden, wie dies bei vielen Kopalen der Fall ist, so bilden sich Knollenformen. Seltener kommt es vor, daß die Harze andere als die genannten Gestalten annehmen, und selbe sind fast immer für die Art des Harzes bezeichnend. So bildet z. B. das rote Akaroidharz dicke, plattenför- mige Stücke, welche an vielen Stellen noch die B^ormverhältnisse jener Organteile, aus welchen das Harz entstanden ist, darbieten (Fig. 33). Das sogenannte Wurzelpech der Fichte, die Siambenzoe bilden schwach ge- wölbte Platten. Der Kieselkopal zeigt die Gestalt von Rollsteinen und verdankt seine Form wie diese dem Umstände, daß er in Flußbetten weitergeführt wurde. Der Stocklack, welcher als flüssige Masse Stengel und dickere Stammteile rund umgibt, bildet, von diesen abgelöst, Hohl- zylinder oder Bruchstücke von Hohlzylindern. U. a. m. Die tropfenförmigen Harzkürner haben häufig eine ziemlich konstante Größe. Stalaktitische und Knollenformen variieren hingegen in Bezug auf die Dimension und erreichen unter Umständen, wie manche Kopale, eine außerordentliche Größe und großes Gewicht, z. B. der Kaurie- Fig. 33. Natürliclie Große. Kotes Akaroid- harz aus Australien, a nnterste, Oxalsäuren Kalk führende Gewehsschichten. b verharzte Gewebsschichten. c verharzte Gewehsstränge. d homogen erscheinendes Harz. 1) Tschirch hat in seinem Werke »Die Harze und Harzbeliältcr«c ein chemisches System der Harze aufgestellt, welches weiter unten in dem von Prof. Bamberger verfaßten 2. Kapitel dieses Abschnittes in Kürze vorgeführt worden wird. 154 Zweiter Abschnitt. Harze. kopal, welcher manchmal als zentnerschwere Masse aus dem Boden ge- graben wird. Selten bildet ein bestimmtes Harz ein aus ziemlich gleichmäßig großen natürlichen Stücken bestehendes Produkt, z. B. Mastix oder Sandarak. Regel ist eine große Variation in der Größe der natürlichen Stücke. Durch Sortierung werden allerdings die Kürner oder Stücke einer Sorte gleichmäßiger in der Grüße. Künstliche Formen. Manche Harze erscheinen im Handel in künstlich erzeugten Gestalten, so z. B. das Drachenblut in Form von Stangen oder Tränen, das Gummigutt in Zylindern, der Schellack in Blättern, über welche Formen bei Besprechung der betreffenden Harze noch näher abgehandelt werden wird. Die Oberflächenbeschaffenheit vieler Harze bietet wichtige An- haltspunkte für deren Charakteristik dar. Beim roten Xanthorrhoeaharz ist die Fläche, mit der das Harz dem Stamme anhaftete, rauh, matt, unverharzt und zeigt Struk- tureigentümlichkeiten, derer ich unten bei Besprechung dieses Harzes noch gedenken werde. Die Oberfläche mancher Harze bedeckt sich infolge von starker Zusammenziehung und später fol- gender, eigentümlicher regelmäßi- ger Ab Witterung mit polygonal begrenzten Wärzchen. Es kommt dadurch eine regelmäßige Fazettierung, die man beim Kopal von Sansibar schon mit freiem Auge sieht (sogenannte Gänsehaut, s. Fig. 34), zustande. Mit der Entstehung der »Gänsehaut« des Sansibarkopals haben sich zahlreiche Forscher (Güppert, Berg, Grote, Worlee, Oswald und Müncke) beschäftigt; ihre Versuche, das Zustandekommen der Gänse- haut zu erklären, haben sich aber als unzureichend erwiesen, und man schließt sich wohl jetzt allgemein der Ansicht an, welche ich über diesen Gegenstand zu begründen versucht habe^). Auf Grund meiner mikroskopischen Untersuchungen entwickelte ich folgende Vorstellung über die Entstehung der »Gänsehaut« des Sansibarkopals. Die chagri- nierte Oberfläche entsteht infolge ungleichmäßiger Zusammenziehung der Zonen eines Harzkornes, aber gleichmäßiger Zusammenziehung Fig. 34. kopals. Oberf lächengestalt des Sansibar- a mehrere Warzen hei 2-, h eiae Warze bei 30 maliger Vergrößerung. \] Wiesner in »Isisc, Dresden. Sitzung vom 18. Juni 1868. Daselbst aucii eine Wiedergabe der älteren Erklärungsversuche. Vgl. auch Gilg in Englers Pflanzenwelt Ostafrikas. B. Die Nutzpflanzen Ost- afrikas. Berhn 1895, p. 415. Zweiter Abschnitt. Harze, 155 Fig. 35. Vergr. 60 mal. OberfliichenscMcht eines fast noch durchsichtig erscheinenden Mastixkornes mit Rißlinien und körnig streifig erscheinenden Erstarrungsfiguren. der peripheren Schicht des Harzes. Diese gleichmäßige Zusammen Ziehung bedingt das Auftreten von regelmäßig angeordneten Sprung linien, welche sich zu sechs- seitigen Facetten vereinigen. Diese Facetten wittern vom Rande aus gegen die Mitte zu ab, indem sich sukzessive unterhalb und neben den abwitternden kleineren Fa- cetten neue bilden. Hieraus ergibt sich, daß die großen Facetten am Rande tiefer als in der Mitte durch Abfallen neu gebildeter Facetten ab- wittern müssen, wodurch sich jede (große) Facette in ein Wärzchen verwandeln muß. Die große Regelmäßigkeit, mit welcher diese im Boden lie- genden Kopale, offenbar in sehr langen Zeiträumen, sich zusammenziehen, bedingt die Regelmäßigkeit in Form und Anordnung der Wärzchen, Die Bildung der »Gänse- haut« ist also eine Verwitte- rungserscheinung. Die peri- phere Partie dieser Harze bildet eine Verwitterungs- schicht. Solche Verwitterungs- schichten kommen noch an anderen Harzen vor, sind aber erst mit der Lupe oder mit dem Mikroskope zu sehen, z. B, an Mastix und Sandarak (Fig. 35 und 36). Es treten dieselben in Form eines zarten Beschlages oder auch nur einer Trübung der Oberfläche dieser Harze auf. Man hat die Oberflächenbeschaffenheit dieser Harze früher schon beobachtet, glaubte aber, daß sie dadurch zustande kommt, Fig. 36. Vergr. 30 mal. Natürliche Oberfläche (Ober- flächenschicht) eines Mastixkornes mit stark entwickelter Verwitternngsschicht. Facettenbildung («). Auf der Ober- fliche der Facetten feine, sich häuflg kreuzende Linien, welche teils Er:!tarrungsflguren, teils Rißlinien darstellen, aber bei dieser Vergrößerung nicht unterschieden werden können (s. Fig. 3'>). h Biuchfläche, erkennbar an den auf den Zonen derBruchlläche senkrecht stehenden (radial ver- laufenden) Rißlinien r. //Furchen zwischen den Facetten c durch Abreibung eatstandene Körnchen des Mastix. 156 Zweiler Abschnitt. Harze. daß die einzelnen Ilarzkürner sich gegenseitig abreiben. Bei weicheren Harzen, z. B. Dammar, tritt eine solche Abreibung allerdings auch auf, ist aber eine sekundäre Erscheinung, welche mit der Bildung der »Ver- witterungsschicht« nicht verwechselt werden darf. Spätere Untersuchungen i), welche ich über die natürliche Ober- flächenbeschaffenheit der Harze anstellte, haben gezeigt, daß man bei der Entstehung der Ober- flächenschicht der Harze zwei Prozesse auseinander- halten muß: 1. die Bildung der Oberflächenform infolge der Erstarrung der Harze, und 2. die Bildung der Verwitte- rungsschicht. Die Oberflächen- schicht eines an der Luft er- starrenden Harzes (z. B. eines Mastix- oder Sandarak-Trop- fens) zeigt anfänglich bloß Erstarrungs- und später erst Verwitterungsformen. Wenn aber ein erstarrtes Harzkorn aufgebrochen wird, so bildet dasselbe auf der Bruchfläche bloß Verwitterungsformen. Deshalb läßt sich die natür- liche Oberfläche eines Harzes von der durch Bruch ent- standenen leicht unterschei- den, weil die Verwitterungs- gestalten von den Erstarrungs- gestalten verschieden sind, wozu noch kommt, daß die freie Bruchfläche eines Harzes stets von radial verlaufenden Sprunglinien durchsetzt ist (Fig. 36, b). Die Erstarrungsformen, welche an der Oberfläche der Harze ent- stehen, sind erhaben und bestehen aus kleinen Körnchen, welche in Reihen angeordnet sind und entweder longitudinal oder auch seitlich verschmelzen, wodurch die Oberfläche solcher Harze mit Wülsten oder mit einem Netzwerke überspannt erscheint. Die Verwitterung bringt Fig. 37. Yergr. 400 mal. Oberfläebenfchicht eines Mastix- kornes. A Erstarrungsflgur. B Erstarrungsfigur von Rißlinien a durchkreuzt (Verwitterung). Fig 3b Viigr 4UÜ mal LisUuuugshguren auf der naturluhen Oberflache des Dxmraar-» (diet-elbeu sind mit kleinen Bruchkörncheu des Harzes teilweise bedeckt; diese Bruchkürnchen wurden weggelassen). 1) Wiesner, Über die natürliche Oberflächenbeschaffenheit der Harze. Zeit- schrift des allg. österr. Apothekervereins. 1899, p. 385 ff'. Zweiter Abschnitt. Harze. X57 aber immer Verwitterungslinien hervor: Klüfte, Sprünge, Risse, die aber immer vertieft sind. Betrachtet man die Oberflächenschicht eines natürlich begrenzten Harzkorns mit der Lupe oder bei schwacher Mikroskopvergrößerung, so erhält man ein sehr unklares Bild: man sieht eine Menge sich kreu- zender Linien. Wenn man aber diese Oberflächenschicht bei etwa 200 maiiger Vergrößerung ansieht, so kann man stets die Erslarrungs- figuren von den Verwitterungsfiguren unterscheiden. Hat man eine lange der Luft ausgesetzt gewesene Bruchfläche eines Harzes vor sich, so er- kennt man nichts, als vertiefte Linien: I. die sehr auffallenden, beim Bruche erfolgten radial verlaufenden Sprunglinien, und 2. die später erschienenen, durch Verwitterung entstandenen Spalten und Rißlinien, Fig. 39. Vergr. 200 mal. Abdruck der oberen Fig. 40. Vergr. 200 mal. Abdruck der oberen Oberbaut des Blattes von Pistacia leiitiscus Oberhaut des Blattes von Pistacia Icnt. auf auf einem Mastixkorn. Tiefe Einstellung einem Mastixkorn. Hohe Einstellung. die entweder unregelmäßig vereinzelt liegen oder verästelt sind, sich aber auch wie beim Kopal zu Facetten vereinigen können. Man kann auf folgende einfache Weise sowohl die Entstehung der Erstarrungs-, als auch der Verwitterungsfiguren verfolgen. Behandelt man auf dem Objektträger ein natürlich begrenztes Harzkorn, das mit einer Oberflächenschicht versehen ist, mit einem Tropfen absoluten Alkohol, so wird das Harzkorn mit einemmal glashell und durchsichtig, indem die Oberflächenschicht sich auflöste und mit dem übrigen Harz- korn zu einer gleichmäßigen, klaren Masse verschmolz. Tage-, ja wochen- lang hält sich ein solches Harzkorn klar und durchsichtig. Dann belegt es sich ganz allmählich mit einer zarten, das Harzkorn oberflächlich trübenden Haut und viel später bildet sich erst eine Oberflächenschicht, wie eine solche an den natürlichen Harzkörnern vorkommt, aus. Man kann nun unter dem Mikroskope zuerst das Auftreten der erhabenen Erstarrungsfiguren und später das Auftreten der aus Rissen, Klüften und Spalten bestehenden Verwitterungsfiguren beobachten. 158 Zweiter Abschnitt. Harze. Noch sei bemerkt, daß an abgeflachten natürlichen Begrenzungs- flächen der Ilarzkürner bei mikroskopischer Betrachtung manchmal ein prachtvoller Abdruck von pflanzlichen Oberhäuten zu erkennen ist, wel- cher dadurch zustande kam, daß der Harztropfen auf Blättern erstarrte. Bei Gelegenheit meiner Studien über die Oberflächenbeschaffenheit der Mastixkürner habe ich oftmals Oberhautabdrücke von prachtvoller Rein- heit gesehen (Fig. 39 und 40). Ich komme unten bei Mastix auf diese merkwürdige Skulptur noch zurück. — Das Rührengummigutt zeigt einen Abdruck der inneren Skulptur des Bambusrohres (Fig. 41), welches zum Fig. 41. Natürliche Größe. A Bambusrohr, halbiert, um die Skulptur der Innenseite zu zeigen. B Köhrengummigutt mit dem Abdruck der Innenfläche des Bambusrohres. Auffangen des Gummiharzsaftes der Garcinia behufs Gewinnung dieser Sorte von Gummigutt benutzt wird. Beim längeren Liegen an der Luft über- zieht sich jede Gummiguttsorte mit einer grünlichen Verwitterungsschicht. Strukturverhältnisse. Kein aus der Pflanze hervortretendes Harz ist ein chemisches Individuum, vielmehr jedes ein Gemenge verschiedener chemischer Spezies und häufig ein kompliziertes Stoflgemenge. Im morphologischen Charakter der Harze prägt sich diese chemische Konstitution gewöhnlich nicht aus, denn häufig erscheinen sie völlig homogen, so z. B. Mastix, Sandarak oder Dammar, welche durchsichtige, glasartige Massen bilden, in denen man selbst bei den stärksten Mikro- skopvergrößerungen keine morphologische Diskontinuität wahrzunehmen imstande ist. Zweiler Abschnitt. Harze. 159 Indes kann eine solche manchmal zustande kommen, wenn ein Teil des Harzes amorph, ein anderer kristallisiert ist. So z. B. beim gemeinen Harz der Koniferen. Betrachtet man ein Fichten- oder Führen- harz im Mikroskope, so erkennt man eine amorphe Grundsubstanz, in welche die Abietinsäure in Form von Kristallen oder Kristallaggregaten eingebettet ist. Durch Einwirkung von Alkohol oder Terpentinöl treten // [K a würdig ist das Verhalten der Elemiharze, welche in erstarrtem Zustande sehr reich an kristallisierter Substanz sind. Bringt man einen Splitter eines solchen Harzes unter das Mikroskop, so erkennt man nichts von der kristallisierten Substanz; fügt man aber dem Splitter einen Tropfen Alkohol zu, so löst sich die amorphe Grundsubstanz auf, und der Rück- ^ „' stand ist überaus reich an nadel- " förmigen oder prismatischen Kri- stallen (Fig. 42). Der Grund dieses Verhaltens ist leicht einzusehen: es stimmt nämlich die kristallisierte mit der amorphen Substanz im Lichtbrechungsvermögen so nahe überein, daß es nicht zu einer optischen Differenzierung kommt'). Bei jenen Harzen, welche als Gummiharze bekannt sind, die ein Gemenge von harzartigen Sub- stanzen und Gummi darstellen und häufig auch noch ätherische ()le enthalten, ist von vornherein eine Dis- kontinuität der Substanz oder, mit anderen Worten, eine optische Differen- zierung dieser verschiedenen Körper vorauszusehen. Es sind aber in dieser Richtung fast noch keine Beobachtungen angestellt worden. Flückiger2) gibt an, daß die reinsten Körner der Asa foetida im Mikroskope gleichmäßig erscheinen. Ich kann diese Angabe des großen Pharmakognosten nicht bestätigen, wie ich weiter unten näher begründen werde. Ich selbst habe vor Jahren bezüglich des Gummigutt nachge- wiesen 3), daß dieses Gummiharz aus einer homogenen gummiartigen Grundmasse bestehe, in welche das Harz in Form kleiner kugelförmiger Körnchen eingebettet ist (s. Fig. 43). Bereitet man die bekanntlich zum Malen dienende Emulsion, indem man das Gummigutt mit Wasser anreibt, wobei das Gummi in Lösung geht, die Harzkörnchen aber in der Lösung 1) Wiesner, Gummi und Harze, p. 126. 2) Flückiger, Pharmakognosie des Pflanzenreiches. 3. Aufl. Berlin 1891, p. öS. 3) Wiesner, 1. c, p. 98. Fig. 42. Veigr. 300 mal. .1 Kristalle («) und K r i s t a 11 g r u p j) e u (6) aus E 1 e m i , nach Behand- lung des Harzes mit Weingeist. £ Kristalle (n') und Kristallgruppen (b') aus Gomart, nach Behandlung des Harzes mit Weingeist. 160 Zweiter Abschnitt. Harze. unverändert zurückbleiben, so sieht man unter Mikroskop eine Unmasse kleiner Körnchen — das ist eben das Harz des Gummigutt — in leb- haftester Molekularbewegung. Die Harzkürnchen erscheinen hier in jener Form, in welcher sie immer hervortreten, wenn eine Harzlüsung mit einem Fällungsmittel, "z. B. mit Wasser, zusammengebracht wird. Es scheidet sich eben das Harz in Form kleiner kugelförmiger Körperchen Auch die anderen Gummiharze haben eine dem Gummigutt ähn- liche Struktur '). Zum richtigen Verständnisse dieser Strukturverhältnisse ist es aber notwendig, folgende Bemer- kungen voranzuschicken. Alle Gummiarten, welche sich nach ihren Eigenschaften dem Akaziengummi oder dem Kirschgummi anschließen, haben einen muscheligen Bruch. Betrachtet man eine solche Bruchfläche unter Mikroskop, so erscheint dieselbe von radialen Rissen reichlich durchsetzt (s. Fig. 9, p. 57;. Selbst an kleinen Splittern ist das Auftreten der radialen Rißlinien noch sehr deutlich wahr- zunehmen. Stellt man das Gummi der Gummiharze dar, indem man es von den harzigen Bestandteilen trennt, so verhält es sich in Bezug auf Bruch und Rißlinien, wie die genannten Gummiarten. Ist dieses Gummi aber, wie in dem Gummigutt, von Harzkörnern erfüllt, so sind diese Rißlinien entweder gar nicht zu beobachten oder sie erscheinen nicht in jenen scharfen, radial verlaufenden Linien, wie im harzfreien Gummi. Wenn hingegen in einem Gummi- harz harzfreie Stellen auftreten, so geben sich dieselben sofort an den charakteristischen Rißlinien zu erkennen, wie ich weiter unten zeigen werde. Fig. 43. A Vergr. 40 mal. Ein Splitter von Gummigutt in Olivenöl präpariert. Homogene (ans Gummi bestehende) Orundsubstanz mit eingebetteten Harz- körnchen. Die Zonen (z, z) der musche- ligen Bruehfläche sind senkrecht von streifen durchzogen, welche aus Riß- linien zusaramengebetzt sind. In der Mitte der Grundsubstanz ein Kristall von Kalkoxalat B Vergr. 300 mal. Ein Splitter Ton Gummigutt in Olivenöl präpariert, um die Harzkörnchen deut- lich hervortreten zu lassen. auf die Struktur bezüglichen Daten nur zuzufügen, daß die Harzkürn- chen in der gummiartigen Grundmasse so reichlich auftreten, daß die Rißlinien nur sehr undeutlich sichtbar werden. Durch die Zonen der muscheligen Bruchfläche ziehen hier und dort wellig verlaufende Riß- i) Über die Struktur der Gummiharze s. Wiesner, Zeitschrift des alig. österr. Apothekervereins. '1899, p. 423 ff. Zweiter Abschnitt. Harze. 1Q1 linien, die auch zu kleinen Gruppen vereinigt sind, welche in Form von radialen, seitlich undeutlich begrenzten Bändern verlaufen (Fig. 43). Sehr schön erkennt man die körnige Einbettung des Harzes an in fettes Öl eingelegten Splittern. In demselben treten manchmal deutliche iso- lierte monokline Kristalle auf, welche aus oxalsaurem Kalk bestehen. Ganz anders ist das Bild von Splittern der Asa foetida. In den- selben finden sich beträchtliche Strecken vor, welche bloß aus Gummi bestehen. In Öl eingebettet, bleiben dieselben unverändert und sind an den radialen Rißlinien sofort zu erkennen. Die übrige Partie hat etwa den morphologischen Charakter des Gummigutts, jedoch mit dem Unter- schiede, daß in die gummiartige Masse nicht nur Harzkörnchen, sondern auch kleine Tröpfchen von ätherischem Öle eingebettet sind. Die Harz- körnchen sind teils kugelig, teils unregelmäßig gestaltet. Die unregel- mäßig gestalteten Körnchen scheinen aus Tröpfchen sich abgeschieden zu haben, welche das Harz aufgelöst enthielten. In Wasser löst sich das Gummi auf, Harz und ätherisches Öl bleiben zurück, eine Emulsion bildend. Tröpfchen und Körnchen befinden sich in dieser Emulsion in Molekularbewegung, welche mir aber nicht so lebhaft, wie die der Harz- körnchen einer Gummiguttemulsion erscheint. Flückigers Beobachtung, daß die Körner der Asa foetida im Mikroskope homogen erscheinen, kann ich nicht bestätigen. Ich finde immer die oben geschilderte Struktur und meine, daß Flückiger zufällig Splitter gesehen hat, welche nur aus der gummiartigen Grundmasse zusammengesetzt waren. Diese beiden eben vorgeführten Gummiharze bilden jene Typen, nach welchen alle Gummiharze, wenigstens die von mir untersuchten, zusammengesetzt sind. Zu dem Typus Gummigutt gehören noch Ammoniak und Galbanum. Dieser Typus ist dadurch charakterisiert, daß keine harz- und ölfreien Gummimassen vorhanden sind. Harzkörnchen und Ultröpfchen verhalten sich indes in morphologischer Beziehung bei Ammoniak und Galbanum so wie bei Asa foetida. Zu dem Typus Asa foetida gehören hingegen Olibanum und Myrrhe. Dieser Typus ist dadurch ausgezeichnet, daß harz- und ölfreie Gummi- massen in dem Gummiharze auftreten. Besondere weite harz- und öl- freie Strecken sind in dem von mir untersuchten arabischen Olibanum zu beobachten. Was das Olibanum (Weihrauch) anbelangt, so hatte ich Gelegenheit, jenes noch ganz frische, zum Teil noch halb weiche Material zu unter- suchen, welches bei der österreichischen Expedition nach Südarabien (Winter 1898—99) von Herrn Prof. Simony gesammelt wurde. Das Material kam ganz frisch an, da es gleich nach der Einsammlung in verlöteten Blechbüchsen geborgen wurde. Wiesner, Rohstoffe. I. Band. 3. Aufl. 11 162 Zweiter Abschnitt. Harze. Grundmasse, in welcher große Tropfen ätherischen Öls, welche das Harz in Lösung halten, eingebettet sind. An den schon erstarrten Teilen er- kennt man teils harzfreies Gummi, teils Gummimassen, welche von Harzkürnchen und Ültrüpfchen durchsetzt sind. Altes arabisches Oli- banum (vom Jahre 1868) besteht zum Teil aus harzfreien Gummipartien, zum Teil aus Gummimassen, welche dicht und fast gleichmäßig mit Harzkörnchen erfüllt sind. Mit Wasser behandelt, geht das Gummi in Lösung und man erhält eine Emulsion, welche aus kleinen, verschieden geformten Harzkörnchen besteht. — Bei mikroskopischer Untersuchung erkennt man in manchen Harzen Reste organischer Struktur, welche sich entweder aus der Entstehung erklären (z. B. beim roten Ä » {~^^ — V Xanthorrhoeaharz; s. unten in dem Paragraphen »Ent- stehung der Harze in den Geweben der Pflanze«), oder es sind organische Beimengungen, welche bei der Gewinnungsweise in das Harz hineingerieten. Von gröberen Struktur- verhältnissen der Harze sei hier genannt die sog. »Mandelstruktur« von Fig. 44. Wasserharz (eine Sorte von Terpentinliarz). Benzoe.gelbemAkarOldharZ A natürliche Größe, a dunkle, wasserarme Hülle. B Ver^r. 300 mal. 6 mit Wasser erfällte Hohlräume. UUd anderen HarZCU und Gummiharzen, welche sich darin ausspricht, daß in eine homogen oder feinkörnig erscheinende Grundsubstanz scharf differenzierte, grobe, gewöhnlich rundliche Massen (sog. »Mandeln«) eingebettet sind. An manchen Harzen kommen infolge der Gewinnungsweise be- zeichnende Strukturen zustande. So z. B. bei jener Sorte des ge- meinen Harzes, welche man Wasserharz genannt hat, das mit fein ver- teilten, erst mikroskopisch nachweisbaren Wassertröpfchen durchsetzt ist. Diese Wassertröpfchen erscheinen in kleinen runden Hohlräumen des sonst homogen erscheinenden Harzes. Liegen die Stücke des Wasser- harzes an der Luft, so verschwinden oberflächlich die AVassertröpfcheuy wobei das im wasserhaltigen Zustande weiß gefärbt erscheinende Harz von einer tief braunen Schicht überdeckt ist iFig. 44). Der gesponnene Schellack zeigt infolge seiner Darstellungsweise eine feinfaserige Struktur, welche schon mit freiem Auge sichtbar ist. Zweiter Abschnitt. Harze. ]^ß3 Das Lichtbrechungsvermügen der Harze bietet nur selten An- haltspunkte für deren Charakteristik dar. Alle Bestandteile der Harze : — natürlich abgesehen von den kristallisierten Anteilen — erscheinen nicht nur, sondern sind auch, im polarisierten Lichte gesehen, einfach hchtbrechend. Jene bei Gummiarten infolge von Spannungsunterschieden so häufig zutreffende Form der Doppelbrechung ist bis jetzt noch an keinem Harze gesehen worden. — Die Brechungsindizes der Balsame können zu deren Charakteristik mit Vorteil benutzt werden. Es stimmt beispielsweise der Mekkabalsam im Brechungsindex so nahe mit der Kartoffelstärke überein, daß dieser Körper, in dem genannten Balsam sorgfältig verteilt, bei Betrachtung im Mikroskope fast verschwindet, nämhch nur bei starker Abbiendung mit matten Konturen erscheint und eben noch gesehen wird. Verfälschungen des Mekkabalsams mit fetten Ölen und anderen Balsamen können durch Kartoffelstärke aufgedeckt werden. Die Farbe der Harze ist für manche Arten bezeichnend, so die gelbe, ins Leberbraune geneigte Farbe des Gummigutt, die rote Farbe des Drachenbluts und des roten Xanthorrhoeaharzes, die weiße Farbe der Siambenzoe und des Gommartharzes, die schwarze Farbe einiger Kolophoniumsorten usw. Manche Harze sind farblos. Meist liegt ihre Farbe zwischen gelb und braun. Selten ist die Farbe der Harze eine grüne oder grünliche, z. B. bei manchen Mastixsorten lichtgrünlich, bei einigen Sorten von brasilianischem Kopal buteillengrün. Man hat die bei manchen Sorten von Mastix auftretende grünliche Farbe auf Chloro- phyll zurückzuführen versucht (Flückiger). Wie ich finde, zeigen aber die alkoholischen Lösungen der grünen Harze weder die charakteristische Fluoreszenz, noch das charakteristische Absorptionsspektrum des Chloro- phylles; es kann also die grüne Farbe nicht auf Chlorophyll zurück- geführt werden. Das sogenannte Wasserharz, ein Fichtenharz, welches liquides Wasser eingeschlossen enthält, ist weiß, wird aber beim Liegen, wie schon oben bemerkt, durch Wasserverlust von der Oberfläche aus gelblich bis braun. Das Kolophonium wird desto mehr geschätzt, je lichter seine Farbe ist. Es ist nun bemerkenswert, daß jedes Kolophonium beim Liegen an der Luft dunkler wird, und zwar haben die Untersuchungen von Labatut^) gezeigt, daß die Ursache des Dunklerwerdens ein Oxydationsprozeß ist. Das Dunklerwerden des Kolophoniums an der Luft ist mit einer Ge- wichtsvermehrung verbunden, welche sich als ; Folge der Oxydation darstellt. i) Labatut, Sur la coloration de la Golophon. Soc. de sc. physiques et natur. Bordeaux 1903. 11* 164 Zweiter Abschnitt. Harze. In Bezug auf Durchsichtigkeit zeigen die Harze ein sehr ver- schiedenes Verhalten, Manche erscheinen glasartig durchsichtig (einige Kopale), andere völlig undurchsichtig (Xanthorrhoeaharze, Drachenblut). Meist sind sie für das freie Auge bloß durchscheinend. Mikroskopische Splitter, selbst der völlig undurchsichtig erscheinenden, sind stets zum mindesten durchscheinend und lassen das Licht oft mit anderen Farben durchfallen, als ihrer Massenfärbung eigen ist. So sind z. B. kleine mikroskopische Splitter von rotem Xanthorrhoeaharz rubinrot, makro- skopische hingegen goldgelb. Der Glanz der meisten Harze gleicht dem des Glases. Doch kommt auch Fett-, Wachsglanz und Glanzlosigkeit vor. Es sind z. B. die so- genannten Mandeln der Benzoe wachsglänzend, mindere Sorten von Benzoe und Drachenblut fettglänzend, einige Elemiharze völlig glanzlos. Die Härte der meisten Harze liegt zwischen der des Gipses und Steinsalzes. Nur die besten Kopale sind noch härter als Steinsalz. Für die Unterscheidung der Kopale ist die Härte ein wichtiges Kenn- zeichen. Der Bruch der Harze ist meist glasartig und dann oft muschelig. Betrachtet man die muschelige Bruchfläche unter Mikroskop, so erscheint sie von radial verlaufenden Rissen durchsetzt, welche bei manchen Harzen rein und scharf geradlinig sind, bei anderen sich als Linien darstellen, welche unter spitzen Winkeln am Ende sich gabeln. Bei anderen Harzen kommt ebener, körniger, erdiger oder splitteriger Bruch vor. Die Siam- benzoe bricht eben, die Kopale, Mastix und Sandarak brechen muschelig, die besten Sorten von Drachenblut körnig, schlechte Sorten erdig; rotes Akaroidharz bricht splitterig, usw. Da keines der Harze auch nur die geringste Art von Spaltbarkeit — im Sinne der Mineralogen — zeigt, so tritt die Art des Bruches stets deutlich hervor. Die Dichte ist für gewisse Harze ein Unterscheidungsmerkmal, z. B. für manche Kopale. Im allgemeinen differiert die Dichte der Harze nur wenig von der Dichte des Wassers. Nur die Gummiharze haben stets eine auffällig größere Dichte, z. B. Asa foetida 1,3. Auch die Dichte der Balsame nähert sich sehr der des Wassers. Tenazität. Die Mehrzahl der Harze ist spröde; manche sind milde (Stocklack und der daraus dargestellte Schellack), manche geschmeidig (Elemiharze). Den Grad der Sprödigkeit kann man dadurch ermitteln, daß man die Oberfläche eines zu untersuchenden Harzstückes mit einer Nadel ritzt. Die sprödesten zeigen splitterige, die am wenigsten spröden dem freien Auge glatt erscheinende Strichlinien. Strich. Die meisten farblosen und gefärbten Harze haben einen weißen Strich , indes auch manche dunkel gefärbte Harze , z. B. Kolo- phonien. Einige wenige der Hauptmasse nach aus farbigen chemischen Zweiter Abschnitt. Harze. 165 Individuen bestehende Harze zeigen einen gefärbten Strich, wie Drachen- blut, Xanthorrhoeaharze u. m. a. Molekularbewegung. Manche Harze lassen, in Wasser fein ver- teilt, eine sehr lebhafte, andere eine träge Molekularbewegung erkennen. Die ausgezeichnetste Molekularbewegung, die man überhaupt sehen kann, zeigen die kleinen Harzkürnchen des Gummigutt. Kopalpulver bewegt sich hingegen, in Wasser verteilt, nur sehr träge. Einige Harze haben einen ausgesprochenen Geruch und Ge- schmack, der für die betreffenden Harze meist charakteristisch ist. Es sei hier an Asa foetida und an Galbanum erinnert. Kauriekopal unter- scheidet sich durch seinen charakteristischen balsamischen Geruch, der besonders deutlich beim Reiben auf der Handfläche hervortritt, von zahl- reichen anderen Kopalen, die zum Teil geruchlos sind, zum Teil einen anderen Geruch besitzen. Löslichkeitsverhältnisse. Die einzelnen Harze und deren harzige Bestandteile bieten gegenüber den verschiedenen Lösungsmitteln: Alko- hol, Äther, Schwefelkohlenstoff, Terpentinöl, Kajeputöl, Benzol, Petrol- äther, Azeton, usw. ein verschiedenes Verhalten dar, wodurch viele Anhaltspunkte zur Charakterisierung und Unterscheidung der natürlichen Harze gewonnen werden. Bemerkenswert ist das Verhalten der Harze gegen wässerige Chlo- ralhydratlösungen, worüber in neuerer Zeit eingehende Untersuchungen angestellt wurden i). Die Harze sind entweder in dem genannten Mittel vollkommen löslich (z. B. Kolophonium und überhaupt alle rezenten Koni- ferenharze) oder quellen bloß auf (Dammar) oder bleiben unverändert (beste Kopalsorten und Bernstein). Sehr merkwürdig ist das Verhalten der Gummiharze dem Ghloralhydrat gegenüber. Während man bisher nur Mittel kannte, welche Harze lösen und Gummi ungelöst lassen oder die umgekehrte Wirkung hervorbringen, ist im Ghloralhydrat (60pro- zentige Lösung) ein Mittel gefunden, welches sowohl das Harz als das Gummi der Gummiharze in Lösung bringt. Die Schmelzpunkte sind für die Arten der Harze und manchmal sogar für die Sorten eines bestimmten Harzes charakteristisch. Die Siam- benzoe schmilzt schon bei 75" C, die härtesten Kopalsorten angeblich erst bei 360" C. (Vgl. unten: Schmelzpunkte der Kopale.) Trübungen der Harze haben ihren Grund im Auftreten kleiner kugeliger Hohlräumchen, welche entweder mit Flüssigkeiten (Wasser im sog. Wasserharz) oder, und dies ist der gewöhnliche Fall, mit Luft ge- füllt sind. i) R. Mauch, Über physikalisch-chemische Eigenschaften des Chloraihydrates. Inauguraldissertation. Straßburg 1898. 166 Zweiter Abschnitt. Harze. Organische Einschlüsse der Harze. Die Harze sind viel reicher an organischen Einschlüssen als gewöhnlich angenommen wird. Meist sind nämlich die in Harzen auftretenden organischen Gewebe erst durch das Mikroskop nachweisbar. Abgesehen von Rinden- und Holzstückchen der Stammpflanze, welche häufig in die Harzmasse hineingeraten, findet man in sehr vielen dieser Körper pflanzliche Gewebe eingeschlossen, welche entweder mit der Entstehung der Harze im Zusammenhange stehen, oder doch ständige Begleiter derselben sind. Die Kenntnis dieser organischen Reste in den Harzen ist oft von Wichtigkeit, nicht nur weil die im Harze liegenden mehr oder minder stark zerstörten Gewebe für die Aufstellung ihrer Charakteristik manchmal von Wert sind, sondern weil diese Einschlüsse dazu dienen können, die Abstammung und Ent- stehung der Harze ausfindig zu machen. Manche Harze, und zwar alle diejenigen, welche durch chemische Metamorphose aus ganzen Zellgeweben entstanden sind, führen noch Ge- websreste, z. B. Drachenblut, Xanthorrhoeaharze usw. Solche Harze sind desto wertvoller, je vollständiger die Harzmetamorphose um sich gegriffen hat, also je geringer die unverharzten oder unvollständig in Harz umgesetzten Gewebe sind. Das rote Xanthorrhoeaharz läßt stets noch makroskopisch zwischen den verharzten Massen unverharzte Ge- webe erkennen (Fig. 33). Auch solche organische Einschlüsse, welche nicht von den harz- bildenden Organen der Stammpflanzen herrühren, kommen in manchen Harzen vor, z. B. eingewanderte Pilze, Pilzsporen. So ist z. B. die zarte grüne Kruste, welche ältere Stücke von Gummigutt bedeckt, von zarten Pilzmyzelien durchzogen. Auch haften am Röhrengummigutt manchmal zarte Gewebsreste des Bambusrohres an, welche mit Pilz- myzelien, zumeist von Penicülium glaucum, durchsetzt sind. Verteilung des Harzes im Körper der harzliefernden Ge- wächse. Die Verteilung des Harzes im Körper der harzliefernden Ge- wächse ist selbstverständlich vom anatomischen Baue der letzteren ab- hängig und ist häufig äußerlich nicht festzustellen. Doch ergeben sich rücksichtlich der Nadelbäume einige zutreffende Regeln über die Ver- teilung des Harzes in den Organen dieser Gewächse, welche H. Mayr^) als »Gesetze der Harzverteilung« zusammengefaßt hat und die weiter unten bei Besprechung des Terpentins vorgeführt werden sollen, und es sei hier nur bemerkt, daß die größte Menge des Harzes der Nadelbäume in der Wurzel, die geringste im astlos gewordenen Stamme vorkommt. Entstehung der Harze in den Geweben der Pflanzen. Die \) H. Mayr, Das Harz der Nadelbäume. Berlin 1894. Zweiter Abschnitt. Harze. 167 wickelten und schwierigen Gegenstand, auf welchen hier nur insoweit eingegangen werden soll, als die Kenntnis der Genesis der Harze doch manches dazu beiträgt, die Natur dieser Körper verstehen zu lernen, u. a. einige Eigenschaften der Harze durch Beachtung mancher Momente ihrer Bildung in den PHanzengeweben begreiflich zu machen. Vor allem deutet die ungemein verschiedenartige und in den meisten Fällen sehr komplizierte Zusammensetzung der Harze darauf hin, daß ihre Entstehung im Innern der Pflanze nicht immer in der gleichen Weise erfolge. Die vorgefaßte Meinung, daß alle Harze in gleicher Weise entstehen, hat viel dazu beigetragen, die Entstehungsgeschichte dieser Körper zu verdunkeln. Die Frage, ob die Harzlüsungen die lebende oder überhaupt die wasserhaltige Membran der Pflanzengewebe durchdringen könne, hat, wie Tschirchi) sehr richtig bemerkt, die Forscher in zwei Lager ge- spalten. Die einen bejahten diese Frage und glaubten dadurch die An- schauung befestigen zu können, daß die Harze stets im Innern der Pflanzenzellen entstehen müßten, die anderen verneinten diese Frage und meinten, daß nur durch direkte chemische Metamorphose der Zellhäute in der Pflanze sich Harze zu bilden vermögen. Wie Tschirchi) sehr treffend sagt, liegt die Wahrheit in der Mitte. Es kann keinem Zweifel mehr unterliegen, daß die von Wigand, mir, Moeller u. a. aufgefundene Tatsache: Membranen von Pflanzengeweben können bei der Harzbildung vollkommen verschwinden, so daß keine Spur von Zellulose in dem neuen Produkt mehr vorhanden ist, mithin chemisch umgewandelte Haut- substanzen in die gebildete Harzmasse eingetreten sein müssen, ihre Richtigkeit hat. Man darf aber nicht glauben, daß die Bestandteile der Harze stets aus der Membran durch chemische Umgestaltung hervor- gehen 2). Durch die Untersuchungen von Tschirch, welcher nachwies, daß Harzlösungen die Membran nicht durchsetzen können, ist es sehr wahr- scheinlich geworden, daß die Entstehung des Harzes in einem Teil der Membran der Zellen stattfindet, welche einen schleimigen Charakter hat und den er mit dem Namen »resinogene Schichte bezeichnet. Wenn Gummiharze gebildet werden, so entsteht nicht nur das Harz, sondern auch das Gummi in dieser Schicht. Entsteht das Harz im Bereiche einer Zelle, so gehört die resinogene Schicht der Membran dieser Zelle 1) Tschirch, Die Harze und Harzbehälter. Leipzig 1900, p. 394. 2) Durch die Untersuchungen von Tschirch (Harze und Harzbehälter, Bd. H, 2. Aufl., 1906, I, p. 1187) ist nachgewiesen worden, daß in seltenen Fällen auch die Membran allein das ganze Material zur Harzbildung hergeben könne. Tschirch konstatiert einen solchen Fall bei der in den Fruchtträgern von Polyponis ofßcinahs vor sich gehenden Entstehung des Agaricusharzes. 168 Zweiter Abschnitt. Harze. an. Innerhalb dieser Zelle ist die resinogene Schicht vom Protoplasma getrennt. Erfolgt aber die Harzbildung in einem Harzkanal, so kleidet die resinogene Schicht diesen Harzkanal aus. So wie in den natürlichen Gummiarten Enzyme vorkommen, die höchstwahrscheinlich bei der Entstehung des Gummi beteiligt sind'), so wurden auch in zahlreichen Gummiharzen von mir 2) und später von Tschirch^) und anderen als Begleiter des Gummi Enzyme nachgewiesen. Einige dieser Enzyme verursachen die Blaufärbung zugesetzter Guajak- tinktur, gehören deshalb in die Kategorie der Oxydasen. Tschirch (1. c, p. 884) hat die Vermutung ausgesprochen, daß in manchen Fällen auch Harzbildung unter dem Einflüsse von Enzymen erfolgen könne. Das durch Verwundung oder künstliche Verletzung der Pflanze ent- stehende Harz bezeichne ich mit Moeller als pathologisches Harz. Jenes Harz, welches in normalen lebenden Geweben gebildet wird und unter normalen Verhältnissen an den Erzeugungsstätten verharrt oder doch nicht nach außen abgeschieden wird, bezeichne ich als physio- logisches Harz, z. B. das in Form von Körnchen in vielen Milchsäften auftretende Harz, oder jenes Harz, welches die Gefäße ausfüllt, um sie von der Saftleitung auszuschließen. Tschirch unterscheidet primären und sekundären Harzfluß^). Ersterer tritt dann ein, wenn nach Verwundung von Asten nur jenes Harz austritt, welches in den betreffenden Geweben bereits gebildet war. Durch solchen primären Harzfluß bildet sich nach Tschirch z. B. das Harz von Mastix und Sandarak. Der sekundäre Harzfluß tritt z. B. bei der gewöhnlichen Harzung der Koniferen auf, wenn also der Stamm in tiefgreifender Weise verletzt wird. Hier treten infolge der Verletzungen Veränderungen in der Gewebebildung ein, welche den starken Harzfluß zur Folge haben. Nach Tschirch wäre nur das bei sekundärem Harzfluß entstehende Harz als pathologisches Harz aufzufassen, während das beim primären Harzfluß entstehende als physiologisches zu betrachten sei. Da aber primärer und sekundärer Harzfluß nicht streng zu trennen sind, sondern durch Übergänge verbunden sind, so scheint es mir zweckmäßiger, alle durch Verletzung entstandenen Harzbildungen als pathologisch zu be- trachten. Es wird nämlich ebenso bei der Mastixbildung ein Teil des Harzes durch neuentstandene Gewebe abgeschieden, wie bei der Harzung 1) S. oben p. 85. 2) Über das Gummiforment. Sitzungsbericht der Wiener Akad. d. Wiss. Bd. 92 (1 885). Daselbst der Nachweis, daß in der Myrrhe und in der Asa foetida eine Gummase vorkommt. 3) Tschirch, Harze und Harzbehälter. 2. Aufl., Bd. I f1906;. 4) I. c, p. 7 und 1188. Zweiler Abschnitt. Harze. 169 der Nadelbäume doch auch ein Teil des schon im normalen Gewebe ent- standenen Harzes zur Ausscheidung kommt. Es sei hier noch die merkwürdige von J. Moeller entdeckte Tat- sache erwähnt, daß in manchen im speziellen Teile näher zu besprechen- den Fällen (z. B. bei der Entstehung des Storax) die Harzbildung erst durch Verletzung eingeleitet wird. Es gibt keine schlagenderen Fälle von pathologischer Harzbildung als diese. — Die Harze und Gummiharze entstehen im Innern bestimmter Pflan- zenorgane, entweder in ganz bestimmten Gewebsanteilen, oder in ver- schiedenen Geweben. So entsteht die Asa foetida, und wahrscheinlich Fig. 45. A Schizogener Milchkanal aus der Wurzel von Ferula tingitana. B Milchkanal aus Wurzel- stücken, die aus gewöhnlicher Asa foetida ausgelesen wurden, i sekretführender Interzellulargang, von Sezernierungszellen s umkleidet. (Nach Tschircb.) gilt ein Gleiches für alle anderen Gummiharze der Umbelliferen (Galba- num, Ammoniakgummi usw.), in Milchsaftgängen (Gummiharzsaftgängen), und es werden die in diesen Gängen sich ansammelnden chemischen Individuen, welche an der Zusammensetzung dieser Gummiharze Anteil nehmen (Gummi, Harze, ätherische Öle usw.), in den diese Gänge aus- kleidenden Zellen (Sekretionszellen) erzeugt (Fig. 45). Bei jenen Diptero- carpeen, welche den Gurjunbalsam liefern, entsteht der auf künstlichen Anschnitt ausfließende Harzsaft im normalen Holzgewebe, desgleichen bei Pimts- Arien und Larix. verschiedene, teils der Rinde, teils dem Holze angehörige Gewebe sind, welche an der Entstehung dieses Harzes Anteil nehmen. Den Pro- 1) Wies Mikroskopische Untersuchungen. Stuttgart 1872, p. 87 ff. 170 Zweiter Abschnitt. Harze. zeß der Entstehung der Benzoe hat später Tsehirchi) näher verfolgt, wobei im wesentlichen das gleiche Resultat gefunden wurde. — Wie wir gesehen haben, entsteht das Harz entweder in normalen Geweben oder in durch Verwundung hervorgerufenen pathologischen Geweben. Zu den schon vorgeführten Fällen von Harzbildung, welche von pathologischen Geweben ausgeht, sei hier das Überwallungsharz^j Fig. 46. Lysigene flarzhohlen aus der Rinde von Slyrax Benzoin nach Entfernung des Exlfretes durch Alkohol, m ßitidenstrahlen. r Phloemparenchym. 6 Bastzellen, s obliterierte Siebbündel. l Harzlücken. (Nach Tschirch.) der Koniferen genannt, welches von dem bei Stamm- oder Astüber- wallungen gebildeten Narbengewebe produziert und ausgeschieden wird und das sich, wie wir sehen werden, sowohl in chemischer als in phy- sikalischer Beziehung von dem gewöhnlichen Harz der betreffenden Bäume in der auffälligsten Weise unterscheidet. In der Regel entstehen die Harze im Innern der Pflanze in schizo- genen (Fig. 45) oder in lysigenen Interzellularen (Fig. 46). Die Storax- 1) Tschirch, Angewandte Pilanzenanatomie. Wien 18S9, I, p. 515—516. 2) Wiesner, Gummi und Harze, p, 1 U ff. Zweiter Abschnitt. Harze, 171 bildung hebt mit der Entstehung schizogener Interzellularen an, welcher alsbald lysigene nachfolgen. Diese interzellularen Bildungen (Harzgänge, Harzlücken) erscheinen im Gewebe entweder scharf begrenzt, wie jeder harzführende Markstrahl der Fichte oder der Kiefer lehrt, oder sie be- sitzen eine ganz unbestimmte Begrenzung (Fig. 46). Die flüssigen Harzmassen, welche sich im Innern der Pflanzenorgane bilden, treten unter natürlichen Verhältnissen gewöhnlich nur in kleinen Mengen nach außen. Verwundung bedingt stets einen reichlicheren Aus- tritt des Harzes und häufig auch eine stärkere Harzproduktion, worauf ja das in mannigfaltigster Weise betriebene »Harzen« beruht. Es wird vielfach angegeben, daß die in den Milchgängen enthaltenen Gummiharzsäfte durchweg im Innern der diese Gänge begrenzenden sezernierenden Zellen entstanden seien; aber es ist durch Tschirch gezeigt worden, daß auch hier die Bildung in der Zellmembran, und zwar in der resinogenen Schicht, vor sich geht. Viele Harze bilden sich aus Gewebemassen unter Ver- flüssigung von Zellhäuten, und zwar derart, daß nicht nur der Zell- inhalt, sondern auch die Zell- membranen dieser Gewebemassen an der Harzbildung Anteil nehmen. In manchen Fällen (Entstehung der Benzoe) werden hierbei die Mem- branen von außen nach innen auf- gelöst. In anderen Fällen (Entstehung des Kopaivabalsams) ist der Prozeß ein umgekehrter: es bleiben die äußersten Zellhautschichten (gemein- Natürliclie Grüße. Rotes Akaroid- harz au 8 Au 8 trali e n. a unterste, Oxalsäuren Kalk führende Gewebssehichten. b verharzte (rewebsschichten. c verharzte Gewehsslränge. d hijmogen erscheinendes Harz. schaftliche Außenhäute, die sog. Mittellamelle, manchem Botaniker noch immer als Interzellularsubstanz bezeichnet) verhältnismäßig lange intakt zurück, bis auch sie, gleich allen anderen Zellmembranschichten, der Harzmetamorphose verfallen. Vorwiegend parenchymatische, aber auch fibröse Elemente unter- liegen der Verharzung. Welche Gewebe und Gewebsanteile in den ein- zelnen Fällen sich chemisch in Harz umsetzen, soll im speziellen Teile, so weit wir darüber unterrichtet sind, mitgeteilt werden. Dort folgen auch nähere Details sowohl über Vorkommen als über Entstehung der Harze in den Geweben. Es sei hier nur noch bemerkt, daß in manchen Fällen schon der mit freiem Auge erkennbare morphologische Charakter des fertigen Harzes auf dessen Entstehung hinweist. Viele Stücke von rotem Xanthorrhoea- 172 Zweiter Abschnitt. Harze. harz zeigen schon makroskopisch das Entstehen desselben aus ganzen Gewebskomplexen durch chemische Metamorphose (s. Fig. 47). Genauer noch läßt sich diese Entstehung des roten Xanthorrhoeaharzes durch die mikroskopische Untersuchung erweisen. Man findet hierbei alle Über- gänge von unverharzten bis völlig verharzten Gewebsbestandteilen stets vor, welche lehren, daß dieses Harz durch chemische Metamorphose ganzer, und zwar verschiedener Gewebe entstanden ist. Die chemischen Vorgänge bei der Umwandlung der Gewebsbestand- teile in Harz sind noch unaufgeklärt, und namentlich ist es derzeit noch ganz unverständlich, wie Zellulose und Stärke in Harzbestandteile sich umwandeln. An der Tatsache selbst ist nicht zu zweifeln. Man darf sich aber nicht die Vorstellung bilden, daß die Zellulose der Zellwand, oder die Stärkesubstanzen (ot- und ß-Amylose usw.) der Stärkekürner unmittelbar in Harz übergehen. Vielmehr sind bei dieser Harzmeta- morphose Zwischenstufen anzunehmen. In dieser Beziehung ist es wohl bemerkenswert, daß von mehreren Forschern, unabhängig voneinander, das Auftreten von mehr oder minder großen GerbstofTmengen als Vor- stufe der Harzbildung in den Pflanzengeweben beobachtet wurden i). Es scheinen mithin Substanzen, welche die Reaktionen der Gerbstoffe zeigen, und die weder der Zellulose und der Stärke, noch den später gebildeten Harzen zukommen, wenigstens in manchen Fällen, die Zwischen- glieder darzustellen, durch welche die Kohlenhydrate mit den Harzen bei Entstehung der letzteren aus den ersteren in den Pflanzengeweben verbunden sind. Die Frage, ob die Harze stets aus Gerbstofl'en hervorgehen, ist von Tschirch auf das bestimmteste verneint worden2). Hingegen gibt es nach seiner Auffassung gewisse nie fehlende Bestandteile bestimmter Harze, welche in genetischer Beziehung zu Körpern der Gerbstoffgruppe stehen. Es sind dies die Resinotannole und deren Arten (von Tschirch Resene genannt), welche sich u. a. in der Summatrabenzoe, in der Siam- benzoe, im Perubalsam, im gelben und roten Akaroidharz finden. 1) Wiesner, Über Entstehung des Harzes in Pilanzenzellen. Sitzungsber. der kaiserl. Akad. d. Wissenschaften in Wien. Bd. LI (1865). Ich habe zuerst auf Grund von auf mikroskopisclien Untersucliungen beruhenden Beobachtungen den Gedanken ausgesprochen, es könnten die Gerbstoffe mit den Harzen genetisch verbunden sein, in dem Sinne, daß die Gerbstoffe eine Vorstufe der Harzbildung repräsentieren und es ist später von Hlasiwetz gezeigt worden, daß gewisse Bestandteile der Harze aus Körpern der Gerbstofl'gruppe hervorgehen. Über die Beziehung der Stärke zur Entstehung von Gerbstoffen und Harzen s. auch Heckel und Scblagdenliauffen, Compt. rend. CXIV (1892;. p. 1291. 2) 1. c, p. 375. Zweiter Abschnitt. Harze. 173 II. Chemisclie Charakteristik der Harze. Die Körper, die man nach allgemeiner Übereinkunft als Harze an- spricht, sind in der Regel sehr komplizierte Stoffgemenge. Die Ent- stehungsweise dieser Körper, welche früher schon vom pflanzenanato- mischen Standpunkte aus kurz geschildert wurde, läßt es auch nicht anders erwarten. Es verfallen oft ganze Pflanzengewebe durch regres- sive Metamorphose in harzige Massen. Bei der komplizierten chemischen Konstitution der Pflanzengewebe ist aber schon von vornherein klar, daß eben nicht alle diese, in chemischer Beziehung stets so verschie- denen Körper gerade sich in Harze umsetzen, sondern daß auch andere Substanzen, die in keinerlei Richtung mit den Harzen übereinstimmen, gleichzeitig gebildet werden und sich den Harzen einfach beimengen, und andererseits manche chemische Individuen der Pflanzengewebe in die Metamorphose gar nicht hineingezogen werden und gewissermaßen als Reste in dem zum größten Teile in Harz verwandelten Gewebe zurück- bleiben. Manche Harze sind nicht unmittelbare Erzeugnisse der Pflanzen- gewebe, sondern gehen aus flüssigen, von den Pflanzen ausgeschiedenen Stoffen, durch Verharzung an der Luft, hervor. Die Literatur der Harze ist reich an Angaben über wohlcharakteri- sierte Bestandteile, die aus den Harzen isoliert wurden, die sich aber zumeist nur in geringen Mengen in den genannten Sekreten vorfinden. Die Hauptmasse der Harze wurde gewöhnlich nicht in den Kreis che- mischer Untersuchung gezogen, sondern man begnügte sich, dieselbe durch sukzessive Anwendung verschiedener Lösungsmittel zu fraktionie- ren, und gelangte dadurch zu den sogenannten a-, ß-, -(--Harzen, die aber keine Individuen darstellten. Da es durch Anwendung von Lösungsmitteln nicht gelingen wollte, die Harze in chemische Individuen zu zerlegen, haben HIasiwetz und Barth einen neuen Weg eingeschlagen, um die chemisch verwandten Harze kennen zu lernen. Sie unterwarfen die natürlichen Harze einer gemeinsamen Zersetzungsoperation, nämlich einer Oxydation durch schmel- zendes Kalihydrat. Durch das Studium der erhaltenen Zersetzungspro- dukte gelang es den genannten Forschern in der Tat, für zahlreiche Harze eine Gemeinsamkeit der chemischen Charaktere ausfindig zu machen, welche bis dahin unbekannt geblieben war. Manche Harze leisten dieser Zersetzungsweise beträchtlichen Widerstand, z. B. die kolophoniumartigen, also Mastix, Sandarak, Olibanum, Dammar u. a. ; andere hingegen, wie die Gummiharze der Umbelliferen (Asa foetida, Galbanum, Ammoniak- gummi), die Zimtsäure und Benzoesäure führenden Harze (Xanthorrhoea- harze, Drachenblut), die Aloe und noch einige sind bei der trockenen 174 Zweiter Abschnitt. Harze. Destillation und gleichzeitigen Oxydation durch schmelzendes Kalihydrat leichter zersetzlich'- -). Protokatechusäure, Paraoxybenzoesäure, Phlorogluzin und Resorzin entstehen bei dem genannten Prozesse stets in so großen Quantitäten, daß die Annahme, man hätte es hier mit Zersetzungsprodukten wesent- licher Bestandteile der genannten Harze zu tun, gewiß Berechtigung hat. Es dürfte aber ferner auch erlaubt sein, in all jenen Harzen, welche gleiche Zersetzungsprodukte liefern, das Vorhandensein untereinander nahe verwandter Verbindungen zu vermuten. Es wurde nachgewiesen, daß in einigen Fällen diese Produkte aus anderen kristallisierten, nicht harzartigen Bestandteilen der Harze ent- stehen können, z. B. die Protokatechusäure aus der Ferulasäure (Asa foetida, Überwallungsharz der Schwarzföhre und Lärche), die Paraoxy- benzoesäure aus der Parakumarsäure (Akaroidharz, Überwallungsharz der Fichte). Durch die schönen und zahlreichen Untersuchungen von Tschirch^) und seinen Schülern, sowie durch die Arbeiten anderer Forscher, wie V. MlHer, Doebner, Lücker, Vesterberg, Mach, Lojander, Hen- riques, Herzig, Thoms, Fahrion, Bamberger, wurde die Zusammen- setzung vieler Harze in sehr befriedigender Weise aufgeklärt. Tschirch richtete bei seinen Untersuchungen das Hauptaugenmerk auf den eigentlichen Harzkörper, zog aber auch die Beisubstanzen in den Kreis der Untersuchung. Unter Reinharz wird der von letzteren isoherte Harzkörper verstanden. In den Harzen ist die Anwesenheit von flüssigen Estern seit längerer Zeit bekannt. So sind nach Miller die Hauptbestandteile des Storax zwei alkoholartige Körper, a- und [:i-Storesin C36H57O2 • OH, welche vor- wiegend als Zimtsäureester vorhanden sind. Tschirch hat nun nach- gewiesen, daß auch feste Ester in den Harzen enthalten sind. Die Verseifung der von den flüssigen Estern befreiten Harze geht sehr schwer vor sich und dauert oft mehrere Monate. Bei der Verseifung der Ester wird nun eine eigentümliche Gruppe von Alkoholen erhalten, die »Harzalkohole« genannt werden, und Säuren, welche fast immer der aromatischen Reihe angehören, von denen besonders die Benzoesäure und Zimtsäure, sowie deren Oxysäuren her- vorzuheben sind. 1) Hlasiwetz und Barth, Sitzungsbericht d. Wien. Akad. 51, 2 (1865), p. 160; ebenda ö3, 2 (-1866), p. 491 und 497. 2) Hlasiwetz und Barth, Liebigs Annalen 134 (186ö,\ p. 265; ebenda 138 (1866), p. 61; ebenda 139 (iSÖÖ), p. 99. 3) A. Tschirch, Die Harze und die Harzbehälter, ü. Aufl. Leipzig, Verlag Gebr. Bornträger. 1906. Zweiter Abschnitt. Harze. ]^75 Die Harzalkohole lassen sich wieder in zwei Gruppen einteilen, und zwar in solche, welche farblos sind, zum Teil gut kristallisieren, eine oder mehrere Hydroxylgruppen enthalten und keine Gerbstoffreaktion geben und den Namen Resinole führen, und in solche, welche gefärbt sind, kristalhsiert nicht erhalten werden können und ausgesprochenen Gerbstoffcharakter zeigen; diese nennt Tschirch Resinotannole oder Tannole. Letztere sind gerbstoffartige Harzalkohole, welche zumeist nur eine Hydroxylgruppe enthalten und finden sich in den Harzen teils frei, teils gebunden als Ester. Es ist hervorzuheben, daß eine größere Anzahl Resinotannole im Molekül sechs Kohlenstoffatome oder ein mehrfaches davon enthält oder durch Homologie sich von sechsgliederigen Kernen ableiten läßt. Bei den Harzestern, die Tschirch Resinotannolresine nennt, können die beiden bei der Verseifung erhaltenen Spaltlinge von sechsgliederigen Ringen abgeleitet werden ij. Sowohl die Resinole als die Resinotannole gehören der aromatischen Reihe an und besitzen den Charater von Phenolen. Von den erstgenannten Alkoholen sind zu erwähnen: Storesinol C,6H250-OH (Storax), Benzoresinol QeHgsO-OH (Benzoe), Pinoresinol Ci7H,202(OCH3)2(OH)2 (Überwallungsharz der Fichte und Schwarzföhre), Lariciresinol Ci7Hi2(OGH3)2(OH)4 (Überwallungsharz der Lärche). Von den Resinotannolen sollen zunächst nur das Sumaresinotannol CigHigOs -OH (Sumatrabenzoe), das Galbaresinotannol C]sH2902(OH) (Gal- banum), sowie das Pinoresinotannol C3oH3o06(OCH3)2 (Überwallungsharz der Fichte) erwähnt werden. Die Namen und Formeln der übrigen, von denen bereits eine größere Anzahl isoliert wurden, sind in der später folgenden tabellarischen Übersicht über die Zusammensetzung der Harze verzeichnet 2). Sämtliche Tannole geben bei der Einwirkung von Salpetersäure leicht Nitrokörper. So bildet sich aus den Tannolen der Xanthorrhoeaharze (Xanthoresinotannol C43H4^090H und Erythroresinotannol C4oOH3,j09 -OH) sehr glatt Pikrinsäure C6H2(N02'i30H, aus Ammoresinotannol C1SH29O2 • OH (im Aramoniacum) erhält man Styphninsäure (Trinitroresorzin) C6H(OH)2 (N02)3. Hingegen werden auch Resinotannole durch Salpetersäure nur oxydiert, so liefert z. B. das Galbaresinotannol hierbei Kampfersäure und Kamphoronsäure. Das leichte Entstehen von Pikrinsäure und Tri- nitroresorzin deutet noch darauf, daß die Resinotannole Phenolcharakter besitzen. Es ist übrigens auf einen Unterschied zwischen zwei Gruppen 1) A. Tschirch, Die Chemie und Biologie der pflanzlichen Sekrete, p. 37. (Leipzig, Akademische Verlagsgesellschaft, 1908.) 2) Siehe die Zusammenstellung der Tannole und Resinole in A. Tschirch, Die Harze und Harzbehälter, p. 1064, 1065, 1070, 1071. 176 Zweiter Abschnitt. Harze. von Tannolen hinzuweisen; so geben die Tannole der Benzharze bei der Behandlung mit Salpetersäure glatt Pikrinsäure, während bei den Tan- nolen der Umbelliferenharze die genannte Einwirkung schwieriger vor sich geht und andere Produkte geliefert werden. Die vorher angeführte Bildung von Kampfer und Kampforonsäure ist von Wichtigkeit, da durch selbe Beziehungen zu den Terpenen hergestellt werden. Die obengenannten Alkohole, welche sich in den Harzen teils frei, teils gebunden vorfinden, geben nach den Untersuchungen von Tschirch mit aromatischen Säuren harzartige Ester (bzw. Äther), die ihrem Ver- halten nach identisch mit den in den natürlichen Harzen vorkommen- den sind. Die Harzester wurden mit dem Gruppennamen Resine bezeichnet und führen die Ester der Resinole den Namen Resinolresine'), die der Tannole die Bezeichnung Tannolresine^). Das Harz der Sumatrabenzoe ist beispielsweise zum grüßten Teil aus den Zimtsäureestern des Resinotannols und Benzoresinols gebildet, das Harz der Siambenzoe setzt sich zusammen aus den Benzoesäure- estern des Siaresinotannols und Benzoresinols. Tschirchs Versuche haben also ergeben, daß die Hauptbestandteile vieler Harze Ester oder Äther von Harzalkoholen sind, und zwar sind die Resinolester das primär Gebildete; die in den Harzen vorkommenden freien Säuren und freien Alkohole der Resine jedoch muß man sich durch Spaltung aus den Estern entstanden denken. So ist es zu ver- stehen, daß manche Harze überhaupt frei von Estern sind und zum größten Teil nur aus freien Harzsäuren bestehen. Manche Harze enthalten also keine Ester, sondern sind zum grüßten Teil aus freien Harzsäuren oder Resinosäuren^-"*) zusammengesetzt, es sind dies Substanzen, die zuweilen die Hydroxyl- und Karboxylgruppe (Oxysäuren), zumeist aber nur letztere, enthalten. Die Glieder dieser Reihe sind vielfach kristallisiert erhalten worden. Im nachfolgenden seien einige dieser Harzsäuren angeführt: Abietinsäure C20H30O2 (Kolo- phonium), Dextro- und Lävopimarsäure C20H30O.2 (Galipot), Sandarakol- säure C44H64O4 • OH • GOOH und Kallitrolsäure Cß2H7907 ■ OH (Sandarak), Trachylolsäure und Isotrachylolsäure C54H8503(OH)(COOH)2 (Sansibarkopal), Dammarolsäure C54H7703(OH)iCOOH)2 (Dammar). -1) Resinolresine = Resinolester. 2) Tannolresine = Tannolester. 3) Tschirch, 1. c, p. 4073 — 1075. Die Zahl der Resinosäuren übersteigt bereits die Zahl 100, es dürften übrigens viele derselben miteinander identisch sein. 4) Guajakharzsäure CjgHiglOCHsJolOHjo sowie Guajakonsäure (Guajakharz) ge- hören nach den Unlersuchungen von Do ebner und Lücker nicht zu den Harz- säuren. Zweiter Abschnitt. Harze. 277 Salpetersäure wirkt auf einige Harzsäuren nitrierend und oxydierend ein. so bildet sich aus der Sandarakolsäure und Trachylolsäure Pikrin- säure und Oxalsäure, während Kolophonium i) (enthaltend Abietinsäure) nur oxydiert wird unter Entstehung von Isophtalsäure G6H4(COOH)2, 1 : 3, Trimelithsäure C6H3(COOH)3, 1:2:4, und Terebinsäure {CH3)oG-GH(COOH)-CH2 I ' I • CO Abietinsäure 2) liefert mit Kaliumpermanganat, in alkalischer Lösung oxy- diert, einen Körper von der Zusammensetzung CioHjgOg. Einige Harze enthalten nun indifferente sauerstoffarme farblose Sub- stanzen, die sehr resistent sind und in keine der bis jetzt bekannten Körperklassen eingereiht werden können, die aber doch auch der aroma- tischen Reihe angehören dürften. Tschirch nennt diese Körper, welche noch wenig studiert sind, Resene. Es seien einige davon angeführt: a-Dammaroresen C22H34O.2 und ß-Dammaroresen C31H52O (Dammarj, a-Kopalresen C41H6SO4, j3-Kopal- resen G25H38O4 (Kopal), Drakoalban C20H40O4 und Drakoresen G26H44O2 {Palmendrachenblut) ^j. Die Resene sind bis jetzt nicht kristallisiert erhalten worden, so daß die aufgestellten Formeln nur informativen Gharakter besitzen. Da diese Substanzen der Einwirkung von Reagentien so großen Widerstand entgegensetzen, ist ihr Studium sehr erschwert. Es konnte weder ein Hydroxyl, noch eine Karboxylgruppe nachgewiesen werden, auch Aldehyd und Ketonsauerstoff ist nicht vorhanden. Tschirch stellt diese Körper zu den Oxyterpenen oder Oxypolyterpenen. Die große Resistenz gegen chemische Einwirkungen macht die Resene zu für die Praxis wertvollen Harzbestandteilen. Die bis jetzt besprochenen Substanzen: Resine, Resinole, Resinotannole, Resinosäuren und Resene bilden den eigent- lichen Harzkörper 1). Die genannten Körper sind in den Harzen nicht zusammen vor- handen, sondern es überwiegt der eine oder der andere und manche können ganz fehlen. Zu den Beisubstanzen, welche dem Reinharz beigemengt sind, gehören das Gummi, Enzyme, ätherische Öle, aromatische Säuren, wie z. B. Benzoesäure und Zimtsäure, Alkohole, Aldehyde, flüssige Ester, die ■1) Schreder, Liebigs Annalen 172 (■1874), p. 93. 2) Mach, Monatshefte für Chemie 15 (1894), p. 627. 3) Tschirch, 1. c, p. -1080. 4) Ebenda p. 1081. Wiesner, KohstoiTe. I. Baud. 3. Aufl. 12 178 Zweiter Abschnitt. Harze. nicht den Charakter von Harzestern besitzen. Gerade diese Substanzen, welche nicht zum eigentlichen Harzkürper gehören, sind es, die den Harzen oftmals ihren therapeutischen Wert geben '). Die Koniferenharze sind zumeist gummifrei, während die Umbelli- ferenharze und das Gummigutt sehr gummireich sind. Es ist besonders hervorzuheben, daß das in Harzkörpern vorkom- mende Gummi stets Enzyme enthält. Tschirch konstatiert, daß ihm kein Gummi bekannt geworden ist, das enzymfrei wäre 2). In vielen Harzen kommen auch Bitterstoffe vor, so ist z. B. in der Myrrhe sowie in einigen Koniferenharzen soviel von diesen Sub- stanzen vorhanden, daß diese Rohstoffe stark bitteren Geschmack zeigen. Auch Riechkörper und Farbstoffe finden sich unter den Beisub- stanzen, Einteilung der Harze; Die Entwicklung der Harzchemie ermöglicht es, eine Einteilung dieser Rohstoffe nach chemischen Bestandteilen zu geben. Nach K. Dieterich^] unterscheidet man: 1. »Harze, welche Ester der aromatischen Reihe sind und entweder freie Säure enthalten oder nicht, z. B. Benzoe, Drachenblut, Akaroid- harz usw. 2. Harze, welche Ester besonderer Harzsäuren sind und außerdem freie Harzsäuren enthalten oder nicht, z. B. Terpentin, Mastix, Succinit, Elemi usw. 3. Harze, welche keine Ester sind, sondern nur freie Harzsäuren event. neben indifferenten Bestandteilen enthalten, z. B. Kolophonium, Kopal, Guajak, Sandarak, Dammar usw.« Tschirch^) hat nachfolgende chemische Einteilung vorgeschlagen und in seinem großen Werke über die Harze und die Harzbehälter durchgeführt: A. Resinotannol- oder Tannolharze, Resinharze, enthalten Resinotannolester (Tannolresine). B. Resenharze, enthalten Resene als charakteristische Be- standteile. G. Resinosäureharze, enthalten keine Ester, sondern vorwiegend Harzsäuren. D. Resinolharze, enthalten vorwiegend Resinole. 4) Tschircli, 1. c, p. 32. 2) Tschirch, Die Chemie und Biologie der pflanzliclion Sekrete, p. 86 (Leipzig, Akademische Verlagsgesellschaft, 1908,'. 3) K. Dieterich, »Analyse der Harze, Balsame und Gummiharze nebst ihrer Chemie und Pharmakognosie«, p. 7 (Julius Springer, Berlin 190 0). 4) Tschirch, 1. c, p. 28. Zweiter Abschnitt. Harze. 170 E. Aliphatoresinei), aliphatische (oder Fett-jHarze, enthalten vorwiegend aliphatische Substanzen. F. Ghromoresine (oder Farbharze). Harze, deren Reinharz ge- färbt ist, G. Enzym oresine, Harze, deren Harzkürper von einer Gummase (Laccase) begleitet wird. H. Glukoresine, Harze, die Zuckerester oder Zuckeräther ent- halten. I. Laktoresine, Milchsäfte in Milchrühren enthaltend. Bildung der Harze. Was nun die Entstehung der Harze, vom chemischen Standpunkt betrachtet, anlangt, so sei zunächst der Arbeiten von Hlasiwetz gedacht, welchem Forscher es zuerst gelungen ist, den wichtigen Nachweis zu liefern, daß wenigstens für einige Harze ein genetischer Zusammenhang zwischen ihren harzigen Bestandteilen und Gliedern der aromatischen Reihen besteht. Es gelang diesem ausge- zeichneten Forscher, auf synthetischem Wege aus Bittermandelöl ein Harz darzustellen, welches in seiner empirischen Formel mit dem Benzoe- harz übereinstimmt und, mit schmelzendem Kali behandelt, dieselben Zersetzungsprodukte liefert, welche auch bei der gleichen Behandlung aus diesem entstehen. Durch diese und ähnliche Auffindungen wurde durch Hlasiwetz wahrscheinlich gemacht, daß manche Harze in den Pflanzen aus ätherischen Ölen hervorgehen. Aus Barths, von Hlasiwetz angeregten Untersuchungen folgt, daß aus Terpenen CioH,6, z. B. Ter- pentinöl, Lavendelöl, Wacholderül, durch Oxydation harzartige, mit den kolophoniumartigen Harzen zum Teil übereinstimmende Harze entstehen können, und es ist hierdurch vom chemischen Standpunkt aus wahr- scheinlich geworden, daß die sog. Terpenharze (Mastix, Sandarak, Ter- pentinharz, die Elemiharze) auch in der Pflanze aus ätherischen Ölen (Terpenen) hervorgehen. Aber wenn auch diese Entstehungsweise der Harze für den Organismus der Pflanze bewiesen wäre, so hätte man in der Entstehungsgeschichte dieser Körper doch erst den ersten Schritt gemacht, da über die Genesis der Terpene in der Pflanze noch gar nichts Bestimmtes vom chemischen Standpunkt aus gesagt werden kann. Die Auffindungen der Pflanzenphysiologen, daß in gewissen Geweben die anfänglich aus Zellulose bestehende Wand sich in Harz verwandelt i) Die aus dem Ester des Guaimilacks durcli Verseifung gewonnene Aleuritin- säure, C12H25O2 . COOH, ist eine Fettsäure. In allen bis jetzt vonTschirch und seinen Schülern untersuchten Harzen, mit Ausnahme des Bernsteins und Slocklacks, sind nur Säuren der aromatischen Reihe als harzesterbildend beobachtet worden; es darf daher der Stocklack nicht mehr zu den eigentlichen Harzen gezählt werden. Tschirch und Farncr (Archiv d. Pharm. 237 (1899), p. 43) nennen denselben ein Fettharz. 180 Zweiter Abschnitt. Harze. (Karsten, Wigand), und daß sich auch Stärkekörnchen in harzige Massen umsetzen (Wiesner), konnten bis jetzt mit den auf die Ent- stehung der Harze abzielenden Beobachtungen der Chemiker noch nicht in Einklang gebracht werden. Ein die Harze und Terpene verbindendes Glied könnte in der durcli Wallach gefundenen Umwandlung des Pinens CjoHig, eines wesentlichen Bestandteils des Terpentinöls, in das Pinol CjoHieO erblickt werden, da letzteres bei der Behandlung mit Salpetersäure Terebinsäure liefert, eine Substanz, welche sich auch in den Oxydationsprodukten von Pimarsäure und Abietinsäure vorfindet. CH CH CH HoC HC I CHo-C-CH, ",CH2 HjC- I ^CHo H2C C H3 — C — CH3 CH HC\ CH CO' CH3- 0^ ^COOH -C-CHo CH3 Pinen CjoHje CH3 Pinol CioHißO Terebinsäure C7H10O4 Es wurde bereits früher erwähnt, daß das Galbaresinolannol (Gal- banum) mit Salpetersäure Kampfersäure und Kampforonsäure hefert. penen und Resinotannolen. CH CH HOOC COOH HaC^ I CH.-G-CHo HoC^ y:ooh h .. CH3-C-CH, COOH HoC^ C C I I CH, CH3 Kampforonsäure C0HJ4O6 Kampfersäure CiQni604 CHo-C-CH, /COOH HC\ C I CH3 Pinen C^qE^ ,CH. CH Zweiter Abschnitt. Harze. \Q\ Nachdem die Harze in so nahen Beziehungen zu den .ätherischen Ölen zu stehen scheinen, wurden letztere auch auf einen Gehalt an Ester geprüft. Da die ätherischen Öle durch Destillation der Pflanzen- teile mit Wasserdampf gewonnen werden, so tritt fast immer Ver- seifung der Ester ein und man hat dann in den Ölen die Alkohole und in dem übergehenden Wasser die flüchtigen Säuren zu suchen. In den ätherischen Ölen wurde bereits eine große Anzahl von Alko- holen aufgefunden, z. B. Borneol, Menthol, Geraniol usw., im Destillate Säuren, wie Ameisensäure, Essigsäure, Buttersäure, Baldriansäure, nach- gewiesen. In Schimmels Jahresbericht vom Jahre 1893 findet sich die An- gabe, daß es den Chemikern seiner Fabrik gelungen sei, nachzuweisen, daß Ester von Alkoholen, wie Ci^His,0 und CigllooO, Hauptbestandteile vieler ätherischer Öle sind. Die Anwesenheit von Estern in den Pflanzen, bzw. Ölen und Harzen ist übrigens schon lange bekannt, so findet sich z. B. der Salizylsäure- methylester im Wintergrünül und .der Zimtsäurezimtester (Styrazin) im Storax. Die Hauptbestandteile vieler ätherischer Öle sind also analog der Zusammensetzung der Harze, Ester, bzw. Äther von Ölalkoholen (Oleolen) und ist aus den nahen Beziehungen, die zwischen den Harzen und ätherischen Ölen bestehen, die Möglichkeit der Entstehung der ersteren aus den letzteren gegeben. Besonders leicht verharzen terpenhaltige ätherische Öle, da sie sehr leicht den Sauerstoff der Luft absorbieren. Viele Harze sind Produkte langsamer Oxydationsprozesse, denen in manchen Fällen eine Verdichtung einfacherer Verbindungen zu höheren Polymeren vorangeht; so bilden sich Harze aus den Terpenen von der Formel GioHig. Es ist nun eine charakteristische Eigenschaft der Ter- pcne die Leichtigkeit, mit der sie sich polymerisieren; so verdichten sich z. B. das zu den Hemiterpenen gehörende Isopren CsHg, (GH2=C(CH3) — CH=GH.2), das sich in den Destillationsprodukten des Kautschuks findet, sowie die eigentlichen Terpene bei höheren Temperaturen zu Verbindungen der Zusammensetzung C]5H24, C20H32, C3oH4g, die sich auch in ätherischen Ölen und Harzen vorfinden. Die Polyterpene sind zurzeit noch wenig erforscht. Am häufigsten von allen Polyterpenen kommen in den ätherischen Ölen die Sesquiterpene CJ5H24 vor, welche dicke, leicht verharzende, zwischen 250 — 280° siedende Flüssigkeiten darstellen. Eines der bekanntesten ist das Kadineni), das auch im Gal- banumöl, Olibanumöl und im Asa foetida-Öl gefunden wurde und eine besonders große Neigung zum Verharzen hat. 1) S emmier, Die ätherischen Öle, p. ö5ä. 182 Zweiter Abschnitt. Harze. Es sei hier der Metakopaivasäure *) gedacht, welche nach den Untersuchungen von Mach 2) die Formel eines Sesquiterpenalkohols G15H23OH besitzt und das Anfangsglied der Cholestearinreihe^) sein dürfte. Mach nennt die Substanz — welcher Brix^) früher die Formel G2oH2g(OH]2 zugeschrieben hat — wegen ihrer großen Ähnlichkeit mit Liebermanns^) Gholestol — Metacholestol. Die höher molekularen Polyterpene sind noch weniger charakterisiert, als die Sesquiterpene. Sie entstehen beim Behandeln der ätherischen Öle mit starken Säuren oder bei starker Erhitzung der Terpene und stellen entweder klebrige Öle oder harzartige Massen dar. Es scheint, daß mit Zunahme des Molekulargewichtes die Terpene mehr und mehr harzartigen Charakter annehmen; so sind die Tetraterpene C4oHf;4 schon durchsichtige, amorphe Massen von muscheligem Bruch. Zu den Triterpenen C30H4S gehören einige sehr gut charakterisierte Verbindungen, welche sich im Elemiharz finden. Nach den Unter- suchungen von Vesterbergßj ist das aus dem Elemiharz gewonnene Amyrin C3oH490n ein Gemenge zweier isomerer Triterpenalkohole, welche die Bezeichnung 7.- und ,3 -Amyrin führen. Durch Behandlung der letzteren mit Phosphorpentachlorid konnten Terpene das a-Amyrilen G3„H4s sowie die entsprechende [d-Verbindung erhalten werden. Tschirch'') ist der Ansicht, daß die Resinosäuren der Resinosäure- harze (Terpenharze) ihre Entstehung nicht dem ätherischen Öle ver- danken, sondern daß sie als Derivate eines hydrierten Retens anzu- sehen sind. Das Reten GisHis ist ein homologes Phenanthren (1 -Methyl- 7-iso- proptylphenanthren) GH3(1)G,;H3 G6H3(7)C3H; ^GH=GH^ i) Die Mctakopaivasäure wird aus den abgepreßten Rückständen einer Sorte von Gurjunbalsam (von einer Diptcrocarpus-Art, s. unten bei Gurjun) durch Beliandeln mit verschiedenen Lösungsmitteln und Umkristallisieren gewonnen. 2) Mach, Monatshefte f. Chemie 15 (1894), p. 643. 3) Formel des Cholestearins (C,7H450H): /CHo-CHoCHiCHs^o CH2 Ci7Hop,\ , I i ' \CH I l li CII(OH)— CHo GH., 4) Brix, Monatshefte f. Chemie 2 (1881), p. 016. 5) Liebermann, Berliner Berichte 17 (1884), p. 871; 18 (1885), p. 1803. 6) Vesterberg, Berliner Berichte 20 (1887), p. 1242. 7) Tschirch, 1. c, p. 1081. Zweiter Abschnitt. Harze. ]^33 und wurde von Tschirch und K oritschoneri) bei der trockenen Destillation von Koniferenharzsäuren z. B. der des österreichischen Ter- pentins von Pinus Laricio erhalten. Auch durch Destillation der Abietin- säure2), von Abietin^), HarzüH) und Kolophonium s) kann diese Substanz gewonnen werden. Vesterberg isolierte das Reten aus den Produkten der trockenen Destillation der Abielinsäure mit Schwefel. Die genannten Arbeiten gaben Tschir.ch die Anregung zur Aufstellung einer Konstitutionsformel für die Abietinsäure und diese Verbindung ist vielleicht als eine Deka- hydroretenkarbonsäure aufzufassen. Die Entstehung der Resene bei den Koniferenharzen scheint durch Autoxydationsprozesse beeinflußt zu sein. Eingehend studiert ist die Verharzung der Koniferenüle. Läßt man Pinen längere Zeit an der Luft stehen, so nimmt es Sauerstoff der Luft unter Bildung von superoxyd- artiger Substanz auf, die ihren Sauerstoff an andere Verbindungen leicht abgeben kann, also oxydierend wirkt^' "). Die Untersuchungen von Tschirch und Brüning^) haben es wahr- scheinlich gemacht, daß bei der Oxydation des Terpentinöls an der Luft sich vorwiegend ein resenartiger Körper bildet und nur in geringer Aus- beule eine Resinosäure. Die Resene dürften in naher Beziehung zu den Terpenen stehen und Tschirch spricht erstere als Oxypolyterpene an"). Es wurde bereits früher der Hlasiwetz-Barthschen Arbeiten, der Umwandlung von Terpenen in harzartige Körper Erwähnung getan. Harzbildung tritt ferner ein bei Einwirkung von alkoholischer Kali- lauge auf Aldehyde, wie Azetaldehyd und Akrylaldehyd (Akrolein) ein. Das aus Azetaldehyd gewonnene sogenannte Aldehydharz stellt eine braune, an Kolophonium erinnernde amorphe Masse dar, deren Um- wandlungsprodukte von Ciamicianio) eingehend studiert wurden. Letz- tere sind ausschließlich aromatische Verbindungen, welche zueinander 1) Tschirch und Koritschoner, Archiv der Phacm. 240 (l 902), p. 57 1 ; aucii in Grundhnien einer physiologischen Chemie der pflanzlichen Sekrete. Archiv d. Pharm. 245 (4 907), p. 382. 2) Vesterberg, Berliner Berichte 36 (1903), p. 4200. 3) Easterfield und Bagley, Transakt. ehem. Soc. 85 (1904), p. -1247. 4) Schultze, Liebigs Annalen 359 (1908), p. 138. 5) Tschirch und Koritschoner, 1. c, p. 371. 6) Engler, Berliner Berichte, 30 (1897), p. 1669; 31 (1898), p. 3046; 33 (1900), p. 1090; 34 (1901), p. 2933. C. Engler und J. Weißberg, Kritische Studien über die Vorgänge der Autoxydation, p. 72 (Vieweg und Sohn, Braunschweig 1904). 7) Abderhalden, Biochemisches Handlexikon. Bd. VH, I.Hälfte, p. 312. 8) Archiv d. Pharm. 238 (1900), p. 64 3. 9) Tschirch, Grundlinien einer pliysiologischen Chemie der pflanzhclien Sekrete. Archiv d. Pharm. 245 (1907), p. 386. 10) Ciamician, Monatshefte für Chemie 1 (1880), p. 193. 134 Zweiter Abschnitt. Harze. in nahen Beziehungen stehen. Man darf wohl annehmen, daß dem Al- dehydharz ein KohlenstofTskelelt ähnlich den aromatischen Körpern zu- grunde liegt. Die ehen erwähnten Zersetzungsprodukte sind außerdem ähnlich jenen, welche die natürlichen Harze liefern, namentlich scheinen die Terpenharze mit dem Aldehydharz manches gemeinsam zu hahen, so z. B. die große Widerstandsfähigkeit gegen schmelzendes Kali. Der Benzaldehyd gibt ein dem Benzoeharz in Zusammensetzung und Verhalten sehr ähnliches Harz, ebenso läßt sich aus dem Eugenol durch Behandeln mit Jodwasserstoffsäure oder Phosphorpentoxyd ein harzartiger Körper gewinnen ; auch der Kampfer läßt sich leicht verharzen. J. Meyer 1) erhielt durch Destillation der Dimethyl-a-Resorzylsäure C6H3(OCH3)2COOH nicht unbedeutende Mengen einer stark fluoreszierenden harzartigen Substanz, welche ähnliche Eigenschaften zeigt wie die von Barth und WeidePi durch Einwirkung von Salzsäure auf Resorzin erhaltenen zwei dichroitischen Harze, welche kurz Resorzinharze heißen. Viele Reaktionen z. B. Nitrierungen, Oxydationen liefern als Neben- produkte harzartige, dem Chemiker zumeist sehr unerwünschte Sub- stanzen, welche als »Harzschmieren« bezeichnet werden und ihre Ent- stehung Polymerisationsvorgängen verdanken dürften. Kronstein^) hat nachgewiesen, daß gut charakterisierte aromatische Substanzen wie z. B. Ester, Polymerisationsprodukte liefern können, welche ganz die Eigenschaften von Harzen besitzen. Tschirch*] ist der Ansicht, daß sich in den Harzen neben den kristaUinischen einfachen Körpern, welche gewöhnlich kein großes Molekül zeigen, auch deren amorphe Polymere befinden, oder erst bei der chemischen Operation gebildet werden. Es ist also die Möglichkeit nicht abzuweisen, daß es auch Poly retine gibt, ebenso wie Poly- peptine und Polysaccharide existieren. Auch bei der Polymerisation von Formaldehyd können harzartige Substanzen, die sogenannten Formaldehydharze, gewonnen werden. Letzt- genannte Harze haben heute bereits als Kopalersalz ein technisches Interesse und kommen unter dem Namen Bakelit^) in den Handel. Es wurden auch Versuche angestellt einen Harzkörper aus seinen Komponenten wieder aufzubauen, Tschirch und Lüdy^j konnten aus den 1) J. Meyer, Monatshefte für Chemie 8 (1887), p. 437. 2) Barth und Weidel, Berliner Berichte 10 (1877), p. 1464. 3) Kronstein, Berliner Bericlite 35 (1902), p. 4150. 4) Tschirch, 1. c, p. 74. 5) H. Backeland, Phenol-Formaldehyd-Kondensationsprodukte, Cöthener Che- miker-Zeitung 36 (1912), p. 1245; II. Leb ach, Bakelit und seine Verwendung 37 (1913), p. 750. 6) Tschirch und Lüdy, Archiv d. Pharm. 231 (1893), p. 43, 500. Zweiter Abschnitt. Harze. 185 Spaltungen des Zimtsäurebenzoresinolesters CfiH5CH=CH — COOC, (-,11250 (Sumatrabenzoe) Benzoresinol und Zimtsäure durch Einleiten von Salz- säuregas in deren ätherische Lösung einen Harzester der Benzoe-Reihe von ganz typischem Harzcharakter gewinnen. Was nun die Bildung der Harze im Pflanzenkörper betrifft, so hat man sich intensiv mit der Frage beschäftigt, welche Bestandteile des letzteren die Bildung der Harze und ätherischen Öle bewirken. So wurden die Stärke, die Zellulose, die Gerbstoffe, das Phlorogluzin, Chlorophyll als Ausgarigsmaterialien zur Entstehung von Harzen und ätherischen Ölen angesehen. Um nun dieser Frage näher treten zu können ist es vor allem nötig, den Chemismus der Substanzen, aus welchen die Harze entstehen können, zu erforschen, als auch den der Harze selbst. Die chemische Erforschung der Gerbstoffe'- ^j hat bedeutende Fort- schritte gemacht, allein trotz allem ist man heute noch nicht in der Lage, Abschließendes über deren chemische Beschaffenheit als auch über die PxoUe, welche sie in der Pflanze spielen, zu sagen. Unter dem Namen »Gerbstoff« sind mindestens vier Gruppen von Substanzen subsummiert. Kunz-Krause^] hat nachfolgendes System der Tannoide auf- gestellt: I. Nichtglykosidische Verbindungen. i. Tannogene: a) Dioxysäuren. b) Trioxysäuren. 2. Tannoide: a) Protokatechutannoide. b) Gallotannoide. n. Glykosidische Verbindungen. 3. Glukotannoide: a) Protokatechuglukotannoide. b) Gallotannoide. 4. Phloroglukotannoide: a] Protokatechu-Phloroglukotannoide. b) Gallo-Phloroglukotannoide. Ähnliche Verhältnisse sind bei den Harzen vorhanden. Aus den um- fassenden Arbeiten von Tschirch geht hervor, daß sich unter dem Begriffe 1) F. Czapek, Biocliemie der Pflanzen, II. Bd., p. 569 (Verlag G. Fischer, Jena 1905). 2) Abderhalden, Biochemisches Handlexikon, VH, Bd. I, \. Hälfte. Artikel 1 Gerbstoffe«, bearbeitet von M. Nierenstein. 3) Kunz-Krause, Über ein natürliches System der Tannoide. Verhandlungen der scliweiz. Naturforscher-Ges. in Bern tS98. 186 Zweiter Abschnitt. Harze. »Harz« nicht eine, sondern viele Klassen von Körpern verstehen, ja daß man es hier mit drei offenbar grundverschiedenen Reihen zu tun hat^). Auf die engen Beziehungen zwischen Gerbstoffen und Harzen hat zuerst Wiesner (1865) auf Grund mikroskopischer Untersuchungen auf- merksam gemacht, wofür bald darauf von Hlasiwetz chemische Belege erbracht wurden. Die Entdeckung der Gruppe der Resinotannole in den Benzoeharzen sowie in den Sekreten der Umbelliferen ist ein experimenteller Beweis für die Beziehungen zwischen Harzen und Gerbstoffen. Die Tannole zeigen einerseits alle Reaktionen eines Tannoids und liefern Gerbstoff- reaktion und einige derselben gehören zur Gruppe der nicht glyko- sidischen Protokatechutannoide, andererseits haben sie ausgesprochenen Charakter von aromatischen Phenolen, und der Wasserstoff des Hydroxyls läßt sich leicht durch Alkyle und Säurereste ersetzen, w^odurch dann allerdings ihre Gerbstoffnatur verloren geht, sozusagen maskiert ist. Es sei noch besonders hervorgehoben, daß bei den Tannolharzen das Rein- harz als wichtigsten Bestandteil einen Ester enthält, dessen einer Spalt- ung das früher erwähnte Resinotannol ist. Heckel und Schlagdenhauffen'-) machten die Beobachtung, daß einzelne Arten von Gardenia und Spermolepis giwimifera Harze aus- scheiden, welche zu den Tanninsubstanzen in engen Beziehungen stehen. Wenn es der chemischen Forschung gelungen sein wird, die Kon- stitution der letztgenannten Substanzen in befriedigender Weise aufzu- klären, so werden die darauf bezüglichen Arbeiten sich gewiß äußerst befruchtend für das Studium der Bildung der Harze aus den Gerbstoffen erweisen. Bei der Entstehung der Gerbstoffe sind z. B. Oxysäuren der Benzol- und Styrolreihe beteiligt, also Substanzen, welche man so oft in den Harzen entweder frei oder als Spaltungsprodukte vorfindet^). Zersetzung der Harze. Bei Körpern von so komplizierter Natur, wie es die Harze sind, kann man gewöhnlich nur durch energisches Eingreifen Zerselzungsprodukte erhalten, welche chemisch gut charak- terisiert sind. Kalischmelze. Es wurde bereits eingangs erwähnt, daß es Hlasiwetz und Barth gelungen ist, aus vielen Harzen durch Ver- schmelzen mit Ätzkali oder Ätznatron zu wohlcharakterisierten Ver- bindungen zu £:elan2;en. Letztere finden sich in der nachfolgenden 1) Tschirch, 1. c, p. 1144. 2) Heckel und Schlagdenh auffen, Chemisclies Zentralblatt 1 892, U, p. 530, auch Compt. rend. 114 (1892), p. 1291. 3) Kunz-Krause, Klassifikation der Gerbstoffe. Chemisclies Zentralblatt 1 8t 8, H, p. 1043. Zweiler Absclinitt. Harze. 187 tabellarischen Übersicht über die Zusammensetzung der Harze ver- zeichnet. Da nun die Harze sehr kompliziert zusammengesetzte Gemische sind, ist es nicht angezeigt, das Rohharz in der Gänze der Kalischmelze zu unterwerfen, da man nicht immer unterscheiden kann, von welcher Harzkomponente das erhaltene Produkt herrührt. Durch eingehende Untersuchungen von Tschirch und seinen Schülern sowie die Arbeiten anderer Forscher wurde es möglich, die Ergebnisse der H las i wetz sehen Kalischmelzen zu interpretieren und zu ermitteln, welche Substanzen auf Rechnung der Harzester bildenden Säuren, und welche auf die der Tannole zu setzen sind '). Es konnte nachgewiesen werden, daß die Produkte der Kalischmelze der ganzen Harze zumeist Umsetzungsprodukte der Harzester bildenden Säuren sind. Zinkstaubdestillation und andere Reduktionsmittel. Nach- dem der Zinkstaub, namentlich bei höherer Temperatur, ein ausgezeich- netes Reduktionsmittel ist, wandten Giamician^) und Bötsch^) die von A. Baeyer^) angegebene Destillation der mit Zinkstaub vermischten organischen Substanz an, um den Sauerstoff den aromatischen Körpern, aus denen die Harze vorwiegend bestehen, zu entziehen und dadurch zu den ihnen zugrunde liegenden Kohlenwasserstoffen zu gelangen. Aus den Versuchen von Ciamician geht z. B. hervor, daß die Reduktionsprodukte des Ammoniakgummiharzes sehr verschieden sind von jenen, welche aus den sogenannten Terpenharzen entstehen. Das Rohdestillat besteht beim Ammoniacum zum größten Teile aus einem hochmolekularen Kohlenwasserstoff der Benzolreihe, während die hoch- siedenden Fraktionen des Zinkstaubdestillates der Abietinsäure und des Elemiharzes Kohlenwasserstoffe der Naphtaiinreihe (Naphtalin, Methyl- und Äthylnaphtalin) enthalten. Es erscheint daher als ein charak- teristisches Verhalten dieser Harze, sowie wahrscheinlich aller sog. Terpenharze überhaupt, daß sie bei der Reduktion Kohlenwasserstoffe der Naphtalinreihe liefern. Unter Zuhilfenahme anderer Reduktionsmittel wurden interessante Abbauprodukte erhalten. So gelang es Liebermann^) durch Einwir- kung von Jodwasserstoffsäure und roten Phosphor auf Pimarsäure und Abietinsäure einen zur Terpenreihe gehörenden Kohlenwasserstoff (viel- 1) Tschirch, 1. c, p. '1066. 2) Ciamician, Berliner Bericlite 11 (1878), p. 269 und 1344; 12 (1879), p. 1638. Monatshefte für Chemie 1 (1880), p. 193. 3) Bötsch, Monatshefte für Chemie 1 (1880), p. 609 und 615. 4) A. Baeyer, Liebigs Annalen 149 (1866), p. 2'JÖ. 5) Lieberznann, Berhner Berichte 17 (1884), p. 1884. 188 Zweiter Abschnitt. Harze. leicht 0201134) zu erhalten. Durch Anwendung der genannten Methode auf Koniferenharzsäuren konnte Halleri) ein Terpen von der Zusammen- setzung CioHjfi und Vesterberg2j bei Pimarsäure Kolophendihydrür C2oH:,4 (zuerst entsteht Kolophen C20H32) isolieren. Trockene Destillation. Sehr häufig wurde auch die pyrogene Spaltung der Harze ausgeführt, um aus den Zersetzungsprodukten einen Rückschluß auf vorhanden gewesene, sonst schwer zugängliche, mas- kierte Bestandteile zu machen. Auch können die erhaltenen Destillations- produkte in manchen Fällen dazu dienen, den ursprünglichen Körper synthetisch aufzubauen. So hat z. B. Do ebner 3) versucht, aus den Spaltungsprodukten der Bestandteile des Guajakharzes die dieses Harz konstituierenden Harz- säuren synthetisch aufzubauen, und gelangte auch zu Substanzen, welche Ähnlichkeit mit den natürlichen in dem Rohharz vorhandenen hatten. Es sei hier nochmals auf ein Destiilationsprodukt von Koniferen- harzsäuren — das Reten — verwiesen, dessen genaue Kenntnis die Ver- anlassung zur Aufstellung einer Konstitutionsformel für die Abietin- säure gab. Eine Desoxydation der Harze zu Terpenen ist noch nirgends be- obachtet worden; wohl aber zerfallen Harze bei der trockenen Destil- lation in ähnliche Kohlenwasserstoffe, wie die sind, aus denen sie ent- standen. So hat Friedburg die wichtige Beobachtung gemacht, daß bei der trockenen Destillation von Kopal ein Kohlenwasserstoff entsteht, den er als Limonen ansah. Nach den Untersuchungen von Wallach und Rheindorff'i) ist der gefundene Kohlenwasserstoff mit Pinen CjoH^e identisch. Auch Dipenten Cn^jg ließ sich in einer Fraktion des De- stillationsproduktes nachweisen. Hartes Elemiharz gibt beim Erhitzen Rechtsphellandren CjoHifj und Kolophonium Pinen und Dipenten. Die Resultate^) der von Hlasiwetz, Tschirch und seinen Schülern, sowie von anderen Forschern ausgeführten Untersuchungen über die Zusammensetzung 1) Haller, Berliner Berichte 18 (1885), p. 2165. 21 Vesterberg, Berliner Berichte 19 '1886), p. 2167. 3) Doebner, Arcliiv d. Pharm. 234 (1896), p. 610. 4) Wallach und Rheindorff, Liebigs Annalen 271 (1892;, p. 308. 5) Die im allgemeinen Teile niclit angefülirle Literatur wird bei der speziellen Besprechung der einzelnen Harze berüclisichtigt werden, ebenso wird dort auch die prozenlische Zusammensetzung der Harze mitgeteilt werden. 6) In der Übersicht ist die Zusammensetzung des reinen Harzes gewölinhch durch gesperrte Schrift angedeutet. Zweiter Abschnitt. Harze. 189 Giimmigutt^'-'^''*''^). (Gruppe F: Chromoresine oder Farbharze.) Enthält: I. Harz (Chromoresin), II. a-Garzinolsäure C23H2SO6; j3-Garzinolsäure C-j^U^o^c] ---Garzinolsäure C23H2SO5 , III, Gummi. Gummigutt gibt mit KaU geschmolzen •>): 1. Essigsäure GH3COOH, 2. n-Buttersäure GH3(CH2)2— COOK, 3. Baldriansäure CgHioOo, 4. Brenzweinsäure CH3 • GH — CÖOH I GH2— COOK, 5. Uvitinsäure GH3(5)C6H3('l : 3)(C00H;2, 6. Phenylessig-o-karbonsäure (Isuvitinsäure) COOHiSjCßHjCHaGOOri, 7. Phlorogluzin C6H3['1 ,3,5](OH)3. Asa foetida^-s-'J). (Gruppe A: Resinotannol- oder Tannolharze.) Enthält: I. Freie FerulasäureCeHg 0II)(0CH3)C[i=GH— COOH;l :2:4), II. Vanillin C^Hg 0H)(0CH3;GH0(1 :2: 4), III. In Äther vmlüsliches Harz (Asaresinotannol)^^) C24H33O4 • OH, IV. I n Äther lösliches Harz, As aresin oder Ferula- säure-Asaresin t ann les t e r C6H3(OH)(OCH3)CH=CII — CO • 0-C24H3304^1::2:4), V. Gummi, VI. Ätherisches Öl. 1) Tassinari, Berliner Ber. 29 (1896), p. 1H2; Ref. 2) Hlasiwetz und Barth, Liebigs Annalen 138 (1866), p. 68. 3) Dissertation Lewinthal über das Gummigutt. Bern 1900. 4) Tschirch, 1. c, p. 833 und 843. 5) Abderhalden, Biochemisches Handlexikon, VH, 2 (1912), p. 704. (Artikel »Harze«, bearbeitet von K. Dieterich.) 6) Tschirch, 1. c, p. 843. 7) Tschirch und Poläsek, Archiv d. Pharm. 235 (1897), p. 125. 8) Tschirch, 1. c, p. 360. 9) Abderhalden, Biochemisches Handlexikon, VH, 2 (1912), p. 687. 10) Abderhalden, 1. c, p. 731. (Artikel »Harzalkohole«, bearbeitet von L. Pincussohn.) 190 Zweiter Abschnitt. Harze. IV. gibt bei der Verseifung: 1. Ferulasäure, 2. Asaresinotannol. Asa foetida gibt mit Kali geschmolzen'): Resorzin C6H4iOH).^(l :3), Protokatechusäure C6H3(OH)2GOOH(l :2:4]. Ätherisches Öl (Asantül)^) enthält: Pinen CioHje, Disulfide . Kadinen C15H24 S-freier Körper (CioHißOjn C7H14S2 C11H20S2 C8H16O2 C10H18S2. Galhaniinv^-'''^'^). (Gruppe A: Resinotannol- oder Tannolharze.) Enthält: .CH=CH(1) I. Freies und gebundenes Umbelliferon (4)(OH)C6H3/ | \0 C0(2), II. Galbaresinotannol C]8H29- O^OII, III. Umbelliferon-Galbaresinotannoläther .CH=CH C18H29O2 — — Ce^sx I \0 CO, IV. Gummi, V. Ätherisches Öl. III. gibt bei der Verseifung (Schwefelsäure): 1. Umbelliferon, 2. Galbaresinotannol. Galbanum gibt mit Kali geschmolzen^): 1, Fettsäuren, 2. Resorzin C6ll4(OH)2(1 : 3). ]] Illasiwctz und Barth, Liebigs Annalen 138 (1866), p. 63. 2) Semmler, Archiv d. Pharm. 229 (1891), p. i; Abderhalden, 1. c, p. 644, (Artikel »Ätherische Öle«, bearbeitet von R. Leimbach.) 3) Tscliircii und Conrady, Archiv d. Pharm. 232(1894), p. 98; Tschirch und Küglenstjcrna, Archiv d. Pharm. 242 (1904), p. 533. 4) Tschirch, 1. c, p. 346. 5) Abderhalden, 1. c, p. 702 und 735. 6) Auf die von Ilirschsohn gefundene Galbanumsäure wird bei der speziellen Besprechung der Harze eingegangen werden. 7) Hlasiwetz und Barth, Liebigs Annalen 130 (1864), p. 354. Zweiter Abschnitt. Harze. 191 Galbanum gibt trocken destilliert: 1. blaues Öl, 2. Umbelliferon. Galbanum gibt mit Salpetersäure oxydiert'): 1. Styphninsäure (Trinitroresorzin) (2, 4, ejlNOoJaCeHlOHjjll : 3), 2. Gemisch von Kampfer- und Kampforonsäure Galbaresinotannol gibt bei der Oxydation mit Salpetersäure:, 1. Kampfersäure GHj— GH— COOK I G{GH3)2 GH2— G(GH3)— GOOH, 2. Kampforonsäure (CHgJsG GlGH^)— CHj I I I GOOH COOH GOOH. Ätherisches Öl (Galbanumöl)^) enthält: \. S-Pinen CjoHie, 2. Kadinen C,5H,4. Ammoiiiacum^'-^.s). (Gruppe A: Resinolannol- oder Tannolharze.) Enthält: L Freie und gebundene Salizylsäure C6H4(OH)GOOH(l :2), II. (Harz) Salizylsäure-Ammoresinotannolester C6H4(OH)COOQ8H2902, III. Gummi, IV. Ätherisches Öl. II. gibt verseift: 1. Salizylsäure, mit geringen Mengen von Buttersäure und Baldrian^- säure, 2. Ammoresinotannol C18H29O2OH. 1) Schwanert, Liebigs Annalen 128 (1863), p. -12-2. 2) Brühl, Bcrhner Berichte 21 (1888), p. 104. — Wallach, Liebigs Annalen 238 (1887), p. 81. — Gildemeister und Iloffmann, Die ätherischen Öle (1899,. p. 753. — Abderhalden, 1. c, p. 644. 3) Tschirch und Luz, Archiv d. Pharm. 233 (1895), p. 340. 4) Tschirch, 1. c, p. 339. 5) Abderhalden, p. 645, 686 und 727. 192 Zweiter Abschnitt. Harze. Ammoniacum gibt mit Kali geschmolzen i): 1, Fettsäuren, 2. Resorzin. Ammoniacum gibt mit Salpetersäure oxydiert: 1. Styphninsäure C6H(OH}-2(N02)3, 2. Kampfersäure, 3. Kampforonsäure. Terpentine, Ficlitenliarze-^' Bordeauxterpentin 6) Pimarinsäure C14H02O0 Pimarsäure C20H30O0 Japanisclier Terpentin Japopininsäure C14H00O0 Japopinolsäure Ci-HofiOo Juraterpentin') Picea-Pimarinsäure C13H20O2 Picea-Pimarsäure C20H30O0 Lärchenterpenlin 8) (venetiani- Larizinolsäure Cj.jHosOo, 4 bis a-Larinolsäure CjsHcoOo scher Terpentin) 5 Proz. Nordamerikanischer Terpentin 9) a-Palabietinolsäure C10H24O0 ß-Palabiotinolsäure C10H24O2 Österreichischer Terpentin lO) Larikopininsäure CojHßoOs Larikopinonsäure C20H0SO4 (Scharrharz) Terpentin und Harz von Pi- Halepopininsäure C14II00O0 Halepopinoisäure CnHopOo nus halepensisii) (aleppische resp. C21H30O3 resp. C,6H240o Kiefer) Straßburger Terpentin 12) Abieninsäure C13H00O0 Abietolsäure CooHogOo Kanadabalsanii3) Kanadinsäure CooHssOi, 1 3 bis Kanadolsäure C20H30O0, U Proz. 0,3 Proz. Rcsina pini^) von Pinus sil- Silveolsäure C14H00O0 a-Silvinolsäure CisHorOo, vestris 58—60 Proz. Siebenbürgische Resina pinii^) Picipimarsäure CioHoqOo Piceapimarsäure C20H30O2 Amerilvanisches Kolophonium lö) a-Abietinsüure CioHoqOo I'^-Abietinsäure C19FI08O2 1) Hlasiwetz und Barth, Liebigs Annalen 130 (1864), p. 354. Das bei der Kalischmelze des Rohharzes erhaltene Resorzin entstammt dem Ammoresinotannol (Tschirch, 1. c, p. 343). 2) Ciamician, Berliner Berichte 12 (1879) p. 1638. 3) Abderhalden, 1. c, Kapitel »Harze«, bearbeitet von K. Dieterich, VII. Bd,, 2. Hälfte, p. 691, 716, 721—723. 4) Abderhalden, 1. c, Kapitel »Harzsäuren«, bearbeitet von M. Böhm und A. Thiele, p. 747—776. 5) Tschirch, 1. c, p. 548, 595, 598, 614, 56ä, 580, 386, 537, 342, 389, 603 und 648. 6) Tschirch und Brüning, Archiv d. Pharm. 23S (1900), p. 630. Zweiter Abschnitt. Harze. 193 Ammoniacum gibt bei der Zinkstaubdestillation 2): 1. Kohlenwasserstoff C13H20, 2. m- und p-Xylol C6H4(GH3)2, /C2H5 3. m-Athyltoluol C6H4/ ^GH3, 4. o-Äthylphenylmethyläther C2H5C6H4— 0— CH3. (Gruppe G: Resinosäureharze.) Enthaltend: Produkte bei Kesene Bitterstoffe Ätherisclies Öl der trockenen Destillation a- und ß-Pimarolsäure CisHoßOo, j Bordoresen 5-6Proz. Bitterstoff 28—29 Proz. 48—50 Proz. | Japopinitolsänre Ci4HooO> Resen 2 Proz. — 10 Proz. a- und ß-Pimarolsäure C25H44O0 luroresen CoiHsgO Bitterstoff 32—33 Proz. 3-Larinolsäure CisHogOo Resen Bitterstoff 15—16 Proz, Paloresen 1 Proz. Bitterstoff 20—22 Proz. Reten CigHig — Larikopinoresen 2 Proz. Bitterstoff 35 Proz. Reten CjsHis